Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards

Part 6

Chapter 63,641 wordsPublic domain

Die Nachbarn des Klosters machten mir lebhafte Vorwürfe, daß ich für die Bedürfnisse der Nonnen nicht in dem Grade besorgt sei, wie ich könnte und müßte, da ich doch in meiner Predigt ein leichtes Mittel dazu habe; daher besuchte ich sie öfters, um ihnen so viel wie möglich behilflich zu sein. Allein auch so entging ich nicht mißgünstigem Gerede und dem, was die reinste Liebe mich zu thun drängte, legte die Schlechtigkeit meiner Neider die gemeinsten Beweggründe unter; ich sei eben noch immer im Banne sinnlichen Verlangens und könne den Verlust der einstigen Geliebten schwer oder überhaupt nicht verschmerzen. Oft mußte ich da an die Klage des heiligen Hieronymus denken, die er in dem Brief an Asella über falsche Freunde erhebt: »Nichts macht man mir zum Vorwurf als mein Geschlecht und auch das nur, seitdem Paula mit mir nach Jerusalem gegangen ist.« Ferner sagte er: »Ehe ich in das Haus der frommen Paula kam, war nur eine Stimme des Lobes über mich in der ganzen Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller würdig, das Amt des höchsten Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber ich gedenke trotz guten und schlechten Geredes durchzudringen zum Himmelreich.« Indem ich mir die Ungerechtigkeit und Verleumdung vorstellte, unter der selbst ein solcher Mann zu leiden hatte, schöpfte ich daraus einen nicht geringen Trost. Ich sagte mir: Wie würde ich schlecht gemacht werden, wenn meine Feinde einen derartigen Verdachtsgrund bei mir ausfindig machen könnten! Nun aber, da Gottes Barmherzigkeit mich von der Möglichkeit solchen Verdachtes befreit hat und mir die Fähigkeit in dieser Hinsicht mich zu vergehen geradezu benommen ist, wie kommt es, daß die Stimme der Verleumdung trotzdem nicht schweigt? Was sollte diese neueste freche Beschuldigung heißen? Der Zustand, in dem ich mich befinde, beseitigt ja doch sonst insgemein jeglichen Argwohn derartiger Ausschreitungen so gründlich, daß wer Frauen in sicherer Aufsicht wissen will, Eunuchen zu diesem Zweck anstellt: so berichtet die heilige Geschichte von Esther und von den anderen Frauen des Ahasverus. Wir lesen auch von jenem vornehmen Schatzmeister der Königin von Candace, daß er ein Eunuch gewesen, zu dessen Bekehrung und Taufe der Apostel Philippus vom Engel des Herrn angewiesen wurde.

Solche Männer standen bei ehrbaren unbescholtenen Frauen von jeher in hohem Ansehen und genossen ihr besonderes Vertrauen, eben weil der Verkehr mit ihnen jeden Verdacht unmöglich machte. Von Origenes, dem größten aller christlichen Philosophen, erzählt die »Kirchengeschichte« im sechsten Buch, er habe selbst Hand an sich gelegt, um bei dem Unterricht der Frauen, dem er sich widmete, von jeder Verdächtigung verschont zu bleiben. Dabei mußte ich mir sagen, daß es die göttliche Barmherzigkeit mit mir noch besser gemeint habe als mit jenem. Denn bei Origenes kann man der Ansicht sein, daß er im Übereifer gehandelt und so ein schweres Verbrechen an sich selbst verübt habe. Mich dagegen ließ Gott, um mich in ähnlicher Weise wie jenen freizumachen, durch fremde Schuld dasselbe erleben; auch die Schmerzen waren bei mir geringer, da mein Geschick mich so rasch und plötzlich ereilte; wurde ich doch im Schlaf überfallen, so daß ich fast nichts von Schmerz empfand, als man Hand an mich legte. Aber wenn damals mein körperlicher Schmerz verhältnismäßig gering war, so leide ich jetzt um so mehr unter der Verleumdung und der Verlust meines Ruhmes quält mich mehr als der Schaden an meinem Körper. Denn so steht geschrieben: »Ein guter Name ist besser als große Schätze Goldes« -- und der heilige Augustin sagt in einer Predigt über Leben und Sitten des Geistlichen: »Wer im Vertrauen auf sein gutes Gewissen keine Rücksicht auf seinen Ruf nimmt, der ist grausam gegen sich selbst.« Und weiter oben: »Wir wollen nicht nur vor Gott, sondern auch vor den Menschen rechtschaffen dastehen. Für uns genügt das Zeugnis unseres Gewissens; aber der andern wegen darf unser guter Name nicht befleckt werden, sondern muß fleckenlos bleiben. Gewissen und Ruf sind zweierlei Dinge: an das eine magst du dich halten, an das andere hält sich dein Nächster.«

Aber würden jene Leute mit ihren bösen Zungen selbst Christum oder seine Glieder, die Propheten und Apostel oder sonst die heiligen Väter, verschont haben, wenn sie in jener Zeit gelebt hätten? besonders wenn sie gesehen hätten, wie diese Männer bei unversehrtem Körper gerade mit Frauen im vertrautesten Umgang standen. Auch der heilige Augustin zeigt in seinem Buch »Vom Werk der Mönche«, wie eben die Frauen die unzertrennlichen Begleiterinnen Christi und der Apostel gewesen, und daß sie ihnen überall folgten, wo sie predigend umherwanderten. »In ihrem Gefolge« -- sagte er -- »befanden sich gläubige Frauen, die mit den Gütern dieser Welt gesegnet waren, und ihnen von ihrem Überfluß Handreichung thaten, damit sie an dem, was zum Unterhalt des Lebens nötig ist, keinen Mangel litten.« Und wer es etwa nicht glauben wollte, daß die Apostel sich die Begleitung von frommen Frauen auf ihren Wanderungen haben gefallen lassen, der mag aus dem Evangelium selbst ersehen, wie sie hierin dem Beispiel des Herrn selber folgten. Es steht nämlich im Evangelium zu lesen: »Und es begab sich danach, daß er reisete durch die Städte und Märkte und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes und die Zwölfe mit ihm. Dazu etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißet, von welcher waren sieben Teufel ausgefahren, und Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers Herodis, und Susanna und viel andere, die ihnen Handreichung thaten von ihrer Habe.« Auch Leo IX. sagt in seiner Erwiderung auf den Brief des Parmenianus »Über das Klosterleben«: »Wir halten durchaus daran fest, daß kein Bischof, Presbyter, Diakon oder Subdiakon unter dem Vorwande der Religion sich der Fürsorge für seine Ehefrau entschlagen darf; und zwar verstehen wir dies so, daß er sie mit Nahrung und Kleidung versorgen, nicht aber geschlechtlichen Umgang mit ihr haben soll.« So haben es auch die heiligen Apostel gehalten, wie denn Paulus sagt: »Haben wir nicht auch Macht, eine Schwester als Weib mit umherzuführen, wie die Brüder des Herrn und Kephas?« Thorheit wäre es zu behaupten, er habe gesagt: »Haben wir nicht auch Macht mit einer Schwester in der Ehe zu leben?« Vielmehr heißt es 'sie mit herumzuführen'. Sie sollten also diese Frauen von dem Ertrag ihrer Predigt unterhalten, ohne doch durch das Band ehelichen Verkehrs vereinigt zu sein.

Jener Pharisäer, welcher von dem Herrn im stillen sagte: »Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn anrühret, denn sie ist eine Sünderin« -- dieser Pharisäer konnte nach menschlichem Urteil viel eher dazu kommen, über Jesus einen schlimmen Verdacht zu fassen, als meine Gegner mir gegenüber Anlaß dazu hatten. Oder wer an die Mutter des Herrn denkt, die dem Jüngling anvertraut wird, und an die Propheten, die so vielfach bei Witwen zu Gaste waren und mit ihnen verkehrten, könnte ja am Ende darin noch viel eher etwas Verdächtiges sehen.

Ja, was hätten meine Neider erst gesagt, wenn sie jenen gefangenen Mönch Malchus, von welchem Hieronymus erzählt, mit seinem Weib unter einem Dach hätten leben sehen. Was hätten sie für ein Geschrei erhoben über eine Sache, von welcher der große Kirchenlehrer mit großer Anerkennung spricht. Nachdem er persönlich sich davon überzeugt hatte, läßt er sich folgendermaßen darüber aus: »Es war da ein hochbetagter Mann, Namens Malchus, in der dortigen Gegend selbst geboren. Eine alte Frau teilte mit ihm seine Wohnung. Beide waren voll religiösen Eifers und wichen nicht von der Schwelle der Kirche; man hätte sie für Zacharias und Elisabeth im Evangelium halten können, nur daß ein Johannes fehlte.« Warum, frage ich, verleumden jene nicht auch die heiligen Väter, von denen wir so häufig lesen oder auch mit eigenen Augen sehen, daß sie Frauenklöster einrichten und sich in den Dienst derselben stellen -- nach dem Beispiel jener sieben ersten Diakonen, welche von den Aposteln an deren eigener Stelle eingesetzt wurden, um für die leiblichen Bedürfnisse der Frauen zu sorgen. Das schwächere Geschlecht ist auf die Hilfe des stärkeren angewiesen. Darum verordnet auch der Apostel, daß der Mann stets des Weibes Haupt sein solle; und des zum Zeichen sollen die Frauen ihr Haupt verhüllt tragen.

Darum bin ich auch nicht wenig erstaunt, daß in den Klöstern diese alten Bräuche längst vergessen sind, sofern man jetzt Äbtissinnen über die Nonnen setzt, wie man für die Mönche Äbte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche, auf ein und dieselbe Regel verpflichtet werden, während diese doch manches enthält, was von Frauen niemals eingehalten werden kann, von den Vorgesetzten so wenig wie von den Untergebenen. Vielfach kann man ja sogar die Beobachtung machen, daß das natürliche Verhältnis sich umgekehrt hat und Äbtissinnen und Nonnen über die Kleriker herrschen, von denen das Volk abhängig ist. Je unumschränkter ein solches Weiberregiment ist, desto leichter bietet sich die Gelegenheit, in den Männern unerlaubte Gelüste zu wecken und sie unter einem drückenden Joch zu halten. Darum sagt auch ein satirischer Dichter mit Recht: »Unerträglicher nichts, als Macht in den Händen des Weibes.«

Nachdem ich mich mit solchen Gedanken des öftern beschäftigt hatte, war ich zu dem Entschluß gekommen, für die Schwestern im Paraklet nach Möglichkeit zu sorgen und mich ihrer anzunehmen; auch, da ihre Verehrung für mich groß war, durch persönliche Anwesenheit bei ihnen aufmunternd zu wirken, und auf diese Weise ihren Bedürfnissen mehr Rechnung zu tragen. Gerade damals hatte ich häufiger und heftiger unter der Verfolgung meiner eigenen Söhne zu leiden als in früheren Zeiten unter derjenigen meiner Brüder; und so flüchtete ich mich aus der Drangsal dieses Sturmes zu den Schwestern wie in einen stillen Hafen, um dort ein wenig Atem zu schöpfen. Bei jenen Frauen gedachte ich einigermaßen im Segen zu wirken, der ich an den Mönchen keine Frucht erlebt hatte. Und je notwendiger meine Wirksamkeit ihrer Schwachheit war, desto segensreicher sollte sie für mich selber werden. Aber der Satan hat mir nicht vergönnt, irgendwo zur Ruhe zu kommen und ein menschenwürdiges Dasein zu führen; sondern der Fluch des Kain lastete auf mir: unstet und flüchtig umherzuirren von Ort zu Ort. Ich bin der Mann, den -- wie ich schon sagte -- »draußen Streit, drinnen Furcht« unablässig quälen, ja, vielmehr beides zugleich innen und außen Streit und Furcht.

Die Angriffe, die ich von meinen Söhnen zu erleiden habe, sind viel gefährlicher und viel zahlreicher als die meiner Feinde. Denn mit meinen Söhnen muß ich fortwährend leben, und habe mich unausgesetzt ihrer Nachstellungen zu erwehren. Wenn mir mein Feind mit Gewalt nach dem Leben steht, so kann ich die Gefahr bemerken, wenn ich außerhalb des Klosters meines Weges ziehe. Aber im Kloster selber bin ich fortwährend gewaltthätigen wie hinterlistigen Angriffen ausgesetzt, und zwar von seiten meiner eigenen Söhne, d. h. der Mönche, die unter meiner, ihres Abtes, väterlicher Obhut stehen. O wie oft suchten sie mich durch Gift aus dem Weg zu schaffen, wie man es dem heiligen Benedikt bereitet hat. Derselbe Grund, der den heiligen Mann veranlaßt hat, seine Söhne zu verlassen, konnte auch mich dazu treiben, seinem Beispiel zu folgen; denn andernfalls setzte ich mich der sicheren Gefahr aus, und meine Verwegenheit konnte man mir eher als Leichtsinn gegen mich selbst und als ein Gottversuchen auslegen, denn als Liebe zu Gott.

Da ich vor derartigen Nachstellungen, die mir von seiten der Mönche täglich drohten, auf der Hut war so gut ich konnte und namentlich Speise und Trank, die ich zu mir nahm, sorgfältig überwachte, so suchten sie mich sogar während des Hochamts am Altar zu vergiften, indem sie mir Gift in den Kelch mischten. Als ich eines Tages nach Nantes ging, um den Grafen in seiner Krankheit zu besuchen und bei einem meiner leiblichen Brüder zu Gaste war, so versuchten sie, mich durch einen Diener aus meinem eigenen Gefolge vergiften zu lassen, in der Meinung, daß ich auf einen Anschlag von dieser Seite nicht gefaßt sein werde. Allein der Himmel fügte es so, daß ich von der Speise, die man mir vorsetzte, nichts anrührte, während ein Klosterbruder, den ich mitgenommen hatte, ahnungslos davon aß und auf der Stelle tot niederfiel, worauf jener Diener, durch sein Gewissen und durch den unleugbaren Sachverhalt erschreckt, die Flucht ergriff. Da sich die Ruchlosigkeit meiner Mönche so schamlos breit machte, so ergriff ich von jetzt an ganz offen meine Vorsichtsmaßregeln so gut ich konnte: ich entfernte mich aus der Abtei und hielt mich mit wenigen Getreuen in kleinen Zellen auf. Hatten jene in Erfahrung gebracht, daß ich irgend wohin gehen müsse, so stellten sie gedungene Mörder auf meinen Weg, um mich auf die Seite zu schaffen.

Während ich in solchen Gefahren schwebte, traf mich auch noch die Hand des Herrn gar schwer: ich stürzte eines Tages vom Pferd und verletzte mich dabei an den Halswirbeln, und dieser unglückliche Sturz machte mir mehr zu schaffen als meine einstige Verletzung.

Von Zeit zu Zeit versuchte ich der unbändigen Zuchtlosigkeit der Mönche durch die Strafe der Exkommunikation entgegenzutreten, und einige von ihnen, die ich am meisten zu fürchten hatte, brachte ich dazu, daß sie mir durch einen feierlichen Eid vor Zeugen versprachen, die Abtei für immer zu räumen und mich in keiner Weise mehr zu beunruhigen. Allein sie brachen ganz offen und in frechster Weise Wort und Eidschwur und erst als Papst Innocenz selber sich der Sache annahm und einen besonderen Legaten deswegen entsandte, brachte man sie dazu, daß sie in Gegenwart des Grafen und der Bischöfe zu dem alten Versprechen und außerdem zu verschiedenen anderen Bedingungen aufs neue sich eidlich verpflichteten. Aber trotz alledem gaben sie noch immer keine Ruhe. Erst vor kurzem noch, als diese Menschen aus dem Kloster vertrieben waren und ich dahin zurückkehrte, um mich den Brüdern anzuvertrauen, die ich weniger fürchten zu müssen glaubte, mußte ich die traurige Erfahrung machen, daß die Zurückgebliebenen noch schlimmer waren als die anderen. Sie griffen allerdings nicht zum Gift, dafür aber bedrohten sie mein Leben mit dem Schwert, so daß ich mich unter dem Schutz eines angesehenen Herrn mit Mühe und Not rettete. Und selbst jetzt noch schwebt diese Gefahr über mir, und Tag für Tag sehe ich das Schwert über meinem Haupt hängen, so daß ich kaum ruhig bei Tische sitzen kann. Es ging mir wie jenem Mann, der die Macht und die Schätze des Tyrannen Dionysius für das höchste Glück der Erde hielt und durch den Anblick eines Schwertes, das an einem Faden über seinem Haupt hing, darüber belehrt wurde, was es mit dem Glück irdischer Macht für eine Bewandtnis habe. Dieselbe Erfahrung muß ich nun tagtäglich machen, der ich vom unscheinbaren Mönch zu der Würde des Abtes emporgestiegen bin und mit der größeren Ehre nur größere Mühsal mir erkoren habe, auf daß ich denen zum warnenden Beispiel dienen möge, die ihr Ehrgeiz nach hohen Dingen zu streben treibt.

Geliebter Bruder in Christo und altbewährter Freund! Was ich dir bis hierher mitgeteilt habe von der Geschichte meiner Leiden, die mich von der Wiege an ohne Aufhören heimgesucht haben, möge genügen, um dich über dein Mißgeschick zu trösten. Wie ich gleich im Anfang sagte, war es meine Absicht, dich zu der Überzeugung zu bringen, daß dein Leiden im Vergleich zu dem meinigen überhaupt nicht nennenswert oder doch erträglich sei. Je mehr es bei näherer Betrachtung an Schwere verliert, desto geduldiger magst du es tragen und dich trösten mit dem Wort, das Christus seinen Gliedern von den Gliedern des Satans vorausgesagt hat: »Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen. So die Welt euch hasset, so wisset, daß sie mich vor euch gehasset hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb.« An einer andern Stelle sagt der Apostel: »Alle, die gottselig leben wollen in Christo, müssen Verfolgung leiden.« Und ferner: »Gedenke ich Menschen zu gefallen? wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht.« Und der Psalmist sagt: »Die den Menschen gefallen, sind zu Schanden geworden, weil Gott sie verworfen hat.« In diesem Sinn sagt auch der heilige Hieronymus, der mir die Leiden der Verleumdung als ein besonderes Erbteil hinterlassen zu haben scheint, in seinem Brief an Nepotianus: »Der Apostel schreibt: wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht -- er hat aufgehört, den Menschen zu gefallen und ist ein Knecht Christi geworden.« Derselbe Kirchenlehrer schreibt an Asella in der Schrift über falsche Freunde: »Ich danke meinem Gott, daß ich würdig bin, von der Welt gehaßt zu werden.« Und an den Mönch Heliodorus: »Du bist sehr im Irrtum, lieber Bruder, wenn du glaubst, daß ein Christ jemals der Verfolgung entgehen werde. Unser Widersacher schleicht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge, und du glaubst an Frieden? Der Feind lauert im Hinterhalt mit den Mächtigen dieser Welt.«

Aus solchen Sprüchen und Beispielen wollen wir Mut schöpfen und das was uns zustößt tragen, je unverdienter es ist, desto mutiger. Wenn unsre Leiden uns nicht zum Verdienst angerechnet werden, so dienen sie doch -- so viel ist sicher -- zu unserer Läuterung. Und weil doch alles nach Gottes Ratschluß sich vollzieht, so kann sich jeder Gläubige in aller Not wenigstens damit trösten, daß Gottes Güte nichts Unrechtes geschehen läßt und daß er selber alles, was der göttlichen Ordnung widerspricht, zu einem guten Ende führt. Darum ist es gut, in jeder Lebenslage zu sprechen: »Dein Wille geschehe.«

Welch kräftiger Trost für die, so Gott lieben, in dem Wort des Apostels: »Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen.« Dies meinte auch der Weiseste der Weisen, wenn er im Buch der Sprüche sagt: »Es wird dem Gerechten kein Leid geschehen, was ihm auch widerfahre.« Damit sagt er deutlich, daß diejenigen vom rechten Pfad abweichen, die sich gegen irgend eine Prüfung auflehnen, von der sie doch wissen, daß Gottes Hand sie ihnen auferlegt. Solche Menschen richten sich nach ihrem eigenen, statt nach Gottes Willen; sie führen wohl das Wort im Munde: »Dein Wille geschehe,« aber die verborgenen Wünsche ihres Herzens stehen damit im Widerspruch, da sie ihren eigenen Willen über den Willen Gottes setzen. -- Lebe wohl!

II. Brief.

Heloise an Abaelard.

(Ihrem Herrn, ja vielmehr Vater; ihrem Gatten, vielmehr Bruder -- seine Magd, nein, seine Tochter; seine Gattin, nein seine Schwester; ihrem Abaelard -- Heloise.)

Der Brief, den Ihr einem Freund zum Trost geschrieben, innig geliebter Mann, ist vor kurzem durch einen Zufall in meine Hände gekommen. Gleich an den ersten Worten erkannte ich Euch und mit wahrer Gier verschlang ich den Brief; steht doch der Schreiber dieser Worte meinem Herzen so nahe! und habe ich ihn selbst gleich für immer verloren, so sollten doch seine Worte, aus denen sein teures Bild mich ansah, mein Herz erquicken.

Freilich, ich weiß, deine Worte waren voll Galle und Wermut, da du, mein Einziger, die traurige Geschichte unserer Bekehrung und deine endlosen Leiden erzähltest. In der That: du hast gehalten, was du dem Freund im Anfang des Briefes versprochen: er konnte wirklich seine eigenen Beschwerden, wenn er sie mit den deinigen verglich, für nichts oder doch für gering ansehen. Du schilderst die Verfolgungen, die du von seiten deiner Lehrer zu erdulden hattest und die ruchlose Schandthat, die man an deinem Leibe verübt hat, endlich die verabscheuungswürdige Mißgunst und Gehässigkeit deiner eigenen Mitschüler, des Alberich von Reims und Lotulfs, des Lombarden. Du erzählst das traurige Schicksal, das infolge ihrer Verleumdung dein ruhmvolles theologisches Werk ereilte, und wie du selbst zur Kerkerhaft verurteilt wurdest. Alsdann kommst du an die Erzählung von der Tücke deines Abtes und deiner falschen Brüder und von dem schweren Schaden, den dir jene beiden Lügenapostel zufügten, aufgehetzt von den oben genannten Nebenbuhlern, und gedenkst ferner des Ärgernisses, das viele daran nahmen, daß du dein Oratorium gegen das gewöhnliche Herkommen dem Parakleten weihtest. Und endlich beschließest du die Geschichte deiner Leiden mit der Schilderung jener schrecklichen Verfolgungen, die du durch deinen unversöhnlichen Feind und die ruchlosen Mönche, die du deine Söhne nennst, zu erdulden hattest und vor welchen du selbst jetzt noch nicht sicher bist.

Niemand, glaube ich, kann diese traurige Geschichte trockenen Auges lesen oder anhören. Je lebhafter und eingehender deine Schilderungen sind, desto lebhafter ist das Gefühl des Schmerzes, das sie aufs neue in mir weckten; ja, meine Angst wächst noch im Gedanken daran, daß du selber von immer noch wachsenden Gefahren sprichst. So müssen wir denn alle für dein Leben zittern, und mit klopfendem Herzen und bebender Brust Tag für Tag der Trauerbotschaft von deinem Tode gewärtig sein. Darum im Namen dessen, der dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre gerettet hat, im Namen Jesu Christi bitten wir dich, du mögest seinen und deinen Dienerinnen durch öftere Nachricht Gewißheit verschaffen über die Stürme, von denen dein Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst du wenigstens an uns, die wir allein dir treu geblieben, Genossinnen deiner Leiden und deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist halber Schmerz, und jede Last wird leichter oder läßt sich ganz vergessen, wenn andere daran mittragen. Und wenn der gegenwärtige Sturm sich ein wenig gelegt hat, dann laß es uns um so früher wissen und solche Botschaft wird uns um so willkommener sein. Im übrigen: was es auch sei, das du uns schreibst, immer werden deine Briefe eine Wohlthat für uns sein schon darum, weil wir daran sehen, daß du unsrer gedenkst. Welche Freude uns Briefe von Freunden in der Ferne bereiten, das bestätigt Seneca aus eigener Erfahrung; in einem Brief an seinen Freund Lucilius heißt es: »Ich bin dir sehr dankbar, daß du mir so fleißig schreibst. Ist dies doch unter den gegebenen Umständen die einzig mögliche Art, dich bei mir einzustellen. Jeder Brief, den ich von dir erhalte, schlingt das Band der Gemeinschaft um uns. Wir erfreuen uns an den Bildern der fernen Freunde, weil die Erinnerung an sie dadurch aufgefrischt wird und weil uns der Anblick des Bildes für die mangelnde Gegenwart derselben ein Ersatz ist, wenngleich ein trügerischer und dürftiger. Wie viel wertvoller müssen uns erst Briefe sein, die uns wirkliche Lebenszeichen von dem abwesenden Freunde geben!« Gott sei Dank, daß du wenigstens auf diese Weise unter uns weilen kannst, ohne die Verleumdung fürchten zu müssen und ohne auf Hindernisse zu stoßen: darum beschwöre ich dich, du wollest nicht gleichgültig säumen!