Chapter 17
Knoops hatten sich überall verabschiedet. Sie waren bei ihren alten Freunden und bei denjenigen gewesen, denen sie seinerzeit ihre Antrittsbesuche gemacht. Nirgends waren sie indessen bei ihren Rundfahrten ausgestiegen, nur die Karten waren von dem Diener abgegeben worden.
Sie wollten nicht gefragt werden, weder, wohin sie sich zu begeben die Absicht hatten, noch, was ihr Fortgehen veranlaßte.
So viel Bitterkeit und so viel Ingrimm gegen die gesamte Gesellschaft saß in ihnen, daß sie diese nicht durch Reden und Erklärungen noch vermehren wollten.
Sie hatten genug von allen, denn fast alle hatten ihnen den Rücken gewendet. Daß es auch an ihnen, vielleicht gar allein an ihnen lag, erkannten die Frauen, nicht aber gab es Herr von Knoop zu. In den Resultaten war's auch gleich. Sie brauchten ja auch die Menschen nicht. Sie waren unabhängig. Fiel's ihnen ein, konnten sie in Afrika wohnen. Frau von Knoop war zudem glücklich, daß es ihr noch in ihrem Alter vergönnt sein sollte, in ihrer Heimat zu leben. —
Arthur hielt sich abwechselnd in Paris, London und Berlin auf. Mit seiner Familie hatte er keinen Verkehr mehr. Nur einmal hatte er in seiner nüchternen Weise geschrieben, daß es ihm gut gehe, und daß er Gleiches von ihnen erhoffe.
Das Verhältnis war nicht schlechter geworden, aber es war auch nicht gut. Es bestand gegenwärtig sozusagen gar keines zwischen ihm und der Familie.
Herr von Knoop entschlug sich — um über Unabänderliches keine neuen Aufregungen herbeizuführen — des Nachdenkens über seinen Sohn. Die Frau resignierte unter Hoffen auf eine wieder eintretende Wandlung der Dinge.
Zwischen ihnen und Ileisa war eine völlige Entfremdung eingetreten. Knoops schoben in ihrer Verbitterung Ileisa die Verantwortung für das Geschehene zu, sie gaben ihr, je länger, desto mehr, Schuld an dem Ausgange der Dinge. Sie beschuldigten sie, daß sie während ihrer Ehe Beziehungen zu Klamm angeknüpft habe.
Noch hielt Margarete zu Ileisa, aber da sie seit ihrem Fortgang von Behrwalde fortdauernd kränkelte, oft wochenlang bettlägerig war, verminderte sich zunächst die Korrespondenz und sie hatte, da sich Ileisas Stolz gegen die ungerechte Behandlung aufgelehnt, gegenwärtig ganz aufgehört. —
Das nächste bedeutsame Ereignis war die Wiedererkrankung der Frau von Klamm. Ihr Zustand wurde so bedenklich, daß sich Alfred täglich zu ihr herausbegab.
Es war an einem Tage am Ende des Sommers, als er abermals, von Sorge getrieben nach Grünhagen fuhr, um ihr seine liebevollen Empfindungen an den Tag zu legen.
Schon im Flur teilte ihm die Magd mit, daß es heute grade sehr schlecht stehe, und mit zitterndem Herzen trat Klamm zu seiner Mutter ins Schlafgemach und ließ sich an ihrem Bette nieder.
Und sie streckte die Hand aus und sprach mit einem Ausdruck von Verzicht in den kranken Zügen, der dem eindrucksvollen Mann das Innere zerschnitt:
„Sei nicht traurig; weine nicht, mein teurer Alfred. Wir werden allerdings getrennt, aber dir bleiben die Erinnerungen an die guten Stunden, die wir zusammen verleben durften, und ich finde Erlösung. Der Tote ist immer der Glücklichere. Da er keine Seele mehr besitzt, so entbehrt er nichts und leidet auch nicht mehr.
„Ist es nicht das höchste Streben und der Wunsch eines jeden, das zu erreichen?
„Mir wird das Sterben nicht schwer, weil ich mit der Sicherheit davongehe, daß du — soweit ein Mensch sorgenfrei werden kann — es geworden bist. Fandest du insbesondere in deiner Ehe kein Genüge, denke an andere und vergleiche! Sobald wir vergleichen, gelangen wir zu der Einsicht, daß wir es doch noch besser haben, als tausende.
„Ich hätte deine Frau gern noch einmal gesehen, aber sie zu rufen, wird zu spät sein. Grüße sie von mir und sage ihr, daß ich mit wärmsten Gefühlen von ihr Abschied genommen habe.
„So, und nun kann ich nicht mehr sprechen. Küsse mich, mein Herzensjunge. Gott breite seinen vollsten Segen über dich aus.“
Gegen Morgen war sie dann wirklich verschieden. Aber nach Verlauf von vier Wochen hatte sich etwas gleich Bedeutsames zugetragen.
Es war Klamm ein Brief zugegangen mit folgendem Inhalt:
„Hochverehrter Herr von Klamm!
Ich mache Ihnen die Mitteilung, daß meine Tante gestern nacht gestorben ist, und frage Sie durch diese Zeilen, ob es Ihnen möglich sein würde, nach Hamburg zu kommen, um mir zur Seite zu stehen. Ich bitte darum, weil ich völlig allein bin. Die Familie Knoop hat sich schon seit Wochen nach Madeira begeben, und wenn ich sie auch wirklich erreichen könnte, so würden sie doch deshalb nicht zurückkehren. Auch Margarete ist nach einem Influenzaanfall so leidend — um ihretwillen haben Knoops ihr Gut in Holstein verlassen — daß sie nicht zu mir reisen kann. Sie wäre sonst sicher zu mir geeilt. Ich wage diesen Anspruch an Sie zu erheben, weil Sie mir in Ihrer großen Güte bei unserer letzten Begegnung sagten, daß Sie — wann immer ich Sie riefe — da sein würden.
Ihre Ileisa von Knoop.“
Klamm hatte den Brief in dem Augenblick gelesen, als der auch ferner im Geschäft verbliebene Adolf ihm einen Herrn aus dem Ministerium gemeldet.
So legte er vorläufig das Schreiben zu anderen, eben von ihm durchgesehenen Korrespondenzen, obschon es ihm noch durch den Sinn ging, daß es besser sei, grade dieses Schriftstück wegzuschließen.
Unter den Ansprüchen, die dann an ihn herantraten, und die ihn Stunden lang und länger als sonst in Atem hielten, blieben die Eingänge auf dem Pulte liegen. Sie wurden auch von Klamm — da er mit einem Lieferanten in der Druckerei zu thun hatte und sich mit diesem in der Nähe in ein Restaurant nach geschehener Rücksprache begab — später nicht entfernt.
Er besorgte selbst die Depesche an Ileisa nach Hamburg, in der er ihr mitteilte, daß er bereits abends abreisen und sie in der Frühe sogleich aussuchen werde.
Klamm hatte, als er gegen fünf Uhr zu Tisch kam, Adelgunde, die zur Beerdigung seiner Mutter nach Berlin zurückgekehrt war, an diesem Tage noch nicht gesehen. Sie stand sehr spät auf, während er stets früh wach und in Thätigkeit war.
„Ich werde heute abend eine Reise antreten,“ warf Klamm, nachdem er seine Frau gelassen gegrüßt, nach bereits verzehrter Suppe hin. „Auch werde ich einige Tage fortbleiben, denke jedoch Ende der Woche zurückzukehren.“
„Ich weiß es — ich weiß alles,“ entgegnete Adelgunde, die ihm schon mit sehr verschlossener Miene gegenüber gesessen, mit ausdruckslosem Gesicht.
„Du weißt es?! Was weißt du?“
„Ich suchte dich in deinem Kontor auf, fand dich nicht, aber einen offen daliegenden Brief von der Person in Hamburg, den ich las —“
„Du liest Briefe ohne Erlaubnis. — Darüber muß ich mich wundern —“
Statt diesmal etwas zu entgegnen, sah Adelgunde ihren Mann erst mit einem kurzen Blick an. Dann legte sie die Serviette beiseite, lehnte sich in ihren Stuhl zurück, bedeckte ihr Angesicht und brach, während sich Thränen aus ihren Augen lösten, in die Worte aus:
„Wie war ich einst glücklich — und wie unglücklich fühle ich mich heute.“
„Ja, wir beide,“ bestätigte Klamm mit müder, trostloser Stimme.
Da der Diener in diesem Augenblick erschien, wußten sie ihre Erregung zu verbergen. Nachdem er aber gegangen, stand Klamm, gleichsam in besserem, mildem Besinnen auf, zog seine Frau auf das Kanapee und sprach:
„Warum peinigen wir uns gegenseitig, Adelgunde? Wollen wir nicht einmal frei mit einander reden, damit wir beide zur Ruhe gelangen können? Du sagst, du seist nicht glücklich. Warum bist du es nicht, da ich dich doch ganz gewähren lasse —“
Sie zog die Schultern wie jemand, der reden möchte, aber die Sprache nicht findet.
Klamm aber fuhr fort:
„Und da du mich nicht mehr liebst, entbehrst du auch nach der Richtung nichts mehr.
„Du kannst mich doch nicht mehr lieben, denn selbst die lebhafteste Empfindung erlischt, wenn sie keine Nahrung empfängt. Ich gestehe zu, daß ich dir nichts biete. Aber ich kann nicht geben, was ich nicht besitze.“
Adelgunde bewegte mit der Miene tiefster Bitterkeit das Haupt. Dann stieß sie heraus:
„Ah! Ich begreife! Da du heute zu ihr reisen willst, nimmst du die Gelegenheit wahr, mich für immer zu verabschieden.“
Klamm sah seine Frau, mit sanftem Vorwurf im Auge, an.
„Nein!“ entgegnete er dann. „Ich verband mit meiner Bitte gar keine Nebengedanken. Ich wollte nur mit dir überlegen, welchen Modus wir jetzt, nach deiner Rückkehr, nach Mamas Tode, wählen könnten, uns nicht zu trennen, aber nebeneinander ohne Verstimmung einzurichten. Und ferner: Von mir wird der Vorschlag, ganz auseinander zu gehen, niemals gemacht werden.“
„Und weshalb nicht?“
„Meine Dankbarkeit gegen dich verbietet es. Es wäre ein Akt größter Undankbarkeit —“
„Das verstehe ich nicht. Du könntest, wenn dieses Gefühl so mächtig in dir ist, es doch auch in anderer Weise zum Ausdruck bringen —“
„Zum Beispiel, Adelgunde?“ Klamm sprach freundlich und einlenkend.
„Daß du dich bemüht hättest, mich glücklich zu machen, Alfred —“
„That ich es, thue ich es nicht, Adelgunde?“
„Kann ich mich glücklich fühlen, wenn du eine andere liebst?“
Einen Augenblick zauderte Klamm mit der Antwort, dann erwiderte er:
„Ich lebe doch nicht mit der, von welcher du sprichst. Ich nähere mich ihr niemals. Bei unseren Begegnungen haben uns zwar unsere Gefühle überwältigt, aber dabei ist es geblieben. — Wir haben nicht einmal korrespondiert.“
„Ich glaube dir, Alfred. Aber du liebst sie doch — und mich liebst du nicht —“
Nun zog er die Schultern.
„Wollen wir uns nicht einmal sachlich verständigen, Adelgunde. Ich wiederhole Vorhergesagtes.“
Sie nickte ernst.
„Wohlan, ja, sprich, Alfred.“
„Sage mir erst mit einem unverbrüchlichen Wort der Wahrheit, ob du dir in der Ehe mit mir nichts vorzuwerfen hast? Kamst du keinem Mann in deinen Gedanken, keinem durch deine Handlungen entgegen? Ich fordere von dir dieselbe Wahrhaftigkeit, die ich dir eben bewiesen.“
Erst sah sie ihn forschend, mißtrauisch, aber auch ängstlich an, dann erwiderte sie:
„Du weißt, wie ich bin. — Ich interessiere mich für Männer —“
„Das ist keine richtige Antwort, Adelgunde. Ich frage dich auf Ehre und Gewissen:
„Interessierst du dich nicht in ungewöhnlich starker Weise für Herrn Arthur von Knoop. Warst du nicht in Paris wiederholt mit ihm zusammen? Hat er dir nicht Avancen, ja einen Antrag gemacht? Mir ist das von mehreren Seiten mitgeteilt —“
Adelgunde zuckte zusammen und statt zu antworten, ließ sie sich neben ihm nieder, umschlang seine Knie, sprach auch jetzt nicht, aber weinte und schluchzte bitterlich.
„Ach, was werde ich hören müssen,“ stieß Klamm heraus. Und dann:
„Sprich, was es auch sei. Ich bitte dich, Adelgunde. Es ist bei dir dein bester Freund auf der Welt trotz alledem! Er wird alles verstehen und sicherlich alles — vergeben können.“
„Nein, nein — nein, das — das kannst du nicht —“
Sie war wie zerschmettert. Als ob die Kräfte versagten, die Glieder zu regieren, dem Körper zu gebieten, so lag sie da.
„Rede — rede — ich bitte dich noch einmal,“ drängte Klamm gütig.
„Du weißt ja alles, Alfred —“
Ein kurzer Laut ging aus Klamms Munde. Dann sprach er:
„Nun wohlan! Aber wenn es so ist, so verstehe ich nicht, daß dir die Trennung von mir so schwer wird. Jetzt brauche ich ja nicht mehr zu fragen, ob du mich noch liebst! Jetzt erweise ich dir ja einen Dienst, wenn ich sage: lösen wir unsere Ehe.“
„Ach, Alfred, ich liebe dich ja doch, liebe dich ja tausendmal mehr, als jeden anderen Menschen, wenn ich mein besseres Ich finde, wenn ich still und ruhig, nicht im Rausch des Vergnügens bin. Aber jetzt, jetzt — nachdem ich die Treue gegen dich verwirkte — bleibt mir ja nichts anderes, als dich zu bitten, daß du — mich — frei giebst.“
„Armes Weib — arme Frau — Ich wollte, ich könnte dir helfen. — Ich wollte, ich könnte dich glücklich machen. Glaubst du, daß ich mit dir fühle, Adelgunde — ?“
„Ja — ja,“ seufzte sie mit immer noch abgewendetem Gesicht. — „Ich glaube alles von dir, was gut, nachsichtig, groß, menschlich und gerecht ist. Grade weil du, obschon auch bisweilen ein irrender Mensch, alle deine Gedanken auf das Ernste, Maßvolle, wahrhaft Gute gerichtet hast, muß ich dich ja lieben, kann ich das Gefühl für dich nicht aus meinem Herzen reißen.“
„Rege dich nicht auf, Adelgunde! Beantworte mir aber noch eine Frage: Ich stelle sie, um zu überlegen, ob ich dir in deinem Sinne zu helfen vermag —“
„Nun ja, ich bitte?“ bestätigte sie und nahm, jetzt ihr Angesicht trocknend, ihm gegenüber im Sofa Platz.
„Ihr wollt euch also heiraten — ?“
„Ich habe ihm noch keine Zusage gegeben. Wie könnte ich —“
„Er drängt dich aber?“
Adelgunde nickte.
„Und du meinst, daß ihr für einander paßt?“
Sie zog die Schultern.
„Ich finde bei ihm gleichen Sinn und gleiche Interessen. Das zieht mich an. Er besitzt eine eiserne Gesundheit, einen unverwüstlichen Gleichmut, einen Cynismus, der mich nicht nur nicht stört, sondern anzieht. Er hat ein vorteilhaftes Aeußeres, er weiß sich in der Gesellschaft zur Geltung zu bringen. Er ist klug und ist geschickt in allen Dingen, die die Kreise, in denen ich leben möchte, schätzen.“
„Hm — aber er ist kalt — sehr kalt, Adelgunde. Wie hat er sich gegen seine Frau benommen —“
„Sie langweilte ihn — sie ist ein Tugendspind — sie ist phlegmatisch, ohne Temperament — sie liebte ja auch dich, nicht ihn.“
Adelgunde wollte noch mehr sagen, sie war im Begriff, einen Ausfall gegen Ileisa zu machen, aber Klamm ließ sie nicht dazu gelangen.
Er sagte:
„Wenn du nun aber dasselbe in der Ehe erlebst, wie Ileisa, Adelgunde —?“
Sie stieß an mit einem herbklingenden Laut. Dann erwiderte sie in einem wehmütig ernsten Ton:
„Gewiß, es kann kommen, daß er auch mich vernachlässigt. Aber habe ich dann weniger, als jetzt?
„Wir leben doch auch nur nebeneinander! Aber Arthur von Knoop wird mich nie in der Ausübung meiner Neigungen hindern, wir werden — ich wiederhole es — in dieser Beziehung völlig harmonieren. Es giebt keine Menschen, die nach der Richtung besser für einander passen.“
„Hm — so wären wir uns denn einig. — Du willst von mir gehen — ?“
„Ich will nicht, du willst, Alfred — und nun muß ich, da ich mich — deiner — unwert gemacht —“
Sie sprach die Worte mit tief herabgesenktem, demütigem Blick, abgebrochen, voll Scham und Zerknirschung. Und Klamm sprach:
„Ich will dir nichts vorwerfen und ich will dir nichts nachtragen. Ich will mich in deine Lage hineinversetzen und denken, ich sei es selbst, dem zu verzeihen wäre. Das ist meine Antwort!
„Ueber alles weitere, über das wann und wie wollen wir uns in völligem Frieden verständigen. — Lasse uns jetzt speisen. Komm! Ich muß noch meine Geschäfte besorgen, packen — ich kann das arme Weib in Hamburg nicht ohne Hilfe lassen. Finde dich darein. — Noch einmal! Komm!“
„Ich kann nichts essen, Alfred! Aber ich will dir danken, du guter, edler Mensch.“
Sie umschlang ihn und küßte ihn wie eine Braut. Und ihn durchzog's, und alle Schauer des Mitleids drangen auf ihn, aber auch jene Empfindungen, die uns trotz alles Kämpfens beschleichen, wenn wir die Liebkosungen einer Frau — dulden, statt ihrer zu begehren.
* * * * *
Klamm saß in der Vorstadt Hamm bei Hamburg Ileisa in dem Wohngemach einer äußerst eleganten und bequem eingerichteten Villa gegenüber. Er war, wie er es beabsichtigt und gemeldet hatte, am Abend abgereist, und hatte sich nach kurzer Morgenruhe in Streits Hotel sogleich nach Hamm aufgemacht.
Das Wesentlichste, das zur Bestattung gehörte, war schon von Ileisa besorgt worden. Nach Ueberwindung der ersten Erschütterung und des ersten Schmerzes, hatte sie sich aufgerafft und die notwendigen Vorkehrungen getroffen.
Klamm war auch schon mit ihr ins Sterbezimmer getreten.
Die alte Dame, deren ganzes Leben eigentlich nur in der Sorge für andere bestanden, und eben doch dieses ihr Schicksal, sanft ergeben, getragen, hatte dagelegen wie eine Schlafende. Ein Ausdruck stillen Friedens hatte ihre Mundwinkel umschwebt; nichts von dem Abstoßenden, das sonst meist der Tod mit sich führt.
Ileisa aber war bei ihrem Anblick in bittre Thränen ausgebrochen, und anfänglich war's Klamm kaum möglich gewesen, sie zu besänftigen.
Später ließ er sich berichten, wodurch der Tod herbeigeführt sei, was der Kranken gefehlt habe.
„Sie hat wohl mehr der Gram getötet, als körperliches Leiden,“ erklärte Ileisa. „Sie konnte es weder überwinden, daß so schnell alles ausgelöscht war, was sie sich als mein Glück gedacht, noch vermochte sie sich mit ihrer feinen Seele, ihrem Stolz und ihrer sittlichen Auffassung darin finden, daß mich Knoops fortan fast ganz wie eine lästige Zugabe ansahen und behandelten, statt als Verwandte, als Opfer der Unbeständigkeit ihres Sohnes.
„Sie warfen und werfen — je länger die Zeit — die Schuld an allem, was eingetreten, auf mich. Sie versetzten sich nicht einen Augenblick in die Lage einer geschiedenen Frau, die zwar nun zu leben hatte, aber naturgemäß in einen menschenscheuen, weltverachtenden und lebensmüden Zustand geraten war.“
„Und Fräulein Margarete?“ fragte Klamm.
„Sie ist so leidend, daß man an ihrer Wiedergenesung zweifelt, ja, sie ist wohl überhaupt aufgegeben. Sie schleppt sich nur noch als unheilbare Lungenkranke nach der Influenza, an der sie fortdauernd in schwerster Weise gelitten, hin. Wenn mich etwas schmerzt, wenn mich etwas außer dem Hinscheiden meiner Tante traurig macht, so traurig, daß ich jeden Tag daran denken und mich sorgen muß, so ist es das Schicksal dieser meiner Freundin. Sie ist ein wahrhaft vortreffliches Mädchen, Sie wissen es, Herr von Klamm. Und sie war mir wie eine treue Schwester.“
„Hm,“ stieß Klamm nachdenklich heraus. „Wenn ich bedenke, wie glücklich die Familie Knoop war, und was aus ihnen nach Aufgabe ehrlicher Arbeit geworden ist!
„Die Alten voll tiefster Enttäuschung, voll sehnsüchtigen Verlangens nach dem „Einst“, die Tochter sterbend — der Sohn — der Sohn. — Was wissen Sie von ihm, Frau Ileisa?“
„Nichts — gar nichts! Bei dem formellen Scheidungsakt haben wir uns noch einmal gesehen und gesprochen. Da gab er mir die Hand und sagte in seiner kalt nüchternen Weise: ‚Lebe wohl! Möge es dir gut gehen,‘ dann ging er, ohne mich auch nur noch einmal anzusehen. Er behandelte die Angelegenheit ganz wie ein nun einmal nicht zu umgehendes, möglichst rasch zu Ende zu führendes Geschäft. Er ist ein Mensch, der nur sich kennt, der nichts respektiert, aber allerdings auch sich selbst nicht.
„In dieser Hinsicht ist er äußerst objektiv, er ist durchaus nicht im Unklaren über sich. Er giebt der Wahrheit die Ehre, spielt keine Komödien. Und das war's ja auch, das mich seinerzeit anzog, wodurch es kam, daß ich meiner Tante glaubte, die mir zuredete und einbildete, ich könne auf ihn einwirken. Er war anders, als der Durchschnitt. Er besaß Konsequenz und Willen, wennschon er, wie sich herausgestellt hat, lediglich die Pfade bequemer Selbstsucht und Genußsucht beschritt.
„Nachdem er mich abgethan hat, wird er, ich bin dessen sicher, eine möglichst vorteilhafte Partie zu machen suchen. Er will gut leben und höchstens bei Spekulationen einmal seinen Kopf in die Weiche legen!“
Klamm hatte Ileisa mit großer Spannung zugehört. Als sie geendet hatte, sagte er.
„In der letzteren Annahme irren Sie sich durchaus nicht, Frau Ileisa. Was sie voraussetzen, ist schon unterwegs.“
Und während er den Eindruck in Ileisas Mienen beobachtete, schloß er:
„Arthur von Knoop wird in nicht zu langer Frist — meine Frau heiraten.“
„Wie? Sprechen Sie die Wahrheit?“ brachen die Worte aus dem Munde der Frau, während ihre Wangen erbleichten, ein eigenes Feuer aber in ihren Augen aufleuchtete. —
* * * * *
Zwei und einhalb Jahre waren nach den geschilderten Vorgängen verstrichen. Je nach ihrem Thun und Treiben, nach den auf ihr Innenleben von außen einwirkenden Geschehnissen, war den einzelnen das Dasein als ein Wandeln in einer glücklichen Welt oder als eine Last erschienen.
Wo die Anforderungen gering, die erkenntliche Empfindung für des Himmels Zuwendungen lebhafte, wo Pflichtübung und Arbeit die Grundlagen gewesen, hatten sich die Menschen zufrieden gefühlt. Wo die Sucht nach fortwährenden Abwechslungen und Zerstreuungen den Hauptinhalt des Denkens und Handelns gebildet, hatten sich Unbefriedigung und Ueberdruß eingestellt.
Nach ihren Charakteren hatte sich aller Schicksal vollzogen.
Das zielbewußte Streben Klamms hatte seinen Lohn empfangen. Seine Hoffnungen hatten sich erfüllt. Er war Herr des Geschäftes, dem er sein ganzes Interesse von vorneherein zugewendet, geworden, und neben ihm, als seine Frau, lebte Ileisa. Sie ging ganz in ihm auf. Ihr Augenmerk richtete sich von früh bis spät auf ihn und ihre Obliegenheiten. Sie war sein rechter Kamerad und sein bester Freund geworden. Wie er es wollte, so war es gut. Was er vornahm, paßte auch ihr. —
Arthur hatte Frau von Klamm geheiratet und ihr Vermögen eingezogen. Nur ein größerer Teil war auf ihren Wunsch und bestimmten Willen dem Zeitungs- und Druckereigeschäft geblieben; Klamm verzinste es ihr. Das Gut war verkauft. Dagegen hatte Klamm eine Villa in Wannsee erworben, in der sein guter Geschmack und sein praktischer Sinn, von Ileisa unterstützt, einen vollendeten Ausdruck gefunden. Nebenan hatten sich Milans angebaut.
Auch Arthur lebte mit seiner Frau gut. Sie fand an seiner Seite die volle Möglichkeit, das Dasein zu genießen. Sie hatten beide den gleichen Ehrgeiz, eine Rolle zu spielen, und fanden ihre Rechnung. Ihm half sein kalter, und ihr ihr leichter Sinn über das fort, was sich allen Menschen einmal störend in den Weg stellt. Zu Streit und Scenen kam es zwischen ihnen schon deshalb nicht, weil jeder den anderen gewähren ließ. Auch bewahrte ihn sein Egoismus und sein kühles Temperament davor, eine gewisse Grenze jemals zu überschreiten, und Adelgunde besaß doch zu viel sittlichen Fond und soviel Erfahrung, um sich nicht auf Abenteuerlichkeiten einzulassen, die ihren Ruf und ihres Mannes gesellschaftliche Stellung gefährden konnten.
Knoops hatten ihre Tochter Margarete verloren. Nachdem Arthur noch am Grabhügel seiner Schwester gestanden, auch eine Aussöhnung zwischen ihnen stattgefunden, waren sie auf ihr Gut in Holstein zurückgekehrt.
Hier lebten sie mit Nachbarn, die zu ihnen paßten. Unter dem Adel eine Rolle zu spielen, hatte Herr von Knoop völlig aufgegeben. Er suchte sich den Umgang von Personen, die, wie er jetzt, ganz in ihren Interessen für die Landwirtschaft aufgingen, und deren einfacher Sinn zu seinem im Grunde einfachen Naturell, und besonders zu der Richtung seiner Frau paßte. — —
Unter den Briefen, die Alfred von Klamm eines morgens auf seinem Tisch im Frühstückszimmer in der Stadtvilla vorfand, erregte ein Schreiben seine und auch Ileisas Aufmerksamkeit im hohen Grade. Es lautete:
„Hochverehrter Herr von Klamm!
Ich liege seit elf Wochen bereits in Bethanien im Lazaret. Ich habe einen Knochenfraß im Körper, dessen Ende nur der Tod sein kann. Ich bitte Sie flehentlich um Unterstützung! Vergessen Sie Vergangenes, berücksichtigen Sie, ich bitte, dagegen, daß ich indirekt mit Anlaß gewesen bin, daß Sie erreicht haben, was Sie heute — ein Glücklicher nach allen Richtungen — Ihr eigen nennen!
Und um dieser Thatsache und um der edlen Gesinnung willen, die Ihnen eigen, wage ich, Ihnen diese Zeilen zu schreiben.
Der Edle verzeiht, wenn er sieht, daß sein Nebenmensch in Qualen dahinsiecht. Sie sind ein solcher, und ich bin ein armer Elender! Keiner hilft mir!