Chapter 15
Ileisa zauderte, sie hob die Schultern und atmete tief auf. Aber in der Ueberlegung, daß ihr Mann ihr ihre Freiheit bereits zurückgegeben, überwand sie alle Bedenken. Auch drängte es sie, wie ihn, nach Aussprache, nach Ablösung von der Qual ihres Innern.
„Mein Mann erklärte mir vor einigen Stunden, daß er sich mit seinem Vater überworfen habe, daß er sich auf eigene Füße stellen, aber auch, daß er die Ehe mit mir wieder lösen wolle. —“
„Wie? Das that er? Das ist geschehen? Und die Gründe?“
Ueber Ileisas Angesicht flog ein hartes Lächeln.
„Gründe? Er erklärte mir, daß er mir durchaus nichts vorzuwerfen, daß er aber eingesehen habe, daß wir nicht für einander passen. Er berief sich bei seinen kaltherzigen Erklärungen auf den Umstand, daß ja — auch — ich — ihn nicht liebe — —“
„Und das stimmt mit den Thatsachen überein?“
Statt zu antworten, senkte Ileisa das Haupt, und ihre Hand strich über ihre Augen, aus denen es unaufhaltsam hervortropfte. —
„Ah — Sie arme, liebe Frau,“ flüsterte Klamm weich.
„Wie fühle ich mit Ihnen — doppelt, da ich mich in gleicher Lage befinde.
„Ja, in demselben Vertrauen, das Sie mir geschenkt haben, und das ich ehren werde, bekenne ich Ihnen, daß ich fast vor einer gleichen Entscheidung stehe, insofern schon, als auch ich nicht glücklich bin.
„Seien Sie nicht traurig, wenn sich alles friedlich lösen kann. Sie sind die Bevorzugte. — Ich — ich vermag mich niemals von meiner Frau zu trennen, es sei denn, sie legte diesen Wunsch an den Tag.
„Mein freier Wille ist durch das Gefühl der Dankbarkeit, das ich ihr für ihre aufopfernde Pflege in meiner lebensgefährlichen Krankheit schulde, gebunden. Eben dies Gefühl war's ja auch, das mich damals veranlaßte, ihr meine Hand zu reichen. —
„Ja, gnädige Frau — wir sind beide den falschen Weg gegangen, Sie, indem Sie, statt Ihr Herz sprechen zu lassen, damals Ihrer Umgebung allzu viel Gehör über mich schenkten, und ich, indem ich zu weich an unrechter Stelle war — etwas that, das, ich wußte es, mich einst gereuen würde. Nun ist für mich ein Glück in der Ehe dahin. Selbst meine Arbeit, die mich entschädigen könnte, macht mich nicht froh, weil meine Frau auch auf sie scheel herabsieht, sie mir fortwährend zu verleiden sucht.
„Doch ich spreche von mir; — reden Sie — ich bitte Sie — von sich. Nur das allerwärmste Interesse leitet mich. Ich möchte Sie ja so gern glücklich wissen —“
Er sprach die letzten Worte so weich und herzlich, und seine Empfindungen waren so lebhaft, und seine Gefühle quollen so stark über, daß er ihr näher trat und sie unwillkürlich sanft an sich zog.
Und da neigte sie stumm das Haupt, und weinte sich aus wie ein schluchzendes Kind. —
* * * * *
Inzwischen hatten sehr lebhafte Gespräche zwischen Herrn Knoop und seinen Damen stattgefunden. Die Entschiedenheit, mit der Arthur aufgetreten war, besonders aber die Gleichgültigkeit, mit der er die Zuwendungsfrage behandelt, war Herrn Knoop so überraschend gekommen, daß er zu gar keiner rechten Klarheit gelangen konnte.
Er hatte ja nur zur größeren Wirkung seiner Worte mit der Entziehung der Jahresrente drohen wollen. Nun war durch Arthurs Verzichtleistung, die neben ihrer Unnatürlichkeit sein Herz deshalb so stark berührte, weil sie Arthurs Gemütlosigkeit selbst gegen seine Eltern nur allzu scharf beleuchtete, alles verschoben und auseinander gerissen.
Frau Knoop pflanzte dagegen doch noch Hoffnungen auf. Sie erklärte, daß sie sich von einer Unterredung mit Arthur ein Einlenken verspreche, und daß sie auch Ileisas Einfluß vertraue. Grade dieser Zwischenfall könne vielleicht eine Wandlung in alles bringen. Die Ehegatten würden sich nähern, da nun Arthur materiell von Seiner Frau abhängig werden würde.
„Du wirst ihr doch dasselbe geben, wie ihnen beiden vorher?“ schloß Frau Knoop ihre Rede.
Bevor Herr Knoop antworten konnte, sagte Margarete:
„Ich fürchte, liebe Eltern, daß die Dinge einen ganz anderen Verlauf nehmen werden, als ihr voraussetzt.
„Ich stehe unter dem Eindruck, daß Arthur deshalb so entschieden hat, weil er so die beste Gelegenheit findet, sich seiner Frau wieder zu entledigen —“
Herr und Frau Knoop sahen ebenso überrascht wie erschrocken empor. Wenn sie sich auch nicht verhehlten, daß die Ehe drunten im Nebenhause keine glückliche sei, so war ihnen doch der Gedanke nie gekommen.
„Wie, das meinst du?“ fiel Frau Knoop, die ihrer Tochter richtigem Instinkt außerordentlich vertraute, höchst beunruhigt ein. „Das wäre ja schrecklich! Hat Arthur in diesem Sinn jemals mit dir gesprochen?
„Du lieber Himmel,“ beendete sie seufzend ihre Rede. „Wenn das nun auch noch käme, wenn das das Ende wäre —“
Margarete überlegte, ob sie noch mehr verraten, ob sie ihren Eltern mitteilen sollte, wie sich Ileisa bereits geäußert hatte!
Aber sie schwieg. Sie wußte, daß sie, wenn sie jetzt redete, damit Ileisas Zukunft gefährden könne. Sie würden jetzt Ileisa die Schuld beimessen. Noch waren ihnen, trotz allem Geschehenen, die Augen nicht weit genug geöffnet. Natürlich! Dem Sohne konnte man es zur Not nachsehen, wenn er sich für andere Frauen interessierte, sein eigenes Weib vernachlässigte, oder gar die Treue brach. Aber sie — sie durfte kein anderes Gefühl, als das des Enttäuschungsschmerzes in sich aufkommen lassen!
Das waren die landläufigen Anschauungen der Menschen, und auch die ihrer Eltern.
Margarete mußte, um Gutes für Ileisa zu erwirken, nachweisen, daß alle Schuld Arthur zufalle, der in ihren Augen auch ganz allein der Schuldige war.
„Es ist so, glaubt es mir! Er will wieder frei sein! Und daß Ileisa sich nicht die Augen ausweinen wird, dessen bin ich gewiß! Ist das eine Ehe! Wie geht er mit ihr um! Wann ist er einmal abends zu Haus'? Und wenn er mit ihr zusammen ist, spricht er entweder gar nicht, oder redet mit ihr wie mit irgend jemandem, mit dem ihn der Zufall in Berührung gebracht hat.“
„Na, daß Ileisa auf ihn hätte mehr einwirken, daß sie sich auch ihrer Pflichten besser hätte erinnern können, ist sicher,“ fiel ganz nach Margaretes Erwartung ihr ihre Mutter in die Rede.
„Gewiß, sie macht keine Scenen, sie ist fügsam, weiß zu schweigen und klagt nicht. Aber das hat ihn vielleicht grade gereizt. Er mit seinem lebhaften Temperament will Anregung —“
„Es mag sein, Mutter, aber wenn Menschen so verschiedene Interessen besitzen, tritt schon von vorneherein eine Entfremdung ein. Ileisa hat eine ernsthafte Lebensauffassung, ist häuslich, sparsam und wirtschaftlich! Musik, Lektüre und Unterhaltungen, die einen tieferen Inhalt besitzen, langweilen Arthur, Gemütswärme und Zuspruch bezeichnet er als Gefühlskomödie, und Pflichten, die er doch auch wahrlich hat, erkennt er nicht an. Was soll denn die arme Ileisa thun?“
Frau Knoop mußte zugeben, daß ihre Tochter recht hatte. Aber aus der schmerzlichen Einsicht entstand keine milde Gesinnung gegen Ileisa, sondern ein bitteres Gefühl, daß jene so viel mehr wert war, als ihr Sohn.
Herr Knoop hatte stark rauchend bisher zugehört, ohne die beiden Frauen zu unterbrechen. Nun aber sagte er:
„Es muß eine faktische Trennung deshalb verhindert werden, weil wir einen öffentlichen Skandal unter allen Umständen zu vermeiden haben. Das wäre Wasser auf die Mühle aller der uns ungünstig gesinnten, von neidischen Gefühlen erfüllten Familien.
„Nein, nein, das darf und soll nicht sein. — Können sie wirklich nicht mit einander leben — ich hoffe, daß Margarete nur nach Eindrücken urteilt, — dann darf nichts an die Oeffentlichkeit dringen.
„Und du urteilst doch nur vorläufig nach Eindrücken? Du antwortetest nicht auf die Frage deiner Mutter, ob Arthur irgend etwas darüber geäußert hat!“
„Nein, aber sie haben beide mir gegenüber nicht verhehlt, daß sie unglücklich sind —“
„Hm — so also doch — — So weit ist Ileisa schon gegangen?“ warf Herr Knoop betroffen hin.
„Für alle Fälle wollen wir hören, wie die Dinge zwischen den beiden drüben verlaufen sind, was Arthur ihr gesagt hat! Geh' hinüber, Frau! Ileisa soll herkommen! Arthur wird ja jedenfalls heute abend wieder nicht zu Hause sein!“
Frau Knoop erhob auch keinen Einwand. Sie nickte still. So viel Trübes ging durch ihr Inneres, und ein Spruch, den sie einmal gelesen, kam ihr ins Gedächtnis:
„Nicht Willkür, Ordnung herrscht, Wo Sonnen, Monde kreisen! Gebannt an der Gesetze Kraft Webt, was die Allmacht einst geschafft! So sei's ein Vorbild Dir, o, Mensch! Weich nicht vom Wege! Weich nimmer von Gesetzen ab, Die, unbefolgt, selbst Welten stürzt ins Grab!“
Der Zufall wollte es, daß sich Ileisa, von ihrem eigenen drängenden Verlangen nach Aussprache ergriffen, aufgemacht hatte und das Gutshaus betrat, während Frau Knoop zu ihr unterwegs war.
Frau Knoop traf bei ihrer sogleich erfolgenden Rückkehr, ihre Schwiegertochter im Wohnzimmer, und fast gleichzeitig kamen auch Vater und Tochter wieder und betraten das Gemach.
Durch diese Umstände wurde Margarete an ihrer Absicht behindert, Ileisa vor ihrer Unterredung mit ihren Schwiegereltern erst mit einigen Worten vorzubereiten. Sie wollte sie bitten, sich vorsichtig zu äußern, mehr zu hören, als zu reden.
Es ergriff sie eine starke Enttäuschung, als sie nun bereits bei ihrem Eintritt Ileisa thränenüberströmt in den Armen ihrer Schwiegermutter fand.
„Ach, ich bin ganz fassungslos, Mutter. Arthur hat mir vordem erklärt, daß er nicht ferner mehr mit mir leben will,“ stieß Ileisa, von ihrer Erregung fortgerissen, heraus und bestätigte somit früher, als gedacht, was Margarete als wahrscheinlich behauptet hatte. —
Der Abend verlief den Familienmitgliedern in einer grenzenlos bedrückten Stimmung. Frau Knoop saß nach dem Abendbrot wie zerschlagen da. Während sich ihre Hände an einer Arbeit rührten, tropfte es immer wieder aus ihren Augen. Herr Knoop ging bald wortlos, bald aufgeregt sprechend, auf und ab. Immer wieder wurde erörtert, wie man Arthur beikommen könne, und immer wieder gelangten die Beteiligten zu dem Schluß, daß mit ihm nichts anzufangen sein werde. Jedenfalls wollten sie alle — das wurde zum Beschluß erhoben, — vorläufig das Gut nicht verlassen.
Sie wichen so besser allen Fragen aus. Hier auf dem Lande lag der Verkehr weit auseinander, und ein erheblicher oder engerer hatte sich, wie schon erwähnt, überhaupt zu ihrer Enttäuschung nicht entwickelt.
Und auch das Aeußerste wurde bereits ins Auge gefaßt.
Wenn schließlich die Dinge das traurige Ende wirklich nahmen — wenn Arthur auf Scheidung bestand — dann waren Knoops dafür, daß Ileisa mit ihrer Tante Berlin und überhaupt die Provinz verließ.
Dann wollten auch Knoops fortziehen.
Herr Knoop dachte an seine Heimat, an Holstein, wogegen die Frauen durchaus nichts einzuwenden hatten. Wenn ihr Vater sich dort ein Gut kaufte, war's ganz in ihrem Sinne.
Fräulein von Oderkranz und Ileisa konnten vielleicht künftig in Hamburg wohnen. Dann konnten sie sich untereinander leicht erreichen.
So endete dieser Tag, und so wurde wiederum ein erheblicher Teil von dem „großem Glück“ abgebröckelt, das dem Verkauf des Geschäftes und der Nobilitierung hatte folgen sollen. —
* * * * *
Klamm hatte inzwischen gesonnen und gegrübelt, wie er die Dinge lenken könne. Zuletzt war er zu seiner Mutter gegangen, die schon wiederholt nach ihm gefragt hatte. Ihr war von den Dienstboten mitgeteilt worden, daß Adelgunde abgereist sei und nicht wiederkommen werde. Alfred sollte ihr Aufschluß geben. Es lag sonst nicht in ihrer Art, sich vorzudrängen; sie wartete aus Grundsatz ab, bis man sie rief. Was einst Klamm seinem Freunde Milano gesagt hatte, das legte er in dieser Unterredung seiner Mutter dar, er verschwieg ihr auch nicht die zwischen ihm und Ileisa stattgefundene Begegnung, die Scene, die seine Frau ihm gemacht, und das abermalige Zusammentreffen mit der jungen Frau nebenan.
Und sie sagte:
„Ja, dein Fehler ist, daß du dich zu leicht von deinen augenblicklichen Gefühlen beherrschen und Eindrücke zu sehr auf dich wirken läßt. Dein gutes Herz steht in den gegebenen Fällen über kühler Erwägung.
„Ich rate dasselbe, was ich dir immer riet. Schließe einen Kompromiß mit deiner Frau. Wenn ihr nicht zusammenleben könnt, lebt möglichst erträglich ‚nebeneinander‘.
„Ihr seid's nicht allein, denen etwas zu wünschen übrig bleibt.
„Ich bin gar nicht erzürnt, daß deine Frau ohne Abschied fortgegangen ist; sie hat wohl nicht darüber nachgedacht, daß mich das verwundern, mich gar kränken könne. Und daß sie eine Klage um meinetwillen erhoben hat, verüble ich ihr auch nicht. Junge Frauen betrachten meistens die Mütter ihrer Männer ungefähr wie muhamedanische Nebenweiber! Sie wollen ihre Gatten für sich allein haben. Man kann's ihnen wahrlich nicht verdenken und muß den durch ihre Eifersucht hervorgerufenen Mangel an unbefangenem Urteil ihrem krankhaften Eifersuchtsgefühl zu Gute schreiben.“
Klamm hörte seiner Mutter Reden voll Bewunderung zu. Jegliches suchte sie zum Guten zu lenken. Als er davon sprach, daß er Adelgunde den von ihr schon wiederholt selbst erörterten Vorschlag machen wolle, einen Besuch bei einer Freundin in Paris zu machen, äußerte sie ihren Beifall, meinte aber, daß er Adelgunde dazu bringen solle, selbst diesen Wunsch auszusprechen. Es würde sich sonst leicht Mißtrauen in ihr regen.
In solcher Weise von seiner Mutter angesprochen und gestärkt, begab sich Klamm am folgenden Tage in die Stadt-Villa. Es war eben elf Uhr vormittags geworden; Adelgunde hatte sich grade erhoben und saß beim ersten Frühstück, als Klamm zu ihr ins Speisezimmer trat.
Als sie seiner ansichtig wurde, streckte sie ihm ihre Hand liebenswürdig und mit der Miene völliger Unbefangenheit entgegen, und sagte:
„Das ist freundlich von dir, Alfred, sehr freundlich! Nun sehe ich, daß du wieder gut bist! Ich konnte wirklich nicht anders handeln! Natürlich bin ich zu weit gegangen! Ich habe dir Unrecht gethan, insofern, als du ja nicht die Begegnung mit dem koketten Frauenzimmer herbeigeführt hast. Aber im Recht bin ich wiederum auch!
„Und — und — was sagt Mama?! Hast du sie gesprochen? Grade wollte ich ihr schreiben, und mich entschuldigen, daß ich so fortgegangen bin.
„Na, sie weiß es ja auch ohne Worte, daß ich keine böse Absicht damit verband. — Erkläre übrigens! Welch einen fürchterlichen Lärm haben eure Maschinen wieder einmal gemacht. Werden denn nun auch am Tage die schrecklichen Ungeheuer in fortwährende Bewegung gesetzt?“
So sprach sie rasch und lebhaft nacheinander, erschöpfte alles, was sie beschäftigte, auf einmal.
Klamm sah infolgedessen auch davon ab, die Vorgänge ausführlicher zu berühren. Er sagte nur:
„Du erlaubst dir viel, Adelgunde. Was grade deine Sinne kreuzt, das mußt du haben, ohne Rücksicht auf andere. Aber lassen wir das! und höre, was ich meinerseits vorzuschlagen habe.
„Ich möchte unser Gut noch nicht verlassen. Die Witterung ist so milde, und die Landluft so wohlthätig für meine Nerven, daß es thöricht wäre, mich des guten Einflusses zu entziehen. Ich möchte auch mit meiner Mutter die künftigen Dinge feststellen. Sie will nicht in die Stadt zurückziehen. Es ist das auch von Wert! So haben wir stets jemanden, der draußen nach dem Rechten sieht. Du mußt also allein hier wirtschaften, oder du mußt dich überhaupt anderweitig einrichten. —“
„Was heißt das? Wie meinst du das?“ fiel Adelgunde befremdet ein. Und gleich fuhr sie fort:
„Ah, ich weiß! Ich könnte meine Absicht ausführen, meine Freundin, Frau von Stein, in Paris zu besuchen, das wäre eine Idee. — Das heißt,“ unterbrach sie sich wieder, und stockte.
„Nun? Was hast du? Ich finde den Plan sehr gut. Wenn du von Paris zurückkehrst, werde ich auch den Wunsch haben, wieder in die Stadt zu ziehen. — Also alles in Ordnung —“
„Jawohl, Alfred! Ich will nach Paris reisen! Aber nur dann, wenn die Person — die Knoop — nicht draußen wohnen bleibt. Zieht sie es ferner vor, unsere Nachbarin zu sein, trotz meines Verbots, so — so —“
„Du hast es ihr verboten? Was heißt das? Wie kannst du ihr etwas verbieten? —
„Im übrigen ist deine Reizbarkeit gegen die junge Frau ungerechtfertigt. Ich leugne gar nicht, daß ich etwas von ihr halte — viel halte — es wäre unnatürlich, wenn es anders wäre, da ich mich damals mit ihr verloben wollte. Aber ich habe sie doch niemals gesucht. Wir haben Knoops dann einen Besuch gemacht, bei dem wir sie absichtlich nicht zu treffen wußten, und damit war's vorbei.
„Also gieb nun deine Eifersucht auf. Laß Frau von Knoop bleiben oder fortgehen! So viel ich gehört habe und weiß, ziehen die alten Knoops ehestens wieder in die Stadt. So werden die Jungen wohl folgen!“
„Hm, du kannst sie aber auch in der Stadt treffen —“
„Um Himmelswillen, Adelgunde! Nun beschäftigst du dich plötzlich sogar mit dieser Möglichkeit, während du doch eben nur den Wunsch ausgesprochen, sie solle das Gut verlassen. Ich habe keine Lust und Neigung, dir auf all diesen Wegen zu folgen. Ich werde darauf nicht mehr antworten. Kommen wir zu Ende! Ich muß ins Geschäft! Es bleibt also dabei. —“
„Ich muß ins Geschäft! betonst du. — Nicht einmal in so wichtigen Dingen hast du Zeit — hast du Zeit für mich, Alfred! Ach — ich bin unglücklich. — Ich hoffte einen Mann zu heiraten, der mit mir leben würde. Aber seine wirkliche Braut, seine Frau, die er liebt, ist die gräßliche Zeitung, das ewige Hasten und Jagen, der fürchterliche Geruch des Maschinenöls und der Druckerschwärze. Gieb doch diese Beschäftigung auf! Wir wollen wieder nach Dresden ziehen. — Wir wollen die Hälfte des Jahres auf unserm Gute leben. Das waren köstliche Tage. — Gottlob, daß wir es nicht verkauft haben. Dann lösen wir uns auch von dieser fürchterlichen Knoopschen Gesellschaft, von diesen Parvenüs, von dieser koketten Person, die nicht ruhen wird, bis sie dich mir ganz abgewendet hat. —“
So sprach, weinte und schluchzte die junge Frau, und Klamm ging auch diesmal in allergrößter Unbefriedigung von ihr.
Er wußte zwar, daß sie nach Paris reisen, daß er vorläufig Ruhe haben, und den Geschäften wurde leben können, aber es war doch nur ein Aufschub. Wenn sie zurückkehrte, hatten sie von neuem Kompromisse mit einander zu schließen. —
* * * * *
Inzwischen hatte Fräulein von Oderkranz an Ileisa einen Brief gerichtet, in dem sie ihrer Verwunderung und ihrer Enttäuschung Ausdruck verliehen, daß sie so lange nicht bei ihr gewesen sei. Sie sehne sich nicht nur nach einem Wiedersehen, sondern müsse auch noch eine besondere Angelegenheit mit ihr besprechen.
Es beherrsche sie seit Tagen ein Gefühl von Sorge und Angst, dessen sie nicht Herr werden könne. Vielleicht sei's nur körperlich, aber nicht minder unerträglich. Sie möge sie beruhigen und sobald wie möglich kommen.
Ileisa ließ das Schreiben aus der Hand fallen und starrte — tief schwermütig, wie in all diesen Tagen — vor sich hin.
Ihre Tante hatte eine nur zu starke Berechtigung, sich Sorgen hinzugeben.
Ileisa graute vor dem Augenblick, in dem sie ihr alles offenbaren sollte. Sie schwankte sogar, ob es überhaupt nicht besser sei, sie erst schriftlich vorzubereiten. Aber sie verwarf doch diesen Gedanken wieder. Sie würde dadurch die Unruhe, die die von ihr über alles geliebte Verwandte beherrschte, sicher noch vermehren.
So machte sie sich denn sogleich auf den Weg. —
Der Hund kläffte wie immer, und die Thür wurde nur spaltenweise geöffnet, wie stets, nachdem Ileisa die Klingel in der Wohnung ihrer Tante gezogen hatte.
Und wie allezeit schritt die alte Dame unter glücklichen Worten voran, und nötigte ihr Herzenskind, sich niederzulassen, nachdem sie ihr selbst behülflich gewesen, sich von ihrem Mantel zu befreien.
„Gott sei Dank, daß du da bist! Wie ich mich gesehnt und gesorgt habe, kannst du dir nicht denken —“
So begann sie, und eine Fülle von warmherzigen Aeußerungen folgte, bis Ileisa endlich auch zum Sprechen gelangte.
Sie erklärte — die notwendige Vorsicht übend — vorerst nur, daß keine Einigkeit zwischen Knoops, Vater und Sohn, sei, daß ihr Mann stets aushäusiger, gleichgiltiger und kälter gegen sie werde, und daß sie schmerzensreiche Tage hinter sich habe. —
„Hm — hm — armes, liebes Kind! Aber sei ruhig, das hat bei Männern seine Zeit! Das kommt dann auch wieder,“ tröstete die gute Alte, aber fügte schon gleich hinzu, was sie selbst gegen Arthur vorzubringen hatte. „Ich habe,“ hub sie an, „trotz meiner bescheidenen Mahnung, die zugesagte Vierteljahrsrente nicht empfangen, und gestern schreibt dein Mann mir gar: ich wüßte doch, daß er sie überhaupt gar nicht zu entrichten habe, sondern sein Vater! Nichts weiß ich, und eben darüber wollte ich auch mit dir reden. Wußtest du es, Ileisa?“
„Nein, Tante!“ stieß Ileisa heraus. „Aber wahrlich! Man darf sich bei meinem Manne über nichts wundern!“
Und durch diese Mitteilung innerlich noch mehr gereizt und zum Reden gedrängt, hielt auch Ileisa nunmehr mit ihren Eröffnungen nicht mehr zurück. Sie erklärte rückhaltlos, was vor sich gegangen war, und nur bezüglich Klamms legte sie sich noch Reserve auf.
Und die alte Dame fiel in ihren Sessel zurück, der Atem wollte ihr vor Erregung stocken.
Also so weit war es schon gekommen! Er drang auf Scheidung!
Und Stunden vergingen, und sie schwanden wie Augenblicke in den Gesprächen über Gegenwärtiges und Zukünftiges.
Und ganz, wie Ileisa es vorausgesehen, so kam's!
Ihre Tante drang zunächst auf sie ein, festzuhalten, dennoch nochmals einen Versuch zu machen, mit Arthur in irgend einer Weise zusammenzubleiben. Ihr schwebte das Urteil der Welt vor Augen, sie überlegte auch, daß Ileisa nun ebenso weit wieder sei, wie sie gewesen. Sie zog ferner die materielle Frage in Betracht, besonders aber lehnten sich ihr Stolz, ihr Selbstgefühl gegen diese Art und dieses frühe Ende auf.
Sie erklärte als ihren unumstößlichen Willen, selbst mit Arthur sprechen und in nichts früher willigen zu wollen, bis sie selbst einen unbedingt richtigen Eindruck gewonnen habe. Und wenn wirklich alles an der Unempfindlichkeit dieses auserlesenen Egoisten scheitern sollte, dann wollte sie im Austausch ihrer Zustimmung zur Scheidung wenigstens ihn bindende materielle schriftliche Zusicherungen erlangen.
Ileisa wollte anfänglich ihrer Tante entgegentreten, aber eine nähere Ueberlegung hielt sie doch davon ab. Sie war es sich schuldig, die Dinge nicht ohne eine nähere Erörterung hinzunehmen. Auch waren die materiellen Verhältnisse zu berücksichtigen. Es hieß einen völlig falschen Stolz anwenden, in Armut zurückzukehren, wo die Umstände so lagen, wie hier.
Ueberdies war Ileisa sicher, daß Arthur auf seinem Scheidungsantrag beharren würde, und wiederum hatte auch Ileisa nichts mehr einzuwenden. Nur eine nicht zu bannende Schwermut, Traurigkeit und Oede beherrschte ihr Inneres. Ein Weh um den Verlust ihrer Ehe war nicht mehr vorhanden. Nur wenn sie Klamms gedachte, schwoll ihr Herz auf.
* * * * *
Die Unterredung zwischen Fräulein von Oderkranz und Arthur fand infolge schriftlicher Vereinbarung in der Wohnung der alten Dame statt.
Arthur saß in seinem hochmodernen, schwarzen, eben aus einem Mode-Magazin hervorgegangenen Anzug, mit dem sorgfältig gepflegten Spitzbart und den überaus subtil gepflegten Händen, der ein zwar höfliches, aber sehr gemessenes Wesen hervorkehrenden alten Dame gegenüber. —
„Ich habe die Bitte an Sie gerichtet, mich zu besuchen, weil ich nach den mich tief erschütternden Mitteilungen meiner Nichte aus Ihrem Munde hören — um der Ehre unseres Namens willen — hören möchte, welche Gründe Sie bestimmen, die Ehe wieder lösen zu wollen?“ begann Fräulein von Oderkranz und schob den dürren, in einem altmodischen, braunen Seidenkleide steckenden Körper in steifer Haltung zurück.
Arthur, der neuerdings ein Glas in dem linken Auge trug, ließ es, ohne es mit der Hand zu berühren, mit ausdrucksloser Miene fallen, und sagte ohne jegliche Erregung: