Chapter 5
Die Muhme aber in ihrer Auffassung von der Verbindung Salomes mit dem Fürsten Wolf Dietrich und racheglühend bereit, ihren Willen gegen den des Schwagers durchzusetzen, ließ den Erzbischof wissen, daß die Bürgermeister Altsche Familie wie Salome mit den Plänen Seiner Hochfürstlichen Gnaden einverstanden sei, und daß der gnädige Herr Schritte gegen die zweifellos drohende Verbringung des Mädchens in ein auswärtiges Kloster thun möge.
In seiner Leidenschaft für die schöne Salome, deren Besitz der junge, weltlich gesinnte Kirchenfürst heiß begehrte, konnte Wolf Dietrich die Beihilfe der Muhme nur freudigst begrüßen; die Mitteilungen der Bürgermeisterin erklärten auch zur Genüge, weshalb von Salome kein Lebenszeichen in die Residenz gelangt war. Einen Mann von der Thatkraft eines Wolf Dietrich mußte die Information von einer Unschädlichmachung des geliebten Mädchens bei lebendigem Leibe zu Gewaltthaten geradezu auffordern und der heißblütige Fürst ging denn auch sofort daran, Herrn Wilhelm Alt mit Gewalt Schach zu bieten.
Das Haus des Kaufherrn wurde von Dienern des Fürsten bewacht, Bewaffnete lauerten Tag und Nacht in der Nähe verborgen, und ebenso lag eine Abteilung der erzbischöflichen Miliz auf der Straße nach Teisendorf mit dem Auftrage, jeden Wagen oder sonstigen Transport aufzuhalten und nach dem Fräulein zu suchen, das gegebenen Falles unter Bedeckung ins fürstliche Palais zu verbringen sei.
Nach solchen Anordnungen konnte eine abermalige Gefangennahme Salomes kaum mißlingen; es müßte denn sein, daß das Fräulein auf dem Wege nach Golling ins Gebirge oder über Berchtesgaden verschleppt werden würde. Daran dachte Wolf Dietrich eines Tages und in wenigen Stunden waren auch diese Fluchtrichtungen mit Mannschaften belegt. Nun hieß es warten, und heißblütige Menschen warten nicht gerne. In seiner Ungeduld, neue Kunde über das geliebte Mädchen zu erfahren, ließ Wolf Dietrich Frau Alt zu sich bitten und stellte ihr auch gleich eine Sänfte, die vor dem Hause der Altschen Familie warten mußte, zur Verfügung.
Diese Einladung an den Fürstlichen Hof brachte die Bürgermeisterin schier um den Verstand und nur Stolz und Eitelkeit verhinderten eine Geistestrübung. Mit einer ihr selbst unbegreifliche Schnelligkeit kleidete sich Frau Alt in ihr bestes Galagewand, legte an Schmuck an, was sie überhaupt besaß, und so überladen mit Tand und Schätzen stieg sie pfauenstolz in die Sänfte, huldvoll die gaffenden Leute auf der Gasse durch Händewinken grüßend und sich selber vormurmelnd: „Ich komme zu Hof, ich komme zu Hof!“
Viel Etikettumstände beim Empfang wurden zur Enttäuschung der Bürgermeisterin nun freilich nicht gemacht, denn der ungeduldige Fürst hatte ausdrücklich befohlen, die Dame sogleich in das Empfangszimmer zu bringen. Immerhin walteten die Thürsteher und der Kämmerling vom Dienst getreulich ihres Amtes und deren Grinsen hinterdrein konnte die überglückliche Frau nicht sehen.
In spanischer Rittertracht empfing Wolf Dietrich die heranrauschende Bürgermeisterin, mühsam den Lachreiz niederkämpfend, liebenswürdig und galant, so daß Frau Alt wie in einem Himmel zu sein wähnte und strahlend vor Vergnügen sich in einen wappengeschmückten Stuhl fallen ließ.
Auf einen Wink entfernte sich der Kämmerling, und nun sprach der junge Fürst: „Ich habe Euch zu mir bitten lassen in der Meinung, daß Ihr mir neue Kunde geben könnt von Salome! Für Eure mich erfreuende Unterstützung meiner Pläne sage ich Euch meinen Dank und gebe mein fürstlich Wort, daß es an Anerkennung und Lohn nicht werde fehlen, so ich zum Ziel gelange. Nun sprecht: Was sind die Absichten des hartköpfigen Pfefferkrämers?“
Frau Alt zuckte bei diesem Wort zusammen, der Ausdruck verletzte doch in etwas den Sippenstolz, und hastig erwiderte die Bürgermeisterin: „Euer Fürstlichen Gnaden mit Verlaubnis! Mein Herr Schwaher ist Kaufherr und handelt meines Wissens nicht mit Pfeffer!“
„Mi perdoni! Ich wußte das nicht und wollte auch keineswegs etwa eine Geringschätzung verüben, was undenkbar wäre, so ich gerne mit des Kaufherrn Schwäherin und Muhme der schönen Salome spreche!“
Geschmeichelt dankte Frau Alt und versicherte dann den Fürsten ihrer Ergebenheit und Bereitwilligkeit, ihm zu dienen, nicht in der Hoffnung auf irdischen Lohn, sondern zur Erwerbung päpstlicher Anerkennung.
„Wie das? Was meint Ihr?“ fragte einigermaßen überrascht Wolf Dietrich und ließ den Degenknauf los, auf den sich seine linke Hand bisher gestützt hatte.
„Hochfürstliche Gnaden wollen geruhen, meine Beichte entgegenzunehmen!“
„O non, o non!“ wehrte Wolf Dietrich ab in irrtümlicher Auffassung des Ausdruckes, „zum Beichtigen nehmet nur den Priester, so Ihr für gewöhnlich konfiterieret!“
„Ich meine nicht die kirchliche Beichte, gnädiger Herr! Ich möchte nur demütig vorbringen, daß gerne ich Euer Gnaden willfährig bin und mich glücklich schätze, so Hochdero sich mit unserer Salome verbinden! Was hiezu ich thun kann, wird geschehen! Als Lohn möcht' ich mir etwas erbitten, was Euer Fürstliche Gnaden nur ein gutes Wort für Hochdero unterthänigste Dienerin in Rom kostet!“
„Nur ein Wort? Wie lautet dieses Wort?“
„Meine höchste Seligkeit wäre ein päpstlicher Segen Seiner Heiligkeit, aber ganz alleinig für mich gespendet; es darf niemand anderes daran teilhaben, bloß ich allein!“
Ein spöttisches Lächeln huschte über die Lippen Wolf Dietrichs, dann sprach der Fürst freundlich herablassend: „Sothaner Wunsch ehret Euch und soll propagieret werden, sofern Ihr mir eine frumbe willfährige Dienerin bleibet! Doch nun ad rem: Wißt Neues Ihr von Salome?“
„Das Mädchen ist gehalten in strenger Haft des eigensinnigen Vaters, es ist selbst mir nicht möglich, zu Salome zu gelangen. Nur von der Dienerschaft konnte ich erfahren, daß in Bälde schon der Schwaher selbst, der Grausame, das liebliche Kind verbringen will in Klostermauern! Denkt nur, gnädiger Herr, ein lieblich Kind, unsere schöne Salome, die schönste Maid wohl von ganz Salzburg und im stiftschen Land soll in die Kutte gesteckt und Nonne werden für Lebenszeit!“
„Das werd' ich zu verhüten wissen! Das Fräulein will ich für mich, und Purpur und Hermelin soll Salomes Kleidung sein, nicht die Klosterkutte!“
„O, habt Dank, gnädiger Herr, für solche Rettung! Wohl bin ich sehr bedacht auf Seelenheil und frumben Wandel, doch Salome seh' ich lieber in fürstlichem Gewande!“
„Auch ich!“ hüstelte Wolf Dietrich belustigt.
„Ich möchte Euer Hochfürstliche Gnaden bitten, dem blutdürstigen Rabenvater Mores zu lehren!“
„Das soll prompt geschehen! Ihr könnt darob beruhigt sein! Wann Salome aus meiner Stadt verbracht wird, ist Euch nicht genau bekannt?“
„Es soll nicht länger mehr währen, vielleicht noch einige Tage, bis besser wird und trocken der Weg.“
„Und wohin?“
„Das weiß ich nicht zu sagen! Mich deucht, der Schwaher denkt an Chiemsee, doch hat der Kaufherr vielfach Gefreundschaft auch in Kärnten und hinab ins Welschland!“
„Ihr steht nicht mehr im Verkehr mit Wilhelm Alt?“
„Der Dickkopf nannt' eine Kupplerin mich, die ehrsame frumbe Bürgermeisterin, und verwies mir das Haus! Kann es größere Undankbarkeit wohl auf Erden geben!“
„Nein, gewiß nicht! Ein ‚undankbarer‘ Mensch, dieser Wilhelm Alt!“ sprach ironisch der Fürst und seine Augen lachten vergnügt dazu. auf Seelenheil und frumben Wandel! Ich will ja nur Salomens Glück und nebstbei bin auch ich geehrt,
[Transkriptionsanmerkung: Dieser Absatz scheint keinen Sinn zu machen, ist aber 1:1 aus dem Original übernommen]
„Als wenn ich kuppeln wollt', ich, die so viel hält wenn meine Nichte Fürstin ist!“
„Kein Zweifel, eine große Ehre sothane Liaison!“
Nun wollte Frau Alt auf den Stadtklatsch übergehen, doch Wolf Dietrichs Geduld war bereits erschöpft, es interessierte ihn nicht im geringsten, was die Sippen über ihn und seine Liebe zu Salome sagen, und die längere Anwesenheit der alten Schwätzerin ward dem Fürsten lästig. Er gab ein Glockenzeichen, verneigte sich etwas vor der in die Höhe fahrenden Dame und gab Befehl, die Frau Bürgermeisterin hinauszugeleiten.
Verdutzt, in einem Gefühle, aus dem Himmel in einen Sumpf gefallen zu sein, folgte Frau Alt dem höflichen und doch spöttischen Kämmerling, die Glückseligkeit der Fürstenaudienz war zu Ende, so gründlich vorbei, daß Frau Alt unten keine Sänfte mehr vorfand und geärgert durch das Schneewasser auf Salzburgs Katzenkopfpflaster heimtrippeln mußte.
„Sind doch das launische Leute, diese Fürsten!“ zischte die vergrämte Frau und hüpfte krötengleich über die Wasserlachen, bis sie tropfnaß in den Füßen endlich das Heim erreichte.
Unerträglich war Salome die einsame Haft im Elternhause geworden, das Mädchen litt schwer, die Isolierung verbitterte das Gemüt und bewirkte mählich, daß Salome im Drang nach Freiheit nur im Fürsten allein den Retter ihres Lebens zu erblicken begann und sich nach Wolf Dietrichs beglückend süßen Worten sehnte. Speise und Trank ward der Gefangenen wohl vom Hausmädchen, der blondzöpfigen Klara ins Gemach verbracht, doch war vom Vater der Magd unter schwerer Bedrohung jegliches Sprechen mit Salome verboten worden. Einige Tage hielt dieses Gebot stand, dann aber, von herzlichstem Mitleid erfaßt, vermochte Klara dem Flehen Salomens nicht mehr zu widerstehen, die Magd gab flüsternd Red' und Antwort auf die hastigen Fragen und erzählte, daß die Muhme beim Fürsten in Audienz empfangen worden und in der Stadt die Kunde von der Verlobung allgemein verbreitet sei.
Salome schrie auf vor Schreck und Wonne zugleich, dann aber bestürmte sie die Magd um weitere Nachrichten bezüglich der etwa bekannt gewordenen Pläne des hartherzigen Vaters.
Ängstlich wehrte Klara ab und bedeutete dem Fräulein durch eine Geste, daß ein lärmend Wort den Gebieter herbeiführen und Strafe bringen müßte. Das Eßgeschirr zusammenraffend, flüsterte die Magd: „Ein Wagen soll Euch morgen in früher Stund' nach Frauenchiemsee bringen, vom Hausknecht habe ich's erfahren!“
„Großer Gott, das schrecklichste steht mir bevor! Doch niemals werd' ich eine Nonne! Hilf mir zur Flucht, Klara, ich will dir's lohnen für dein ganzes Leben!“
„Still! Ich höre Schritte! Zum Abend will ich wiederkommen!“
Geräuschlos entfernte sich die Magd.
Eine Weile horchte und harrte Salome; doch als alles still, totenstill um sie blieb, begann sie mit dem Gedanken einer Flucht aus dem Elternhause sich vertraut zu machen. Mag kommen was immer wolle, das Leben als Gefangene im Elternhause, vom Vater verachtet, einer Aussätzigen gleich behandelt, ist ebenso schrecklich wie die Gewißheit, die Zukunft zwangsweise im Nonnenkloster verbringen zu müssen. Salome empfand ein Gefühl der Dankbarkeit für die Muhme und deren Vermittelung beim Fürsten, das Mädchen hofft auf ein Eingreifen, auf Rettung durch Wolf Dietrichs Hand, und einmal befreit, soll dem Fürsten zeitlebens inniger, hingebender Dank dargebracht werden.
In trostloser Öde vergingen quälend langsam die Stunden, bis zum Abend Klara wieder erschien und vermeldete, daß Herr Alt ausgegangen sei, mutmaßlich, um für morgen das Fuhrwerk und Mannschaft zur Bedeckung zu bestellen.
Alle Spannkraft erwachte in Salome, sie beschwor Klara um Hilfe zur Flucht und versprach, die Magd sogleich mit sich zu nehmen in den Keutschachhof. Einmal dort, sei Herrin wie Dienerin sicher vor dem strafenden Arm des Vaters und Herrn, der Fürst werde beide zu schützen wissen.
Der Vorschlag leuchtete der abenteuerlichen Magd wohl ein, doch erklärte Klara, so rasch nicht ihre Habe, so klein sie auch sei, packen und fortschaffen zu können.
Salome bedeutete dem Hausmädchen, daß es unnötig sei, auch nur das Geringste von den Habseligkeiten mitzunehmen; es werde alles hundertfach und neu ersetzt, wie ja auch Salome nichts mitnehme, als was sie am Leibe trage.
„Könnt Ihr denn so viel Geld mitnehmen?“ fragte Klara.
Salome errötete und flüsterte: „Ich nehme nichts mit! Der gnädige Fürst wird für uns beide Sorge tragen! Nur fort ehe der Vater wiederkehrt!“
Nun war die Magd auch hierüber beruhigt; Klara schlich hinunter, gab ein Zeichen, und Salome folgte. Zwischen den Kisten im Hausflur sich hindurchwindend konnte man dem Eichenportale näher kommen. Doch dieses selbst erwies sich festverschlossen, die Flucht schien vereitelt und nach rückwärts giebt es keinen Ausweg.
Peitschenknall ertönte draußen in der Gasse, ein schweres Fuhrwerk dröhnte krachend und prasselnd vor dem Kaufhause, und alsbald ward es lebendig. Schnell huschten die Mädchen hinter die Kisten.
Komptoiristen und Knechte kamen mit Laternen herbei, schimpfend über die arg verspätete Ankunft des Gollinger Boten. Dieser entschuldigte sich mit dem schlechten Zustand der Straße und drang auf rasche Abladung, wasmaßen seine Roße schwitzen und in den Stall kommen müßten.
Bei trübem Laternenschein ward das Portal aufgeschlossen, und die schwere Last von Frachtgütern aus dem Süden wurde abgeladen. Aus Unachtsamkeit stieß einer der Knechte die Laterne um, das Licht verlöschte, es ward stockdunkel im Flur wie auf der Gasse.
Während die Knechte schimpften und nach Licht riefen, huschte Klara, der Salome auf dem Fuße folgte, durchs Portal und von der Dunkelheit geschützt flohen beide längs den Häusern die Gasse hinauf und verschwanden um die erste Ecke.
III.
Ein linder Frühling war dem langen, hartnäckig um sein Recht kämpfenden Winter gefolgt, weiche, warme Lüste wehten, der Föhn hatte schneller als sonst den letzten Schnee von den Salzburger Bergen verjagt. In den Thälern grünte und sproß es aufs neue, die Auen prangten im frischen Lenzeskleid wie die Matten, und nur die Wogen der hochgehenden Salzach bezeugten durch ihr schlammfarbiges Wasser, daß es tief drinnen im Hochgebirge nicht ohne Sturm und Regen Frühling geworden.
Im schmalen Salzachthal, das eingeengt ist durch die Prallwände des gigantischen Tennengebirges und westwärts von dem Felsgewirr des Hagengebirges, erhebt sich ein Steinhügel, auf welchem eine alte Veste thront, Hohenwerfen genannt, eine Zwingburg der salzburgischen Landesherren, im 11. Jahrhundert trutzfest erbaut, und neuerlich bewehrt von Wolf Dietrich im Anfang seiner Regierung, auf daß sie dem Fürsten zum Schutz diene gleich Hohensalzburg in etwaigen Kriegsfällen.
Die linde Frühlingszeit hatte den jungen Landesherrn verlockt mit ihrem balsamischen Odem, der ihn so sehr an die weichen Lüfte Italiens gemahnte. Wolf Dietrich war, seinem lebhaften Temperament folgend, urplötzlich nach Werfen ausgebrochen, und so saß er nun im bequemen Hausgewand, das aber durch reiche Pelzverbrämung immer noch an fürstlichen Prunk gemahnte, in einer Art Loggia, die auf sein Geheiß in einem Wehrturm der obersten Burgmauer eingebaut worden war, und ließ zeitweilig den Blick schweifen hinüber in das Felsgewirr der wuchtigen Mauer des Tennengebirges und dann wieder hinab in das grüne Salzachthal. Für eine Weile blieben die vor ihm auf dem Eichentische liegenden Blätter, Briefe des Astronomen Tycho Brahe, mit welchem Gelehrten Wolf Dietrich in schriftlichem Verkehr stand, unbeachtet; ein Träumen ist's mit offenen Augen, ein willig Hingeben einem wohligen Gefühle errungenen Glückes, und ein zufriedenes Lächeln zeigte sich auf den Lippen, so der Fürst im winzigen Ziergärtchen, das zwischen der Umfassungsmauer und dem eigentlichen Burggebäude eingebettet lag, der schlanken, liebreizenden Gestalt Salomes ansichtig ward.
Die schöne Salome liebkoste manche Blütenknospe, eine herrlich erblühte Blume selbst unter den Blümelein des Gärtchens, und ihre weiche Hand strich sanft über eine halberblühte Heckenrose, deren Wurzel lieber im brüchigen Gemäuer zu wurzeln schien, denn in der üppigen Gartenerde. Mitten im tändelnden Spiel und Kosen hielt Salome inne, die halboffene Blüte schien sie an etwas zu gemahnen; das glückliche Lächeln erstarb, die Stirn umdüsterte sich, das süße Wangenrot verblaßte. Die bebende Hand brach das Heckenröslein ab, ein Dorn riß ein, und ein Tröpflein rotwarmes Blut zeigte sich am verletzten Finger.
Ein leiser Schrei drang zu Wolf Dietrich und ließ ihn aufblicken, der Fürst gewahrte die Veränderung in Salomens Wesen sogleich, und besorgt rief er, sich über die Loggienbrüstung beugend, hinunter, nach der Ursache der Verstörtheit fragend.
Jäh erglühte Salome, und winkte hinauf mit einer Geste, die besagen wollte, daß nichts von Belang sich ereignet habe.
Doch der lebhafte Fürst ließ sich damit nicht beschwichtigen, er verließ sogleich die Loggia und nach wenigen, weitausholenden Schritten war er bei Salome. „Was ist dir, Carissima? Hat ein Dorn dich verletzt? Wer Rosen pflückt, darf der Dornen nicht achten! Komm, meines Lebens Licht und Wonne, wir wollen die Wunde verbinden!“
„Nicht doch, mein gnädiger Herr! Ein Mahnen war es, das plötzlich mich verschreckte!“
„Ein Mahnen? Was sollt' es sein?“
„Ja, ein Mahnen, gnädiger Gebieter! Beim Anblick dieses halberblühten Rösleins fuhr die Gemahnung mir durch den Sinn, daß ich wohl selbst nichts anders bin denn diese kaum erblühte, schlichte Blume....“
„Ein süß Gebild, der Blumen herrlichste ist meine Salome!“ schmeichelte der galante Fürst.
„Nicht so, o Herr und Gebieter, ist's gemeint! Ein Heckenröslein nur, die wilde Rose, wie sie wächst in Rain und Wald, entbehrend der fördernden Hand —“
„Auch solche Blume hat doch ihren Reiz, ist schön in ihrer Schlichtheit!“
„Doch niemals wird sie eine Edelrose!“
Der klagende Ton fiel dem Fürsten auf, weich sprach Wolf Dietrich: „Gräme dich nicht darob, es muß auch wilde Rosen geben!“
Ein Seufzer entwich der bewegten Brust des Mädchens.
„Was ist dir nur, Geliebte?“
„Das Mahnen ist's, das Schmerz mir bringt in meine Brust; nie wird das Heckenröslein eine Edelrose, und so erblick' ich meine Zukunft!“
„Scheuch solche Gedanken nur von hinnen, Geliebte! Du bist mein alles, meines Lebens Wonne! Nie werd' ich von dir lassen! Die Sorg' um dich ist meines Daseins oberstes Gesetz!“
„Steckt dieses Heckenröslein in die beste Erde, pflegt und betreuet sie, eine Edelrose wird es niemals werden!“
„Geliebte! Was soll dies Wortspiel in der Wiederholung? Du bist an meiner Seite einer Fürstin gleich —“
„Doch niemals ebenbürtig und des Segens entbehrt unser Bund! Eine Zuflucht fand ich in Eurem gastlich Haus und bin nichts anderes denn ein Gast, dem gesetzt ist immer die bestimmte Zeit!“
„Salome! Ich bitte, jag' die trüben Gedanken weg! Nur froh und glücklich will meine Herzenskönigin ich wissen, ein zufrieden süßes Lächeln als Zierde sehen auf deinen Rosenlippen! Nur keine Schatten und des Grames Falten, die hass' ich und will verbannt sie wissen aus meinem Leben!“
„Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Nicht will ich Unmut Euch bereiten, aufheitern Euch und verschönern gern das Leben! Doch erhöret, Herr, auch meine Bitte: Gebt unserem Bund die Weihe, die gewährt ist dem ärmsten Paar von Euren Unterthanen!“
Eine Falte zeigte sich in des Fürsten Stirne und Unmut auf den zur Antwort leicht geöffneten Lippen.
Doch ehe Wolf Dietrich Antwort gab auf die flehentliche Bitte des schönen Mädchens, kam der Kämmerling heran, der unter einer tiefen Verbeugung meldete, daß der Dechant von Werfen Seiner Hochfürstlichen Gnaden unterthänigste Aufwartung zu machen erschienen sei und im Audienzzimmer harre des gnädigen Empfanges.
„Soll warten! Ich komme alsbald!“ erwiderte der Fürst, und geleitete Salome in die Burg.
Erst vertauschte Wolf Dietrich unter Beihilfe des Kammerdieners Mathias das Hausgewand mit der spanischen Ritterstracht, doch nahm der junge Gebieter den stolzen Federhut nicht mit, als er dann unter Vorantritt von Pagen und dem Kämmerer sich in das Audienzgemach begab.
Der harrende Dechant war eine hagere, mittelgroße Gestalt mit strengen Zügen im scharfgeschnittenen Gesicht, grauen Augen, kurz geschorenem Haupthaar, ein Mann von Gemessenheit, erfüllt vom Gedanken an priesterliche Würde und Pflichttreue; dabei schien die ganze hagere Gestalt die Verkörperung eines eisenstarken Willens, einer Unbeugsamkeit in allen Dingen zu sein.
Beim Eintritt des Fürsten und Erzbischofs wich in des Pfarrherrn Auge die Eiseskälte und Starrheit, die Lippen öffneten sich, ohne einen Laut durchzulassen, grenzenlose Überraschung bekundete die vorgebeugte Haltung des Körpers und die ausgespreizten Finger beider Hände. Einen Kirchenfürsten in spanischer, weltlicher Rittertracht hat der Dechant noch nicht gesehen und eher des Himmels Einsturz erwartet, als Salzburgs Erzbischof in solcher Gewandung zu erblicken. So stand der Pfarrer fassungslos und schluckte, er brachte nur das „salve“ heraus, alles andere der lateinischen Ansprache blieb im Halse stecken.
Die gute Laune Wolf Dietrichs, der ungemein empfindlich in Etiketteangelegenheit und rasch verletzt in seinem Herrschergefühle war, wich augenblicklich bei solch' respektloser Haltung eines Unterthanen, der ganze Hochmut kam zum Ausdruck, als der Fürst höhnend, ja ätzend scharf rief: „Kämmerling, bring' Er dem Bauerpfarrer höfische Sitte bei und lehr' Er ihm, daß man den gnädigsten Landesherrn nicht mit ‚salve‘ begrüßt, den Fürsten auch nicht angafft!“
Die verletzend scharfe Lektion hatte bei dem ältlichen Pfarrer keineswegs die erwartete Wirkung; statt etwa vor dem Landesherrn und höchsten kirchlichen Vorgesetzten huldigend das Knie zu beugen, richtete sich der asketische Dechant auf und blickte fest auf den zornigen, kleinen Fürsten. Kalt sprach der Pfarrherr: „Mit gnädiger Verlaubnis! Einer Lektion von Höflingen bedarf es nicht, ein Priester Roms weiß Ehrerbietung und schuldigen Gehorsam zu bekunden seinem hochwürdigsten Erzbischof!“
Wolf Dietrich stutzte unwillkürlich, die Gemessenheit wie Kühnheit dieser Ansprache ließ ihn ahnen, daß dieser Pfarrer doch anders geartet sein dürfte, als es sonst um jene Zeit der Landklerus war; ein Niederschmettern schien hier nicht opportun zu sein, wiewohl das aufbrausende Temperament des Fürsten hierzu treiben wollte. Immerhin kehrte Wolf Dietrich die hochfahrende Seite heraus in der Erwiderung: „Es wird sich zeigen, was Er weiß und wie es bestellt — mit dem schuldigen Gehorsam!“ Zugleich winkte der Fürst den Begleitern, sich zu entfernen.
Auge in Auge standen sich Erzbischof und Pfarrer gegenüber; letzterer an Haltung, Antlitz und Kleidung sofort als Priester erkennbar.
Wolf Dietrich stützte die Linke auf den Degenknauf, während seine Rechte das Schnurrbärtchen aufzuzwirbeln begann. Ungeduldig klang sein „Nun?“
„Euer erzbischöfliche Gnaden....“
„Man tituliert mich: Hochfürstliche Gnaden!“
„Euer erzbischöfliche Gnaden wollen meiner Überraschung, ja Verblüffung zu Gute halten, daß mir die schuldige ehrerbietige Ansprache stecken blieb in der Kehle! Den hochwürdigsten Erzbischof glaubt' ich im kirchlichen Ornat erblicken und erwarten zu dürfen....“
„Ich kleide mich nach meiner Wahl und kann der Meinung Untergebener und Unterthanen allezeit entbehren! Was will Er?“
„Euer erzbischöflichen Gnaden wollt' schuldige Aufwartung ich erstatten, wasmaßen Hochdieselben Aufenthalt genommen in meinem Pfarrsprengel.“
„Das ist Seine Pflicht und Schuldigkeit und hätte vor Tagen schon geschehen können. Ihm fehlt es wohl nicht an Zeit, dafür an Verständnis höfischer Sitte wie an schuldiger Unterwürfigkeit! Merk' Er sich solche Lehre! Und nun bericht' Er über Stand und Verhältnis seiner Pfarre!“
„Es ist viel des Üblen dem hochwürdigsten Oberhirten zu referieren, wenig des Guten! Auch in diesseitigem Pfarrsprengel tauchen Kalixtiner[4] immer wieder auf, so streng auch dagegen eingeschritten wurde.“
„Das wird in specie noch zu regeln sein! Wie steht es mit dem Klerus?“