Charaktere und Schicksale

Chapter 5

Chapter 53,557 wordsPublic domain

„Es hat sich mir nämlich als unzweifelhaft ergeben, daß Ihr Herr Bruder zu einer Gruppe von Personen gehört, die vor Jahren meine Mutter durch falsche Vorspiegelungen um ihr ganzes Vermögen gebracht haben. Wir haben den Gaunern, die sich falsche Namen beigelegt hatten, bisher nicht auf die Spur kommen können. Nun ist einer entdeckt.

„Meine Mutter hat ihn mir so oft beschrieben, daß ich schon gestern gleich stutzig wurde, als ich ihn sah. Eine Unterredung, die ich heute morgen mit ihr hatte, und der eben stattgehabte abermalige Vergleich erhärten die Gewißheit seiner Identität.

„Wenn ich Ihnen nicht den Eklat ersparen möchte, würde ich sogleich seine Verhaftung veranlagen. Ich sehe davon ab, aber Sie werden begreifen, daß ich mit ihm nicht in Berührung treten will! Es thut mir außerordentlich leid, aber ich kann nicht anders handeln!“

„Hm — hm,“ stieß Herr Knoop enttäuscht und höchst unangenehm berührt, heraus. „Das ist ja sehr fatal!

„Sollten Sie sich aber nicht doch irren! Sollte wirklich mein Bruder Sie geschädigt haben? Sie stehen doch bisher nur unter einer Vermutung. Und ich bitte, noch etwas sagen zu dürfen: Sie erklärten mir doch bei unserer ersten Konferenz damals, daß Ihre Frau Mutter vermögend sei. Wie habe ich es zu verstehen, daß nun mein Bruder sie um ihr ganzes Vermögen gebracht haben soll?“

Klamm fühlte sich stark betroffen. Das war abermals eine Folge seiner damaligen Äußerungen.

Was sollte er darauf entgegnen? Da ihm aber zum Besinnen keine Zeit gegeben war, sagte er rasch und ohne äußere Verlegenheit:

„Sie scheinen zu glauben, daß ich nur nach einem Vorwande suche, mich meiner Zusage zu entziehen, Herr Knoop. Ich versichere Sie, daß ich mich in der Person Ihres Herrn Bruders nicht irre. Schon fiel es mir gestern abend auf, wie er gleich bei der Nennung meines Namens zusammenzuckte. Was ferner den Widerspruch zwischen meinen damaligen und heutigen Erklärungen anbetrifft, so hängen sie mit jenem Umstande zusammen, über den ich nicht sprechen kann, und um dessen willen Sie wünschen, daß ich Ihr Geschäft wieder verlasse. Ich vermag mich auch jetzt nicht zu erklären.“

„Mir aber werden Sie es nachfühlen, Herr von Klamm, daß mich alle diese Dinge äußerst stutzig machen müssen.

„Wenn auch alles günstig für Sie liegt, ich habe — ich wiederhole es — das Vertrauen verloren, und da Sie abermals verweigern, Erklärungen zu geben, so meine ich allerdings, daß eine Trennung zwischen uns nicht mehr zu umgehen ist.“

„Und was soll mit Ihrem Herrn Bruder geschehen?“ wandte Klamm, nachdem er eine resignierende Miene angenommen hatte, ein.

„Ja — ja — das weiß ich nicht,“ ging's zaudernd aus des Mannes Munde. „Ich — ich kann's Ihnen ja nicht verdenken, wenn Sie wirklich einen Schuldigen zur Rechenschaft ziehen wollen! Ich befinde mich in einer sehr bösen Lage. Immerhin ist's doch mein Bruder; immerhin handelt es sich doch um die Ehre und das Ansehen meines Hauses. — Seine völlige Entfernung aus Deutschland wäre also die glücklichste Lösung.“ —

Klamm bewegte den Kopf mit einem bitteren Ausdruck. Dann sagte er:

„Nun, da es sich um Ihre Angelegenheit handelt, Herr Knoop, wünschen Sie, daß Nachsicht geübt wird. Es liegt ein Gaunerstreich vor, der einer Familie das Vermögen kostete, der mich gezwungen hat, aus meinen Lebensbahnen herauszutreten, ja, ich kann es sagen, der ein indirekter Grund ist, daß ich Ihnen etwas Unzutreffendes sagte, — daß ich an ein Mädchen gebunden sei!

„Aber diese Sache wollen Sie im Sande verlaufen lassen? Mich wollen Sie um eines ungünstigen Scheines willen — wollen mich trotz Ihrer anderweitigen Erfahrungen — abthun!“

„Sie haben doch selbst das Anerbieten gemacht, Herr von Klamm! Sie haben erklärt, Sie wollten um meinetwillen den Eklat vermeiden.“

„Gewiß, ich wurde von meiner anständigen Gesinnung geleitet. Nachdem Sie mich aber interpellierten, wie es geschehen ist, entzogen Sie mir eine gleiche Rücksicht. Die Dinge dieser Welt müssen, sollen sie einen Ausgleich finden, auf Gegenseitigkeit beruhen.“

„Sie haben recht und unrecht, Herr von Klamm! Aber jedenfalls hat — ich wiederhole Gesagtes — das gute Einvernehmen zwischen uns durch die Umstände einen Bruch erlitten.

„Ich schlage Ihnen vor: Trennen wir uns in Frieden! Verschärfen wir den Riß nicht durch eine Fortsetzung solcher Gespräche. Ich mache Ihnen den Vorschlag, daß Sie noch einige Zeit bleiben, um alles abzuwickeln, und daß wir dann von einander scheiden. Es trifft sich, daß mein Sohn aus dem Ausland zurückkehren will! So kann er an Ihre Stelle treten!“

„Ah —“ ging's langgedehnt über die Lippen Klamms, und er wollte hinzufügen: „Nun ist mir alles verständlich!“

Aber er sprach nicht mehr. Nur noch eine Verneigung erfolgte, aus der hervorging, daß er sich mit Herrn Knoops Vorschlägen einverstanden erklärte. —

Er erfuhr auch nicht, in welcher Weise sich Herr Knoop mit seinem Bruder auseinandergesetzt hatte. Er sah nur nach einer geraumen Weile Theodor Knoop aus dem Hause treten und die Straße hinabschreiten.

* * * * *

Klamm und Ileisa, die sich an einer von ihnen schriftlich vereinbarten Stelle in der Bellevuestraße getroffen hatten, wanderten durch den Tiergarten und nahmen die Richtung nach Charlottenburg.

Anfänglich stockte das Gespräch. Ileisa legte eine starke Befangenheit, aber auch eine auffallende Unpersönlichkeit in ihrem Wesen an den Tag. Sie sah sich wiederholt scheu um, ob man sie auch beobachte, und betonte zu Klamms Enttäuschung, daß sie nur ihr Wort nicht habe brechen wollen, daß sie sich eigentlich anders entschlossen habe. Von jener versteckten Hingabe, mit der sie ihm an jenem Abend das Herz heiß gemacht und in ihm so berechtigte Hoffnungen erweckt hatte, trat nichts zu Tage. Sie war offenbar durch die letzten Geschehnisse völlig beeinflußt. Sie nickte nur mit ernst stummer Miene, als sie Klamm fragte, ob sie schon wisse, daß er das Knoopsche Geschäft verlassen werde, und löste ihre Zunge erst auf seine eindringlich zuredenden Worte.

Sie erklärte, daß sich Herr Knoop sehr scharf geäußert, daß er alles ausführlich erörtert und auch die vollständige Beipflichtung der Damen gefunden hätte.

Er habe gesagt, daß die Unwahrheiten, die Klamm gesprochen, deshalb so unentschuldbar seien, weil zu deren Aeußerung keine Nötigung vorgelegen habe. Es sei sicher doch etwas mit seiner Vergangenheit nicht in Ordnung. Der anonyme Briefschreiber habe ein Recht gehabt, vor ihm zu warnen. Sein ganzer Lebensgang sei sehr abenteuerlich gewesen, und nicht mit vollendeter Verstellungskunst freimütig hervorgebrachte Worte, sondern Thatsachen wären in solchen Fällen entscheidend. Theodor Knoop habe Klamms Beschuldigungen mit Entrüstung zurückgewiesen. Aber noch mehr! Er habe geäußert: nicht er habe Klamm zu fürchten, sondern Klamm ihn! Er meine in ihm einen früheren bekannten, übel beleumdeten Gelegenheitsmacher entdeckt zu haben, der schon wiederholt wegen sehr bedenklicher Affären von sich reden gemacht habe.

Und nach diesen Mitteilungen geschah auch das, wovor Klamm schon gefürchtet hatte, vor dem er zitterte:

Als er einen versteckteren Weg mit Ileisa beschritt und nun an das letzte Gespräch auf dem Knoopschen Ball anknüpfte, als er weich und eindringlich auf sie einsprach, lösten sich schwere, langsam niedertropfende Thränen aus ihren Augen, die zwar auch ihm, aber ebensosehr ihrer Enttäuschung zu gelten schienen.

Und als sie sich endlich zu fassen wußte, als sie auf sein Zureden die Sprache wieder gewann, erklärte sie, daß sich in ihr trotz schwerster Kämpfe ein Mißtrauen gegen ihn eingeschlichen habe, und daß sie es auch nicht abzustreichen vermöge.

Klamm trafen diese Worte gradezu niederschmetternd. Die Welt um ihn verdüsterte sich. Er sah sich als ein Opfer der Verhältnisse niedergeworfen.

Es wirkte auch nicht, daß er nun Ileisa ein Geständnis über die Hergänge ablegte.

Immer wieder las er in ihrem Angesicht: „Darf ich dir trauen? Bist du nicht trotz deiner Worte doch der, als welchen dich der Briefschreiber und Theodor geschildert haben?“

Namentlich schien auch Margarete auf sie gewirkt zu haben. Sie nahm an, daß er sich nicht zu verteidigen vermöge, und sie sah, daß er für sie für immer verloren war.

Klamm empfing sonst aber auch heute die günstigen Eindrücke, die er während der wiederholten Begegnungen im Knoopschen Hause von Ileisa erhalten hatte.

„Wir lebten,“ berichtete sie auf seine Bitte, ihm von ihrer Jugend und Vergangenheit näheres zu erzählen, „in sehr reichlichen Verhältnissen auf einem meinem Vater gehörigen Gute in Schlesien. Bei einem gelegentlichen, längeren Aufenthalt in Berlin, machte er die Bekanntschaft einer adeligen Abenteuerin, die ihn dermaßen zu umstricken wußte, daß er sich in der Folge oft wochenlang dort aufhielt, und ihr auch, nachdem meine Mutter inzwischen vor Gram über sein Verhalten gestorben war, zuletzt fast sein ganzes Vermögen verschrieb. Nach seinem, in meinem dreizehnten Lebensjahre erfolgten Tode strengte meine, seit meinen Kinderjahren bei uns lebende, nunmehr Mutterstelle bei mir vertretende Tante einen Prozeß gegen die Erbschleicherin an, der aber nur den Ausgang hatte, daß der uns verbliebene Kapitalrest noch mehr geschmälert wurde.

„Dazu traten erhebliche Verluste, die durch Kursrückgänge an Papieren entstanden, sodaß meine Tante nur so viel übrig behielt, um mir eine Erziehung geben und selbst unter den allerbescheidensten Ansprüchen existieren zu können. Meine, durch solche Vorgänge beeinträchtigte Jugend hat mich früh ernst gemacht. Während meines späteren Aufenthaltes in einem Mädchen-Seminar kannte ich nur Arbeit, Einschränkungen und Pflichterfüllung. Vergnügen, Abwechslungen gab es nicht. Aus dem einst frohen, lebenslustigen Kinde wurde ein schwermütig bedrücktes Wesen, das früh zu resignieren lernte, das sein ursprünglich starkes Temperament zu zügeln gezwungen wurde.

„Ich habe zufolge solcher frühen Erlebnisse einen wahren Abscheu vor allem Unsittlichen, vor allem Abweichenden und Extravaganten erhalten. Ich habe erkannt, daß nur die Hingabe an die idealen Dinge dieser Welt einen Menschen glücklich machen kann, daß nur weises Maß und Beschränkungsfähigkeit die Möglichkeit eröffnen, den Konflikten mit dem eigenen Ich und der Außenwelt erfolgreich zu begegnen.

„Meine Tante ist mir darin ein Vorbild. Wenn Sie einen Einblick in diese gute, gerechte, selbstlose Natur empfingen, würden Sie sagen, daß es doch noch Ausnahmemenschen giebt. Ihr will ich nachstreben; um ihr meinen Dank an den Tag zu legen für alles, was sie für mich voll Aufopferung gethan hat. Ich will alles vermeiden, was mich aus den ruhigen Geleisen heraus in ein unstätes, mit Reue und Kämpfen verbundenes Leben hineintreibt. Und sehen Sie! Das mag meine Haltung und meine Entschlüsse auch Ihnen gegenüber rechtfertigen!“

Während sie noch so sprach, waren sie an die Ecke des Salzufers gelangt, und grade wurde der nach dem Brandenburger Thor fahrende Pferdebahnwagen sichtbar. Infolgedessen beschleunigte Ileisa ihren Schritt, äußerte durch Miene und sonstiges Benehmen, daß sie die Gelegenheit zur Rückkehr benutzen wolle und bot Klamm unter hastigen Worten die Hand.

„Verzeihen Sie, wenn ich mich von Ihnen verabschiede. Ich muß zurück; schon ist's über die Zeit. Haben Sie Dank für Ihr Vertrauen; ich werde es Ihnen nicht vergessen! Und möge es Ihnen gut gehen: ich wünsche es von ganzem Herzen! Adieu — Adieu!“

Zu einer Einrede, zu einer neuen Abrede, zu einer Bitte vermochte Klamm überhaupt nicht mehr zu gelangen. Sie that ihn ab für immer. Und so rasch entglitt sie ihm unter einem nochmaligen fast unpersönlichen Kopfneigen, daß er gar nicht zu der Ueberlegung gelangte, daß er den Wagen ebenfalls besteigen und dadurch noch in ihrer Nähe bleiben konnte.

Langsam, mit zerstreuten Gedanken, nahm er den Weg in der Richtung des Brandenburger Thors zurück.

* * * * *

Herr Knoop war in keineswegs guter Stimmung. Wenn er ehrlich mit sich zu Rate ging, mußte er einräumen, daß er Herrn von Klamm trotz alledem nicht hätte gehen lassen, wenn nicht das unerwartet frühe Zurückkehren seines Sohnes auf seine Entschließung mitgewirkt, ja, daß dieser Umstand den Ausschlag gegeben habe.

Auch wurden ihm seine Aussichten, den Kommerzienrattitel zu erhalten, sehr geschmälert. Er hatte mit Klamm darüber gesprochen und dieser hatte ihm — mit solchen Dingen vertraut — seine Beihilfe zugesagt.

Er kannte Peinlichkeiten, mit denen er, ohne Gefahr mißverstanden oder abgewiesen zu werden, sprechen, und bei denen er die Sache bereden und Interesse dafür erwecken konnte.

Endlich aber hatten die Vorfälle auch sehr störend auf die Pläne eingewirkt, die ihn in den Angelegenheiten seines Bruders geleitet hatten. Da ihm niemand zur Verfügung gewesen war, der Theodor begleiten konnte, war die Unterredung vorläufig ergebnislos verlaufen.

Er hatte ihm einstweilen auf seine Bitten einige hundert Mark gegeben und ihm erklärt, er solle wegen des weiteren noch von ihm beschieden werden. So war die Ausführung in der Schwebe geblieben, und Theodor so bald wie möglich zu beseitigen, war doch mehr als je erforderlich.

Im Geschäft befand sich niemand, mit dem Herr Knoop jemals über seinen Bruder gesprochen hatte. Er war in allen privaten Angelegenheiten sehr verschwiegen. Er neigte gegen Theodor immer wieder zur Nachsicht, weil der Familiensinn sehr stark in ihm ausgeprägt war. Theodor Knoop besaß zudem eine ungewöhnliche Verstellungskunst. Er wußte durch das freimütige Eingeständnis seiner Fehler zu versöhnen, und war sich der Wirkung bewußt.

Im übrigen war noch allerlei, was der Erledigung harrte, und daß Klamm seinen Verstand und sein Nachdenken zu gebrauchen und seinen Vorteil zu nutzen wußte, trat zur Erhärtung der nun einmal eingerissenen Entfremdung noch vor dessen Fortgange zu Tage. —

Er ließ sich durch Adolf am folgenden Vormittag bei Herrn Knoop melden und begann nach gegenseitiger künstlich unbefangener Begrüßung:

„Ich erachte es als zweckmäßig für beide Teile, daß unsere Trennung sobald wie möglich stattfindet, Herr Knoop. Bevor sie jedoch nach unsern übereinstimmenden Wünschen in freundschaftlicher Weise erfolgt, möchte ich Ihnen etwas vortragen, das Sie sicher als berechtigt anerkennen werden.“

„Zuerst darf ich wohl voraussetzen, daß Sie Ihrer Kundschaft und Bekanntschaft meinen Austritt mit einem Zeugnis zur Kenntnis bringen, wie es gerecht ist. Ich habe Ihrem Geschäft die erwarteten Vorteile zugeführt, ich war von morgens bis abends in Ihrem Interesse thätig.

„Ich darf das Verlangen stellen, daß die Motive, die Sie zur Kündigung leiteten, unbedingt zwischen uns bleiben. Wenn Sie sie auch als berechtigte erachten und ich, weil der Schein gegen mich spricht, ihren Entschluß vergehe, so versteckt sich doch thatsächlich hinter ihnen nichts, was den geringsten Tadel gegen mich erwecken könnte. Sie mögen bedenken, daß es so ist, wenn ich Sie auch nicht zu überzeugen vermochte.

„Und ferner: Ich darf von Ihrer bisherigen Kulanz erwarten, daß Sie mir mein volles Gehalt auszahlen!“

„Ich weiß nicht, ob ich mir in einem Viertel- oder Halbjahr schon wieder einen Erwerb werde verschaffen können.“

„Dann noch etwas, Herr Knoop:

„Ich werde Ihnen vielleicht, ja sicher, Konkurrenz machen. Ich spreche das gleich offen aus, damit Sie mich nicht später einer unkorrekten Handlungsweise zeihen!“

Und Knoop erwiderte:

„Gegen Ihren sofortigen Austritt habe ich nichts einzuwenden, Herr von Klamm. Auch bin ich bereit, Ihnen ein ganzes Vierteljahrhonorar und die Hälfte einer weiteren Quartalrate bei meiner Kasse anzuweisen. Mehr bedaure ich nicht bewilligen zu können. Es hätte in Ihrer Hand gelegen, in meinem Geschäft zu bleiben, wenn Sie meiner Bitte um offene Darlegungen Ihrer Handlungsweise entsprochen haben würden. Da Sie es verweigerten, waren Sie — nicht ich — schuld an unserer Trennung. Ueber die inneren Vorgänge, die Ihren Austritt veranlaßten, werde ich nicht sprechen. Das gewünschte Zeugnis werde ich Ihnen ausstellen.“

„Konkurrenz muß sich jeder gefallen lassen. Ich hätte lieber gesehen, Sie hätten auf solche Pläne verzichtet — natürlich — ich bedaure sogar, daß ich Sie nicht in dem Vertrage zwischen uns, dazu verpflichtet habe — aber ich vermag nichts einzuwenden.“

Die Gegenrede war sehr kühl gehalten. Sichtlich kostete es Knoop Mühe, auch nur so zu sprechen.

Und so blieb und wurde dann auch alles.

Schon am folgenden Vormittag machte Klamm den Damen seinen Abschiedsbesuch, und die Damen ließen sich verleugnen.

Den Redaktionsmitgliedern, die ihm, wie er wußte, meist feindselig gesinnt waren, sandte Klamm nur seine Karte. Von denen im Geschäft, die ihm wohlwollten, die seinen Fortgang bedauerten, verabschiedete er sich persönlich.

Als er am vierten Tage nach der erwähnten Unterredung bei Herrn Knoop nach vorangegangenem Klopfen und „Herein“ eintrat, fand er Theodor Knoop dort, und die Blicke der beiden Männer trafen sich, ohne daß sie einen Gruß wechselten, mit einem Ausdruck von Feindseligkeit.

Klamm ging bei dieser letzten Verabschiedung mit dem Gefühl von dannen, daß er fortan nicht nur in dem Bruder Theodor, den er bisher noch geschont hatte, einen unerbittlichen Gegner haben werde, sondern, daß er sich auch das Wohlwollen des Herrn Knoop vollständig verscherzt habe.

* * * * *

Den ersten Schritt, den Klamm nach seiner Entfernung aus dem Knoopschen Geschäft unternahm, richtete er ins Polizeipräsidium. Er hatte sich vorher erkundigt, an wen er sich wenden mußte, und fand auch bei dem Abteilungschef eine sehr höfliche Aufnahme und ein bereitwilliges Ohr.

Nach eingehender Darlegung der Umstände empfing er die Zusage, daß ihm vorläufig für die nächsten acht Tage ein Geheimpolizist zur Verfügung gestellt werden sollte, der gegen Personen, welche sich bei Klamms Ausgängen durch Verfolgung seiner Schritte verdächtig machen sollten, vorzugehen haben würde.

Aber Klamm traf auch Maßnahmen, um sich über Theodor Knoops Persönlichkeit eine Gewißheit zu verschaffen.

Da er bei der ersten Konferenz erfahren hatte, daß jener in einem Hotel in der Jägerstraße wohne, fuhr er mit seiner Mutter am nächsten Morgen dorthin, ließ die Droschke in angemessener Entfernung halten und zog bei dem Portier Erkundigung ein, wann Herr Knoop auszugehen pflege.

Er empfing die Antwort, daß ein Herr Knoop dort überhaupt nicht wohne, aber allerdings ein Herr, der zu der von Klamm gemachten Betreibung passe, und sich Ulmer nenne.

Er sei noch auf seinem Zimmer; er wäre während der Zeit, in der er im Hotel wohne, meist morgens zwischen neun und zehn fortgegangen.

Nach diesen Auskünften begab sich Klamm zu seiner Mutter zurück, um ihr zunächst das Ergebnis dieser Unterredung mitzuteilen.

Ulmer hatte sich Knoop damals nicht genannt. Also in dieser Beziehung gewährte die angestellte Ermittlung keinen Anhalt. Frau von Klamm betätigte wiederholt, daß Knoop bei den damaligen Verkaufsverhandlungen als Agent aufgetreten sei, daß er die Sache in die Wege geleitet, die ungeheuren Vorteile gerühmt und den Wert der statt Geld zu zahlenden Papiere in den Himmel gehoben habe.

Später waren zwei andere Herren, die sich Malch und Wendt genannt, in Aktion getreten. Der große Preis hatte die arglose Dame verführt, sehr rasch ohne mit ihrem damals im Ausland befindlichen Sohne in Verbindung zu treten, abzuschließen. Sie hatte ihn durch den glücklichen Erfolg überraschen wollen, ein Erfolg, der sich allerdings als ein äußerst trauriger Irrtum insofern herausgestellt hatte, als sich die Industriepapiere, die sie neben der kleinen Auszahlungssumme von den Käufern in barem Gelde empfangen, als völlig unverkäuflich, also wertlos herausgestellt hatten.

Reue, Scham und Schmerz hatten sie nach der Entdeckung abgehalten, ihrem Alfred — nunmehr aus diesen andern Gründen, — Mitteilung zu machen, bis er dann aus dem Ausland zurückgekehrt und nichts mehr zu verschleiern gewesen war. Das Gut war seit dem damaligen Verkauf schon wieder dreimal in andere Hände übergegangen. Die als Käufer um jene Zeit genannten Personen waren, da sie sich falscher Namen bedient, nicht mehr zu ermitteln gewesen, und nur ihr Aussehen hatte Frau von Klamm ihrem Sohne immer wieder beschreiben, nur die Namen ihm mitteilen können.

Der Verdacht, der in Klamm aufgestiegen war, hatte sich zur Gewißheit verstärkt, weil Theodor, wie erwähnt, ein äußerst unsicheres Wesen bei der Nennung des Namens Klamm an den Tag gelegt hatte. —

Das Ergebnis dieser an diesem Morgen angestellten Untersuchung verlief völlig nach Voraussetzung. Es gelang Klamm und seiner Mutter, Theodor Knoop, als er aus dem Hotel trat, genügend in Augenschein zu nehmen, und Frau von Klamm vermochte mit unbedingter Sicherheit festzustellen, daß er mit jenem Agenten identisch sei.

Nun konnte Klamm Friedrich Knoops Anstandsgefühl anrufen, wenigstens einen Teil der Veruntreuungen, die sein Bruder an seiner Mutter und an ihm verübt, zurückzuerstatten.

Bei näherer Ueberlegung hatte er sich gesagt, daß es ein übertriebenes Zartgefühl sei, nicht wenigstens den Versuch zu machen, das Ehrgefühl des Bruders anzusprechen.

Im übrigen war Klamms Sinn schwer verdüstert. Ileisas Verhalten hatte — abgesehen von der ungeheuren Enttäuschung — einen gewaltigen Aufruhr in ihm hervorgerufen. Immer wieder hefteten sich die Folgen der Verleumdung an seine Fersen!

Der Austritt aus dem Knoopschen Geschäft würde ihm — wie anderweitige Erfahrung in solchen Fällen lehrte, — überall zu seinen Ungunsten ausgelegt werden, und endlich stand er wiederum vor einer leeren Luftschicht und sollte sich aus dem Nichts Neues herausholen.

Das Selbstvertrauen, das er seiner Mutter und Knoop gegenüber an den Tag gelegt, war in Wirklichkeit stark beeinträchtigt, und erst allmählich entwickelte sich aus dem Unmut, dem Schmerz, der Verbitterung und Enttäuschung, der Entschluß, seinerseits jeden Gedanken an das spröde Mädchen völlig von sich abzuthun und in Zukunft nur seinen Zielen und Erfolgen zu leben!

Zunächst nahm er sich vor, gleich am nächsten Tage nach Dresden zu reisen, bei der Frau, die er einst geliebt, einen Eingang zu ermöglichen und sie auszuforschen. Es hatte sich seiner ein solches Gefühl trotziger Auflehnung bemächtigt, daß er die Ermittlungen der Berliner Polizei nicht abwarten wollte. Vielleicht vermochte er die Maßnahmen der Behörde zu unterstützen, vielleicht ohne sie zum Ziele zu gelangen. Jedenfalls wollte er aus dem bisherigen Zustande des Abwartens heraus! — — —

* * * * *

Am Tage der Ankunft Klamms in Dresden saß in einer reizvoll zurückgelegenen Villa in der Neustadt vormittags eine Dame der vornehmen Gesellschaft in ihrem Kabinett.

In einen seidenen Morgenrock gehüllt, umgeben von Pariser Möbeln und kostbaren Kunstgegenständen, lehnte sie sich in einen weichgepolsterten, mit Damast bezogenen Stuhl zurück, putzte an den Nägeln ihrer weißen, zierlichen Hände und horchte auf den Bericht eines vor ihr gehenden Mannes.

Er war nach Art jener die herrschenden Moden beobachtenden Persönlichkeiten gekleidet, die zwar ein Auge dafür besitzen, was den Leuten der bevorzugten Gesellschaftsklassen gefällt, die aber bei der Wahl der Stoffe und des Schnittes wegen ihres eigenen Mangels an gutem Geschmack für sich selbst allezeit fehlgreifen. Auch besaß er die grobe Gesichtsfarbe und jenen gewissen unsicheren Ausdruck in den Zügen, der dem gewöhnlichen Mann schon Mißtrauen einflößt, die Erfahrenen aber abhält, sich mit ihnen, sofern sie sie nicht für ihre Zwecke durchaus brauchen, überhaupt einzulassen.

„Ich bin hergekommen, um mir fernere Verhaltungsmaßregeln zu erbitten, meine Allergnädigste!“ hub er an. „Es war das von Ihnen befohlen, sobald in Herrn von Klamms Lebenslage eine Aenderung eintreten würde.

„Ich habe zu melden, daß er das Knoopsche Geschäft schon wieder verlassen hat.