Chapter 4
Und indem er die Stimme dämpfte, dasselbe in einem weichen Tone wiederholte, sich zu ihr drängte mit seinem Ich: „Nicht wahr, Fräulein Ileisa?“
Abermals vernahm er ein festes Ja und fühlte, als er nach ihrer Hand tastete, einen Gegendruck, der ihm das Blut durch die Adern jagte.
„Wann und wo wollen wir uns morgen sprechen?“ ergänzte Klamm, indem er um der Umgebung willen seinen Mienen einen durchaus gleichgültigen Ausdruck verlieh.
„Ich werde bitten, ehestens meine Tante besuchen zu dürfen. Wird mir dies erlaubt, so werde ich an einem Ihnen noch schriftlich mitzuteilenden Tage gegen ein Uhr auf dem Potsdamer Platz am Rundteil sein können.“
Als Herr von Klamm eben antworten wollte, stand Margarete Knoop vor ihnen.
„Darf ich stören?“ fragte sie mit künstlicher Schelmerei im Ton. Sie hatte beide seit langem beobachtet und schon große Qualen empfunden. Auch sie hatte sich vorgenommen, heute einmal mit allem zwischen sich und Klamm aufzuräumen.
„Bitte, kommen Sie nach Beendigung des Kotillons eine Weile in den Wintergarten,“ bat sie, während er mit ihr tanzte.
„Sie müssen mir bei der Bowle behilflich sein.“
„Zu Ihrem Befehl, gnädiges Fräulein,“ betätigte Klamm und zog sie unwillkürlich fester an sich.
Er stand zwischen drei Feuern.
Seine Tischnachbarin beargwöhnte ihn, nachdem er sich unvorsichtigerweise in ihre Hand begeben hatte. Ileisa gegenüber hatte er sich von seinen bisher zurückgedrängten Gefühlen fortreißen lassen.
Nun kam ihm Margarete in solcher Weise entgegen! —
Als sie später nebeneinander standen und Moselwein in eine Punschbowle füllten, sagte Klamm:
„Ich stehe unter dem Eindruck, daß Sie auch sonst noch über mich zu befehlen wünschen. Darf ich fragen, womit Ihnen Ihr gehorsamer Diener zu willen sein kann?“
„Ja, Herr von Klamm! Ich muß endlich einmal eine Frage an Sie richten. Es muß um Ihretwillen geschehen, da ich auch heute wiederholt in einer mich ärgernden Weise angesprochen bin:
„Wie heißt Ihr Fräulein Braut? Woher stammt sie? Weshalb führen Sie sie nicht uns und der Gesellschaft zu? Ist sie wirklich krank? Und wollen Sie sich, wie man sagt, wieder entloben?
„Nicht Neugierde treibt mich, ich betone dies. Die angeführten Gründe und das warme Interesse, das ich für Sie empfinde, lassen mich sprechen.“ —
Schon wollte Klamm antworten, er wollte ihr bekennen, wie es stand und wodurch die Unwahrheit hervorgerufen worden war. Aber dann wählte er doch einen anderen Weg, den, zu dem ihn bei Fräulein von Wiedenfuhrt die Umstände getrieben, den er auch Ileisa vorgeschlagen hatte.
„Zuerst meinen aufrichtig empfundenen Dank, gnädiges Fräulein,“ entgegnete er. „Und um alles nach Ihren Wünschen zu erledigen, bitte ich Sie, in eine zeugenlose Unterredung zwischen uns zu willigen. Hier — heute — ist nicht der Ort, Ihnen alles zu erklären. Ich muß weit ausholen.
„Also, ich bitte. — Wann wollen Sie mir diese Vergünstigung gewähren?“
„Sonnabend mittag bin ich allein in unserer Wohnung. Meine Mutter will dann Besuche machen!
„Wohlan! Abgemacht!“ Sie reichten sich die Hand.
„Aber bitte, gehen Sie jetzt, ich sehe verschiedene unserer Gäste kommen,“ betonte sie, und Klamm verneigte und entfernte sich. —
* * * * *
Gegen Mitternacht, während sich die Gäste bei Knoops im vollen Genießen befanden, wurde draußen an der Hausthürklingel der Villa gezogen. Als Adolf öffnete, trat ihm ein hochaufgeschossener, hagerer Mann mit wüsten Augen, krankhaft geröteten, scharf hervortretenden Backenknochen und einem unangenehm wirkenden rotbraunen Halbbackenbart entgegen. Er fragte, im übrigen wie ein Gentleman gekleidet, mit hohem Zylinder und Pelz versehen, in einem kurzen Tone, nach Herrn Knoop. Als Adolf entgegnete, es sei Gesellschaft im Hause — es werde sich Herr Knoop jetzt unter keinen Umständen sprechen lassen, — erwiderte er:
„Sagen Sie nur, daß es sich um höchstens fünf Minuten, daß es sich aber um eine sehr wichtige und eilige Geschäftsangelegenheit handle. Sie können hinzufügen, daß ich noch diese Nacht Berlin verlassen müsse, daß ich deshalb jetzt komme.
„Wo kann ich mich solange aufhalten, bis Herr Knoop kommt?“ schloß er, indem er durch solche Frage ohne Weiteres seinen Willen zur Geltung zu bringen suchte.
„Ist hier nicht ein Gemach, wo ich warten kann?“ Adolf zeigte, durch die Sicherheit, mit der jener austrat, nachgiebig gemacht, auf ein kleines, einfenstriges Kabinett zur Rechten.
In dieses trat dann auch der Fremde ein, während sich Adolf rasch in den Tanzsaal begab.
Knoop unterhielt sich eben mit Klamm, sie beredeten noch eine kleine Ueberraschung für die Gäste.
„Ein Fremder? Ein Fremder um diese Zeit? Was will er?“
Adolf berichtete, was er wußte.
„Bitte, begleiten Sie mich, Herr von Klamm,“ entschied Knoop rasch entschlossen. „Da es sich um Geschäftliches handelt, sind Sie ja ebenso sehr interessiert —“
Unter solchen Worten schritt Knoop voran, und wenige Augenblicke später traten sie in das erwähnte Kabinett.
„Ah! du!“ stieß Knoop ebenso enttäuscht wie zornig heraus. „Nun dringst du gar nachts unter einer Lüge in mein Haus! Nein, nein — gieb dir keine Mühe! Ich habe nichts zu hören —“
„Du erregst dich zu deinem eigenen Nachteil, Friedrich,“ fiel Theodor Knoop mit eiserner Ruhe ein.
„Ich frage, da ich Berlin verlassen muß, da ich eine Antwort auf meine Zeilen nicht empfing, ob du meiner Bitte entsprechen willst? Ich erkläre mit meinem Ehrenwort, daß ich dich nie wieder belästigen werde. Ich will dir einen schriftlichen Verzicht ausstellen.“
„Sehr gnädig! Du thust wirklich, als ob du Ansprüche zu erheben hättest, während du ganz dasselbe jedesmal beschworen hast. Was nach solchen Erfahrungen ein Ehrenwort aus deinem Munde bedeutet —“
„Ah,“ preßte Theodor Knoop in ergrimmtem Tone heraus, und seine Augen funkelten.
„Immer bleibst du doch derselbe eingebildete Hochhinaus, der du schon als Knabe warst, hältst dich für hundertfach besser, als andere, giebst schöne Lehren und teilst weise Sprüche aus, während du — —“
„Nun, ja — ja — ja — es mag sein, daß du vieles mit Recht an mir auszusetzen hast. Wir geben uns eben darin nichts nach; und weil dem so ist, habe ich ja schon seit langen Jahren vorgeschlagen, daß wir auseinander bleiben. Du aber kommst immer wieder, und natürlich immer dann, wenn du Geld von mir erpressen willst —
„Ich aber erkläre dir, daß ich mich auf nichts mehr einlasse! Ein Vermögen, das ich dir nach und nach hingab, ist zwecklos verschleudert. Es würden die Tausende auch in den Sand geworfen sein, die du heute verlangst. —
„So das ist mein letztes Wort; wir haben nichts mehr miteinander zu sprechen. — Ich muß dich ersuchen, mich nicht ferner mehr zu belästigen. Es ist höchste Zeit, daß ich zu meinen Gästen zurückkehre.“ —
Theodor Knoop, ein Mann mit einem tückischen Auge und kaltem Ausdruck in den Zügen, überlegte, was er thun sollte.
Er hatte diesen Weg eingeschlagen, weil er dadurch die ihm einzig noch bleibende Möglichkeit erkannte, von seinem Bruder etwas zu erreichen. Nun hatte er aber, statt den Bittenden zu spielen, seinem Bruder Beleidigungen ins Gesicht geschleudert. Ungeschickter hätte er es nicht anfangen können, ihn zur Hergabe von Geld zu bewegen.
Und da griff er zu dem letzten Mittel. Indem er rasch seines Bruders Begleiter musterte und zu diesem, zu Klamm, sich wendete, sagte er:
„Ich bitte Sie, mein Herr, ein gutes Wort für mich einzulegen. Ich wiederhole, daß ich durch dieses Geld zu einer dauernd soliden Existenz gelange. Bisher verfolgte mich das Unglück; — mein Bruder rechnet niemals dieses hinein, er spricht immer nur von meinem Leichtsinn, weil er nie die Verhältnisse geprüft hat. Soll ich denn wirklich zu einem Verzweiflungsakt getrieben werden? Ich frage: Ist derjenige, der sich durch seine Schuld in einer schweren Lebensbedrängnis befindet, weniger bemitleidenswert, als der unschuldig Leidende? Und wenn, ist nicht ein Unterschied zwischen Fremden und Brüdern?“
Und wieder zu seinem ungeduldig nach der Thürklinke greifenden Bruder:
„Gewiß! Ich war wiederholt ausfallend gegen dich, Friedrich. Es war aber Verzweiflung — es war nicht persönlich. Dir ist alles geglückt, du bist von der Natur anders veranlagt, so wurde es dir leichter, den glatten Weg zu gehen. Ich bitte, ich flehe dich an: Gieb mir das erbetene Geld! Sage, daß ich es mir morgen holen lassen darf. — Helfen Sie, mein Herr, diese Sache zwischen uns zu einem friedlichen Abschluß zu bringen!“
Herr von Klamm hatte bisher nur den stummen Zuhörer gespielt. Es war um so mehr geschehen, weil er in dem Manne, der hier nächtlich eingedrungen war, einen nach der Beschreibung seiner Mutter nicht zu verkennenden Komplizen derjenigen Geschäftsleute zu erkennen glaubte, durch die seine Mutter, während seines Aufenthaltes im Ausland um ihr Hab' und Gut gekommen war. Es war eine ganze Bande gewesen, die es in der raffinierteren Weise verstanden hatte, sie auszurauben.
So zog er nun die Achseln und sagte:
„Ich wurde von Herrn Knoop ersucht, ihn zu begleiten. Er nahm an, daß es sich um Geschäfte handle. In Herrn Knoops Privatangelegenheiten habe ich kein Recht einzugreifen; es würde, wie ich vermute, auch durchaus gegen seinen Willen sein.“
„Ich gebe aber nochmals zu bedenken, daß ich Ihnen allen für alle Zeiten entrückt werde. Ich will mich nach Südamerika einschiffen. Ohne Geld vermag ich es nicht, ich weiß es mir nicht anders zu verschaffen —“
„Wohlan, so will ich das Billet für dich kaufen,“ sprach Herr Knoop plötzlich entschlossen. „Herr von Klamm wird dich auf das Schiff begleiten, und dir auch noch etwas Zehrungsgeld einhändigen. Ein Schriftstück unterzeichnest du vorher, daß du mir so und so viel schuldig geworden.
„Bist du damit einverstanden, so melde dich morgen vormittag elf Uhr zur näheren Rücksprache bei mir.“
„Und wie viel würdest du mir bewilligen, Friedrich?“ forschte der Mann lauernd.
„Ich sagte es ja schon. Den Betrag für die Ueberfahrt und eine Summe in angemessener Höhe für den Anfang, keinen Pfennig mehr, und auch nur dann, wenn das Geld dafür verwendet wird. Und nun nochmals. — Adieu! Ich kann und will hier nicht länger verweilen —“
„Gieb mir 3000 Mark ohne Bedingung, ich wiederhole mit meinem Eidschwur, daß ich nicht wiederkommen will, Friedrich. Weise es mir zu der angegebenen Zeit an.“
„Nein, es bleibt, wie ich angab! Ich lasse mich nur nochmals bewegen, etwas zu thun, wenn du Deutschland verläßt. Es geschieht vorzugsweise auch um meiner Damen willen, die endlich Ruhe für mich herbeiwünschen.“
Noch einen Augenblick schwankte Theodor Knoop. Dann sprach er einen rauhen Dank, nickte kurz, griff nach seinem Hut und entfernte sich unter der nochmaligen Wiederholung der Zeitstunde, die für den folgenden Tag zwischen ihnen verabredet war.
Mit äußerlich sorglosen Mienen traten dann auch die beiden Herren wieder unter die Gäste. Niemand sah ihren Gesichtern an, was sich eben hinter den Thüren vollzogen hatte.
Man hatte sie bisher auch kaum vermißt, nur von Ileisa war bemerkt worden, daß sie sich mit beschäftigten Mienen beide plötzlich entfernt hatten.
* * * * *
Als Klamm am nächsten Morgen erwachte, hatte er es schwer, seine Gedanken zu ordnen, insbesondere das Für und Wider, das sich ihm nüchtern aufdrängte, vernunftgemäß zu scheiden.
Nun war der Augenblick gekommen, wo er eine bündige Erklärung abgeben mußte. Sollte er eingestehen, daß er gar nicht verlobt sei? Und wenn, welche Gründe für seine Behauptung sollte er angeben? Die wirklichen!? Er sah Herrn Knoops Miene und stand davon ab. Andererseits widerstrebte es ihm, an einer Lüge festzuhalten und gar noch eine neue auszusprechen. Fräulein von Wiedenfuhrt konnte er die Wahrheit bekennen, sie, die Fernerstehende, würde seine Handlungsweise eher begreiflich finden. Gab er Margarete zu, daß er Falsches berichtet, so konnte er ihr wenigstens nicht eröffnen, weshalb er so gehandelt hatte. Er mußte ein anderes Motiv angeben. Und wiederum, wenn er das that, mußte er auch Fräulein von Wiedenfuhrt ein gleiches sagen. Der Zufall konnte spielen. Wie würde er dastehen, wenn er der einen diesen, der anderen einen völlig anderen Grund mitteilte, und sie davon erführen?
Es gab, sagte sich Klamm, Zeiten, in denen den Himmel für den einzelnen voll klaffender Spalten war.
So erging es jetzt ihm, und nur einen Ort gab es, wo er vielleicht Rat und Trost finden konnte, bei ihr, seiner weisen, voll inniger Liebe für ihn erfüllten Mutter. Ihr beschloß er sich anzuvertrauen. Ihr wollte er alles mitteilen, wollte hören, wie sie entschied, und danach zu handeln suchen.
Vorläufig bestand aber die nächste, ernste Tagesaufgabe darin, mit Theodor Knoop zu konferieren. Da zu diesem Zweck noch eine vorherige Rücksprache zwischen ihm und dem Chef verabredet worden war, beeilte sich Klamm, baldmöglichst von seiner in der Kurfürstenstraße belegenen Wohnung nach den in der Zimmerstraße befindlichen Knoopschen Geschäftsräumen zu gelangen. —
Klamm fand Herrn Knoop allerdings nicht in der gewohnten, guten Laune, Feste lassen nur zu häufig einen schlechten Geschmack auf der Zunge zurück. So erging's dem Chef. Er sollte nun wieder für seinen Bruder Theodor, den unverbesserlichen Taugenichts, in die Tasche greifen. Auch beschäftigte seine Gedanken ein Brief, den er von seinem Sohne Arthur erhalten hatte. Der wollte durchaus jetzt schon nach Berlin zurück. Er mochte im Auslande nicht mehr bleiben. Und wenn er wiederkehrte, wie würde sich das Verhältnis zu Klamm stellen? Das ging Herrn Knoop nicht minder durch den Kopf.
Von all dem gelangte, während der Unterredung mit Klamm, etwas zum Ausdruck.
Natürlich! Gehandelt mußte deshalb doch werden! Das gegebene Wort mußte eingelöst werden. Die Reise nach Chile kostete, das hatte Herr Knoop schon nachgesehen, etwa 1000 Mark. Dieser Summe wollte er noch 1500 hinzufügen.
Am nächsten Tage sollte Klamm mit Theodor nach Hamburg reisen. — Das Dampfschiff ging von dort abends ab.
„Wenn Sie, verehrter Herr von Klamm, den Eindruck gewinnen, daß mein Bruder die Reise nur vorgiebt, daß es lediglich darauf abgesehen ist, mir wieder Geld abzunehmen,“ erörterte Knoop, „so lösen Sie kein Bildet, sondern händigen ihm die Hälfte, nämlich 1250 Mark unter der Bedingung aus, daß er vorher das hier von mir schon heute morgen ausgefertigte Schriftstück unterschreibt.
„Dann bringe ich eben dieses Opfer noch ein- und zum letztenmal.
„Und nun noch zu etwas anderem, bester Herr von Klamm! Es muß das einmal zwischen uns erörtert werden,“ fuhr Herr Knoop ernst geschäftig fort, und seine Mienen und seine dann folgenden Worte versetzten Klamm in eine starke Unruhe:
„Als Sie mir damals näher traten, erklärten Sie, daß Sie — ich habe Sie nicht danach gefragt, Herr von Klamm — verlobt seien.
„Es wird nun von allen Seiten darüber gesprochen, daß Sie Ihr Fräulein Braut mit einem sehr auffallenden Geheimnis umgeben, nie von ihr reden, sie nicht zeigen. Einige behaupten, Sie wollten die Verbindung wieder lösen, Sie hätten sie sogar schon wieder gelöst.
„Es ist mir sehr peinlich, uns allen, daß wir immer wieder auf diese Angelegenheit angeredet werden. Ich möchte Sie daher freundschaftlich bitten, mir Ihr Vertrauen zu schenken, mir offen und ehrlich zu erklären, wie die Dinge stehen.
„Ich hoffe, Sie erkennen darin keine unbescheidene Zudringlichkeit, sondern nur den wohl begreiflichen Wunsch, Klarheit zu gewinnen.
„Also ich bitte: Sprechen Sie, und seien Sie versichert, daß ich Ihre Erklärungen so entgegennehmen werde, wie es unseren Beziehungen entspricht!“
Was ging nicht alles durch Klamms Inneres bei dieser Rede! —
So völlig unerwartet kam ihm diese Aufforderung. Während er noch vor einer Stunde hatte die Dinge nach seinen Gedanken lenken wollen, wurde er nun plötzlich durch die Umstände zu einer Entscheidung gedrängt. Es galt jetzt: Wahrheit oder fernere Verschleierung, volle oder halbe Wahrheit!
Klamm entschied sich ohne Besinnen für die Wahrheit, jedoch für diese mit einer Einschränkung.
Zufolgedessen sagte er:
„Wohlan, Herr Knoop! Da Sie mich fragen, da Sie mich Ihrer Freundschaft versichern, mit anderen Worten, Ihrer Nachsicht und Ihrer ferneren guten Gesinnungen, so sei es bekannt:
„Ich bin gar nicht verlobt!“
Nur das sprach Klamm vorläufig, und richtete einen ruhigen Blick auf seinen Chef.
Zu Klamms sehr starker Enttäuschung erschien aber nicht der erwartete Ausdruck in den Zügen des Herrn Knoop, sondern es malte sich darin eine ganz gewaltige Befremdung. Ja, noch mehr! Es erschien ein Zug von äußerstem Unbehagen und einer beinahe mit Entrüstung vermochten Strenge.
„Wie? Was? Sie waren und sind gar nicht verlobt? Und dabei geben Sie uns seit dreiviertel Jahren fortwährend Antwort auf unsere Fragen, befördern Grüße und gar Einladungsbriefe an Ihre Braut? Ich muß gestehen, Herr von Klamm, daß diese Erklärung mich äußerst befremdet, und ich werde mich nicht eher beruhigen können, als bis Sie mir nähere, mich hoffentlich befriedigende Aufklärung gen zu geben vermögen. —
„Was in aller Welt gab Ihnen Anlaß, mir ohne Not das vorzusprechen, und die Unwahrheit bis zum heutigen Tage fortzusetzen?“
„Ich vermag Ihnen den Grund nicht zu sagen, Herr Knoop. Ich kann Ihnen nur erklären, daß ganz bestimmte Verhältnisse mich dazu drängten, Umstände, deren Zwang Sie, könnte ich reden, anerkennen würden. Möge Ihnen das genügen, und seien Sie, ich bitte, statt Richter, wie Sie es versprachen: mein nachsichtiger Freund!
„Es wäre ja ein Leichtes für mich gewesen, Ihre Frage so zu beantworten, daß mich gar kein Vorwurf getroffen hätte. Ich hätte Ihnen ja nur sagen können, daß ich die Verlobung wieder aufgehoben habe. Ich hasse aber die Lüge, und sie ohne Not noch einmal anzuwenden, wäre eine verwerfliche Handlung gewesen!“
„Hm — hm — Das klingt sehr ehrenfest, Herr von Klamm! Aber es befriedigt mich, offen gestanden, nicht. Ich muß sogar in Anbetracht des Verhältnisses, in dem wir zu einander stehen, die Bedingung für ein ferneres Zusammenbleiben stellen, daß Sie sich mir rückhaltlos eröffnen. Es geht nicht anders. Es ist absolut erforderlich!
„Bedenken Sie, daß ich vor Ihnen gewarnt wurde. Versetzen Sie sich in meine Lage und fragen Sie sich, ob ich anders handeln kann.
„Und wenn doch — ist jetzt einmal mein Vertrauen erschüttert worden — und es liegt Ihnen die Aufgabe ob, es wieder herzustellen.“ —
„Ist die Sache wirklich so tragisch zu nehmen, Herr Knoop?
„Was liegt vor? Ich habe erwähnt, daß ich verlobt sei! — Ich hatte einen Grund dafür! Ich habe dann nie wieder darüber gesprochen, bin aber, obschon ich auswich, obschon ich immer deutlich an den Tag legte, daß ich der Fragen gern entgehen möge, unzählige Male von Ihrer Umgebung darauf angeredet worden. Ja, aus Ihrem Hause ist die Sache auch in die Oeffentlichkeit gebracht. Ich habe mit niemandem als mit Ihnen das einzige Mal gesprochen. Nun erkläre ich auf Ihre Frage, daß ich nicht verlobt bin, daß ich seinerzeit einen wichtigen Grund hatte, mich als gebunden auszugeben.
„Gewiß, damit wird die Unwahrheit nicht beseitigt, aber es ist wohl anzunehmen, daß ich wirklich unter einem Zwange handelte. An diesen, bitte ich Sie, nun zu glauben.
„Aber Sie wollen nicht! Sie erklären, mich sogar fallen lassen zu müssen, wenn ich nicht mein Geheimnis preisgebe. Aber noch mehr, Herr Knoop! Sie führen sogar jenen ruchlosen Brief an! Obschon Sie mich nun fast ein Jahr geprüft haben, wollen Sie nicht nach Ihren Erfahrungen in einem für mich günstigen, sondern ungünstigen Sinne entscheiden!“
„Ich kann nicht anders, Herr von Klamm, soviel Sie auch zu Ihrer Entlastung anführen. Ich muß darauf begehen, daß Sie meine Frage beantworten:
„Aus welchem Grunde erklärten Sie mir unaufgefordert, daß Sie verlobt seien, während dies eine bewußte Unwahrheit war?“
„Ich vermag dennoch Ihrem Ersuchen nicht nachzukommen, Herr Knoop. Ich darf Sie nochmals bitten, sich mit meiner Erklärung zu begnügen und Nachsicht zu üben!
„Wenn aber nicht — so muß ich mich, so unendlich schmerzlich es mir ist — Ihrem Willen fügen und das wieder verlassen, was ich mit auszubauen redlich bestrebt war, von dem ich gehofft hatte, — daß ich dadurch einen neuen dauernden Lebensinhalt finden werde.
„Ich darf und will mich auch nicht beklagen. Ich beging ein Unrecht und muß dafür büßen! Wann wünschen Sie, daß ich aus dem Geschäft austrete!?“
„Ich werde Ihnen darüber noch Mitteilung zukommen lassen, Herr von Klamm! Zunächst richte ich die Frage an Sie, ob Sie auch jetzt noch die Angelegenheit mit meinem Bruder zu übernehmen, die Güte haben wollen?“
„Jawohl! Ich bin dazu bereit, Herr Knoop!“
„Ich danke Ihnen! Weiteres dann nachher bei seinem Besuch! Guten Morgen, Herr von Klamm.“
„Guten Morgen, Herr Knoop!“
Als Klamm in sein Kontor getreten, war es sein erstes, ein Briefchen an Margarete Knoop zu schreiben.
Es war sehr kurz gefaßt und lautete:
„Hochverehrtes Fräulein!
Verzeihen Sie, wenn ich Sie bitte, von einer Unterredung in meinen Angelegenheiten abzugehen. Zufolge einer zwischen Ihrem Herrn Vater und mir eben stattgehabten Auseinandersetzung würde eine solche nur Peinlichkeiten für uns beide mit sich führen.
Nehmen Sie im voraus meinen verbindlichsten Dank für die gute Gesinnung entgegen, die ich trotzdem ferner von Ihnen und Ihrer Frau Mutter zu erbitten wage.
Ihr sehr ergebener
Alfred, Freiherr von Klamm.“
Klamm geriet noch einmal ins Zögern, bevor er diesen Brief von Adolf hinübertragen ließ. Wer ihm das diesen Morgen gesagt hätte! Und doch ging es nicht anders, und doch war es nun das Richtige, reine Bahn zu schaffen. Es waren einmal die Dinge aus dem Gleis geraten. Wo das Vertrauen verloren gegangen war, so sagte sich Klamm, da gab's keine Nadeln und keinen Zwirn zum wiederzusammenheften. Höchstens konnte die Zeit, die alles klärte, auch darin einstmals eine Aenderung wieder herbeiführen.
Und einen Gewinn trug er davon, wenn er Knoops verließ: er konnte sich unter weit günstigeren Umständen Ileisa nähern, sie, wie er nach den gestrigen Vorgängen annehmen zu können glaubte, für sich gewinnen. —
Grade ihre Art und ihr Wesen hatten ihn noch mehr bestrickt, hatten die Funken, die in ihm glühten, angefacht. Einmal wieder den Geschäften abgewendet, war das frühere, lebendige Interesse für Frauen und Frauenschönheit wieder in ihm wach geworden.
Oft enttäuscht, fand er — wie er hoffte — in ihr endlich das Ideal seiner Vorstellungen. Er konnte es nicht erwarten, in ihre Nähe zu gelangen. — Auch an Fräulein von Wiedenfuhrt richtete er — infolge der veränderten Sachlage — noch an diesem Morgen einen Brief:
„Erlauben Sie, mein hochverehrtes Fräulein!“ — schrieb er — „daß ich einmal später um die Erlaubnis bitte, Ihnen in der zwischen uns beredeten Angelegenheit nähere Aufklärungen zu geben. Es hat sich unerwartet etwas zwischen mein Wollen und Können gestellt. Nur so viel heute von Ihrem Ihnen aufrichtig ergebenen
Alfred, Freiherrn von Klamm.“
Eben hatte die Rücksprache mit Theodor Knoop stattgefunden. Es war die Abrede getroffen, daß die Herren am nächsten Morgen nach Hamburg reisen sollten. Im legten Augenblick hatte sich Herr Knoop bereit gefunden, seinem Bruder außer den Ueberfahrtskosten die Summe von zweitausend Mark, also einen größeren Betrag, als er ursprünglich beabsichtigt, zu bewilligen. Er war dem geschmeidigen Wesen Theodors, seinen Versicherungen und Schwüren, daß er nie wieder etwas von sich hören lassen, daß er nie aus Chile zurückkehren werde, erlegen.
Bevor sie sich zum Fortgehen anschickten, ersuchte aber Klamm noch Herrn Knoop um eine Unterredung.
Zu diesem Zweck traten sie in Klamms Arbeitszimmer, und hier begann letzterer:
„Ich muß Ihnen eine Eröffnung machen, Herr Knoop. Ich muß Sie dennoch bitten, daß Sie mich von meiner Zusage entbinden, mit Ihrem Herrn Bruder nach Hamburg zu reisen, überhaupt mit ihm in Berührung zu treten.