Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards
Part 7
Den Freund hast du in einem ausführlichen Brief getröstet und hast ihm deine eigenen Mühsale erzählt, damit er die seinigen vergesse. Während du aber ihn mit der ausführlichen Schilderung deiner Leiden zu trösten suchtest, hast du uns jeder Hoffnung beraubt; während du _seine_ Wunden zu heilen dich bestrebtest, hast du uns neue schmerzliche Wunden geschlagen und die alten noch vertieft. Heile nun, ich bitte dich, wo du selber verletzt hast, der du, was andre verübt haben, gut zu machen bestrebt bist. Deinem Freund und Genossen hast du Genüge gethan und hast ihm den Zoll der Freundschaft und Brüderlichkeit entrichtet: uns gegenüber jedoch bist du noch mehr verpflichtet; denn wir dürfen uns nicht bloß deine Freundinnen, sondern deine Herzensvertrauten, nicht deine Genossinnen, vielmehr deine Töchter nennen, oder wenn es einen anderen Namen giebt, noch süßer, noch heiliger: uns kommt er zu. Wie sehr du aber unser Schuldner bist, dafür braucht es keine Beweise, keine Zeugen; hier ist ein Zweifel nicht möglich, und wenn alle schweigen, die Sache selbst redet laut und deutlich. Du allein bist, nächst Gott, der Gründer dieses Klosters, du allein der Erbauer dieses Oratoriums, du und nur du der Stifter dieser heiligen Gemeinschaft. Nicht auf fremden Grund hast du gebaut. Deine Schöpfung ist alles, was hier ist. Wildnis war ringsumher, nur wilden Tieren oder Räubern eine Zuflucht gewährend; nirgends eine menschliche Wohnung, kein Haus weit und breit. Unter den Lagerstätten des Wildes, bei den Höhlen der Räuber, wo selbst der Name Gottes unbekannt war, hast du das göttliche Tabernakel aufgerichtet und einen Tempel dem heiligen Geist geweiht. Nicht hast du zum Bau desselben Könige und Fürsten um ihre Schätze angegangen, obwohl du sie in reicher Fülle hättest haben können; vielmehr alles was geschah, wolltest du dir allein verdanken. Geistliche und Schüler, die um die Wette hier zusammenströmten, um deinen Unterricht zu genießen, thaten die nötige Handreichung. Leute, die selber auf Kosten der Kirche ihren Unterhalt fristeten, die nicht ans Schenken denken konnten, sondern nur aufs Empfangen angewiesen waren, und welche die Hand nicht zum Geben, sondern nur zum Nehmen offen hatten: die waren jetzt mit Leistungen zur Hand und waren verschwenderisch damit.
Dein also, ja wirklich dein eigen ist diese neue gottgeweihte Pflanzung und das Wachstum ihrer zarten Sprossen erheischt reichliche Bewässerung. Schon infolge der zarten Natur ihres Geschlechts ist es ja eine schwache Pflanzung; sie wäre nicht stark, auch wenn sie nicht so jung wäre. Darum hat sie sorgfältige und vielfache Pflege nötig nach jenem Wort des Apostels: »Ich habe gepflanzt, Apollo hat begossen, aber Gott hat das Gedeihen gegeben.« Gepflanzt hatte der Apostel und im Glauben begründet durch Lehre und Predigt die Korinther, denen er schrieb. Begossen hatte sie später des Apostels Schüler Apollo mit frommen Mahnungen, und also wurde ihnen durch die göttliche Gnade Wachstum in aller Tugend geschenkt. Den fremden Weinstock, den du nicht gepflanzt und dessen Süßigkeit sich dir in Bitternis verwandelt hat, suchst du vergeblich mit Mahnung und frommer Zurede zu erbauen. Denke doch an deine eigene Pflanzung, der du auf die fremde so viel Sorgfalt verwendest. Du lehrst und mahnst die Empörer und richtest nichts aus. Vergeblich wirfst du die Perlen des göttlichen Worts vor die Säue. Der du für Widerspenstige also viel übrig hast, vergiß nicht, was du denen schuldig bist, die dir gerne gehorchen. Deinen Widersachern schenkst du so reichlich, o gedenke auch deiner Töchter! Um von den Schwestern zu schweigen: wäge selbst die Schuld ab, die du mir gegenüber einzulösen hast, und was du den frommen Frauen allen zusammen schuldest, das entrichte um so gewissenhafter der einen, die ganz und gar dein ist. Die zahlreichen, ausführlichen Schriften der heiligen Väter zur Belehrung, Mahnung und Tröstung frommer Frauen, und die Liebe, mit welcher dieselben geschrieben wurden, sind deinem hohen Wissen besser bekannt als meinem geringen Gedächtnis. Darum hat es mich nicht wenig befremdet, daß du das von dir begonnene Werk unsrer gottgeweihten Lebensgestaltung sobald wieder vergessen konntest. Nicht Gottesfurcht, nicht Liebe zu uns, nicht das Beispiel der heiligen Väter konnte dich bewegen, selber zu mir zu kommen, mich zu trösten oder doch durch Briefe mein unruhiges Herz aufzurichten, das sich in seinem alten Gram verzehrt.
Und doch, du weißt es wohl, daß du mir vor andern verpflichtet bist; ist es doch das heilige Band der Ehe, das uns verbunden hält, und mein Schuldner bist du um so mehr, als ich dich allezeit -- wer weiß es nicht? -- mit grenzenloser Liebe umfaßt habe. Du weißt es, Geliebter, und die Welt weiß es, was ich in dir verloren habe, und wie jene allgemein bekannte verräterische Schandthat mich so vernichtend getroffen hat wie dich, und daß mich die Art und Weise des Verlustes unendlich tiefer schmerzt als das Unglück selbst. Aber wo viel Grund zum Schmerz vorhanden ist, da müssen auch stärkere Trostmittel angewandt werden. Aber nicht fremden Trostes begehr' ich, sondern du allein, der du meines Leidens Grund bist, du allein magst mich nun auch trösten. Du allein kannst mich elend machen, du nur mein Herz erfreuen und mich trösten. Und du allein hast auch die Pflicht es zu thun; war ich doch allezeit deinem Willen so blind ergeben, daß ich auf ein Wort von dir mich selbst vernichtet hätte, denn dir zuwider zu handeln, war mir unmöglich.
Aber noch mehr widerfuhr mir, noch Seltsameres; meine Liebe selbst wurde zum Wahnsinn, also daß sie selber auf das, was sie einzig begehrte, verzichtete ohne Hoffnung, es je wieder zu erlangen. Dies geschah damals, als ich deinem Willen gehorsam zugleich mit dem Gewand auch mein Herz zu ändern unternahm, um dir zu zeigen, daß du allein Herr meines Leibes und meiner Seele seist. Nichts habe ich je bei dir gesucht -- Gott weiß es -- als dich selbst; dich nur begehrt' ich, nicht das, was dein war. Kein Ehebündnis, keine Morgengabe hab ich erwartet; nicht meine Lust und meinen Willen suchte ich zu befriedigen, sondern den deinen, das weißt du wohl. Mag dir der Name »Gattin« heiliger und ehrbarer scheinen, mir klang es allzeit reizender, deine »Geliebte« zu heißen; oder gar -- verarg es mir nicht -- deine »Buhle«, deine »Dirne«. Je tiefer ich mich um deinetwillen erniedrigte, desto mehr wollte ich dadurch Gnade vor deinen Augen finden, und um so weniger dachte ich auf diese Weise deinem glänzenden Rufe zu schaden. Und du selbst sprichst in jenem Trostbrief an deinen Freund von dieser meiner Gesinnung. Du hast es nicht verschmäht, einige der Gründe anzuführen, mit denen ich versuchte, dir den unseligen Gedanken an ein Ehebündnis auszureden; allein du hast diejenigen fast alle unerwähnt gelassen, die mich bestimmten, die Liebe der Ehe, die Freiheit dem Zwang vorzuziehen. Gott ist mein Zeuge: wollte mich heute der Kaiser, der Herr der Welt, der Ehre seines Ehebetts würdigen und mich für immer über die ganze Welt gebieten lassen: für süßer und würdiger achtete ich's, deine Buhle zu heißen als seine Kaiserin. Denn der Wert eines Menschen richtet sich ja nicht nach seinem Reichtum und seiner Macht, diese sind Zufall, jener ist Verdienst. Die muß sich ja selbst für eine feile Person halten, die einen Mann seines Goldes wegen einem Armen vorzieht und weniger den Mann selber begehrt als das, was er hat. Gewiß, die Frau, die ein solches Gelüste zur Ehe treibt, sollte man bezahlen, nicht lieben. Denn es liegt ja auf der Hand, daß sie nach dem Besitz verlangt, nicht nach dem Mann, und daß sie sich, wenn sie nur Gelegenheit hätte, einem reicheren Mann noch lieber preisgeben würde. Diesen Sinn hat auch eine philosophische Ausführung der berühmten Aspasia, die sie in einem Gespräch mit Xenophon und seiner Gattin bei Äschines, einem Schüler des Sokrates, vorbrachte. Die Philosophin wollte die beiden Gatten miteinander aussöhnen und schloß ihre Beweisführung mit folgenden Worten: »Sobald ihr es dahin gebracht habt, daß es in der ganzen Welt keinen Mann und kein Weib giebt, besser und auserlesener als ihr, werdet ihr sicherlich das zu erlangen suchen, was ihr für das beste haltet: du wirst die beste Frau haben wollen und sie wird mit dem besten Mann verheiratet sein wollen.«
Wahrlich ein verehrungswürdiger und mehr als philosophischer Ausspruch, der aus der Weisheit selbst, nicht bloß aus der Liebe zur Weisheit stammt! Heiliger Irrtum, selige Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist, daß eins das andre für vollkommen hält; da wird das Band der Ehe unverletzt erhalten bleiben nicht durch die Keuschheit des Leibs, sondern durch die Einfalt der Seelen. Aber was bei den andern doch immer nur eine Einbildung ist, das habe ich wirklich und wahrhaftig besessen. Denn was andere Frauen in ihre Männer nur hineinlegen, das habe ich, das hat die ganze Welt von dir nicht bloß geglaubt, sondern sicher gewußt, und so ist denn meine Liebe zu dir um so wahrhaftiger, je mehr der Irrtum von ihr ausgeschlossen ist.
Denn wo ist der König oder der Weise, der dir an Ruhm gleichkäme? In welchem Land, in welcher Stadt, in welchem Dorf war man nicht darauf erpicht, dich zu sehen? Wer, frage ich, beeilte sich nicht, dich zu erblicken, wenn du in der Öffentlichkeit erschienst, und zogst du dich zurück, folgte man dir da nicht nach mit gerecktem Hals und unverwandtem Blick? Sehnte sich nicht jede Frau, jedes Mädchen nach dem Abwesenden? Glühten sie nicht alle für dich, wenn du zugegen warst? Welche Fürstin, welche hohe Dame beneidete mich nicht um meine Freuden, um das Lager meiner Liebe?
Ein Zwiefaches war es vor allem, das dir die Herzen aller Frauen unfehlbar gewann: die Gabe der Dichtung und des Gesanges, die man sonst meines Wissens bei Philosophen nicht findet. Bei ihr erholtest du dich wie bei einem Spiel von den Anstrengungen deiner geistigen Arbeit, und eine ganze Anzahl von Gedichten und Liebesweisen sind von dir noch vorhanden, die um ihres schönen Wortlauts und um ihrer lieblichen Melodie willen oft und viel gesungen deinen Namen in aller Munde lebendig erhielten. Schon die Anmut deiner Weisen machte auch ungebildete Leute mit deinem Namen vertraut. Und das vor allem war der Zauber, mit dem du den Frauen Seufzer der Liebe entlocktest. Die große Mehrzahl dieser Gedichte feierte unsere Liebe und so klang mein Name in kurzem weit hinaus in die Lande und weckte in mancher Frau die Eifersucht. Denn welche Gabe des Körpers und des Geistes zierte nicht deine Jugend? Welche Frau, die mich einst beneidete, würde nicht jetzt, da ich solcher Wonne beraubt bin, durch mein Unglück zum Mitleid gestimmt? Wo ist der Mann, die Frau, und wären sie mir einst noch so feind gewesen, die sich jetzt nicht erweichen ließen durch das natürliche Gefühl des Mitleids mit mir?
Ganz schuldig bin ich, und doch auch, du weißt es, ganz und gar schuldlos. Denn nicht die bloße That für sich, sondern die Gemütsverfassung des Thäters muß man in Betracht ziehen, und ein billiger Richter sieht nicht allein darauf, was geschieht, sondern in welcher Gesinnung etwas geschieht. Welche Gesinnung mich aber dir gegenüber allezeit beseelt, das kannst du allein beurteilen, der du's erfahren hast. Deinem Urteil überlasse ich ruhig alles, deiner Entscheidung füge ich mich in allen Stücken.
Nur das eine sag mir, wenn du kannst: warum du nach meinem Eintritt ins Kloster, der doch nur auf dein Geheiß geschah, mich so ganz vernachlässigt und vergessen hast, daß mir weder die Erquickung des mündlichen Wortes, noch der Trost eines Briefes von deiner Seite zu teil wurde. Warum das? sag an, wenn du kannst, oder ich spreche aus, was ich denke, ja, was jedermann argwöhnt. Ach! Begierde mehr als Freundschaft gesellte dich zu mir, glühende Sinnenlust mehr als Liebe. Nun dahin ist, was du begehrtest, ist auch das Gefühl erloschen, das du einst an den Tag legtest, um dein Ziel zu erreichen. Das, mein Geliebter, ist nicht etwa meine besondere Meinung, sondern alle Welt denkt so.
Wäre es doch nur ein Wahn von mir! Daß es doch eine Rechtfertigung deiner Liebe gäbe, durch die mein Schmerz einigermaßen besänftigt werden könnte! Könnte ich doch Gründe entdecken, dich zu entschuldigen und zugleich mein Elend zu decken!
Höre meine Bitte, ich beschwöre dich! Ihre Erfüllung ist dir ein Geringes und Leichtes. Da ich nun einmal deiner Gegenwart beraubt bin, so laß doch in Worten der Liebe, die dir so reichlich zu Gebote stehen, dein süßes Bild bei mir einkehren! Wie darf ich auf deine Freigebigkeit hoffen, wenn es sich einmal wirklich darum handelt, da du selbst mit deinen Worten geizest. Ich hatte geglaubt, ich hätte mir ein Recht auf deinen Dank erworben, da ich um deinetwillen alles that und bis heute unter deinem Willen stehe. Denn nicht Frömmigkeit, sondern dein Wille allein hat mich in blühender Jugend dem düsteren Klosterleben zugeführt; habe ich dadurch nicht deinen Dank verdient, dann -- das mußt du selbst sagen -- war mein Opfer vergeblich. Denn von Gott versehe ich mich keines Lohns dafür, da nimmermehr aus Liebe zu ihm geschehen ist, was ich gethan.
Da du bei Gott deine Zuflucht suchtest, bin ich dir gefolgt, nein, vorangeeilt bin ich dir. Als dächtest du an Lots Weib, das sich einst rückwärts wandte, hast du erst mich den Schleier nehmen und das Gelübde ablegen lassen, ehe du selbst dich Gott zum Eigentum weihtest. Mit Schmerz und Scham hat es mich erfüllt, ich sage es offen, daß du mir damals weniger zutrautest als dir selbst. Und doch, bei Gott, ich wäre auf dein Wort ohne Zögern dir in die Hölle vorangeeilt oder gefolgt. Mein Herz war ja nicht mehr mein, ich hatte es an dich verloren. Und wenn es jetzt auch bei dir keine Statt mehr findet, dann hat es überhaupt keine Heimat mehr, denn ohne dich mag es nirgendwo sein. Ach, laß es bei dir geborgen sein, ich bitte dich drum. Und wohlgeborgen wird es bei dir sein, wenn es dich gütig findet, wenn du Liebe mit Liebe vergelten willst, Großes mit Kleinem, Opfer mit Worten. Ach, wärst du, Geliebter, meiner Liebe doch nicht so sicher, du würdest dich mehr darum sorgen! Nun, da ich dich so sicher gemacht, muß ich deine Gleichgültigkeit tragen. Ach, denke dran, was ich für dich gethan habe und vergiß nicht, was du mir schuldest. Als ich des Fleisches Lust in deinen Armen genoß, da konnte man zweifeln, ob Liebe oder Lüsternheit mich dazu treibe. Jetzt aber zeigt ja der Ausgang, was für Gefühle mich einstens geleitet haben. Auf alle Freuden habe ich verzichtet, um deinem Willen zu leben. Nichts habe ich mir zurückbehalten, als den Wunsch, ganz und gar nur dir zu gehören.
Darum bedenke, wie ungerecht du an mir handelst, wenn du mir geringeren Dank entrichtest als ich verdiene, oder wenn du überhaupt nichts für mich übrig hast -- zumal da es ja ein Geringes und eine Kleinigkeit für dich ist, was ich verlange. Darum, bei dem Gott, dem du dich zu eigen gegeben, beschwöre ich dich: erfreue mich mit deiner Gegenwart, so gut es geht und laß mir zum Trost wenigstens eine schriftliche Kunde von dir zukommen, damit ich, also gestärkt, mit neuer Freudigkeit dem Dienste Gottes mich weihen möge.
Ach, einstens, da du die Freuden der Welt bei mir suchtest, spartest du deine Briefe nicht, und der Name deiner Heloise, in so manchem Liede gefeiert, war in aller Munde; auf allen Gassen, in jedem Hause erklang er. Wie vielmehr solltest du mich jetzt zur Gottesliebe erwecken, da du mich einst zur Wollust verlocktest!
Bedenke, was du mir schuldest und höre auf meine Bitte. Und so laß mich den langen Brief mit dem kurzen Worte beschließen: Lebe wohl, du mein Ein und Alles!
III. Brief.
Abaelard an Heloise.
(An Heloise, seine geliebte Schwester in Christo -- Abaelard, ihr Bruder im Herrn.)
Daß ich seit unserem Rückzuge aus der Welt zu Gott noch keine Worte des Trostes und der Mahnung an dich geschrieben habe, darfst du nicht meiner Gleichgültigkeit zuschreiben, sondern deiner eigenen Verständigkeit, auf welche ich allezeit große Stücke gehalten habe. Ich dachte nicht, daß du es nötig hättest, da dich die göttliche Gnade mit allem, was not thut, überreichlich ausgestattet hat -- also, daß du selber die Irrenden durch Wort und Beispiel belehren, die Kleinmütigen trösten, furchtsame Seelen aufrichten kannst; und dieses zu thun, bist du ja schon seit jener Zeit gewöhnt, da du noch einer Äbtissin untergeben warst und das Amt einer Priorin bekleidetest. Wenn du jetzt mit derselben Liebe für deine Töchter besorgt bist, wie ehemals für die Schwestern, so wirst du gewiß allen Ansprüchen genügen und einer Belehrung und Mahnung von meiner Seite wird es dann sicher nicht bedürfen. Wenn du aber in deiner Bescheidenheit anderer Meinung bist und auch in religiösen Dingen meine schriftliche Belehrung nötig zu haben glaubst, so teile mir mit, über welchen Gegenstand du belehrt sein willst und ich werde dir antworten, soweit der Herr mir die Kraft dazu schenkt.
Gott aber sei gedankt, der eurem Herzen die Sorge um die schweren und beständigen Gefahren, denen ich ausgesetzt bin, eingeflößt und euch zu Genossinnen meiner Anfechtungen gemacht hat. So wird Gottes Barmherzigkeit mich um eurer Gebete willen beschützen und bald den Satan unter meine Füße treten. Darum beeile ich mich, dir den Psalter zu schicken, den du so dringend verlangtest, liebe Schwester, einst in der Welt mir so teuer und noch viel teurer jetzt in Christo. Aus ihm magst du zur Sühnung meiner vielen schweren Sünden und zur Abwehr der Gefahren, die mir täglich drohen, dem Herrn ein beständiges Gebetsopfer entrichten.
Wie viel aber bei Gott und seinen Heiligen das Gebet der Gläubigen vermag, insbesondere das Gebet von Frauen für solche, die ihnen lieb sind und dasjenige der Gattinnen für ihre Männer, dafür haben wir viel Zeugnisse und Beispiele. Dies hat auch der Apostel im Auge, wenn er uns mahnt, ohne Unterlaß zu beten. Wir lesen, daß der Herr zu Moses sagte: »Laß mich, daß mein Zorn über sie ergrimme.« Und zu Jeremia spricht der Herr: »Du sollst für dies Volk nicht bitten und mir nicht widerstehen.« In diesen Worten gesteht der Herr selbst deutlich zu, daß durch das Gebet der Gerechten seinem Zorn gewissermaßen ein Zügel angelegt werde, damit er nicht in seiner ganzen Schwere über die Sünder komme, wie sie es eigentlich verdienen. Seine Gerechtigkeit treibt ihn unwillkürlich zur Rache, aber die Fürbitte der Frommen stimmt ihn um und nötigt ihn gleichsam gegen seinen Willen, einzuhalten. Und so wird dem, der bittet oder bitten will, gesagt: »Laß mich und widerstehe mir nicht!« Der Herr verbietet also, daß man für den Gottlosen bete. Allein der Fromme legt Fürbitte ein gegen den Willen Gottes, und wirklich erlangt er von ihm, was er bittet, und hebt den Spruch des erzürnten Richters auf. So heißt es denn weiter von Moses: »Und der Herr ließ sich versöhnen und strafte sein Volk nicht, wie er gesagt hatte.« An einer andern Stelle heißt es von den Werken Gottes überhaupt: »Er spricht, so geschieht's.« Hier aber wird erzählt, Gott habe zwar gesagt, daß sein Volk Strafe verdiene, allein durch die Kraft des Gebetes umgestimmt, habe er seine Drohung nicht ausgeführt.
Erkenne daraus, wie groß die Wirkung des Gebets ist, wenn wir so beten, wie wir sollen: hat doch der Prophet selbst durch ein Gebet, das Gott ihm eigentlich verboten hatte, erreicht was er wollte, und hat den Herrn dadurch von seinem Vorhaben abgebracht.
Ein anderer Prophet sagt zu ihm: »Und wenn du erzürnt bist, so gedenke deiner Barmherzigkeit.« Das mögen die Fürsten dieser Welt zu Herzen nehmen und danach thun, die so oft unter dem Vorwand der unbeugsamen Gerechtigkeit mehr eigensinnig als gerecht erfunden werden; die nicht barmherzig sein wollen, weil sie fürchten für schwach gehalten zu werden oder für wortbrüchig, wenn sie einen Befehl, den sie erlassen, abändern, eine unüberlegt getroffene Bestimmung nicht ausführen, womit sie doch nur ihre Worte durch ihre Handlungen verbessern würden. Solche Menschen sind wie Jephtha, der die Thorheit seines Gelübdes noch dadurch steigerte, daß er es erfüllte und sein einziges Kind opferte. Wer aber ein Kind Gottes sein will, der spricht mit dem Psalmisten: »Deine Barmherzigkeit und dein Gericht will ich preisen, o Herr.« -- »Die Barmherzigkeit« -- heißt es in der Schrift -- »rühmet sich wider das Gericht.« Aber wohlgemerkt: die heilige Schrift enthält auch die Drohung: »Es wird ein unbarmherziges Gericht über den gehen, der nicht Barmherzigkeit gethan hat.«
So hat auch der königliche Psalmsänger selber auf die Bitte der Gattin Nabals, des Karmeliten, seinen Eid, den er nach dem Recht geschworen hatte, ihren Mann und sein Haus zu vernichten, aus Mitleid rückgängig gemacht. Er hat also das Flehen über die Gerechtigkeit gestellt, und was der Mann verbrochen hatte, wurde durch die Fürbitte der Frau wieder gutgemacht.
Dies, liebe Schwester, möge dir ein Vorbild und eine sichere Bürgschaft sein: wenn schon das Gebet dieses Weibes bei einem Menschen so viel vermochte, so kannst du daraus sehen, wie viel erst deine Fürbitte für mich bei Gott auszurichten vermag. Gott, der unser Vater ist, liebt ja seine Kinder mehr als David jenes bittende Weib liebte. David war ja wohl fromm und barmherzig; Gott aber ist die Liebe und Barmherzigkeit selber. Und jene Frau, die damals ihre Bitte vorbrachte, gehörte der Welt an und weltlichem Volk, und war nicht, wie du, Gott geweiht durch ein heiliges Gelübde. Und sollte dein eigenes Gebet nicht zum Ziele führen, so wird die heilige Schar der Jungfrauen und Witwen, die um dich ist, gewiß das erlangen, wozu dein Gebet allein nicht ausreicht. Jesus sagt zu seinen Jüngern: »Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen« und weiter: »Wo zwei unter euch eins werden auf Erden, warum es ist, daß sie bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.« Ist hieraus nicht deutlich zu sehen, wie viel das inständige Gebet einer frommen Gemeinschaft bei Gott vermag? Der Apostel sagt: »Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist« -- wie viel dürfen wir dann erst von dem Gebet einer frommen Gemeinde erwarten?
Aus der 38. Homilie des heiligen Gregor weißt du, geliebte Schwester, wie einem Bruder ganz gegen seinen Willen das Gebet der Mitbrüder mächtig geholfen hat. Deiner Klugheit ist wohl bekannt, was dort erzählt wird: wie der Mann schon in den letzten Zügen lag, wie seine arme Seele mit der Todesangst rang, und wie er in seiner Verzweiflung im Lebensüberdruß die Brüder vom Gebet abhalten wollte. Möge dies Beispiel dir und dem Konvent der frommen Schwestern Mut machen, für mich zu beten, auf daß der mich euch am Leben erhalte, durch den, nach dem Zeugnis des Paulus, »die Weiber haben selbst ihre Toten von der Auferstehung wiedergenommen.«