Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards

Part 24

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Der Genuß von Fleisch und Wein liegt, wie die Ehe, in der Mitte zwischen gut und böse, d. h. diese Dinge werden für indifferent geachtet, wiewohl der eheliche Verkehr nicht ganz der Sünde bar ist, und der Wein mehr Gefahren in sich birgt als alle übrigen Nahrungsmittel. Aber wenn selbst der Wein, im rechten Maße genossen, dem gottgeweihten Stande nicht verboten wird, was brauchen wir dann von den anderen Nahrungsmitteln zu fürchten, wenn nur das richtige Maß auch bei ihrem Genuß nicht überschritten wird? Der heilige Benediktus sieht sich genötigt, bei einem Gegenstand, von dem er selbst sagt, daß er eigentlich für Mönche überhaupt nichts sei, in Rücksicht auf unsere Zeit, da die erste Liebe schon erkaltet ist, Zugeständnisse zu machen. Sollten wir also den Frauen nicht auch Freiheit lassen in Dingen, die ihnen bis jetzt überhaupt in keiner Regel verboten werden? Wenn die Bischöfe und Leiter der heiligen Kirche, wenn die Kleriker in ihren religiösen Gemeinschaften ohne Anstoß Fleisch essen dürfen, weil keine Regel sie bindet: wer wollte uns dann einen Vorwurf daraus machen, daß wir gegen die Frauen die gleiche Nachsicht üben, besonders da sie im übrigen größere Strenge bewahren? Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie sein Meister, und es wäre eine große Thorheit, wenn man den Frauenklöstern versagen wollte, was den Mönchsklöstern erlaubt ist. Es ist schon genug, wenn die Frauen bei der sonstigen Strenge ihrer Regel, auch wenn sie in dem Einen Punkte des Fleischessens Freiheit haben, im übrigen nicht hinter der Frömmigkeit gläubiger Laien zurückbleiben, besonders da nach dem Zeugnis des Chrysostomus den Weltleuten nicht mehr erlaubt sein soll als den Mönchen, nur daß jene mit einer Frau leben dürfen. Auch der heilige Hieronymus, der den Stand der Weltgeistlichen nicht geringer achtet als den der Mönche, sagt: »Als ob nicht alles, was für die Mönche gilt, auch für die Weltgeistlichen zuträfe, die die Väter der Mönche sind«.

Wer wüßte auch nicht, daß es aller Vernunft widerstreitet, wenn man dem Schwachen die gleiche Last aufbürdet wie dem Starken, wenn man von Frauen dieselbe Abstinenz verlangt wie von Männern? Verlangt jemand hierüber außer dem Beweis, den die Natur selbst giebt, noch eine besondere Autorität, so möge er den heiligen Gregorius darüber hören. Dieser große Lenker und Lehrer der Kirche hat auch über diesen Gegenstand die übrigen Lehrer der Kirche genau unterwiesen und sagt im 24. Kapitel seines »Liber Pastoralis« folgendes: »Anders sind die Männer zu ermahnen, anders die Frauen; jenen kann man Schweres zumuten, diesen nur Leichtes. Jene sollen sich in harter Übung bewähren, diese werden am besten durch leichte Lasten und durch sanften Zuspruch gewonnen. Denn was dem Starken eine leichte Sache ist, das dünkt dem Schwachen ein groß Ding«.

Freilich hat der Genuß von gewöhnlichem Fleisch weniger Reiz als das Fleisch von Fischen und Vögeln, die doch der heilige Benediktus auch nicht verbietet. Auch der Apostel unterscheidet mehrere Gattungen von Fleisch: »Nicht ist alles Fleisch einerlei Fleisch, sondern ein anderes Fleisch ist der Menschen, ein anderes des Viehes, ein anderes der Fische, ein anderes der Vögel«. Und das Gesetz schreibt für das Opfer zwar das Fleisch vom Vieh und Vogel vor, nicht aber das von Fischen, damit niemand glaube, es sei vor Gott reiner, Fische zu essen als Fleisch. Fische sind auch für die Armen schwieriger zu beschaffen und teurer, denn es giebt weniger, und ihr Fleisch ist nicht so kräftig; also auf der einen Seite ist es teurer, auf der andern erfüllt es seinen Zweck weniger gut.

Indem wir also zugleich die Auslagen und die Natur der Menschen berücksichtigen, verbieten wir von Nahrungsmitteln überhaupt nichts, nur in allem das Übermaß. Wir setzen den Genuß von Fleisch und anderen Nahrungsmitteln aber auf ein solches Maß herab, daß die Enthaltsamkeit der Nonnen, trotzdem ihnen alles erlaubt ist, dennoch sich mehr bewährt als die der Mönche, denen einiges verboten ist. Und so wollen wir den Genuß des Fleisches in der Weise beschränkt wissen, daß im Tag nicht mehr als einmal davon gegessen werden soll; auch darf nicht ein und dieselbe Person mehrere Fleischgerichte erhalten, Gemüse sollen nicht hinzugefügt werden und nicht öfters als dreimal in der Woche soll Fleisch erlaubt sein, nämlich am ersten, dritten und fünften Wochentage, wenn auch hohe Feste auf die andern Tage fallen. Denn je höher ein Fest ist, desto mehr soll es durch fromme Enthaltsamkeit gefeiert werden. Der berühmte Lehrer Gregorius von Nazianz ermahnt eindringlich dazu in seinem Buch: »Von der Lichtmesse oder den zweiten Epiphanien«, Kapitel III: »Den Festtag sollen wir feiern, nicht indem wir dem Bauche dienen, sondern indem wir uns freuen im Geist«. Derselbe sagt im 4. Kapitel des Buches »Über Pfingsten und den heiligen Geist«: »Und das ist unser Festtag: in die Schatzkammer der Seele etwas Dauerndes und Bleibendes sammeln, nicht was vorübergeht und verweht. Der Leib ist schon so sündhaft genug, er braucht keine reichlichere Nahrung; das wilde Tier würde durch üppigere Nahrung nur noch wilder und würde uns härter bedrängen«. Darum soll man ein Fest in geistlicher Weise feiern. Dieser Meinung ist auch der heilige Hieronymus, der Schüler des Gregor; er sagt in seinem Brief »Über die Annahme von Geschenken«: »Darum müssen wir uns sorgfältig davor hüten, daß wir den Festtag nicht durch reichliche Mahlzeit feiern, sondern durch freudige Erhebung des Geistes, denn es wäre gewiß verkehrt, durch Übersättigung einen Märtyrer ehren zu wollen, von dem wir wissen, daß er durch Fasten Gott wohlgefällig war«. Augustinus in seiner Schrift: »Über das Heilmittel der Buße« sagt: »Siehe die Tausende von Märtyrern an! Warum feiert man ihren Todestag so gern mit schnöden Gelagen, die reinen Sitten ihres Lebens aber will man nicht nachahmen?«

Wenn es kein Fleisch giebt, so gestatten wir zwei Gerichte von irgendwelchem Gemüse, und auch Fische können dazu gegeben werden. Kostbare Gewürze sollen nicht zugesetzt werden, sondern die Schwestern sollen mit den Erzeugnissen des Landes zufrieden sein. Früchte soll es nur abends zu essen geben. Für die, deren Gesundheit es verlangt, können jederzeit Kräuter oder Wurzeln oder Früchte oder sonstige Heilmittel aufgetragen werden.

Ist eine fremde Nonne als Gast zugegen, so soll ihr aus gastfreundlicher Liebe eine Schüssel mehr verabreicht werden. Wenn sie will, kann sie davon auch den andern mitteilen. Die Gäste sollen an dem größeren Tisch Platz nehmen, und die Äbtissin soll sie bedienen und dann nachher mit den Schwestern, die bei Tische bedient haben, essen.

Will eine der Schwestern durch spärlichere Kost ihren Leib kasteien, so soll sie dazu die ausdrückliche Erlaubnis einholen, und diese darf ihr nicht versagt werden, wenn ihr Vorsatz nicht aus Leichtsinn, sondern aus wirklichem Ernst entsprungen zu sein scheint, und ihre Gesundheit voraussichtlich dabei keine Gefahr leidet. Keiner aber soll es gestattet sein, über diesem Zweck die Pflichten gegen den Konvent zu verabsäumen oder einen Tag ganz ohne Speise zu verbringen. Freitags sollen die Schwestern nie Fleischkost genießen, sondern sich mit der Fastenspeise begnügen, und auf diese Weise durch Enthaltsamkeit gewissermaßen an dem Leiden ihres Bräutigams teilnehmen, der an diesem Tag gelitten hat. Eine Unsitte, die in vielen Klöstern herrscht, ist mit aller Strenge zu bekämpfen: daß man nämlich an den übriggebliebenen Stückchen Brot, die den Armen zugehören, Hände und Messer reinigt und abwischt und, um die Tischtücher zu schonen, das Brot der Armen besudelt oder vielmehr das Brot desjenigen, der sich selber zu den Armen rechnend gesagt hat: »Was ihr gethan habt Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan«.

Was die Fasten betrifft, so mag für die Schwestern die allgemeine kirchliche Ordnung genügen; wir wollen sie in diesem Stück nicht schwerer belasten als die gläubigen Laien auch belastet sind, und wir nehmen es nicht auf uns, von ihrer Schwäche mehr zu verlangen als von dem starken Geschlecht. Doch glauben wir, daß von der Herbst-Tagundnachtgleiche bis Ostern wegen der Kürze der Tage Eine Mahlzeit täglich genügen wird. Wir verordnen dies wegen der kurzen Dauer des Tages, nicht um zum Fasten zu veranlassen, und machen dabei in den verschiedenen Arten der Speisen keinen Unterschied.

Das Prunken mit Kleidern, das die Schrift überall verwirft, soll durchaus vermieden werden. Der Herr warnt uns ausdrücklich davor, indem er den reichen Mann derhalben tadelt und dagegen die Einfachheit des Johannes lobt. Daher der heilige Gregorius in seiner vierten Homilie über die Evangelien sagt: »Was will jenes Wort: 'Die da reiche Kleider tragen, sind in der Könige Häusern', anders, als klar und deutlich zeigen, daß für das irdische, nicht für das himmlische Reich kämpft, wer, statt um Gottes willen zu leiden, allen Härten aus dem Wege geht und nur den Außendingen ergeben die Weichlichkeit und den Genuß dieses Lebens sucht?« Ebenso in der elften Homilie: »Es giebt Leute, welche das Tragen von feinen kostbaren Kleidern nicht für Sünde halten. Und doch, wenn keine Schuld damit verbunden wäre, so würde der Herr in seinem Gleichnis nicht so ausdrücklich davon reden, daß der Reiche, der zur Hölle verdammt wurde, mit Purpur und Seide angethan war. Denn niemand schafft sich kostbare Gewänder an, wenn er nicht eitlen Prunk entfalten und vornehmer scheinen will als andere Leute. Nur um eitlen Prunkes willen ist man auf kostbare Gewänder aus. Der beste Beweis dafür ist der Umstand, daß niemand sich kostbar kleidet, wenn er sich nicht vor anderen sehen lassen kann«.

Auch Petrus in seinem ersten Brief warnt weltliche verheiratete Frauen vor dieser Untugend: »Desselbigengleichen sollen die Weiber ihren Männern unterthan sein, auf daß auch die, so nicht glauben an das Wort, durch der Weiber Wandel ohne Wort gewonnen werden, wenn sie ansehen euren keuschen Wandel in der Furcht. Welcher Geschmuck soll nicht auswendig sein mit Haarflechten und Goldumhängen oder Kleider anlegen, sondern der verborgene Mensch des Herzens unverrückt mit sanftem und stillem Geiste, das ist köstlich vor Gott«.

Mit Recht glaubte der Apostel, mehr die Frauen als die Männer vor dieser Eitelkeit warnen zu müssen, denn der ersteren unsteter Sinn begehrt lebhafter nach Dingen, die ihrer Üppigkeit Nahrung zuführen. Wenn aber schon weltlichen Frauen in diesem Hang Einhalt gethan wird, was wird dann denen ziemen, die sich Christo geweiht haben, deren Schmuck eben darin besteht, daß sie schmucklos sind? Darum, wer von ihnen nach solchem Schmuck trachtet und ihn nicht zurückweist, wenn er ihr angeboten wird: die verliert den Ehrentitel der Keuschheit. Von einer solchen mag man denken, sie rüste sich nicht zum Gebet, sondern zur Unzucht, sie ist nicht einer Nonne, sondern einer Dirne gleich zu achten, der ihr Schmuck zum Herold für ihre Unkeuschheit dient und ihr buhlerisches Herz verrät, wie geschrieben steht: »Denn seine Kleidung, Lachen und Gang zeigen ihn an«.

Wir lesen, daß der Herr an Johannes, wie schon erwähnt, die Dürftigkeit und Rauheit seiner Kleidung mehr lobte als die seiner Nahrung: »Was seid ihr hinausgegangen zu sehen«, sagt er, »wolltet ihr einen Menschen in reichen Kleidern sehen?« Denn der Genuß ausgesuchter Speisen hat manchmal einen nützlichen Zweck und ist darum zu entschuldigen, was bei den Kleidern nicht der Fall ist. Je kostbarer sie sind, desto mehr muß man acht auf sie geben, desto weniger sind sie etwas nütze, desto teurer kommen sie zu stehen; je feiner der Stoff, desto empfindlicher sind sie und desto weniger Schutz gewähren sie dem Körper.

Für die ernste Tracht der Buße ist kein Stoff geeigneter als der schwarze, und kein Pelzwerk kleidet die Bräute Christi besser als das der Lämmer: so zeigen sie schon durch ihr Gewand, daß sie das Lamm, das den Jungfrauen verlobt ist, angezogen haben oder anziehen sollen.

Die Schleier sollen nicht aus Seide, sondern aus einem gefärbten Linnenstoff sein. Zwei Arten von Schleiern sind zu unterscheiden: die einen für die Jungfrauen, welche ihr Gelübde schon abgelegt, die andern für solche, die dies noch nicht gethan haben. Die Schleier der geweihten Jungfrauen sollen mit dem Kreuz gezeichnet sein. Dies Zeichen soll bedeuten, daß sie mit der Unberührtheit auch ihres Leibes ganz und gar Christo angehören, und wie sie durch ihre Weihe von den übrigen sich unterscheiden, so soll auch ihr Gewand ein besonderes Zeichen tragen, das die Gläubigen abschrecken soll, ein irdisches Verlangen nach ihnen zu tragen. Dieses Zeichen jungfräulicher Reinheit, aus weißem Faden genäht, soll die Jungfrau auf dem Haupte tragen, aber nicht eher als bis sie vom Bischof die Weihe empfangen hat: kein anderer Schleier soll dieses Zeichen tragen.

Auf dem bloßen Leib sollen die Schwestern reine Hemden tragen, und auch in denselben schlafen. Auch wollen wir in Anbetracht ihrer schwachen Natur den Gebrauch von Matratzen und Betttüchern nicht verbieten. Jede aber soll für sich schlafen und essen. Keine soll sich beschweren, wenn Kleider oder sonstige Dinge, die ihr von andern überlassen wurden, einer Schwester zugewiesen werden, die sie mehr nötig hat. Vielmehr soll sie sich darüber freuen, daß ihr die Bedürftigkeit ihrer Schwester eine Gelegenheit zum Almosen gegeben hat, und soll daran denken, daß sie nicht für sich, sondern für andere lebt. Wo nicht, so gehört sie auch nicht zu der heiligen Genossenschaft und ist schuldig des Frevels, eigenen Besitz zu haben.

Zur Bekleidung des Körpers scheint uns zu genügen ein Hemd, ein Pelz, ein Gewand, und wenn es sehr kalt ist, darüber ein Mantel. Diesen können die Schwestern beim Schlafen auch als Decke benutzen. Wegen des Ungeziefers und wegen notwendiger Reinigung sollen alle diese Kleidungsstücke doppelt gehalten werden, so wie Salomo in seinem Lob der wackeren und sorgsamen Hausfrau sagt: »Sie fürchtet ihres Hauses nicht vor dem Schnee, denn ihr ganzes Haus hat zwiefache Kleider«. Die Kleider sollen der Länge nach nicht weiter als bis zum Absatz reichen, damit kein Staub aufgewirbelt wird. Die Ärmel sollen nicht länger sein als Arm und Hand zusammen. Die Beine und Füße sollen mit Schuhen und Strümpfen bekleidet sein, und nie sollen die Schwestern barfuß gehen, auch nicht unter dem Vorwand der Frömmigkeit. Für die Betten genügt eine Matratze, ein Polster, ein Kissen, eine Decke und ein Leintuch. Auf dem Kopf sollen die Schwestern eine weiße Binde tragen, darüber einen schwarzen Schleier, und wo es nötig ist, auf der Tonsur eine Mütze aus Lammfell.

Aber nicht allein bei Nahrung und Kleidung soll alles Überflüssige gemieden werden, sondern auch an den Gebäuden und sonstigen Besitzungen. An den Gebäuden zeigt es sich deutlich, ob sie größer oder schöner angelegt sind als ihr Zweck es erfordert, oder ob wir, mit Werken der Bildhauerkunst und der Malerei sie schmückend, Königspaläste bauen, statt Hütten der Armut. »Des Menschen Sohn,« sagt Hieronymus, »hat nicht, da er sein Haupt hinlege, und du baust weite Hallen und deckst gewaltige Häuser ein?« Wenn wir uns teure und schöne Pferde halten, so ist das nicht bloß Überfluß, sondern eitler Übermut. Mit unsern Herden und unserm Landbesitz wächst unser Hunger nach äußerem Gut, und je mehr wir auf dieser Erde besitzen, desto mehr müssen sich unsere Gedanken damit beschäftigen und werden von der Betrachtung der himmlischen Dinge abgezogen. Und ob wir auch den Leib hinter Klostermauern verschließen, die Seele muß doch dem nachgehen, was draußen ist und was sie liebt, und zerstreut sich dahin und dorthin. Je mehr Besitztum wir verlieren können, desto größer die Furcht, die uns quält; je kostbarer der Besitz, desto mehr hängt man an ihm, desto mehr fesselt er das arme Herz an sich.

Darum ist dafür zu sorgen, daß wir unserem Haus und unserem Vermögen eine bestimmte Grenze setzen und nichts, was nicht notwendig ist, begehren, annehmen oder zurückbehalten. Denn alles was über das eigentliche Bedürfnis hinausgeht, besitzen wir nur wie einen Raub und machen uns schuldig am Tode so vieler Armen als wir mit unserem Überfluß hätten erhalten können. Jedes Jahr also, nachdem die Früchte eingeerntet sind, ist der Bedarf des Jahres zu überschlagen; was übrig bleibt, das soll den Armen geschenkt oder vielmehr zurückgegeben werden.

Es giebt Leute, die, der weisen Mäßigung vergessend, sich ihrer zahlreichen Familie freuen, während sie doch nur wenig Einkünfte haben. Fällt ihnen nun die Unterhaltung derselben schwer, so fangen sie an, in unverschämter Weise zu betteln oder andern mit Gewalt zu nehmen, was sie brauchen. Wir haben mit den Vätern mancher Klöster ähnliche Erfahrungen gemacht: sie rühmen sich ihres zahlreichen Konventes, sehen nur darauf, viele, nicht aber gute Söhne zu haben und halten sich für etwas Besonderes, wenn sie unter vielen die größten sind. Sie ziehen die Leute in ihre Behausungen, versprechen ihnen gute Tage, da sie ihnen doch ein hartes Leben ankündigen sollten, und weil sie ungeprüft und ohne Unterschied jeden aufnehmen, so verlieren sie ihre Leute wieder durch Abfall. Gegen solche, wenn ich recht sehe, richtet sich die »Wahrheit« in dem Wort: »Wehe euch, die ihr Land und Wasser umziehet, daß ihr einen Judengenossen machet; und wenn er's worden ist, machet ihr aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig mehr, denn ihr seid«. Gewiß würden sie ihren Ruhm weniger in einer großen Menge suchen, wenn sie statt der Zahl mehr das Heil der Seelen im Auge hätten und wenn sie sich nicht mehr Kraft zur Leitung einer Gemeinschaft zutrauten, als sie haben. Der Herr hat nur wenige Jünger erwählt, und doch ist auch von diesen wenigen einer abgefallen, so daß der Herr selbst sagte: »Habe ich nicht euch Zwölfe erwählt und eurer Einer ist ein Teufel?« Und wie Judas aus der Zahl der Apostel, so ging von den sieben Diakonen Nikolaus verloren. Und als die Apostel erst wenige um sich gesammelt hatten, haben Ananias und Sapphira sich die Todesstrafe zugezogen. Auch beim Herrn selbst blieb nur eine kleine Schar zurück, während viele seiner Jünger hinter sich gingen. Denn der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenig ist ihrer, die darauf wandeln. Dagegen ist der breit und geräumig, der zum Tode führt, und viele sind, die sich nach ihm drängen. Darum bezeugt der Herr selbst ein andermal: »Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt«. Und Salomo sagt: »Der Narren Zahl hat kein Ende«.

Darum hüte sich jeder, der sich der Menge der Untergebenen freut, daß nicht unter ihnen nach dem Worte des Herrn wenig Auserwählte seien, und daß ihm nicht, während er seine Herde maßlos vermehrt, die Kräfte zu ihrer Überwachung fehlen; sonst möchten ihm geistlich Gesinnte das Wort des Propheten vorhalten: »Du hast dein Volk gemehrt, aber seine Freude hast du nicht erhöht«. Solche Leute müssen, um ihre und der Ihrigen Angelegenheiten zu besorgen, oftmals auswärts gehen, in die Welt zurückkehren und sie bettelnd durchstreifen. Sie verwickeln sich in zeitliche Sorgen und vergessen das Ewige und holen sich oft mehr Schande als Ruhm. Dies wäre für die Frauen eine um so größere Schande, als es für sie mit Gefahren verbunden ist, wenn sie in der Welt herumziehen.

Darum, wer in Ruhe und Ehrbarkeit leben, für den Dienst des Herrn Zeit behalten und vor Gott und den Menschen wohlgefällig sein will, der scheue sich zu sammeln, was er nicht unterhalten kann und rechne bei seinen Ausgaben nicht auf den Geldbeutel anderer Leute; er trachte danach, Almosen auszuteilen, nicht einzusammeln. Paulus, der gewaltige Prediger des Evangeliums, obwohl er Macht hat, von seiner Predigt zu leben, lebt von seiner Hände Arbeit, um niemand lästig zu fallen und seines Ruhmes nicht verlustig zu gehen. Sollten also wir, die wir nicht predigen, sondern über die Sünde trauern, die Kühnheit oder Schamlosigkeit haben, zu betteln, um die, die wir gedankenlos aufgenommen haben, zu unterhalten? Gehen wir doch schon so weit in wahnsinniger Verblendung, daß wir, weil wir nicht selbst predigen können, andere Prediger für Geld werben, und diese Lügenapostel führen wir mit uns herum und tragen unsere Kreuze und Reliquien bei uns und verkaufen dies samt dem Worte Gottes, ja selbst des Teufels Blendwerk, an die einfältigen bornierten Christenleute und versprechen ihnen um Geld alles, was sie wollen.

Jedermann weiß, wie sehr bereits unser Stand und die Predigt des göttlichen Wortes in Mißachtung gefallen ist um dieser schamlosen Habgier willen, die nur das Ihre sucht, nicht das was Jesu Christi ist. Ja, auch die Äbte und Obersten der Klöster machen sich in aufdringlicher Weise an die weltlichen Fürsten und ihre Höfe und finden sich bereits im fleischlichen Leben besser zurecht als im klösterlichen. Nach Menschengunst mit allen Künsten jagend verstehen sie sich besser darauf, mit den Menschen zu verhandeln, als mit Gott zu reden. Jene Warnung des heiligen Antonius lesen sie -- wie oft! -- vergebens und schlagen sie in den Wind, oder hören sie zwar, befolgen sie aber nicht. Er sagt: »Wie der Fisch auf trockenem Lande stirbt, so wird der Mönch, der außer seiner Zelle verzieht und mit Weltleuten verkehrt, seinem beschaulichen Lebensberuf entfremdet«. Darum: wie der Fisch zum Meer, so müssen wir zu unserer Zelle zurückeilen, damit wir nicht über dem Draußen vergessen, unser Inneres zu hüten.

Auch der Urheber der Klosterregel selbst, der heilige Benediktus, hat durch Wort und That deutlich gezeigt, wie es sein Wunsch sei, daß die Äbte dauernd in ihrem Kloster anwesend seien und sorglich über ihre Herde wachen. Als er nämlich einmal das Kloster verlassen hatte, um seine fromme Schwester zu besuchen, und diese ihn nur Eine Nacht zu erbaulichem Gespräch zurückhalten wollte, sagte er offen, er dürfe durchaus nicht außerhalb des Klosters bleiben. Er sagt nicht: »wir dürfen nicht«, sondern: »ich darf nicht«; denn die Brüder durften es mit seiner Erlaubnis, er selbst aber nicht, es sei denn, daß ihm hierüber, wie dies später geschah, von Gott eine besondere Offenbarung zu teil wurde. Darum steht auch in seiner Regel nirgends etwas vom Ausgehen des Abtes, sondern nur von dem der Brüder. Für die ständige Anwesenheit des Abtes sorgt er so vorsichtig, daß er eine Vorschrift hat, wonach an den Vigilien der Sonn- und Feiertage die Verlesung des Evangeliums und was damit zusammenhängt, nur vom Abt verrichtet werden darf. Er bestimmt auch, daß der Abt stets mit den Pilgern und Gästen zu Tische sitzen solle, und wenn keine Gäste da sind, soll er von den Brüdern an seine Seite rufen, wen er will, und die andern unter der Aufsicht eines oder zweier Ältesten lassen. Daraus geht deutlich sein Wille hervor, daß der Abt zur Essenszeit stets im Kloster sein soll und nicht, an die leckeren Schüsseln der Großen gewöhnt, die Klosterbrüder beim trockenen Brot zurücklasse. Von solchen Menschen sagt die »Wahrheit«: »Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf den Hals; aber sie wollen dieselben nicht mit einem Finger regen«. Und ein andermal von den falschen Predigern: »Hütet euch vor den falschen Propheten, die zu euch kommen. Sie kommen von sich aus, nicht von Gott gesandt und haben keinen Auftrag von ihm«.

Johannes der Täufer, unser Oberhaupt, hatte durch seine Geburt ein Recht auf das Hohepriestertum; aber er entwich aus der Stadt in die Wüste und gab das hohepriesterliche Amt für das Mönchsleben, die Stadt für die Wüste dran. Und das Volk ging zu ihm hinaus, nicht er kam zum Volke. Obwohl er so groß war, daß man glaubte, er sei Christus, und er in den Städten viel Gutes hätte wirken können: er lag schon in jenem Bettlein, von dem aus er für den klopfenden Freund die Antwort bereit hatte: »Ich habe meinen Rock ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?«