Chapter 9
An einem kalten Morgen wurde auf einem freien Platz vor der Stadtmauer von allen Landsknechten ein Kreis gebildet und der Profoß, umgeben von fürstlichen Trabanten, trat mit dem Angeschuldigten in diesen Kreis. Halb Salzburg besah sich das Schauspiel, wo immer ein Platz zu erobern war.
Feierlich erklang die Ansprache des gefürchteten Profoßen. „Guten Morgen, Ihr lieben, ehrlichen Landsknechte, Edel und Unedel, wie uns Gott zueinander gebracht hat! Ihr traget alle Wissen, wie wir anfänglich geschworen haben, gut Regiment zu führen, dem Armen wie dem Reichen, dem Reichen wie dem Armen, alle Ungerechtigkeit zu strafen, darauf ich, liebe Landsknechte, auf heutigen Tag ein Mehr[8] begehre, mir helfen solches Übel zu strafen, daß wir es verantworten können bei dem gnädigen Fürsten!“
Kreideweiß ward des Delinquenten Gesicht.
Nun erhob der Feldwebel seine rauhe Stimme: „Ihr habet des Profoßen Wort verstanden; welchem es lieb ist, daß wir demselben nachkommen, der hebe seine Hand auf!“
Im Banne des Augenblickes streckten wohl fast alle Knechte die Hände auf.
Der Profoß erhob die Anklage, nach welcher der anwesende Gartierer unter Mißbrauch von Landsknechterecht und Gastfreundschaft Diebstahl, Raub und Schlägerei verübet, sich also eines schweren Verbrechens schuldig gemacht habe und auf fürstlichen Befehl gepönt werden müsse. Auf bemeldtem Verbrechen stehe das Recht der langen Spieße.
Auf den Vorhalt, ob der Angeklagte seine Unthat verantworten könne, brachte der Gartierer, dem trotz der Winterkälte der Angstschweiß von der Stirne lief, kein Wort hervor.
Dreimal und unmittelbar hintereinander wurde die Klage wiederholt und ebenso oft zur Verantwortung aufgerufen. Der Gartierer wimmerte zum Schluß um Gnade.
Die zwei anwesenden Fähnriche thaten ihre Fahnen zu, steckten sie mit dem Eisen in den schneeigen Boden, und einer derselben sprach fest und laut: „Liebe, ehrliche Landsknechte! Ihr habet des Profoßen schwere Klage wohl vernommen, darauf wir unser Fähnlein zuthun, und es in das Erdreich kehren und wollen es nimmer fliegen lassen, bis über solche Klage ein Urteil ergeht, auf das unser Regiment ehrlich sei. Wir bitten Euch alle insgemein, Ihr wollet im Rat unparteiisch sein, soweit eines jeden Verstand ausreicht. Wann das geschieht, wollen wir unser Fähnlein wieder lassen fliegen und bei Euch thun, wie ehrlichen Fähnrichen zusteht.“
In der Erwartung des bevorstehenden Schuldspruches fühlte niemand den beißenden Frost, der Haar und Bart der Soldateska wie der Bürger weißbekrustete.
„Es trete ein Knecht vor und in den Ring, zu fällen das Urteil!“ rief der Feldwebel.
Einer der Landsknechte trat wohl vor, erklärte aber, des Urteils allein sich nicht gewachsen zu fühlen, weshalb er bitte, ihm noch vierzig Knechte zur Beratung beizugeben.
„Dem geschehe nach Brauch und Wunsch!“ verkündete der Weibel und bezeichnete vierzig Landsknechte, die aus dem Ring traten und abseit Besprechung untereinander pflogen.
Das dauerte eine Weile, dann kehrte die Schar zurück, worauf nochmals einundvierzig Mann zur Beratung abkommandiert wurden.
Beide Abteilungen wurden nun gefragt, ob sie das Urteil fertig hätten. Auf ihr schallendes „Ja!“ wandte sich der Weibel an den gesamten, wieder geschlossenen Ring und verkündete den Beschluß der zweiundachtzig Mann, der auf „schuldig“ lautete. „Ist das Regiment gewillet, sobemeldtes „Schuldig“ zu bestätigen?“ fragte er mit dröhnender Stimme die Soldateska, „so erhebe jeglicher Knecht, Mann und Fähnrich, die rechte Hand!“
Vielhundertfach flogen die Hände auf, die Schar schien ernstlichen Willens, die Missethat zu ahnden, um dadurch bei Fürst und Volk wieder zu einigem Ansehen zu gelangen.
Der Weibel verkündete: „Das Regiment hat gesprochen, der Übelthäter ist schuldig. Man führe ihn zum Beichtiger! Derweilen nehme das Wort ein Fähnrich nach Brauch!“
Das geschah in der Weise, daß einer der Fähnriche sich bedankte für die Willigkeit, gut Regiment zuhalten. Hierauf hoben beide Fähnriche die Fahnen wieder auf und entrollten sie im frischen Morgenwind.
Der Profoß übernahm jetzt den Befehl zur Exekution des Schuldspruches und ließ eine Gasse bilden, deren eine Öffnung die Fähnriche mit nach innen gefällter Fahne verschlossen.
Unter Trommelwirbel wurde der Verurteilte, dem ein herbeigeholter Priester die Beichte abgenommen, an den oberen Eingang der Gasse gebracht; die Knechte senkten ihre Spieße, so daß die Gasse ein eisenstarrender Engpaß wurde, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt und der den sicheren Tod bringen muß.
„Hierher mit dem ‚armen Mann‘!“ befahl der Profoß, der nun den Delinquenten mit drei Schwertstreichen auf die Schulter im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes zum Todeslaufe weihte und dann der Soldateska verkündete, daß der Knecht, welcher den Verurteilten ausbrechen ließe, gleichfalls ins Eisen laufen müsse.
Zum Todgeweihten gewendet, rief der Profoß: „Nun auf! Lauf flink und fest ins Eisen, dann bist schneller erlöset! Marsch!“
Ein Zögern, ein letzter Blick voll Todesangst auf die starrenden Spieße, ein Stoß von der Faust des unerbittlichen Profoßen, dann sprang der Ärmste los und rannte in die spitzen Eisen, daß es aus der Brust rot aufging. Ein Schrei — ein Röcheln — der Sterbende liegt im Schnee, ein Halbdutzend Spieße stecken in der blutenden, zuckenden Brust, bis das Leben entflohen ist.
„Die Spieße auf! Zum Gebet!“ befahl der Weibel.
Die Soldateska kniete nieder und betete für die Seele des Vermiedenen. Und schluchzend beteten die Zuschauer aus der Bürgerschaft mit, von tiefstem Mitleid für den Gerichteten ergriffen.
Wieder ertönte ein Kommando, in dessen Befolgung die Knechte dreimal Umzug um den Leichnam hielten und die Hakenschützen dreimal ihre Büchsen abschossen.
Damit hatte das blutige Schauspiel ein Ende.
VII.
Streng ward der Winter, der frühzeitig mit Kälte begonnen hatte. Die Folgen des Mißwachses vom letzten Jahr bekamen die Salzburger zu fühlen, es trat Teuerung, Kornmangel ein, und die Armen überliefen die Ratsherren, bestürmten den Bürgermeister, auf daß dieser Hilfe schaffe. Ludwig Alt hatte ein Herz für die Notleidenden, er gab willig aus eigenen Mitteln, beriet sich mit den Mitgliedern des engeren Rates, sprach wohl auch mit dem Stadtkastner, aber mit den geringen Mitteln aus der Stadtkasse konnte der Kalamität in keiner Weise begegnet werden. So mußte von selbst der Gedanke entstehen, den Landesherrn um Hilfe anzugehen, Wolf Dietrich zu bitten, einzugreifen. In einer Ratssitzung ward dieser Gedanke ausgesprochen und sogleich mit epischer Breite debattiert, wobei an verschiedenen Maßnahmen des Fürsten bitterböse Kritik geübt wurde. Sagte ein Ratsherr offen, daß die Verabreichung der Ritterzehrung an fremde Landsknechte ein Frevel sei, indessen die eigenen Unterthanen Not litten, ein anderer Senator beklagte mit leidenschaftlich erregten Worten die schwere Schädigung des Handels durch die rücksichtslos eingetriebenen Steuern und donnerte gegen den Langmut der Salzburger, die sich vom verschwenderischen Landesherrn völlig auspressen ließen. Vergeblich wehrte der Bürgermeister solchen scharfen Worten durch die Glocke, die Redner ließen sich nicht beirren, auch nicht, als Ludwig Alt durch Zwischenbemerkungen auf die Gefahr aufmerksam machte, die entstände, wenn der Fürst von solchen bösen Worten Kenntnis erlange. Bürger, die nicht stimmberechtigt in der Landschaft waren, machten ihrem Unwillen Luft, daß der Ausschuß stets Ja und Amen zu den unerträglichen Steuermandaten sage und sogar mehr bewillige, als der Fürst gefordert, wie das bei der Türkensteuer der Fall gewesen sei. Bei einem so überaus klugen, scharfsehenden Herrn müsse die Überzeugung kommen, daß die Bürgerschaft noch mehr geschröpft werden könne, und es werde nicht lange mehr dauern, so habe man eine neue Bescherung auf dem Hals: die Landsknechtsteuer.
Schwitzend vor Angst rief der Bürgermeister dem Redner ein „Haltet ein!“ zu, doch unentwegt polterte dieser weiter und führte aus, daß es höchste Zeit sei, dem Fürsten klar zu machen: Weiter gehe es nicht mehr! Wolle der Erzbischof das Landsknechtgesindel nobel verpflegen, so solle er das aus eigenem Säckel bestreiten.
Stundenlang währte die scharfe Debatte, bis sich die Redewut erschöpfte und der Bürgermeister die Sitzung schließen konnte, die nach der praktischen Seite hin nicht das geringste Ergebnis aufwies. Ludwig Alt überlegte in seiner Amtsstube lange, was zu beginnen sei, um Wolf Dietrich zum Eingreifen zu bewegen. Die Entsendung einer städtischen Deputation erschien aus dem Grunde sehr bedenklich, weil der Fürst möglicherweise von den abfälligen Reden Kenntnis haben oder aus unvorsichtigen Bemerkungen mutmaßen könnte, daß scharfe Kritik im Stadthause geübt worden sei. Ludwig Alt hatte seine eigene Unvorsichtigkeit beim damaligen Bankett nicht vergessen und sich hinterdrein selbst die bittersten Vorwürfe über die seinerzeitige Schwatzhaftigkeit gemacht, wenngleich es an sich wahrscheinlich gewesen war, daß der in Steuerangelegenheiten so überaus findige Landesherr auch auf die Weinbelastung gekommen wäre. Nach den gefährlich scharfen Reden einzelner Ratsherren dem Fürsten persönlich die Bitte um Hilfe aus Landesmitteln zu unterbreiten, wagte der Bürgermeister nicht; zwei seiner intimsten Vertrauten, die bei ihm in der Amtsstube saßen, sprachen sich auf Befragen auch dahin aus, daß der schriftliche Weg sicherer und weniger gefährlich sei. Und so ließ denn der Bürgermeister eine Bittschrift in beweglichen Worten vom Syndikus säuberlich schreiben, die dann mit den nötigen Unterschriften versehen und an den Erzbischof in die Residenz geschickt wurde.
Große Erwartungen hegte der Bürgermeister nicht, so sehr er für die Armen baldige Hilfe wünschte. Zum großen Erstaunen Ludwig Alts erschien schon am nächsten Tage ein Beamter im fürstlichen Auftrage und vermeldete dem Stadtoberhaupt, daß der Landesherr mit Betrübnis von der Bittschrift Kenntnis genommen und Befehl erteilt habe, es solle an die vom Bürgermeister zu bezeichnenden Armen Korn in hinreichender Menge aus der stiftischen Kornkammer unentgeltlich verabreicht werden. Bestünde sonst noch Bedarf in Kreisen, die einigermaßen über Geldmittel verfügen können, so sollten diese Sippen Korn zu ermäßigtem Preise erhalten. Der Beamte fügte dem bei: „Hochfürstliche Gnaden versehen sich bei diesem Gnadenakte keinerlei Dankes, Hochdieselben wollen damit nur beweisen, daß das Herz des Landesherrn allzeit schlage für die Unterthanen.“
Der Bürgermeister in maßloser Überraschung empfand das mißliche Schlingen und Würgen im Hals, das ihm schon einigemal so überaus fatal geworden ist und immer just dann, wenn Alt schnell und doch wohlgesetzt sprechen sollte. Jetzt heißt es den tiefgefühlten Dank der Stadt in passende Worte kleiden. Rede einer aber gut und schön in einer Überraschung, die jeglichen Gedanken lähmt! Ludwig Alt ächzte, er kämpfte um Worte und gegen Willen und Absicht kam es über die zuckenden Lippen: „Die unterthänige Stadt dankt Seiner Hochfürstlichen Gnaden, sie hätt' es nicht geglaubt....“
„Wie meint der Herr Bürgermeister?“ fragte erstaunt der Beamte.
„Ich hätt's nicht geglaubt!“
„Was?“
„Die Hilf' vom gnädigen Fürsten, nein, will sagen, ich glaub's eigentlich nicht, sieht ihm nicht gleich....“
Die Augen des fürstlichen Beamten wurden immer größer.
„Mit Vergunst! Mir nimmt die freudige Überraschung die Gab' der Rede! Auf die bösen Reden doch die Hilf', schier kann ich's nicht glauben....“ stammelte in höchster Verwirrung der Bürgermeister.
„Eurer Rede Sinn will mir nicht klar erscheinen, drum bitt' ich Euch, deutlicher zu werden, auf daß Bericht ich kann erstatten dem gnädigsten Herrn!“
„Das ging mir just noch ab! Nein, nein, verzeiht, vieledler Herr — den schuldigen Dank will schriftlich ich erstatten, das geht leichter und derweil legt sich alles. Ist's Euch genehm, wollen wir gleich vornehmen die Verteilung! Nicht länger mehr sollen die Armen hungern! Dank, Dank dem gnädigen Fürsten! Er hat halt doch das Herz am rechten Fleck und Mitgefühl für die notleidende Menschheit!“
„Das haben Hochfürstliche Gnaden noch jederzeit erklecklich bekundet, daher will befremden mich der Ton Eurer Rede!“
„Mit Vergunst, mit nichten! Achtet nicht auf Ton und Wort, mir ist die Gab' der Rede nicht beschieden!“
Der fürstliche Hofbeamte schüttelte verwundert den Kopf und erklärte sich bereit, die Kornkammer öffnen zu lassen.
Der Vereinfachung halber ließ der Bürgermeister ausschellen, daß binnen einer Stunde die Armen der Stadt an der fürstlichen Kornkammer erscheinen und die Kornspende des Landesherrn in Empfang nehmen sollten.
Das gab eine freudige Bewegung in der Stadt; mit Zeggern, Bütten, Tonnen, was eben den Leuten in die Hände kam, ward ausgezogen, im Sturmlauf ging's der Kornkammer zu, und ungestüm drängte die Menge, wobei es Püffe regnete und wohl auch die Kornverteiler mit Ellbogen und Fäusten der armen Leute Bekanntschaft machten.
Der Akt solcher Wohlthätigkeit brachte einen völligen Umschwung in der Stimmung der Salzburger hervor, er zeitigte innige Dankbarkeit, der nur die besser situierten Kreise, die Kaufherrensippe und Gilden kühl gegenüber blieben. Wolf Dietrich ward als guter Landesvater gepriesen von den Armen.
Ludwig Alt konnte es nun wagen, persönlich in der Residenz zur Dankeserstattung erscheinen. Er meldete sich zur Audienz und wurde gleich vorgelassen.
Mit gewinnender Liebenswürdigkeit, huldvoll und leutselig ging Wolf Dietrich dem Bürgermeister einige Schritte im hohen Empfangssaale entgegen und begrüßte ihn mit herzlichen Worten.
Wieder empfand Ludwig Alt das fatale Würgen im Halse, doch energisch raffte der Stadtvater sich auf und sprach langsam, doch deutlich und ohne Stottern: „Hochfürstliche Gnaden! Ich komme schuldbeladen, nein, ich komme nicht...!“
„Wie meint der Bürgermeister?“
„Meinen thät' ich's schon recht, aber recht sagen kann ich's nicht! Mein Gott, der Unterschied ist halt zu groß: Da der gnädigste Herr und Fürst, der hochwürdigste Erzbischof und ich, der einfache Bürger und Stadtvater, der nix zu sagen hat als den unterthänigsten Dank der Armen für die gnädige Hilf' mit Korn in dieser Zeit der Not und Bedrängnis!“
„Recht so, mein lieber Bürgermeister! Es ist ganz gut, so er des Unterschiedes sich bewußt bleibet und den Sippenstolz zu Hause lasset. Den Dank der Armen begehr' ich nicht; es ist mir ein Bedürfnis, in solcher Not zu helfen nach Kräften. Ich danke Ihm für seine Meldung, in der Vertrauen ich erblicke zum Landesherrn. Wo Vertrauen, findet sich der richtige Weg, das Volk soll immer Vertrauen zu seinem Fürsten haben. Zur rechten Zeit solche Meldung über Vorgänge lob' ich; nur will ich nicht überlaufen werden!“
„Ganz richtig! Dräng' dich nicht an deinen Fürst', so du nicht gerufen wirst!“ plapperte Alt heraus.
Im Feuerauge Wolf Dietrichs blitzte es zornig auf und unmutig sprach der Fürst: „Laß Er solch' Gerede! Dafür sage Er mir, wer ist nach seiner Meinung schuld an bemeldter Teuerung?“
„Allweil der Mißwachs, dann halt die Kornwucherer und zuletzt die Bäcker, die immer höher hinauffahren mit den Preisen!“
„Für den Mißwachs können wir alle miteinander nichts. Den Kornwucher hoff' ich noch zu stürzen. Wer billig kaufen will, soll Korn von mir erhalten, solang der Vorrat reicht. Die Bäcker aber werd' ich Mores lehren.“
„Hochfürstliche Gnaden! Das könnt' nicht schaden, wird aber die Bäcker rebellisch machen!“
„Rebellen mehr und minder seid Ihr alle, so Euch was nicht in den Alltagskram passet. Ich werde nachforschen lassen nach der letzten Verkaufsordnung für die Bäcker, und darnach Entschließung erlassen.“
Im Bürgermeister dämmerte eine Ahnung auf, daß eine solche Maßregel das Übel nur verschlimmern müsse, weil ganz unzeitgemäß. Ludwig Alt fand plötzlich die Gewalt über Gedankengang und Sprache wieder und setzte dem Gebieter klar auseinander, daß Wiederaufrichtung einer veralteten Ordnung nicht nur bei den Bäckern, sondern auch im Volke selbst Unwillen hervorrufen müsse. Es liege im Zug der Zeit, daß alle Lebensmittel teurer werden, es lasse sich daher ein Preis aus früherer Zeit nicht erzwingen ohne Gewichtsverringerung.
„Ich werde solche Verringerung bestrafen!“
„Dann wandern uns auch noch die Bäcker aus!“
Wolf Dietrich horchte auf; das Wort der Auswanderung machte ihn nach den letzten Erfahrungen stutzig, erregte stets seinen Unwillen. „Genug davon! Ihr werdet das weitere noch vernehmen! Vermeldet meinen Gruß den Unterthanen!“
Damit war der Bürgermeister entlassen.
Bald darauf fand im Arbeitskabinett eine Beratung statt, zu welcher einige Hofräte und der in Steuerangelegenheiten maßgebende Dr. Lueger befohlen waren. Zu Graf Lamberg war gleichfalls geschickt worden, doch der Kapitular weilte auswärts.
Folgenschwer gestaltete sich diese Beratung in ihren Ergebnissen, da niemand der Herren es wagte, dem hitzigen Fürsten zu widersprechen. Wolf Dietrich dekretierte den zehnten Pfennig von aller liegenden und fahrenden Habe für jene Salzburger, die ihre Heimat verlassen, ferner ward auf Grund eines Referates der Brotverkauf nach der alten Ordnung vom Jahre 1480 befohlen. Besonders verhängnisvoll ward der Vortrag Dr. Luegers über die abermalige schlechte Finanzlage und die hohen Kosten, welche die Ritterzehrung verursache.
Wolf Dietrich hatte solchem Referat aufmerksam zugehört und blieb eine Weile schweigend im Stuhle sitzen. Dann verkündete er den Räten, daß eine Landsknechtsteuer eingehoben werden solle, und zwar von je hundert Gulden vierundzwanzig Kreuzer.
Fr. Lueger wagte einzuwenden, daß in dieser Zeit der Teuerung die Einhebung auf Schwierigkeiten stoßen werde; über die Ungeheuerlichkeit, neben der Türkensteuer, welche von je hundert Gulden jährlich sechs Schillinge nimmt, und all' den neueingeführten Steuern der letzten zwei Jahre auch noch eine Landsknechtsteuer zu erheben, sprach sich der Finanzgewaltige im Rate nicht aus.
Wolf Dietrich erwiderte, gereizt schon durch den leisen Einwand, scharf: „Die Einhebung ist seine Sache! Kommt Er nicht durch, so mache Er's auf Augsburger Art. Jeder Unterthan hat unter leiblichem Eide genau sein Vermögen anzugeben. Wer lügt, soll die ganze Schwere der Strafe empfinden, so da sein soll: confiscatio in toto!“
Dr. Lueger guckte überrascht, verbeugte sich und murmelte: „Euer Hochfürstliche Gnaden Befehl soll pünktlich befolget werden!“
Nach Schluß dieser Sitzung in der Residenz und auf dem Weg zur Kanzlei war es dem Steuerrat Lueger doch nicht so recht wohl, er empfand ein dumpfes Gefühl, daß die Augsburger Art einer Steuereinhebung im salzburgischen Lande kaum sich glatt durchführen lassen werde. Lueger wußte wohl durch Mitteilungen eines Amtsbruders in Innsbruck, daß diese Art nach Augsburger Muster auch für Tirol geplant sei, ebenso gut wußte er aber auch, wie schlimm es mit der Steuerkraft im Salzburgischen bestellt ist. Hinterdrein machte sich der Finanzgewaltige doch Vorwürfe, den Fürsten nicht auf die thatsächlich bestehende Schwächung der Steuerkraft aufmerksam gemacht zu haben. Und eine Ahnung sagte Lueger, daß zum mindesten mit der Ausführung des fürstlichen Befehles etwas gewartet werden müsse. Immerhin konzipierte er den Befehl und legte das gefährliche Aktenstück zur Seite, hoffend auf eine Rücksprache mit dem einflußreichen Grafen Lamberg, dem vielleicht es doch gelingen könnte, eine Sinnesänderung beim Fürsten herbeizuführen.
Allein schon die nächsten Tage brachten andere Verhältnisse. Der fürstliche Kastner mußte erklären, daß die Neuforderungen für Verpflegung der Landsknechte wegen Geldmangel nicht mehr befriedigt werden könnten, ja daß der Fürst ihn habe wissen lassen, es müsse Geld in größerer Menge bereit gehalten werden für würdigen Empfang einiger zu Besuch angesagten Herren, und außerdem sei des Fürsten Almosenschatulle[9], beinahe leer.
Da hatte Dr. Lueger nun die Bescherung. Nichts als Anforderungen an die Hofkammer, Zahlbefehle in Massen, dazu kein Geld in den Kassen, Steuerrestanten überall, die Steuerkraft geschwächt, und eine neue Steuer in Sicht, vor deren Ausschreibung dem Finanzmanne allein schon graut. Viel Zeit zum sinnieren blieb ihm nicht, denn schon am nächsten Tage ließ der Fürst wissen, daß seine Armen ihr Almosen unter allen Umständen bekommen müßten, also Dr. Lueger Geld beschaffen müsse. Das „Wie“ sei seine Sache. Gewisse Reserven hat nun wohl jeder Finanzkünstler, Dr. Lueger hatte sie auch und schickte eine Summe Geldes an den Hofkastner. Zugleich aber und ohne auf Graf Lambergs Rückkehr zu warten, ward das Mandat fertig gestellt und die Unterschrift des Fürsten eingeholt.
Das neue Steuermandat trat in Kraft und wirkte bei der Bevölkerung in höchst aufregender Weise. Zuerst waren es die Städter, die remonstrierten, den Eid zur Vermögensangabe nicht leisten wollten. Die Kommission machte aber nicht viel Federlesens und erzwang den Eid.
Als Dr. Lueger die schriftlichen Vermögensangaben vorliegen hatte, fand er schon bei flüchtiger Durchsicht, daß die ihm nach Geschäft und Vermögen einigermaßen bekannten Leute ihren Besitz viel zu gering, also fälschlich angegeben hatten. Wenn solche Fälschungen in der Residenzstadt schon vorkommen, wie muß es da erst im Lande draußen werden!
Dr. Lueger nahm sich seinen Kollegen Riz zum Assistenten und beide gingen nun gemäß dem fürstlichen Befehl mit aller Strenge an die Durchführung des neuen Mandates, und zwar bei hoch und nieder.
Bei einigen Salzburgern wurde schlankweg die Einziehung des Vermögens als Strafe für die verübte Falschmeldung verhängt und weggenommen, was an Bargeld vorgefunden ward. Um Lärm und Protest kümmerte sich die Kommission nicht weiter, die Leute sollen nur schimpfen, ihr Geld wanderte in die fürstlichen Kassen, das war zunächst die Hauptsache.
Lueger befand sich im schönsten Fahrwasser und griff auch alsbald in die Rechte des Adels ein, indem er zu inventarisieren begann. Eines der wenigen Rechte, welche Erzbischof Johann Jakob dem Adel noch übrig gelassen hatte, bestand darin, daß die Adeligen allein die Verlaßenschaft ihrer Grundholden zu inventarisieren und darüber zu verfügen hatten. Lueger und Riz nahm aber auch dieses Recht im Namen des Fürsten hinweg, was natürlich den Adel erbittern mußte. Die Hofkammer schickte dann die schärfsten Befehle zu Inventarisierungen ins Land hinaus, besonders an die Pfleger des Pinzgaues, welcher Landesteil im Steuerzahlen immer etwas säumig und in Bezug auf Religion mehr auf der lutherischen Seite war.
Der erste eingelaufene Bericht ließ erkennen, daß Fälschungen in den Vermögensangaben in größerem Umfange vorgekommen sein mußten, der Pfleger hatte dazugeschrieben, daß man amtlicherseits mit den Bergbauern nicht mehr auszukommen wisse und die Hofkammer gut thun würde, wenn sie die Inventarisierungen selbst vornehme. Sofort erstattete Lueger hierüber Meldung beim Fürsten und sprach den Verdacht aus, daß die Pfleger wohl nicht ohne Mitschuld an den Fälschungen sein dürften. Das heiße Blut Wolf Dietrichs wallte auf, sein zorniger Befehl lautete auf Untersuchung, Lueger und Riz wurden beauftragt in den Pinzgau zu reisen und mit rücksichtsloser Schärfe gegen die Betrüger vorzugehen.
Dieser Befehl deckte die Kommissare und nahm von ihnen die Verantwortung, Lueger und Riz können schalten und walten nach Gutdünken, die Schuld fällt auf den Gebieter, falls die Kommissionsreise übel ausgeht, die Bauern rebellieren sollten.
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