Charaktere und Schicksale

Chapter 13

Chapter 133,656 wordsPublic domain

„‚Ich möchte Sie nun sehr ernstlich ersuchen, solche Koketterien mit meinem Gatten nicht ferner zu wiederholen! Ich möchte Sie erinnern, daß wir, Ihre Nachbarn, sehr streng über Ehrbarkeit, Sitte und Ehepflichten denken. Jawohl! Nicht nur ich — sondern auch mein Mann, dem Sie von Entbehrungen sprachen, den Sie — nun doch wieder an sich ziehen möchten.

„‚Bitte, bitte, echauffieren Sie sich nicht! Es ist doch, wie man hört, Ihrem Andrängen zu verdanken, daß Sie sich unmittelbar neben uns angekauft haben! Also Thatsachen sprechen!

„‚Ich fordere Sie auf, dafür zu sorgen, daß Ihr Gatte wieder von hier fortzieht. Erst dann werde ich glauben, daß Ihnen Sittlichkeits- und Ehrgefühl nicht abgeht, daß meine Rede den Zweck erfüllt hat, den ich mit ihr verbinde! Ich will meinen Gatten Ihnen nicht opfern!

„‚So, das habe ich zu sagen. Ich empfehle mich Ihnen —‘“

„Und du? Und du? Was antwortetest du?“ stieß Margarete nach diesem Bericht heraus, biß vor Zorn die Zähne zusammen, und ballte unwillkürlich die Hände.

„Ich that nichts, denn ich konnte nichts thun, Margarete,“ entgegnen Ileisa. „Sie war ja schon fort, als alle die Feuer, die sich in mir entzündet hatten, losbrechen und sie versengen wollten.

„Nachdem ich nur eben wieder Atem gewann, eilte ich, ohne mich aufzuhalten, ins Haus. Ich sehnte mich nach Vereinsamung, Nachdenken und Ruhe. Ich wollte mich hier auf's Sofa werfen und ausweinen — und fand dich!“

„Wohlan,“ erklärte Margarete mit fester Stimme und entschlossener Miene, „so will ich statt deiner antworten, so will ich jetzt zu ihr gehen. Ich will Einlaß fordern, und ihr erklären, was sie ist, was die Welt von ihr sagt, und ihr verbieten, sich ferner herauszunehmen, Personen zu beleidigen, die moralisch so hoch über ihr stehen, daß sie die Augen niederzuschlagen hat. Für dich will ich eintreten! Ich will ihr ins Gesicht schleudern, daß sie die Unehrbare ist, die mit Männern tändelt, die nichts anderes kennt, als Eitelkeiten und Aeußerlichkeiten, daß sie sich wie eine ungebildete Xantippe benimmt, während sie sich rühmt, eine Dame, eine Bevorzugte der Gesellschaft zu sein!“

Nach diesem Ausbruch wollte sich Margarete entfernen. Aber Ileisa hielt sie zurück, redete auf sie ein, und teilte ihr das Gefühl der Besonnenheit mit, das sie inzwischen selbst zurückgewonnen. Sie hatte Einkehr in sich genommen, und ihr gerechtes Ich hatte sich gemeldet.

Wenn schon Herr von Klamm die vergangenen Dinge berührt habe, so hätte sie, erklärte sie, als verheiratete Frau, darauf gar nicht eingehen dürfen. Sie habe sich — unglücklich wie sie wäre — von ihrem Enttäuschungsschmerz fortreißen lassen.

„Ich bin,“ fuhr sie fort, „insofern nicht ohne Schuld. Und Frau von Klamms Ausbruch gegen mich war ein Produkt der Eifersucht. Eifersucht aber weiß nicht, was sie thut; sie darf nicht mit dem gewohnten Maß gemessen werden. Daß aber Frau von Klamm auf einen solchen Mann überhaupt eifersüchtig ist, daß sie ihn für sich, für sich ganz allein behalten will, ist's ihr zu verdenken? Ich würde ebenso fühlen, und vielleicht gar auch so handeln.

„Ach, Margarete! Haben wir Klamm nicht beide geliebt und lieben — wir ihn nicht noch heute?

„Ich wenigstens gestehe es in diesem Augenblick. Ich liebe ihn mit der ganzen Kraft meiner Seele. Ich könnte mein Leben für ihn lassen, ich sehe in ihm ebenso sehr das Ideal eines redlich strebenden Mannes, wie ich in Arthur nur ein Abbild jener erblicke, die nichts anderes kennen als ihr genußsüchtiges Ich, die nichts anderes erstreben, als Aeußerlichkeiten.

„Ach — ach — wer rettet mich, Margarete? Ich bin verloren!“ schloß sie erschüttert, und warf sich ihrer Freundin an die Brust.

Margarete aber sagte, nachdem sie Ileisa von ihrer Brust sanft gelöst hatte:

„Ich weiß, wie vielleicht doch noch alles gut werden kann, Ileisa. Rede einmal fest und unerschrocken mit meinem Bruder. Sage ihm, daß du unglücklich seist, bitte ihn, daß er ein anderer wird, daß er mit dir lebt, dir Wärme und Liebe entgegenträgt, daß du sonst neben ihm verdorrst. Gewiß, ich weiß! Eine einzige solche Unterredung thut's nicht. Aber du mußt es ihn wissen lassen, daß es so in dir aussieht. Und wenn er etwas thun will, was ihn von dir und seinen guten Regungen abzieht, so sprich auf ihn ein und beginne immer von neuem, und suche auf ihn einzuwirken. Ihr seid nun doch einmal verheiratet, und als Frau hast du Pflichten übernommen. Du klagst dich an! Ich weiß nicht, ob mit Recht. Sollen es aber nicht Worte bleiben, so mußt du wenigstens den Versuch machen, und erst, wenn alles vergeblich, wenn du erkennst, daß er weder will noch kann — dann füge dich in das Unvermeidliche.“

Und Ileisa erwiderte weich gestimmt:

„Du sprichst gut und weise, und ich will deinen Rat zu befolgen suchen, meine liebe Margarete. Aber wenn es mir nicht gelingt, auf Arthur einzuwirken, vergiß nicht, daß man eigentlich doch nur lehren kann, wenn man etwas zu sagen hat. Ich aber habe die Zuneigung, die ich für ihn empfand, so gut wie verloren.

„Es ist furchtbar, zu gestehen, aber ich bekenne dir, daß ich eher einen Abscheu vor ihm empfinde, denn die Neigung spüre, mich ihm ferner zu nähern.

„Wir haben eben sehr früh mit einander verspielt — und mein Verdienst nach dieser Erkenntnis war bisher nur das — daß ich duldete und — schwieg.“

Und plötzlich, in einem sie mächtig überwältigenden Gefühl, umschlang sie Margarete und flüsterte:

„Willst du mir versprechen, meine teure Margarete, mich, wenn das Ende doch so wird, wie du es herbeizuführen mir selbst rätst — nicht zu verlassen?

„Was soll ich beginnen? Wohin soll ich mich flüchten? Ich zittere schon, wenn ich mir nur vorstelle, was meine Tante sagen wird, wenn ich mein Glück — so nennt sie meine Ehe, und nannte sie sie, als sie mir vordem stets so eifrig zuredete — wieder von mir gestoßen habe!“

„Ja!“ entgegnete Margarete fest. „Ich werde dir eine Schwester sein im besten Sinne des Wortes, Ileisa, ich werde dich — so lange ich lebe und etwas mein eigen nenne — nie verlassen!“

Es waren, während sie redeten, die Abendschatten schon herangeschlichen und hatten das Gemach verdüstert.

Düster war's draußen und in den Herzen dieser beiden Menschen, die nach ihrer Art redeten und Pläne machten, die wie alle anderen Sterblichen durch Einsätze in die große Daseinslotterie zu gewinnen hofften, und doch verloren, oder — ohne Einsätze — in größerer Geduld — der Zeit und den Umständen vertrauend — aufrecht stehen blieben und sich vor den Lebenszufällen schützten, bis die Zeit auch über ihre kämpfenden Seelen die Schwingen ewiger Ruhe ausbreitete.

* * * * *

In der Knoopschen Aktienbuchdruckerei war ein gewaltiges Hin und Her. Klamm hatte mit Zustimmung der maßgebenden Persönlichkeiten eine Reihe von Veränderungen ins Auge gefaßt, und nunmehr herbeigeführt. Es waren Rotationsmaschinen für die Leitung und Buchdruckmaschinen angeschafft, auch Schneide- und Satiniermaschinen besserer Konstruktion eingestellt worden. Ferner war beschlossen worden, die Zeitung durch ein handlicheres Format, neue Schrift, eine andere Einteilung, Textvermehrung, sowie größere Vielseitigkeit zu verbessern.

Klamm ruhte und rastete nicht, Vervollkommnungen zu erstreben. Natürlich wurden bei der Vermehrung der Arbeit die Kräfte der Angestellten in höherem Maße angestrengt. Es hatten deswegen schon heftige Auseinandersetzungen mit dem noch im Amt befindlichen Chefredakteur stattgefunden. Es bedürfe, wie er erklärte, umfangreicherer Beihilfe und besserer Honorierung! Ueberhaupt lehnte er sich gegen die Zeitungs-Neuerungen auf und behauptete, daß sie dem Blatte nicht zum Nutzen, sondern zum Schaden gereichen würden.

Gegenwärtig handelte es sich um die Herstellung der ersten neuen Quartalsnummer, und diese stieß auf unerwartete, ganz erhebliche Schwierigkeiten.

Unten in den Druckräumen schalt der Maschinenmeister mit den Mädchen, die sich bei den neuen Rotationsmaschinen ungeschickt benahmen. Die Folge war, daß sie sämtlich aufsätzig wurden, kehrt machten und davon gingen.

Nun war guter Rat teuer! Woher gleich andere nehmen? Der Maschinenmeister eilte zu Klamm hinauf und meldete, was geschehen sei. Er hatte den Kopf völlig verloren. Es schien unmöglich, daß die Zeitung überhaupt am nächsten Morgen erscheinen konnte.

Um das Unglück voll zu machen, berichtete der Zeitungsfaktor, daß dem Metteur ein Unglück mit dem im übrigen kaum zu bewältigenden Satz passiert sei, die Setzer aber, trotz Aufforderung und Bitte, Ueberstunden nicht machen wollten.

Zunächst schickte Klamm einen Boten zu der ältesten, in der Druckerei schon seit zwei Jahren beschäftigten Bogenfängerin. Der Maschinenmeister wußte zufällig, wo sie wohnte — und ließ ihr vom Direktor bestellen, daß sie so gut sein möge, „rasch einmal heran zu kommen“.

Sodann begab sich Klamm in den Setzersaal und verhandelte mit den Setzern, die sich bereits die Hände wuschen und fortgehen wollten.

Er bot ihnen eine angemessene Entschädigung, wenn sie nach einer Stunde zurückkehren, und einen Teil der Nacht durcharbeiten wollten.

Nach sehr schwierigen Verhandlungen, bei denen eine bedauerliche Interessenlosigkeit für das Geschäft bei den Angestellten zu Tage trat, gelang es Klamm, deren Zusage zu erreichen.

So war wenigstens diese Schwierigkeit beseitigt. Nun aber galt es auch unten zum Ziele zu gelangen. Klamm hielt Umschau und prüfte, ob nicht im Papierraum Angestellte zu haben seien. Aber die Versuche verliefen hier eben so ungünstig, wie die Prüfung bei dem übrigen Maschinenpersonal. Zwei sonst Beschäftigte waren überhaupt nicht anwesend, weil sie sich krank gemeldet hatten. Die Maschinenmeister selbst erklärten, daß sie zweien Herren nicht dienen könnten. Sie müßten fortwährend nach den Druckpressen sehen, da noch alles nicht recht „eingelenkt“ sei.

Inzwischen war die Zeit immer weiter vorgerückt. Ueberall wurden die Arbeitskittel bereits ausgezogen, und Klamm lief Gefahr, sich einer großen Blamage auszusetzen, wenn es nicht gelang, Bedienung für die Maschinen herbeizuschaffen.

Zum Glück erschien nun das von ihm herbeigerufene Mädchen, eine etwa sechsundzwanzigjährige, robuste Person, in einem schwarzen Mantel und mit federbesetztem Hut.

Sie sah wie eine schlecht kostümierte Nebenfigur auf einer Kleinstadtbühne aus und legte, als Klamm sie anredete, ein recht schnodderiges Wesen an den Tag.

Sie beklagte sich im Berliner Jargon über den Maschinenmeister Schulze, der „die Mächens man immer so behandelte, als ob sie ‚Rakkers‘ wären, die vor 'ne Lehmmühle zu jehen hätten. Det Jeschimpfe höre jar nich uf, nu dafür wär'n sie sich alle einig jeworden, abzujehen. Sie persönlich habe sich auch den Abend schonstens mit ihr Verhältnis verabredet, sie könne nich bei die Maschine arbeiten, und wo die anderen wohnen thäten, det wisse sie man sehr unbestimmt.

„Wiederkommen wollten sie ja alle, aber bloß, um beim Direktor vorstellig zu werden. Sie hätten sich verabredet, am nächsten Morgen, Uhr neune, anzutreten.“

Nach dieser Erklärung ergriff nun aber Klamm das Wort.

Er bot dem Mädchen, wenn sie die Arbeit etwa nach einer Stunde wieder aufnähme, und wenn sie die übrigen Arbeiterinnen mit Droschken herbeizuholen sich verpflichtete, eine erhebliche Belohnung, ihnen allen aber Abendbrot mit Bier, Kaffee in der Nacht, und eine so bedeutende Vergütigung, daß „Christine Munk“ schließlich weich wurde. Das Geld reizte die Person, und um so schwankender wurde sie, da Klamm erklärte, daß er allen fortan den Lohnsatz erhöhen wolle.

Hierauf eilte die Munk fort. Klamm begab sich, nachdem er die Maschinenmeister zum Dableiben verpflichtet hatte, ins Kontor, und von dort in die Redaktion.

Hier sah er nach dem Rechten, wartete dann noch in größter Spannung, ob Setzer und Mädchen erscheinen würden, und atmete förmlich auf, als er zunächst die Setzer hinauskommen sah und nun sicher war, daß in den Sälen oben weiter gearbeitet wurde.

Die Mädchen ließen viel länger auf sich warten. Als der Maschinenmeister endlich über ihr Eintreffen berichtete, hatte er zu melden, daß nur zwei erschienen seien.

„Nun, wohlan! So müssen wir mit angreifen, Schulze! Ich bleibe so lange an der Maschine, bis wir unsere Auflage fertig haben!“ erklärte Klamm, setzte ein kurzes, Adelgunde verständigendes Schreiben auf, sandte einen herbeigeholten Dienstmann damit fort, und begab sich in den Maschinenraum.

Und hier arbeitete er dann ganz ebenso wie das Personal, und wenn er einmal seine Thätigkeit unterbrach, um oben im Setzersaal nachzutreiben, so mußte auch der andere Maschinenmeister so lange mit anfassen.

Endlich nachts zweieinhalb Uhr war die Arbeit gethan. Da das Expeditions-Personal diesmal schon um vier Uhr morgens eintraf, konnten die mit den für die verschiedenen Bahnhöfe bestimmten Zeitungspacketen beladenen Geschäftswagen bereits um sechseinhalb Uhr abfahren.

Trotz aller Hemmnisse und Ungelegenheiten, und trotz der umfangreicheren Auflage war alles ohne irgend welche Verzögerung in der Stadt und an die auswärtigen Abonnenten expediert worden.

Aber Klamm begnügte sich damit nicht.

Nachdem er ein paar Stunden in der ihm überwiesenen, früheren Knoopschen Villa geschlafen hatte, begann er schon wieder seine Thätigkeit, traf allerlei Maßnahmen, wodurch fortan jegliche Hast und Ueberstürzung, aber auch ähnliche Verlegenheiten vermieden wurden.

Er ordnete sowohl in der Redaktion wie in den Setzersälen eine andere Einteilung an, und sah sich nach einem zuverlässigeren Arbeiterpersonal für die Maschinen um.

Die Mädchen hatten ein sehr unzuvorkommendes Wesen hervorgekehrt. Unter der Führung Christine Munks, traten sie, wie sie schon angekündigt hatte, mit so erheblich höheren Lohnforderungen an die Direktion heran, und legten eine so feindselige Gesinnung gegen den Maschinenmeister Schulze an den Tag, daß Klamm sie überhaupt nicht zu behalten beschloß. Es mußte eben vielfach aufgeräumt werden. Er kündigte auch bereits an diesem Tage dem Chefredakteur, Doktor Strantz, der heute, wie früher, sowohl im Geschäft wie in dem „Wirtshaus zur gemütlichen Ecke“ in der Kronenstraße, seine Intriguen gegen ihn fortsetzte, zum nächsten Quartal, und unternahm so gleich Schritte für eine andere Besetzung.

Endlich berief Klamm auch die Vorstände der verschiedenen Abteilungen. Er setzte ihnen auseinander, daß eine größere Anspannung der Kräfte erforderlich sei, ersuchte sie, ihn zu unterstützen, versprach ihnen dagegen Erhöhung ihres Lohnes, und lud sie zudem für den Schluß der Woche zu einer geselligen Zusammenkunft im Leipziger Garten ein.

Um sechs Uhr nachmittags war Klamm erst so weit, daß er sich nach Hause begeben konnte. Als er jedoch im Grünhagener Gutshaus eintraf, fand er in seiner Wohnung weder seine Frau noch die Dienerschaft. Erst nach vergeblichem Klingeln sah er bei weiterem Nachforschen die beiden Mädchen im Nebengebäude im Gespräch mit den Stallknechten.

Der Diener sei, wie sie meldeten, im Auftrage der gnädigen Frau, bereits nachmittags in die Stadt gefahren, sie selbst habe vor einer Stunde gesagt, daß sie den gnädigen Herrn im Geschäft abholen werde.

„Hat denn meine Frau keinen Brief von mir erhalten? Ich hatte nach sechs Uhr das Essen bestellt?“ warf Klamm sehr unmutig hin.

Die Mädchen verneinten. Es sei ihnen nichts gesagt. Die gnädige Frau oben (Klamms Mutter) habe um zwei Uhr mit Frau von Klamm reichlicher als sonst gefrühstückt, das Essen sei überhaupt abbestellt worden.

Die gnädige Frau habe gesagt, daß sie mit dem gnädigen Herrn in der Stadt speisen werde. Sie wollten nachher das Theater besuchen. So hätten sie verstanden.

Klamm nickte. Er wußte nun genug. Seine Frau hatte, wie ersichtlich, die Gelegenheit benutzt, um sich einmal wieder ein Vergnügen zu verschaffen, wie so oft, ohne ihn zu fragen, ihre Pläne gemacht und war trotz seines Briefes fortgegangen.

Sein Mißvergnügen verstärkte sich, weil er starken Hunger spürte und die Zimmer kalt waren. Er hatte sich grade heute nach den Anstrengungen, die hinter ihm lagen, auf sein Haus und auf Gemütlichkeit gefreut. Und zu haben war natürlich nichts; und wenn doch, dauerte es sehr lange.

Er beschloß deshalb, nach der Stadt zurückzukehren, dort sogleich zu speisen, und seine Frau aufzusuchen. Er nahm an, daß sie Bescheid im Geschäft zurückgelegt hatte.

Er mußte sich in die Sachlage finden, so sehr er sich dagegen sträubte. Schon weil Adelgunde nicht allein abends zurückkehren konnte, mußte er sich auf den Weg machen.

Sie war mit der Bahn gefahren, statt das eigene Fuhrwerk zu benutzen. —

Während Klamm noch sann, regte sich draußen ein Geräusch.

Ein Mietswagen fuhr vor, und diesem entstieg — Adelgunde!

Sie war also, da sie ihn nicht gefunden, wieder zurückgekehrt!

So dachte Klamm, und das freute ihn, das freute ihn sogar so sehr, daß er Lust hatte, die Droschke zu benutzen, und mit seiner Frau nach Berlin zu fahren, und dort zu soupieren. Er wußte, daß das ganz in ihrem Sinne sein werde.

Aber schon war der offenbar schon von ihr vorher abgelohnte Kutscher wieder abgefahren, schon stand sie vor ihm und stieß in einem höchst mißmutigen, sehr unfreundlichen Ton heraus.

„Na, das war eine schöne Enttäuschung — die hättest du mir doch auch ersparen können. Da fahre ich wie in einem Karussel immerfort in der Runde herum, um nun unverrichteter Sache, hungrig, abgespannt und verärgert wieder hier anzukommen.“

Selbst in dem friedfertigsten und selbstlosesten Menschen wird sich ein Gefühl der Entrüstung regen, sobald man ihm Vorwürfe macht, wenn er für seine Handlungsweise ein unbestreitbares Recht besitzt, lediglich Gutes dabei im Auge hatte.

So sagte er mit stark auflehnender Miene: „Ah — lasse doch Lamentationen, an denen du selbst schuld bist!

„Ich bin der Genarrte! Ich komme höchst abgespannt und sehr hungrig nach Hause, finde niemanden, finde keinen gedeckten Tisch, und erst recht dich nicht, die ich doch von meiner Rückkehr und meinen Wünschen vorzeitig unterrichtet hatte!“ —

Klamm sprach, während er ins Wohnzimmer schritt, und Adelgunde erwiderte, während sie den Mantel löste und ihn auf die Lehne eines Stuhles warf:

„Ich kann doch nicht dafür, daß ich dich nicht traf. Du läßt mich ja gar nicht sprechen, erklären, kommst gleich mit Vorwürfen. Der Zug hatte Verspätung. Als ich mich so rasch wie möglich nach deinem Kontor fahren ließ, warst du schon fortgegangen.“

„Wohlan, Adelgunde! Ich hatte dir aber doch ausdrücklich geschrieben, daß ich zu Tisch kommen werde, daß du mich zwischen sechs und halb sieben erwarten mögest.

„Daß ich, nachdem ich von Mittag vorigen Tages bis jetzt mit geringer Unterbrechung gearbeitet hatte, zu solchen Vergnügungen nicht aufgelegt sein würde, konntest du dir wohl vorstellen. Du denkst aber leider fast immer nur an dich, willst dich mir nicht akkomodieren!“

Adelgunde hatte sich während ihres Mannes Rede in einen Sessel niedergelassen, ihn auch ohne Unterbrechung angehört.

Nun aber hielt es sie nicht ferner, und lang zurückgehaltenes drängte bei dieser Gelegenheit nach Ausdruck.

„Du machst mir die gewohnten, sich in unerträglicher Gleichmäßigkeit wiederholenden Vorwürfe,“ begann sie. „Es geschieht, obschon ich es gut meinte und denke, daß ich wohl auch eine Entschädigung für meine Vereinsamung und dafür verdient hätte, daß du nun gar schon um deiner Zeitungsgeschichten willen die Nächte fortbleibst!

„Ich wollte alles in mir herabdrücken, dir freundlich begegnen, und dich gar aus dem Geschäft abholen!

„Aber da du dich als den Verletzten hinstellst, will ich sprechen!

„Erstens: Ich will nicht mehr hier auf dem Gute wohnen und förmlich verdorren. Der Besitz wurde erworben, damit wir die Sommermonate hier zubrächten, nicht Herbst und Winter, und nicht fortwährend mit deiner Mutter!

„Ich erwarte, daß du mich über deine mir unsympathischen Zeitungs- und Druckgeschichten nicht, wie es schon vielfach geschehen ist, gradezu vernachlässigst. Ich verwünsche den Augenblick, in dem ich dir darin nachgab. Und endlich erwarte ich, daß du für alle Zeiten der koketten Frau nebenan die Absage erteilst, die sie verdient!

„Ich war Zeuge eurer Unterredung, und ich muß gestehen, daß mich dein Liebeswerben empört hat. Es mußte mich doppelt empören, weil du doch erkannt hast, welchen Unwert sie besitzt. Sie gab dir damals einen Korb, und erteilte ihn deshalb, weil sie glaubte, daß dein Glücksstern erloschen sei. Es beweist wenig Selbstgefühl, daß du ihr nach solchen Erfahrungen überhaupt noch einen Blick, geschweige werbende Worte gönnst!

„So, das ist mein Standpunkt, immer derselbe Standpunkt von früher!“

Klamm überlegte, ob und was er auf diese Rede entgegnen sollte.

Dennoch sah er von einer Auseinandersetzung ab und sagte:

„Ich will, mag und kann heute abend mit dir nicht streiten. Du bist nicht sachlich, gerecht und logisch. Es wird sich ein geeigneter Augenblick finden. Ich wünsche, mich in mein Arbeitszimmer zurückzuziehen. Die Mädchen sollen mir etwas bereiten und auf den Tisch setzen. — Nachdem ich gegessen und noch eine Cigarre geraucht habe, werde ich mich ins Bett verfügen. Ich habe Schlaf und Ruhe sehr nötig. Es waren sehr gemütaufregende Stunden mit großer Anspannung —“

Nach diesen Worten zog er die Klingel, durchschritt das Gemach und begab sich in sein Zimmer.

Er machte sich auch daran, selbst Feuer in dem Ofen zu entzünden, gab — da seine Frau sich nicht regte — dem jetzt zurückgekehrten und eintretenden Diener Auftrag, ihm ein Abendbrot möglichst rasch herrichten zu lassen und ihm in seinem Zimmer zu servieren. So bemerkte er auch nicht, daß Adelgunde überhaupt das Haus verließ.

Sie ging über den Gutshof, erreichte den bereits mit Licht versehenen Herrenstall und befahl dem Kutscher, sogleich anzuspannen.

Alsdann schritt sie in ihr Kabinett, schrieb einen Brief an ihren Mann, den sie vorläufig zu sich steckte, und war schon unterwegs nach Berlin, als es ihn nach beendigtem Mahle trieb, sich nach ihr umzusehen.

Klamm war nicht wenig erstaunt, und geriet in nicht geringe Erregung, als er seine Frau nicht fand, und ihm auf sein Befragen der Diener erklärte, daß die Frau Baronin nach Berlin gefahren sei und auch einen Brief zurückgelassen habe. —

„Einen Brief? Weshalb haben Sie mir den nicht gleich gebracht,“ stieß Klamm schroff heraus.

„Die gnädige Frau hatte mir befohlen, ihn dem gnädigen Herrn erst auszuhändigen, wenn der gnädige Herr nach der gnädigen Frau fragen würden.“

„So — das ist etwas anderes. Sie können gehen! Ich werde rufen, wenn ich noch etwas brauche.“

Nachdem sich Friedrich entfernt hatte, brach Klamm das Schreiben auf, ließ sich in einen Sessel und las folgendes:

„Ich will in Grünhagen nicht mehr wohnen. Ich will nicht neben der Person noch eine Nacht sein, die sich dort eingenistet hat, um Dich zu umgarnen. Die ganze Gegend weiß es, daß sie höchst unglücklich mit ihrem neugeschaffenen Baron ist. Da wirst sie natürlich die Netze wieder nach Dir aus. — Ich mag und will aber auch nicht — ich wiederhole es — auf dem Lande verdorren und mich tot langweilen. Ich kehre nicht zurück, unter keinen Umständen.

Ich will aber gern mit Dir in Berlin leben und alles thun, damit Du mit mir zufrieden bist.

Allerdings erwarte ich, daß auch Du Konzessionen machst. So geht es nicht weiter.

Ich werde heute nacht im Askanischen Hof logieren. Der dort uns so lange Jahre kennende Wirt wird nichts Auffälliges darin finden.

Morgen vormittag begebe ich mich in unsere Wohnung und werde alles zum Aufenthalt herrichten.

Unsere Sachen bitte ich Dich, von unserem Dienstpersonal sofort einpacken und herbefördern zu lassen. Sie sollen auch selbst bis morgen abend spätestens hier sein.

Dich erwarte ich natürlich schon um Mittag und ich schließe nicht nur mit den Worten Corneilles:

‚Soyons amis‘, sondern sage: Seien wir sogar die alten, die wir einst waren. Es würde darüber glücklich sein, Deine, auch einmal einen Willen und ihre Neigungen besitzende Adelgunde.“