Charaktere und Schicksale

Chapter 8

Chapter 83,672 wordsPublic domain

„Du, der entsetzlich nüchterne Verstandesmensch, legst auf Dinge solchen Wert, erörterst gar deren Wert in solcher Weise! Du, für den Erwerb, Geld, Lebenszweck ist! Ich denke, der Adel soll bestehen in der Tadellosigkeit unserer Lebensführung, in vornehmer Gesinnung und Handlungsweise! Mein Bürgerstolz lehnt sich dagegen auf, um des erkauften Titels oder Ranges willen mit anderen Augen in der Gesellschaft angesehen zu werden.“

„Ja, ja, du kommst immer mit deiner Kinderstubenmoral und Tugendsamkeit, meine Beste. Das kennt man! Aber mit ihnen wird man höchstens eine kleine Kompastorin auf dem Lande.

„Uebrigens kamen wir von Ileisa ab! Giebt's sonst noch etwas?“

Margarete schüttelte erst den Kopf, dann sagte sie spöttisch:

„Ja, eines giebt es noch, und das wird wenigstens auch in deinen Augen ein sehr starker Mangel sein! Dieses einzige ist: du imponierst ihr gar nicht! Nachdem offenbar sogar ein Herr von Klamm ihr den Hof gemacht — so stark den Hof gemacht, daß er sie heiraten wollte, — versinkt deine Herrlichkeit in nichts!“

„Wie? Herr von Klamm hat sich um sie bemüht?“ fiel Arthur, die starke Enttäuschung, die Margarete ihm bereitet hatte, vorläufig unterdrückend, ein.

„Das ist ja etwas ganz Neues! Das habe ich ja gar nicht erfahren! Woher weißt du's? Hat sie es dir gesagt?“

„Gesagt? Nein, Liebster! Dazu ist sie zu diskret und zartfühlend. Sie wußte ja, daß er mir durchaus nicht gleichgültig war. — Aber ich habe sie im Traume sprechen hören. Es geschah bald, nachdem uns Klamm verlassen hatte. Sie schläft doch neben mir. Die Thür stand an dem Abend offen. Plötzlich hub sie an, seinen Namen zu rufen und sich sehr schwärmerisch auszudrücken.

„Und überdies hat mir Onkel Theodor erzählt, daß sie ein gewisser Numick im Tiergarten mit ihm hat promenieren sehen.

„Es mag Zufall gewesen sein. Aber es ist sehr verdächtig, daß sie mir niemals etwas davon erzählt hat.“ —

„Hm — hm — so — so! Darüber möchte ich wohl etwas Sicheres erfahren? Und namentlich möchte ich wissen, weshalb denn nichts aus der Partie geworden ist?“

Margarete zog die Schultern und holte unwillkürlich Atem, wie jemand, der sich so besser einer Starken Bedrückung entledigt.

Dann sagte sie:

„Ist überhaupt Herr von Klamm zu ergründen? Bei uns eifrig, ja unermüdlich! Ein Adliger aus vornehmer Familie! Ein Mann, mit dem Drang nach Einfachheit, Solidität, bürgerlicher Thätigkeit, nach Erwerb und Erfolg. Und gleichzeitig versteckt, unzuverlässig, unwahr! Der Frau von Krätz, die er nun geheiratet hat, soll er kurz vor der allgemein erwarteten Verlobung plötzlich abgeschrieben haben. Dann hatte er sich — es scheint sicher — an ein anderes armes, junges Mädchen in Dresden gebunden. Die ließ er aber auch, — — und wiederum — nachdem ihn die Not trieb — suchte er die Millionärin auf. Wenn nun noch hinzutritt, daß er Ileisa den Kopf verdreht hat, so steht man ja vor einem Rätsel, es sei denn, daß er eben doch ein Abenteurer ist, daß er hier nur so arbeitete und täuschte, weil er sich mit den geheimen Absichten trug, Papas Kompagnon zu werden, oder ihm das Geschäftliche für damalige eigene Zwecke abzulauschen. Diese Thatsachen haben denn auch, wenn meine Sympathien für ihn nicht abgeschwächt, doch meine Neigung für ihn zum Erlöschen gebracht.“

Arthur hatte nicht ohne Spannung zugehört. Nachdem seine Schwester aber ihre Rede beendet, sagte er mit einer an ihm sonst nicht hervortretenden Lebhaftigkeit:

„Ich muß ihn kennen lernen! Ich möchte mir selbst ein Urteil bilden, möchte der Wahrheit oder den Ursachen seiner Handlungsweise nachspüren. Und Ileisa von Oderbruch — !? Hm — was du sagst — Uebrigens — da fällt mir ein — sie hat ja noch eine Tante. Die wollen wir doch bald einmal einladen.

„Ich möchte sie näher kennen lernen —“

„Mir will wirklich scheinen, daß du für unsere Hausgenossin ein nicht gewöhnliches Interesse hast, Arthur!“ fiel Margarete ein. „Aber ich wiederhole dir: Bei der, grade bei der wirst du kein Glück haben!“

„Na, ich werde dir das Gegenteil beweisen,“ stieß Arthur Knoop heraus, zog sein Etui hervor, entzündete eine Cigarette und blies die Rauchwolken nach der Art stark Erregter aus dem Munde.

Grade waren sie jetzt eben an dem Knoopschen Hause angelangt. Nachdem Arthur seiner Schwester die Thür geöffnet und sich noch versichert hatte, daß das ihrer wartende Mädchen zur Stelle war, nahm er den Weg zurück. Er wollte noch in den Klub und dort einige Nachtstunden verbringen. —

* * * * *

In einem alten Berliner Hause in der Kronenstraße, drei Treppen hoch, zog einige Tage später, um die Zeit zwischen Mittag und Spätnachmittag Ileisa von Oderbruch an der nach früherer Sitte durch eine Messingstange in Bewegung zu setzenden Klingel. Sie wollte ihre Tante, die dort ihre Zimmer besaß, besuchen, wollte endlich einmal wieder nach längerer Zeit dieser einzigen Verwandten, die sie noch auf der Welt hatte, Liebesbeweise an den Tag legen.

Es währte eine Weile, bevor ihr geöffnet wurde. Auch kläffte ein Köter mit den bekannten heiseren Kehllauten, die diesen Vierfüßlern eigen sind.

Als endlich die Thür aufgeklinkt wurde, geschah's nur spaltenweit. Hinter der noch nicht abgehakten Sicherheitskette fragte die Bewohnerin mit einer mürrisch mißtrauischen Stimme, wer da sei, und was man wünsche.

„Ich bin's, ich bin's, liebe Tante,“ betonte Ileisa. Nun flog auch rasch die Thür auf, und unter dem freudenerregten Winseln des Hundes, unter dessen Wedeln und Anspringen, nahmen Tante und Nichte den Weg durch den etwas dunklen Flur ins Wohngemach.

Die alte Dame mit dem kleinen, dürren Körper, den eingefallenen Zügen und den pergamentfarbenen Wangen, legte eine überselige Freude an den Tag, ihre Nichte vor sich zu sehen.

Immer wieder schaute sie ihr ins Angesicht, strich ihr liebevoll die Hände und stellte Fragen.

Und nachdem dieser erste Freudenausbruch vorüber war, begab sie sich zunächst fort, um eine Tasse Thee zu bereiten.

Nachdem sie alles Erforderliche herbeigeholt, und endlich noch aus einem neben dem Ofen stehenden Blechkasten eine Anzahl selbstgebackener Kuchen hervorgeholt, ließ sie nun auch ihrer Zunge über ihre Person und Angelegenheiten freien Lauf.

Zunächst berichtete sie, daß Mopsi — so hieß der Hund — recht ernstlich krank sei, was um so störender gewesen, weil sie selbst wieder an ihrem alten, bösen Husten gelitten, und sich im Bett habe halten müssen. Dann folgten mitleidige Bemerkungen über das Fußleiden der Aufwärterin, die täglich erschien, um die gröbere Arbeit zu verrichten, und nachdem sie dann auch noch allerlei mehr nachsichtige als anklagende Mitteilungen über den Hauswirt und die Mitbewohner gemacht, gelangte sie auf die Verhältnisse der Familie Knoop.

Sie ließ sich besonders von Arthur erzählen. Und Ileisa sprach aus, was zutraf, aber sie verhehlte auch ihrer Tante nicht, daß er ihr wegen seines kräftigen, weltmännischen Auftretens und seiner Abneigung, sich irgendwie in seiner Eigenart zu verdecken, nicht übel gefalle.

„Und wie stellt sich der Sohn zu dir?“ warf die alte Dame hin.

Ileisa berichtete ihrer Tante, was zwischen ihr und Arthur vorgefallen war.

„Hm — gut so — sehr gut, mein Kind. Du bist nun sicher, daß er sich nichts wieder gegen dich erlauben wird! Noch mehr! Ich glaube, nach deiner Schilderung wirst du in seinen Augen nur gewonnen haben.“

„Es scheint so, allerdings, Tante. Ich hatte ein sehr unpersönliches Wesen von ihm erwartet. Statt dessen redete er mich heute morgen in der liebenswürdigsten Weise an. Es geschah sogar das bisher Unerwartete, daß die Familie sich endlich auch deiner einmal erinnert!“

„Siehst du wohl! Siehst du wohl,“ fiel die Alte ein, machte vergnügte Augen, und ließ einen fast triumphierenden Ausdruck in ihren Zügen erscheinen.

Und gleich fügte sie hinzu:

„Ach, mein süßes Kind, wie würde ich mich freuen, wenn du mit der Zeit aus jeder Abhängigkeit herauskämest, wenn du einen braven, gutsituierten Mann fändest. Es ist mein täglicher Gedanke und mein tägliches Gebet.

„Schade, daß dieser Arthur ein solcher Verstandesmensch ist, das wäre sonst ja alles nach Wunsch! Du die Schwiegertochter des Herrn Knoop! Es wäre erreicht, was ich im geheimen gehofft und erwartet habe, als ich dir riet, eine Stellung anzunehmen. — Uebrigens — was macht denn der Herr von Klamm? Für ihn interessierte ich mich immer außerordentlich. Wenn der in guten Verhältnissen gewesen wäre, hätte ich dir gewünscht, daß du seine Frau geworden wärest.“

Statt zu antworten, stellte Ileisa die eben schon erhobene Theetasse wieder auf den Tisch, veränderte ihre Miene und ließ gedankenvoll das Haupt sinken.

„Ja, ja, Tante — wenn er —“

Dabei löste sich gleichsam als Befreiung versteckten Schmerzes ein langer Seufzer aus ihrer Brust.

„Also du interessiertest dich wirklich ernsthafter für ihn? Du liebtest ihn, meine liebe Ileisa? Ja! Ja! Ich hab' mir's gedacht, ohne daß du mir davon gesprochen hast,“ fiel die alte Dame teilnehmend ein.

„Hatte es einen Sinn und Wert, Tante? Er hatte und war nichts — und was da so plötzlich zum Vorschein gelangte und geschah — ließ mich ja zweifeln, ob er überhaupt ein wirklich vertrauenswerter Mann sei —

„Und nun ist ja auch alles aus, und nichts mehr zu ändern.“

„Gewiß, mein Kind, und sollte sich Herr Arthur Knoop für dich entscheiden, prüfe dich zwar erst, aber dann sei nicht spröde, dann sage nicht nein. Ich halte es für möglich, daß du, grade du ihn sanfter, weicher zu machen verstehen wirst. Und wenn dir das gelingt, so hast du ja auch das, was du jetzt noch an ihm entbehrst. Im übrigen, mein Kind. Es ist eine Thorheit, wenn die jungen Mädchen den Veilchen nachahmen, und eher in demutvoller Bescheidenheit verblühen, als die Augen einmal aufschlagen wollen.

„Wie der Mann, so hat auch die Frau die Pflicht und Aufgabe, die sich für ihr Fortkommen bietenden Gelegenheiten wahrzunehmen. Ein Mädchen ist wirklich nicht unweiblich, wenn sie sich vorhält, daß ohne Entgegenkommen überhaupt im Leben kein Bündnis geschlossen wird!

„Gewiß! Sitte und keinerlei Abweichung von der Tugend! Aber den ihr von Gott verliehenen Verband soll jede Kreatur gebrauchen! Kein Mensch zahlt uns Frauen etwas dafür, daß wir aus lauter sittsamer Prüderie alte Jungfern werden. Im Gegenteil: Wenn wir's geworden, verhöhnt man uns noch dazu!“

Die alte Dame sprach's und seufzte auf.

„Allerdings, oft mit bitterem Unrecht,“ fuhr sie fort. „Man kann sein Glück auch aus Pflichtdrang für andere verpassen — wie es mir geschah. — Wie! Was? — Du siehst schon nach der Uhr? Ist's schon so weit, mein süßes Kind? Nein, nein, ich will dich nicht aufhalten —!

„Wart', ich helfe dir — — Still, Mopsi — still — still! — — Wie meinst du? — Gewiß, ich komme gern, und daß sie mich gar in ihrem Wagen nach Hause bringen wollen, ist ja äußerst liebenswürdig!

„Grüße und danke. — Adieu! Adieu! Auf Wiedersehen, mein liebes Kind!“ —

* * * * *

Acht Tage nach dem vordem Geschilderten hatte Arthur vormittags eine sehr wichtige Beratung mit dem Oberfaktor. Verschiedene größere Firmen in Berlin waren von der zuständigen Behörde aufgefordert worden, Offerten einzureichen. Es handelte sich um die für die allgemeine Volkszählung im Deutschen Reich erforderlichen Zählformulare, deren Ausführung einer mindest bietenden Buchdruckerei übertragen werden sollte. Arthur überlegte mit dem Faktor schon seit Stunden. Die Kosten für das Papier und die gesamte übrige Herstellung wurden wiederholt überschlagen, aber auch Erwägungen angestellt, ob das ungeheure Quantum in der vorgeschriebenen Zeit fertig gestellt werden, ob der jedenfalls mit sehr gedrückten Preisen hervortretenden Konkurrenz so begegnet werden könne, daß ein Nutzen überhaupt zu erzielen sei.

Von großem Vorteil würde es sein, wenn in Erfahrung zu bringen wäre, welche Offerten eine andere, im wesentlichen in Betracht kommende Firma, nämlich die Hohensteinsche Buchdruckerei mache. Sie war die einzige, die bezüglich der gesamten Einrichtungen Gleiches und mehr schaffen und zu mäßigen Sätzen herzustellen vermochte, als das Knoopsche Geschäft.

Während sich noch Arthur und der Faktor unterhielten, zwischendurch Anfragen von Eintretenden beantworteten, auch den sich ihnen zugesellenden Herrn Knoop eben mit der Erklärung beruhigt hatten, daß sich selbst bei dem von ihnen erwogenen Minimalpreis noch ein sehr schöner Nutzen herausstellen werde, trat nach dessen Fortgang Theodor Knoop mit sehr beschäftigter Miene ins Kontor.

Arthur streckte ihm mitten im Redefluß, kurz nickend, die Hand entgegen und warf, als Theodor fragte, ob heute morgen etwas zu besorgen sei, erst nachsinnend und dann von einer praktischen Idee erfaßt, in einem belebten Ton hin:

„Hm — ja. Allerdings!“ Dabei gellte er sich gegen das Pult, zog erst noch vorm Weitersprechen das Cigaretten-Etui hervor, entzündete mit gewohnter Schnelligkeit eine Diubek und stieß den Rauch durch die Nase. Dann ergänzte er, während er die Linke in die Beinkleidertasche schob:

„Könntest du vielleicht an den Faktor der Hohensteinschen Buchdruckerei herankommen und ihn ausforschen, welche Offerte — sie für die Zählkarten einreichen! Da wäre was für dich und für andere zu verdienen.“

Erst zog Theodor die Lippen. Gleich darauf aber trat ein cynischer Ausdruck in seine Mienen und er stieß heraus:

„Ah! Du meinst, ich soll ihn —“ Hier machte er eine nicht mißzuverstehende Bewegung mit der Hand und lachte unangenehm anzüglich. Arthur aber ging auf diese Auslegung seiner Worte nicht ein; er ließ vielmehr einen abweisenden Ausdruck in seinen Gesichtszügen erscheinen und sagte:

„Nein, du irrst dich! — Wie sollte ich auf so etwas kommen.

„Weißt du, wir sprechen noch über die Sache, über das Wie. — Wo frühstückst du heute? — Hm — Hm — Ich schlage dir vor, daß wir bei Ewest in der Behrenstraße um ein Uhr ein Steak essen. Ich lade dich ein!“

Und ohne Theodors Antwort abzuwarten, da er dessen Zustimmung immer gewiß war, wenn er ihn zu einer Pikanterie einlud, schloß er:

„Also abgemacht! Ein Uhr, rechts im Zimmer mit der geschnitzten Thür. — Jetzt habe ich hier noch vollauf zu thun.“

Dabei drückte er ihm in jener Art die Hand, durch die man jemanden höflich hinauskomplimentiert.

Nachdem der Onkel gegangen, war Arthur zunächst bemüht, den unvorteilhaften Eindruck dieser Scene bei dem Faktor zu verwischen. Was er gesagt hatte, war ihm in Wirklichkeit im Augenblick so herausgeschlüpft. ‚Dergleichen that man natürlich nicht bei ruhiger Ueberlegung.‘ Er sagte deshalb:

„Gewiß, Karlsen, man hätte es leicht, wenn man etwas von Hohensteins erfahren könnte. Aber natürlich meinte ich nur, daß man dem Faktor vielleicht Fragen stellen könne, aus denen man sich einen Vers zu machen im stande wäre.

„Einen Beamten zu Pflichtvergessenheiten zu verleiten, wie Herr Knoop annahm, kann mir doch nicht beifallen.“

Arthur hatte auch Glück. Karlsen, der Faktor, nahm die Worte, wie sie Arthur verstanden haben wollte.

Und Arthur war dessen sehr froh!

Es kam ihm jetzt auch noch der Gedanke, daß sein eigener Beamter auf die Idee geraten könne ihn an die Hohensteinsche Buchdruckerei für Geld zu verkaufen!!

Er erschrak förmlich! Und er nahm sich vor, Theodor unter allen Umständen von Schritten abzulenken, zu denen er in einer unbesonnenen Anwandlung, in der Sucht, Vorteile zu erringen, den Anlaß gegeben hatte. —

Als Onkel und Neffe zur verabredeten Zeit im Ewestschen Restaurant in dem erwähnten Raum beisammensaßen, einen halben Hummer verzehrten und eine Flasche Bocksbeutel dazu tranken, sagte Theodor, sobald er die Gelegenheit als günstig erachtete, in stark belebtem Tone:

„Weißt du, Arthur, wie ich die Sache mit Hohensteins Faktor machen könnte? Wir wollten ja darüber noch reden! — Ich werde mich an ihn heranmachen und fragen, ob er nicht bei uns ins Geschäft eintreten wolle. Verbessern will sich jeder!

„Wenn ich ihn dann heute abend in den Ratskeller bestelle, und nach einigen Flaschen Wein nach meinem Willen habe, dann gehe ich vor!“

Zunächst entgegnete Arthur mit ungekünstelter Ueberraschung:

„Bei uns eintreten? Ich verstehe nicht! Wir können den Mann doch nicht anstellen?“

„Ach, davon ist ja auch nicht die Rede. Das soll ja nur die Einleitung, das Lockmittel, der Vorwand sein. Nachher kriegt er eben seinen Batzen für seine Dienste. Und — und — wie viel hast du mir denn zugedacht, wenn ich euch die Offerte, die Hohensteins machen, herausbringe.“

Diese letzte Aeußerung ärgerte Arthur ausnehmend. Abgesehen davon, daß die Vorschläge, die sein Onkel machte, ein starkes Oppositionsgefühl in ihm erregten, sah er es als einen Mangel an Delikatesse an, daß Theodor, der inzwischen so viel Gutes von der Familie genossen hatte, gleich seinen Vorteil betonte, schon vorher wissen wollte, was für ihn abfiel.

Er sagte deshalb wiederum in seiner unangenehm kalten Art:

„Du hast mich völlig mißverstanden, wenn du annimmst, daß ich jemals die Hand zu dergleichen Vorgehen bieten könnte. Meine Meinung war, daß man versuchte, etwas auf geschickte Art herauszubringen. Aber so was —“

„Na, du sagtest doch, ich und andere könnten verdienen,“ betonte Theodor brüsk. „Das war doch nicht mißzuverstehen!“

„Du hast es aber doch falsch aufgefaßt! Ich meinte, du solltest etwas davon haben, obschon ich — aufrichtig gesagt — eben nicht angenehm berührt war, daß du das in den Vordergrund stelltest, uns das nicht überlassen wolltest. Und wir würden was davon haben, wenn die Wirkung die wäre, daß wir die Lieferung erhielten.“

„Na, ja — Also — du hast dich besonnen! So drehst du's jetzt! Du willst lieber nichts ausgeben. — Darauf kommt's heraus!“ fiel Theodor — zum erstenmal Arthur in einer solchen abfälligen Weise begegnend, ein.

Einen Augenblick wollte sich Arthur hinreißen lassen, das zu thun, was sich Menschen um so eher aufdrängt, wenn sie sich getroffen fühlen. Dann aber beherrschte er sich doch und entgegnete nur in einem überlegenen Tone:

„Du hast recht: Ich habe mich besonnen, daß ich zu derartigen Mitteln nicht greifen will, besonders und unter keinen Umständen zu solchen, wie du sie zu meinem Erstaunen vorschlägst! Aber im Unrecht bist du, wenn du meinst, die Furcht einer Schmälerung des Verdienstes leite mich.

„Wenn die Firma Knoop so dächte, verehrter Onkel, würde sie mit dir doch keine Pakte geschlossen haben —“

„Was soll das nun wieder?“ fiel Theodor ein. „Ich denke, ihr habt hinreichenden Nutzen aus meiner Thätigkeit, und alte Sachen soll man endlich schon deshalb ruhen lassen, weil jeder seine Rechnung mit sich zu machen hat. Wie ich für euch thätig bin, wollte ich dir grade erzählen. Ich wollte dir mitteilen, wie weit ich im Heroldsamt mit der Nobilitierung deines Vaters gekommen. Aber freilich — bei solcher Art vergeht einem die Lust.

„Du denkst immer, verehrter Neffe, daß dir alles ansteht. Andere denken sehr viel anders darüber.“

„Hm — es mag sein, Onkel! Aber entscheidend ist wohl, ob Defekte im Charakter oder nur unsympathische Eigenschaften der Kritik unterliegen. Daß deine Vergangenheit nicht völlig tadellos ist, kannst du doch nicht leugnen, und wenn du vorschlugst, den Faktor bestechen zu wollen, so ist dies nur ein Beleg, daß du es mit Gewissenssachen nicht sehr ernst nimmst. Ueber dir zu Gericht sitzen — kann mir nicht beifallen, aber wenn du einen solchen Ton gegen mich anschlägst, so sage ich dir meine Meinung.“

„Ja, ja, es ist immer dieselbe Geschichte. Dein Vater und du halten sich für Götter, andere aber gehören in den Hades!“

„Gut, zugegeben, daß wir unsere Schwächen haben! Sie überhaupt zu leugnen — da wir Menschen sind — wäre ja eine Lächerlichkeit,“ entgegnete Arthur mit unheimlicher Ruhe.

„Aber du bietest ja selbst die Hand zu dem Ehrgeiz, den du so herbe verdammst. — Eben hobst du noch hervor, daß du wieder Schritte gethan habest. Ich sollte denken, daß du doch so etwas Schlimmes dann nicht darin erkennen kannst. — Im übrigen! Wohin sollen solche Gespräche führen? Sie können schließlich nur den Ausgang einer völligen Entfremdung zwischen dir und uns haben. Und das kann dir doch am wenigsten wünschenswert sein!

„Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. Lasse also die Dinge ruhen, lasse aber hören, was du aus dem Heroldsamt bringst.“

Nach diesen Worten erhob Arthur das Glas, hielt es seinem Onkel hin, und ließ einen künstlich versöhnlichen Ausdruck in seinem Angesicht erscheinen.

Es wurde Theodor nicht leicht, sich gleich wieder umzustimmen. Er war zu allem, was ihn verächtlich machte, auch noch über die Maßen empfindlich. Er wollte — trotz aller Ueberführung — immer noch ein Opfer der Verhältnisse, und auch zu seiner jetzigen Thätigkeit nur deshalb gedrängt sein, weil er noch unter den Folgen früherer Widerwärtigkeiten litt. Das Wesentliche seiner indessen nun folgenden Mitteilungen ging dahin, daß dem Antrag auf Nobilitierung deshalb an sich näher getreten werden könne, weil es als richtig festgestellt sei, daß die Familie in früheren Jahrhunderten „von Knoop“ gehießen habe. Aber es sei nach den gegebenen Vorschriften erforderlich, pekuniäre Nachweise und Opfer zu bringen, und jedenfalls besser, die Zeit abzuwarten, nachdem sich Herr Knoop als Privatmann vom Geschäft zurückgezogen haben werde.

Einen Gewerbetreibenden mache man zum Kommerzienrat, wenn die Vorbedingungen vorhanden seien, aber eine Nobilitierung sei bei Personen mit offenem Geschäft nicht angebracht.

„Na — und weiter,“ forschte Arthur, nachdem das alles von Theodor erörtert war.

„Ja, sonst nichts! Dein Vater muß nachweisen, daß er standesgemäß leben kann — also etwa eine Million oder mehr besitzt, und er müßte wohl aus dem Geschäft austreten.

„Zudem wird vorausgesetzt, daß er irgend eine Schenkung macht, zum Beispiel an den Deutschen Frauen-Verein vom roten Kreuz oder dergleichen. Ihr würdet gut thun, das Geschäft — ich wollte schon darüber immer einmal mit dir und deinem Vater reden — an eine Aktiengesellschaft zu verkaufen. Dann kann sich dein Vater zurückziehen, und alles ist in Ordnung.“

„Doch nicht! Wo bleibe ich?“ fiel Arthur kritisch ein. „Wenn mein Vater als Geschäftsmann nicht nobilitiert werden kann, so also auch ich nicht! — Und ich will doch eine Thätigkeit behalten, ich will doch noch Geld verdienen —“

„Hm! Weißt du, darüber habe ich auch schon nachgedacht. Du läßt dich zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Aktiengesellschaft machen. Du schwebst sozusagen als Geist über den Wassern. So erreichst auch du deinen Zweck! Sehr häufig fungieren ja Adlige — Grafen und Barone — als Aufsichtsräte. Das hat sich ja eingebürgert und wird nicht moniert! Im Gegenteil!“

Diese Worte gefielen Arthur nicht schlecht.

Er sah sich bereits in seinen jungen Jahren in einer solchen Position. Er war der reiche Privatmann, der sich bei großen Unternehmungen beteiligte, den man auch sonst in Direktionen hineingewählt, der Vertrauensstellungen einnahm, der großes Ansehen genoß und mit verhältnismäßig wenig Arbeit seine Taschen füllte. Der Freiherr Arthur von Knoop — den Freiherrn mußte er erzielen! — war in aller Welt Munde! Ah! Wie das des ehrgeizigen jungen Mannes Inneres entflammte!

Er sagte jedoch, rasch wieder nüchtern geworden, und seinen Zügen einen pessimistischen Ausdruck verleihend:

„Aktiengesellschaft! Aktiengesellschaft! Ja, wenn das so leicht wäre! Gewiß! zu machen ist ja alles! Aber ob man den Preis erhält, den man haben muß!

„Andere Menschen rechnen auch, und erst recht.

„Die ganze Nobilitierungsaffäre scheint mir nicht nur auf sehr schwachen Füßen zu stehen, sondern in dieser Behandlungsart, bei solchen Forderungen, ziemlich aussichtslos.“

„Du irrst wieder einmal gründlich,“ fiel Theodor mit abfälliger Betonung ein. „Die Aktiengesellschaft bringe ich sehr rasch zu stande, und wenn ich gut verdiene, so vorteilhaft, daß ihr mehr als zufrieden seid!

„Und wenn's keine Aktiengesellschaft wird, so weiß ich einen Millionär, der darauf reflektiert. Schließlich kann's euch ja gleich sein — woher ihr euer Geld bekommt — und um so eher begegnest du dem Einwand, daß du eine gewerbliche Thätigkeit als künftiger Freiherr betreibst.“