Charaktere und Schicksale

Chapter 14

Chapter 143,778 wordsPublic domain

Der erste Gedanke, der Klamm kam, nachdem er diesen Brief gelesen hatte, war: daß Adelgunde seiner Mutter mit keiner Silbe gedacht hatte. Sie entbot die Dienstboten zu sich — seine alte Mama konnte sehen, wo sie blieb und was aus ihr wurde. Daß man ihr das Personal nahm, das für sie kochte und ihr aufwartete, kam gar nicht in Frage.

Klamm ließ das Haupt sinken.

Gab's denn wirklich nur eine einzige auf der Welt, die ein Recht auf seine Liebe und unbedingte Verehrung besaß, sie, seine Mutter, die oben gewiß noch seiner wartete, damit er ihr, wie immer, einen Kuß auf die Wange drücke, und ihr „Gute Nacht“ sage.

Schatten umfingen seine Seele und trieben ihm eine grenzenlose Trauer ins Herz.

Fühlte sich Ileisa nebenan unglücklich, so unglücklich, daß sie schon von tiefen Wassern gesprochen, er, Klamm, hätte sich in diesem Augenblick mit seinem Leibe tief unten in der Erde gewünscht.

Er hielt Umschau! Lag's an ihm? War er zu anspruchsvoll? Waren die Menschen im Grunde gut und umgänglich? Verlangte er zu viel — hatte er etwas vom Philister an sich, der nicht in üblicher Weise mitgehen wollte und konnte. Er mußte diese Frage verneinen.

Er suchte ja grade das Gute bei allen, wennschon ihn seine Veranlagung die Schwächen der Menschen mit solcher Deutlichkeit erkennen ließ.

Befriedigte ihn seine Thätigkeit nicht? Gewiß, sie grade! Aber nicht der Tand, das Hohle, das beides ihn stets angewidert hatte. —

Hatte er sich wirklich gegen seine Frau versehen? Nein! Ein weiches Gefühl ohne Nebengedanken hatte ihn fortgerissen, Ileisa so zu begegnen, so zu ihr zu sprechen, wie es geschehen war.

Er hatte einmal die Sehnsucht nach Glück durch das Zusammenleben mit einer Frau.

Die Gedanken gingen weiter.

Die gestrigen Vorgänge im Geschäft hatten ihn belehrt, welche Lasten er sich aufgeladen. Nur durch Vorteilszuwendungen hatte er sich die Personen gefügig gemacht. Geld machte alles! Das ekelte ihn an, das empörte ihn, obschon er das Leben so genau kannte.

Er schnellte empor, fuhr sich mit der Hand über die Stirn, schritt ruhelos auf und ab und überlegte, was er thun sollte. Er fragte sich, was er wohl möchte, was ihn doch noch glücklich machen könne! Er wußte es!

Er möchte Ileisa sein Weib nennen. Sie konnte ja schweigen, sich fügen. Sie hatte ihm weh gethan, aber sie hatte selbst genug darunter gelitten. Ihr Lebensgang entschuldigte sie. Sie liebte ihn noch; seine Erfahrung und sein Blick hatten es ihm unwiderlegbar bewiesen.

Was ihm Adelgunde von Arthur schrieb, wußte er sehr wohl. Die Spatzen schwatzten es von den Dächern, daß sie mit ihrem Manne unglücklich sei, aber ringsum war man dagegen ihres Lobes voll. Alle, die mit ihr in Berührung traten, rühmten ihr gütiges, verständiges und sanftes Wesen. Es kam kein unfreundliches Wort über andere über ihre Lippen, ihr Hauswesen besorgte sie musterhaft, in diese neuen Verhältnisse hatte sie sich in überraschender Weise gut hineingelebt, und immer war ihre Hand offen für Bedürftige.

So sprachen die Menschen — und sie redeten, wie es sich mit der Wahrheit deckte.

Und weiter dachte Klamm:

Es würde Klamms Ideal gewesen sein, hier wohnen zu bleiben, wenn er statt Knoops andere Nachbarn würde erhalten können.

Er, Ileisa und seine Mutter! Sie würden in schönster Harmonie leben!

Und das auszubauen, was er in Berlin begonnen, würde ihn nach wie vor, vollkommen ausfüllen und befriedigen! Nur wäre er gern alleiniger Besitzer, nicht von anderen abhängig gewesen! Schon hatten sich Mißhelligkeiten eingestellt.

Vielleicht konnte er mit der Zeit das Geschäft kaufen, die Aktien an sich bringen. — Aber da stockte er doch nun plötzlich, und überhaupt fiel jetzt doch wieder das ganze Gebäude zusammen! Er war ja an Adelgunde gebunden! Sie, sie hatte ja das Geld! Er war ja der abhängige Mann einer reichen Frau. — Das Luftschloß zerfloß, und alles zerrann. — Er besaß ja nichts, gar nichts — und abermals seine Mutter bei ihrem Recht auf ein endliches sorgenloses Alter mit neuen Fährlichkeiten, gar mit Ehescheidungen zu beunruhigen, war ausgeschlossen. — Als Arthur an diesem Tage nach Hause kam, lag ein Billet von seinem Vater auf seinem Schreibtisch, dessen Inhalt lautete:

„Ich ersuche Dich, morgen früh, bevor Du Dich in die Stadt begiebst, bei mir vorzusehen. Ich habe wegen der heutigen Vorkommnisse zwischen Dir und Deiner Schwester, aber auch sonst mit Dir zu sprechen!“

Nachdem Arthur diese kurz und kühl gefaßten, sicher nichts Gutes verheißenden Sätze gelesen und nochmals gelesen, schloß er den Brief ein und ging eine Weile nachdenklich auf und ab.

Sodann begab er sich zu seiner Frau, teilte ihr aber von dem Inhalt der Zuschrift nichts mit, war überhaupt den ganzen übrigen Teil des Abends in seinem Wesen verschlossen und legte sich auch sehr frühzeitig schlafen.

Am kommenden Morgen besuchte er zunächst den Pferdestall, machte dann einen Spaziergang ins Dorf, und las nach eingenommenem Frühstück in völlig wiedergewonnener Gemütsruhe die Zeitung. Dann nahm er gemächlichen Schrittes den Weg zu seinem Vater nach dem Hauptgebäude.

Vorm Fortgehen wandte er sich noch einmal zu seiner bereits im Hause schaffenden Frau um und sagte:

„Ich gehe zu den Eltern hinüber. Vielleicht lade ich sie zum Abendessen ein. Sollte es der Fall sein — es kommt auf die Stimmung drüben an — müssen wir noch etwas besorgen. Denke inzwischen einmal darüber nach, was wir geben könnten!“ —

Herr Friedrich Knoop befand sich in seinem Arbeitszimmer im Parterre zur Linken, als Arthur ihm gegenüber trat.

„Ah so — du! Jawohl!“ betonte Herr Knoop, der sich mit der Durchsicht von Schriftstücken beschäftigt war, legte letztere beiseite, nickte kurz und unzuvorkommend und zeigte auf einen Stuhl.

„Setz' dich! Wir haben länger zu sprechen,“ fuhr er dann in jenem gewissen Ton fort, den er stets angenommen, wenn es sich um sehr ernste Dinge gehandelt hatte.

„Margarete hat uns gestern den Inhalt des Gespräches mitgeteilt, das zwischen ihr und dir stattgefunden hat!

„Ich habe mir infolgedessen vorgenommen, dir einmal meine Meinung zu sagen. Ich wollte es schon früher thun, unterließ es aber, weil ich hoffte, daß du dich selbst noch rechtzeitig besinnen würdest.

„Bitte, bitte, jetzt rede ich — nachher kannst du, wenn du etwas zu erwidern hast, zu Worte kommen,“ unterbrach er sich, als Arthur das Wort nehmen wollte.

„Als du aus England zurückkehrtest, hattest und warst du so wenig wie heute! Ich beschäftigte dich infolgedessen bei mir!

„Wenn du auch keinen Uebereifer entwickeltest, so hattest du doch Sinn für Arbeit und Erwerb, und ich freute mich dessen und sah dir — und wir alle sahen dir deshalb eine starke, wenig erfreuliche Selbstüberhebung nach, die du aus dem Auslande mitgebracht hattet. —

„Dann kamen die neuen Pläne. Dann kam deine Verlobung mit Ileisa. Von der Zeit an ließest du geschäftlich gänzlich nach, hattest eigentlich nur noch Sinn für deine Passionen und vorübergehend für deine Braut.

„Deinen Eltern hast du nicht die geringsten Rücksichten erwiesen, geschweige bist du ihnen mit Wärme oder gar mit Gefühlen der Erkenntlichkeit für ihre vielfache Fürsorge begegnet.

„Du nahmst alles hin, als ob es ganz selbstverständlich wäre, als ob dir in erster Linie alle Vergünstigungen zukämen!

„Aber ich will das noch hingehen lassen, du bist eben noch jung und unreif. Wenn ich mich einmal über deine Mängel beklagte, wies deine Mutter auf die sicher günstigen Wirkungen durch deine Verheiratung hin.

„Da würdest du gefunden, wieder an Arbeit und Erwerb Freude finden, dich von deiner prächtigen Frau beeinflussen lassen, ein anderer werden!

„Aber leider ist nichts eingetroffen. Im Gegenteil! Deine Selbstüberhebung, deine Arbeitsscheu, dein Drang nach Vergnügungen hat zugenommen, deine Pflichtversäumnisse gegen deine Eltern, deine Schwester und gegen deine Frau haben sich vermehrt, und endlich hast du dir angemaßt, deiner dir einmal in bester Absicht zu Herzen redenden Schwerer das Haus zu verbieten, ja, sie sogar auf die Straße gesetzt! Das stößt dem Faß den Boden aus!!

„Nein, nein — nein — bitte sehr! Lasse mich erst aussprechen. Ich wiederhole vorher Gesagtes!

„Ich erkläre dir nun folgendes:

„Wenn du deine Schwester nicht um Verzeihung bittest, wenn du nicht innerhalb vier Wochen Thätigkeit gefunden hast, wenn du dich nicht völlig änderst und ein anderes häusliches Leben beginnst, so ziehe ich — es ist mein fester Wille — die Zuwendungen zurück, die ich dir bisher gewährt habe.

„Es war leider ein Fehler von uns, dir überhaupt in solcher Weise die Hand zu bieten. Es entsprang das derselben Schwäche, der ich mich auch deinem Onkel Theodor gegenüber schuldig gemacht habe. Man soll nach Grundsätzen verfahren, sich niemals von Gefühlen leiten lassen, auch selbst seinen Angehörigen gegenüber nicht!

„Mein Familiensinn ging falsche Wege; es soll aber jetzt anders werden!

„Du kannst dir, wie jeder andere, dein Brot verdienen, und keinesfalls will ich dir ferner — selbst wenn diese Unterredung einen günstigen Erfolg hat — eine so hohe Rente bewilligen. Equipagen und Pferde kannst du wieder abschaffen. Vermagst du später selbst so viel zu verdienen, um sie dir halten zu können, so ist es etwas anderes. —

„So, das habe ich zu sagen, und merke es dir, mein Sohn, ich bleibe eisenfest. Diese Wirtschaft soll ein Ende nehmen — und fügst du dich nicht, magst du deine eigenen Wege gehen!“

„Bist du fertig, Vater?“ begann Arthur in einem völlig unempfindlichen Tone, erhob sich zur größten Ueberraschung des Herrn Knoop, und schob sogar, zum Zeichen des beabsichtigten Gesprächs-Abbruchs, den Stuhl, auf dem er gesessen, wieder auf seinen Platz.

„Schön! Wohlan! Ich entgegne auf deine Worte, daß ich mich schon von heute ab auf meine eigenen Füße stellen und nichts mehr von dir für mich fürder annehmen werde. Ich werde aber auch nicht bei meiner Schwester um Verzeihung nachsuchen; sie hat vielmehr mir ihre ungehörigen Ausfälle abzubitten. Ich vermag nicht zu sagen — und das erhärtet meinen Entschluß — ob ich in vier Wochen schon eine Thätigkeit gefunden habe. Es liegen die Verhältnisse zur Zeit sehr ungünstig, und deshalb waren meine Bemühungen bisher auch nicht von Erfolg gekrönt.

„Daß du für Ileisa materiell eintreten wirst, nehme ich dagegen an. Ich habe sie mit eurer Genehmigung geheiratet, und es war nicht nur eine stillschweigende Voraussetzung, daß mir von dir eine Jahresrente überwiesen würde, sondern sie ist mir von dir ohne mein Ansuchen gewährt worden. Ich hätte mich sonst natürlich noch nicht verheiratet. Sie wirst du also in deiner Weigerung, mir keine Zuwendungen mehr machen zu wollen, nicht einschließen.

„Sonst habe ich noch kurz nachstehendes zu entgegnen:

„Nachdem wir nobilitiert worden, sind uns gewisse Pflichten erwachsen. Das liegt einmal bei richtiger Würdigung der Dinge vor, und sie decken und deckten sich ja auch mit meinen bisherigen Neigungen. Ich möchte diesen nicht entsagen — ich möchte eben der bleiben, der ich einmal bin. Ich habe keine Anlage zum Schürzengatten, der den ganzen Tag um seine Frau herumschwärmt, finde auch keinen Geschmack an Familiensimpeleien, sondern brauche Menschen, Luft, Abwechslungen und Anregungen von draußen.

„Da ich das Geld hatte, war ich berechtigt, so zu leben, wie es geschah. Ich habe ja keine Schulden gemacht. Und endlich: ich habe mich nicht geschaffen, wie ich bin; das ist des Schöpfers Laune und Bestimmung gewesen. Unehrenhafter Handlungen bin ich mir nicht bewußt, meine also, eine solche Entschließung, wie sie mir von dir heute wegen eines bloßen Wortstreits geworden, nicht verdient zu haben.

„Aber es ist ganz gut so. Ich wiederhole, daß ich mich füge. Und weiter habe ich denn auch nichts zu sagen, Vater. Grüße Mutter! Ich siedle schon heute nach Berlin über. Wegen Ileisas erhalte ich wohl noch Nachricht! Guten Morgen!“

Während Arthur, von seinem Vater nicht gehemmt, den Weg über den Gutshof nach der Nebenvilla zurücklegte, hielt er folgendes Selbstgespräch:

„Für die nächsten drei Monate habe ich hinreichend Geld, und für weitere drei Monate habe ich unter allen Umständen den erforderlichen Kredit. In dieser Zeit werde ich etwas finden. Ich will mich gleich ernstlich umsehen. Daß alles so gekommen, ist vielleicht nachteilig für mich, vielleicht auch nicht. Mein Vater hat ja nicht unrecht, aber er hat darin unrecht, daß er gleich das Kind mit dem Bade ausschüttet, daß er so vorgeht! Aber das ist seine Art. Er hat es mit Herrn von Klamm ja auch so gemacht.

„Wenn ich mir selbst eine Selbständigkeit und ein Vermögen erwerbe — so werde ich das wertvolle Gefühl besitzen, nicht der von seinem reichen Vater gnädigst dotierte Sohn zu sein. Es ist nicht das Rechte. Ich habe es schon lange empfunden! Bei allem, was ich that, und was sie drüben natürlich stets überflüssig fanden, sah ich den Vorwurf in ihren Augen. Ein unerträglicher Zustand, ein ganz unerträglicher!

„Und meine Frau — Ileisa? —

„Wir passen nicht zusammen. Sie ist aus der sittsamen ‚Margaretenschule‘, sie ist die Mutter Vernunft, die an der Krankheit schweigender Langeweile und tugendsamer Fügsamkeit leidet.

„Ich brauche ein störriges Pferd, einen lebhaften Araber — eine, die mit mir geht durch Dick und Dünn. — Ich brauche ein elegantes, geistvolles Weib, das gesellschaftlich eine Rolle spielen kann und will. So eine, wie die Frau von Klamm — das wäre eine für mich gewesen.

„Und wenn denn die Sache mit einer Trennung zwischen mir und Ileisa endet — na, dann ist's mir eben sehr recht.

„Ich hatte mich in ihren Körper verliebt — ihre Seele kannte ich wenig.“

Nachdem Arthur seine Wohnung wieder betreten hatte, begab er sich mit Hilfe seines Dieners an ein eifriges Packen, und suchte alles zusammen, was er für sein Junggesellenheim brauchte. Auf die Mitnahme von Möbeln verzichtete er vorläufig. Das alles würde sich später finden! —

Dann rief er seine Frau ins Zimmer, legte ein gelassenes Wesen an den Tag und sagte:

„Ich möchte dir gegenüber ganz ehrlich und offenherzig sein, ich möchte dir alles sagen und dich auf die Folgen rechtzeitig vorbereiten.

„Ich hatte eben eine Auseinandersetzung mit meinem Vater. Ich werde von heute nichts mehr von ihm annehmen. Ich will mich — es ist mein fester Wille, und es ist mir der Anlaß durchaus nicht unwillkommen — auf eigene Füße stellen. Ich siedle — vorläufig allein — nach Berlin über.

„Von mir oder meinen Eltern wirst du weiteres hören. Sollte aus dem allen eine Trennung zwischen uns hervorgehen — es erscheint mir zweifellos — so weiß ich, — daß dir dadurch kein Herzeleid entstehen wird. Wir haben uns geheiratet, Ileisa, aber wir passen gar nicht für einander! Ich spreche ja nur das aus, was du mir lange selbst hast sagen wollen. So blind bin ich nicht, nicht nachzuempfinden, daß ich dich nicht befriedige, und ich — ich — ich sage es frei — brauche auch eine andere Frau! Die Welt würde — sollte sie mich jetzt sprechen hören — eine solche Auseinandersetzung, eine solche kalte Erklärung entsetzlich finden! Vielleicht — sicher — würde sie — allerdings in gleicher Lage — anders denken, nicht über mich und dich zu Gericht sitzen.

„Wir können friedlich auseinander gehen. Daß du keine materiellen Sorgen haben wirst, versteht sich.

„Wie gesagt — darüber erhältst du noch Mitteilungen.

„Ach, was! Weine doch nicht, Ileisa! Ich weiß, du denkst in diesem Augenblick daran, wie sich deine Tante beunruhigen wird. Du denkst an die Meinung der Welt — an das, was die Leute sagen werden!

„Bin ich kalt — ich bin ein Mensch, der zuerst an sich denkt, ich leugne es nicht — so gehöre ich doch nicht, wie sie, zu der großen verächtlichen Schar der Komödianten. Ich gebe mich unverstellt, allezeit, wie es in mir aussieht, und da niemand mir etwas anderes vorwerfen kann, als daß ich nicht grade so zugeschnitten bin, wie die Menge es nach ihren Launen und ihren Anforderungen verlangt — so habe ich nur ein Achselzucken und stilles Lächeln über ihren Vormundungsdrang.

„So, da hast du mein Bekenntnis!

„Ich beging einen Fehler, einen einzigen! Ich erkenne den Vorwurf darüber als berechtigt an. Ich habe mir das Leben lediglich nach meiner Façon gestaltet. Ich werde ihn ablegen und nicht, um der Welt zu gefallen, sondern weil ich selbst mich nicht behaglich fühle, weil ich nur wieder zu meiner eigentlichen Natur: zur Thätigkeit und zur richtigen Einteilung zwischen Geschäft und Abwechslung zurückkehren will!“

Und als Ileisa nach dieser stummen Rede völlig in sich versunken, die Hände vor ihrem Angesicht, sitzen blieb, wie jemand verharrte, dem man das Letzte an Leben und Trost abgeschnitten, trat er auf sie zu, löste die Schatten von ihren Augen, und sagte:

„Nun, rede doch auch ein Wort! Ich sprach ja nichts, was nicht in deinem Herzen Widerhall fand!“

So angeredet, löste sich Ileisa aus ihrer Agonie, erhob das Haupt, und sagte in einem bitteren Ton:

„Ja, du hast recht. Du nanntest dich selbst einen Egoisten, und du gabst eben wieder in einer Weise davon Zeugnis, wie wohl sonst kaum ein anderer Mensch es über sich gewinnen würde, Arthur. Und so ist denn auch alles am Platz und gut, und es ist thöricht, daß ich erschüttert bin, daß alles so und so rasch ein Ende genommen. Du hast ja nicht einmal den Versuch gemacht, dich mit mir einzurichten, etwas von der Liebe und Wärme zurückzugewinnen, der du mich früher versichertest.

„Ich weiß mich jedenfalls frei von Schuld, ja, mich trifft nicht einmal ein Vorwurf, nicht alles angewendet zu haben, auf dich einzuwirken!

„Im Anfang habe ich es versucht! Aber mein guter Wille, den ich auch jetzt grade wieder anwenden wollte, prallt allezeit an deiner Kälte ab. Daß ich somit erlahme, ist begreiflich. Wo Steine sind, da wächst kein Samen!“

„Nun wohl! Aber wir sind uns schon heute einig!“ fiel Arthur ein. „Ich verzichte auf eine Erwiderung, da ich dir in der That nichts vorzuwerfen habe, da ich deine Worte gerechtfertigt finde. Ich sage nur: wir haben uns beide geirrt, beide, denn es stand dir ja seinerzeit frei, mir einen abschlägigen Bescheid zu erteilen.

„Ach, da kommt schon Friedrich mit dem Wagen. Karl soll noch meinen Koffer schließen!“

Nach diesen Worten entfernte sich Arthur mit eiliger Beflissenheit. Ileisa aber ging mit langsamen, schweren Schritten in ihr Zimmer und ließ sich dort in einen Stuhl fallen. —

* * * * *

Arthur war bereits seit einigen Stunden abgefahren. Ileisa hatte während dieser Zeit ihren Gedanken eine geordnete Richtung zu geben versucht, und zuletzt den Entschluß gefaßt, sich dahin zu flüchten, wo sie bisher immer noch in ihrem Leben Trost und Kräftigung für ihre Seele gefunden: ins Freie, in die Natur! —

Diesmal wählte sie aber einen anderen Weg wie jüngst.

Sie wollte unter allen Umständen vermeiden, Adelgunde zu begegnen. Schon bei der bloßen Vorstellung, sie könne ihr wieder gegenübertreten, überlief sie ein angstvolles Gefühl. So nahm sie die Richtung nach einem kleinen Walde, der zu dem Gute gehörte. Man mußte ihn durchschreiten, wenn man zur Eisenbahn wollte.

Während sie noch — alles wieder überdenkend — dahinwandelte, auch übersann, daß sie doch noch heute eine Unterredung mit ihren Schwiegereltern über die Geschehnisse herbeiführen müsse, begegnete ihr eine ältere Frau, die aus dem Dorf gebürtig war und fast täglich bei Klamms Dienstleistungen verrichtete. —

Sie gehörte zu den gutherzigen, aber zugleich schwatzlustigen Personen, denen man lieber ausweicht. Heute nun hatte sie etwas ganz Besonderes zu berichten und nahm, nachdem sie Ileisa ehrerbietig gegrüßt, unaufgefordert das Wort, und sagte eifrig:

„Haben gnädige Frau schon gehört, daß auf der Bahn ein Unglück passiert ist?!“

„Nein, nichts habe ich gehört. Was ist denn geschehen?“

„Ja, eben erzählte es mir der Jäger vom Grafen drüben in Edelmark. Unser Herr Baron ist noch glücklich davon gekommen, er hat es sogar zuerst gemerkt und hat gleich vorgebeugt. Er ist während des Fahrens auf das Trittbrett geklettert und ist nach der Maschine gegangen.

„Da hat der Lokomotivführer den Zug zum Halten gebracht.

„Nu ist man einiges Vieh verunglückt; wären sie noch etwas weiter gefahren, hätte es ein großes Malheur gegeben.“

„So — so —! Das ist ja sehr erfreulich, daß alles so gut abgegangen ist. Wo kam denn Herr von Klamm her? Von Berlin?“ forschte Ileisa. Und gleich fügte sie hinzu:

„War Frau Baronin auch mit im Zug?“

„Ach, nein! Die nicht! Die ist ja schon gestern nach Berlin abgereist, ganz plötzlich! Wissen gnädige Frau das gar nicht?“

Ileisa verneinte. Es bemächtigte sich ihrer eine starke Spannung. Ein ahnendes Gefühl sagte ihr, daß Adelgundens Entfernung mit der Unterredung in Verbindung stehe, die zwischen ihr und Alfred stattgefunden hatte.

„Weshalb ist denn Frau von Klamm so plötzlich abgereist?“ warf sie, im Ton gelassen, hin.

Die Frau machte eine geheimnisvolle Miene.

„Ich weiß es nicht genau. Ich hörte man, daß sie in der Küche allerlei sprachen. Der gnädige Herr und die gnädige Frau sollen sich mächtig erzürnt haben. — Sie bleibt auch in Berlin, er bleibt aber noch hier. Er kommt gleich; er ist schon unterwegs. Der Jäger sagte es.“

Ileisa hätte noch mehr fragen mögen. Aber es widerstand ihr, die Neugierige zu spielen. Auch beunruhigte sie der Gedanke, daß sie Klamm begegnen könne. Sie fertigte deshalb die Frau mit einigen Worten ab und schlug einen Seitenpfad ein.

Aber nachdem sie kaum fünfzig Schritt gegangen war, kam Klamm ihr entgegen.

Er schritt nachdenklich einher und sah Ileisa erst, als sie eben in den Nebenweg einbiegen wollte.

Beide waren verwirrt, fast bestürzt. Aber Klamm faßte sich rasch, lüftete den Hut, und sagte in einem warmen Ton:

„Welch ein abermaliger, glücklicher Zufall, gnädige Frau! Wollen Sie nach Hause? Darf ich Sie begleiten?“

Ileisa hätte lieber „nein“ gesagt, aber sie fügte sich, da sie keinen Ablehnungsgrund fand, und schloß sich Klamm an.

„Ich hörte eben, daß sich ein Eisenbahnunglück ereignet hat,“ nahm Ileisa das Wort, um das Gespräch gleich auf ein möglichst unpersönliches Gebiet zu leiten.

Klamm nickte und berichtete.

Wie immer war, was geschehen, von dem Berichterstatter stark übertrieben; aber es bestätigte sich, daß Klamm, da keine Notleine im Coupé gewesen, letzteres geöffnet und bis zur Maschine geklettert war.

„Das können doch auch nur Sie thun,“ stieß Ileisa unwillkürlich heraus. „Ich würde es vor Angst nicht wagen. Andere würden es auch nicht versuchen —“

„Das Gefahrvolle liegt doch nur in der Vorstellung,“ entgegnete Klamm. „Die Schaffner revidieren doch während der Fahrt die Billete —“

„Ja, die — sie sind's gewohnt,“ meinte Ileisa.

Für Augenblicke stockte das Gespräch. Klamm hatte nichts erwidert, und die junge Frau war gesenkten Hauptes neben ihm hergeschritten.

Nun aber blieb Klamm stehen, sah sich um, ob er mit Ileisa allein sei, und sagte:

„Erinnern Sie sich noch, daß wir schon einmal so neben einander hergingen, gnädige Frau? Sie entwichen mir damals rasch. Sie waren mir nicht wohlgesinnt, und nun, da Ihre guten Gesinnungen zurückgekehrt sind, trotz der Erregung meiner Frau, werden wir durch andere Umstände getrennt.

„Sie werden sich wundern, daß ich auf alte Zeiten zurückkomme. Aber ich habe den heißen Drang nach Aussprache. Ich bitte, gehen wir noch eine Weile hier, machen wir einen kleinen Umweg. Fürchten Sie nichts“ — fügte Klamm bitter lächelnd hinzu — „meine Frau ist in Berlin. Sie wird uns nicht wieder beobachten. —

„Und Sie — Sie? — Ich hörte auf dem Bahnhof, daß Ihr Herr Gemahl zur Stadt gefahren sei. So wird auch er nicht schmollen können, daß ich die Gelegenheit ergreife, mich von alten Zeiten wieder mit Ihnen zu unterhalten — Nicht wahr, Herr von Knoop ist nicht auf dem Gute?“

„Nein — — Und er wird auch“ — Ileisa sprach's, obschon sie es eigentlich nicht wollte, obschon sie es, nachdem es geschehen, schon bereute — „er wird auch nicht mehr zurückkehren —“

„Wie? Er wird nicht mehr zurückkehren?“

„Nein! — Wenigstens nicht zu mir —“

„Gnädige Frau! — Was Sie mir sagen. Bitte, reden Sie. — Schenken Sie mir Ihr Vertrauen.“