Charaktere und Schicksale

Chapter 6

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„Auch ist allerlei Auffallendes in diesen Tagen geschehen. Er hat mit seiner Mutter zusammen einen Fremden, der in einem Hotel in der Jägerstraße wohnt, versteckt beobachtet. Dieser Fremde ist, wie ich weiß, weil ich ihn persönlich kenne, der Bruder seines bisherigen Chefs. Was aber die gnädige Frau besonders interessieren wird, ist die Nachricht, daß er offenbar mit der Gesellschafterin im Knoopschen Hause ein Verhältnis angeknüpft hat.

„Ich bin ihm gefolgt, während er mit ihr ein Rendezvous im Tiergarten hatte, und schließe aus diesem Umstand wohl nicht mit Unrecht, daß seine Entlassung damit im Zusammenhange steht.“

„Ah — ah! Das sind ja interessante Neuigkeiten, Herr Numick. — Ich muß Näheres, Ausführlicheres hören,“ fiel Frau von Krätz mit lebhaftem Ausblick ein, nötigte ihren Agenten nunmehr zum Sitzen und ließ sich von ihm erzählen. Und er gab zum Besten, was Wirklichkeit war und was er, um den Wert seiner Dienste zu erhöhen und sich dadurch einen größeren Anspruch auf Belohnung zu sichern, ohne Skrupel aus seiner Phantasie hinzufügte.

„Was Sie ferner thun sollen?“ bemerkte dann am Schluß seines Berichtes die Dame.

„Sie sollen mir melden, was Herr von Klamm Neues beginnt oder einleitet, welchen Verkehr er fürder pflegt, besonders aber, ob sich Ihr Verdacht bestätigt, daß er mit dem Fräulein eine ernstliche Beziehung angeknüpft hat.“

Der Ehrenmann verbeugte sich ehrerbietigst. Dann sagte er:

„Und sollen die Briefe wieder abgesandt werden, in denen vor ihm gewarnt wird? Sollen sie denselben Inhalt haben?“

„Nein,“ entgegnete die Dame in einem raschen Ton und ließ einen versöhnlichen Ausdruck in ihren Zügen erscheinen.

„Das will ich überhaupt nicht mehr fortsetzen! Ich bedaure eigentlich sogar, daß es geschehen ist. — Ich bin Ihnen da gefolgt, aber es ist im Grunde nicht mein Geschmack, es ist auch trotz der vorsichtig gehaltenen Fassung sicherlich bei einer Entdeckung keineswegs ohne Gefahr.

„Daß ich diesem Manne eine Strafe für seine Treulosigkeit gegen mich gewünscht habe, ist menschlich, — begreiflich. Er hat mehr als unrecht gegen mich gehandelt. Aber enfin — Was hat mein Vorgehen genützt? Er hat doch seine Zwecke erreicht. Er ist eben einer, dem niemand widersteht. — Nein, nein, das nicht, das will ich unter keinen Umständen fortsetzen! Ich will nur ferner wissen, was er thut und treibt. Hören Sie, Herr Numick?“

Nachdem sie ihn für seine Dienste belohnt, ihm noch etwas hinzugefügt, auf dessen Anwartschaft er in ausführlicher Rede hingewiesen hatte, verließ sie ihn. —

* * * * *

Am Abend eines der nächstfolgenden Tage gab Frau von Krätz ein Fest, einen Maskenball. Alles, was Dresden an bevorzugten Persönlichkeiten besaß, alles, was zur Gesellschaft gehörte, war geladen. Seit einer halben Stunde wogte schon eine buntgekleidete Menschenmenge in den weitläufigen, strahlend erleuchteten Räumen der Villa auf und ab, schwatzte, lachte und trieb jenen lustigen Schabernack, der zu der ausgelassenen Fröhlichkeit einer Karnevalsstimmung gehört. Wundervolle und auch sehr eigenartige, das Auge fesselnde Kostüme waren von den Gästen gewählt.

Da fehlte von bekannten Masken weder ein Pierrot, noch eine Colombine, weder der Tanzbär, noch der Briefträger, weder das Baby, noch die Königin der Nacht.

Aber man sah auch eine besponnene Eau de Cologne-Flasche, die fortwährend ihren duftenden Inhalt spendete, und einen indischen Fürsten, dessen Seidengewand mit Edelsteinen bedeckt war, aus denen fortwährend elektrische Funken sprühten.

Ein Gast trug ein Gewand, das ein Gesicht darstellte, dessen Züge einen unerbittlich kalten Ausdruck besaßen. Auf seinem Rücken war ein Schild befestigt, auf dem geschrieben stand: „Ich bin die öffentliche Meinung.“ Auch erregte eine schlanke Dame Aufsehen, die in weiße Seide gekleidet war und nur ein einziges, großes dunkles Auge, statt deren zwei, und zwar mitten auf der Stirn hatte.

Sie erklärte, daß sie der letzte Nachkomme des Riesen Polyphem sei, mit dem einst Ulysses ein Tänzchen habe bestehen müssen.

Und so fort. Immer war etwas Neues zu sehen. Die Geladenen hatten es an Anstrengungen ihrer Phantasie und an kräftigen Griffen in ihre Geldbörsen nicht fehlen lassen.

Die Wirtin, Frau von Krätz, hatte beim Empfang der Gäste keine Maske vorgesteckt, es hing ihr jedoch eine, sichtbar und erkennbar, am Gürtel. Nicht aber mit dieser bedeckte sie — zur besseren Täuschung der sie Ansprechenden — später ihr Angesicht, sondern mit einer anderen, zarten. Auch das Gewand hatte sie rasch in ihrem Ankleidegemach abgestreift und war in ein für diesen Abend nach ihren Ideen angefertigtes Kostüm geschlüpft.

Sie stellte eine Undine dar. Grünes Schilf hing in ihrem Haar. Ihren Leib umspannte ein silberner Gürtel. Silberne Schuhe bedeckten ihre Füße, die Augen in der für die Blicke freien, weißseidenen Maske blickten träumerisch, und mit einem, wie von Mondesglanz durchleuchteten Schilfwedel berührte sie die sich ihr Nahenden und bat sie, sie einmal in ihrem Geisterreich am Undinensee zu besuchen.

„Und wo ist der?“ fragte eine dunkelschwarze Gestalt mit verhülltem Haupt und fast verhülltem Angesicht.

„Wo? Wenn du fragst, bist du nicht berufen, in meinem Reiche zu erscheinen. Das muß dir dein Herz, dein Verlangen, deine Sehnsucht selbst beantworten!“

„Ich hatte dieses Verlangen, diese Sehnsucht! Aber ich ward betrogen! Das Reich der Schönheit fand ich, der klugen Kunst, aber nicht das Reich der Wahrheit. Als ich es einst betrat — fand ich keine engelhafte Undine, vielmehr eine launenhafte, von Eindrücken abhängige, in der Liebe Unbeständige, ja, der echten Treue Entbehrende und des Besitzes Unwerte —“

„So wähltest du den unrechten Pfad, einen, der nicht zu mir führt. Dann wärest du bei einer meiner Schwestern, deren ich viele besitze, die aber nicht zu den reinen Geistern gehören! — Komm zu mir und du wirst erfahren, was eine echte Undine für Schätze zu bieten hat.“ —

Sie nickte und war verschwunden. Er aber folgte ihr durch das Gewühl der Masken, und nachdem er sich in einer versteckten Ecke rasch und geschickt ein Brustschild vorgesteckt hatte, auf dem sich ein Totenkopf und die Worte: „Mitglied der heiligen Inquisition“ befanden, wußte er ihr abermals am Eingang des in der Villa befindlichen Wintergartens zu begegnen. Und nachdem er sie angehalten, sagte er:

„Höre, Undine! Ich bin erschienen, um dich zur Rechenschaft zu ziehen! Du verfolgst durch anonyme, herabsetzende und verdächtigende Briefe einen Ehrenmann, schädigst ihn an seinem Ansehen, seiner Ehre und seinem Fortkommen. Du begehst gemeine, einer edlen Seele unwürdige, verbrecherische Handlungen!

„Herunter mit der Maske der Sanftmut, Tugend und Weiblichkeit! Erkläre, daß du bereust, daß du dein unerhörtes, strafwürdiges Treiben einstellen willst!

„Geschieht es nicht, so ist es mein Wille, hier jetzt laut zu erklären, was du gethan, wer mich hergesandt hat, was meines Amtes ist. Ich werde die Maske abstreifen und dich im Namen des Gesetzes verhaften!

„Nun wähle rasch! Bekennst du, so wirst du mir morgen eine schriftliche Erklärung abzugeben haben, eine, von deren Inhalt dann nichts in die Oeffentlichkeit dringen soll; auch die Strafe wird dir erlassen werden, dir und deinem Helfershelfer — der, nachdem er lange beobachtet und inzwischen überführt wurde, — bereits ein Geständnis abgelegt hat!“

Alles war in raschem Fluß gesprochen und in einem Tone der Entschiedenheit, der Frau von Krätz nicht darüber in Zweifel ließ, daß es sich nicht um einen zufällig auf sie passenden Scherz, sondern um etwas sehr Ernstes, um das wirklich handelte, was ihr schuldbewußtes Inneres belastete.

Völlig entmutigt und geschlagen aber wurde sie, als der Mann, der in der unheimlichen Maske vor ihr stand, die letzten Worte geredet hatte.

Wenn Numick gestanden hatte, half kein Leugnen!

Sie sprach deshalb — rasch entschlossen, jedoch in kluger Berechnung:

„Ob Maskenscherz oder Ernst — ich vermag nicht zu beurteilen, was dich reden läßt, Mitglied der heiligen Vehme!

„Jedenfalls erwarte ich dich morgen mittag zu einer Besprechung in meiner Wohnung. Für jetzt achte das Gastrecht und lasse uns in Frieden ziehen!“

Nach dieser Antwort streckte sie ihm — äußerlich auch jetzt noch mit leichter Unbefangenheit und unter anmutiger Geberde, — die Hand hin und wollte von ihm zurücktreten.

Er aber hielt sie und sprach mit nunmehr unverstellter Stimme:

„Zu Ihnen redete Freiherr, Alfred von Klamm! Er will — eingedenk früherer Beziehungen — Ihrem Wunsch stattgeben. Er wird morgen mittag bei Ihnen erscheinen und die Angelegenheit weiter besprechen!“

„Ah — Klamm — also wirklich — Sie!?“ stieß die Frau in höchstem Erschrecken heraus. Ihre Stimme bebte, auch ihre Gestalt. Sie mußte sich an den Thürpfosten lehnen, um nicht einer Schwäche zu unterliegen. Er aber wußte sie unauffällig zu stützen und flüsterte:

„Ich verlasse jetzt die Villa, damit Sie sich ohne Zwang Ihren Gästen ferner zu widmen vermögen. Im übrigen: Es bleibt bei unserer Abrede! Sie wollen es mir nochmals bestätigen!“

„Ja, auf morgen!“ drang in einem gefügigen Ton an sein Ohr, während er sich nun rasch zurückzog. Grade wälzte sich auch wieder ein Schwarm von Masken heran, der den Wintergarten betreten wollte, aber auch Diener erschienen, die Champagner und andere Getränke darboten. Und sie schob die Maske beiseite, griff nach einem Glase und stürzte den Inhalt hinunter.

Jetzt erst gewann sie wieder die alte Fassung und Sicherheit zurück. —

* * * * *

Mit klopfendem Herzen erwartete Frau von Krätz am folgenden Morgen den Besuch ihres einstigen Anbeters, des Freiherrn von Klamm. Er war während seines früheren Aufenthaltes in Dresden ein täglicher Gast in ihrem Hause gewesen, hatte sich von ihrer Liebenswürdigkeit bestricken lassen und ihr zuletzt einen Antrag gemacht.

Nachdem er aber erfahren und Beweise dafür empfangen hatte, daß sie nach der Zeit noch eine sehr wenig angesehene Persönlichkeit, einen Grafen Dyk, trotz ihrer gegenteiligen Versicherungen in späten Abendstunden bei sich empfangen, sich auch sonst verschiedener, für sie nicht passender Abweichungen schuldig gemacht, hatte er ihr ohne weitere Erklärungen einen Absagebrief geschrieben und auch in der Gesellschaft erklärt, daß er die Beziehungen zu ihr rückgängig gemacht habe.

Auf Nachfragen hatte er erklärt, sie besitze nicht die Eigenschaften, die er bei ihr vorausgesetzt habe. Nachdem wiederum ihr dies bekannt geworden, hatte sie die Schuld auf ihn geladen und ihn des Wortbruchs angeklagt.

Freilich waren ihre erregten Gefühle schon bald wieder einer milderen Auffassung gewichen. Es war nur eine durch ihre leidenschaftliche Liebe zu ihm hervorgerufene Eifersucht geblieben, aber eben die hatte sie verführt, gegen ihn dann in der bekannten Weise vorzugehen. —

Als der Diener ihr das Erscheinen Klamms meldete, befand sie sich in solcher Spannung, daß sie fortwährend die Farbe wechselte. Nur unter Aufbietung aller ihrer Kräfte, vermochte sie ihm mit einem einigermaßen gelassenen Wesen zu begegnen.

Klamm beobachtete, als er ihr gegenübertrat, die Höflichkeit eines Kavaliers, der einer Dame der Gesellschaft zum erstenmal einen formellen Besuch macht. Nachdem er sich vor ihr mit ernster Artigkeit verbeugt hatte, sah er sie mit unpersönlichem Ausdruck an, und sprach zu ihr, die wiederholt zur Dämpfung ihrer Erregung die Hand auf die Brust drückte, in kurzen, scharfabgerissenen Sätzen:

„Wir wollen uns kurz und bündig auseinandersetzen, gnädige Frau. Ich mußte die Verlobung zwischen uns aufheben, weil Sie, gegen Ihre feierliche Ansage, einen zweifelhaften Menschen bei sich empfingen, ja, ihm bis zwei Uhr in der Nacht den Aufenthalt bei Ihnen gestatteten. Ueberdies wurde mir bekannt, daß Sie mir allerlei Beziehungen, die Sie gehabt, verheimlicht hatten. Sie thaten es, obschon ich Sie gebeten, sich rückhaltlos zu äußern, Ihnen bemerkt hatte, daß ich Ihnen nichts nachtragen würde.

„Ich mußte infolgedessen fürchten, mich in unserer Ehe gleichen Abweichungen auszusetzen, und so that ich, was geschehen ist. Ich hob unsere Verlobung auf. Daß es mir nicht leicht wurde, will ich Ihnen bekennen. Ich liebte Sie mit allen zärtlichen Gefühlen eines Mannes.

„Sie haben sich nun dafür in der Ihnen gestern vorgehaltenen Weise gerächt! Sie haben einen Mann, den Sie zu lieben vorgaben, der nur auf Grund Ihrer Handlungen sich so entschließen mußte, derartig verfolgt und verdächtigt, daß er trotz des allerredlichsten Bemühens, heute wiederum vor dem Nichts steht.“

Nach diesen Einleitungsworten schilderte Klamm ihr alle Folgen ihrer Nachstellungen, berichtete ihr über Knoop, sprach von seiner Wirksamkeit und der Lösung seiner Beziehungen. Endlich teilte er ihr auch mit, daß er neuerdings die Berliner Polizei zur Hilfe gerufen, und daß ihm nach Dresden berichtet sei, daß ein gewisser, sehr anrüchiger Numick in ihren Diensten stehe! —

Sie hatte ihn nicht einmal unterbrochen. Als er nun aber geendet, sagte sie weich:

„Und was soll ich zur Sühne thun, Herr von Klamm?“

Nur das sprach sie, und sah ihn mit einem demütigen Blick an.

„Sie müssen das Schriftstück, das ich mitgebracht habe, unterzeichnen. Ueberdies wünsche ich von Ihnen, die Sie eine reiche Frau sind, ein größeres Kapital zur Begründung einer sicheren Existenz. Dieses Kapital werde ich Ihnen verzinsen und nach und nach zurückzahlen. Wohlthaten will ich von Ihnen nicht, ich will aber, daß Sie Ihr Unrecht dadurch gut zu machen suchen, daß Sie mir die Mittel zu meiner Rehabilitierung zur Verfügung stellen.

„Man könnte sagen: es sei den Vorgängen mehr entsprechend, daß ich Sie den Gerichten überlieferte und sie der Verachtung anderer und eigener Verachtung preisgäbe! Aber mir fehlt die Veranlagung zu einem sentimentalen Stolz. Ich habe zu viel gesehen und erfahren, um mich über irgend etwas zu wundern.

„Infolgedessen lehrte mich das Leben, eher zu versuchen, aus dem Ungünstigen das Günstige herauszuziehen, mit redlichen Mitteln, aber ohne Hingabe an eine unnützliche Empfindlichkeit oder ein unfruchtbares Grübeln.

„Ich will schließen, indem ich sage:

„Sie haben in Ihrer Leidenschaft gehandelt. Das mag Sie ein wenig, vielleicht mehr, als sonst eine solche Handlungsweise verurteilt zu werden verdient, entlasten. Ich erwarte nun Ihre Antwort.“

Und Frau von Krätz entgegnete ohne Besinnen:

„Ich bitte, lassen Sie mich das Schriftstück lesen, das ich unterzeichnen soll.“

Er reichte es ihr; es lautete:

„Ich erkläre, daß ich den Freiherrn Alfred von Klamm infolge einer starken Enttäuschung verleumdete. Ich bestätige indessen aus freiem Antriebe, daß ich ihn als einen vollkommenen Kavalier schätzen und lieben lernte, und deshalb mein Vergehen tief bereue.“

Hierauf legte er ein anderes, von ihm entworfenes Aktenstück in ihre Hände, das folgenden Inhalt besaß:

„Ich, der unterzeichnete Freiherr Alfred von Klamm, bekenne, von der verwitweten Baronin Adelgunde von Krätz, geborene Gräfin Dugos in Dresden, die Summe von.... Mark als Darlehn erhalten zu haben und verpflichtet zu sein, dieses Kapital baldmöglichst, jedenfalls in fünfzehn Jahresraten zurückzuzahlen, auch ihr mit Beginn des nächstfolgenden Jahres dafür vier Prozent, in Vierteljahresraten zahlbar, zu vergüten.“

„Und wie viel wünschen Sie, und wann wünschen Sie das Geld zu haben, Alfred? Wollen Sie es nicht ohne Schuldschein von mir annehmen?“ fragte Frau von Krätz, in der Ueberwallung ihrer Gefühle wieder den Ton früherer Zeiten anschlagend. Ein feuchter Schimmer erschien in ihren Augen, auch streckte sie ihm ihre kleine Rechte mit demütig flehendem Ausdruck entgegen.

Klamm aber verneinte stumm.

„Nein, gnädige Frau! Ich nehme von Ihnen nur, was ich nehmen muß, und lediglich um nicht infolge Ihres Vorgehens unterzugehen.

„Ich verspreche Ihnen, daß ich nur bestimmte Personen in das von Ihnen zu unterzeichnende Schriftstück Einsicht nehmen lassen werde.

„Und ferner:

„Ich erbitte das Geld, sobald Sie es flüssig machen können! Und die Summe? Die Summe? Soll das Unternehmen, das ich plane, genügend fundiert werden, brauche ich den Betrag von 100000 Mark!“

„Wohlan! Ich bitte Sie, morgen nachmittag sechs Uhr bei mir zu sein, dann werde ich es Ihnen einhändigen.“ — Und indem sie sich erhob und ihn mit einem liebewarmen Ausdruck anblickte, sagte sie:

„Ich bitte — ich flehe Sie an, vergessen, verzeihen Sie! Sie haben selbst zutreffend die Gründe angeführt, die mich fehlen, straucheln ließen.

„Und nicht wahr? Morgen! Ich gebe Ihnen dann auch die Unterschrift. Und — und Geld! Ich bin ja reich! Ich kann es entbehren. Wollen Sie nicht mehr?“

„Ich danke, gnädige Frau — es genügt.“

Er griff nach seinem Hut und wandte sich von ihr ab.

„Alfred — Alfred!“ stieß die Frau unter schmerzlichem Schluchzen hervor. „Können Sie wirklich so von mir gehen?“

Einen Augenblick kämpfte Klamm. Dann aber sah er sie, statt ihrem Anruf Folge zu leisten, mit fremdem Ausdruck an, verbeugte sich förmlich und mit einer ablehnenden Bewegung und verließ das Zimmer.

Sie aber warf sich, nachdem er gegangen, in die Sofaecke und weinte sich aus. — Es gab für sie nur einen wahrhaft liebewerten Menschen in der Welt. Er war eben gegangen! —

* * * * *

Während Klamm den Weg zu dem Hotel einschlug, in dem er Wohnung genommen, fühlte er sich in seiner Stimmung sehr gehoben. Er hatte durch sein gewagtes, fast ein wenig abenteuerliches, aber wohlüberlegtes Vorgehen alles erreicht, was er nur wünschen konnte.

Bei seinen Erkundigungen nach Frau von Krätz hatte er zufällig erfahren, daß sie im Begriff stehe, einen Maskenball zu geben, und gleich war in ihm der Gedanke aufgestiegen, sich unter dem von ihm gewählten Domino in ihren Räumen einzufinden.

Freilich wirkte auch gegenwärtig noch etwas auf sein Gemüt und seine Sinne, das er nicht im entferntesten vorausgesehen.

Die Frau, die er in jener Zeit leidenschaftlich geliebt hatte, war ihm in einem überaus vorteilhaften Lichte erschienen. Ihre Erscheinung und ihr Wesen hatten wieder so sehr auf ihn gewirkt, und die Art ihrer Buße, ihre Weichheit und das neue Bekenntnis ihrer Liebe ihn von neuem derartig für sie eingenommen, daß er — den das Leben so rücksichtslos mitgenommen, — nicht nur bedauerte, nicht in diesen sicheren Hafen eingelaufen zu sein, sondern weislich überlegte, ob nicht doch ein Bündnis mit ihr möglich sei.

Er streifte dann sogleich alle Sorgen ab, die Sorge für sich und seine Mutter. Aber noch mehr! Er vermochte denen mit der Miene stolzen Selbstgefühls zu begegnen, die sich über ihn zu stellen gewagt hatten, die nichts von dem freieren Sinn besaßen, der ihm selbst innewohnte.

Ileisa konnte keinen gerechten Tadel gegen ihn erheben! Er hatte um sie geworben, und sie war ihm — beeinflußt durch ihre Umgebung — als eine völlig andere, als er sich vorgestellt, als sie sich an jenem Abend gegeben, kühl, ja abweisend begegnet.

Es blieb also nur die Dresdner Gesellschaft, mit der er zu rechnen hatte! Und da stutzte freilich Klamm! Die Winde würden von Berlin nach Dresden tragen, daß etwas dort nicht richtig gewesen sei! Und daß er ein Charakterloser sei, wurde dadurch erhärtet, daß er sich nunmehr wieder mit der vereinigte, die er seinerzeit so geschmäht hatte. Auch schlichen sich, nachdem sich diese Ueberlegungen in ihm festgesetzt hatten, die alten Bedenken in seine Seele, ob er mit Adelgunde von Krätz auf die Dauer glücklich werden würde.

Und das, grade das, erfüllte ihn schon bei dem bloßen Gedanken mit Sorge und Bedenken.

Grade der Lebemann, grade der, sagte er sich, der einen tieferen Einblick in die Gesellschaft gethan, der gesehen hatte, wie äußerlich und grundsatzlos sie durchweg war, schaute in erster Linie nach einem Weibe aus, bei dem er sich vor solchen Gefahren geschützt wußte.

Er wollte sich endlich retten aus dem großen Scheinleben. Er wollte unter allen Umständen ein reines Haus haben und mit all dem Eklen, das auf ihn selbst eingedrungen war während seiner Wanderjahre draußen, abschließen.

* * * * *

Nach diesen Ereignissen waren einige Monate vergangen. Während dieser Zeit hatte der Freiherr Alfred von Klamm, schwer erkrankt, in der Villa der Frau von Krätz in Dresden gelegen.

Er hatte gedacht, das Schicksal aber anders entschieden!

Als er am Mittag des nächsten Tages den Weg zu Frau von Krätz genommen, war ihm schon sehr schlecht gewesen. — Eine eigentümliche Mattigkeit hatte in seinen Gliedern gesessen. Kalter Frost war ihm über den Körper gerieselt, und diesem körperlichen Unbehagen hatte sich auch noch eine starke Gemütsbeschwerung hinzugesellt. Trotzdem war er gegangen! Er wünschte, sobald wie möglich, Dresden wieder zu verlassen; er stand unter der Furcht, daß er hier würde ein Krankenlager aufschlagen müssen.

Auch wollte er Begonnenes zu Ende führen! Darum war er doch eben hergekommen! Aber schon nach der ersten Gesprächseinleitung hatte ihn abermals eine solche Schwäche ergriffen, daß er Frau von Krätz um eine Stärkung hatte bitten müssen. Während sie voll angstvoller Besorgnis davon geeilt, war er Zuständen erlegen, die einen solchen Charakter angenommen, daß sie ihn in der Villa hatte betten lassen müssen.

Und die vorläufige Wiedergewinnung seiner Kräfte hatte er auch nur den verständigen Maßnahmen des Hausarztes der Frau von Krätz zu verdanken. An ein Ausstehen war nicht zu denken gewesen, weil sich, statt Besserung, ein Nervenfieber eingestellt hatte.

Zu diesen ungünstigen Verhältnissen gesellten sich noch andere.

Frau von Klamm — die Frau von Krätz sogleich benachrichtigt, und der sie Wohnung in ihrer Villa angeboten hatte, um bei ihrem Sohn zu sein, — war selbst schwer erkrankt. So blieb der Witwe die Sorge für Klamm allein, so wurde sie seine Pflegerin während der ganzen Zeit seines sich Monate hinziehenden Siechtums.

„Ihnen wird er sein Leben verdanken!“ hatte der Arzt wiederholt gegen die Frau des Hauses, und Gleiches hatte er häufig gegen Klamm geäußert, nachdem er sich wieder erholt, nachdem ihm klar geworden, wie krank er gewesen, wer ihm die Samariterdienste geleistet.

Klamms erstes Wort und erster beredter Blick galten auch ihr, und sie kamen aus einem bewegten Herzen.

Er streckte ihr die Hand entgegen und sagte, weich betonend:

„Wie soll ich Ihnen danken?“

Das zweite Wort galt der Frage seiner Mutter: ob sie ihn auch gepflegt habe, wo sie sei?

Nun mußte Frau von Krätz mit der Wahrheit hervortreten! Sie berichtete, daß Frau von Klamm dem Tode nah' daniedergelegen habe, daß sie sich indessen in der Besserung befinde, daß die Nachricht von seiner fortschreitenden Genesung besonders günstig auf sie gewirkt habe.

Ein Ausdruck glückseliger Befriedigung trat in Klamms Züge. Wiederum drückte er Frau Adelgunde die Hand.

Und so vergingen die Tage, und wieder verliefen zwei Wochen, und dann konnte Klamm zum erstenmal anstehen und ihr, die wie eine Schwester an ihm gehandelt, gegenübersitzen.

Während sie, selbst noch bleich von der Pflege, der Sorge und den Anstrengungen der Nachtwachen, aber mit einer gleichsam vergeistigten Schönheit vor ihm saß, ihre stillen, liebewarmen Augen auf ihn richtete, sagte er:

„Ich habe in diesen Tagen der Ruhe und des Nachdenkens immer wieder darüber nachgedacht, wie sehr ich während meiner ganzen Lebenszeit ohne die Unfälle gerechnet habe.

„Immer, wenn ich eben glaubte, mein Spiel zu gewinnen, die Dinge nach meinem Willen lenken zu können, zog am Himmel eine Wetterwolke auf, entlud sich und zerstörte, was ich geplant oder gar schon aufgebaut hatte.

„Ist immer der Charakter auch des Menschen Schicksal? Ich frage mich, ob ich allezeit die Schuld an den Enttäuschungen trug, die mir geworden sind!?

„Vielleicht! Vielleicht deshalb, weil ich mich niemals begnügen konnte, nur eine Nummer zu sein, weil ich — einmal auf dieser Erde, und mit Kräften und Genußsinn versehen, — auch dem Leben etwas abgewinnen, ja, etwas erreichen, erobern, mein Eigentum nennen wollte.“

„Beziehen sich Ihre ersten Worte auch auf das, was Ihnen hier geschah?“ fiel Frau Adelgunde ein.