Celsissimus: Salzburger Roman

Chapter 17

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Im Palais zu Salzburg herrschte demgemäß fieberhafte Thätigkeit und eine gefährliche, überreizte Stimmung, von der sich Wolf Dietrich des Abends zu befreien suchte, indem er Salome und die Kinder im Schloß Altenau aussuchte. Allein, gewohnt mit Salome auch politische Dinge zu besprechen, kam es doch dazu, daß Wolf Dietrich mit der Freundin auch den Salzstreit erörterte und dabei sich zu Äußerungen hinreißen ließ, die Salome in Angst und Schrecken versetzen mußten. Die kluge, weitausschauende Frau erkannte die Gefahr, wenn es zu einem Austrag des Streites mit Waffen kommen sollte, sie warnte in vorsichtig gewählten Worten vor einem Krieg.

An einem Abend war es, daß nach dem Imbiß Wolf Dietrich mit Salome im Park von Altenau spazieren ging. Der Fürst war erregt schon ins Schloß gekommen, hatte während des Mahles fast kein Wort für die sonst liebevoll behandelten Kinder und hob die Tafel früh auf. Nun Wolf Dietrich an der Seite Salomens promenierte, wagte die Freundin es, zu fragen, ob schlimme Nachrichten eingetroffen seien, die dem gnädigen Herrn die Ruhe und den Frieden rauben.

Aufbrausend, mit den Händen gestikulierend, rief der Fürst: „Ob schlimm, ich weiß es nicht zu deuten! Der Anhaltiner schickt mir neue Botschaft, will etzlich Fähnlein mir gewähren, so ich dem leidig Streit ein Ende mache und die Propstei dem Bayer nehme.“

Erschreckt fiel Salome ein: „Thut das nicht, gnädiger Herr, um aller Heiligen Willen nicht! Es würd' zum Unglück nur für uns!“

„Was hast du zu befürchten? Gerüstet hab' ich in aller Stille, befestigt die Grenzen gegen Bayern, das Maß ist voll und unerträglich geworden der Streit. Habe ich Berchtesgaden, die Propstei sehnt seit langem sich nach Inkorporierung mit dem Erzstift, ist aus der Salzstreit, und der Herzog mag um Gnade bitten!“

„O, gnädiger Herr! Verbannet solch' gefährlichen Gedanken! Nimmer wird der Herzog solchen Streich hinnehmen, wird anrücken mit großer Macht und rächen solche That!“

„Pah! So schnell wird Kriegsvolk er nicht auf die Füße bringen! Ich habe gut an tausend Mann bereit zum Einmarsch in die Propstei, gehuldigt kann sein, ehe der Herzog nur ein Roß von München in Bewegung setzt!“

„Großer Gott! Verbannt den unglückseligen Gedanken aus Eurer Brust! Zu klein ist Salzburgs Macht, weit reicht des Herzogs Arm, Tilly ist sein Feldherr und stark sein Kriegsvolk!“

„Was schert mich der grünseidne Marschall! Hab' ich die Propstei als Faustpfand, kann dekretieren ich den Frieden, und die Union steht mir bei!“

„Traut dieser nicht, Herr und Gebieter! Sie will im Trüben fischen, Salzburgs Erzstift auf ihre Seite bringen und pochen dann darauf, daß abfällt das Stift von Rom!“

Wolf Dietrich stutzte, hielt an den Schritt, blickte Salome ins Auge, und sprach: „Davon kann nie die Rede sein, den Glauben werde niemals ich wechseln!“

„Nur darauf zielt das Streben der Union, glaubt mir, mein gnädiger Herr!“

„Was weiß ein Weib von solchen Dingen! Die Hilfe nehm' ich, zahle die Fähnlein, und basta! Der Union sonstige Aspirationen kümmern mich nichts!“

„Verzeiht ein Wort: Denkt an Rom! Widersacher hat das Erzstift genug, verdächtigt ist geschwind und rasch kann fällen Rom ein Urteil....“

„Ich frag' auch um Rom nicht viel! Hat Rom mir je im Streit geholfen? Steht der Nuntius nicht allzeit bei dem frumben Max? Sollen aus München machen ein neues Rom und die Häuser pfropfen mit Jesuiten, ich will's nicht hindern! Doch hier auf stiftischem Boden gebeut ich, und mein Land wird nimmer bayerisch!“

„O, sprecht mit Lamberg erst, mein gnädiger Herr! Auch Lodron kennt die vielverschlungenen Pfade Münchens! Hört diese Herren, Fürst!“

„Ich bin müde dieses ständigen Gezettels! Das Faustpfand nehm' ich, Obrist Ehrgott ist derselben Meinung!“

In höchster Bestürzung vollführte Salome einen Kniefall vor dem Fürsten und rief mit flehend erhobenen Händen: „Höret nimmer auf Soldatenwort! Denkt an die Kinder, die Heimat und das Vaterhaus verlieren, so anrückt der ergrimmte Bayer!“

„Du siehst zu schwarz in deiner ängstlich Sorge!“ sprach mild der Fürst und hob Salome zu sich empor. „Die treulich Mutterliebe spricht aus dir, die Sorge macht dir alle Ehre! Doch bleibe du in deinem Heim, betreue mir die Kleinen, halte gut mir Haus, indessen ich den Bayer zwinge!“

Einen letzten Versuch der Umstimmung wagend, erwiderte Salome: „Könnte verwiesen werden bemeldter Streit nicht an ein Schiedsgericht der deutschen Fürsten?“

„Wohl, ein guter Gedanke! Aber erst, wenn ich das Faustpfand habe, und das soll Ehrgott und Hauptmann Auer holen mir sobald als möglich!“

Seufzend ergab sich Salome ins Unvermeidliche und begleitete den kriegslustig gewordenen Gebieter ins Schloß. Bald darauf verließ Wolf Dietrich Altenau und begab sich in sein Palais, wo Obrist Ehrgott und Hauptmann Auer auftragsgemäß bereits des Fürsten harrten.

Zum erstenmal unter der Regierung Wolf Dietrichs betraten sein Arbeitsgemach Kriegsleute zu einer Beratung. Der Talar hat dem militärischen Kleide weichen müssen.

Der Fürst fand Gefallen an der neuen Art einer Beratung mit den Offizieren, die stumm zuhörten und zum Schlusse in knappen Worten gelobten, den hochfürstlichen Befehl getreu zu vollziehen. Das klang anders, ergebungsvoller, gehorsamer als die höflichen, doch immer etwas ärgerlichen Erwägungen, Einwände, und Befürchtungen der Kammerräte und Domherren.

Einen Augenblick gedachte Wolf Dietrich der Landstände, die er seit langen Jahren nimmer berufen und gefragt, und ein ironisches Lächeln huschte über des Fürsten Lippen. Zu den Offizieren gewendet, resumierte der Erzbischof: „Also nochmals: Keine Gewalt, aber Abnahme jeglicher Waffen im Gebiet der Propstei. Die Brücke bei Reichenhall wird bis spätestens morgen abend abgebrochen; der neue Weg von Berchtesgaden nach Bayern wird unbrauchbar gemacht, tragt ihn ab, verrammelt ihn. Kein waffenfähiger Mann darf das Gebiet von Berchtesgaden verlassen. Aufstand wird niedergeworfen. Soviel für die nächste Zeit! Weitere Befehle erfolgen nach eingeschicktem Bericht! Ihr marschieret noch in heutiger Nacht mit tausend Mann Musketieren und Pikenieren nach Berchtesgaden ab! Gott befohlen!“

Die Offiziere verbeugten sich, gelobten getreulich Erfüllung des Befehles und verließen sogleich die Residenz.

Schon am zweiten Tage nach dem in der Nacht zum 8. Oktober 1611 erfolgten Einmarsch der salzburgischen Militärmacht wurde dem Fürsten der Bericht des Obristen Ehrgott eingehändigt, eine kurze Meldung, daß der fürstliche Befehl aufs genaueste und ohne Blutvergießen vollzogen, die Propstei also in Händen Salzburgs sei. Dem Bericht war die Anfrage beigefügt, ob der Obrist das Volk von Berchtesgaden und die bayerischen Verwaltungsbeamten zur Erbhuldigung auf Salzburgs Fürsten zwingen solle.

Lange blieb Wolf Dietrichs Feuerauge auf diesen Zeilen gerichtet, eine bängliche Stimmung erfaßte den Fürsten, eine Scheu vor solcher Gewaltthat. Eine erzwungene Erbhuldigung müßte den Herzog maßlos erbittern, die Reichsstände rebellisch machen. Davor scheute nun Wolf Dietrich doch zurück; aber ärgern möchte er den Nachbar, ärgern bis schier zum Zerplatzen. Und in dieser Absicht erinnerte sich der Erzbischof, der bei aller ihm eigenen Genialität und Verstandesschärfe den Herzog Maximilian gründlich verkannte und ganz irrig beurteilte, der Worte Salomens betreffend Überweisung des Salzstreites an ein Schiedsgericht.

Der Stiftskanzler Dr. Kurz wurde zum Fürsten citiert und mußte an den Herzog schreiben, daß Celsissimus Wolf Dietrich, Fürst und Erzbischof von Salzburg, Primas von Deutschland und Hochfürstliche Gnaden einwillige in ein Schiedsgericht, so dasselbe gebildet werde aus den durch den Salzstreit beeinträchtigten Reichsständen.

Als dieses gefährliche Schreiben abgegangen, erzählte Wolf Dietrich im Hochgefühle, durch den beißenden Spott den bayerischen Gegner grimmig geärgert zu haben, seinem Freunde Lamberg davon in einer Stunde trauter Zwiesprache und rieb sich vergnügt die Hände.

Graf Lamberg aber zeigte eine geradezu bestürzte Miene und ernst klangen seine Worte, als er sprach: „Hochfürstliche Gnaden, das war, submissest sag' ich das in treuer Ergebenheit, ein schlimmer Brief, der den Herzog schwer kränken, zu einer Gewaltthat reizen muß!“

Wolf Dietrich fuhr auf: „Soll er! So viel Kriegsmacht wie der Bayer hab' ich auch, und mein Ehrgott wird ihn zu schlagen wissen!“

„Gnädiger Herr! Zum Kriegführen gehört vor allem Geld, und zu viel hat das Passauer Kriegsvolk bereits gekostet! Irre ich nicht, verschlang die Truppe in der langen Waffenzeit unter Waffen reichlich 200000 Gulden!“

„Das ist richtig! Soll eben das Kapitel diesmal helfen!“

Lamberg, der die feindselige Stimmung des Domkapitels gegen den Erzbischof nur zu gut kannte und daher wußte, daß das Kapitel nicht einen Gulden für den leichtsinnig heraufbeschworenen Konflikt mit Bayern bewilligen werde, wollte dies dem Fürsten nicht direkt sagen, immerhin aber versuchen, Wolf Dietrich über die furchtbare Gefahr die Augen zu öffnen. So deutete denn Lamberg an, daß Herzog Max sich wegen Bruchs der Reichskonstitutionen und des Landfriedens an den Kaiser werde wenden.

Der Erzbischof lachte hellauf, spöttisch erwiderte er dann: „Da kommt der Bayer just an den Rechten! Ein Kaiser ohne Land, krank, verbittert, ein Spielball in den Händen seiner geliebten Jesuiten, der wird froh sein, wenn man ihn lasset unbehelligt.“

„Es besteht auch die Möglichkeit, daß Herzog Max sich nach Speyer an das Reichskammergericht wendet!“

Wieder lachte Wolf Dietrich: „Dann kann der Bayer warten bis zum jüngsten Tag; früher bekommt er von Speyer keinen Bescheid!“

„Hochfürstliche Gnaden glauben also, daß der Herzog sich die Wegnahme Berchtesgadens wird ruhig gefallen lassen?“

„Ob ruhig oder nicht, das Faktum ist geschaffen, und ich gebe das Faustpfand nicht früher heraus, bis der Bayer um gut Wetter bittet, meine Bedingungen erfüllet Punkt für Punkt!“

Tiefernst blickte Lamberg den Fürsten an und traurig sprach er: „Dann, Hochfürstliche Gnaden, ist meine Mission als treuer Rat beendet. Ich sehe nur ein Ende mit Schrecken, keine Rettung für das Erzstift, das der Herzog wird mit Krieg überziehen und —“

„Und?“

„Erlaßt mir das harte Wort, gnädiger Herr!“

„Ein echter Freund muß auch ein solches Wort offen sagen!“

„Ich kann es nicht bringen über die Lippen. Wollen Hochfürstliche Gnaden nur selbst ein wenig in sich gehen, die logische Konsequenz aus einem Kriege Bayerns gegen Salzburg zu ziehen, ist nimmer schwer....“

„Du krächzest Unheil, Rabe! Mein Freund ist Er gewesen, so er des Bayers Sieg wünschet über das Erzstift!“

„Gott behüte mich in meinen innersten Gedanken! Wie kann in Treuen der Unterthan wünschen den Sturz des geliebten Fürsten!“

Wolf Dietrich erblaßte, er zitterte am ganzen Leibe, bebend klangen seine Worte: „Du glaubst — an meinen — Sturz?!“

„Ich fürchte solches Ende! Der Salzkrieg kann nimmer anders enden! In letzter Stunde steh' ich zu Euch, gnädiger Fürst und Herr! Ich beschwöre Euch als stets erprobter treuer Freund: Widerrufet den unglückseligen Brief, gebet nach! Denkt an Salome, an die Kinder! Verliert Ihr den Thron, das Erzstift, ist alles verloren! Des Bayers Rache wird sein unerbittlich, sie wird verfolgen Salome, die Kinder, wird sie zu Bettlern machen, verfemt, verstoßen! Und Rom verläßt Euch, so der Bayer siegt! Glaubt meinen Worten, gnädiger Herr! Ich beschwöre Euch in dieser letzten Stunde!“

„Genug! Ich durchschaue dich, wie längst mißtraute ich auch dem Kapitel! Blasse Angst ist's, schnöde Furcht, daß kosten könnte der Krieg dem Kapitel blanke Batzen! Abhalten wollt Ihr mich, den Bayer zu lehren Mores! Renitenz war immer wahrzunehmen, Trug und Falschheit im Talar! Doch noch bin ich der Herr und ich gebiete! Ich zwinge das Kapitel, wie ich noch jeden Feind bezwungen! Mit Gewalt werf' ich Euch nieder und den Bayer!“

Lamberg beugte das Knie vor dem Fürsten und rief: „Nehmt mein Leben, Herr, zerschmettert mich, doch eh' der letzte Atem mir entflieht, hört das letzte Wort: Gebt nach! Es wird Unheil für Euch!“

Schrill klang es von Wolf Dietrichs zuckenden Lippen: „Ich trotz' allen! Fürst und Herr bin und bleib' ich! Mich schreckt kein Gewinsel! Weib und Kinder werd' ich zu schützen wissen! An dich ein letztes Wort: Bring' den Kriegsschatz mir vom Domkapitel! Das sei die Probe, ob echt ist deine Freundschaft!“

Todesbleich erhob sich Lamberg, schmerzverzerrt waren seine Züge, er zitterte, in abgerufenen Sätzen erwiderte der schwergekränkte Freund: „Mein Hab' und Gut, was ich erspart und sonst mein eigen nenne, es ist Euer, gnädiger Herr, verfüget darüber bis zum letzten Heller! — Dem Kapitel werd' ich melden des Fürsten Begehr! Ich fürchte....“

„Ich weiß genug! Feig und hinterlistig sind sie alle, Verräter!“

Ein gebieterischer Wink des erzürnten Fürsten, und Lamberg wankte aus dem Gemach. Trotz erlittener Kränkung und Schmach wollte der treue Freund nach Möglichkeit dem Gebieter beistehen, Lamberg suchte die beiden Lodron, den Domdechant v. Weittingen, die Kanoniker Törring, Wolkenstein und Freyberg auf, er flehte Kuenburg, Schrattenbach und Welsberg an, dem Fürsten die Hilfe zu gewähren, allein das Kapitel war dem harten Gebieter zu sehr abgeneigt, verbittert, niemand wollte aus Kapitelfonds Mittel zu einem leichtfertig vom Zaune gebrochenen Krieg bewilligen. Das hatte der weitausblickende Graf Lamberg im voraus gewußt, dennoch schmerzte es ihn bitter, den Herrn verlassen zu sehen in der Stunde der Gefahr und Not. Einen Schritt noch wollte der treue Freund unternehmen: Salome warnen, ihr rechtzeitige Flucht unter Mitnahme ihres Eigentums anraten, die fürstlichen Kinder in Sicherheit bringen. So eilte denn Lamberg in das Schloß Altenau und ließ sich bei der Fürstin melden. Allein da Wolf Dietrich bei seiner Familie weilte, wurde der Warner nicht angenommen, der vergrämte Fürst ließ Lamberg im Namen Salomes wissen, daß zu einem Empfang kein Anlaß vorliege.

„Jacta est alea!“ flüsterte der treue Freund und kehrte über die Salzachbrücke in die innere Stadt zurück.

Wolf Dietrich ließ mobilisieren; von Salzburgs Bürgerschaft wurden 400 Mann bewehrt, im ganzen Stiftsland wurden waffenfähige Leute ausgehoben und bewehrt an verschiedene Posten verteilt, so 100 Mann nach Mattsee, 100 längs der bayerischen Grenze, etlich 100 nach Laufen, 170 nach Tittmoning, etlich 100 auf Rauschenberg, ebenso viel nach Lofer und Glanegg u.s.w. Die Vorstadt Mühlen bekam 800 Mann Besatzung, der Mönchsberg 300, der Nonnberg 200, die Thore, welche die Zufahrt zur Salzachbrücke schützten, wurden mit 600 Mann bewehrt, die Schranne mit 100 Mann, die Traidkästen mit 700 Mann belegt.

Inmitten dieses kriegerischen Getriebes fühlte sich Wolf Dietrich, der in seiner Verblendung den kriegserfahrenen Herzog Max gänzlich unterschätzte, nicht nur sicher, er ward geradezu übermütig, als ihm gemeldet wurde, daß insgesamt 13000 Mann Bürger, Bauer und Kriegsvolk zu seinem Schutz in Waffen ständen. So harrte der Fürst eines Angriffes von Bayern her, doch kam weiter nichts als ein Schreiben des Herzogs, und zwar nicht mehr an den Fürsten, sondern an das Domkapitel. Herzog Max mochte wohl über die im Kapitel herrschende Stimmung unterrichtet gewesen sein, daß er nun eine Auseinandersetzung mit den Kapitularen und Kanonikern anstrebte, bevor die Waffen sprechen sollten.

Eine Kapitelsitzung fand sogleich statt und ergab das Resultat, daß Dompropst Anton Graf Lodron beauftragt wurde, das herzogliche Schreiben dem Erzbischof zu überreichen, um jeglichen Schein einer Falschheit zu beseitigen.

Brüsk empfing Wolf Dietrich den Propst und fragte sogleich, ob das Kapitel bereit sei, dem Fürsten Hilfe zu gewähren.

Graf Lodron erwiderte: „Gewiß ist das Kapitel bereit, den gnädigen Herrn und Fürsten zu unterstützen!“

„Wie? Also doch?! Lamberg hat mich des Gegenteils versichert!“

„Hochfürstliche Gnaden wollen recht verstehen: das Kapitel bietet seine Hilfe an zum schriftlichen Austrag der Streitsache auf Grund des eingelaufenen herzoglichen Schreibens, das zu überreichen ich vom Kapitel beauftragt bin!“

Zornerfüllt, ergrimmt über solche Enttäuschung rief Wolf Dietrich: „Vom Kapitel brauch' ich zum Kriege Geld! Eure Weisheit könnt für Euch selbst behalten Ihr! Und ahnden werd' ich, daß hinter meinem Rücken wird verhandelt! Das Kapitel hat, so gebiet' ich, der Fürst und Herr, sich aller weiteren Verhandlungen zu entschlagen! Ich habe mir nimmer von den alten Domherren Vorschriften machen lassen, erst recht nicht von dem jungen Nachwuchs! Das ist meine Antwort auf Euer falsch Gethue!“

Würdevoll legte Graf Lodron das herzogliche Schreiben auf den Tisch des Fürsten, verbeugte sich, sprach ernst und bedeutungsvoll: „Ich habe im Namen des Kapitels gesprochen, dessen Hilfe in bemeldter Sache angeboten. Das weitere zu befinden, wird das Kapitel nicht müßig sein.“ Der Dompropst erwies dem Erzbischof alle gebührenden fürstlichen Ehren und ging.

Wolf Dietrich konnte im stillen Gemach seine Wut austoben lassen. Zum Abend ward er ruhiger und konzipierte selbst die Antwort für das Kapitel auf das bayerische Schreiben, in welchem Max den Nachweis für die Widerrechtlichkeit der vom Fürsten vorgenommenen Schritte darzulegen bemüht war.

Dieses Konzept überbrachte am nächsten Morgen der Untermarschall des Erzbischofs Thomas Perger, der Kanzler Dr. Kurz nebst dem Vizekanzler, Licentiat Gruber, dem Kapitel, und in einer ad hoc einberufenen Sitzung gab der Kanzler die Erklärung des Fürsten ab, daß der Erzbischof das Kapitel wie das Erzstift gegen alle Feinde genugsam zu schützen wissen werde. Das fürstliche Konzept wurde verlesen und verworfen. Man entließ die Sendboten Wolf Dietrichs mit dem Bescheide, daß das Kapitel es besser erachte, die Antwort an den Herzog von Bayern selbst abzufassen.

Ein feierlicher Moment folgte, als die Herren sich entfernt hatten, sämtliche Kapitelherren schwuren auf das Evangelium, einander in dieser Gefahr treu und fest beizustehen. Dann wurde beschlossen, schriftlich den Herzog von Bayern zu ersuchen, daß er die Gelegenheit benutzen möge, um das Erzstift vom Untergang zu retten. Ein Kammerbote mußte auf flinkem Roß dieses Schriftstück nach Burghausen bringen, wo der Herzog weilte und seine Kriegsmacht zusammenzog.

Der trübe Oktobertag neigte zur Rüste, da verbreitete sich mit Windeseile in der Stadt Salzburg die Schreckenskunde, daß Herzog Max Mühldorf bereits eingenommen, sich dort habe huldigen lassen, und nun in Eilmärschen mit 20000 Mann gegen Laufen rücke. Ein allgemeiner Wirrwarr entstand in Salzburg, ein Schrecken, der die Leute das ärgste befürchten ließ, so daß Begüterte zur Flucht sich rüsteten und viele Bürger Miene machten, die Waffen wegzuwerfen.

Die Alarmkunde drang auch in die Residenz und erschreckte Wolf Dietrich so sehr, daß er um seinen Weihbischof Claudius schickte und inzwischen in fliegender Hast einen Brief entwarf, worin er den Herzog um Frieden bat, ohne jedoch Zugeständnisse von Belang zu geben. Mit diesem Briefe mußte der Weihbischof eiligst dem Herzog entgegenfahren. Nach dessen Abreise ward der Fürst wieder ruhiger, und am nächsten Morgen dachte er an keine Gefahr mehr, von der Überzeugung durchdrungen, daß der Brief seine Wirkung thun, den Herzog zur Umkehr veranlagen werde.

Um 9 Uhr morgens erschien das Kapitel in der Residenz und ließ feierlich um Audienz bitten, die sofort gewährt wurde. Der Fürst zeigte sich aber ungnädig und befahl, es mögen sich die Herren kurz fassen.

Domdechant v. Weittingen nahm das Wort, führte aus, daß das Kapitel den Frieden selbst betreiben möchte, weshalb Hochfürstliche Gnaden erlauben möge, daß vier Kapitulare zum Herzog reisen dürfen.

Barsch rief der Erzbischof: „Nein, das erlaube ich nimmer! Das Kapitel versteht von bemeldter Sache nichts und hat kein Interesse daran! Ich bin nicht gesonnen, dem Herzog das Holz zum Sieden zu geben, so lange nicht, bis ich ein ander Wasser trinke! Dabei bleibt es, und die Herren mögen sich nach Hause begeben!“

Steif verneigten sich die Kapitelherren, eisig kühl entfernten sie sich.

Diese Ruhe imponierte Wolf Dietrich ungleich mehr, als wenn die Kapitulare stürmischen Protest erhoben hätten. Sie schüchterte den Fürsten geradezu ein, und in seiner Angst ließ er den eben heimgeschickten Domdechant Bitten, schleunigst in die Residenz zu kommen.

Weittingen gehorchte sofort und erstaunte nicht wenig, als Wolf Dietrich ihn bat, zum Herzog zu reisen und über den Frieden zu verhandeln, zu welchem Zweck der Fürst dem Dechant eine Legitimation einhändigte.

Kaum war Weittingen fort, ließ der Erzbischof den Kapitular von Freyberg holen, klagte diesem seine Beängstigung und bat ihn, ebenfalls zum Herzog zu reisen und den Frieden zu betreiben.

Noch am selben Abend erhielt Wolf Dietrich ein Schreiben des Erzherzogs Ferdinand von Innerösterreich, worin dieser, der auf Bayern eifersüchtig war, seine Vermittlung beim Kaiser anbot. Hoffend, daß dadurch der Anmarsch gehemmt werden könnte, schickte Wolf Dietrich auch dieses Schreiben des Erzherzogs an Maximilian.

Boten flogen hin und her, Herzog Max hatte, bevor die Salzburger Gesandtschaft bei ihm eingetroffen war, ein Schreiben an Wolf Dietrich geschickt mit der Aufforderung, den status quo herzustellen binnen zwei Tagen, worauf die Feindseligkeiten beendet werden würden.

Demütig schrieb Wolf Dietrich wieder zurück, es möge kein unschuldiges, katholisches Blut vergossen und ein zehntägiger Waffenstillstand bewilligt werden, während dessen die beiderseitigen Gesandten über die Friedensbedingungen verhandeln sollten.

Inzwischen waren aber die Gesandten in Burghausen eingetroffen und vom Herzog empfangen worden.

Zur größten Überraschung Maximilians forderten die Domherren aber nicht Frieden um jeden Preis, sie baten, es möge der Herzog den Urheber des Streites, den Erzbischof vom Erzstift beseitigen.

Im Flug überdachte Maximilian alle Kränkungen und Schädigungen, die Wolf Dietrich ihm erwiesen, der Herzog erkannte, daß mit diesem Ansinnen des Kapitels ein hohes Ziel, Salzburg selbst für Bayern zu gewinnen sei. Allzeit vorsichtig, gab der Herzog nicht sofort Bescheid, ließ die salzburgischen Gesandten reich bewirten und vertröstete sie auf den nächsten Tag.

Mit seinen Räten besprach sich der Herzog schier die Nacht hindurch, und alles ward sorglich erwogen. Was gegen Wolf Dietrich vorliegt, fand genaueste Kritik, den Ausschlag gaben die wohlerfaßten Worte der Kapitelsgesandtschaft von „schweren Praktiken zu höchstem Nachteil des Erzstiftes“, Worte, die der herzogliche Kanzler dahin übersetzte, daß Wolf Dietrich den Übertritt zum Protestantismus und die Säkularisation des Erzstiftes beabsichtige.

Herzog Max erinnerte sich sogleich der aufgefangenen Briefe des Fürsten Christian von Anhalt an Wolf Dietrich mit Andeutungen, daß der bevorstehende Tod des Kaisers die beste Gelegenheit gäbe, die Union mit bewaffneter Hand auszubreiten.

Daß in einem Kriege der Union gegen die Liga der Salzburger nicht auf Seite der letzteren stehen würde, konnte für Herzog Max keinem Zweifel unterliegen.

So endete die lange Sitzung mit dem Beschluß, auf den Vorschlag des Salzburger Kapitels einzugehen, Wolf Dietrich aus dem Erzstift zu verjagen.

Am Morgen erhielten die Gesandten aber nur den vorsichtigen Bescheid, es beharre der Herzog auf seinen Forderungen: Herstellung des status quo ante, Leistung einer Kaution, auf daß der Fürst nicht zu Bayerns Nachteil mit anderen in Verhandlungen wegen des Salzwesens trete, und Entscheid binnen zwei Tagen.

Die Kapitulare kehrten nach Salzburg zurück und meldeten dem Erzbischof die Bedingungen des Herzogs. Wolf Dietrich lachte darob und spottete: Mit dem Dutzend Feldstücke werde der Bayer wohl keine Salzburger Berge einschießen.

Von ihrem Vorschlag zu einer Okkupation Salzburgs und Absetzung des Erzbischofs durch Herzog Max sagten die Kapitulare nichts und zogen sich zurück.