Chapter 2
„Und doch sind sie weit verbreiteter, als man glaubt. Man begreift bisweilen nicht, weshalb Personen plötzlich eine andere Haltung annehmen. Man schiebt ihnen, wenn keine Erklärungen erfolgen, Launen zu. In Wirklichkeit hat irgend ein Mißgünstiger ein Minierwerk begonnen, und mit Erfolg! — Ich bin überzeugt, daß es Leute giebt, die aus purem Neid jahraus, jahrein, ohne Aufhören täglich an der Untergrabung des Ansehens anderer arbeiten, die sich dabei noch weit raffinierterer Mittel bedienen, als meine einstige Freundin. So geschickt auch solche anonymen Briefe abgefaßt sind, der vornehm und der einsichtsvoll Urteilende wird sie stets als ein Produkt niedriger Motive betrachten, und sie in die Rumpelkammer werfen.“
Herr Knoop pflichtete wiederum durch eine Kopfbewegung bei, dann sagte er:
„Und Ihr Fräulein Braut, Herr Baron? Sie lebt auch in Dresden?“
„Ja, Herr Knoop! Sie bleibt dort, bis wir heiraten können —“
„Nun, jedenfalls bitte ich, meine beste Gratulation entgegen zu nehmen, Herr von Klamm. Im übrigen! Wenn es Ihnen jetzt gefällig ist, mit mir einen Gang durch mein Geschäft anzutreten? Nachdem konveniert Ihnen vielleicht ein kleines Frühstück bei uns! Meine Frau und Tochter werden sich über Ihren Besuch sehr freuen.“
Baron von Klamm verbeugte sich mit kavaliermäßiger Höflichkeit.
„Ich danke verbindlichst, Herr Knoop. Sie kommen meinen Wünschen zuvor! Ich wollte soeben auch diese Vergünstigung von Ihnen erbitten —“
Zunächst betraten die Herren das Vorzimmer. Von dort nahmen sie den Weg in die Setzersäle, und zwar zuerst in diejenigen, in welchen die täglich in einer sehr starken Auflage erscheinende Tageszeitung hergestellt wurde. Zahlreiche Arbeiter standen an Pulten mit kleinen Kästen.
Herr von Klamm war erstaunt, mit welcher Fingerfertigkeit die Leute arbeiteten, wie einige eifrig, ohne aufzusehen, oder wie andere, noch Geschultere, gleichsam spielend, ihre Thätigkeit ausübten. Ferner überraschte ihn, wie geschickt und exakt die Metteure, diejenigen, die den fertigen Satz für die Druckpressen vorbereiteten, ihr Werk handhabten.
Zwischen ihnen durch wandelte der Faktor, der Anweisungen erteilte, den Setzern ein neues Manuskript überwies, oder, an sein Pult zurückkehrend, das durch kleine Boten eben aus der Redaktion herbeigebrachte Material zu gleichen Zwecken vorzubereiten begann.
Das war ein Bild emsigen Arbeitsfleißes!
„Im übrigen für die Beschäftigten ein sehr undankbares Geschäft, von aller menschlichen Thätigkeit das undankbarste!“ erörterte Herr Knoop, während sie die oben belegenen, teils dem Zeitungssatz, teils den Accidenzarbeiten dienenden Säle betraten.
„Sobald das von den Setzern mühsam geförderte Werk seine Bestimmung in den Maschinen erfüllt hat, wird es wieder zerstört. Die Buchstaben erhalten von neuem ihren Platz in den Schriftkästen, und von neuem beginnt, was am Abend abermals aufgelöst wird.“
„Und so fort und so fort, bis die Lettern durch den Druck der Maschinen so abgenutzt sind, daß sie keine genügenden Dienste mehr leisten können.
„Der Maschinist,“ ergänzte Herr Knoop, als sie nach geraumer Zeit vermittelst Fahrstuhl zur Besichtigung der Druckpressen die Souterrainräume erreicht und betreten hatten — „hat geholfen, etwas Bleibendes herzustellen. Das Ergebnis seiner Arbeitsmühen hat Bestand, oft Jahrhunderte lang. Der Setzer ist — obschon ein weit größerer Künstler — lediglich ein Handlanger.“
Baron Klamm fragte, weshalb eine Anzahl Maschinen still ständen, während sich andere von dem schnurrenden Geräusch der Transmissionsriemen begleitet, und von Bogenfängerinnen bedient, in unruhiger Bewegung befanden.
„Die außer Thätigkeit gesetzten Maschinen warten der Arbeit für die Zeitung; diese hier drucken komplizierteren Satz,“ erwiderte Herr Knoop, und nötigte nunmehr seinen Besuch aus den von dem Geruch des Maschinenöls und der Druckerschwärze erfüllten Räumen in den Papierlagerkeller einzutreten.
Endlich durchschritten die Herren auch noch die Gelasse der Buchbinderei und der Stereotypie, bis sie dann wieder in die Parterrelokalitäten gelangten und sich nach einem Besuch in den Redaktionsgemächern und Kontoren, in denen ebenfalls ein zahlreiches Personal emsig bei der Arbeit war, in die Familienwohnung begaben.
„Wie viele Menschen beschäftigen Sie, Herr Knoop?“ fragte Baron Klamm, der seiner Bewunderung über dieses großartige Räderwerk und über die überall herrschende Strenge Ordnung Ausdruck verlieh.
„Zweihundertundachtzig Personen erhalten Wochen- oder Monatslohn im Jahr bei mir!“ erwiderte Herr Knoop, löste die Brille von den Augen, bewegte, während er Antwort erteilte und mit einem seidenen Tuch die Gläser wischte, mit einem Ausdruck berechtigter Selbstbefriedigung das Haupt.
„Und ich habe alles selbst geschaffen,“ ergänzte er. „Mit Kleinem habe ich begonnen. Das ist mein Stolz! Gewiß! Es giebt noch umfangreichere Etablissements, aber dies ist auch etwas!“
Und nach kurzer Pause fuhr er fort:
„Ich habe auch eine Idee, wie ich Ihnen — wenn es wirklich in der That in Ihrer Absicht liegt — eine Thätigkeit anbieten könnte, Herr von Klamm. Allerdings müßten Sie sich in den Geschäftsrahmen hineinfügen, wie jeder andere!“
Die Rede wurde unterbrochen, weil Frau Knoop mit lebhaft zuvorkommender Miene ins Zimmer trat, und nun die Vorstellung erfolgte.
Gleich darauf erschien auch Margarete, ein brünettes junges Mädchen, mit etwas bürgerlichen Zügen, aber schönen, sogar blendenden Farben, vollendetem Wuchs, und mit einer angenehm wirkenden freimütigen Lebendigkeit.
Nach kurzem Plaudern traten sie in den Speisesalon, in dem ein blitzend sauberer Frühstückstisch mit äußerst einladenden Gerichten gedeckt war.
Neben Portwein, Thee und kräftigen Bieren, präsentierte das Hausmädchen auch Champagner, dem Baron Klamm kräftig zusprach, während sich Herr Knoop auf ein sehr kleines Quantum beschränkte, und die Damen überhaupt auf Wein verzichteten.
„Auf Ihr und auf das Wohl Ihres Fräulein Braut,“ begann Herr Knoop, ergriff das Glas, und stieß mit dem Baron an.
Er sah wohl, daß Margarete aufmerkte, und daß auch seine Frau überrascht wurde.
Nach Aufhebung der Tafel, und nach allerlei anregenden Gesprächen, die Klamm mit Margarete führte, für die er ein lebhaftes Interesse an den Tag legte, begleitete Herr Knoop den Gast auf die Straße. Er machte ohnehin stets um diese Zeit einen Spaziergang und besuchte eine Weinstube.
Dies letzte Zusammensein benutzte Herr Knoop, um Herrn von Klamm mit den für ihn in Betracht gezogenen Plänen bekannt zu machen.
„Ueberlegen Sie,“ warf er hin, „ob Sie Lust und Neigung haben würden, in die Redaktion einzutreten, um für eine von mir neu zu errichtende Rubrik: „Hof und Gesellschaft“ Thätigkeit und Verantwortung zu übernehmen.
„Sie müßten — ich würde Sie dazu in den Stand setzen — an all dergleichen Veranstaltungen teilnehmen, in Klubs eintreten, Festlichkeiten besuchen, Personalien über besonders hervorragende Persönlichkeiten zu erlangen suchen, und das alles in einer anziehenden Form in die Täglichen Nachrichten bringen.“
Zu Herrn Knoops Enttäuschung stimmte Baron Klamm nicht so lebhaft zu, wie er erwartet hatte.
„Sehr vortrefflich — sehr dankbar, Herr Knoop. Ich verkenne Ihre gütigen Absichten für mich keineswegs. Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden.
„Aber wenn ich ganz offen sein darf: — ich möchte am liebsten eine Kontorthätigkeit ausüben, in der mir die Aufgabe würde, für die immer noch größere Ausdehnung des Geschäftes zu wirken, die Auflage der Zeitung und die Anzeigen zu vermehren, Verbindungen anknüpfen, die der Druckerei Aufträge zuführen, und insofern auch der Redaktion in die Hand arbeiten, als ich ihr die Thüren zu den Ministerien und höheren Behörden öffnen helfe.
„Einblicke in das Getriebe eines Geschäfts, wie das Ihrige, habe ich nämlich schon empfangen. Eben daraus ist der Wunsch in mir rege geworden, mich in Zukunft vorzugsweise auf diesem Gebiet zu versuchen.“
So sprach Herr von Klamm, und Herr Knoop, für den dieses Mitglied des Adels plötzlich in ein völlig anderes Licht gerückt wurde, erhob nicht ohne starke Beifälligkeit das Haupt.
„Hm — hm — so — so! Das sind Ihre Pläne, Herr von Klamm. Gewiß, auch das läßt sich hören. Freilich, etwas drängt sich mir dabei auf. Sie glauben, daß Sie sich in all diese, Ihnen doch in der Praxis noch fremden Dinge würden hineinarbeiten können?
„Gewiß, gewiß! Das ist ja auch zu machen, und wenn die Saat gut war, weshalb sollte nicht kräftiger Weizen aufgehen? Es ist aber noch ein Umstand da! Mein Sohn ist draußen, um sich noch in unserm Geschäft weiter zu bilden. Nach übersehbarer Frist wird er zurückkehren. Dann sollte ihm eben das obliegen, was Sie im Auge haben. — Ich bin also grade bezüglich einer solchen Thätigkeit, wie Sie sie planen, in Zukunft versehen!
„Sie verstehen. — Hier liegt eine Schwierigkeit, Ihren Absichten Vorschub zu leisten, schon von vorneherein!“
„Ich glaube nicht, Herr Knoop,“ fiel Klamm mit imponierender Entschiedenheit ein. „In einem Geschäft, wie das Ihrige, können Sie ein halbes Dutzend Leute gebrauchen, wie Ihr Herr Sohn einer ist, und wie ich es hoffentlich mit Ihrer Unterstützung sein werde! Warum wollen Sie nicht ein Geschäft in allergrößtem Stil aufbauen? Sie wollen doch nicht stehen bleiben! Für jede Abteilung denke ich mir, müßte eine Persönlichkeit thätig sein, die, mit einem besonderen Maß von Intelligenz und Machtvollkommenheit ausgerüstet, sich eben diesem Geschäftszweig mit besonderer Energie widmet! Die Mehrkosten würden sich nicht gleich, aber mit der Zeit sicher einbringen.“
„Den Wert Ihrer Ausführungen verkenne ich nicht,“ entgegnete Herr Knoop. „Aber Sie urteilen und ziehen Ihre Schlüsse zu sehr auf Grund von Vorstellungen. Alle Geschäfte setzen sich mehr oder minder aus Kleinwerk zusammen. Für jeden Erfolg sind ausnahmslos Abgaben zu entrichten. Geschäftsausdehnungen müssen sich langsam vollziehen! Man muß die Betriebskapitalien prüfen, man hat in Kreditgewährung mit Vorsicht zu verfahren! Ohne solche giebt's keine Kundschaft. — Man darf nichts beginnen, wobei man Gefahr läuft, die Kräfte und den Ueberblick zu verlieren.
„Langsam, bedächtig nimmt der Gebirgsbote täglich seine Tagestouren. Wollte er sie laufen, würde er bald zusammenbrechen!“
Die Herren waren bei ihrem Gespräch vom Wege ganz abgekommen. Sie befanden sich, ohne darauf geachtet zu haben, im Tiergarten und hielten nun, aufschauend, still, und wanderten, auch ferner denselben Gegenstand erörternd, auf dem nämlichen Pfade in die innere Stadt zurück. Erst beim Wrangelbrunnen trennten sie sich, nachdem vorher noch für einen der nächsten Tage eine neue Zusammenkunft verabredet worden war, mit warmem Händedruck. Herr Knoop begab sich in die Behrenstraße, in eine von ihm täglich besuchte Weinstube, und Herr von Klamm fuhr mit der Pferdebahn nach der Bellealliancestraße.
Hier befand sich ein alter, hochstöckiger Bau, der von mehreren Parteien bewohnt wurde, und diesen betrat Herr von Klamm.
Zur Rechten, im Flügel, drei Treppen hoch, zog er an einer Klingel, und nach kurzen Worten wurde ihm von einer gebückten, trotz einfacher Kleidung sehr vornehm aussehenden Dame geöffnet.
„Ach du, mein lieber Junge,“ stieß sie in glücklich gehobenem Ton heraus und schritt ihm in ein zweifenstriges, mit sauberen Mietmöbeln besetztes Wohnzimmer voran.
Nachdem Klamm seiner Mutter Wange sanft gestreichelt hatte, und sie sich beide gesetzt hatten, sagte er auf ihre stark belebte Frage:
„Nun? Nun? Wie ist's ausgefallen, Alfred? Du kommet doch von Herrn Koop?“
„Knoop, Mama — nicht Koop,“ berichtigte Klamm.
„Es verlief alles gut, aber ich bin doch mit mir sehr unzufrieden. Ich habe eine Unwahrheit gesagt, die ich vielleicht — hätte vermeiden können. Ich schäme mich, daß es geschehen ist. Was bleibt von dem Menschen, wenn er sich zur Erreichung seiner Zwecke inkorrekter Mittel bedient!“
„Was ist's denn, Alfred! Lasse mich alles wissen! Vielleicht kannst du noch wieder gut machen,“ fiel die alte Dame, liebevoll sprechend, ein.
„Ich tastete hin, ob nicht auch Herr Knoop möglicherweise den üblichen Verleumdungsbrief von Frau von Krätz erhalten habe.“
„Es war der Fall! Sie hat ihn geschrieben! Er ließ mich das immer gleichlautende Schriftstück lesen.
„Und gleich entging mir nicht, daß sich ein starkes Vorurteil gegen meine Person in ihm bereits festgesetzt hatte.“
„Er nahm an, daß ich ein bloßer Abenteurer sei, der sich in sein Haus eindrängen wolle, um seine Tochter zu heiraten. Da griff ich zu dem Mittel, das ihn von vornherein eines anderen belehrte, warf hin, daß ich verlobt wäre, und gab ihm auch den Eindruck, daß wir wohlsituiert seien.“
„Im Nu veränderte das die Sachlage. So glaubte er mir! So war ich im stande, das durch das Schreiben hervorgerufene Mißtrauen zu zerstreuen.“
„Ich war gezwungen, so zu handeln! Es hilft doch nichts! Ich muß vorwärts, ich muß etwas finden, wenn wir nicht in schwerste Not geraten sollen!“
Klamm ließ, nachdem er gesprochen hatte, unwillkürlich das Haupt sinken und schaute trübe vor sich hin. Die alte Frau aber überkam ebenfalls ein Gefühl der Bedrückung.
„Erzähle weiter, Alfred!“ hub sie dann, sich fassend, an.
Klamm that ihr Bescheid. Er berichtete über alles, was vorgefallen war, und schloß:
„Ich bin überzeugt, daß ich eine Stellung bei Herrn Knoop erhalte. Die Frage ist nur, wie lange ich ohne Entgelt arbeiten muß. Woher sollen wir für die nächsten Wochen die Mittel nehmen?
„Ah!“ fuhr er beschwert fort, schnellte empor und maß das Gemach mit Schritten, die seine Erregung bekundeten.
„Wenn ich die Schurken, die uns um alles betrogen haben, aber auch die Person, die mich mit ihrem Haß verfolgt, mich dadurch bisher an meinen Erfolgen gehindert hat, — hier hätte, ich könnte ihnen die Seele aus dem Leibe reißen.
„Da muß man fortwährend Komödie spielen, und sogar zu Unwahrheiten die Zuflucht nehmen, um sich nur zu schützen, um blos eine Existenz zu finden!“
„Beruhige dich, lieber Alfred, du kannst später erklären, daß uns gewissenlose Menschen um unser Vermögen gebracht haben, daß die Verlobung zurückgegangen sei. — Der Himmel wird's dir nicht anrechnen!“
„Ja, ich kann's, und ich hoffe auf seine Nachsicht, aber ich werde es, wenn auch alles gut verläuft, schwer überwinden, mich mit einer Unwahrheit eingeführt zu haben. Ich schäme mich vor mir selbst. Es liegt wie ein Makel auf mir!“
„Es giebt größere Vergehen, mein Junge! Mehr werden täglich Unwahrheiten gesprochen, als sich Riegel auf den Dächern befinden, und die Welt hebt sich doch nicht aus den Angeln.
„Dich entlasten die Umstände: du handelst im Zwang — um den Wirkungen einer Infamie zu begegnen. Giebt's denn gar kein Mittel, Frau von Krätz zu besänftigen! Das heißt, wenn sie es wirklich ist. Hältst du es für ausgemacht, daß sie die Briefschreiberin?“
„Wer könnte es sonst sein, Mama. Alles deutet darauf hin. Sie hat es mir nicht verziehen, daß ich mich noch kurz vor der Verlobung mit ihr besonnen. Sie rächt sich mit der Unversöhnlichkeit einer Frau, und scheut selbst solche Mittel der Vergeltung nicht. Natürlich, absolute Beweise habe ich für meine Annahme nicht. Wenn ich die hätte, würde ich schon lange gehandelt haben. Und eben, ihr nicht beikommen zu können, ist das schlimmste von allem Unglück.“
Klamm ballte die Hände, und seine Augen funkelten.
Noch einmal sprach die erfahrene Frau besänftigend auf ihren Sohn ein. Dann sagte sie:
„Noch etwas, Alfred! Ich habe noch die Ringe und den Schmuck von meiner Mutter. Nimm heute alles mit und veräußere es. Das giebt uns Lebensunterhalt für die nächste Zeit!
„Du kannst dann auch deine Hotelwohnung beibehalten und dich in der Gesellschaft bewegen, bis dir deine Pläne bei Herrn Knoop gelingen.“
„Wie? Du bist noch in Besitz von Schmuck, Mama!? Das ist ja eine ausrichtende Nachricht — du sagtest es mir nicht.“
„Ich that's nicht, um dir's vorzuenthalten, sondern für den alleräußersten Fall.“
Sie sprach's mit liebevollem Blick, und er küßte sie. Dann besah er den Inhalt des kleinen Kästchens, das sie aus der Kommode hervorholte.
Bevor Klamm von seiner Mutter Abschied nahm, sagte sie:
„Es ist eigentlich verkehrt, daß wir nicht zusammen wohnen, Alfred. Könntest du nicht ein Logis für uns beide dort mieten? Hier unter diesen Menschen ist's nicht angenehm! Meine Wirtin ist neugierig und zudringlich, die übrige Umgebung stößt mich sehr ab.“
„Ich nahm nur erstmal, was sich bot, Mama. Alle Wohnungen in den besseren Vierteln kosten das Dreifache.“
„Ich blieb nur im Hotel, weil ich dem Wirt noch verschuldet bin. — Ich mußte und muß dort vorläufig wohnen! Ich will indessen heute mit dem Besitzer sprechen. Vielleicht läßt sich deine Uebersiedelung machen. Ich würde nur zu glücklich sein, dich bei mir zu haben. Vielleicht gelingen auch meine Pläne bei Herrn Knoop rascher, als ich annehme. Habe ich erst ein festes Einkommen, miete ich für uns eine Wohnung im Westen.
„Ach, Mama — wäre ich erst so weit, wie anders würde mir zu Mute sein!“
Nach diesen Worten schlang der Mann seinen Arm um die Gestalt der zartgebauten Dame, versprach am folgenden Tage wiederzukommen und stieg eilend die Treppe herab.
* * * * *
Als am folgenden Vormittag Fräulein von Oderkranz mit ihrer Nichte im Vorraum des Privatkontors des Herrn Knoop eintrat, glich dieses, bezüglich der Fülle der Wartenden, dem Sprechzimmer eines vielbeschäftigten Arztes. Alle Plätze waren besetzt, und Adolf mußte Sessel aus dem Hauptkontor holen, damit wenigstens die Damen nicht zu stehen brauchten. Als sie nach einstündigem Warten endlich vorgelassen wurden, entschuldigte sich Herr Knoop, seiner Art nach, mit kurzen, knappen Worten, und die Unterredung nahm auch bald die Wendung, daß er der jungen Dame seine Absicht aussprach, sie für seine Tochter Margarete zu verpflichten.
„Natürlich setze ich voraus, daß Sie sich gegenseitig gefallen, und um dieses festzustellen, erlaube ich mir den Vorschlag, daß Sie uns den heutigen Tag schenken. Am Abend lasse ich Sie dann in meinem Wagen nach Hause fahren,“ schloß der Chef des Hauses.
Nach diesen Worten richtete Herr Knoop einen auffordernden Blick auf die beiden Damen, dem Fräulein Ileisa auch mit gehobener Miene begegnete, während bei ihrer Tante eine deutliche Enttäuschung darüber hervortrat, daß nicht auch an sie eine solche Einladung gerichtet wurde.
Wenigstens deutete Herr Knoop in solcher Weise den spröden Ausdruck in den Gesichtszügen des Fräulein von Oderkranz.
Es drängte sich ihm auch gleich der Gedanke auf, daß die alte Dame möglicherweise später mit allerlei sehr wenig bequemen Ansprüchen lästig fallen könne, und er nahm deshalb gleich das Wort und sagte:
„Ich hoffe, mein Fräulein, daß Sie meinem Vorschlag zustimmen. Ueberhaupt darf ich gleich bemerken, daß ich bei einem Inkrafttreten unserer Pläne voraussetzen muß, daß unsere künftige Hausgenossin ihre bisherigen Beziehungen in dem Sinne löst, daß sie lediglich zu uns hält. Mit ihrem Eintritt in unser Haus haben wir nur mehr mit ihr zu thun. Natürlich schließt das gelegentliche Besuche bei Ihnen nicht aus!“
Diese Rede war so deutlich und enttäuschend, daß Fräulein von Oderkranz zunächst erbleichte und unwillkürlich die Augen schloß. Dennoch faßte sie sich ebenso rasch wieder, wußte sich sogar durch ihre Worte und eine seine steife Würde das Uebergewicht zu verschaffen und sagte:
„Da ich Mutterstelle bei Ileisa vertrete, hatte ich nur den wohl begreiflichen Wunsch, mich Ihren verehrten Damen vorzustellen. Einen weiteren Anspruch habe ich nicht erhoben, und werde ich nicht erheben, Herr Knoop! Sie dürfen darüber völlig beruhigt sein!“
„Vortrefflich, vortrefflich! Also ganz einig!“ entgegnete Herr Knoop, wiederum seinerseits in einem Ton, als ob er ihre gereizte Stimmung und die Lehre, die sie ihm hatte erteilen wollen, garnicht herausgefühlt habe.
Ileisa aber fiel ausgleichend ein:
„Ich werde heute gleich fragen, liebe Tante, wann den Damen dein Besuch angenehm ist. Der gütigen Aufforderung des Herrn Knoop folge ich natürlich mit größtem Dank!“
Auf diese Rede nickte das Fräulein notgedrungen. Auch knöpfte sie ihren unmodischen Mantel zusammen, trat Herrn Knoop näher und sagte:
„Ja, den allergrößten Dank schulden wir Ihnen, Herr Knoop, daß Sie selbst meiner Nichte zur Erlangung einer Stellung die Hand bieten wollen.
„Lassen Sie mich denn hoffen, daß sich alles nach gegenseitigen Wünschen vollziehen möge, und empfehlen Sie mich, ich bitte, einstweilen Ihren verehrten Damen!“
Nach diesen in einem zwar gezwungenen, aber vollendet höflichen Tone gesprochenen Worten, reichte sie Herrn Knoop die Hand, drückte sodann Ileisa die Rechte und entfernte sich.
Ileisa aber sagte, nachdem die alte Dame gegangen war:
„Meine Tante ist etwas empfindlich, Herr Knoop. Sehen Sie es ihr, ich bitte, nach. Sie lebte früher in so reichlichen Verhältnissen, daß ihr die Einfügung in andere, leider jetzt sehr beschränkte, außerordentlich schwer wird. Im Grunde ist sie eine vornehme, wahrhaft edeldenkende Natur.“
„Habe ich auch so aufgefaßt!“ bestätigte Herr Knoop in einem derb gemütlichen Ton, und von Ileisas Wesen angenehm berührt. Auch bat er sie dann gleich, mit ihm in die Wohnung zu treten, und machte sie dort mit seinen Damen bekannt.
* * * * *
Sechs Monate waren vergangen. Fräulein von Oderkranz befand sich als Gesellschafterin im Knoopschen Hause. Aber auch Herr von Klamm war ein Mitglied des Knoopschen Geschäftes geworden. Er schrieb Zeitungsartikel, für die er die Fähigkeit in sich fühlte, und übte nach anderer Richtung eine Thätigkeit au, die dem Unternehmen nutzbringend war. — Der Kontrakt, der zwischen ihm und Herrn Knoop abgeschlossen, besaß nur zwei Paragraphen:
„Herr von Klamm tritt vom heutigen Tage mit einem Monatsgehalt von 450 Mark und unter gegenseitiger vierteljährlicher Kündigung zunächst probeweise in das Geschäft des Herrn Friedrich Knoop in Berlin, ein.
Genannter übernimmt fortan einen zwischen ihnen festgestellten Teil der Theater-, Konzert- und Kunstkritiken, und wird eventuell auch unter der Zustimmung des Herrn Chefredakteurs, Doktor Strantz, andere in den Rahmen der Täglichen Nachrichten passende Beiträge liefern.
Zur Vorbereitung einer gleichzeitig in Aussicht genommenen geschäftlichen Thätigkeit wird sich Herr von Klamm mit den übrigen Zweigen des Unternehmens bekannt machen und schon jetzt bemüht sein, der Firma Verbindungen zuzuführen.“
Außerordentlich überrascht war Herr Knoop von dem Ideenreichtum seines Mitarbeiters, nachdem sich dieser in das Geschäft eingearbeitet hatte. Bald regte er an, daß man sich um eine Druckarbeit in den Ministerien, bald um eine solche bei großen Instituten und angesehenen Geschäften bewerbe. Auch wies er auf auswärtige Firmen hin, denen man feste Kontrakte bezüglich der Aufnahme von ständigen Inseraten für die Täglichen Nachrichten anbieten solle.
Wenn irgendwo ein neues Unternehmen ins Leben trat, sann er sofort darüber nach, ob dieses nicht irgend einen von der Druckerei zu befriedigenden Bedarf haben könne. Auch trieb er die Redaktion an, Fühlung mit den bedeutenden Tagespersönlichkeiten zu suchen, um durch eine Verbindung mit ihnen den Täglichen Nachrichten fortdauernd interessanten Stoff zuzuführen.
Arbeitskraft und unermüdliche Regsamkeit reichten sich die Hand. Er war gegenwärtig die Triebfeder im Geschäft. Bald hier, bald dort hielt er Rücksprache, und immer wußte er bisher die ihm weniger Wohlgesinnten durch sein gewandtes Wesen gefügiger zu machen.
Weniger ihm Wohlgesinnte waren bereits recht viele vorhanden.
Teils wirkte der Aerger, daß ein bisher so gering Eingeweihter und Erfahrener so Tüchtiges leistete, bald machte sich ein sehr starker Neid geltend.