Chapter 11
„Ach, Grete! Glaubst du, daß ich deinen Bruder glücklich machen werde?“ sprach sie nach deren wiederholter Aufforderung, ihr ihr Herz auszuschütten, mit verzagender Stimme.
„Seltsam! Je näher der Augenblick kommt, desto mehr ängstige ich mich! Wenn wir nur zu einander passen, Grete. — Natürlich, nur dir sage ich das — und nur zufolge meiner Gewissenhaftigkeit in allen ernsten Dingen. Glaube nicht, daß ich irre geworden bin. Jeder hat ja seine Art. Arthur wird auch manches an mir lieber anders sehen —
„Es ist körperlich — gewiß nur körperlich! Ich erleichtere mich schon durch Aussprechen —“
So belog sie sich selbst, zog in demselben Augenblick zurück, was sie eben betont hatte, und setzte voraus, daß Grete alles so hinnähme, wie es ihr in ihrer wechselnden, durch ihre seelische Bedrückung hervorgerufenen Stimmung wünschenswert war.
Die kluge Margarete schwankte, ob sie Ileisa zurufen sollte: „Was nützt die Verstellung, was nützt das Hinausschieben! Sage noch heute: Ich kann nicht! Ich will nicht! Sei wahr und ehrlich gegen dich und meinen Bruder, dem ich mich niemals zu eigen geben würde.“
Aber dieselben Bedenken, die Ileisa bestimmten, sprachen auch bei ihr.
Was sollte aus ihrer Freundin werden? Stieß sie auch hier zurück, was sich ihr bot, war's sicher für immer aus.
Daß sich ihr Vater, und daß Arthur sich niemals ferner um sie kümmern würden — und wenn sie selbst in höchste Not geriet — wußte sie. Sie wußte es, obschon ihr Vater ein zu beeinflussender Mann war, obschon ihre Mutter ein gutes Herz besaß. Und Arthur? Er würde vielleicht sogar eine boshafte Freude empfinden, wenn die, die ihn verschmäht hatte, unterging.
Sie sprach zu ihrer Freundin:
„Ich las jüngst, daß ein Mann vor der Ehe seiner Tochter riet:
„Nimm dir vor, dem Mann deiner Wahl ein guter Kamerad zu sein! Prüfe, ob er Widerspruch verträgt! Wenn nicht, beherrsche ihn durch Schweigen! Willst du etwas erreichen, was ihm und dir nützlich ist, wähle immer den rechten Augenblick. Darauf kommt alles an. Selbst Teufel haben eine Stelle, wo sie, angefaßt, vergessen, daß sie Engel zu bekämpfen haben! Kannst du nicht in ‚Liebe‘ leben, so erstrebe, es in ‚Frieden‘ zu können. Das ist das A und O der Ehekunst —“
* * * * *
Neun Monate waren nach diesen Ereignissen vergangen.
Ileisa hatte geheiratet, mit Arthur eine Hochzeitsreise gemacht, war zurückgekehrt und nun bereits gewohnt worden, daß sie ihr Mann abends häufig allein ließ. Gegenwärtig waren die alten Knoops nicht in Berlin. Sie hatten sich nach dem Süden begeben, um die Nachwirkungen einer stärkeren Unpäßlichkeit, die sie beide ergriffen hatte, endgültig zu beseitigen.
Die Nobilitierung war noch immer nicht erfolgt, aber Arthur hatte auch noch immer keine Thätigkeit gefunden. Er hatte sich Pferde und Equipagen angeschafft und in auffallende Livreen gekleidete Diener waren angenommen worden.
Im Grunde konnte er sich diesen Luxus neben den vielen anderen Ausgaben nicht leisten, aber er rechnete auf die Einnahme, die ihm durch seine Thätigkeit werden würde.
Theodor Knoop hatte Berlin ebenfalls vorübergehend verlassen. Es hieß, daß er sich zum Vergnügen nach Paris begeben habe. Mit der Provision in der Tasche, die ihm sein Bruder ausgezahlt hatte, konnte er sich wieder einmal auf's Nichtsthun und Wohlleben legen.
Die Haltung Klamms hatte seinen Fortgang beschleunigt. Man hatte ihm erzählt, daß Klamm geäußert hätte, er werde ihm, wenn er sich nicht aus Berlin entferne, wegen alter Unregelmäßigkeiten rücksichtslos zu Leibe gehen.
Ileisa suchte sich durch einen lebhaften Verkehr mit ihrer Tante für das zu entschädigen, was sie in ihrer Ehe entbehrte, und Arthur hinderte sie nicht daran. Wenn ihn sein fortwährender Vergnügungsdrang aus dem Hause trieb, war sie nicht immer allein. Es paßte ihm eine solche „Aja“ vortrefflich.
Viel beschäftigte sie sich auch mit Lektüre und Musik, und setzte aus der Ferne die Beziehungen zu Margarete durch eine regelmäßige Korrespondenz fort. Sie holte sich Wohlgefühl und Erhebungen, wo sie sie fand. Im übrigen war in ihrem Hause alles so neu, so schön, so ausreichend und bequem, daß schon die Freude an dem Besitz ihr anfangs leichter über die Leere weghalf, die sie an der Seite ihres Mannes fand, nachdem seine Leidenschaft abgekühlt und der alte Mensch wieder in ihm eingezogen war.
Arthur war weder warm, noch besonders rücksichtsvoll. Er verkehrte mit ihr, wie mit allen anderen.
Aber er war auch gelegentlich gar schon brutal gegen seine Frau gewesen.
Wenn sie ein einschränkendes Wort über Ausgaben gewagt hatte, die er machen wollte, hörte sie Worte, wie:
„Du sollst es ja nicht bezahlen! Also verdrehe dir deinen Kopf, nicht den meinen! Gewöhne dir überhaupt das Moralisieren ab. Damit hat niemand Glück bei mir!“
Und ein andermal, als sie ihn gefragt, ob er noch immer keine Thätigkeit und keinen Verdienst gefunden, hatte er ihr erwidert:
„Na, hast du's denn noch nicht gut genug? Früher warst du — so viel ich weiß — bei deiner Tante doch nicht so sehr verwöhnt —“
Und als ihr unter Erblassen die Worte entschlüpft waren:
„Ah — wie — unzart, ah, wie —“ hatte er zornsprühend gerufen:
„Nun —? Was denn noch mehr? Was beliebt noch?“
Und: „O, nein — nein — nichts! — Gar nichts!“ war ihm Ileisa, sich erschrocken fügend, in die Rede gefallen, hatte die Hand auf die erregte Brust gedrückt und sich seinem Anblick entzogen. —
„Dieser Schuft, dieser Lump, dieser Theodor,“ hatte grade an einem der letzten Tage Arthur bei Tisch herausgestoßen.
„Du meinst? Ist wieder etwas geschehen?“ hatte Ileisa sanft gefragt.
„Ja, ich meine, wie er uns mit seinen Zusicherungen beschwindelt hat. Nichts regt sich. Von der Nobilitierung schweigt alles. Als ich heute vormittag einen Unterbeamten im Heroldsamt zu sprechen wußte, erklärte der mir, daß die Akten gar nicht wieder behandelt wären. Er glaube nicht, daß dem Antrag Folge gegeben werden würde —“
„So lasse es denn, lieber Arthur! — Wir haben ja alles, was wir wünschen und brauchen! Wenn du auch noch eine Beschäftigung findest, können wir doch wahrhaft mit unserm Schicksal zufrieden sein.“
„Nun kommet du wieder mit deiner Beschäftigung,“ stieß Arthur, aufgeregt und rücksichtslos im Ton, heraus.
„In den letzten Tagen haben mich die im anderen Hause mit diesen Reden schon halbtot geödet. Namentlich entwickelt Margarete darin eine solche bevormundende Beharrlichkeit, daß ich ihr schon erklärt habe, sie möge sich gefälligst um ihre eigenen Kochtöpfe bekümmern, mich aber in Ruhe lassen. Ich werde schon wissen, was ich zu thun habe. —
„Da fällt mir übrigens ein: Sie wünschen, daß wir heute abend zu ihnen zum Abendbrot kommen. Wir treffen uns um acht Uhr dort! Ich kann dich nicht abholen, ich muß heute nachmittag Geschäfte besorgen.“
Ileisa hatte sich schon daran gewöhnt, daß sie eigentlich nur neben ihrem Gatten einherging. Wenn er einmal, entsprechend seinem Verhalten während der Verlobungszeit, wieder ein fügsames und gemütlicheres Wesen hervorkehrte, so mußten sie diese Augenblicke für seine Unpersönlichkeit und Kälte entschädigen, denen allerdings auch alle anderen, die mit ihm in Berührung traten, ausgesetzt waren.
Das waren dann die kleinen lachenden Inseln, die in dem uferlosen Meer auftauchten, auf dem sie sich befand. Es war eben alles so eingetroffen, wie sie es — von Zweifeln während ihrer Brautzeit wiederholt ergriffen — vorhergesehen. Neuerdings kam sie, da mit den alten Knoops auch Margarete wieder zurückgekehrt war, leichter über die Entbehrungen ihres Herzens und die sich in ihr immer mehr festsetzende Bitterkeit fort. — —
* * * * *
Aehnlich, wie bei den jungen Knoops, standen die Dinge bei Klamms, nur mit dem Unterschiede, daß sich Alfred von Klamm auf die Arbeit geworfen, und mit Eifer und mit immer steigenderem Erfolge den Geschäften, der Leitung und der Druckerei zugewendet, hier Ersatz für das zu finden gesucht hatte, was er in seiner Ehe entbehrte.
Es kamen nicht eigentlich Scenen zwischen ihm und Adelgunde vor. Dazu war er zu kavaliermäßig geartet, und dazu war sie eine zu leichtlebige, bequeme Natur. Ueberdies wirkte bei ihr noch die eifersüchtige Liebe nach, die sie für Klamm empfand.
Aber es verging fast keine Woche, in der sie nicht über die eingetretene Veränderung klagte.
Er war und blieb ein Gegner von Visiten, überflüssigen gesellschaftlichen Rücksichten und all den Nichtigkeiten, die nun einmal für Frau Adelgunde den Mittelpunkt ihrer Gedanken bildeten.
Ihre Toilette, ihre täglichen Ausfahrten, ihre Besuche und jene Sucht, stets einen Hofhalt um sich zu bilden und eine Hauptrolle zu spielen, hielten sie in Atem. Und da Alfred nur immer mit halbem Interesse dabei war, oder deutlich zeigte, welchen starken Zwang er sich auflegen müsse, ihr nachzugehen, da ihn immer nur seine Zeitung, seine Geschäfte, die Politik und öffentliche Vorgänge interessierten, lebte jeder ein Dasein für sich. Jeder legte an den Tag, daß er sich in des anderen Thun und Treiben nicht hineinzuversetzen vermöge.
Was Frau Adelgunde besonders empfand, war der Umstand, daß sich die bereits angebahnten Beziehungen zu den höchsten Kreisen der Berliner Gesellschaft schon wieder zu lockern begannen, nachdem ihr Mann die Leitung übernommen hatte.
Es wurden einmal Unterschiede gemacht! Man bediente sich seiner, wenn man ihn brauchte — eine Zeitung war eine Macht — aber der früheren Gesellschaftsgleichberechtigung geschah Beeinträchtigung. Wenn man auch Herrn von Klamm einlud, wenn er auch zu den Ministerabenden entboten wurde, so nahm man doch von Adelgunde keine Notiz.
Grade das nagte an der lebhaften und ehrgeizigen Frau. Als sie sich einmal mit einem Gesandtschafts-Attaché aus fürstlichem Geblüt in einer Abendgesellschaft begegnete, erklärte sie bei den Erörterungen über Ehrgeiz und Erfolge, sie würde ihre höchste Befriedigung darin gefunden haben, als Mitglied eines Fürstengeschlechtes geboren zu sein.
Und als der Artigkeiten gegen Frauen gewohnte Hofmann ihr erwidert hatte, daß er allerdings glaube, daß kaum eine der Berliner Damen so sehr die Allüren dazu besitze, wie sie, war sie überglücklich.
Sie hatte auch Alfred davon Mitteilung gemacht; sie hatte damit die Absicht verbunden, ihm zu imponieren. Er aber hatte gesagt:
„Wenn du nur wüßtest, welche Freuden in der Welt ausgestreut liegen und nur aufgehoben zu werden brauchen. Aber du willst nichts dazu thun, um ihrer teilhaftig zu werden.“
„Ach, bitte, Alfred, komm mir nicht wieder mit den Hinweisen auf das Krähen der Hähne und das Brüllen der Rinder auf dem Lande. Ich kann einmal weder etwas Poetisches noch Melodisches darin finden. Ebenso geht mir der Sinn dafür ab, an den Krankenbetten alter Bauerweiber zu sitzen und Christentum zu üben. Ich finde es schrecklich! Und die kindische Freude an vollen Leinenschränken, selbstgemachten Handarbeiten, Einmachen von Früchten und Gurken geht mir nun einmal ebenso sehr ab, wie das Interesse für die langweiligen Zeitungen mit ihrer Kritik, ihren Lügen, ihren Uebertreibungen, ihrem Furchtmachen vor Kriegsgefahr und anderer Sensationsmacherei! Ich kann es ja doch nicht ändern.
„Du sprachst neulich von Wohlthätigkeitsvereinen! Nun ja! In ihnen hat man wenigstens ein bischen Amüsement, man kommt mit Menschen in Berührung. Aber dieser Frauenbewegungsübereifer und all das entsetzliche Reden über die verkannten Rechte unseres Geschlechtes treiben mich zum Widerstand.
„Ich sage es frei, wie ich es meine. Sehr, sehr viele denken ebenso, wagen es nur nicht auszusprechen.“
„Ja, ja, du bist ein echtes Weltkind, du kannst froh sein, daß du nicht auf Arbeit und Erwerb angewiesen bist, sonst würdest du anders reden, Adelgunde. Und wenn du nur einmal auf dich Einfluß ausüben lassen wolltest! Wenn du dich mit der Natur, mit Kindern und einfachen Leuten abgeben, diese Menschen suchen und ihnen Interesse abzugewinnen dir Mühe geben würdest! Wenn du überhaupt so recht ins Leben hineingreifen und an allem teilnehmen wolltest, dann würdest du erkennen, daß die Freuden, die du dadurch empfängst, mit anderen, die du jetzt schätzest, gar nicht zu vergleichen sind.
„Was meinst du, Adelgunde, wenn wir ein Kind annähmen?
„Ich glaube, die Beschäftigung mit einem solchen würde dich ausfüllen, befriedigen, würde dich von den Nichtigkeiten ablenken, denen du nachgehst und die dich — im Grunde — doch nicht befriedigen —“
„O nein, nein, Monsieur le Baron Alfred,“ wehrte die Frau ohne Empfindlichkeit, mit lustigem Pathos ab, beugte sich zu ihm herab und küßte ihn.
„Ich will kein Kind! Ich bin glücklich, daß uns keins beschert ist! Nur für dich thut es mir leid,“ schränkte sie gutherzig ein. „Aber gar ein fremdes? Na, wie dergleichen ausfallen kann, sieht man doch an zahllosen Beispielen.
„Nein, nein! Es geht ja auch so! Jeder fügt sich dem andern. Ich wäre ja auch ganz glücklich, wenn du nur nicht diese gräßlichen bürgerlichen Passionen hättest, wenn du nur nicht grade auf diese Thätigkeit geraten wärest.
„Wie herrlich war's, als du mit der Pfeife im Munde und mit dem eisenbeschlagenen Feldstock in der Hand über unser Gut schrittest, oder wenn unsere Füchse vor unserem Jagdwagen ungeduldig auf und ab tanzten, wenn wir die Nachbarn besuchten, unsere reizenden kleinen Sommergesellschaften arrangierten, uns auf die Freuden des Winters präparierten, auf unseren Reisen interessante Menschen kennen lernten, so Anregung, Belehrung schöpften, sorglos, fröhlich und befriedigt waren!
„Was hast du jetzt? Verantwortung, Sorgen, Aerger, Abspannung — und Undank! Ja, ja — Undank! Wie sind sie neulich bei Theobalds über die Zeitung hergefallen.
„Ich hörte es, ohne daß die Gruppe der Schwätzer es ahnte.
„Mich, liebster Alfred, stellst du allezeit als ein im Grunde verlorenes, lediglich Thorheiten treibendes Wesen hin. Aber mit welchem Recht? Ich habe die Passionen einer Dame! Ich liebe Musik, Lektüre, ich liebe interessante und geistvolle Menschen, und ich bin dir trotz kleiner Gefallsüchtigkeiten so treu, wie nur eine unvollkommene Eva sein kann. Aber ich suche dir auch dein Haus gemütlich zu machen und dich nach Kräften zu pflegen.
„Also laß das Geschelte, schränke deinen langweiligen Lebensernst ein!“
Nach solchen Antworten war Alfred entwaffnet, diese Art versöhnte ihn wieder. Sie weckte alle Zuneigung und weckte seinen Gerechtigkeitssinn, der ihm sagte: wenn selbst den von dem großen Weltgeist regierten, und in den himmlischen Höhen kreisenden Sonnen, Planeten und Monden Mängel anhafteten, erst recht den, von demselben Schöpfer geschaffenen Kreaturen, die sich Menschen nannten, winzige Unvollkommenheiten eigen und nachzusehen seien.
Wie Ileisa die Klugheit, die Nüchternheit, den Ordnungssinn und den wenn auch zur Zeit falschen Zielen nachjagenden Ehrgeiz ihres Mannes schätzte, wie sie sich an seinen gelegentlichen, besseren Launen wieder von seiner Herzenskälte aufzurichten suchte, so auch Alfred an der liebenswürdigen Gemütsrichtung seiner Frau.
Und es würden sich diese beiden Ehen, wie so viele tausende andere, die im Grunde nicht glücklich sind, wohl miteinander ein- und ausgelebt haben, wenn nicht Ereignisse eingetreten wären, die so stark auf die Mitglieder eingewirkt hätten, daß ihr Wille und ihre Fertigkeit daran gescheitert wären.
* * * * *
Alfred von Klamm befand sich bei seiner Mutter; sie hatte ihn gebeten, sie zu besuchen. Sie wohnte noch in der Kurfürstenstraße, in der damals von Klamm gemieteten Etage, war wieder hergestellt und nahm an allem, was ihren Sohn und ihre Schwiegertochter betraf, den lebhaftesten Anteil. Sie wünschte ihn zu sprechen, weil sich Adelgunde wieder einmal an sie gewandt hatte, um ihre bei ihrem Manne auf Widerstand stoßenden Pläne durchzusetzen. Er war fast niemals dazu zu bewegen, an den Premieren im Theater teilzunehmen. Nur wenn er selbst einmal eine Kritik über ein neues Stück, oder über die Leistungen eines Künstlers auf anderem Gebiet schreiben wollte, trat seine Abneigung zurück, grade dann einem öffentlichen Konzert oder einer Ausführung beizuwohnen. Für Adelgunde hatte aber just die Teilnahme an den ersten Vorstellungen den allergrößten Reiz. Sie konnte sehen und konnte gesehen werden.
Das Publikum, das für ein Opernplatzbillet bei Gelegenheit des Erscheinens einer Berühmtheit fünfzig bis hundert Mark bezahlte, war dasjenige, was ihr gefiel, mit dem sie sich gleichgestimmt fühlte.
Adelgunde steckte sich in solchen und anderen, mit ihrer Eitelkeit zusammenhängenden Fällen hinter Frau von Klamm, und die gab sich auch in ihrer Herzensgüte dazu her, Alfred zuzureden, seiner Frau entgegenzukommen.
Und oft gelang's ihr auch; aus Gutherzigkeit willigte er ein. Neuerdings hatte sich Adelgunde in den Kopf gesetzt, ihr Gut bei Dresden zu verkaufen. Da sie nun doch in Berlin ferner leben sollte, wollte sie in nicht zu weiter Ferne von der Hauptstadt ein anderes erwerben.
Sie schwelgte schon im voraus in dem Gedanken, dort im Sommer ihre Berliner Bekannten zu empfangen, Feste zu geben, und das Dasein in solcher Weise zu genießen.
Es gehörte zur Befriedigung ihrer Eitelkeit, und sie geriet dadurch in die Lage, mit den adligen Gutsbesitzern der Umgegend in Berührung zu gelangen.
Nur kein Stillstand, keine Einförmigkeit, keine Langeweile! Jeder Tag mußte etwas Besonderes bringen, mußte in seiner Art ein Festtag sein.
Klamm hatte sich zunächst ihren Plänen widersetzt. Es widerstrebte ihm, den Besitz bei Dresden, der so lange Eigentum der Familie gewesen, auf dem auch er gearbeitet und so mancherlei gefördert hatte, zu veräußern.
„Wer weiß, was wir wieder erhalten! Bei Güter- und Pferdekäufen das Richtige treffen, ist sehr schwer! Wie nun? Wenn wir für schönes Gold Kupfer einhandeln? Wir wollen doch dein Vermögen zusammenhalten,“ hub er morgens beim Frühstück an.
„Warum sprichst du immer von ‚meinen‘ Vermögen?“ fiel ihm Adelgunde in die Rede. „Warum sagst du nicht: ‚unser‘ Vermögen?“
„Weil es dein Geld ist, was gewagt werden soll —“
„Du hast doch auch mein Geld — wenn du auf dieser Unterscheidung bestehst — an dem Knoopschen Zeitungsunternehmen gewagt und bist voll Vertrauen! Weshalb sollten wir denn grade hierbei getäuscht werden?
„Andere Menschen kaufen auch Güter und machen einen guten Handel. Es giebt doch zuverlässige Leute und auch Sachverständige. Wir können doch letztere zu Rate ziehen.“
„Hm — Ja, es ist möglich! Aber wer kauft uns den Besitz bei Dresden ab? Und wenn — wer bezahlt ihn uns so, wie wir ihn schätzen?“
„Das ist denn auch kein Unglück. Wir können ihn ja auch zur Not behalten! Behalten wir ihn doch überhaupt, und erwerben wir uns ein hübsches Gut im Oderbruch oder in noch größerer Nähe von Berlin dazu.“
Aber bei dieser Erörterung war es einstweilen geblieben. Nun sollte Mama Klamm vorgehen! Freilich wußte Adelgunde nicht, wie ihre Schwiegermutter die Sache auffassen werde. Sie fürchtete, sie würde auch bei ihr auf Widerstand stoßen. —
Zu ihrer angenehmen Ueberraschung fand sie Frau von Klamm jedoch durchaus bereit, ihren Wunsch bei Alfred zu unterstützen. Der Dame gefiel der Plan, weil sie auch Vorteile davon haben würde. Sie war auf dem Lande groß geworden und hatte ihre meiste Lebenszeit dort zugebracht. Sie liebte das Land; ja, sie stellte sich bereits vor, daß sie dort ferner mit ihren Kindern leben werde. Sie würden im Sommer ganze Wochen oder Monate dort zubringen, Alfred würde zwar täglich zur Stadt fahren, aber abends zurückkehren. Das Stadtleben zersplitterte. Frau von Klamm war nicht gern in Berlin. Mitten in dem großen Getriebe fühlte sie sich vereinsamt, umsomehr, weil sie wenig Umgang pflegte. Neuerdings hatte sie Fräulein von Oderkranz kennen gelernt und sich ihr etwas genähert. Die alte, kluge, seine Dame hatte ihr ausnehmend gefallen.
Alfred hörte seine Mutter, als sie auf ihn einsprach, ohne Unterbrechung an. Er erhob auch, nachdem sie geendet, keinen Einwand, lächelte nur und sagte:
„Wenn ihr einen Verschwörerbund stiftet, was soll ich dann machen? Ich muß ja wohl ja sagen. Ich habe mich hauptsächlich geweigert, weil ich immer gehofft hatte, daß sich meine Frau mir mehr anpassen werde, daß sie größere Freude an ihrem Hause, an unserm Zusammenleben finden, daß sie ernstere, bessere Dinge über ihre Vergnügungen setzen werde.
„Aber ich erkenne immer mehr, daß in dieser Richtung eine Einwirkung auf sie unmöglich ist. Da ich sehe, daß auch du für den Plan bist, will ich nachgeben. Ich verstehe, daß du dich nach der reinen Luft des Landes sehnst, daß du dorthin wieder zurückkehren möchtest, wo dein eigentlicher Lebensboden ist. Aber damit wir nicht auseinander geraten, damit wir ebenso häufig miteinander verkehren, wie bisher, muß es doch schon ein Gut in nächster Nähe Berlins sein, und das wird viel Geld kosten.“
„Ihr habt ja viel! Wieviel besitzt eigentlich deine Frau?“ wandte Frau von Klamm mit sanfter Beharrlichkeit ein.
„Nun, eine Anzahl Millionen werden wohl herauskommen,“ entgegnete Klamm. „Aber was will das sagen, wenn so große Summen in verschiedenen Unternehmungen festgelegt werden!
„Ich gestehe dir, daß ich eigentlich die Absicht hatte, die Leitung und die Druckerei allein käuflich an mich zu bringen, darin Adelgundes Vermögen festzulegen. Meine größeren Pläne, meine eigentlichen Wünsche werden durch den Gutskauf nicht nur beeinträchtigt, sondern vielleicht unmöglich.“
„Ich würde es vermeiden, das Geld deiner Frau in deine Unternehmungen zu verwickeln, Alfred. Du bleibst freier.“
Klamm lächelte bitter.
„Ja, ja!“ betonte er. „Du hast völlig recht. Das ist's ja eben! Sobald es sich um meine Wünsche handelt, tritt immer die Erwägung ein, daß es ihr Geld ist.
„Schließen wir indessen das Gespräch, liebe Mutter. Ich werde Adelgunde und dir — ich wiederhole es — nachgeben, ich werde ein Gut ehestens besehen, und auch sonst alles thun, was deine Wünsche verwirklicht.“
In Frau von Klamms Angesicht erschien ein Ausdruck größter Befriedigung. Sie nickte ihrem Sohn warmherzig zu und schloß, während er sich erhob und zum Fortgehen rüstete:
„Was machen eigentlich Knoops? Ich vergaß immer, dich danach zu fragen. Sind sie zurück, und ist“ — hier lächelte Frau von Klamm gutmütig — „der Bote mit dem Adelsbrief unterwegs oder gar schon angelangt?“
„Ja, sie sind zurück, und auch der berühmte Theodor, der Hallunke, ist, wie ich von einem der Herren in der Redaktion zufällig gehört habe, aus Paris heimgekehrt.
„Er wird wohl die Provision, die ihm sein Bruder für den Zeitungsverkauf zugebilligt hat, schon wieder verthan haben und muß nun neues Futter suchen.
„Dazu gehört die Nobilitierung. Er ist ja der eifrige Vermittler, um der Familie das ‚von‘ anzuhängen.“
„Und der junge Mann und Frau Ileisa? Hast du sie auch wieder gesehen? Fräulein von Oderkranz äußerte neulich, daß es ihr lebhafter Wunsch sei, daß ihre Kinder mit euch verkehren —“
„Aber besser ist's schon, daß es unterbleibt, Mutter! Dieser Herr Arthur ist mir nichts weniger als sympathisch; namentlich seitdem er sich zum Nichtsthuer herausgebildet hat. Ein Mensch in seinen Jahren ohne Beschäftigung, ohne Erwerb! Es sind mir solche Leute gradezu widerwärtig!
„Um übrigens deine andere Frage zu beantworten: Ja, ich sah sie noch gestern in der Equipage, die er sich angeschafft hat. Er kutschierte selbst, und sie saß neben ihm. Sie sah überaus anziehend aus, und grüßte, als ob niemals etwas zwischen uns vorgefallen wäre!“
Klamm schloß seine Rede mit einem Seufzer. Dann neigte er sich zu seiner Mutter und küßte sie auf die Wange und verließ das Zimmer.
* * * * *