Chapter 10
Dem alten Schlosse Kaprun, das den Ausgang des herbschönen Kapruner Tauernthales beherrscht und einen entzückenden Blick auf die Fluren und Berge Pinzgaus bietet, so ritt der greise Pfleger Kaspar Vogel von Zell auf einem derbknochigen Pinzgauer Rosse langsam, nachdenklich, wie betrübt. Der seit reichlich dreißig Jahren den salzburgischen Landesfürsten und Erzbischöfen dienende Beamte genoß bei der Bevölkerung der Bergwelt des Pinzgaues großes Vertrauen, und auch zu Salzburg wußten höhere fürstliche Beamte den pflichttreuen Pfleger zu schätzen. Bei Hof kannte man den greisen Kaspar Vogel allerdings nicht, denn der Zeller Pfleger kam oft jahrelang nicht in die Bischofstadt, und wenn er je in dringlichen Amtsgeschäften nach Salzburg mußte, so ward der Dienst immer schnell erledigt und sogleich die Heimreise angetreten. Der würdige Greis fühlte sich in Salzburgs engen Gassen und Mauern nicht wohl, er war zu sehr an die Bergwelt gewöhnt und nahm willig alle Entbehrungen hin, die ein ständiger Aufenthalt im Pinzgau mit sich bringt. Weib und Kinder hätten wohl manchmal Luft verspürt, all' die märchenhaft gepriesenen Hoffeste zu Salzburg zu sehen, doch der alte Pfleger litt dergleichen Ausflüge nicht und erklärte, daß ein Humpen guten Weines viel schöner und zuträglicher sei, als salzburgisches Possenspiel. Ohne ein veritabler Trinker zu sein, hielt Vogel viel auf ein vollgeaicht Viertel Weines, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Mancher Ritt in Amtsangelegenheiten tief hinein in unwirtliche Thäler zu Einödbauern brachte ohnehin Abbruch am gewohnten Weingenuß, und solche Entbehrung that dem alten Pfleger weher denn etwa die körperlichen Strapazen.
Warm schien die Sonne an diesem Junitage herab, als Kaspar Vogel auf seinem Braunen ins Kapruner Thal einbog. Der erste Blick galt dem alten Gemäuer der Burg, dann aber sah der Pfleger aufmerksam zum Dorfe Kaprun hinüber, und beim Anblick einer größeren Menge von Bergbauern flüsterte Vogel: „Dacht' ich's doch! Also auch die Kapruner stehen auf wie die Mittersiller! Es wird ein Kreuz werden mit dieser Steuer!“
Entschlossen wohl wie immer die Pflicht zu erfüllen, ritt der greise Pfleger nun in lebhafterer Gangart dem Schlosse zu, wo Amtstag abgehalten werden sollte. Sein Erscheinen mußte bemerkt worden sein, denn die Bauern begannen zu laufen, der Haufen Leute bewegte sich schreiend dem Schlosse zu, das die Bauern gleichzeitig mit dem Reiter erreichten.
Vogel rief den ungeduldigen Bauern zu: „Nur Zeit lassen, Männer! Alles hat seine Zeit! Laßt mich nur mein Roß versorgen, und mir gönnt einen Schluck vorher!“
Ein stämmiger älterer Gebirgler, Namens Rieder, trat vor, nahm den Hut ab und erwiderte: „Mit Vergunst, Pfleger, wohl wohl! Aber Eil' thut not!“
„Wirst es wohl erwarten können, Rieder!“ gab Vogel zur Antwort und stieg flinker, als man es dem alten Manne zutrauen mochte, vom Pferde. Ein Knecht vom Schlosse kam hinzu und führte den Braunen in den Stall.
Die Bauern wagten in Gegenwart des Pflegers nicht zu lärmen, aber ihre Ungeduld und Erregung gab sich in einem Murmeln kund, das Vogel ganz richtig in Verbindung mit den aufregenden Nachrichten von dem scharfen Vorgehen der fürstlichen Steuerkommission im Lande brachte. Die in ihrer ganzen Existenz schwer bedrohten, aufgerüttelte Leute in Angst und schwerer Sorge nun hinzuhalten, brachte der joviale alte Beamte nicht über das Herz, lieber verzichtet er auf den stärkenden Trunk und nimmt das Anliegen der Bauern vor. Zu dem Rädelsführer gewendet, sprach der Pfleger: „Nun, Rieder, red'! Ich will Euch gleich hier im Burghof hören!“
Die Bauern umringten den Beamten wie ihren Sprecher, Kopf an Kopf standen sie dicht im Kreise. Rieder begann sogleich: „Mit Verlaub! Es ist ein Teufel wie der ander, der Riz wie der Lueger, bei uns herinnen ist's der Riz, der die Bauern schindet und alles aufhocht (d.h. die Abgaben erhöht). So viel wert ist kein Gehöft und kein Grund, wir müssen verderben dabei, selle neu eingeschatzte Steuer können wir nicht erschwingen!“
„So ist es!“ riefen die erregten Bauern.
Und Rieder sprach in großer Beweglichkeit weiter: „Wir müssen supplizieren! Wir begehren einen Brief (eine Verbriefung der alten Rechte) ehnder (bevor) der Riz kommt und der Pfleger muß nun helfen, sonst ist's g'fehlt!“
Tiefernst blickte Vogel, der die Gefahr der Bewegung im Bergvolk genau erkannte, und langsam sprach er: „Wegen dem Supplizieren kann ich Euch nichts sagen. Schon zu Zell sind die Bürgermeister von den Landgemeinden bei mir gewesen und haben gleichfalls um Verbriefung gebeten. Das ist ja ganz in der Ordnung: Wer ein Anliegen hat, soll mit dem Pfleger reden. Ich kann aber, es thut mir selber leid, nichts in der Sache thun.“
Rieder unterbrach den Beamten: „Dann ist's g'fehlt! Wir supplizieren zum Fürsten!“
Vogel erwiderte in seiner bedächtigen Art: „Übereilt nichts! Der Herr Riz wird demnächst schon wegen der Urbarsbeschreibung gegen Mittersill, und wenn er daselbst gerichtet, alsdann in das Gericht Zell kommen. Vielleicht wird es doch nicht so schlimm, als Ihr befürchtet!“
Erregt schrie Rieder: „Wer da noch hofft, verliert die eigene Haut! Kommt der Riz und fängt er zu richten an, ist's g'fehlt und wir sind verloren! Soweit dürfen wir's nicht kommen lassen! Manner, ich hoff', es kommt was drunter, ich hoff', seller Steuerteufel findet den Weg nicht in unser Gericht!“
Besorgt, erschreckt rief der Pfleger: „Leut', seid gescheit! Die Sach' ist gefährlich, sie kann Euch noch mehr als Hab' und Gut kosten! Gerichtet wird überall auf neue Weis', es wird bei uns, im Zeller Gericht keine Ausnahm' gemacht werden können!“
„Ein schlechter Trost! Hilft uns der Pfleger nicht, so helfen wir uns selber! Den Teufel lassen wir gleich gar nicht herein, und mit uns supplizieren noch mehrere Gerichte! Sell' wird der Erzbischof schon dann merken!“
Nochmals mahnte Vogel: „Nehmt Vernunft an, Leute! Ich rat' Euch nicht dazu, Ihr werdet schlechten Bescheid bekommen! Wie die Sachen liegen, wird die Supplikation für Rebellion angesehen, Ihr für rebellisch gehalten werden!“
„Sell' sollen sie halten, wie sie wollen! Wir vom Volk haben ein Recht, den Landesherrn um Genade zu bitten, und selles Recht darf uns der Steuerteufel nicht verkümmern!“
In seiner Sorge rief Vogel, ohne viel zu überlegen: „So reicht das Gesuch ein, aber in aller Demut! Der Fürst verträgt kein ander Wort!“
Die Bauern drangen nun in den Pfleger, auf daß er ihnen ein solches Gesuch aufsetze, und Rieder versicherte auf das bestimmteste, daß noch andere Gerichte sich zum Anschluß an die Zeller Bittschrift bereit erklärt hätten.
Der Pfleger verlor die Ruhe, ihm schwante Unheil, da er die Auffassung der Hofkammer wie der Steuerkommission aus dem schriftlichen Verkehr sehr wohl kannte und wußte, wie schlimm die kleinste Weigerung, der leiseste Versuch einer Renitenz schon kriminell beahndet zu werden pflegte. In seiner Bestürzung rief Vogel den rabiaten Bauern zu: „Ich will Euch wohl helfen, Ihr dürft aber nichts sagen, daß ich euch zur demütigen Supplikation geraten!“
Aus der Menge gröhlte ein besonders Unzufriedener: „Selle Demut nutzt uns nixen und die Supplikatur auch nixen! Hauen wir selle Kommission durchs Landl außi, sie vergißt aftn (hernach) schon das Wiederkommen!“
Dieser Meinung schienen noch mehr Bauern zu sein, die den Hetzer lebhaft akklamierten und brüllten: „Z'ammhauen, totschlagen die Bauernschinder!“
Vergeblich suchte der Pfleger mit seiner Stimme im Gewirr durchzudringen und zu beruhigen. Die Mehrzahl tobte und zeterte, ja es fielen Worte, die sogar den alten, ehrlichen Beamten verdächtigten der Mitschuld an der Bauernvernichtung und des Einverständnisses mit der Steuerkommission.
Rieder forderte Ruhe, und den Moment eintretender Stille benützte Pfleger Vogel, um mit tiefbewegter Stimme zu rufen: „Habt Ihr das Vertrauen zum alten Pfleger verloren, der Euren Vätern schon Freund und Helfer gewesen, gut, schlagt mich nur gleich nieder! Der trete vor und steh' Aug' in Aug' zu mir, der mich unehrlich nennen kann! Als Pfleger muß ich Ordnung schaffen und halten, der Fürst und Erzbischof ist mein Herr, seiner Regierung Befehle muß ich, der Pfleger, vollziehen. Bis zu dieser Stund' bin ich dabei doch der Freund und Helfer der Bauern gewesen! So weh mir ist, der Kommission kann und darf ich mich nicht widersetzen, und die Bauern auch nicht! Der Fürst hat befohlen, er ist unser Herr!“
Rieder schrie dazwischen: „Der kann auch zum Teufel gejagt werden! Ein geldgieriger Verschwender ist er, der Wölfen Dieter! Derweil er mit Weibern das Geld verjubelt, müssen wir verhungern!“
„Schlagt ihn tot! Nieder mit der ganzen Bande!“ gröhlten die Rabiaten.
In tiefster Betrübnis ließ Vogel das weißhaarige Haupt sinken; steht es so weit, dann ist an offener Rebellion nicht mehr zu zweifeln. Wehe dem Volk, wenn die Kommission von solcher Stimmung und dem Hasse Kenntnis erhält.
Die wilderregten Bauern begannen abzuziehen, gröhlend schritten sie durch den Burghof den Weg zum Dorf hinab. Nur Rieder blieb noch einen Augenblick beim Pfleger stehen und fragte, wenn er die Schrift haben könne.
Wehmütig sprach Vogel: „Das nützt nun alles nichts mehr! Der Stein ist im Rollen, das Unglück nimmt seinen Lauf!“
„So steht Ihr um in der Stunde der größten Gefahr? Das sollt Ihr büßen, Pfleger! Gehen wir zu Grund, Ihr müßt mit! Aber erst sollen die Teufeln Pinzgauer Fäuste kennen lernen!“
Und weg schritt Rieder, der sonst besonnene Mann, schimpfend und fluchend.
Ächzend vor Weh und Sorge trat Vogel ins Schloß und nahm in dem Gemach, das er auf Dienstreisen stets bewohnte, Aufenthalt.
Lange sann der Pfleger nach, was in dieser schlimmen, gefährlichen Zeit zu thun sei. Daß der am Leben schwer bedrohten Kommission eine Warnung vor dem Betreten des Zeller Gerichtes zugemittelt werden müsse, erachtete Vogel als notwendig, doch ist auch solche Warnung gefährlich, weil möglicherweise die Kommissionsherren sie falsch auffassen könnten, gewissermaßen als Mittel zur Abschreckung, andernteils aber ein Bote von den Rebellen aufgefangen werden könnte, was dem Pfleger wie dem Boten das Leben kosten kann.
Je mehr der treue Beamte nachdachte, desto mehr reifte der Entschluß, das Wagnis selbst zu vollbringen, zur Kommission, die mutmaßlich in Tagesrittnähe sein dürfte, zu eilen und den Rat Riz zu warnen. Vogel nahm schnell einen Schluck Weines und ließ den Braunen satteln. Von einer Amtshandlung nach altem Brauch kann keine Rede mehr sein, die Bauern hören ja nicht mehr auf die Behörde, jegliche Autorität ist vernichtet, die Rebellion herrscht im Pinzgau.
In der Meinung, die Herren der schwer bedrohten Kommission in Mittersill zu treffen, ritt Vogel am Abend das Salzachthal aufwärts und erreichte diesen Ort zur Nachtzeit. Die gesuchten Herren waren nicht in Mittersill. Am scheuen, mißtrauischen Verhalten konnte der greise Beamte erkennen, daß der Geist des Aufruhrs auch hier schon um sich gegriffen hat.
Vogel übernachtete im Schloß zu Mittersill und ritt am nächsten Vormittag wieder nach Kaprun, in dessen Burg er zu seiner größten Überraschung fürstliche Landsknechte unter dem Befehl eines Leutnants Kaiser vorfand.
Kaum aus dem Sattel gestiegen, kündigte der herbeigeholte Offizier dem Pfleger die Verhaftung an, und Vogel ward im altgewohnten Gemach gefangen gesetzt. Aus dem Munde des Offiziers erhielt Vogel die Mitteilung, daß die Kommission vom Aufruhr der Pinzgauer Bauern rechtzeitig Kenntnis bekommen und Hilfe vom Fürsten verlangt habe. An 150 Mann Landsknechte und bewehrte Bürger seien unter Führung des Obersten Walter zu Waltersweil in Eilmärschen über Werfen in den Pinzgau gerückt. Der Leutnant habe in Bruck den Befehl zur Sistierung des Zeller Pflegers erhalten und unterwegs von dessen Aufenthalt im Schloß Kaprun erfahren. Weitere Auskunft wußte der Offizier nicht zu geben, auch nicht zu sagen, weshalb die Verhaftung erfolgt sei und wie lange die Haft dauern werde.
Sorge wegen seines Schicksals empfand der Pfleger nicht, aber der Gedanke an die Bauern und ihr Geschick unter den Händen der Soldateska erfüllte ihn mit Angst.
In Zell am See, dem stillen Ort, sollte sich das Drama der Bauernrebellion und des Einschreitens bewaffneter Macht abspielen.
Obrist Waltersweil hatte vom erbitterten Fürsten den Befehl zur rücksichtslosen Niederwerfung der Rebellion empfangen, und der Soldatenführer ging dementsprechend vor. Trabanten und Landsknechte begannen eine Menschenjagd und fingen die flüchtigen Bauern gleich Hunden ein. Ein Befehl des Obristen zitierte die gesamte männliche Bevölkerung auf den Marktplatz vor dem Pfleggericht in Zell, wohin alle Männer, so sie nicht freiwillig erschienen, zwangsweise geschleppt und von der Soldateska dicht umringt wurden. Ein Entweichen machte der Wald von Spießen im Kreise zur Unmöglichkeit. Der Obrist zu Roß hielt an die eingefangene Rebellenmenge eine grimmige Anrede, hielt den Bauern ihr schändlich Verhalten vor und kündigte schwere Strafe an Leib und Leben an, so die Leute nicht allsogleich dem gnädigen Fürsten Treu und Glauben schwören und unterm Eid geloben, fortan ihres unbefugten Vorhabens abzustehen, gehorsam die auferlegten Steuern zu bezahlen und jegliche Wehr und Waffen abzuliefern, wasmaßen schon der Besitz von Waffen mit fünfzig Gulden pro Kopf gepönt werde. Wer im Geheimb offenbare, daß ein anderer ein Wehr und Waffe verhalte, dem solle eine Belohnung von achtzig Gulden versprochen sein.
In der Angst vor der Hinrichtung durch das Schwert leistete Mann für Mann der gefangenen Bauern den verlangten Eid, die neue Huldigung erfolgte unter solchem militärischen Zwang, worauf der Obrist befahl, die Bauernkerle und unverbesserlichen Rebellen mit Stricken zu binden und nach Salzburg zur Aburteilung zu treiben.
Schreie der Angst, der Wut ertönten; Weiber, Mütter und Töchter zeterten. Rücksichtslos trieben die Spießknechte das Volk von dannen.
Die Bauern wurden gefesselt und truppweise, ohne Verpflegung, auf der Straße über Werfen, Hallein nach Salzburg transportiert.
Wer von Salzburgs Bevölkerung diese kriegsmäßige Exkursion mitgemacht, hatte pro Mann drei Gulden bar und ganze Verpflegung bekommen. Die Waffen mußten nach erfolgter Heimkehr wieder an das fürstliche Zeughaus abgeliefert werden.
Die Rebellen wurden in der Veste interniert und alsdann prozessiert. Der größte Teil wurde wieder entlassen, nur sieben der Rädelsführer blieben für lange Zeit im Gefängnis, drei der obersten Rebellen fanden den Tod durch das Schwert.
Nach Kaprun war der Befehl ergangen, es solle der Pfleger Vogel sich auf Ehrenwort in Salzburg zur Vernehmung stellen. Demgemäß ließ der Leutnant seinen Häftling frei, der sogleich gehorsam in die Hauptstadt sich begab und beim Vizekanzler meldete. Nach drei Tagen erfolgte die zwangsweise Überführung Vogels durch den Profoßen und zwei Schützen in die Festung Hohensalzburg.
Die weiteren Erlebnisse des Pflegers Vogel schildert dieser selbst in einem teilweise erhalten gebliebenen Tagebuche[10] folgendermaßen:
„Mittwoch, Donnerstag und Freitag, 28. 29. 30. Juni, auch Samstag 1. Juli ist besonderes nichts vorgekommen.
Am Sonntag nach Petri und Pauli den 2. Juli sind die ins Gebürg Verordnete sammt den Gefangenen zu Morgens um 9 Uhr auf dem Schlosse ankommen.
Am Donnerstag den 13. Juli bin ich und die andern Gefangenen examinirt worden und ich bin des Abends da ich vorher 16 Tage im Caplan-Zimmer zu brachte, das bei Tag nicht versperrt gewesen, ins Hausperger-Zimmer geschafft worden. Gott schicke es bald zur Erledigung.
Ist an dato 16. Juli der 25. Tag, daß ich von zu hause fort bin, darunter im Schlosse gefangen 19 Tage, habe außer des letzten alle Tage 1 Viertel Wein gehabt, thuet 18 Viertel. Montag 17. Juli leider 1 Viertel, 18. detto mehr 1 Viertel, 19. keinen Wein, 20. 1 Maß Wein, 21. 1 Halbe, 22. Juli 1 Maß Wein, 23. detto 1 Maß Wein, ist die Flaschen nicht viel mehr als halbvoll Wein gewest. Donnerstag 27. Juli 1 Maß Wein, diesen Tag ist auf Befehl Ihrer hochfürstl. Gnaden durch die Herren Commissarii mir anzeigt worden, daß Ihr hochfürstl. Gnaden genügsamen Bericht habe, daß ich nicht allein der Unterthanen Vorhaben durch den Guthundt erinnert worden, sondern den Unterthanen zum Suppliciren selbst gerathen: Sie müßten nur mehr Gerichte an sich ziehen, sonst würde es kein Ansehen haben. Ihre hochfürstl. Gnaden hätten Ursach auf voriges Verläugnen der Schärfe nach zu verfahren. Und dann Gott behüthe einen jeden frommen Menschen. Se. Gnaden wollen aber meines Alters verschonen, solle demnach, wie es sich Alles verloffen und was mir dieser Sachen halber bewußt sei, selbst beschreiben und die Wahrheit anzeigen, solches den Herrn Commissären zustellen, sei die Gnade noch unverschlossen, wo nicht, so wollen mich Ihr hochfürstl. Gnaden mein Leben lang auf dem Schloß sitzen lassen und meinen Kindern Gerhaben[11] verordnen. Ich solle gegen die Unterthanen vermeldet haben, sie sollen nicht sagen, daß ich Ihnen gerathen, da ich nichts gestehen würde. Also ist Ihrer hochfürstl. Gnaden Bericht.
Freitag den 28. Juli keinen Wein. Samstag 29. Juli 1 Maß Wein, Sonntag 30. detto 1 Viertel Wein, bisher gefangen 33 Tage. Gott schicke es zum Ende.
Mittwoch 9. August l Maß. An diesem Tage den Herrn Commissarien meine Schrift überschickt. Ist diese Nacht, da ich doch zuvor das Wenigste nichts gehört, in meinem Zimmer ungestüm gewesen, hat einen ungewöhnlichen Fall bei meinem Bett gethan, Gott verleihe mir Gnade.
Am Donnerstag ist St. Lorenztag den 10. August 1 Viertel.
Freitag 1 Maß. An diesem Tag haben mir die Herren Commissarii aus Ihr hochfürstl. Gnaden Zimmer Bethschnüre[12] heruntergeschickt, welche ich Ihnen den 12. dieses wieder zurückstellen lassen.
Freitag 18. dieses 1 Maß, fast betrübt. Mein Pathe, der Jacob Riedl schickt mir 2 Viertel Wein. Sonntag den 20. dieses keinen Wein.
Montag 21. dieses keinen Wein, ist die Schwalbe, so hinvor zwei Sitz im Zimmer gehabt, ausblieben.
Freitag 1 Maß Muskateller und gute Vertröstung baldiger Erledigung. Gott schicke es, daß mit Glück erfolge.
Sonntag den 27. dieses 1 Viertel, ist meine Schwalbe wieder ausgeblieben.
Donnerstag 31. August bin ich abermals examinirt worden.
Kann mich nicht erinnern, daß ich die Unterthanen zum Suppliciren angewiesen und angelernt, wie sie es sollen angreifen oder wegen meiner Urbargüter gethan haben sollen.
22 September 1 Maß Wein. Gott erbarme sich und wende meine Betrübniß. Des Abends bin ich in den Thurm gelegt worden, O Herr Gott hilf mir bald mit Glück wieder daraus.
(Es folgen Tag für Tag Notizen über erhaltenen Wein und Branntwein.)
Donnerstag 12. October 1 Maß Wein, Keuchen[13] ausgekehrt.
Montag 23., Dienstag den 24. October 1 Maß, diese beiden Tage bei der Strenge examinirt, habe bekannt, daß ich nicht allein der Unterthanen Suppliciren längst zeitlich gewußt, dessen durch den Carl Rieder, Guthundt und andere, die mir abgefallen, bericht worden, sondern Ihnen darzu gerathen und daß sie andere Gericht, damit sie nicht für Aufwiegler gehalten worden, an sich nehmen sollen. Mittwoch in einem Krug Meth, als 1 Maß Wein. Mehr ein Maß Muskateller. Eodem die habe ich meine gestrige Aussag gethan, so mir wieder vorgehalten worden, unterschrieben.
Donnerstag den 26. dieses 1/2 Mäßl Branntwein, sonst keinen Wein. Freitag 1 Viertel Wein. Eodem die bin ich im Zimmer auf etliche, ich hatte ohngefehr fünfundzwanzig, Artikel der angelegten Steuer und Urbarsbeschreibung examinirt worden.
Sonntag 29. October 1/4 Wein, bin nun 38 1/2 Tage am Thurme gelegen und diesen Tag hat man mich in ein Stübel im Pfaffenthurm gethan, Gott verleihe bald glückselige Erledigung.
Dienstag den 31. October bin ich mehr vor den
Herren Commissären gewesen und was ich den 22. und 24. October ausgesagt, unterschrieben.
Samstag den 4. November, diese Nacht ist der Hosprofoß im Zimmer gelegen.
Dienstag den 7. November, daran ich das Hochwürdige Sacrament empfangen.“
Des Pflegers Tagebuch endet mit diesem Tage. Wie dem Gefangenen zu Mut gewesen, wie scharf er die Situation durch das Erscheinen des Hosprofoßen und dessen Nächtigung im gleichen Zimmer erfaßte, geht aus den erhalten gebliebenen Abschiedsbriefen in erschütternder Weise hervor.
„Herr Ehinger.
Freundlicher herzlieber Vater und Frau Mutter lasset Alles fleißig zahlen, man ist euch viel für mich schuldig und danke auch Gott aller Zuthaten. Befehle alle dem lieben Gott, bitte was ich wider euch gethan, durch Gottes Willen um Verzeihung und nehme hiemit herzlich Urlaub.“
„Lieber Herr Schwager Zechentuer, ich nehme hiemit von euch und euerer Hausfrau, meinen Kindern eurem Vater und sonst allen meniglich treulich Urlaub, habe ich was euch oder anderen zuwider gethan, bitte ich durch Gottes Willen um christliche Verzeihung, auch daß ihr euch die Holzwerkssachen und von dannen herrührenden Rechnungen zu meiner Hausfrau und Kinder Besten wollet angelegen, auch in allen mein liebes Weib und Kinder besohlen sein lassen, Gott wird es vergelten, ich muß sterben, ich muß mich dazu richten, Gott verleihe mir ein gnädiges und geduldiges, und wie ich ohne Zweifel hoffe und glaube, am jüngsten Tage mit allen christgläubigen Seelen eine freudenreiche Auferstehung zum ewigen Leben. Amen. Amen. Amen.“
„Bitteres Scheiden von meinen lieben Weib und Kindern, auch eurer Hausfrau, Vater und andere meine liebe Herren und Freunde. Gott ist ein Erkenner aller Menschenherzen, der weiß, ob ich recht oder unrecht um das Leben gebracht werde, freundlicher lieber Herr Schwager Zehentner, mir, dann dem Stefan Guthundt und Hansen Keil ist gestern Abends, jeden absonderlich, daß wir morgen früh mit dem Schwert ohne sonderlich Haltung einiges Rechts in der Stille und Geheimniß hingerichtet werden, verlesen worden. Ach Herr Gott verleihe uns Geduld, ein seliges Ende und das ewige Leben. Amen. Behüthe Gott meniglich vor solcher Gefahr, das ist der Lohn meines schier 40jährigen vielmehr bei Tag und Nacht ausgestandenen Dienst, Gott sei es geklagt, also beschlossen, die Zeit meines Lebens ist kurz, bin ich guter Hoffnung, es werde mir Niemand mit Grund nichts Unehrbares oder Unredliches nachreden können, wollet mich defendiren, noch einmal durch Gottes Willen bittend für mein liebes Weib und Kinder werdet die Belohnung bei Gott finden. Actum 7. November, bis auf welche Zeit ich 19 Wochen in großen Banden und Bekümmerniß gefangen gewesen und 2 Uhr Nachmittags ist meine letzte Schrift, will sterben wie ein frommer Christ, es kann oder mag nich anders sein. Nehmet von mir meniglich Urlaub, wider wenn ich gethan, bittet, daß mir dieselben verzeihen, ich verzeihe auch meniglich hier im Leben und nach meinem Tode.“
Das Ungeheuerliche geschah, der greise Pfleger Kaspar Vogel ward in aller Stille durch das Schwert hingerichtet. Sein Geständnis, den Bauern eine demütige Bittschrift um Steuernachlaß angeraten zu haben, ward von den Kommissären schon als crimen angesehen, das sich todeswürdig erwies, da erhärtet wurde, daß der Ratschlag Vogels gelautet habe, es solle das Gericht Zell zugleich mit anderen Gerichtssprengeln zum Landesfürsten supplizieren.
Dieses auf so schwachen Füßen stehende Urteil fand die landesherrliche Bestätigung. Wolf Dietrich wollte der Steuer-Rebellion im Gebirge ein gewaltsam rasches Ende bereiten und ein Exempel statuieren, das die Gemüter für immer im Bann halten solle.
Die blutige Bestrafung des Aufstandes rief Entrüstung und Wut hervor, zugleich aber auch Furcht vor dem unbeugsamen Fürsten, es ward im ganzen Lande still.