Charaktere und Schicksale

Chapter 12

Chapter 123,607 wordsPublic domain

Der Winter hatte sich in diesem Jahre sehr früh verzogen. Der Frühling war jählings ins Land gestürmt und hatte seine unwiderstehliche Herrschaft angetreten. Plötzlich war's von den Dächern getropft. Der Schnee war rasch und behende zerschmolzen; die Eiszapfen waren ihm mit eilfertiger Auflösungshast gefolgt, und zu allem hatten vergnügt geschwätzige Staare die Musik gemacht. An Bäumen und Gesträuchen waren in einer einzigen Nacht die jungen Triebe erschienen, und ehe sich's die Welt versehen, hatte die Natur ein farbiges Kleid angelegt. Und dem Frühling war ein blütenschwerer Sommer gefolgt. Schon war die Zeit bis Ende September wiederum vorgerückt, und seit Monaten befanden sich Klamms bereits auf dem von ihnen erworbenen, in der Nähe von Berlin belegenen Gut Grünhagen.

Aber es war noch etwas geschehen:

Ihre Nachbarn waren — Knoops geworden. Der Zufall hatte gespielt. Als an den alten Herrn Knoop die Anforderung ergangen war, sich als Eigentümer einer umfangreicheren Gutsherrschaft auszuweisen, war Behrwalde — so hieß das Rittergut — grade zum Verkauf gestellt worden.

Der frühere Besitzer, ein Graf Klöker, war plötzlich gestorben, und die zurückgebliebene Familie hatte sobald wie möglich den Landaufenthalt gegen die Stadt zu vertauschen gewünscht. Da hatte Herr Knoop sogleich zugegriffen, obgleich auch ihn die Nähe der Familie Klamm gehört.

Bei Klamms aber war erst recht ein Mißbehagen eingetreten.

Nachdem Alfred eben die Familie geschäftlich von sich abgeschüttelt hatte, saß sie nun neben ihm, gleichsam Stube an Stube.

Aber nicht nur die Alten, sondern auch die Jungen!

Wie es hieß, blieben Knoops nur für den Sommer und Herbst dort.

Aber da Arthur und die Alten ihre Wohnung in der Stadt schon wieder aufgegeben, erschien die Verwirklichung doch sehr zweifelhaft. Es paßte das, wie man sich erzählte, Arthur so besser. Er stand nun, da seine Frau und seine Familie auf dem Lande wohnten, unter gar keiner Kontrolle mehr. So konnte er seinen Lebemänner-Gewohnheiten voll nachgehen!

Margarete Knoop war über die Ortsveränderung außerordentlich glücklich. Sie hatte den Plan ihres Vaters, ein Gut zu erwerben, mit allen Kräften gefördert.

Mit der Erhebung in den erblichen Freiherrnstand, war es nach Theodors Rückkehr aus Paris plötzlich sehr rasch gegangen. Herr Knoop hatte fünfzigtausend Mark für Zwecke des roten Kreuzes gespendet, zudem dies adlige, große Rittergut erworben, und sich endlich auch der bürgerlichen Thätigkeit begeben.

Da die Familie Knoop in vergangenen Jahrhunderten den Adel besessen und ihn nur freiwillig abgelegt, so waren sonstige vorhandene Schwierigkeiten leichter zu beseitigen gewesen.

Und da war denn in überraschend kurzer Frist, nach ein paar Wochen, die Nobilitierung erfolgt.

„Na, ja! Es ist doch etwas! Ich sag's noch einmal!“ hatte Herr Baron Friedrich von Knoop in einem sehr gehobenen Tone gegen seine Frau geäußert. „Ich bin doch vom Buchdruckergesellen zum Freiherrn herausgerückt, und habe drei Millionen Mark und reichlich darüber, teils im Kasten, teils in rentablem festem Besitz!

„Und unsere Schwiegertochter stammt aus altem Adel und ist eine treffliche Frau, und unsere Kinder sind von der Natur so veranlagt, daß wir an ihnen sicherlich nur Freude erleben werden.“

Frau von Knoop hatte sich zunächst auch mit der Neueinrichtung der Dinge ziemlich ausgesöhnt, ja, sie hatte Augenblicke, in denen auch sie ihrer Eitelkeit erlag.

Und zu dieser gesellten sich sonstige Befriedigungen. Anders war's mit Margarete. Sie mißbilligte ihres Vaters Ehrgeiz nach wie vor. Sie bedauerte seine Unthätigkeit, die schon allerlei unliebsame Folgen mit sich geführt. Als einzigen wirklichen Gewinn betrachtete sie lediglich die Erwerbung des Gutes, und die Aussicht, dort ferner zu leben. Ihr ging's wie Frau von Klamm! Das Gezwitscher der Vögel in der blauen Luft über den saatengoldenen Feldern klang ihr weit melodischer als der Laut der geflügelten Scharen über den mit geschwärzten Schornsteinen besetzten Dächern der Großstadt.

Die Freiheit und die Unabhängigkeit von dem gesellschaftlichen Zwang mit all seinen Komödien und Unwahrheiten mutete sie an wie eine neue Wunder-Daseinswelt. Da nun auch Ileisa fortan in ihrer Nähe blieb, glaubte sie alles zu besitzen, was ihr Herz ausfüllen konnte.

Nur eines störte sie jeden Tag. Das Verhältnis zu ihrem Bruder wurde immer schlechter. Immer mehr verflachte er, und mit der Annahme der Verflachung und der Arbeitsscheu verstärkten sich seine Empfindlichkeit und sein Mangel an Rücksichten gegen seine Umgebung.

War er früher rauh und rechthaberisch gewesen, so hatte er doch Sinn für Arbeit, Erfolg besessen und Respekt vor seiner Person in allen Kreisen erstrebt.

Jetzt sprach er nur von den gesellschaftlichen Errungenschaften, die ihm, als Mitglied des Adels, immer mehr zufielen. Als ihn ein bisher sehr unnahbares Mitglied des Unionklubs, in dem er aufgenommen war, zu einem Frühstück eingeladen, war ihm diese Auszeichnung dermaßen zu Kopf gestiegen, daß er im Hause mit seiner ganzen gefühllosen Unausstehlichkeit austrat.

„Du thust wirklich, als ob dich die Beachtung, die dir Graf von der Horwitz erwiesen, zu einem Mitglied der Ritter vom schwarzen Adlerorden gemacht habe, Arthur,“ hatte seine Schwester mit verächtlichem Spott hingeworfen. „Wie ist es möglich, daß ein Mensch mit freiem Sinn und Selbstachtung auf solche Nichtigkeiten Wert legen kann! Wo ist die Zeit, in der du noch deinen Ruhm in kräftiger Thätigkeit und deine Erfolge in dem sahst, was unser Vater sein Lebelang unermüdlich schaffte und förderte. Ich sage dasselbe, was ich dir schon früher vorhielt:

„Du läßt dich — ein junger Mann — von ihm ernähren, spielst den großen Herrn, vergeudest dein Geld in Ueberflüssigkeiten, vielleicht gar im Spiel, vernachlässigst deine Frau, deine Eltern und was das Schlimmste ist, machst dich wegen deines eitlen Auftretens zum Gespött bei allen unbefangenen und ernsthaften Men —“

Aber weiter war Margarete nicht gelangt.

Der von ihr so Angegriffene hatte sich wie ein Tobsüchtiger benommen. Die Reitpeitsche, die er zufällig in der Hand gehabt, hatte er gegen seine Schwester erhoben und sie mit wutentstellten Mienen angeschrieen:

„Schweig, unverschämte, dumme Gans, die du immer nur nach deinen jämmerlich hausbackenen Auffassungen Thun und Treiben anderer beurteilst. Was weißt du, welche Zwecke ich verfolge, welchen Plänen ich nachgehe! Und es sei dir zum letztenmal gesagt: deine Unverschämtheiten verbitte ich mir! Wenn du noch einmal so auftrittst — untersage ich dir, unser Haus zu betreten.“

„Vaters Haus meinst du doch wohl! ‚Dein Haus‘ giebt es nicht! Du hast seit deiner Rückkehr von England nur im ersten Jahre gearbeitet und etwas selbst verdient.

„Jetzt bist du ein Tagedieb und verminderst dein Ansehen von Tag zu Tag vor deiner Frau,“ war Margarete unerschrocken fortgefahren.

„Gold glaubte sie zu finden, aber wertloses, ja unedles Metall hat sie erhalten.“

Aber mit diesen Worten hatte sie doch zu viel gewagt. Sie hatte Arthur dermaßen gereizt, daß er sie gepackt und mit einem Ruck auf den Flur gesetzt hatte. Und hier hatte er sie stehen lassen und ihr bei seinem Fortgange zugerufen:

„Wage nicht, jemals wieder über diese Schwelle zu treten“ — und war dann, die Hausthür heftig hinter sich zuschlagend, keuchend vor Wut und Aufregung seiner grade aus dem hinteren Teil des Gartens kommenden Frau entgegengetreten.

Ihr hatte er dasselbe erklärt. Sie habe Margaretes Umgang fortan überhaupt zu meiden, und wenn sie das nicht könne und wolle, werde er Behrwalde wieder verlassen und sich irgendwo anders niederlassen.

„Mit meiner Schwester bin ich ein für allemal fertig. Das werde ich auch noch heute den Eltern mitteilen!“

So hatte er geschlossen, ohne Ileisa zu Wort kommen zu lassen und war, nachdem er stumm und verbissen mit ihr das Mittagessen eingenommen, zur Stadt gefahren.

„Sie möge nicht auf ihn warten! Es werde spät werden. Er habe Geschäfte!“

Mit dieser Erklärung war er gegangen und hatte auch ihr kaum einen Gruß gegönnt.

* * * * *

Margarete fand ihre Eltern, gleich nach dieser Scene mit ihrem Bruder, im Begriff, ebenfalls zur Stadt zu fahren. Der Wagen stand bereits vor der Thür, Herr Knoop knöpfte mit ungeduldigen Gebärden an seinen Handschuhen und drängte eben seine Frau, sich zu beeilen. Grade kam sie auch aus dem Hause hervor, um in dem eleganten, mit dem Knoopschen Wappen bereits geschmückten, offenen Landauer Platz zu nehmen. Als sie aber Margaretens ansichtig wurde und deren auffallende Blässe und deren verweinte Augen bemerkte, trat sie sogleich besorgt auf sie zu, zog sie, von ihrem Manne begleitet ins Haus, und sprach auf sie ein.

„Was sie habe, was geschehen, warum sie nicht, wie sie beabsichtigt, bei Ileisa geblieben sei?“ stieß sie beängstigt heraus.

Und Margarete berichtete, und nachdem sie alles mitgeteilt, ja, fast wörtlich wiedergegeben hatte, was zwischen ihr und Arthur vorgefallen war, geriet Herr Knoop in eine ganz ungeheure Aufregung. Er sprach aus, daß er nur bedaure, Arthur nicht gleich fassen, ihn zur Rede stellen und ihn so abkanzeln zu können, daß ihm zu Wiederholungen eines solchen Auftretens die Luft vergehen werde.

Aber auch Margaretens Mutter bemächtigte sich eine große Empörung, der sich eine tiefe Trauer und eine starke Bedrückung hinzugesellte.

Ihre alte Ahnung, daß die in solcher Art herbeigeführte Abweichung von früherer Einfachheit ihrem Manne und ihnen allen nicht zum Segen gereichen, ihnen vielmehr zum Verderben werden würde, erfaßte sie von neuem.

Immer wieder mußte Margarete erzählen, und mit jeder Erneuerung ihrer Darlegungen verstärkten sich in beiden der Zorn und die Entrüstung über Arthurs Benehmen.

Erst nach einiger Zeit vermochten sie sich zu besänftigen. Während sich aber Herr Knoop anschicken wollte, nunmehr zur Stadt zu fahren, erklärte Frau Knoop, daß sie sich nicht mehr in der Stimmung befinde, Besuche zu machen. Ueberhaupt sei sie gegen das fortwährende, von ihrem Manne gewünschte Visitenmachen; sie bürdeten sich dadurch ohne Not und Zweck und ohne irgend welche Vorteile Lasten auf.

Das reizte nun aber wiederum Herrn von Knoop dermaßen, daß er sich in den schärfsten Worten gegen seine Frau erging. Das gestörte Gemüt mußte sich an irgend etwas wetzen und austoben.

„Ach Gott,“ seufzte Frau von Knoop unter heißen Thränen. „Wie waren wir doch früher in unserer Villa hinten auf deinem Arbeitshof glücklich! Fast nie kam eine Verstimmung, gar ein böses Wort zwischen uns vor! Und jetzt? Seitdem Arthur aus England wiedergekommen, ist's, als ob ein böser Geist bei uns eingekehrt. Nach unserer Standeserhöhung und nach dem Gutskauf ist erst gar die Freude von uns gewichen.“

Und eben, weil sie das Rechte traf, weil ihre Worte den Thatsachen entsprachen, weil sich der Mann getroffen fühlte, erhöhte sie nunmehr sein Ingrimm.

Er wollte, da sich jetzt doch der Eitelkeitssinn für den Sohn regte, Arthurs Ansehen retten; er wollte namentlich nicht zugeben, daß ihn der Sohn beeinflußt habe.

Eine unbändige Heftigkeit kämpfte in seinem Innern mit einer sich regenden, heißen Reue. In diesem Augenblick wünschte er, daß er niemals sein schönes, durch Fleiß und kräftige Pflichterfüllung aufgerichtetes Werk anderen Händen überlassen, daß er, wie seine Frau richtig geäußert, in Arbeit und Einfachheit auch ferner sein Glück gefunden hätte.

Und eben diese Selbstanklage, und diese große, sich unheimlich in seine Seele einschleichende Reue, veranlaßten ihn zu den schwersten Ausfällen gegen seine Familie.

Er sprach in den heftigsten Ausdrücken von Uebertreibungen, und er redete von schnödem Undank! Statt Anerkennung zu empfangen und guter, gerechter Einsicht zu begegnen, daß er — allezeit ein Fleißiger und Bebürdeter — in seinem Alter auf Ruhe, Erholung und Ablösung ein Recht habe, faßten sie beide nur ihre Annehmlichkeiten ins Auge, ergingen sich gegen ihn in Vorwürfen und Anklagen, und verbitterten ihm das Dasein. Ihnen fehle jedes Verständnis dafür, daß sich ein Mann Ansehen und Beachtung in der Welt erwerben solle.

Sie stellten ihn nachgerade als einen Unmündigen hin, der noch wie ein Schulkind belehrt werden müsse. Er wisse aber sehr genau, was er wolle, und sie sollten Gott danken, daß sie sich keinen Wunsch zu versagen brauchten, und überhaupt vom Glück überschüttet seien.

Im übrigen trenne er Berechtigtes von unzutreffenden Sentimentalitäten.

Mit Arthur werde er ein sehr deutliches Wort reden. Er habe einen festen Entschluß gefaßt. Den Inhalt würden sie bald erfahren. —

Hierauf griff er nach Hut und Stock, erklärte, daß er, da er frische Luft und andere Eindrücke zu seiner Besänftigung gebrauche, allein zur Stadt fahren wolle, und befahl dem schon mit recht mürrischer Miene auf dem Bock sitzenden Kutscher, vorwärts zu machen.

Nachdem er sich entfernt hatte, erörterten Mutter und Tochter die Vorgänge in einer möglichst sanften und sachlichen Weise.

Sie nahmen sich vor, auf Herrn von Knoop nach seiner Rückkehr versöhnlich einzusprechen, aber ihn auch bei der ersten sich dazu bietenden Gelegenheit zu bitten, daß sie ihr Leben anders einrichteten.

Mutter und Tochter hatten schon erfahren, daß man sie im Grunde doch nur als Emporkömmlinge ansah. Bei ihren Besuchen in der Nachbarschaft, auf den Gütern, war man ihnen wohl höflich, aber nichts weniger als sehr zuvorkommend begegnet.

Man ließ sie dafür büßen, daß sie sich einbildeten, sie seien nun schon Gleichberechtigte. Was war ein erkaufter Adel? Mutter und Tochter fühlten eine heiße Scham, um die Gunst so Denkender zu buhlen.

Aber auch in ihrem bisherigen Bekanntenkreis in Berlin hatten sie starke Enttäuschungen erfahren. Dort machte sich der Neid breit. Die angeseheneren Familien, die Knoops ihre Thüren bisher geöffnet, mit ihnen, wenn auch nicht eng, aber doch in sehr freundlicher Weise verkehrt, hatten nun nichts mehr vor jenen voraus!

Jetzt standen Knoops mit Geld und Rang über ihnen! Das paßte ihnen nicht! —

Das Benehmen der jungen Herren gegenüber Margarete war auch ein ganz anderes geworden. Die Gutgearteten, die Absichten auf sie gehabt hatten, zogen sich zurück, weil sie nicht den Eindruck hervorrufen wollten, sie würben nur um die reiche Erbin! Und wiederum drängten sich die auf ihren Geldbeutel Spekulierenden jetzt mehrfach mit solcher Unzartheit an sie heran, daß es sie verletzte.

Herr von Knoop hatte früher seine ihn stark in Anspruch nehmende Thätigkeit gehabt. Er hatte einen Tageszweck besessen. Jetzt langweilte er sich, er beschäftigte sich fortwährend mit seiner Gesundheit und bildete sich zum Hypochonder aus. Infolgedessen war seine Laune meistens keine gute. Er nörgelte um nichts; er quälte seine Umgebung mit Kleinlichkeiten. Und wiederum, wenn die vornehme Gesellschaft in Frage kam, konnte er, trotz eben hervorgehobener Beschwerden, alles, war er zu Opfern stets bereit und befand darauf, daß man den Adligen den Hof mache. Er schalt, wenn seine Familie nicht sehr willig auf seine Aeußerlichkeits-Rücksichten einging, als kleinlich, unsinnig, empfindlich und unliebenswürdig. —

Nach Tisch begab sich Margarete in ihr Zimmer oben im Gutshause und hielt eine Umschau in die sie umgebende Welt.

Behrwalde war ein prachtvoller Besitz, wurde von einem äußerst tüchtigen Mann verwaltet, und stand infolgedessen in bester Kultur.

Aber auch die Lage des Gutes war eine herrliche. Das in weißer Farbe prangende Herrenhaus war umschlossen von laubreichen, alten Buchen und Linden. Weiter hinab umgaben äußerst wohlerhaltene, von Epheu und Schlinggewächsen meist umzingelte Wirtschaftsgebäude den mächtig geräumigen Gutshof. Hinter den zwei, unten das Gesamtviereck begrenzenden, altertümlich gebauten Thorhäusern bot sich dem Auge ein Blick, der nicht schöner gedacht werden konnte.

Durch Tannen- und Buchenwaldungen unterbrochene grüne Flächen dehnten sich bis zum sanftblauen Horizont aus. Zwischen ihnen tauchten die Silberbänder kleiner Auen auf, und überall erhoben sich Dörfer mit weißschimmernden Mauern, Kirchtürmen und roten Dächern.

Zur Linken, gleich neben dem Schloß, trat man in einen, durch ein vergoldetes Gitterwerk eingefriedigten Park. An ihn stieß der Besitz von Klamms. Zur Rechten befand sich ein großer Gemüsegarten.

Die nie einen Anruf versagende, große Trösterin der Menschen: die Natur, half auch Margarete heute zu einer ruhigeren Auffassung. Ja, als sie das alles vor sich sah, in seiner noch prangenden Schönheit und Fülle, übergossen von goldenem Sonnenlicht, und in solchem stillen Erdfrieden, erfaßte sie gar wieder eine starke Zuversicht.

Sie hoffte, ihren Vater beeinflussen zu können. Sie sah die alten Zeiten zurückkehren, und sie nahm sich vor, auf Ileisa einzuwirken damit sie ihres Mannes Herr werde. —

Unter solcher Vorstellung verließ sie ihr mit Blumen und allerlei kleinen Zierlichkeiten und Kunstgegenständen angefülltes Gemach, und stieg die weißlackierte Treppe hinab. Alle Thüren, Fenster und Treppen im Hause trugen diese schneeweiße Farbe, und erstere waren geschmückt mit Messing-blitzenden Klinken und die Schlösser umgebenden, zierlich gewundenen Einfassungen.

Margarete eilte über den Hof, erreichte das, seine Front dem eben betriebenen, freien Land zuwendende, sogenannte kleine Herrenhaus, in dem früher ein Bruder des verdorbenen Grafen Klöker gewohnt und in dem nunmehr Arthur eingezogen war. Sie fragte den ihr auf dem Flur entgegentretenden Diener nach ihrer Schwägerin.

Er erklärte höflich beflissen, daß sie im Garten sei oder sich ins Dorf begeben habe. Er wolle eilig nachforschen.

Nachdem er sich entfernt hatte, trat Margarete zunächst auf die Veranda, dann aber ins Wohngemach, schaute sich, wie am Vormittag, als Arthur sie überrascht hatte, nach allem um. Dann ging sie gedankenlos, ihrem Impulse folgend, in das daneben befindliche, von Ileisa vorzugsweise bewohnte Kabinett.

Auf der anderen Seite befand sich ein ähnliches, von Arthur ausschließlich benutztes Arbeitszimmer.

Hier fand Margarete auf Ileisas Schreibtisch eine Art von Gedenkbuch mit beschriebenen Blättern, und las — gegen ihren Willen angezogen — was Ileisa dort angezeichnet hatte.

Und so ergriff sie das, was sie fand, daß sie unwillkürlich in einen nebenan gehenden Sessel zurücksank und sich — den Gedanken unterdrückend, daß sie etwas that, wozu ihr das Recht fehlte — völlig in die Lektüre vertiefte.

Es hieß da:

„Alle _Vorstellungen_ über Glück sind ausnahmslos unzutreffend. Nur die Erfahrungen können uns über dessen Einzelwesen belehren.

„Einer denkt, er werde mit dem Haupt in den Himmel hineinragen, wenn er seiner Nahrungssorgen entrückt werde, und wird ihm in Fülle, was er vom Schöpfer erflehte, schreit er nach dem Wechsel zwischen Entbehrung und Genuß!

„Zum Glück gehören möglichste Unabhängigkeit von anderen, und die Sättigungen, die unsere ‚Herzen‘ und Gemüter bedürfen.

„Ich bin eine Sklavin geworden, die ich dachte, ich würde alle Fesseln abstreifen. Und mich hungert förmlich nach Liebe!

„Wären nicht zwei Menschen: meine edle Tante und Margarete, würde ich vielleicht schon ins Wasser gesprungen sein.

„Es fließt so lockend jenseits der Wiese vorüber. So tief ist der Au, so rein ist sein Wasser. Da ruht's sich sicher gut. Ich bin so todestraurig, so verzagt, so grenzenlos unbefriedigt. Wer hilft mir — ?“

Als eben Margarete noch weiter lesen wollte, vernahm sie nebenan Geräusch von Schritten, scheuchte infolgedessen hastig empor, warf sich eilig in einen Sessel, der in einem nach dem Garten schauenden Erkerausbau stand, und griff nach einem, auf einem kleinen Tisch liegenden Buch.

Im nächsten Moment stand Ileisa vor ihr. Aber ein Schreck ergriff Margarete, als sie Ileisa anblickte.

Diese aber eilte auf Margarete zu, fiel vor ihr nieder, und stieß erschüttert heraus:

„Ach, liebe, liebe Margarete, was habe ich eben erlebt —“

Dann folgte ein verzagtes, herzzerreißendes Wimmern, das die mitfühlende und beängstigte Margarete fast ebenso fassungslos machte.

„Um Himmelswillen! Was ist geschehen? Bitte, richte dich auf. So, so! Setze dich hierher. — Ah — ah — meine arme Ileisa,“ rief sie, sich selbst mit Gewalt aufraffend, lief erst noch fort, schloß das Gemach und begab sich dann wieder rasch zu ihrer bedrückten Verwandten.

„Ja! Höre,“ begann Ileisa und strich, tief aufatmend, mit der Hand über die Stirn. „Ich kam vom Dorf zurück, ging über die Landstraße, und wollte eben an der Parkthür zu Klamms vorüberschreiten, als Herr von Klamm von dort herauskam, plötzlich vor mir stand und mich anredete.

„Ich weiß nicht — aber vielleicht weiß ich's doch — weshalb mir das Herz so zitterte. Jedenfalls wurde ich so verwirrt, daß ich ihm keine Antwort stehen konnte. Er legte das als ein körperliches Unbefinden aus, redete teilnehmend auf mich ein, bat, ob ich nicht einen Augenblick in den Park treten, und mich dort — du weißt, gleich rechts auf dem Eichenberg — niederlassen wollte.

„Ich that dann etwas, was ich nicht wollte. Statt sein Anerbieten abzulehnen, ließ ich mich — gradezu wie von einer Hypnose ergriffen — von ihm mitziehen und verwickelte mich mit ihm in ein Gespräch.

„Er erkundigte sich nach Tante, auch flüchtig nach Arthur und eingehend nach dir. Zuletzt berührte er unser früheres Zusammensein. Er erwähnte des Zufalls, daß wir nun doch wieder zu einander gerückt wären und meinte, es mache ihn glücklich, mich wenigstens dann und wann wieder zu sehen.

„Um etwas zu erwidern, entgegnete ich:

„‚Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Interesse, Herr Baron, um so mehr, da ich es nicht verdiene. Sie wissen es am besten! Lassen Sie mich Ihnen aber sagen, daß ich glaube, daß es am besten ist, wenn wir uns meiden, uns nur aus der Entfernung schätzen. Ich werde dabei entbehren, gewiß, aber es ist richtiger so, wenigstens für mich.‘

„Diese Antwort wirkte auf Herrn von Klamm ganz anders, als ich erwartet hatte.

„Statt darauf etwas unmittelbar zu entgegnen, ließ er den Kopf sinken, verfiel in Nachdenken und sagte dann:

„‚Es fehlt mir die Zeit, und es ist hier nicht der Ort zu einem Gespräch, an dem ich Ihnen — wie ich möchte — auf Ihre Worte erwidern kann, meine gnädige Frau.

„‚Lassen Sie mich nur das eine bemerken:

„‚Wenn Sie von Entbehrung sprechen, so trifft dies bei mir erst recht zu —‘

„Nach diesen Worten sah er mich mit einem so traurigen Blick an, daß ich am liebsten an ihm herabgeglitten wäre und ihm gedankt hätte, daß er mir noch immer so gut geblieben sei.

„Was aber dann dieser Auseinandersetzung folgte, spottet jeder Betreibung.

„Klamm hatte mich eben verlassen; er war, als er mir begegnete, im Begriff gewesen, zur Bahnstation zu gehen, und mußte sich, um nicht den Zug zu verpassen, sehr beeilen. Ich aber saß noch in Gedanken versunken. So viel war auf mich eingestürmt, daß ich völlig vergessen hatte, wo ich mich befand.

„Daran sollte ich aber sehr bald, und sehr unliebsam erinnert werden. Ich hatte während meines Gespräches mit Klamm schon einmal Geräusch hinter den Gebüschen zu hören vermeint, da aber Klamm sich nicht umgesehen, angenommen, daß ich mich doch wohl getäuscht habe.

„Es war aber Frau von Klamm gewesen, die, um ihrem Manne noch etwas zu sagen, ihm gefolgt war, und als sie uns sprechen gehört, stehen geblieben und gehorcht hatte.

„Sie trat nun jählings hervor, stellte sich vor mich auf, maß mich mit hochmütiger Miene und stieß, mit vor Erregung zitternder Stimme, heraus:

„‚Ich war eben Zeuge des Gespräches zwischen Ihnen und meinem Mann. Voller Empörung vernahm ich, daß Sie sich nicht scheuten, ihm Avancen zu machen, mit wohlberechneter Weichmütigkeit äußerten, wie schwer es Ihnen werde, ihm fern zu bleiben! Der Sinn Ihrer Worte war nicht mißzuverstehen, am wenigsten für denjenigen, der frühere Vorkommnisse kennt.