Chapter 10
Ergab sich wirklich ein solcher Nutzen, sollte in ernsthafte Verhandlungen eingetreten werden.
Unter solchen Umständen mußte aber Theodor nun doch an Klamm herantreten. Daß sich Klamm mit Kapital und seiner Arbeitskraft beteiligen werde, hatte die Bank, die Erkundigungen nach ihm eingezogen, als Vorbedingung hingestellt. Gegen Arthur Knoop hatte sich wegen seiner Jugend Bedenken erhoben; auch ergaben die Ermittelungen, daß er mehr Sportsmann und Lebemann, denn ein eifriger Geschäftsmann sei. —
Bei einer Unterredung, die zwischen Arthur und Theodor stattgefunden, hatte Arthur gedrängt, daß Klamm nunmehr baldigst bestimmte Erklärungen gäbe.
Theodor hatte bisher mitgeteilt, daß Klamm ihm gesagt, daß er in irgend einer Form der Sache näher treten wolle. Er hatte Arthur unter dem Eindruck gelassen, daß er persönlich mit ihm verhandelt habe.
Um nun nicht der Lüge überführt zu werden, mußte er den Gang zu Klamm schon wagen. Er wollte ihm erklären, daß er im besonderen Auftrag des Herrn Knoop komme, und gab sich der Hoffnung hin, dadurch einer unhöflichen Behandlung von seiten Klamms enthoben zu werden.
Ließ sich Klamm, wie er voraussetzte, auf Besprechungen ein, wollte er alles vorbringen, was er den Bankdirektoren und Knoops als thatsächlich bereits erzählt hatte. Theodor hatte auch, wie es schien, Glück. Herr von Klamm ließ, als der Oberkellner bestellte, daß Herr Theodor Knoop im Auftrage des Herrn Friedrich Knoop komme, und bäte, den Herrn Baron sprechen zu dürfen, heraussagen, er werde sich unten im Konversationszimmer einfinden.
„Was wünschen Sie?“ begann Herr von Klamm mit eisiger Miene und Betonung, als er in den erwähnten Salon eintrat und sich Theodor erhob und eine besonders höfliche Verbeugung machte.
Theodor brachte vor, was er zu sagen hatte. Er knüpfte daran an, daß Herr von Klamm erklärt habe, daß er das Angebot von Knoops in Ueberlegung ziehen wolle.
„Ja, aber ich muß dennoch ablehnen. — Sie wollen das, da Sie als Beauftragter des Geschäftsinhabers erscheinen, Ihrem Herrn Bruder mitteilen. — Sonst noch etwas?“ schloß Klamm und machte eine Bewegung zum Gehen, die hinreichend bewies, daß er mit dem Besuch ferner zu konferieren nicht wünsche.
Aber Theodor ließ sich nicht abschrecken. Er sagte nun das, was er klüglich zuerst nicht in Vorschlag gebracht, das, was er der Bank aber bereits mitgeteilt hatte.
Er bat Klamm, die Oberleitung zu übernehmen, erzählte, daß ein Kapitalisten-Konsortium die Sache kaufen, in eine Aktiengesellschaft verwandeln und grade ihn als Geschäftsleiter erwählen möchte. Man hoffe, daß sich Klamm auch mit einem Kapitalbetrag des ihm ja sehr bekannten Geschäftes beteiligen werde. Er fügte hinzu, daß sich Knoops ganz zurückziehen wollten.
Höchstens sei der junge Herr Knoop bereit, sich mit in den Aufsichtsrat einzureihen. Klamm überlegte rasch. Bei solcher Sachlage würde Adelgunde vielleicht keine Einwendungen erheben. Einen geringen Teil ihres Kapitals würde sie dann nur riskieren, und sicher würde er ihren Widerstand beseitigen, wenn er lediglich die Stellung des Vorsitzenden des Aufsichtsrates übernähme.
Thatsächlich würde er aber dann schon die Mittel und Wege finden, die Zügel ganz in seine Hände zu bekommen.
Das klang dann ganz anders! Das stimmte dann mit dem überein, wozu sich auch sonst adlige Personen verstanden. Klamm konnte alle seine Wünsche erfüllen, wenn die Dinge sich so vollzogen.
Er erwiderte in diesem Sinne knapp und kurz und schloß:
„Ich wünsche aber mit der Bank selbst zu verhandeln! Welche ist es? — Sie werden von dort über meine Entschließungen verständigt werden —“
Hierauf nickte er und machte abermals eine Bewegung, sich zu entfernen.
In Theodor schwoll's auf! Das ging ja alles herrlich! Aber eben nun mußte das Eisen noch gleich ganz geschmiedet werden. Er wollte Alfred überreden, ihm eine feste, prinzipielle Zusage zu erteilen.
Als er jedoch zu diesem Zwecke nochmals anheben wollte, richtete sich Klamm mit äußerst brüsker Miene empor und sagte:
„Ich muß es ablehnen, mit Ihnen auch über das Allernotwendigste noch ferner zu sprechen. Es geschah überhaupt nur, weil Sie im Auftrage Ihres Herrn Bruders zu kommen erklärten. Wäre das nicht, hätte ich Sie gar nicht empfangen, und ich rate Ihnen dringend, nicht noch einmal den Versuch zu machen, sich mir zu nähern.
„Bedingung für meinen Eintritt ist überhaupt, daß ich nichts — gar nichts mit Ihnen in Zukunft zu thun habe. Solches werde ich auch allen Beteiligten mitteilen. — Adieu!“
Theodor Knoop schoß das Blut in den Kopf, eine rasende Wut ergriff ihn. Statt zu gehen, statt alles hinzunehmen, statt ein erklärend besänftigendes Wort zu sprechen, um sich so den Abgang zu erleichtern sagte er:
„Wohlan, mein Herr! Nach Ihrem Belieben! Ich darf mir aber wohl die Frage erlauben, was Sie berechtigt, mich in solcher Weise zu beleidigen?
„Sollten es die alten Märchen sein, daß ich Ihre Frau Mutter bei Gutskäufen geschädigt habe, so erkläre ich das für eine Lüge. Ich kann Ihnen nur dringend raten, daß Sie Ihre Verleumdungen nicht fortsetzen! Also nicht Sie haben ein Recht, eine solche Sprache zu führen, sondern ich könnte Sie wegen Ihrer Nachreden, die sich auf völlig vage Vermutungen stützen, zur Rechenschaft ziehen. Ich habe Ihre Frau Mutter nie mit Augen gesehen!“
Theodor hatte seine Rede kaum beendet, als schon ein, mit einer befehlenden, jeden Widerstand aufhebenden Handbewegung begleitetes: „Hinaus! Augenblicklich hinaus!“ in einem so drohend lauten Ton erfolgte, daß es hell durch die unteren Räume des Hotels ertönte, und Anlaß gab, daß sich mehrere nebenan befindliche, beim zweiten Frühstück sitzende Gäste erhoben und herbeieilten, aber auch der Portier unmittelbar darauf mit besorgter Miene den Kopf durch die Thüröffnung steckte.
„Lassen Sie dieses Subjekt niemals wieder vor! Hören Sie, Portier! Er soll mir nicht mehr gemeldet werden!“ befahl Klamm in einem kurz befehlenden, sehr scharfen Ton. Während sich Theodor, zitternd und zähneknirschend vor Wut, entfernte, schritt er auf dem entgegengesetzten Weg zum Außenflur, um sich wieder in sein Zimmer zu begeben.
* * * * *
Nach diesem Vorfall richteten sich zunächst Theodor Knoops Gedanken auf die Ueberlegung, wie er sich — gleichviel ob ihm Vorteile dadurch entgehen würden — an Klamm rächen könne. Je mehr er zugeben mußte, daß Klamms Haltung völlig gerechtfertigt gewesen, desto höher loderte der Ingrimm in ihm auf, desto mehr verschärften sich die Vergeltungsgedanken.
Aber schon am selben Tage dachte er anders! Was scherte ihn das Wohlwollen oder die Abneigung des Herrn von Klamm! Wenn er nur das Geschäft machte, nur Geld verdiente! Und nur in dem einen Punkte mußte er noch handeln! Er mußte für alle Fälle den Bankdirektoren eine Erklärung geben, weshalb Klamm so sehr gegen ihn eingenommen sei.
Daß Klamm sich gegen Knoops äußern wollte, machte nichts aus. Das waren für jene ja allbekannte, von ihm längst widerlegte Sachen.
Zuletzt rieb sich Theodor Knoop sogar die Hände.
Wie nun? Wenn Klamm ihn — als jener Betrugshandlungen verdächtig — beim Staatsanwalt denunziert haben würde! Dem war er doch entgangen!
Also den Kopf hoch und leichten Sinnes! Die Unterredung war so vortrefflich wie möglich verlaufen!
Noch an demselben Abend suchte er Arthur im Kontor auf, teilte ihm mit, daß er ihm Gutes zu melden habe, und schlug ihm vor, den grade in Berlin anwesenden Cirkus Renz zu besuchen.
Da Ileisa und Margarete einer Einladung zu Wiedenfuhrts folgen wollten, Arthur also die Stunden nicht, wie sonst, mit seiner Braut verleben konnte, nahm er seines Onkels Vorschlag an und traf die Abrede, daß sie sich im Restaurationsraum vorm Cirkuseingang treffen wollten.
Bevor sich Arthur aber dahin begab, traf zufällig grade die Nachricht ein, daß der Firma der Zählkarten-Auftrag zuerteilt worden war, ein Umstand, der Arthur Anlaß gab, sich so gleich zu seinem, hinten im Wohnhaus befindlichen Vater zu begeben.
Der Bote, der ihm die Nachricht schon vor der offiziellen Mitteilung gebracht und dafür ein vorher versprochenes Trinkgeld erhalten, hatte noch zu erzählen gewußt, daß sich die Offerte der Hohensteinschen Buchdruckerei in allem stets ein weniges unter dem Knoopschen Angebot gehalten habe, daß aber trotzdem der Zuschlag deshalb für die Knoopsche Offizin ausgefallen sei, weil man größeres Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit setze. Namentlich habe sich auch Herr Wiedenfuhrt für Knoops ausgesprochen.
Das alles regte die beiden Herren sehr an, hob ihre Stimmung ausnehmend, gab aber auch zu der Befremdung und Frage Anlaß, wie es komme, daß die Hohensteinsche Buchdruckerei grade die Sätze von Knoops unterboten habe.
Es machte fast den Eindruck, als ob sie von der Offerte der Firma Knoop Kenntnis gehabt.
Arthur erinnerte sich seines Gespräches mit Theodor und dem Oberfaktor, und äußerte, daß der letztere sich unmöglich eines Vertrauensbruches schuldig gemacht haben könne.
„Für den trete ich ein!“ betonte er, und Herr Friedrich Knoop Stimmte ihm bei.
Was sie aber beide sonst noch dachten, sprachen sie nicht aus. —
Im übrigen waren sich Vater und Sohn nunmehr einig, daß sie in Theodors Vorschläge willigen wollten. Es folgte gleich nach der unmittelbar bevorstehenden Prüfung der von der Bank erwählten Kommission, in deren Geschäftszimmer eine Zusammenkunft anberaumt und: Kaufpreis, Zahlungsmodalität, Beteiligung, Direktorium, Aufsichtsrat und Uebernahmetag festgesetzt werden.
Wenn Klamm, wie Theodor sicher behauptet hatte, eintreten und sich beteiligen wollte, war die Sache sicherlich gemacht! Dann strich Herr Knoop drei und eine halbe Million in die Tasche.
Und dann noch das letzte: die Nobilitierung! Was machte es aus, wenn von den drei und einer halben Million wirklich selbst anderthalb hundert tausend noch abgingen — der Rest war wahrlich ein Resultat, das sich sehen lassen konnte!
Und darin waren sich Vater und Sohn einig. Sobald alles erreicht war, wollten sie Theodor, den Onkel, ein für allemal von sich abthun.
Dafür war Margarete überhaupt schon immer eingetreten.
Sie hatte wiederholt gebeten, daß ihn die Familie so wenig wie möglich ins Haus ziehe, ja, wie damals schon geplant, selbst mit stärkeren Opfern alle Beziehungen zu ihm löse! Sie traute ihm durchaus nicht. Sie glaubte an den Klammschen Güterbetrug!
Und bis zum legten Augenblick — noch am Abend vorher — war sie in ihren Vater gedrungen, sich von dem Geschäft nicht zu trennen, und sich auf Standes-Erhöhungspläne nicht einzulassen.
Bei allem aber blieb Herr Friedrich Knoop auf seinem Standpunkt stehen. Er ereiferte sich durchaus nicht. Er betonte stets mit vollkommener Ruhe, daß er materiell gar nicht besser fahren könne, als wenn er jetzt verkaufe.
Ueber eine Million Thaler in sicheren Staatspapieren sei ein Resultat. Darin müsse er Arthur recht geben.
Und der Adel? Er hieße lieber Freiherr Friedrich von Knoop, als Herr Rentier Knoop! Gewiß, im Grunde sei dergleichen wie so vieles, ein Nichts, ein Schaum, dem nachzujagen, eine Thorheit. Aber man lebe eben in einer Welt der Komödien, und wolle man den absolut Vernünftigen spielen, laufe man geradezu Gefahr, ins Irrenhaus gesperrt zu werden.
Und das wiederum so Vorgebrachte klang denn auch wahrlich nicht so übel! Wie überall das, was die Sinne bestrickt, stets in anderen Farben leuchtet, als die graue Vernunft.
Sie, die Vernunft, mit ihrer rauhen Tugend, paßt in die Trappistenklöster, aber nicht in die Welt der Bedürfnisse, des Genießens, des Ehrgeizes. — —
Während sich die Dinge in solcher Weise bei Knoops abspielten, saß am Schluß der Woche abends im Millionen-Klub Alfred von Klamm neben einem ihm bereits aus seiner Dresdner Zeit bekannten, jetzt in Berlin lebenden Freiherrn von Milan, einem früheren Garde-Ulanen-Offizier, der wegen eines Knieleidens hatte seinen Abschied nehmen müssen.
Zu Milan hatte sich Klamm stets sehr hingezogen gefühlt. Er war ein Mann, der nichts weniger als schablonenhaft zugeschnitten war.
Auch er suchte etwas. Da er nicht ohne Vermögen war, vermochte er auch so zu leben. Er wünschte aber eine ansprechende Thätigkeit zu finden und sich — zu verheiraten.
Während sie einer Flasche Wein zusprachen, warf Milan die Frage nach Klamms nächsten Plänen und nach — Klamms Gattin hin. Er fragte ihn ohne Rückhalt, ob er sich in seiner Ehe glücklich fühle.
Sie hatten ihr Inneres einander so häufig geöffnet, daß keinerlei Unzartheit darin lag.
Klamm ließ einen ernsten Ausdruck in seinen Zügen erscheinen, und sagte:
„Daß ich aus den mehr als bedrängten Verhältnissen herausgekommen bin, daß sich meine teure alte Mama der Sorgen und der Vorwürfe, die sie sich meinetwegen gemacht, entschlagen hat, ist ja ein unschätzbarer Gewinn. Ja, ich muß sagen, daß ich dem Himmel nicht dankbar genug sein kann. Wenn Sie mich aber fragen, lieber Freund, ob ich glücklich bin, so sage ich — nein! Durchaus nicht!
„Immer mehr gelange ich zu der Einsicht, daß der Begriff Glück nicht zu definieren ist. Ein Blinder kann sehr glücklich sein, ein Armer, ein ewig Dienender, Entbehrender. Liebe zu unseren Mitmenschen, die Freude am Kleinen, die Fähigkeit, eines Sonnenstrahls Verschönerungskraft mit den Augen des Naturschwärmers würdigen zu können, Genußfähigkeit und Gesundheit können uns glücklich machen!
„Am wenigsten erzeugt Geld, Besitz an sich, Glück —
„Es muß dem Erdenmenschen immer etwas zu wünschen übrig bleiben, etwas, dem er entweder eifrig nachstrebt, und an dessen Gewinnung er dann Freude erlebt, oder dessen Erfüllung er der alles reifenden Zeit mit geduldigem Wartesinn überläßt.
„Das Furchtbarste ist: der Mann seiner Frau zu sein, in dem Sinne, daß sie das Vermögen hat, man selbst nichts besitzt und deshalb in seinen Bewegungen, Entschlüssen und Handlungen von ihr abhängig ist.
„Und darum antworte ich Ihnen: ich bin nichts weniger als glücklich.“
„Aber Ihre Frau Gemahlin vermag sich doch der besten Eigenschaften zu rühmen. Sie ist bekannt wegen ihrer Liebenswürdigkeit, Klugheit und Herzensgüte! Sie ist, wie ich sicher weiß, eine Sie sogar eifersüchtig liebende Frau, lieber Klamm.“
Klamm bewegte erst leichthin das Haupt, dann sagte er, langsam sprechend:
„Ja, aber wir passen nicht zu einander! Sie kennt und will nur Vergnügen, und ich — ich habe jeglichen Geschmack daran verloren.
„Meine Frau kann eigentlich keinen Abend mit mir allein sein! Sie musiziert, sie liest, sie plaudert wohl gern einmal über ernstere Dinge, hat Talent für jene und Verstand für diese; aber es muß immer ein Zeuge da sein, der sie bewundert, ihr zuhört, dem sie ihre kleinen Komödien vorspielen kann. Es giebt Personen, die nur glücklich sind, wenn sie jeden Tag als Akteure auftreten, ihre Fähigkeiten vor anderen leuchten lassen können, wenn sie in Lust und Trauerspielen, in Vaudevilles und Singspielen, die sie aufführen, oder zu denen sie sich als Teilnehmer drängen, womöglich die Hauptrolle spielen und zum Schluß laut oder stumm beklatscht werden.
„Solch ein Mensch ist meine Frau. Dazu kommt der verrückte, nicht zu bannende Ehrgeiz, in der allervornehmsten Gesellschaft zu verkehren, sich dieser anzuschließen, deren Modethorheiten oder üble Passionen mitzumachen. Sie würde sich auch — wenn jene es ihr vormachten — einbilden, sie müsse neben mir einen Geliebten haben. Daß sie ohnehin schon dazu manche ernannt hat und immer wieder ernennt, macht sie sich nicht einmal klar. Es ist aber der Fall. Kleine Liebeständeleien mit flotten Offizieren oder Diplomaten, aber auch mit älteren Personen von Distinktion gehören zu ihr, wie früher zu den alten Jungfern die Möpse und Strickbeutel!
„Und nun die Abhängigkeit von ihrem Gelde! Das ist's, mein Freund. Sie hat zwar anfänglich ausgesprochen, daß alles mir so gut gehören solle, wie ihr, aber sie hat die Initiative, das gerichtlich festzusetzen, nicht ergriffen. Und wenn ich bisweilen dachte, ich wollte ihr's nachträglich abgewinnen, stockte ich doch. —
„Weshalb? — Ich habe ein Gefühl, daß ich mich dann erst recht in unlösbare Fesseln schlage — ohne dem aber noch einmal meine Freiheit zurückgewinnen kann —“
„Wie? Mit solchen Gedanken beschäftigen Sie sich, Klamm?“ fiel Milan überrascht ein.
„Nein — und ja! — Ich will jetzt eben versuchen, ob meine Frau mir zu willen sein will. Ich habe die Absicht, eine große Zeitung zu übernehmen, in dieser Richtung zu wirken. Ich habe einmal Sinn für öffentliches Leben, sozialen Fortschritt, Pflege der Kunst und Wissenschaften. Meine Frau aber hat für dergleichen nicht das geringste Interesse. Sie liest nicht einmal eine Zeitung. Und dergleichen ‚Thätigkeit‘ ist ihr viel zu bürgerlich. Das zieht mich ja von Geselligkeit und all den Modelasten ab, an dem sie lediglich Gefallen findet.“
Milan hatte bei Klamms Eingangsworten besonders ausgehorcht. Nach einer näheren Erörterung darüber, sagte er:
„Vielleicht können Sie mir — können wir uns die Hand reichen! Ich teile Ihren Geschmack, ich würde sehr gern die Stellung eines ständigen Mitarbeiters an Ihrer Zeitung übernehmen. Ich habe — wie Sie wissen — schon ziemlich viel geschrieben: Militärisches, National-Oekonomisches und auch Feuilletonistisches. — Vielleicht hat's der Zufall gefügt, daß wir an einer Sache gemeinsam arbeiten können. Das würde mich sehr freuen! Ich möchte auch in die Kammer gewählt werden. Ich habe ja Grundbesitz und bin nicht ohne Einfluß in meinen Kreisen.“
In diesem Sinne festen die beiden Männer ihre Unterredung bis in die Nacht fort.
Erst um drei Uhr morgens schritten sie zusammen die Friedrichstraße und später die Leipzigerstraße hinab. Und heute etwas gehobener denn seit langer Zeit, stieg Klamm die Hoteltreppen empor, und suchte den Segen des größten Gottes, der sich dem Menschen nähert — den Schlaf. —
* * * * *
Der Abschluß war erfolgt. Herr Friedrich Knoop hatte seine Buchdruckerei und seine Leitung an die Aktiengesellschaft für den von ihm bedungenen Preis verkauft. Die Anzahlung war bereits gemacht, und die Erledigung der übrigen Raten war von der an dem Geschäft beteiligten Bank garantiert worden.
Und Freiherr Alfred von Klamm war als Vorsitzender des Aufsichtsrates mit der Maßgabe erwählt worden, daß es ihm überlassen sei, für die Direktionsgeschäfte eine passende Persönlichkeit ausfindig zu machen. Vorderhand sollte er selbst aber als Direktor eintreten, und im Fall er Neigung besitze, diese Thätigkeit fortzusetzen, den Vorsitz an eine andere Persönlichkeit abgeben. Eine starke Enttäuschung hatte die Familie Knoop dadurch erlitten. Auf Arthur war nicht — wie Friedrich Knoop und die Damen angenommen und gewünscht hatten — die Wahl gefallen.
Klamm war vor dem Uebergang an die neue Gesellschaft einigemale mit Arthur in Berührung gelangt, hatte jedoch an der Selbstgefälligkeit und der unangenehm wirkenden Sicherheit des sich mit den Händen in den Hosentaschen vor ihm ausstellenden jungen Menschen so wenig Geschmack gefunden, daß er ihn aus der Zahl der Bewerber von vornherein ausgeschieden.
Er wünschte gegebenen Falles völlig neue Bahnen, und hatte sich deshalb auch in der Wahl der Anstellung anderer Beamten das Recht selbständiger Entscheidungen vorbehalten.
Knoops waren auch schon aus dem Wohnhause fortgezogen, Klamm hatte dort seinen Einzug gehalten.
Sonst hatte sich äußerlich zunächst nichts verändert.
Klamm empfing sämtliche Angestellte und versicherte sie, daß jeder, der seine Pflicht, wie bisher, gewissenhaft ausübe, auf seinem Platz bleiben und von ihm bestens beschützt werden werde.
Wo früher Herr Friedrich Knoop in dem Arbeitszimmer mit den zahlreichen Klingelknöpfen geherrscht, da saß nun — der einst kurzweg Entlassene! —
Und in einem vornehmen Villenbau in der Kurfürstenstraße, den Herr Knoop gekauft hatte, wurden zu gleicher Zeit die Hochzeitsfeierlichkeiten zwischen Arthur und Ileisa vorbereitet. Das Aufgebot war erfolgt, und der Tag der Vermählung bereits festgesetzt.
Zunächst waren die Gemüter auch noch sehr gehoben. Die Erwartung hielt alle in Atem, sie ließ sie zu rechten Nebengedanken nicht gelangen. Herr und Frau Knoop beschäftigte die Sorge, wie sie ihrem Sohn alles möglichst vollkommen herrichten könnten. Sie waren viel unterwegs, prüften, wählten und zogen den Geldbeutel.
Aber auch die beiden jungen Mädchen waren ganz bei der Sache, und wenn nicht Ileisa die Nadel rührte oder mit Margarete Aussteuer-Angelegenheiten überlegte, begab sie sich an ihres Verlobten Arm auf die Suche nach einer Wohnung.
Und der junge Mann kritisierte nach seiner Art das meiste, zeigte aber doch auch dabei den praktischen Sinn, der eine seiner besten Eigenschaften war.
Im übrigen hatte er sich auch schon nach einer neuen Thätigkeit umgesehen.
Sein Vater hatte sich bereit erklärt, ihm und Ileisa den Zinsgenuß einer Million Mark zu überweisen; eine gleiche Rate sollte Margarete bei ihrer Hochzeit werden. Den Rest wollten die Alten für sich verwenden.
Kapital wollte Herr Friedrich Knoop nicht hergeben. Sein Sohn und sein künftiger Schwiegersohn sollten der Gefahr entgehen, jemals zu verarmen. Sie sollten sich, falls sie Geld für Geschäftszwecke brauchten, anderweitig umsehen.
Arthur hatte auch keinen Einwand erhoben. Wenn er über eine Rente von 40000 bis 50000 Mark verfügte, dann konnte er „standesgemäß“ existieren.
Es würde sich finden, was er noch that und wie er sich einrichtete.
Als Ileisa einmal bescheiden davon gesprochen hatte, daß er ihr einen Liebesbeweis an den Tag legen würde, wenn er ihrer Tante eine jährliche Beihilfe zuwende, hatte er „solches zu überlegen“ versprochen. — Es war aber sehr bezeichnend gewesen, daß er seinen Vater ersucht hatte, diese Last zu übernehmen.
Herr Knoop hatte unter der Bedingung ja gesagt, daß die Dame ihm dagegen nach ihrem Tode ihr Vermögen überweise.
Dann vermochte er sich voll oder zum Teil wieder von dem Ausfall zu erholen. Fräulein von Oderkranz konnte noch zwanzig Jahre und länger leben! Es hieß also eine erhebliche Summe verschenken, wenn sie ein hohes Alter erreichte.
Arthur hatte nicht den Mut gehabt, seiner Braut diese „kaufmännischen Pläne“ zu unterbreiten, er hatte nur gesagt, daß er es geordnet habe, daß die alte Dame die von Ileisa gewünschte vierteljährliche Rate erhalte.
Und sie hatte ihn — ahnungslos über die Vorgänge — geküßt und sich bedankt.
Vier Tage vor der Trauung hatte Ileisa noch eine Unterredung mit ihrer Tante in der früher erwähnten Wohnung.
Fräulein von Oderkranz schaute auf, und auf den knochigen Backen erschien das Rot freudiger Erregung, als Ileisa in einem äußerst geschmackvollen, neuen Radkostüm in dunkelblauem Stoff zu ihr ins Zimmer trat.
„Reizend siehst du aus, mein süßes Kind! Wohl ein Geschenk von Arthur?“ warf sie belebt hin.
„Ja, Tante! Aber nicht nur das! Sechs neue Roben hat er mir auf einmal gekauft, und alles, was irgendwie sonst noch dazu gehört. Und sieh nur, das Geschenk von Vater!“
Hierbei knöpfte sie das Jacket auf und zeigte auf eine Brosche, die einen Saphir in der Mitte barg, der von zahlreichen Brillanten umgeben war. Es blitzte das Geschmeide. Die klassische Büste des schönen Mädchens hob sich unter dem straff geschnittenen Kleide, und ein Ausdruck glücklicher Befriedigung verschönte ihre Züge. Sie hatte, wie sie so dastand, etwas Berückendes.
Unwillkürlich stieß die alte Dame heraus:
„Nun? War's nicht gut, daß wir's so machten? Haben wir nicht alles erreicht? Bist du nicht glücklich?“
Und Ileisa nickte und zwang sich, an etwas zu glauben, was ihr Inneres bestritt, schwatzte aufgeräumt und verließ ihre Tante erst nach geraumer Zeit.
Aber an dem Abend desselben Tages nach dem Zusammensein mit ihrem Verlobten, lagen Schatten auf ihrer Stirn, es wühlte und nagte etwas in ihrem Innern, dessen sie nicht Herr werden konnte.
Bevor sie an diesem Abend zur Ruhe ging, warf sie sich Margarete an den Hals und weinte und schluchzte bitterlich.
„Was ist, meine einzige Ileisa!“ flüsterte die warmherzige Freundin.