Charaktere und Schicksale

Chapter 7

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Sie forschte in seinem Angesicht in einem Gemisch von Schmerz und Trauer.

„Ja — und nein,“ entgegnete Klamm, und gab ihr durch Mienen und Betonung zurück, was sie, in solche Frage eingekleidet, aus ihrem tiefsten Innern hervorholte.

„Ich will völlig ehrlich gegen Sie sein, wozu es mich stets drängt, obschon diese Art nicht grade immer weise ist, mir gar oft, meist schädlich war.

„Die Wahrheit darf in unserer Welt einmal nicht nackt gehen, sie muß sich verhüllen!

„Ich wollte vor meiner Erkrankung wieder so rasch wie möglich von Ihnen scheiden. Ich wollte mich vor mir selbst behüten. Der Gedanke, Sie nun doch um das zu bitten, was Sie mir einst gewähren wollten — was sich für uns beide zerschlug — scheiterte an der Ueberlegung, daß es Ihnen einmal nicht gegeben sei, nur für einen zu leben, nur einen zu lieben, in eigentlichem Sinne Treue zu üben, sich in der Ehe wirklich anzupassen.

„Ich hatte Furcht vor der Zukunft, und ich hatte Furcht vor der öffentlichen Meinung, die mir, die uns nachsagen würde: ‚Die Charakterlosen schlagen und vertragen sich!‘ Ich wollte endlich auch das unberechtigte Vorurteil zerstreuen, das die Menge beherrscht: daß ein Mann, und besonders ein Adeliger, mit einer stark wechselnden Vergangenheit, sein ernsthafter, sittlicher, auf seinen Namen und seine Ehre das Allerhöchste haltender Mensch sein könne.

„Nur deutsche Einseitigkeit der Auffassungen weist den Schuster an, Schuster zu bleiben und wenn er auch die Fähigkeit in sich entdeckt, als Schneider weit Besseres zu leisten.

„Erst wenn diejenigen, die sich allmählich zu dem Rechten durcharbeitete und zugleich Großes wurden, gestorben sind, lobt man ihnen nach, daß sie dem Vorurteil zum Trotz, sich nicht begnügten, etwa bloß Spargel zu stechen, sondern etwas Bedeutendes geschafft zu haben. Und dann: Alles wird bei uns klassifiziert, und in dieser Klasse hat der Mensch höhere Rechte oder hat er sich der Ansprüche auf Vorrechte zu begeben.

„Wie kann ein Adliger in eine Buchdruckerei eintreten? Er muß notwendigerweise aus der Art geschlagen sein!

„So ist es mir ergangen! Und wie ist es wirklich? Ich wollte überhaupt nur eine Thätigkeit aufnehmen, eine, die mich fesselte, die mir Erfolg verhieß, die mich aus dem üblichen Nichtsthun gewisser Lebemänner mit adligen Namen befreite! Nun, da ich — durch harte Umstände bedrängt — aus dem Geschäft wieder so bald ausgetreten bin, wird die öffentliche Meinung mir schuld geben. Und wer Schuld trägt, wissen wir beide allein, Frau Adelgunde!

„Wollen wir es nun trotzdem versuchen, dennoch versuchen, ein Bündnis zu schließen? Wollen Sie meine Frau werden? Können Sie dem Vorurteil begegnen, daß ich nicht als der Freiherr von Klamm auftrete, der als Mann einer sehr reichen Frau lediglich die Zeit stiehlt und im Müßiggang lebt, sondern ein Geschäft, ein Gewerbe betreibt, arbeitet, schafft, fördert, maßvoll lebt, den rechten Lebensgewinn in dem Verkehr mit gleichgesinnten, wertvollen Personen erblickt, die denselben Anschauungen huldigen, so überlegen Sie meinen abermaligen Antrag! Aber gönnen Sie mir auch — verzeihen Sie das viele — das Gelöbnis, daß Sie lediglich mein sein und bleiben wollen, daß Sie“ — Klamm sprach's mit einem sanften, gewinnenden Lächeln — „keine anderen Götter haben wollen, neben mir!“

Adelgunde von Krätz nickte nur und sah Klamm mit einem weichen Blick an. Und dann schnellte sie empor, lehnte sich mit leidenschaftlicher Hingabe an ihn und flüsterte:

„Ja, ja, Lieber! Wie du es willst, so soll und wird es sein!“ —

* * * * *

Nach diesen Geschehnissen waren fast anderthalb Jahre verstrichen. Während dieser Zeit hatte sich für Klamm und Adelgunde sehr viel Bedeutsames ereignet. Frau von Klamm litt nach ihrer Krankheit unter einer Lähmung, und aus den Plänen Klamms, sich gleich wieder eine Thätigkeit zu suchen, war nichts geworden. Die Vorbereitungen zur Hochzeit hatten seine Zeit und Sinne in Anspruch genommen, und später, nach ihrer Hochzeit, waren sie, teils um seine Gesundheit noch zu stärken, teils um Adelgundes Vergnügungsdrang Nahrung zu geben, auf Reisen gegangen.

Frau von Krätz war sehr klug vorgegangen. Bald nach ihrer Verlobung hatte sie zu Klamm gesagt:

„Erlaube mir eine Bitte, mein teurer Alfred! Verfüge schon jetzt über meine Kasse und mein Vermögen, als ob sie dir gehören! Es soll dir auch in Zukunft alles mit gehören, was mein ist! Wir werden nicht in getrennter, sondern in Gütergemeinschaft leben! Ich möchte dich auch gleich über meine Verhältnisse unterrichten! Ich besitze das dir bekannte, von mir verpachtete Gut in der Lausitz, ferner das hiesige schuldenfreie Haus, überdies liegen in der Bank Staatspapiere, die mir allein eine Rente von 80000 Mark im Jahr gewähren. Ich habe nur einen entfernteren Verwandten, der Ansprüche an mich erheben könnte, und ich liebe nur einen Menschen auf der Welt aus voller Seele — und dieser Mensch bist du!“ —

Und ein andermal hatte sie bei seinen sich äußernden, auf die Berliner und Dresdner Gesellschaft beziehenden Bedenken hingeworfen:

„Ach, Lieber! Was sorgst du dich, was sie alle meinen, denken und sagen! Wir schlagen sie ja alle aus dem Felde, wenn wir sie besuchen und ihnen erklären: die Irrtümer hätten sich aufgeklärt, und wir hätten uns dennoch gefunden, wie wir es anfangs gewollt.“ —

„Und Knoops und Ileisa von Oderbruch?“ hatte Klamm hingeworfen.

„Ah, bah, mein Freund! Was hast du auf die Rücksichten zu üben! Sie nahmen dich auf, und du warst ihnen überaus nützlich! Dann gaben sie dir den Laufpaß. Also ignoriere sie fortan. Zudem gehören sie ja gar nicht zur Gesellschaft, kommen also nicht in Betracht. Und das kleine Mädchen, das es so geschickt begonnen hatte, dich zu fangen, deren dann folgende Sprödigkeit nur darauf berechnet war, dich nur noch fester zu binden, lasse erst ganz aus dem Spiel!“

Klamm hatte nichts erwidert, aber grade ihre Bemerkungen hatten ihn wenig angemutet.

Adelgunde besitze, — so sagte er sich — nicht die erhabene Seele, nach der er verlangte. Sie war viel zu sehr Aristokratin und zu sehr verwöhnt, um sich in die Lage der bebürdeten Mitmenschen, und in ihre völlig gleichberechtigten Anforderungen an das Dasein, hineinzuversetzen. Sie beurteilte die Dinge nur richtig und immer nur nachsichtig, sofern sie in ihren Ideenkreis paßten.

Jene göttliche, der gesamten Menschheit zugewendete Anteilnahme, jene Beschränkungsfähigkeit, jene echte Weiblichkeit, die er an eine Frau seiner Wahl stellte, besaß sie nicht.

Und im Zusammenhang mit ihren Aeußerungen über Knoops und Ileisa, die zugleich ihre Eifersucht gegen das junge Mädchen bekundeten, stieg in Klamm die Erinnerung auf, was sie ihm aus dieser Eifersucht angethan hatte!

Auf solche „Gedanken“ geriet nicht einmal ein vornehmer Mensch, viel weniger führte er sie aus. Und endlich und zulegt! Das sah er schon jetzt:

Nicht nur keinen Vorschub würde sie seinem Schaffensdrang leisten, vielmehr ihn zu hindern suchen. Er würde — wenn er nicht die erforderliche Energie entwickelte — nun doch der Müßiggang treibende Mann einer reichen Frau werden!

Schon jetzt begriff Klamm nicht, daß er je hatte glauben können, daß sie sich in bürgerliche Verhältnisse würde hineinfinden, daß sie gar die Gattin eines Geschäftsmannes würde sein wollen. Sie konnte dem Auslugen nach vornehmem Verkehr nicht entsagen, ihre Genußsucht, ihren Ehrgeiz nicht einschränken! Sie hatte anfangs zu allem ja gesprochen, aber sie hatte sich gleich dabei selbst zugeflüstert, daß sie es schon verstehen werde, die Dinge nach ihrem Gefallen zu lenken.

Etwas Ausgleich fand Alfred von Klamm in seinem Innern durch das Urteil, das seine Mutter über Adelgunde fällte.

Sie sagte ihm:

„Jeder hat etwas; jeder hat Berge von Fehlern, aber jeder hat Vorzüge, hat Anlagen, die entwickelt werden können. Deine Frau ist ein temperamentvolles Wesen! Sie ist auch gut, weich und lenksam, obschon sie, sobald es sich um ihr Ich handelt, egoistisch zu überlegen, sehr wohl die ihr mitgebrachte, nicht geringe Klugheit zu ihrem Vorteil zu gebrauchen weiß.

„Aber ist das nicht aller Menschen Art, und kannst du sie dir nicht weiter erziehen?“

„Ich würde aber, ich fühle es, Mutter, mit dem kleinen, pflichttreuen Mädchen im Knoopschen Hause trotz aller Entbehrungen weit glücklicher geworden sein. Ich liebe — ich wiederhole es — die ernste Arbeit; verachte die Uebertreibung. Ich besitze keinen Hang zum fortwährenden Vergnügen, zu reinen Aeußerlichkeiten. Ich bin — obschon ein Adliger — durchaus bürgerlich veranlagt; ich verkehre am liebsten mit ganz einfachen Leuten aus dem Volke!“

Zwischendurch war denn doch Klamm wieder dem liebenswürdigen und aufgeweckten Wesen seiner Frau erlegen. Daß ihre Zärtlichkeit, daß ihre reinen und ehrlichen Gefühle mehr in Blicken, mehr in stummer Hingabe befanden, nahm ihn auch für sie ein.

Sie liebte auch Klamm mit der Tiefe, deren sie fähig war, und wollte sich ihm in allem möglichst fügen. Sie wollte nur nichts von seiner bürgerlichen Richtung, nichts von Geschäften bürgerlicher Art wissen! Hofchef, Theater-Intendant, Ceremonienmeister, Oberstallmeister eines Fürsten konnte er werden. Aber Zeitungsunternehmer, Fabrikant, Kontorkaufmann! Dergleichen mußte er sich aus dem Sinn schlagen! Auch, wenn er wieder in die Armee eintreten wollte, hatte sie nichts dagegen. Aber das wies er wiederum schroff zurück. Er wollte keinerlei solche Abhängigkeit.

Endlich konnte er auch Gutsbesitzer werden, ihre, seine Güter selbst bewirtschaften. Das war nach ihrem Sinn. Dann konnte sie im Sommer auf dem Lande, und im Winter in Dresden leben, die Geselligkeit genießen, und die alte Rolle spielen!

Es hatte sich zunächst auch alles gestaltet, wie sie es gewollt. Die Umstände waren ihr zur Hilfe gekommen.

Der Pächter auf ihrem Gute Groß-Loschwitz war unerwartet gestorben. Es bedurfte also einer führenden Hand, und dazu hatte sie ihn zum Schluß zu überreden gewußt.

Nach ihrem Aufenthalt im Süden, an den italienischen Spiel- und Vergnügungsorten, in Paris und Berlin, waren sie nach Dresden zurückgekehrt und rüsteten sich mit dem nun eben begonnenen Frühjahr — es war Mai geworden — nach Groß-Loschwitz überzusiedeln. —

* * * * *

Inzwischen waren die Dinge im Knoopschen Hause in Berlin durch eingetretene Umstände stark beeinflußt worden.

Hier, wie anderswo, hatten Zwang der Umstände, Einflüsse von außen und innen und jene Schwäche, die sich aus natürlicher Rücksicht, weichherzigen Anwandlungen und Nützlichkeits-Erwägungen zusammensetzt, bewirkt, daß derselbe Mann, der von allen Knoops bis dahin verabscheut worden war, den für immer aus ihrer Nähe zu entfernen, ihr fortwährendes Sinnen und Trachten gewesen, nunmehr im Hause wieder verkehrte und als berechtigtes Familienmitglied behandelt wurde.

Wenn man auch nicht unbedingt an seine Besserungsschwüre glaubte, auch seinen auf Entlastung von Schuld berechneten Erklärungen über seine Vergangenheit nur ein halbes Ohr schenkte, so hatten doch seine einschmeichelnden Beteuerungen bewirkt, daß von einer dauernd trennenden Auseinandersetzung nicht mehr die Rede war.

Herr Knoop hatte eine Summe gespendet, die Theodor, wie er selbst erklärte, von Sorgen befreite, aber sich auch dazu verstanden, seinem Bruder eine Thätigkeit im Geschäft anzuweisen.

Er hatte die Aufgabe, der Buchdruckerei und der Leitung Kundschaft zuzuführen und empfing dafür eine feste monatliche Zahlung und überdies eine nicht schlecht bemessene Provision.

Herr Knoop überlegte wohlweislich, daß Theodor seine Pflichten sehr bald vernachlässigen würde, wenn nicht ein Nebenreiz zum Verdienen bestand. So sah er wenigstens die Möglichkeit, daß sich sein Bruder an eine ehrliche Thätigkeit gewöhnte. Wo ihn sein Nachdenken und sein Verstand anders belehrten, da traten die Verwandtschaftsgefühle in ihr Recht, auch entschlug er sich nach verständiger Menschenart dem Grübeln über das, was einst kommen „konnte“.

Erreicht war zunächst, daß das unnatürliche Verhältnis zwischen den Brüdern beseitigt worden war, daß er sich der Gewissensbisse enthoben fühlte, die ihm immer doch geblieben wären, wenn er Theodor in der von ihm beabsichtigten Weise fortgeschafft haben würde, und endlich, daß er sich so am besten vor ferneren Schädigungen des Namens Knoop schützte. —

Das nächste wichtigste Ereignis im Hause war die Rückkehr von Arthur Knoop aus dem Auslande.

An einem Sonntag Morgen holten ihn sein Vater, seine Mutter und Margarete vom Lehrter Bahnhof ab. Sehr verändert sah er aus, als er den Seinigen gegenübertrat, und ganz anders, als sie erwartet hatten, begrüßte er sie.

Er legte das Wesen eines Mannes an den Tag, der es als etwas Kindisches ansieht, Gefühle hervorzukehren.

Er sprach, nachdem er ihnen kaum flüchtig die Hand geboten, wohl aber den mit dem Tragen deines Handgepäcks betrauten Träger deshalb sehr scharf angefahren, weil er bei dem Allzuviel eine lederne Tasche hatte fallen lassen, lediglich von der Zugverspätung. Auch äußerte er gleich beim Verlassen des Perrons, — unliebenswürdig kritisierend — daß die Feder auf Margaretens Hut seinen Beifall nicht habe. Er flocht in recht gemachter Weise englische Laute in seine Reden ein: „No — no — you know — certainly“ und anderes an englischen Einschaltungen ging über seine Lippen. Vor dem Besteigen des Wagens mußte er sich noch eine Cigarette anstecken. Der scharfe Geruch führte für Frau Knoop einen Hustenreiz herbei, und Margarete wehte mit der Hand den Rauch ab.

„Na, seid ihr aber zimperlich,“ entschied Arthur, warf zwar den Rest zum Fenster hinaus, zog aber ein mißfälliges Gesicht und schüttelte den Kopf.

Und was draußen in den Straßen sich darstellte, das unterzog er einer fortwährenden, abfälligen Kritik, verglich es mit England und meinte:

„Die guten Deutschen bleiben ewig in den Kinderschuhen stecken.“

Der Eindruck auf seine Familie war, wenn auch ein vermiedener, bei allen ein unbehaglicher. Bei Frau Knoop siegte zwar die Bewunderung über den Sohn. Arthur besaß das Aeußere und die Manieren eines Mannes von Welt. Sie verglich die Zeit, in der er im Kittel und gelben Riemengurt um den kleinen Leib umhergelaufen war, mit dem heutigen Tage, und fühlte sich gehoben durch ihres Sohnes Bildungs- und Anpassungsfähigkeit. Sie glaubte an seinen Wert, weil sie ihn erhoffte. Sie redete sich ein, daß er sein altes, zutrauliches Kinderherz nur verstecke.

Und Herr Knoop sah in ihm den jedenfalls das Leben kräftig anpackenden Mann, der wußte, was er wollte, der besser fuhr, wenn er sich mit Weichmütigkeit nicht abgab.

Was ihm nicht gefiel, darüber würde er schon mit ihm sprechen. Anders war's mit Margarete. Sie empfand nicht nur eine starke Enttäuschung, sondern sie wurde auch zu einer energischen Abwehr gedrängt.

Das Gefühl für alles Natürliche, Vernünftige und Gerechte, das im Grunde auch ihrer Mutter eigen war, das bei der nur einen Abbruch erlitt, sofern es sich um ihre Kinder handelte, lehnte sich gegen den kaltherzig abbrechenden Ton auf, den sich ihr Bruder erlaubte.

Wenn er ihre Hutfeder getadelt hatte, so ärgerte sie sich über seinen Hang, sich der herrschenden thörichten Mode anzuschließen:

„Warum hast du denn deine Beinkleider unten umgelegt? Es ist ja völlig trockenes Wetter!“ warf sie spöttelnd hin.

Und Arthur antwortete:

„Sprich doch nicht so naives Zeug, Grete! Man sollte glauben, du lebtest in Posemuckel oder in einem anderen Nest —“

„Du irrst, Arthur! Ich weiß sehr wohl, daß zahllose Narren mit aufgekrempelten Beinkleidern umherlaufen, sollte aber meinen, daß sich Menschen mit geläutertem Geschmack nicht zum Diener solcher Abgeschmacktheiten machen.“

„Na ja, na ja, liebes Kind! Du bist die Weisheit in Person,“ warf wiederum Arthur hin, und schon hier im Wagen mußten die Eltern zum Frieden ermahnen. —

Die nächsten Tage nach seiner Ankunft benutzte Arthur Knoop, um sich im Geschäft umzusehen, und dort die alten und neuen Angestellten zu begrüßen.

Ueberall, wo er erschien, begegnete man ihm mit einer ausnehmenden Zuvorkommenheit, ja, nicht selten mit äußerster Unterwürfigkeit. Man sah in ihm den Stellvertreter des Herrn Knoop, den künftigen Chef. Und Arthur, mit der tadellosen Erscheinung, der uninteressierten Miene, den kalten Augen und dem nach portugiesischer Art zugespitzten Kinnbart, reichte den Herren in den Geschäftsabteilungen entweder herablassend die Hand, oder machte sich, wenn er ein Gespräch anknüpfte, zum Mittelpunkt der Erörterungen.

Niemals fragte er nach den persönlichen Verhältnissen der Mitarbeiter seines Vaters. Den Unterbeamten und Handlangern nickte er überhaupt nur zu, und behielt in den Unterabteilungen der Druckerei, den Setzersälen, den Maschinensälen und Papierlagerräumen, nach englischem Vorbild den schwarzen Cylinderhut auf dem Kopf.

Nur Adolf behandelte er anders, und auch Theodor, sein Onkel, fand Gnade vor seinen Augen. Theodor wußte ihn zu umschmeicheln, und da es mit vollendeter Meisterschaft geschah, so wußte er Arthur für sich einzunehmen. Arthur fragte, wo sein Onkel abends verkehre, ließ sich erzählen und erklärte, sich ihm häufiger anschließen zu wollen.

Theodor Knoop hatte inzwischen in seiner äußeren Erscheinung sehr gewonnen. Er kleidete sich einfach dunkel, mit großem Geschmack. Er hatte den roten Bart abgeschnitten, die Haarfrisur vorteilhaft verändert und glich nunmehr einem, den vornehmen Kreisen angehörenden Flaneur der Großstadtwelt.

Dieses Wertlegen auf eine ausgewählte Kleidung gefiel Arthur ausnehmend, er zog daraus sogar Schlüsse auf die Würdigkeit seines Onkels. Die Vorurteile, die ihm durch den Inhalt der Briefe von Hause über Theodor geworden, schwanden allmählich mehr. Da Theodor es auch bei gelegentlichen Gesprächen über seine Vergangenheit mit gewohnter großer Klugheit verstand, sich lediglich als Opfer ganz besonders widriger Verhältnisse darzustellen, befestigte er sein Ansehen in den Augen seines Neffen wenigstens gegenwärtig durchaus.

In einer Unterredung mit seinem Vater hatte Arthur die Absicht kund gegeben, die Thätigkeit von Klamm, von dem er sich immer und immer wieder erzählen ließ, der ihm wegen seiner jetzigen Vermögenslage außerordentlich imponierte, aufzunehmen.

Allerdings machte er auch gleich bestimmte Einschränkungen, indem er erklärte, daß er stets um sechs Uhr frei über seine Zeit verfügen und sich überhaupt nicht gleich einem Angestellten binden wolle.

Er huldigte dem Sport nach allen Richtungen, und übte alle Passionen, die zu pflegen in England zum guten Ton gehörten.

Namentlich verstand er es auch, die vorhandenen Kräfte auszunutzen, die Angestellten in jener fortwährenden Spannung zu erhalten, die in ihnen die Befürchtung wach erhielt, daß sie bei irgend einer Unterlassung oder geringerem Eifer ihrer Stellung verlustig gehen könnten. Die Personen waren eben nur für seine Zwecke da, und Geschäft war lediglich Geschäft. Da gab's keine Artigkeiten, keine Rücksichten, sondern nur Dienstbarkeit und Arbeit, wofür bezahlt wurde. Wo die Familie verkehrte, machte er alsbald Besuche, und dem Kutschbock-Diener, der für ihn die Karten abwarf, mußte eine neue Livree angeschafft werden.

Auch ließ er sich in verschiedenen Sportklubs, und namentlich auch in dem so genannten Millionenklub aufnehmen. Er trat auf als der Sohn des Großkaufmanns, des Millionärs.

Und infolge seines Auftretens und seiner Erfolge verwandelte sich auch das anfängliche Unbehagen seiner Eltern bald in ein Gefühl, daß ihn das doch alles gut kleide. Stolz erfüllte ihr Inneres. Die alte Schwäche der Nachsicht des Herrn Knoop gegen seine Familienangehörigen trat in Kraft. Nur Margarete verhielt sich nach wie vor ablehnend gegen seine kalte Art, gegen sein Besserwissen, gegen seinen Egoismus und seine Ueberhebung.

So hörte sie auch mit allergrößtem Mißfallen einem Abendgespräch zu, in dem Arthur bei Erwähnung der Kommerzienrat-Aussicht des Herrn Knoop geringschätzig hinwarf:

„Ach! Das ist ja gar nichts, Vater. Kommerzienrat kann jeder werden, und wenn du es sein wirst, so meinst nur du allein, daß du etwas erreicht hast.

„Du mußt den erblichen Adel erstreben! Das ist etwas für dich und für uns! Und das werde ich einleiten, und in dieser Richtung soll Theodor helfen. Unsere Vorfahren waren ja adlige Dithmarscher Ritter. Daran wollen wir anknüpfen, und wenn du dafür Opfer bringen mußt, du hast ja die Mittel!“

Herrn Knoop gefiel diese Rede ausnehmend. Er, der Sohn eines einfachen Mühlenbesitzers, sollte den erblichen Adel erhalten! Das war Nahrung für seinen Ehrgeiz!

Aber noch eine vernahm, was er sprach, obschon sie dabei saß, als ob sie gar nicht dazu gehöre, ja, als ob sie gar nicht im Zimmer sei: Ileisa!

Und sie dachte, welche geringe Bedeutung und welcher Unwert das war, was man besaß, und welchen ungemessenen Reiz das ausübte, was man nicht hatte.

Sie war eine Baronesse von Oderbruch — und was war sie, und was fing sie damit an? Und diese Leute wollten ihr ehrliches Bürgertum gegen ein „von“ umtauschen und dafür Opfer bringen, deren Inhalt zahllosen unglücklichen Menschen ein glückliches Dasein verschaffen konnte.

Auch ihr gefiel, wie Margarete, manches durchaus nicht an Arthur, aber seine Entschiedenheit, seine Männlichkeit, sein Selbstgefühl flößten ihr einen gewissen Respekt ein.

Sie drängte die Empfindungen für Klamm, die in größter Stärke wieder erwacht waren, nachdem seine Verlobung mit der Witwe in Dresden bekannt geworden, mit aller Kraft zurück. Sie nahm sich vor, Arthur entgegenzukommen ihn zu prüfen, sich allerdings auch nichts zu vergeben. Sie war ihm infolgedessen, als er einmal etwas früher ins Speisegemach getreten war, sie dort allein angetroffen und sie angesprochen hatte, zuvorkommender begegnet, als es sonst in ihrer Art lag.

Aber als er, dadurch kühn gemacht, sich eine Vertraulichkeit gegen sie hatte erlauben wollen, hatte sie mit großer Bestimmtheit im Ton gesagt:

„Sie werden von Ihrem Fräulein Schwester erfahren haben, wer ich bin, Herr Knoop! Ich bitte deshalb, daß Sie mir trotz Ihres Aufenthaltes im Hause, ein Bleiben möglich machen. Ich habe nichts, als mein unbescholtenes Ich! Aber das ist mir so wert, wie irgend jemandem, der sich einer Bedeutung und eines Ansehens in der Welt rühmt.

„Ich rufe den Kavalier in Ihnen an — ich weiß, Sie sind ein Kavalier — und nun — ich bitte — Ihre Eltern und Fräulein Margarete kommen — treten Sie zurück —“

Zwei Tage später, als er abends mit seiner Schwester aus einer Gesellschaft zurückgekehrt war, hatte er die Gelegenheit ergriffen, einmal eingehend über Ileisa zu sprechen. Er fragte sie, was sie nach ihren Beobachtungen von ihr halte.

Und Margarete hatte erwidert:

„Ileisa ist eine vornehme Natur. Ich wüßte nichts an ihr auszusetzen —“

„Aber einen Fehler wird sie doch auch haben,“ fiel der nüchterne Arthur ein.

Margarete dachte nach, dann sagte sie:

„Mutter meint, der Verstand sei doch mehr in ihr ausgebildet, als das Herz.“

„Na, das ist doch erst recht ein Vorzug —“

„Wohlan, wenn du es so betrachtest — und dann — dann —“

„Nun?“

„Sie glaubt, sie sei im Grunde doch ziemlich adelsstolz. Als du neulich von den Plänen gesprochen hättest, die du für Vater hast, habe sich ein verächtlicher Zug um ihre Mundwinkel gelegt. Als ob sie hätte sagen wollen:

„Ihr Bürgerlichen! Ihr bleibt ja doch Grautiere, wenn ihr euch auch mit der Löwenhaut umhüllt.“

„Na, ja,“ fiel Arthur mit kaltem Lachen ein. „Sie hatte ja damit auch nicht so ganz unrecht. Ich meine, — in den Augen derer trifft's zu, die auf ererbten alten Adel zurückblicken. Die Menge beugt dagegen den Rücken. Bei der Masse giebt's Ansehen. Und auf sie kommt es an. Und den Zutritt zu den vornehmen Kreisen eröffnet das ‚von‘, ja, sichert es. Was will man mehr?“

„Unbegreiflich,“ warf Margarete hin.