Chapter 4
„Ihr habt da wohl auf jedes Wort gelauert, das in Huld und Gnade der Fürst zu richten geruhte an Salome?! Paart sich das Lauern mit dem aufgeblasenen Bürgerstolz?!“
„Herr, der Vater hat die heil'ge Pflicht zu wachen über sein Kind!“
„Mählich wird mir klar, wie in Eurem Kopf die Gedanken wirr genug sich drehen. Weil ich beim Scheiden von einem Wiedersehen sprach, muß wissen ich von nächtlicher Räuberei und sonstigem Brigantentum! Zwingend ist Euren Verstandes Kraft just nicht! Und um ein End' zu machen: Ich habe Eure Tochter seit dem Abschied gestern abend noch mit keinem Aug' gesehen!“
„Nicht gesehen!“ Wilhelm Alt taumelte zurück, trat wieder vor und suchte im Antlitz des im Schatten stehenden Fürsten zu lesen. „Nun werd' ich irr an allem! Fluch aber, dreimal Fluch dem Schänder meiner Ehre! Fluch!“
Indes der gramerfüllte Kaufherr weggeleitet wurde, begab sich Wolf Dietrich durch eine Flucht von Gemächern in jenen Teil des Keutschachhofes, dessen Zimmer, von außen abgesperrt, Salome Alt zum Nächtigen dienten.
In einem Vorzimmer harrte als Beschließerin und Dienerin Brigitte auf Befehle des gefangenen Fräuleins wie des Fürsten, der nun persönlich erschien, die Dienerin aufschließen hieß und sie zu Salome schickte mit der Anfrage, ob das Fräulein gewillt sei, den Besuch des Fürsten anzunehmen.
Die von Brigitte überbrachte Antwort lautete: „Eine Gefangene hat keinen Willen!“
Wolf Dietrich, der auch an diesem Morgen die spanische Tracht mit dem Degen zur Seite trug, trat in das üppig ausgestattete Gemach, worin Salome über Nacht gefangen gehalten war. Ein forschender Blick flog dem Mädchen entgegen, dann verbeugte sich der junge Fürst tief und sprach: „Verzeihet, Salome, den Besuch, den Euch zu machen das Herz mir gebot!“
Das Mädchen hatte sich erhoben und stand stolz abweisend inmitten des Gemaches. „Erst sprecht, Herr: Mit welchem Recht habt Ihr der Freiheit mich beraubt? Ist das ritterliche Sitte, ein Mädchen von der Gasse wegzufangen, zu morden Ehr' und guten Ruf?“
Heiß wallte es auf im liebeglühenden Herzen des jungen, feurigen Fürsten, der Salome doppelt schön fand in dieser königlichen Haltung des Protestes. Lebhaft erwiderte Wolf Dietrich: „Mit welchem Recht? Erlaubet mir zu sagen: Mit dem Recht der Bewunderung und Liebe, die mein Herz erfüllet, mich niederzwingt zu Euren Füßen, mich betteln macht um Eure Gunst!“
„Entweiht das Wort von heil'ger Liebe nicht! Man wirbt nicht mit Gewalt! Und ritterlicher Sinn hat allzeit Ehr' und Tugend zu schirmen! Was Ihr verübt, ist Straßenraub und Schändung meines Rufes!“
„Seid gnädig, Salome! Hört mich erst, eh' Ihr mich und mein Herz verdammet!“
„Ich will kein Wort vernehmen, eh' das Unrecht, die Gewaltthat Ihr gestehet und feierlich gelobet, Abbitte zu leisten meinem schwergekränkten Vater!“
„Hört mich, Salome, und übet Gnade, ich, der Fürst, ich bitte Euch! Wie sollt' ich je Gelegenheit finden, Euch zu sprechen ohne Zeugen, vor Euch auszuschütten die Gefühle meines Herzens, wenn nicht durch Verbringung Eurer Person in ein still verschwiegen Gemach?! Nur die Hoffnung, Euch zu sprechen, hat verleitet mich zu diesem Schritt, den ich tief bereue, so er Euren Sinn verletzt!“
„Der Fürst müßt' wissen, daß eines Mädchens höchstes Gut ist Ehr' und Ruf! Ein Wort in Ehren zu reden, braucht es nicht Raub!“
„Verzeiht den übereilten Schritt, zu dem mein heißes Fühlen mich verleitet! Verzeiht, da ich bereue! Wollt Ihr mich hören nur wenn frei: offen ist der Ausgang, der Schritt ungehemmt zur Rückkehr ins elterliche Haus! Könnt hören Ihr mich jetzt, so bitte ich, leiht Euer Ohr meinen Worten!“
„Ihr gebt mich frei, wohlan, ich baue auf Euer fürstlich Wort, und bin bereit zu hören!“
„Habt Dank, Salome, und haltet mir zu Gute, was jedem andern wird gewährt: Begeisterung für Eure Schönheit! Bezaubert von der Liebreizfülle, hingerissen, im Banne tiefempfundner Liebe wagt' ich den Schritt und ließ verbringen Euch in den Palast. Glaubt mir, nur sprechen wollt' ich Euch und bitten, zu teilen Thron und Leben fürder mit mir! Meßt mein Empfinden nicht nach kalter nord'scher Art, gedenkt, daß südlich warmes Blut der Mediceer in meinen Adern rollt! Das Leben zu Rom war meine Schule, kunstfreudig ward das Auge mir, die Begeisterung für Schönheit eingepflanzt unterm Himmel der ewigen Stadt. Meine Seele dürstet nach Verwirklichung von Pracht und Schönheit in meiner Stadt, die Blüte Italiens soll verpflanzt werden in Salzburgs Boden, ein Rom im kleinen will ich errichten hier und über alles gebieten soll das schönste Weib, das meine Augen je gesehen: Salome! Fürstin sollt Ihr sein, angebetet und verehrt, teilen Thron und des Lebens Glück und Ehren, Herrin über mich und mein Gebiet! Sprecht aus das mich beglückende Wort, helft mir in meinen kunstbegeisterten Plänen, gebt Eure Hand, wir bauen auf ein neues Rom im Kranze deutscher Berge! Wir halten Hof so stolz wie Frankreichs König es nicht besser kann! Wir schaffen für des Landes Wohl und unserer Unterthanen! Ein neues Leben soll erblühen unter unserm Szepter, ein Leben voll des reinsten Glückes! Ich will Salzburg groß gestalten, zur Heimstatt für die Kunst, Pracht und Schönheit! Künden soll den fernsten Geschlechtern noch, was Wolf Dietrich und Salome geschaffen! Sprecht, holde Göttin meines Lebens: Wollt teilen Ihr den Thron mit mir?“
Der flammende Ton höchster Begeisterung, die heiße Werbung hatte Salome in Erregung versetzt; der Ausblick in solche Zukunft blendete, verwirrte den Sinn und machte das Mädchen schwindeln. Hoch wogte die plastisch schone Büste, ein Zittern lief durch den idealgebauten Körper, ein Stöhnen entwich der erregten Brust, und wie nach Klarheit ringend, strich Salome mit der zarten Hand über die reine, weiße Stirne. „Es kann nicht sein! Mein Sinn ist verwirrt, Eure Rede, Herr, sie macht mich schwindeln! Es ist ein Trugbild nur, das niemals Wahrheit werden kann!“
„Sagt das nicht, Königin meines Herzens! Ich pfänd' mein fürstlich Wort, hier meine Hand: Gönnt Ihr mir das Glück meines Lebens an Eurer Seite, seid gehalten Ihr der Fürstin gleich und Herrin über Salzburg und mein stiftisch Land!“
Wie traumverloren stand Salome, eine Beute widerstrebender Gefühle. Eine Tochter Salzburgs aus bürgerlichem Hause erhoben zu Salzburgs Fürstin, ausgerüstet mit der Machtfülle eines Fürsten, Herrin über Land und Volk, reich und mächtig zu helfen den Kleinen und Armen, mächtig, Salzburg groß zu machen im Sinne des prachtliebenden Fürsten, und selbst zu handeln nach eigenen Gedanken! — „Es kann nicht sein!“
„Warum? Sprecht, Salome! Ich bange um jenes Wort! Warum zögert Ihr?“ rief erregt der feurige Fürst.
„Es kann nicht sein, o Herr! — Euer Kleid —“
„Wie?“
„Euer Kleid soll sein des höchsten Priesters, und der niedrigste der Geistlichen muß — unbeweibt verbleiben wie der höchste —!“
„Ich erwerbe mir Dispens! Und sollt' mir verwehrt sein, was hunderte im Klerus meines Landes ungepönt gethan?!“
„So wolltet Ihr, o Herr, Euch hinwegsetzen über Roms Gebot, beweiben Euch? Kann entgegen einem kirchlichen Gebot die Kirche binden eine verbotene Ehe?“
„Rom kann alles! Und ich bin Herr und Fürst in meinem Lande! Ich sprech' das Machtwort und ein geistlich Untergebener hat zu gehorchen. So biet' ich meine Hand zum Ehebunde, so Ihr verlangt nach kirchlicher Trauung!“
„Laßt mich zum Vater!“ rief erregt Salome.
„Solch' Antwort vermag ich nur als ‚nein‘ zu deuten, und niemals kehrt Salome zu mir zurück!“
Innehaltend an der Schwelle des Gemaches, wandte sich Salome nochmals zum Fürsten und rief ihm zu: „Mein Wort zum Pfand, ich kehre wieder, um Botschaft Euch zu thun! Doch nun gewährt Bedenkzeit, gebt mich frei! Nur ungezwungen vermag einen Entschluß ich zu fassen!“
„Ihr seid frei, Salome! Verzeiht mir Wort und That! Ich harre der Wiederkehr der — Fürstin!“
Während Wolf Dietrich sich ritterlich verbeugte, schritt Salome aus dem Keutschachhofe in einem Zustande größter seelischer Erregung, die sie auf Leute wie Gassen nicht achten ließ. Sie hörte nicht die Rufe der Überraschung von Bürgern, die es nicht fassen konnten, das angeblich geraubte Mädchen völlig frei zu sehen.
Bis Salome das väterliche Haus erreichte, war die Kunde ihrer Befreiung in der Stadt verbreitet, die überraschende Nachricht flog von Mund zu Mund und eine Flut von Mutmaßungen floß nebenbei.
Das Mädchen war wie im Taumel in die Arbeitsstube des Vaters im Erdgeschosse des Kaufhauses gekommen, die Betäubung wich im Momente, da Salome das gramdurchfurchte Antlitz des Vaters erblickte, und mit einem Jubelruf eilte sie in seine Arme. „Vater, lieber Vater!“
„Salome! Du wieder daheim! Großer Gott! Mein Kind, mein Kind!“
Nach der innigen, stürmischen Begrüßung und Freude der Wiederkehr der verloren geglaubten Tochter geleitete Alt sein Kind in die Wohnstube hinauf. Die Bediensteten des Kaufhauses sollten nicht Zeugen der intimen Aussprache zwischen Vater und Tochter sein.
Ängstlich forschenden Blickes fragte der Vater: „Ist dir kein Leids geschehen, Salome? Und wer hat gewagt, mir meine Tochter wegzufangen? Sprich, ich werde den unerhörten Raub zu rächen wissen!“
„Keine Rache, Vater! Sie ist nur Gottes allein!“
„Wer hat den Frevel gewagt? Den Namen nenne, Salome, den Namen!“
„Es ist mir kein Leids geschehen, mit keinem Blick, geschweige einer schlimmen That!“
„Den Namen nenne! Doch nein, ich weiß ihn! Mein Verdacht war rege, eh' die Schandthat ist geschehen. Ist's auch der Fürst selbst gewesen, er soll mir büßen und kostet es mein eigen Leben!“
Salome warf sich weinend in des Vaters Arme und flehte um Milde.
„Du selbst, das Opfer, willst schonen, um Milde bitten für den Schänder unserer Ehre? Ich faß' es nicht! Was ist geschehen, daß wirr geworden meiner Tochter sonst so heller Verstand?“
Die Umarmung auflösend, trat Wilhelm Alt zurück, sein Blick galt forschend der Tochter, die jäh errötete und dann wieder erblaßte.
„Was soll das Farbenspiel in deinen Wangen? Mir ist rätselhaft dein Wesen! Ist verraucht dein Mädchenstolz? Haben girrende Worte deinen Sinn verderbt? Salome, dein Vater spricht mit dir, hör' es, dein Vater, der ein heilig Anrecht hat, jetzund in dieser Stunde die Wahrheit, die reine Wahrheit zu hören! Du zögerst! Heil'ger Gott, wie wird mir? Ein furchtbarer Verdacht will mein Herz beschleichen, Salome, rede Kind, bei meinem Zorn, sprich: Hat der Fürst im span'schen Gewand der Gecken dir gar von Liebe gesprochen? Ihm säh' es gleich! Hast du den fressend giftigen Wurm verlogener Falschheit im Herzen, bei Gott, ich reiß' ihn dir heraus! Mein Haus, mein Kind und meine Ehr' sollen unangetastet bleiben, hörst du, und sollten beide wir zu Grunde gehen! Lieber in Ehren sterben, als — ich kann die Schmach nicht ausdenken! Ich säh' dich lieber tot, denn in jenes Lüstlings Armen!“
Vor dem drohend erhobenen Arm und dem verzerrten Antlitz des Vaters wich Salome zurück, weinend die Hände vors Gesicht geschlagen.
„Ha! Das schrecklichste will wahr werden, mein Kind schweigt! So hat der Fant und sei er zehnmal Fürst und Bischof, mit listig falscher Heuchelei den Kopf dir verdreht, das Gift ins Hirn dir gelispelt! Wehe ihm und dir! Mein Fluch —“
„Haltet ein, Vater! Es ist nichts geschehen, was Euren Zorn gerecht erscheinen lassen könnte!“
„Nichts? Warum dann dein betreten Schweigen? Weshalb diese Ausflucht? Sprich ehrlich das Wort, so du es vermagst! Warst du in Wölfen Dieters Haft und Gewalt?“
„Ja, aber —“
„Ich brauch' dein ‚aber‘ nicht und weiß genug! Die Schande ist eingekehrt in meiner Eltern ehrwürdig hochgehalten Haus! Der nächste Schritt fuhrt in den Pfuhl des Lasters! Rächen werd' ich diese Schmach, ich will meine Rache haben und mein —“
„Vater! Ihr verdammet eine Unschuldige, rein bin ich zurückgekehrt, makellos, und nicht meine Schuld ist's, daß der Fürst den Schritt gethan, den reuig er mir vor wenig Stunden abgebeten!“
„Die Reue eines listigen Schelmen, ha! Er wetzt die Knie und säuselt eitel Liebe, derweil sein Sinn trachtet, die Unschuld zu verderben! Was hat er sonst gesprochen?“
„Erlaß mir, lieber Vater, solche Meldung! Ich weise alles ab! Wie ich mir ausbedungen, mit dem Vater erst zu sprechen, steht es mir frei, zurückzuweisen —“
„Was? Hat der Geck es gar gewagt, dich frechen Sinnes zu begehren?“
Salome stand weinend, gesenkten Blickes, und sprach leise: „Ich konnt' die Red' ihm nicht verbieten, der Fürst warb um meine Hand, er will zur Gattin mich erwählen und teilen Thron und Leben....“
Ein schrilles Lachen unterbrach Salomes Rede, höhnend gellenden Tones rief Wilhelm Alt: „Bravo! Um Cölibat und sonstige Vorschriften kümmert sich der Bischof nicht, er will nur blenden eines einfältigen Mädchens Sinn und Herz! Er schwätzt von Thron und Fürstenehren! Haha, das Thrönchen kann wackeln und brechen, ehnder es das Fürstlein meint! Genug davon! Mag der Klerus draußen und bei den Bauern im Gebirg es halten, wie er will, schlimm genug ist's allenthalben, der Bischof aber hat rein zu leben, wie die Kirche es gebeut! Gattin eines Bischofs, die Welt hat dergleichen nie gesehen, und Rom wird solchen Hohn zu ahnden wissen! Ich aber geb' mein Kind nicht preis dem Spott und Hohn der Welt! Ich nicht! Niemals!“
Grollend verließ Alt die Stube; in Thränen aufgelöst, außer sich blieb Salome allein. Wie mag dies alles enden! Und eine Frage tauchte in dem Mädchen auf, tiefbewegend, ringend nach der Antwort: Welches Gefühl hegt das Herz für Wolf Dietrich? Ist es Liebe? „Ich weiß es nicht!“ flüsterte Salome, „ich bin ihm gut trotz der Gewaltthat, die meinen Ruf geschändet! O Gott, hilf mir das Rechte erkennen, zeig' mir den Weg, den ich zu gehen habe!“
Salome ward mählich ruhiger, doch Klarheit für ihr Beginnen fand sie nicht; je mehr sie darüber nachdachte, desto verworrener wurden die Gedanken, in welchen Licht und Schatten kunterbunt wechselten. Bald sah sie sich an des Fürsten Seite von Glanz und Reichtum umgeben, als Salzburgs Gebieterin, deren leiseste Wünsche in demütiger Eile Erfüllung fanden, einflußreich, den Fürsten beglückend, wirkend zum Wohle des Landes und Volkes, — und plötzlich tauchen schwarze Schatten auf, das Auge sieht den verlassenen, tiefgebeugten Vater sterbend, das Ohr hört seine Flüche, das Herz krampft sich zusammen. Salome stöhnte vor Schmerzen.
Früh dämmerte es an diesem Tage; draußen wirbelte ununterbrochen Schnee herab zur stillen Stadt, die der Nachwinter fest in seinem Banne hielt. Vater Alt hielt sich länger denn sonst in den Geschäftsräumen auf, er schien Salome meiden zu wollen.
Der Einsamkeit und Stille dankte das Mädchen, Salome scheute sich, Licht zu machen; nur heute nicht mehr vor Menschen treten müssen. Was aber wird der Morgen, was werden die nächsten Tage bringen? Soll ein „nein“ den Wirren ein wohlthätig Ende machen? Und wenn des Fürsten Antrag abgelehnt ist, wird je der strenge Vater verzeihen, Milde üben? Wird der Schatten zwischen Vater und Tochter weichen? Und wie wird die Bürgerschaft, die stolze Sippe, es halten, all' die Leute in beschränkter Art? Wer wird es glauben, daß Salome freiwillig des Fürsten Antrag zurückgewiesen? Wird es nicht eher heißen, sie habe sich an ihn gedrängt und sei verdientermaßen weggestoßen worden?
Stimmen wurden im Vorraum laut, die aushorchende Salome konnte deutlich der Muhme Stimme vernehmen, und alsbald trat Frau Alt in das dunkle Gemach und rief: „Gott, wie finster ist es hier! Salome, wo steckst du? Bist du hier?“
„Gleich, liebe Muhme, will ich Licht anstecken!“
„Nicht doch, Mädchen! Sag' mir nur, wo du steckst, wir wollen in der Dumper (Dämmerung) plaudern! Brenn' ich doch vor Neugier zu erfahren dein Geschick! Mein Mann, der gestrenge Bürgermeister, sagte vor einem Stündchen erst die große Kunde, daß frei heimgekehrt ist unsere Salome! Nun konnte nichts mich im Hause halten, ich mußt' zu dir! Gott sei gelobt, daß wir dich wieder haben!“
Salome war der Muhme entgegengeschritten, faßte die Hand derselben, und geleitete die Bürgermeisterin in den Erker zu den Truhen, die hier als Sitzplätze dienten.
„Nun erzähle, Salome, ich, deine Muhme, hab' ein Anrecht darauf!“
Mit einem Seufzer ergab sich das Mädchen in das unvermeidliche Geschick und schilderte in kurzen Umrissen die Entführung in den Keutschachhof.
„Also doch!“ sprudelte es Frau Alt heraus.
„Wie, Ihr habt es gleich vorneweg so vermutet?“
„I freilich! Das war doch nicht schwer zu raten! Der Fürst ist doch so huldvoll und gnädig gewesen, er war ganz Feuer für dich, hatte nur für unsere Salome die Augen offen! Nein, diese hohe Ehre!“
„Haltet ein, Muhme! Nennt Ihr die Entführung eine Ehre, ich finde meinen Mädchenruf verletzt, und der Vater, ach, der Vater grollt und spricht von Schande!“
„Der Schwager ist empfindlichen Gemütes und nimmt alles gar zu scharf! Gewißlich wär' die Entführung eine böse Sache, hätt' ein Junker oder sonst ein Wicht die Hand erhoben nach unserer Salome! Doch anders ist's, da unser gnädiger Fürst erglüht für dich! Das finde ich eine Auszeichnung und hohe Ehre! Denk' nur, ein Fürst, des Erzstiftes Herr und Gebieter, der Erzbischof, entsprossen einem hochedlen Geschlecht, mit einem Kardinal verwandt, ja selbst mit Seiner Heiligkeit dem Papst! Wolf Dietrich wird über kurz oder lang wohl selber Kardinal, ein ritterlicher Fürst und Herr ist er heute schon, mächtig, hohen Sinnes! Mir schwindelt, denk' ich es aus, daß wir gar mit dem Papst zu Rom könnten in Beziehung kommen!“
„Was kümmert mich der Papst!“
„Sprich nicht so, Salome! Der Herr der ganzen Christenheit, dem Kaiser und Könige sich beugen! O, wenn ich es erleben könnte!“
„Was wollt Ihr erleben?“ fragte ernannt das Mädchen.
„Lassen wir das! Sprich und erzähle mir lieber: Was sprach der Fürst? Hat er dich im Palast erwartet nach dem Mahle? Ich hoffe, er zeigte sich ritterlich, wie sonst ist seine Art?!“
„Er kam am andern Morgen und — o Gott, das ist es ja, was mich so unglücklich macht und in Zerwürfnis brachte mit dem guten Vater!“
Die Muhme geriet in Aufregung, ihre Neugierde war aufs höchste gestiegen, Frau Alt rutschte so nahe als nur möglich hin zu Salome und drang auf eine völlige, genaue Beichte.
Dem Mädchen ward es wohliges Bedürfnis, das Herz der teilnehmenden Muhme auszuschütten, eng umschlungen hielten sich die Frauen, und Salome erzählte schluchzend von der Werbung Wolf Dietrichs, von seinen Plänen und Absichten, den Thron zu teilen, das Bürgermädchen zur Fürstin zu erheben.
„O diese Ehre!“ stammelte in maßloser Überraschung die Muhme.
„Der Vater nennt es eine Schande und droht mit seinem Fluch!“
„Das faß' ich nicht!“
„Unschlüssig bin ich, nicht mächtig meines Empfindens! Der Vater ist empört, der Fürst als Erzbischof könne gar nicht heiraten, sei gebunden an die Kirche und ans Cölibat! Der Papst selbst könne da kein Machtwort sprechen, die Erlaubnis nicht erteilen!“
„Der Papst kann alles und ein Fürst sehr viel! Im Erzstift giebt es genug der Geistlichen, die sich ein Weib genommen und dennoch giltig ihres Amtes walten! Was den Kleinen erlaubt ist, kann dem Obersten nicht verwehrt bleiben! Und Wolf Dietrich gar, der ist Manns und mächtig genug, seinen eignen Weg zu gehen, der fragt nicht viel und thut nach eignem Willen! Fürstin! Die Welt hat solche Wahl und Ehr' noch nicht gesehen! Daß ich das noch erlebe, diese Auszeichnung! Du hast doch dankbar eingewilligt? O, das soll eine fürnehme Hochzeit werden! Traun, mir wird heiß im Kopf, ich die Bürgermeisterin verwandt mit Salzburgs Fürstin! Bersten werden die Weiber vor Neid! Sprich, Salome, was hast du dem Fürsten gesagt auf seine Werbung?“
„Ich weiß ja selbst nicht, wie mir ist! Bedenkzeit erbat ich, als der Fürst mich freigegeben, mich heimkehren ließ, ins väterliche Haus!“
„Hast du mit dem Vater alles schon besprochen?“
„Er will von solchem Hohn und Spott nichts weiter hören, niemals will er einwilligen und statt des Segens wird er geben seinen Fluch! O, wie bin ich unglücklich! Doch lieber sag' ich ‚nein‘ und weise des Fürsten Werbung ab! Es kann kein Segen sein, so der Vater flucht!“
„Nur keine Übereilung, Kind! Laß' nur mich mit dem Schwaher reden! Ich treibe ihm die schlimmen Gedanken schon aus und setze ihm die Sache klar ins richtige Licht! Auf jedem Fall laß du aber dem Fürsten wissen, daß du seine Werbung annimmst in Dankbarkeit und schuldiger Ehrfurcht, verbanden?!“
„Ich bin mir nicht klar, ist's Liebe! Ich bin dem Fürsten gut, doch fühl' ich kein Stürmen und Drängen im Herzen!“
„Das braucht es auch gar nicht! Du wirst Fürstin, das ist nach meiner Meinung die Hauptsache. Meine Nichte Salzburgs Fürstin! Wie stolz das klingt! Die Sache wird gemacht, ich, die Bürgermeisterin werde diese Angelegenheit durchführen, und ich dulde keinen Widerspruch. Bin ich mit meinem Manne fertig geworden, zwing' ich auch den störrischen Schwaher! Ich will verwandt werden mit dem Fürsten! Also gehorchst du, süßes Täubchen, mir, und befolgst meine Anordnungen.“
„Ja, gute Muhme! Wenn es nur einen guten Ausgang nimmt! Ich fürchte mich vor dem gestrengen Vater!“
Zum Abschied versprach Frau Alt mit dem Schwager ein ernstes Wort zu reden. Über die Werbung sollte jedoch einstweilen tiefes Schweigen beobachtet werden, damit die spätere, plötzliche Verlobung um so stärker auf Salzburgs Frauen wirken könne und müsse.
Bald nach dem Weggang der Muhme ließ Herr Alt der Tochter sagen, daß er den Abend auswärts verbringen und demgemäß nicht zu Tisch kommen werde. Salome fühlte es nur zu deutlich heraus, daß der Vater absichtlich das eigene Kind meidet, und bitter empfand dies das Mädchen.
Wenn sich die Bürgermeisterin noch niemals in ihren Erwartungen und Berechnungen betrogen sah, die Ansprache mit dem Schwager brachte statt des erhofften Sieges eine grimmige Niederlage, die eine verzweifelte Ähnlichkeit mit einem Hausverweis hatte. Wilhelm Alt verbat sich jede wie immer geartete Einmischung in seine Familienverhältnisse, nannte die Schwägerin schlankweg eine gewissenlose Kupplerin, die so rasch als möglich die Thüre von außen zumachen und niemals wiederkehren möge. Tief beleidigt, rachedürstend rauschte die Muhme aus dem Hause des Kaufherrn, und in den nächsten Stunden wußten Salzburgs Bürgerkreise bereits von der ehrenvollen Werbung Wolf Dietrichs um Salomes Hand. Zugleich ward der Bürgermeister derart bearbeitet, daß er, gegen seinen Willen, der Werbung in seiner Eigenschaft als Ohm zustimmte und damit den Bruder in eine schiefe, durchaus nicht beneidenswerte Lage brachte.
Wilhelm Alt konnte das Getuschel nicht verborgen bleiben; man sprach im Trinkhause von der unglaublichen Kunde, die natürlich mit der Entführung in Zusammenhang gebracht wurde, es fielen Äußerungen, mehr minder verhüllt, die dem ehrlichen, stolzen Kaufherrn das Blut in Wangen und Kopf jagten. Ein Dreinfahren hatte wenig Erfolg, die Spötter und Verleumder leugneten und logen, um sich hinterher erst recht über den nach ihrer Meinung scheinheiligen Verkuppler des eigenen Kindes lustig zu machen und zu berechnen, wieviel der Fürst wohl für den Handel an den Krämer werde bezahlt haben. Im Innersten verletzt, grollend, sich und sein Kind verfluchend zog sich Wilhelm Alt in sein Haus zurück und mied zugleich jeglichen Verkehr mit Salome, die er nun als Urheberin dieser Schande haßte und zu beseitigen trachtete, bevor der verhängnisvolle Schritt einer Allianz mit dem Fürsten zur That werden könne.
Zu diesem Behufe setzte sich Wilhelm Alt mit dem Nonnenkloster auf Frauenchiemsee in Verbindung, das gegen Entgelt Salome aufnehmen und später einkleiden sollte. Einstweilen jedoch wurde Salome im Vaterhause einer Gefangenen gleich gehalten und schärfstens überwacht, auf daß eine Botschaft weder hereindringen noch hinauskommen konnte. An die Rache der Schwägerin dachte Alt nicht weiter, wie ihn ja sein Leben lang Weibergeschwätz kalt gelassen hat.