Celsissimus: Salzburger Roman

Chapter 8

Chapter 83,610 wordsPublic domain

„Gewiß!“ klang es trocken, doch fügte der Kapitular sogleich hinzu: „Wie sollte auch ein schlichter Unterthan zur hohen Gnade eines Empfanges ohne Befehl gelangen!“

„Graf Lamberg darf doch wohl stets freundlichen Empfanges gewärtig sein!“

Sich dankend verbeugend sprach der Kapitular: „Ich kann nur heißen Dank für die wohlwollende Gesinnung zu Füßen legen der ebenso schönen als guten gnädigen Frau!“

„Frau?! Ihr wißt so gut wie ich, daß keinen Anspruch ich genieße auf dieses Ehrenwort, und offen sei's gesagt: Ich leide schwer unter sothanem Mangel der Legitimität!“

„Gnädige Gebieterin leiden zu wissen, berührt schmerzlich Dero unterthänigsten Diener!“

„Wenn Ihr heget Mitgefühl, so leiht Euren Arm, weihet mir Eures Geistes Kraft, helft mir erreichen das ersehnte Ziel!“

„Ihr überschätzet wohl im heißen Drange meine schwache Kraft, gnädige Gebieterin! Wie sollt' ein Unterthan vermögen des hohen Herrn Pläne zu beeinflussen?!“

„Graf Lamberg ist des Fürsten Freund und gewichtig jedes Wort! Warum nur will Graf Lamberg nicht sein auch meines Wesens warmfühlender Freund?“

Der Kapitular richtete blitzschnell einen forschenden Blick auf Salome, senkte dann wieder die Lider und sprach leise: „Was könnt' meine Freundschaft Euch auch nützen?!“

„Mein Ohr vernimmt das ‚Nein‘, so warm auch klingt der Ton der leise abwehrenden Rede!“

„Nicht doch, gnädige Gebieterin!“

Salome richtete sich auf, fest im Ton sprach sie: „Ihr wollet nicht, ich ahnt' es längst! Mir sagt mein Herz, Graf Lamberg ist der Feind des legitimen Bundes!“

Jetzt gab auch der Kapitular in der Erkenntnis, durchschaut zu sein, das Spiel mit Ausflüchten auf, trocken erwiderte er: „Streng und scharf umzogen ist der Bereich meines Wirkens! Spräch' ich im Amte, mißbilligen müßt' ich jeglichen Bund im Sinne kirchlicher Gesetze. Unmöglich ist jedoch die Legitimität, die Strafe Roms wird folgen rasch solch verhängnisvollem Schritt!“

Höhnisch klangen der Favoritin Worte: „Die Strafe Roms! Wie straft Rom wohl einen Marx Sittich und sein unkirchlich Leben?“

Erstaunt, völlig überrascht rief Lamberg: „Ihr wißt davon?!“

„Jawohl! Warum nahm des Papstes Heiligkeit keinen Anstoß an der Ehe des verwandten Kardinals? Entspricht der tolle Lebenswandel seines Sohnes Robert und der Tochter Althäa den Gesetzen, die auch für einen Kardinal gelten müssen?“

„Marx Sittich ward Vater, ehe der Kardinalspurpur ihn bekleidete! Und Rom ist nicht Salzburg!“

„Ausflüchte, weiter nichts! Was bei dem einen nicht strafbar ist, kann beim anderen zum mindesten geduldet werden! Und Wolf Dietrich kann das pater noster lateinisch beten! Kann das der Kardinal auch?“

„Das wißt Ihr auch?“ stammelte in maßloser Überraschung über solche intime Kenntnis römischer Verhältnisse Graf Lamberg.

„Nimmt Euch das Wunder?“

„Wenn ich denke an das Unmögliche: ja!“

„Was soll unmöglich sein?“

„Unmöglich ist, daß der gnädige Fürst solche Informationen selbst gegeben!“

„Meint Ihr?! Schlimm wäre es, sähe der Fürst in mir nicht auch die vertraute Freundin, mit der man alles bespricht. In diesem Teile hat eingelöst der Fürst sein Wort: zu teilen Thron und Leben mit mir! — Ihr möget viel von Politik mit dem Gebieter reden und geben manchen Ratschlag, eine Instanz steht dennoch über Eurer Pläne feingesponnenes Gewebe....“

„So existieret das Faktum eines Konseils in Seidenrocken?! Das wußt' ich wahrlich nicht!“

„Nun wisset Ihr's! Und Eure Wissenschaft will ergänzen ich: Seid Ihr fürder nicht für mich und den ersehnten legitimen Bund, so seid Ihr nicht Freund, seid Ihr ein Feind, und gegen Feinde werd' ich mich zu wehren wissen!“

„Ich bin nichts weiter als der treuergebene Diener meines gnädigen Herrn und habe dessen höchstes Wohl und dessen Thrones Sicherheit zu fördern bis zu meinem dereinstigen Ende!“

„Für des Fürsten Wohl laßt mich nur sorgen! Und seines Thrones Sicherheit weiß Wolf Dietrich wahrlich selbst zu schützen!“

Jetzt zuckte Lamberg die Achseln und spöttisch sagte er: „In diesen Zeiten drohender Rebellion im Erzstift wird Frauenpolitik kaum Ruhe schaffen!“

Ein diskretes Klopfen an der Thüre veranlaßte die sofortige Unterbrechung des Gespräches, die auf Geheiß Salomes eintretende Kammerfrau meldete das Nahen des Fürsten und zog sich dann diskret zurück.

Leise sprach Salome: „Wie will Graf Lamberg es nun halten?“ und erhob sich von dem Sitze.

Gewandt, aalglatt erwiderte der Kapitular: „Die gnädige Gebieterin wolle verfügen über mich!“

„Gut denn, kommt des öfteren als Freund!“

Der Eintritt Wolf Dietrichs überhob Lamberg einer Antwort. Man plauderte noch ein Weilchen, dann reichte der Fürst Salome den Arm und geleitete die Dame seines Herzens, gefolgt von Lamberg, in den Speisesaal, in welchem Höflinge und einige zur Tafel geladene Patrizier bereits harrten.

V.

Der Hausfaktor im Kaufhause Wilhelm Alts trat schlürfenden Schrittes, ängstlich besorgt, jeglichen Lärm zu vermeiden, in das Gemach, in welchem der Handelsherr auf seinem Lager ruhte, und meldete, als Alt den faltenreichen Kopf nach dem Eintretenden drehte, mit halblauten Worten, daß der Ratsherr Puchner zu Besuch gekommen sei.

Das vergrämte Antlitz des Kaufherrn erhellte sich für einen Augenblick, doch Alts Stimme klang wie immer hart, als der Unbeugsame, welcher infolge der aufregenden Flucht der vielgeliebten Tochter kränkelte, dem Faktor zurief: „Laß ihn herein und hindere jegliche Störung!“

In Erwartung des Besuches blieb Alt halbaufgerichtet im Bette sitzen, ein Sonnenstrahl verirrte sich ins Gemach und huschte über Alts Gestalt, um rasch wieder zu verschwinden.

Leise trat Peter Puchner ein und drückte die Thür sanft ins Schloß.

„Ei, Freund Puchner! Nur nicht so ängstlich! So schlimm steht es noch nicht um mich, daß ein kleines Geräusch mich schon von dannen bringen mag! Willkommen, Puchner!“

„Gott zum Gruß, Freund Alt!“

„Nimm einen Stuhl und setz' dich zu mir ans Lager! Ich kann nicht auf, zu schwach sind geworden die Füße! Der Alt ist alt geworden baß, ich kann's nicht länger leugnen!“

Puchner saß an der Bettlade und wehrte ab: „Sag' doch dergleichen nicht! Freund Willem, die trutzige Wetterfichte, die trotzt noch manchem Sturm!“

„Nein, nein! Hab' an dem einen Sturm just genug! Doch davon soll die Red' nicht sein! Was ist dein Begehr, Puchner? Kommst du in Heimgart oder hast ein Geschäft im Aug'?“

„Nicht von Geschäft soll die Rede sein, wasmaßen ja alles darnieder liegt in dieser trostlosen Zeit, die uns das Wasser wird gar schwer auch noch versteuern. Nein, Willem! Nachschauen bei dir wollt' ich und fragen, wie es dir ergeht; hab' dich seit Monden nicht gesehen. Ist nimmer allzufrüh, daß der Freund kommt fragen!“

„Hab' Dank, Puchner! Es muß ertragen werden! Komm' ich nur wieder auf die Füße, mit dem Saldo räum' ich auf!“

„Bist immer unversöhnlich noch, Freund Alt?“

Ein schrilles Lachen kam von des Kaufherrn höhnisch aufgezogenen Lippen: „Unversöhnlich? Ja! Niemals kann verzeihen ich den Schritt, der die Ehr', mein Leben hat geschändet und vergiftet! Rache will ich haben, Rache, das ist meines Lebens einziges Ziel!“

„Bleib' ruhig, Freund! Und nehm's nicht gar zu schwer!“

„Ha! Du redest wie der Blinde von der Farb'! Wärst du in meiner Lage, ich denk', Taubenblut flöss' nicht in deinen Adern und dein alter Kopf würd' sinnen auf Rache und Vergeltung!“

Puchner seufzte und schwieg.

„Nichts weiter davon! Kommen wird der Tag und getreulich will als Kaufmann ich die Rechnung stellen! Genug! — Was ist in der Landschaft wohl des Neuen verhandelt worden?“

„Heut war Sitzung, die stürmisch arg verlaufen. Die Stifter wie die Gestrengen aus der Adelssippe, die wetterten nicht wenig, daß zahlen sie sollen gleich dem Bürgersmann.“

„Das will ich gerne glauben! Was der Fürst bis jetzt gethan, dies Steuermandat ist das einzig', was der Gerechtigkeit entspricht!“

„Dem Erzbischof wird's Kampf genug noch kosten!“

„Warum soll der nicht auch den Ernst des Lebens spüren!“

„Er spürt das, glaub' ich, längst; doch versteht er's wahrlich, nicht übergroß werden zu lassen die Last der Sorgen. — Die Landschaft hat zugestimmt.“

„Wirklich? Wie ist mir doch? Ich vermeine, es hieß, die Steuer sollte gelten ‚für ewige Zeiten‘? Hat solche Fußangel keiner gesehen, die Schlinge um den Hals nicht gefühlt?“

„Doch! Mehr als einer sprach sein Bedenken aus; aber es fehlte nicht an Stimmen, die zur Annahme rieten, weil mehr und Höheres zu gewinnen sei, so man jetzund ist dem Fürsten zu Willen.“

„Mit dem Strick um den Hals kann man nicht König werden!“

„Das ist wohl richtig. Aber des Fürsten Freund, der Domherr Graf von Lamberg, hat vertraulich wichtige Kunde werden lassen dem Ausschuß!“

„Trau einer diesem list'gen Fuchs!“

„An gutem Willen mag es dem Domherrn wohl nicht fehlen. Lamberg ließ uns wissen, daß die Annahme des Hauptmandates mit sich bringe den Nachlaß der Handelssteuer um ein Dritteil.“

„Und das habt Ihr frischweg geglaubt?“

„Die Kaufmannschaft stimmte zu, der Vorteil ist handgreiflich.“

„O Einfalt! Einem Wolf Dietrich trauen, es ist unsäglich dumm!“

„So schlimm, als man ihn ausschreit, ist er nicht; gar manchen schönen Zug erzählt man sich von ihm. Wird er erst älter sein, gereifter, er wird noch gut und recht für unser Land, es steckt Gutes in ihm, ich glaub' es selber!“

„Puchner, mir bangt um dich!“

„Aus dir spricht nur der Haß und Zorn. Hast überwunden einmal die bittere Zeit, wirst auch Lobenswertes finden du am Fürsten, der Großes will und Edelmann ist jeder Zoll.“

„So kann's nicht fehlen: Lobt der Bürger den Edelmann, hat der Adel das Recht, den Dummen die Haut über den Kopf zu ziehen.“

„Derweil will für dumm ich gelten, ich hab' gute Hoffnung auf den Fürsten! Bin ich recht berichtet, will erklärlich mir erscheinen die Hast in den Mandaten.“

„Wie meint Freund Puchner?“

„Der Fürst ist schlecht bei Cassa!“

„Bravo, Alter! Erst sinnlos wirtschaften, das Geld mit vollen Händen wegwerfen, prunken und prassen, und nun die Kassen leer, preßt der Schlemmer das Volk aus wie Limonien, und eines Volkes weise Landschaft findet das in schönster Ordnung. Puchner, ich rate dir, melde dich beim Kaiser, der macht dich zum Reichspfennigmeister. Zacharias Geizkofler ist zwar erst jung im Amt und tüchtig, hat sein Geschäft gut erlernt bei den Fuggern zu Augsburg, du aber bist selbst diesem Manne über. Wenn der Kaiser kein Geld hat, lobt ihn der Puchner und findet erklärlich jedes Geld erpressende Mandat! Alle Achtung, Puchner!“

„Spott' nur zu, Willem! Wer auf dem Geldsack sitzt, hat leicht Sparsamkeit predigen. Des Lebens Not hat Willem Alt nie gelernet kennen. Was weißt du, wie zu Mute sein mag einem Fürsten ohne Mittel?!“

„Dann hätt' er sich nicht lassen sollen wählen!“

„Du bist verbittert, Alt, der grimme Zorn trübet dir den Sinn. Und zu streiten bin wahrlich ich nicht gekommen. Geplaudert ist genug, ich wünsch' dir baldige Genesung und den Frieden im Gemüt....“

„Den find' ich auf Erden nimmer! — Hab' Dank für deinen Besuch, Puchner, und komm' bald wieder!“

Puchner reichte dem Kaufherrn die Hand zum Abschied und erschauerte; Alts Rechte war abgemagert, nur Haut und Knochen, und eiskalt. Auf dem Heimweg war Puchner dessen froh, daß er dem kranken, racheglühenden Handelsherrn nicht alles aus der Landschaft erzählte, was Alts Zustand jedenfalls noch stärker würde erregt haben, als es ohnedies schon der Fall gewesen. Welch' grimmige Bemerkungen sind im Ausschuß doch gefallen über die Prunksucht des geldgierigen Fürsten, über die Verschwendung, über das Leben Salomens am fürstlichen Hofe, deren Aufwand, und manches Wort, wenn auch geradezu widersinnig, ward gesprochen im Hinblick auf Wilhelm Alt, dem man sothane Bescherung zu Salzburg zu verdanken habe. Als wenn der in seiner Ehre so empfindlich getroffene, der Tochter beraubte Handelsherr auch nur den leisesten Anteil an der Gestaltung der höfischen Verhältnisse hätte! Und wie würde der gebrochene Mann mit Aufgebot der letzten Willenskraft gewettert haben, hätte er erfahren, daß die Landschaft nicht nur die einmalige Einhebung der bevorstehenden Türkensteuer, sondern auch die Bezahlung für die nächstfolgenden Jahre bewilligte, alles in der Hoffnung, auf dem Gebieter auf einen einigermaßen erträglichen modus vivendi zu kommen.

VI.

Salzburgs Berge trugen blinkenden Neuschnee, weiß waren die Fluren in weiter Thalung, der Frühwinter zog ins stiftische Land. Dämpften die wirbelnden Flocken den Aufruhr in der Natur, legten sich die Stürme, es ward auch ruhiger im Bürgerleben der Bischofsstadt, nachdem seitens der Landschaftsmitglieder den Bürgern auseinandergesetzt worden, daß man nur der Not gehorchte, indem die Zustimmung zu den Steuermandaten des Fürsten erteilt wurde. Loderte mancher Hitzkopf in der Ratsstube der bei Wein oder Bier in der Trinkstube auf und donnerte gegen die Mißwirtschaft, so hielten verständigere Leute entgegen, daß die Hauptsache sei, mit dem hochfahrenden Fürsten zunächst ein Auskommen zu finden, ansonsten es weit schlimmer werden müßte. Was jetzt gefordert werde, könne der Salzburger zahlen, eigentlich sogar ein Erkleckliches mehr, man habe in der Landschaft gejammert genug und sich endlich zufrieden gegeben. Dafür müsse aber Ruhe werden. Mählich wirkte solche Beschwichtigung, und der reichliche Schneefall schläferte das Leben ein. Besondere Ereignisse gab es nicht, selbst bei Hof ging es ruhig, ohne Prunktafeln oder sonstiges Schaugepränge zu; Salzburg trug mit dem Schnee auf den Dächern eine gewaltige Schlafmütze auf dem Kopf. Ein stilles Schaffen in den Schreibstuben der Handelsherren wie auch in den Kanzleien der Behörden; lauter ward es in den Arbeitsstätten der Wagner und Schmiede, bei letzteren geht die Hufbeschlagsarbeit und Wagenbereifung ja das ganze Jahr über nicht aus.

Der Winter ließ sich ehrlich an, wie es Brauch ist im Gebirg. Es schneite etliche Tage ununterbrochen, dann setzte Frost ein, der die Schneeschicht rasch erhärtete, so daß die Kärrner nach den Kufen griffen und die Lasten auf Schlitten verfrachtet wurden.

Haar und Bart weißbereift zogen die Knechte neben den gleichfalls an Kopf und Schwanz bereiften Pferden schneewatend die Straße vom Paß Lueg über Hallein gen Salzburg und die Schlitten verursachten im harstigen Schnee ein knisternd singendes, pfeifendes Geräusch. Vom Staufen her wirft die zur Rüste gegangene Sonne leuchtende Strahlenbündel zum Untersberg und hinein in den grauen Himmel. In der Richtung des Gaisberges wogt nebliger rötlichblauer Dunst, der sich rasch über die gurgelnde Salzach verbreitet, die Thalung bis zu den Felstürmchen der Salinenstadt erfüllt. Die Kärrner wandern peitschenknallend durch die Dämmerung und fluchen über die Verspätung, das langsame Vorwärtskommen durch den tiefen Schnee. Der Hochthron des Untersberges erglüht im letzten Sonnengold, ein purpurn Aufleuchten bis hinüber zum Göhl und den vereisten Zinnen des Tennengebirges, dann steigt kalter Nebel aus der Thalung auf, immer rascher sich hebend, bis erst ein feiner Dunst das Firmament verschleiert, durch den die Sterne funkeln, bis sich der Nebelschleier stark verdichtet.

Die Kärrner wußten wohl, warum sie ihre Rosse immer wieder antrieben und die Fahrt beschleunigen wollten. Folgte ihnen doch auf Entfernung eines Halbtages ein Trupp „Gartbrüder“[7], denen ein übler Ruf vorauslief. Der Trupp, so hieß es, komme von der ungarischen Grenze und ziehe gen Salzburg, weil auf Gebot des Erzbischofes in Kärnten den gartierenden Knechten nichts verabreicht werden dürfte, ja weil ein Punkt der Verordnung ausdrücklich besagte, daß ein Gartbruder in Widerlichkeit totgeschlagen, der Thäter aber nicht zur Strafe gezogen werden dürfe. Die Kärntner machten sich diese Erlaubnis gerne zu nutze und vertrieben diese Landplage rasch, weshalb den mit vielem Gesindel vermischten Gartbrüdern nichts anderes übrig blieb, als dem Urheber ihrer Verjagung einen Besuch abzustatten und die „Ritterzehrung“ vom Erzbischof zu erbitten. Mit solchem Gesindel im Rücken wird jeder Fuhrmann eilig, und schneller, als man es bei Frachtfuhrwerken möglich halten sollte, erreichten die Kärrner die schützende Stadtmauer von Salzburg, und ehe noch völlig ausgeschirrt war, flog die Alarmkunde von dem Anrücken der Gartbrüder durch die Stadt, überall Aufregung und Schrecken erzeugend.

Im Keutschachhofe, der fürstlichen Residenz, erfuhr man davon auch, und den Thürstehern schien die Kunde wichtig genug, sie den Kämmerern zu überbringen, auf daß der Landesherr verständigt werde.

Wolf Dietrich verbrachte aber den Winterabend in den wohlig erwärmten, behaglichen Räumen Salomens, wo er nicht von Außendingen behelligt werden will. Das Licht einer venetianischen Ampel bestrahlte mild das reichgeschmückte Gemach und ließ Salomes Blondhaar in zauberhaftem Goldton erscheinen. Bleich waren der Gesponsin Wangen, müde der Blick der sonst so lebfrischen Augen; Salome schien kränklich, die frühere Munterkeit, das schalkhafte Wesen, der sprühende Witz ist verflogen, die nimmermüden Hände ruhen unthätig im Schoß, die Perlenarbeit ist unvollendet geblieben.

Dem scharfen Auge Wolf Dietrichs blieb diese Veränderung nicht verborgen, von Sorge erfüllt trat er näher und fragte in liebreichen, milden Worten, ob er den Medikus senden dürfe.

Den lieblichen Blondkopf schüttelnd erwidere Salome: „Nein, mein gnädiger Fürst und Herr! Ich danke Euch inniglich für sothane gnädige Fürsorge. Doch der Medikus ist hiezu nicht nötig!“

Der Ton machte den jungen Gebieter stutzig und wieder besah er das holde Frauenbild an seiner Seite. „Salome, was ist dir?“

Da neigte Salome das Köpfchen und flüsterte erglühend dem geliebten Gebieter ein zart Geheimnis ins Ohr.

„Sonne meines Lebens, holdes, herrliches Weib! Wie soll ich dirs danken!“ rief Wolf Dietrich beseligt, sank ins Knie und überdeckte Salomes zusammengefaßte Hände mit heißen Küssen. „Welches Glück gewährt mir mein süßes, holdes Weib!“ Ein Schatten flog über Salomes Antlitz, geisterhafte Blässe machte die bleichen Wangen schier durchsichtig, bebenden Tones sprach Salome: „Glück? Meinem gnädigen Herrn mag es frohe Botschaft sein! Mir nagt die Sorge am Herzen!“

„Sorgen, du —?“ rief Wolf Dietrich und erhob sich. „Ich dachte, fern gehalten sei des Lebens jegliche Alltagssorge von dir, und sicher betreuet dein Walten an meiner Seite! Was zu erwarten bringt wohl Sorgen, die gleich sind im Palazzo wie in der Armut Hütten! Königinnen und Bettlerinnen teilen eins mit dem andern gleich die Bestimmung des Weibes!“

„Nicht das, geliebter Herr und Fürst, erfüllt mein dankbar Frauenherz mit banger Sorge — der Blick in der Zukunft Tage ist trüb, will sich nicht klären —“

„Nicht vermag erfassen ich den Sinn der dunklen Worte!“

„Ein Wort von Euch, geliebter Herr, und Sonnenschein erleuchtet mir den Weg bis zur schweren Stunde!“

Jetzt wußte Wolf Dietrich die Sehnsucht der Favoritin zu deuten, und nun flog ein Schatten des Unmutes über sein Antlitz, und ein Zucken lief durch seinen schmächtigen Körper. Hastig sprach der Fürst: „Verzeih', Salome! Schon einmal mußt' um Geduld ich bitten dich und anjetzo wiederhol' ich solche Bitte. Der Zeitenlauf stellt übel sich zu diesem Plane! Restaurieren soll ich, den Priesterstand purifizieren. Ich kann nicht in dieser Zeit ein verderblich Beispiel geben, das hundertfach Nachahmung würde finden und mich bringen in Konflikt mit Rom.“

Salome brach in Thränen aus und schluchzte bitterlich.

„Gebeut der Zähren, mein holdes, süßes Weib! Mein fürstlich Wort, ich geb' es dir wie einst, da wir den Lebensbund geschlossen, doch jetzund vermag ich's nicht, die Zeit ist stärker als mein eigner Wille, und stören würde die Legitimität die Pläne Roms....“

Salome blickte thränenerfüllten Auges fragend auf.

„Ja, Geliebte! Ich habe sichere Kunde, daß lohnen will Rom meine Dienste mit dem roten Hut —“

„So wird Kardinal mein gnädiger Herr?“ fragte zitternd die Favoritin.

Wolf nickte. „Mein Oheim Hohenems gab Kunde mir durch vertrauten Boten, doch ließ er zugleich wissen mir, daß Bayerns Herzog feindlich sich stelle gegen meine Promotion.“

„Wer kann Feind sein meinem gnädigen Herrn!“

„Salome, meines Herzens Glück und Wonne freilich nicht und das dank' ich dir aus ganzem Herzen. Doch anders ist es in der Politik, und Bayern wühlt, seit gekündigt ich aus guten Gründen den Landsberger Bund. Schier fürcht' ich, es werden erwachsen stürmische Zeiten noch aus dieser Sache, für Salzburg ist Salz ein wichtig und gar strittig Ding. Genug davon, in holder Damen Nähe sei verpönt die Politik. So viel nur sei gesagt und nur für deine Ohren: Bestrebt muß ich sein, Bauern zu gewinnen oder doch des Herzogs Neutralität erreichen in der Frage meines Kardinalates. Drum bitt' ich dich, Geliebte meines Herzens, hab' Geduld! Fürstin bist du an meiner Seite, stehest an der Spitze des Hofes gleich mir, bist Gattin mir und —“

„— Mutter!“ hauchte Salome, „Mutter eines Kindes, das ehrlicher Geburt sich nicht wird zu erfreuen haben!“

„Nicht doch, Salome! Als Fürst geb' ich dem Sprößling meinen Namen, mit Fug und Recht, mit der Macht des Stiftsherrn nenn' einen Raittenau ich, so ein Knab' mir wird gegeben aus deinem Schoß!“

Über Wolf Dietrich war jene Unruhe gekommen, deren Beute der heißblütige Fürst immer ward in unangenehmen Dingen. Hastig brach er die Zwiesprache ab, küßte Salomes schmale Hand, versprach ein baldig Wiedersehen und verließ das traute Gemach, in welchem die Favoritin leise schluchzend zurückblieb.

Im Arbeitskabinett, das von Dienern inzwischen hell erleuchtet worden war, erhielt der Fürst nun die Meldung, daß ein Haufen Landsknechte, Gartbrüder von der ungarischen Grenze und aus Kärnten verwiesen, vor den Thoren stünden und vom gnädigen Herrn die Ritterzehrung erbitten möchten.

Das vom Vater ererbte Soldatenblut regte sich im Fürsten, der durchaus nicht etwa besorgt, im Gegenteil amüsiert rief: „Ha, Landsknechte! Das bringt kriegerisch Leben in unsere Stadt! Ich brauche Leute auf Hohensalzburg wie auf Hohenwerfen, und längst schon wartet des Kaisers Majestät auf Salzburgs Türkenfähndlein!“

Der Hofmarschalk erhielt Auftrag, die Landsknechte einzuladen und für deren Unterkunft auf Kosten des Fürsten zu sorgen.

So zog denn ein Haufe von etwa 500 Mann im wuchtigen Taktschritt spät abends durch die Steingasse ein, und den Trommelschlag begleitete nach Landsknechtart der charakteristische Ruf: „Hüt' dich, Bauer, ich komm'!“

Es nützte im Geviert der engeren Stadt nicht viel, daß die Bürger ihre Häuser ängstlich verschlossen hielten, die Einquartierung auf fürstlichen Befehl mußte vollzogen werden, doch brachte man den größten Teil der Soldateska in bischöflichen Gebäulichkeiten unter, und so namentlich die Weiber, Mägde, Buben, Marketender und Händler, die wie immer den Beschluß des letzten Haufens bildeten.

Die Noblesse des Fürsten, für die obdachlose Soldateska zu sorgen, wurde von den Landsknechten fürs erste dankbar anerkannt, bei reichlicher Mahlzeit und gespendetem Bier und Wein proklamierten die Kerle jubelnd den kriegerischen Bischof als ihren „Patron“. Die Kunde von solch' guter Aufnahme in Salzburg und der fürstlichen Munificenz lief aber rasch hinaus ins Land, auch nach Bayern, und hatte zur Folge, daß noch mehr versorgungslustige Landsknechte zuströmten, mit ihnen Abenteurer aller Art in Haufen, die alle der noblen „Ritterzehrung“ teilhaft werden wollten und alsbald die Salzburger wegen mancherlei Übelthaten zum Klagen brachten.

Beschwerden über Beschwerden wurden laut, sie drangen auch zum Ohr des Fürsten, der schließlich gebot, es solle Gericht gehalten und der ärgste Übelthäter zur Abschreckung der anderen bestraft werden nach Landsknechtbrauch.

Das gab denn eine Augenweide für die Salzburger, welche manchen erlittenen Schaden aufwog. Das „Recht der langen Spieße“ sollte in Wirklichkeit zum Vollzug kommen, und zwar an einem Gartbruder, der schimpflich gestohlen, geraubt und dabei wehrlose Weiber aufs Blut geschlagen hatte.