Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards

Part 25

Chapter 253,803 wordsPublic domain

Darum jeder, der sich nach der Abgeschiedenheit klösterlicher Ruhe sehnt, der freue sich seines Bettes, vielmehr seines Bettlein. Denn von Einem Bett, sagt die »Wahrheit«, wird der eine angenommen, der andere wird verlassen werden. Ein Bettlein aber hat die Braut, d. h. die beschauliche Seele, die mit Christus aufs engste verbunden ist und mit höchstem Verlangen an ihm hängt. Von niemand, der da hineinging, lesen wir, daß er verlassen worden sei. Die Braut selber sagt davon: »Ich suchte des Nachts in meinem Bettlein, den meine Seele liebet«. Dieses Bettlein ist es auch, von welchem aufzustehen sie sich weigert oder sich scheut, und von wo aus sie dem klopfenden Freund die oben angeführten Worte zuruft. Denn außer ihrem Bett, glaubt sie, sei der Schmutz, mit dem sie die Füße zu besudeln fürchtet. Dina ist hinausgegangen, um die Fremden zu sehen, und hat ihre Ehre dabei verloren. Und jener gefangene Mönch Malchus hat nachher an sich selbst erfahren, was sein Abt ihm vorausgesagt hatte: ein Schaf, das den Schafstall verläßt, fällt leicht dem Wolf zum Opfer.

Darum wollen wir keine zu große Gemeinschaft sammeln, deren Bedürfnisse uns Gelegenheit geben, ja uns nötigen, auswärts zu gehen: wir würden sonst andere gewinnen und selber dabei Schaden nehmen nach Art des Bleis, das sich verzehren lassen muß, damit das Silber im Tiegel erhalten bleibe. Fürchten wir uns vielmehr davor, daß nicht Blei und Silber zugleich vom heftigen Feuer der Anfechtungen verzehrt werde. Die »Wahrheit«, wird man uns entgegnen, hat gesagt: »Wer zu mir kommt, den will ich nicht hinauswerfen«. Auch wir wollen nicht hinauswerfen, wen wir einmal aufgenommen haben, aber wir wollen bei der Aufnahme vorsichtig sein: nicht daß wir uns selber hinauswerfen, während wir sie hereinnehmen. Denn auch der Herr selbst, so lesen wir, hat nicht einen bereits Aufgenommenen hinausgeworfen, sondern er hat einen, der sich ihm antrug, zurückgewiesen. Als der ihm sagte: »Meister, ich will dir folgen, wohin du gehst,« hat er ihm geantwortet: »Die Füchse haben Gruben« u. s. w. Er ermahnt uns auch dringend, wenn wir etwas auszuführen gedenken, vorher die Kosten, die zur Unternehmung notwendig sind, zu überschlagen, indem er sagt: »Wer ist aber unter euch, der einen Turm bauen will, und sitzt nicht zuvor, und überschlägt die Kosten, ob er's habe hinauszuführen? Auf daß nicht, wo er den Grund gelegt hat und kann's nicht hinausführen, alle, die es sehen, fahen an, seiner zu spotten. Und sagen: 'dieser Mensch hub an zu bauen, und kann es nicht hinausführen'«. Es ist schon viel, wenn einer für sein eigen Heil zu sorgen weiß, und gefährlich ist's, wenn einer für viele sorgen soll, der kaum sich selber zu behüten fertig wird. Im Bewahren aber ist nur der gewissenhaft, der beim Aufnehmen ängstlich war, und niemand bleibt so fest bei dem, was er einmal angefangen, wie der, der langsam und vorsichtig drangegangen ist. Frauen aber sollten in diesem Stück um so vorsichtiger sein, als sie in ihrer Schwachheit weniger schwere Lasten zu tragen vermögen und ihnen Ruhe ganz besonders notthut.

Die Heilige Schrift ist ein Spiegel der Seele. Ja gewiß: wer in ihr lesend lebt und ihr Verständnis sich zu Nutzen macht, der erkennt aus ihr die Schönheit seiner Sitten oder wird ihrer Häßlichkeit gewahr, so daß er jene mehren, diese beseitigen kann. An diesen Spiegel erinnert uns der heilige Gregorius im zweiten Kapitel seiner »Moralia«: »Die Heilige Schrift wird unserem geistigen Auge vorgehalten wie ein Spiegel, daß wir darin unser inneres Gesicht wahrnehmen können. Hier erkennen wir unsere häßlichen wie unsere schönen Züge. Hier merken wir, was für Fortschritte wir gemacht haben und wie weit wir vom Fortschritt entfernt sind«. Wer aber die Heilige Schrift ansieht, ohne sie zu verstehen, dem geht es wie dem Blinden, der sich einen Spiegel vor die Augen hält, ohne daß er sich darin sehen kann; ein solcher sucht nicht Belehrung aus der Schrift, wiewohl sie doch eben dazu da ist. Er sitzt müßig vor der Schrift, wie der Esel vor der Leier. Er gleicht dem Hungernden, der ein Brot vor sich hat und sich doch nicht damit sättigen kann. Ihm ist das Wort Gottes eine unnütze Speise, mit der er nichts anzufangen weiß, weil er weder selbst mit dem Verstand in sie eindringen kann, noch auch ein anderer sie ihm mundgerecht macht, indem er ihn belehrt.

Darum sagt auch der Apostel, indem er uns zum Studium der Schrift im allgemeinen ermahnt: »Was aber geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf daß wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben«. Und an anderer Stelle: »Werdet voll heiligen Geistes und redet untereinander in Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern«. Mit sich selber nämlich redet, wer versteht, was er vorbringt und aus seinen Worten Nutzen zu ziehen weiß. Derselbe Apostel schreibt an Timotheus: »Halt an mit Lesen, mit Ermahnen, mit Lehren, bis ich komme«. Und wiederum: »Du aber bleibe in dem, das du gelernet hast und dir vertrauet ist, sintemal du weißest, von wem du gelernet hast. Und weil du von Kind auf die Heilige Schrift weißest, kann dich dieselbige unterweisen zur Seligkeit durch den Glauben an Christum Jesum. Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, daß ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werk geschickt«. Auch die Korinther ermahnt der Apostel zum Studium der Schrift, damit sie, was andere über die Schrift sagen, auslegen können: »Strebet nach der Liebe. Fleißiget euch der geistlichen Gaben, am meisten aber, daß ihr weissagen möget. Denn der mit Zungen redet, der redet nicht den Menschen, sondern Gott; wer aber weissaget, der bessert die Gemeinde. Darum, wer mit Zungen redet, der bete also, daß er's auch auslege. Ich will beten mit dem Geist und will beten auch im Sinn; ich will Psalmen singen im Geist und will auch Psalmen singen mit dem Sinn. Wenn du aber segnest im Geist, wie soll der, so an Statt des Laien stehet, Amen sagen auf deine Danksagung, sintemal er nicht weiß, was du sagest? Du danksagest wohl fein, aber der andere wird nicht davon gebessert. Ich danke meinem Gott, daß ich mehr mit Zungen rede denn ihr alle. Aber ich will in der Gemeine lieber fünf Worte reden mit meinem Sinn, auf daß ich auch andere unterweise, denn sonst zehntausend Worte mit Zungen. Liebe Brüder, werdet nicht Kinder an dem Verständnis, sondern an der Bosheit seid Kinder, an dem Verständnis aber seid vollkommen«.

Zungen reden heißt: bloße Worte ausstoßen, ohne sie durch Auslegung verständlich zu machen. Weissagen oder auslegen heißt: nach Art der Propheten, welche Seher, d. h. Einsehende genannt werden, verstehen was man sagt, so daß man es auch anderen auslegen kann. Im Geiste betet oder singt Psalmen, wer nur hörbare Laute von sich giebt, ohne einen verständigen Sinn damit zu verbinden. Wenn aber unser Geist betet, d. h. wenn wir nur zusammenhangslose Laute hervorbringen, ohne mit dem Herzen zu fassen, was die Lippen sprechen, so bleibt unsere Seele ohne die Frucht, die sie doch vom Gebet haben sollte: nämlich, daß sie durch den Sinn der ausgesprochenen Worte zur Sehnsucht und zum Verlangen nach Gott entflammt würde.

Darum ermahnt uns der Apostel, wir sollen unsere Reden so gestalten, daß wir nicht, wie so viele andere, nur Laute hervorbringen, sondern auch einen Sinn damit verbinden, und er will nicht, daß wir anders beten oder Psalmen singen, weil dies ohne Frucht bleibe. Darin folgt ihm auch der heilige Benedikt, wenn er sagt: »Wir sollen in solcher Verfassung Psalmen singen, daß unser Geist mit dem, was wir singen, übereinstimmt«. Dies verlangt auch der Psalmist mit dem Wort: »Lobsinget mit Verstand«. Den Worten und Lauten soll die Würze des vernünftigen Sinnes nicht fehlen, damit wir in Wahrheit zum Herrn sprechen können: »Wie lieblich sind deine Worte in meinem Munde«. Und an anderer Stelle: »Nicht mit Flöten wird der Mann sich angenehm machen vor Gott«. Nämlich die Flöte ertönt zu Lustbarkeit und Vergnügen, nicht zu ernstem Nachdenken. Daher man von denen, die von ihrer eigenen Musik so entzückt sind, daß sie die Erbauung des Verstandes darüber vergessen, mit Recht sagen kann: sie spielen die Flöte, ohne damit Gott zu gefallen. Wie soll man, sagt der Apostel, zu den Gebeten in der Kirche Amen sagen, wenn man nicht versteht, was gebetet wird, und nicht weiß, ob es etwas Gutes oder etwas Schlimmes ist, um was man betet. So erleben wir's ja oft, daß Laien, die den Sinn der Worte nicht verstehen, in der Kirche aus Irrtum sich selbst Böses erflehen, statt Gutes: wenn es z. B. heißt: »Laß uns so durch das Zeitliche gehen, ut _non_ amittamus aeterna«[4] -- werden manche durch den ähnlich klingenden Laut irregeführt und sagen: »ut _nos_ amittamus aeterna«[5] oder: »ut non admittamus aeterna«.[6] Dieser Gefahr will der Apostel vorbeugen mit den Worten: »Wenn du aber segnest im Geist«, d. h. wenn du beim Segnen nur unverständliche Laute von dir giebst, »wie soll der, so an Statt des Laien stehet, Amen sagen?«, d. h. wer von den Assistierenden, deren Aufgabe es ist, an Stelle der Laien zu antworten, wird dann antworten können? »Wie soll er Amen sagen?«, weiß er doch nicht, ob er es zu einem Segen oder zu einem Fluch sagt. Endlich, wer die Schrift nicht versteht, wie kann sich der am Wort erbauen, wie soll er die Regel auslegen und verstehen, oder verbessern, was unrichtig ist?

[Fußnote 4: Daß wir das Ewige _nicht_ verlieren.]

[Fußnote 5: Daß _wir_ das Ewige verlieren.]

[Fußnote 6: Daß wir das Ewige nicht _zulassen_.]

Darum sind wir auch nicht wenig erstaunt, daß man in den Klöstern, einer Eingebung des Teufels folgend, keine Studien zum Verständnis der Schrift treibt, sondern nur zum Gesang und zum Aussprechen der Wörter, nicht aber zum Verstehen derselben Anleitung giebt: als ob das Blöken der Schafe wichtiger wäre als das Weiden. Denn das Verständnis der Heiligen Schrift ist die Speise und geistliche Erquickung der Seele. Darum läßt der Herr den Ezechiel, ehe er ihn zum Predigen bestimmt, ein Buch verschlingen, das alsbald in seinem Munde ward wie süßer Honig. Von dieser Speise redet auch Jeremia: »Die jungen Kinder heischen Brot und ist niemand, der es ihnen breche«. Den Kindern nämlich bricht Brot, wer den Sinn der Schrift den Einfältigen eröffnet. Und diese Kinder, die verlangen, daß man ihnen das Brot breche, das sind die, die ihr Herz sättigen wollen am Verständnis der Schrift, wie der Herr an einer andern Stelle bezeugt: »Ich werde einen Hunger ins Land schicken, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Worte des Herrn, zu hören«. Dagegen aber hat der alte Feind einen Hunger und Durst, zu hören Menschenworte und das Geräusch der Welt, in die Mauern der Klöster geschickt, also daß über eitlem Geschwätz das Wort Gottes uns entleidet, zumal es uns ohne die Süßigkeit und Würze des Verständnisses ungenießbar erscheint. Daher sagt der Psalmist, wie oben erwähnt: »Wie lieblich sind deine Worte in meinem Munde. Dein Wort ist meinem Munde süßer denn Honig«. Worin diese Süßigkeit bestehe, fügt er sogleich hinzu: »Dein Wort macht mich klug«. Das heißt: aus deinem Wort, nicht aus Menschenworten, habe ich Klugheit gelernt, dein Wort hat mich unterrichtet und belehrt. Auch was die Frucht dieses Verständnisses betrifft, fügt er hinzu: »Darum hasse ich alle falschen Wege«. Viele bösen Wege sind an sich schon so deutlich als solche zu erkennen, daß alle sie von selbst hassen und verabscheuen; aber alle bösen Wege können wir mit Hilfe des göttlichen Wortes erkennen und meiden. Daher auch das Wort: »Deine Worte sind in meinem Herzen geborgen, daß ich mich nicht an dir versündige«. In unserem Herzen sind sie geborgen und tönen nicht von unsern Lippen, wenn wir durch stilles Nachdenken zu ihrem Verständnis gekommen sind. Je weniger wir nach diesem Verständnis trachten, desto weniger vermögen wir die bösen Wege zu erkennen und zu meiden und uns vor der Sünde zu hüten.

Eine Versäumnis in dieser Hinsicht ist namentlich Mönchen, die nach Vollkommenheit streben sollen, schwer anzurechnen, denn sie können die Belehrung leichter haben, da ihnen eine Menge heiliger Bücher zu Gebote steht und sie Zeit und Ruhe genug dazu haben. Jener Alte in dem Buch »Leben der Altväter« tadelt mit Recht diejenigen, welche die Menge der Schriftsteller rühmen, aber zum Lesen derselben keine Zeit finden. »Die Propheten,« sagt er, »haben Bücher geschrieben, und nach ihnen sind unsere Väter gekommen und haben über diesen Büchern gearbeitet. Ihre Nachfolger haben sie dem Gedächtnis der Nachwelt empfohlen. Dann ist das heutige Geschlecht gekommen und hat die Bücher abgeschrieben auf Papier und Pergament und hat sie unbenutzt in den Fächern liegen lassen.« Auch der Vater Palladius mahnt uns dringend zum Lernen wie zum Lehren: »Eine Seele, die nach dem Willen Christi beschaffen sein will, muß fleißig lernen, was sie nicht weiß und frei lehren, was sie erkannt hat«. Wenn sie aber beides, obwohl sie könnte, nicht will, dann leidet sie an Wahnsinn. Denn der Anfang des Abfalls von Gott ist der Ekel an der Wissenschaft, und wie kann man Gott lieben, wenn man nicht begehrt, wonach die Seele allezeit hungert?

Auch dem heiligen Anastasius ist das Lernen und Studieren so wichtig, daß er in seiner Mahnung an die Mönche den Rat giebt, die religiösen Übungen damit zu unterbrechen. »Ich will den Weg unserer Lebensweise vorzeichnen,« sagt er; »das erste ist die Sorge für die Abstinenz, Geduld im Fasten, Anhalten am Gebet und Fleiß im Lesen, oder wenn einer der Schrift noch nicht mächtig ist, im Zuhören, gefördert durch das Verlangen, zu lernen. Das ist gleichsam das erste Kinderspielzeug in die Wiege derer, die noch Säuglinge sind in der Gotteserkenntnis.« Nach einigen weiteren Sätzen sagt er dann zuerst: »am Gebet soll man also anhalten, daß dasselbe fast keine Unterbrechung erleidet«; dann aber fügt er hinzu: »Wenn möglich, sollen die Gebete nur durch Lesen unterbrochen werden«. Auch der Apostel Petrus sagt dasselbe in seiner Mahnung: »Seid allezeit bereit zur Verantwortung jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in euch ist«. Und der Apostel Paulus sagt: »Wir hören nicht auf zu beten, daß ihr erfüllet werdet mit Erkenntnis seines Willens in allerlei geistlicher Weisheit und Verstand«; und weiter: »Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit«.

Auch im Alten Testament wird den Menschen in ähnlicher Weise eingeschärft, sich mit den heiligen Geboten vertraut zu machen. Denn so spricht David: »Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, noch tritt auf den Weg der Sünder, noch sitzet, da die Spötter sitzen; sondern hat Lust zum Gesetz des Herrn«. Und zu Josua, dem Sohne Nuns, sagt der Herr: »Laß das Buch dieses Gesetzes nicht aus deinen Händen kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht«.

Freilich drängen sich oft auch in diese fromme Beschäftigung unheilige verführerische Gedanken ein, und ob wir auch unsern Geist mit allem Eifer auf Gott gerichtet haben, so macht uns doch die Sorge dieser Welt zu schaffen. Und wenn derjenige solchen Anfechtungen ausgesetzt ist, der in Erfüllung seines heiligen Berufes begriffen ist, dann wird jedenfalls der Müßige ihnen auch nicht entgehen. Der heilige Papst Gregorius sagt im 19. Kapitel seiner »Moralia«: »Mit Seufzen sehen wir jetzt Zeiten anbrechen, da viele, die einen kirchlichen Beruf haben, entweder ihr Thun nicht nach dem, was sie wissen, einrichten wollen, oder aber überhaupt verschmähen, das Wort Gottes kennen zu lernen und zu verstehen. Sie verschließen ihr Ohr vor der Wahrheit und wenden sich den Fabeleien zu; denn sie suchen alle das Ihre, nicht was Jesu Christi ist. Überall tritt uns das Wort Gottes vor die Augen, aber die Menschen mögen es nicht kennen lernen. Fast keiner begehrt zu wissen, was er glaubt«.

Und doch ermahnen uns dazu die Klosterregeln, wie die Vorbilder der heiligen Väter. Der heilige Benediktus giebt über das Lehren und Lernen des Gesangs keine bestimmte Vorschrift, wohl aber hat er genaue Bestimmungen über das Lesen. Er setzt für das Lesen wie für die Arbeit eine bestimmte Zeit genau fest und ist für die Übung im Lesen und Schreiben so besorgt, daß er unter den notwendigen Gegenständen, die der Mönch von seinem Abt anzusprechen hat, auch Feder und Papier nicht vergißt. Er hat unter anderem die Bestimmung, daß bei Beginn der Fasten jeder Mönch aus der Bibliothek ein Buch empfangen soll, das er ganz durchzulesen hat; was aber wäre lächerlicher als seine Zeit mit Lesen zu verbringen, ohne darauf zu achten, ob man den Inhalt versteht oder nicht? Bekannt ist das Wort jenes Weisen: »Lesen ohne zu verstehen ist mißverstehen«. Auf einen solchen Leser paßt das Wort des Philosophen vom Esel vor der Leier. Denn ein Leser, der ein Buch in der Hand hält, ohne daß er etwas damit anfangen kann, ist wie ein Esel, der vor einer Leier sitzt. Und viel vernünftiger wäre es, wenn solche Menschen sich sonstwie nützlich beschäftigen würden, statt müßig dazusitzen, die Buchstaben anzusehen und die Blätter umzudrehen. An solchen Lesern sehen wir das Wort des Jesaia sich erfüllen: »Daß euch aller Propheten Gesichte sein werden wie die Worte eines versiegelten Buchs, welches, so man's gäbe einem, der lesen kann, und spräche: 'Lieber, lies das', und er spräche: 'Ich kann nicht, denn es ist versiegelt'. Oder gleich als wenn man's gäbe dem, der nicht lesen kann, und spräche: 'Lieber, lies das,' und er spräche: 'Ich kann nicht lesen'. Und der Herr spricht 'Darum, daß dies Volk zu mir nahet mit seinem Munde, und mit seinen Lippen mich ehret, aber ihr Herz ferne von mir ist, und mich fürchten nach Menschengebot, das sie lehren: so will ich auch mit diesem Volk wunderlich umgehen, aufs wunderlichste und seltsamste, daß die Weisheit seiner Weisen untergehe und der Verstand seiner Klugen verblendet werde'«.

Man sagt im Kloster, daß die sich auf die Schrift verstehen, die sie lesen können. Allein wenn sie hinsichtlich des Verständnisses der Schrift gestehen müssen, daß sie davon nichts wissen, so ist ihnen ihr Buch versiegelt, so gut wie denen, die da sagen, sie können nicht lesen. Gott aber bezichtigt sie, daß sie ihm mit Mund und Lippen nahen, nicht aber mit dem Herzen, weil sie das, was sie allenfalls lesen können, nicht im mindesten verstehen. Solche Menschen, indem sie des Verständnisses der Schrift entbehren, machen nur eine äußerliche Gewohnheit mit, haben aber keinen Nutzen von der Schrift. Darum droht der Herr, daß er auch ihre sogenannten Weisen und Gelehrten mit Blindheit schlagen wolle.

Hieronymus, der größte Lehrer der Kirche und die schönste Zierde des Mönchsstandes, ermahnt uns zur Liebe der Wissenschaften, indem er sagt: »Liebe die Wissenschaft und du wirst die schnöde Lust des Fleisches nicht lieben«; und er legt selbst Zeugnis davon ab, wie viel Zeit und Mühe er darauf verwandt habe. Neben dem, was er, um uns durch sein Beispiel zu lehren, über sein eigenes Studium schreibt, sagt er in einem Brief an Pammachius und Oceanus folgendes: »In meiner Jugend war ich von einer brennenden Lernbegierde erfüllt. Und ich war nicht, wie andere sich heraus nehmen, mein eigener Lehrer, sondern ich habe zu Antiochia fleißig den Apollinaris gehört und bin mit ihm verkehrt, während er mich in den heiligen Schriften unterrichtete. Schon färbte mein Haar sich grau, und ich hätte demnach eher Lehrer sein sollen als noch Schüler. Dennoch ging ich nach Alexandria. Ich hörte da den Didymus; viel verdanke ich ihm, viel Neues hat er mich gelehrt. Die Leute meinten, nun hätte ich endlich ausgelernt. Da lernte ich noch in Jerusalem und in Bethlehem mit Mühe und um teures Geld nächtlicherweile Hebräisch bei Barannias. Denn er fürchtete sich vor den Juden und ward mir ein zweiter Nikodemus«. Wahrlich, er hatte sich treulich gemerkt, was im Buch Sirach zu lesen ist: »Liebes Kind, laß dich die Weisheit ziehen von Jugend auf, so wird ein weiser Mann aus dir«. Nicht allein aus den Worten der Schrift, sondern auch aus dem Vorbild der heiligen Väter hat er sich belehrt, und unter den Lobsprüchen, die er dem dortigen musterhaften Kloster spendet, findet sich folgende Bemerkung über die ausgezeichnete Pflege des Schriftstudiums in demselben: »Nirgends habe ich ein so tiefes Studium und Verständnis der Heiligen Schrift und eine so eifrige Pflege der Gottesgelehrtheit gefunden, wie hier. Man hätte jeden der Mönche für einen Lehrer der göttlichen Weisheit halten können«.

Auch der heilige Beda, der schon als Knabe ins Kloster aufgenommen wurde, wie er in der »Geschichte der Angelsachsen« berichtet, sagt: »Seitdem brachte ich mein ganzes Leben in ein und demselben Kloster zu und habe mich ganz dem Studium der Heiligen Schrift hingegeben; neben der Beobachtung der Klosterregel und der täglichen Pflicht des Singens in der Kirche war es allezeit mein höchstes Vergnügen, zu lernen oder zu schreiben«.

Jetzt aber bleiben die, die in Klöstern erzogen werden, so einfältig, daß sie, zufrieden mit dem leeren Schall der Worte, sich um das Verständnis der Schrift nicht kümmern, und nicht fürs Herz etwas lernen, sondern nur die Zunge üben wollen. Sie trifft der Spruch Salomos: »Das Herz des Weisen sucht Weisheit, aber des Narren Mund weidet sich an der Thorheit«, nämlich wenn er sich an Worten erfreut, die er nicht versteht. Solche Leute können ja Gott nicht lieben und in Liebe zu ihm entbrennen, da sie vom Verständnis der Schrift, die uns über Gott belehrt, so weit entfernt sind.

Diese Zustände in den Klöstern sind hauptsächlich auf zwei Ursachen zurückzuführen: einmal auf die Eifersucht der Laien und Laienbrüder, ja auch der Vorgesetzten selbst, sodann auf das leere Geschwätz und die Müßiggängerei, die in den heutigen Klöstern vielfach zu Hause sind. Jene wollen mit uns nur in irdischem Handel und Wandel zu thun haben, nicht aber in geistlichem Verkehr mit uns stehen und gleichen den Philistern, die den Isaak verfolgten, als er einen Brunnen graben wollte, und ihm das Wasser wehrten, indem sie Erde hineinwarfen. Gregorius legt diese Geschichte in seinen »Moralia«, Kapitel XVI, also aus: »Oft, wenn wir uns mit der Heiligen Schrift beschäftigen, haben wir unter den Angriffen der bösen Geister schwer zu leiden: sie streuen uns den Staub irdischer Gedanken in den Sinn, um das Auge unserer Betrachtung für das Licht der inneren Beschauung blind zu machen«. Dies hatte der Psalmist nur allzusehr erfahren, als er sagte: »Weichet von mir, ihr Übelthäter, ich will erforschen die Gebote meines Gottes«. Er erklärt damit deutlich, daß er die Gebote Gottes nicht erforschen konnte, weil sein Geist zu kämpfen hatte gegen die Anläufe der Dämonen. Sie sind dasselbe, was die bösen. Philister bei Isaaks Brunnen waren, als sie ihn mit Erde füllten. Denn solche Brunnen graben wir in der That, wenn wir in die verborgenen Tiefen der Schrift eindringen. Es ist, als deckten die Philister uns den Brunnen zu, wenn unreine Geister, während wir zum Himmel streben, uns irdische Gedanken eingeben, und uns gleichsam das Wasser der göttlichen Erkenntnis, das wir gefunden haben, entziehen. Aber weil niemand diese Feinde aus eigener Kraft zu überwinden vermag, sagt Eliphas uns das Wort: »Und der Allmächtige wird gegen deine Feinde sein, und Silber wird dir zugehäuft werden«. Das soll heißen: wenn der Herr mit seiner Stärke die bösen Geister von dir treibt, dann wird der Schatz des göttlichen Wortes leuchtend in dir sich vermehren.