Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards

Part 22

Chapter 223,804 wordsPublic domain

Das ist sicher wahr, daß Vernunft und Wahrheit über das Herkommen zu stellen sind. Gregor VII. schreibt an den Bischof Vimund: »Sicherlich, um des heiligen Cyprianus' Meinung zu folgen, ist jede Gewohnheit, sei sie auch noch so alt und noch so verbreitet, der Wahrheit ohne weiteres zu unterwerfen, und ein Brauch, der mit der Wahrheit im Widerspruch steht, abzuschaffen«. Mit welcher Liebe wir an der Wahrheit auch in Worten festhalten sollen, sagt uns Jesus Sirach: »Schäme dich nicht, für deine Seele das Recht zu bekennen«; weiter: »Rede nicht wider die Wahrheit«; und wiederum: »Laß all deinem Werk das Wort der Wahrheit vorausgehen und all deinem Thun einen festen Ratschluß«. Man soll auch nicht darauf sehen, ob viele etwas thun, sondern ob etwas den Beifall der Weisen und Guten hat. »Der Narren Zahl, sagt Salomo, ist unendlich.« Und die Wahrheit versichert: »Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt«. Alles was kostbar ist, ist selten, und was in Überfluß vorhanden ist, verliert an Wert. Niemand soll in der Ratsversammlung der größeren Partei folgen, sondern der besseren. Nicht auf das Alter eines Menschen soll man sehen, sondern auf seine Weisheit; nicht gutes Einvernehmen, sondern Wahrheit soll man suchen. Daher das Wort des Dichters: »Auch vom Feind sollst du dich lassen belehren«.

So oft eine Beratung nötig ist, soll sie ohne Verzug abgehalten werden. Bei dringenden Angelegenheiten soll der Konvent zusammenberufen werden; bei weniger wichtigen Dingen genügt es, wenn die Äbtissin einige ältere Schwestern zu sich beruft. Vom Rat steht auch geschrieben: »Wo nicht Rat ist, da gehet das Volk unter; wo aber viel Ratgeber sind, da gehet es wohl zu. Der Weg des Narren ist recht in seinen Augen; aber ein vernünftiger Mann verachtet nicht guten Rat. Mein Sohn, thue nichts ohne Rat, so gereut's dich nicht nach der That«. Wenn auch dann und wann eine Angelegenheit ohne Beratung glücklich erledigt wird, so entbindet die Wohlthat des Geschickes den Menschen doch nicht von seiner Aufgabe. Und wenn umgekehrt auch nach gepflogener Beratung falsche Maßregeln ergriffen werden, so soll man den, der den Rat eingeholt hat, nicht der Fahrlässigkeit beschuldigen. Denn ihn, der in gutem Glauben gehandelt hat, trifft weniger Schuld als diejenigen, auf die er sich irrtümlicherweise verlassen hat.

Haben die Schwestern den Kapitelsaal verlassen, so sollen sie die vorgeschriebenen Arbeiten vornehmen und sich mit Lesen oder Singen oder mit Handarbeit beschäftigen bis zur Terz. Nach der Terz soll die Messe gelesen werden, wozu ein Mönchspriester den Wochendienst hat. Dieser soll, wenn Leute genug vorhanden sind, einen Diakon und Subdiakon mitbringen, welche ihm administrieren und ihres Amtes walten. Sie sollen in der Weise kommen und gehen, daß sie mit den Schwestern nicht zusammentreffen. Sind mehrere nötig, so ist auch dafür zu sorgen, und zwar soll man dabei darauf sehen, daß die Mönche niemals wegen der Messen im Nonnenkloster ihrem eigenen Konvent beim Gottesdienst entzogen werden.

Wenn die Schwestern kommunizieren wollen, so soll dazu ein älterer Priester ausgewählt werden, der ihnen nach der Messe das Abendmahl giebt; vorher aber sollen sich der Diakon und Subdiakon entfernen, um jeden Anlaß einer Anfechtung zu entfernen. Mindestens dreimal im Jahr sollen alle Nonnen kommunizieren, an Ostern, an Pfingsten und an Weihnachten, wie dies von den Vätern auch für die Laien angeordnet ist. Zu diesen Kommunionen sollen sie sich so vorbereiten, daß alle sich drei Tage vorher der Beichte und entsprechenden Buße unterziehen, und in aller Demut und Furcht drei Tage mit Fasten bei Wasser und Brot und unter anhaltendem Gebet verbringen, immer wieder den furchtbaren Spruch des Apostels sich ins Gedächtnis zurückrufend: »Welcher nun unwürdig von diesem Brot isset und von dem Kelch des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn. Der Mensch prüfe aber sich selbst, und also esse er von diesem Brot und trinke von diesem Kelch. Denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket ihm selber das Gericht damit, daß er nicht unterscheidet den Leib des Herrn. Darum sind auch so viele Schwache und Kranke unter euch, und ein gut Teil schlafen. Denn so wir uns selber richteten, so würden wir nicht gerichtet«.

Auch nach der Messe sollen die Schwestern wieder zur Arbeit zurückkehren bis zur Sext; überhaupt sollen sie nie müßig sein, sondern jede soll arbeiten, was sie kann und muß. Nach der Sext soll man zum Essen gehen, falls nicht ein Fasttag ist. In diesem Fall soll man mit dem Essen warten bis zur None, in der großen Fastenzeit bis zur Vesper.

Zu keiner Zeit soll im Konvent das Vorlesen unterbleiben. Will die Äbtissin aufhören, so sage sie: es ist genug. Und alsbald sollen sich alle zum Dankgebet erheben. Im Sommer soll man nach dem Essen bis zur None im Dormitorium ruhen, nach der None wieder an die Arbeit gehen bis zur Vesper. Unmittelbar nach der Vesper wird das Abendessen eingenommen oder das Fastenmahl, je nach den Zeitumständen. Samstags findet vor dem Abendimbiß eine Reinigung statt, bestehend im Waschen der Füße und Hände. Bei dieser Verrichtung soll die Äbtissin thätig sein im Verein mit den Schwestern, welche den Wochendienst in der Küche haben. Nach dem Abendessen geht man alsbald zur Komplett; hierauf begiebt man sich zur Ruhe.

In Nahrung und Kleidung halte man sich an das Wort des Apostels: »Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so lasset uns begnügen«. Man begnüge sich mit dem Notwendigen und suche nicht den Überfluß. Was billig beschafft werden kann und sich leicht trägt, ohne Anstoß zu erregen, das wird sich empfehlen. Nur die Verletzung des eigenen oder eines fremden Gewissens mit den Speisen verbietet der Apostel, da er wohl weiß, daß nicht das Essen an sich Sünde ist, sondern die Begierde. »Welcher isset, sagt er, der verachte den nicht, der da nicht isset; und welcher nicht isset, der richte den nicht, der da isset. Wer bist du, daß du einen fremden Knecht richtest? Welcher isset, der isset dem Herrn, denn er danket Gott; welcher nicht isset, der isset dem Herrn nicht, und danket Gott. Darum lasset uns nicht mehr einer den andern richten, sondern das richtet vielmehr, daß niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis darstelle. Ich weiß und bin's gewiß in dem Herrn Jesu, daß nichts gemein ist an ihm selbst; ohne der es rechnet für gemein, demselbigen ist es gemein. Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im heiligen Geiste. Es ist zwar alles rein, aber es ist nicht gut dem, der es isset mit einem Anstoß seines Gewissens. Es ist viel besser, du essest kein Fleisch und trinkest keinen Wein oder das, daran sich dein Bruder stößet oder ärgert oder schwach wird«. Nach dem Ärgernis, das der Bruder nimmt, redet der Apostel von dem Anstoß, den sich derjenige selber bereitet, der gegen sein Gewissen ißt: »Selig ist, der ihm selbst kein Gewissen machet in dem, das er annimmt. Wer aber darüber zweifelt und isset doch, der ist verdammt; denn es gehet nicht aus dem Glauben: was aber nicht aus dem Glauben gehet, das ist Sünde«.

Zur Sünde wird uns alles, was wir gegen unser Gewissen und gegen das, was wir glauben, thun. Und durch das, was wir billigen, d. h. durch das Gesetz, welches wir annehmen, richten und verurteilen wir uns selbst: wenn wir z. B. solche Speisen essen, bei denen wir zweifeln, d. h. die wir durch das Gesetz verbieten und als unrein ausschließen. Denn das Zeugnis unseres Gewissens ist so geartet, daß es uns bei Gott anklagt oder entschuldigt. Daher sagt auch Johannes in seinem ersten Brief: »Ihr Lieben, so uns unser Herz nicht verdammt, so haben wir eine Freudigkeit zu Gott. Und was wir bitten, werden wir von ihm nehmen; denn wir halten seine Gebote und thun, was vor ihm gefällig ist«. Darum sagt auch Paulus an der obigen Stelle ganz richtig, nichts sei gemein in Christus, nur für den sei es so, der es rechne für gemein, d. h. der glaube, daß etwas für ihn unrein und verboten sei.

Gemein nennen wir diejenigen Speisen, welche nach dem Gesetz unrein heißen, die das Gesetz seinen Gläubigen verbietet und denen freigiebt, die außer dem Gesetze leben. Daher sind auch die öffentlichen Frauen unrein, und alles Gemeinsame und Öffentliche ist gering und weniger kostbar. Der Apostel versichert mit Berufung auf Christus, keine Speise sei gemein, d. h. unrein, weil das Gesetz Christi keine verbietet, es sei denn, wie gesagt, um den Anstoß des eigenen oder des fremden Gewissens zu vermeiden. In dieser Beziehung sagt er an anderer Stelle: »Darum, so die Speise meinen Bruder ärgert, wollte ich nimmermehr Fleisch essen, auf daß ich meinen Bruder nicht ärgerte. Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel?« Das heißt soviel als: habe ich nicht die Freiheit, die der Herr seinen Aposteln verliehen hat, alles Beliebige zu essen oder Unterstützung von anderen anzunehmen? Denn als der Herr seine Jünger aussandte, sagte er: »Esset und trinket, was ihr bei ihnen findet«, und er hat dabei nicht eine Speise von der anderen unterschieden. Nach diesem Vorbild giebt der Apostel den Christen alle Arten von Speisen frei, auch wenn sie von Ungläubigen und vom Götzenopfer herrühren; nur will er, wie oben gesagt, das Ärgernis vermieden wissen: »Ich habe es zwar alles Macht,« sagt er, »aber es frommt nicht alles; ich habe es alles Macht, aber es bessert nicht alles. Niemand suche, was sein ist, sondern ein jeglicher, was des andern ist. Alles was feil ist auf dem Fleischmarkt, das esset, und forschet nichts, auf daß ihr des Gewissens verschonet. Denn die Erde ist des Herrn und was darinnen ist. So aber jemand von den Ungläubigen euch ladet, und ihr wollt hingehen, so esset alles, was euch vorgetragen wird, und forschet nicht, auf daß ihr des Gewissens verschonet. Wo aber jemand zu euch würde sagen: das ist Götzenopfer -- so esset nicht um deswillen, der es anzeigte, auf daß ihr des Gewissens verschonet. Ich sage aber vom Gewissen nicht deiner selbst, sondern des andern. Seid nicht ärgerlich weder den Juden noch den Griechen noch der Gemeine Gottes«.

Aus diesen Worten des Apostels geht deutlich hervor, daß uns nicht verboten ist, was wir ohne Verletzung des eigenen oder eines fremden Gewissens essen können. Ohne Verletzung des eigenen Gewissens handeln wir dann, wenn wir bei unserem Thun unserem Lebensberuf, der uns zum Heil führen soll, treu bleiben können. Ohne Verletzung eines fremden Gewissens dann, wenn wir so leben, daß man von uns glaubt, daß wir selig werden. Und so können wir leben, wenn wir bei aller Nachsicht gegen die unumgänglichen Forderungen der Natur die Sünde meiden, und nicht im Vertrauen auf unsere Tugend unser Leben durch ein Gelübde unter ein Joch beugen, das uns zu schwer ist, und unter dem wir deshalb erliegen, wobei dann der Fall um so tiefer ist, je höher die Stufe war, auf die das Gelübde uns hätte heben sollen.

Diesem Fall und der Ablegung eines unbedachten Gelübdes zuvorzukommen, sagt der Prediger: »Wenn du Gott ein Gelübde thust, so verziehe nicht, es zu halten. Denn er hat keinen Gefallen an den Narren. Was du gelobest, das halte. Es ist besser, du gelobest nichts, denn daß du nicht hältst, was du gelobest«. Dieser Gefahr will auch jener Rat des Apostels begegnen: »So will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, haushalten, dem Widersacher keine Ursach' geben, zu schelten. Denn es sind schon etliche umgewandt dem Satan nach«. Die Natur des schwachen Geschlechtes bedenkend, empfiehlt er als Mittel gegen die Gefahr, die ein sittlich höheres Leben mit sich bringt, eine weniger strenge Lebensweise. Er giebt den Rat, unten zu bleiben, damit nicht ein jäher Sturz aus der Höhe erfolge. Dieser Ansicht folgt auch der heilige Hieronymus, wenn er in seiner Unterweisung an die Jungfrau Eustochium sagt: »Wenn aber die, die wirklich Jungfrauen sind, um anderer Sünden willen nicht selig werden, was wird aus denen werden, die die Glieder Christi zur Unzucht preisgegeben und den Tempel des heiligen Geistes in ein Freudenhaus verwandelt haben? Besser wäre es dem Menschen, das Joch der Ehe auf sich zu nehmen und in der Ebene zu wandeln, als in die Höhe zu streben und in den Abgrund der Hölle zu stürzen«.

Wenn wir sämtliche Aussprüche des Apostels nachschlagen, so werden wir finden, daß er eine zweite Ehe immer nur den Frauen gestattet hat. Die Männer dagegen ermahnt er zur Enthaltsamkeit und ruft ihnen zu: »Ist jemand beschnitten berufen, der zeuge keine Vorhaut«, und: »Bist du los vom Weibe, so suche kein Weib«. Moses dagegen räumt den Männern mehr Freiheit ein als den Frauen und gestattet einem Mann mehrere Frauen, nicht aber einer Frau mehrere Männer. Auch bestraft er den Ehebruch bei Frauen strenger als bei Männern. »Ein Weib,« sagt der Apostel, »ist frei vom Gesetz, so der Mann stirbet, daß sie nicht eine Ehebrecherin ist, wo sie eines andern Mannes wird.« Und an anderer Stelle: »Ich sage aber den Ledigen und Witwen: es ist ihnen gut, wenn sie auch bleiben wie ich. So sie aber sich nicht enthalten, so laß sie freien; es ist besser freien denn Brunst leiden.« Und wiederum heißt es: »Ein Weib, so ihr Mann entschläft, ist sie frei, sich zu verheiraten, welchem sie will; allein, daß es in dem Herrn geschehe. Seliger ist sie aber, wo sie also bleibet, nach meiner Meinung«.

Nicht bloß eine zweite Ehe gestattet der Apostel dem schwachen Geschlecht, sondern er beschränkt die Zahl der Eheschließungen nicht einmal auf ein bestimmtes Maß; vielmehr, wenn ihre Männer entschlafen sind, gestattet er ihnen, sich wieder zu verheiraten. Er schreibt für die Eheschließung keine bestimmte Zahl vor, wenn die Frauen nur dadurch der Sünde der Hurerei entgehen. Lieber sollen sie mehrmals heiraten als einmal in Unkeuschheit verfallen. Denn haben sie sich erst Einem preisgegeben, so werden sie bald mit vielen anderen dem Verlangen nach geschlechtlichem Verkehr nachgeben. Zwar ist auch die rechtmäßige Befriedigung dieses Verlangens nicht ganz frei von Sünde, allein man übt Nachsicht mit der kleineren Sünde, um die größere zu vermeiden. Was ist also dabei, wenn man ihnen, um anderweitige Sünde zu verhüten, etwas verstattet, wobei gar keine Sünde ist, nämlich die notwendigen Speisen, nur nicht im Überfluß? Denn nicht die Speise wird uns zur Sünde, sondern die Begierde, die da will, was nicht erlaubt ist, die begehrt, was verboten ist, die oftmals sich übernimmt und so viel Ärgernis verursacht.

Welches von allen Nahrungsmitteln der Menschen ist aber so gefährlich, so schädlich und unserem Beruf und der frommen Beschaulichkeit so unzuträglich wie der Wein? Der größte der Weisen warnt uns gar eindringlich vor ihm: »Der Wein macht lose Leute, und stark Getränke macht wilde; wer dazu Lust hat, wird nimmer weise. Wo ist Weh, wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach'? Wo sind rote Augen? Nämlich, wo man beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was eingeschenkt ist. Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und im Glase so schön stehet. Er geht glatt ein, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. So werden deine Augen nach andern Weibern sehen und dein Herz wird verkehrte Dinge reden. Und wirst sein wie einer, der mitten im Meer schläft, und wie einer schläft oben auf dem Mastbaum, und wirst sagen: sie schlagen mich, aber es thut mir nicht wehe; sie klopfen mich, aber ich fühle es nicht. Wann will ich aufwachen, daß ich's mehr treibe?« Weiter: »O nicht den Königen, Lamuel, gieb den Königen nicht Wein zu trinken, denn wo Trunkenheit herrscht, wird kein Geheimnis bewahrt; sie möchten trinken und der Rechte vergessen und verändern die Sache der elenden Leute«. Und im Buch Sirach heißt es: »Ein Arbeiter, der sich gern vollsäuft, der wird nicht reich, und wer ein Geringes nicht zu Rat hält, der nimmt für und für ab. Wein und Weiber bethören die Weisen«.

Auch der Prophet Jesaias, der sonst von keiner Speise redet, erwähnt doch des Weines als einer Ursache zur Gefangenschaft seines Volkes: »Wehe denen, die des Morgens frühe auf sind, des Saufens sich zu fleißigen, und sitzen bis in die Nacht, daß sie der Wein erhitzt. Und haben Harfen, Psalter, Pauken, Pfeifen und Wein in ihrem Wohlleben, und sehen nicht auf das Werk des Herrn. Darum wird mein Volk müssen weggeführt werden, weil es nicht Vernunft angenommen hat. Weh denen, so Helden sind Wein zu saufen und Krieger in Völlerei!« Vom Volk bis zu den Priestern und Propheten dehnt er seine Klage aus: »Dazu sind diese auch vom Wein toll worden und taumeln von starkem Getränk. Denn beide, Priester und Propheten, sind toll von starkem Getränk, sind im Wein ersoffen und taumeln von starkem Getränk; sie sind toll im Weissagen und speien die Urteile heraus. Denn alle Tische sind voll Speiens und Unrats an allen Orten. Wen soll er denn lehren das Erkenntnis? Wem soll er zu verstehen geben die Predigt?« Der Herr spricht durch den Mund Joëls: »Wachet auf, ihr Trunkenen, und heulet alle Weinsäufer!«

In notwendigen Fällen wird ja der Weingenuß nicht verboten; so rät der Apostel dem Timotheus: »Um deines Magens willen, und weil du oft krank bist« -- nicht bloß 'krank', sondern 'oft krank'. Noah hat zuerst den Weinstock gepflanzt, ohne noch das Laster der Trunkenheit zu ahnen, und im Rausch hat er seine Scham entblößt; denn mit dem Wein verbündet sich schändliche Üppigkeit. Vom eigenen Sohn verspottet, hat er ihn verflucht und ihm das Joch der Knechtschaft auferlegt, was vorher niemals, soviel wir wissen, geschehen ist. Die Töchter Lots wußten wohl, daß sie den frommen Mann nur in der Trunkenheit zur Blutschande verleiten konnten. Und Judith, die selige Witwe, hat im Vertrauen auf dieses trügerische Mittel allein den stolzen Holofernes zu Fall gebracht. Von den Engeln, welche den Erzvätern erschienen und von diesen bewirtet wurden, lesen wir, daß sie Fleisch zu sich genommen haben, nicht aber Wein. Und dem Elias, unserem großen Vorbild, haben die Raben, als er in der Wüste sich verbarg, des Morgens und des Abends Brot und Fleisch zur Speise gebracht, nicht Wein. Auch vom Volk Israel lesen wir, daß es in der Wüste mit der köstlichen Speise der Wachteln genährt worden sei, aber keinen Wein gehabt und dessen auch nicht begehrt habe. Und bei jenen Speisungen mit Brot und Fisch, womit in der Wüste das Volk gesättigt wurde, wird auch nichts von Wein berichtet. Nur auf einer Hochzeit, wo man sich des Weines, der die Quelle der Wollust ist, allerdings nicht enthält, ist dem Wein zulieb ein Wunder geschehen. Aber die Wüste, die eigentliche Wohnung der Mönche, kennt mehr die Wohlthat des Fleisches als die des Weins. Eine Hauptbestimmung im Gelübde der Nasiräer, womit sie sich Gott weihten, war die, Wein und geistige Getränke zu meiden.

Denn was bleibt an einem Trunkenen noch tugendhaft und gut? Darum lesen wir, daß in der alten Zeit den Priestern nicht bloß der Wein, sondern alle geistigen Getränke verboten waren. Hieronymus in seinem Buch »vom Leben der Kleriker«, das an Nepotianus gerichtet ist, ereifert sich sehr darüber, daß die Priester des alten Bundes darin, daß sie sich aller geistigen Getränke enthielten, vollkommener waren, als die unsrigen. Er sagt: »Rieche nicht an den Wein, damit du dir nicht das Wort des Philosophen sagen lassen mußt: 'Das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen'«.

Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis verbietet den Weingenuß. »Die den Dienst des Altars besorgen, sollen nicht Wein und Gegorenes trinken.« -- »Sicera« heißt im Hebräischen jedes berauschende Getränke, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen Saft von Früchten oder aus eingekochtem Honig und Kräutern oder aus der gepreßten Frucht der Palme oder aus Früchten, die man zu Sirup zerkocht. »Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den Wein.«

Nach der Regel des heiligen Pachomius soll niemand, mit Ausnahme der Kranken, Wein oder sonst geistige Getränke berühren. Und wem von euch sollte unbekannt sein, daß der Wein für Mönche überhaupt nichts sei und daß die Mönche ihn einst so verabscheut haben, daß sie ihn, um von ihm abzuschrecken, den Satan selber nannten? So lesen wir im »Leben der Altväter«: »Es erzählten einige Leute dem Vater Pastor von einem Mönch, der keinen Wein trank, worauf dieser sagte: 'Der Wein ist überhaupt nichts für Mönche'. Ferner ist dort zu lesen: 'Man feierte eines Tags die Messe auf dem Berg des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gefäß mit Wein. Einer der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi. Der trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber zum drittenmal angeboten wurde, wies er's zurück und sagte: Laß genug sein, Bruder, vergissest du, daß der Teufel darin steckt?'« Und weiter wird von dem Vater Sisoi berichtet: »Abraham sagte zu seinen Schülern: 'Wenn man an einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und drei Kelche Wein trinkt, ist das nicht zu viel?' Und es antwortete der Alte: 'Es wäre nicht zu viel, wenn der Satan nicht wäre.'« Daran denkt auch der heilige Benediktus, wenn er für gewisse Fälle seinen Mönchen den Weingenuß gestattet. Er sagt: »Wohl lesen wir, daß der Wein für die Mönche überhaupt nichts sei; allein man wird in unserer Zeit die Mönche nicht völlig davon überzeugen können«.

Es wäre nichts besonderes, wenn den Mönchen durchaus versagt würde, was auch den Frauen, die von Natur schwächer sind, wenn auch widerstandsfähiger gegen den Wein, vom heiligen Hieronymus gänzlich verboten wird. Er schreibt nämlich an die christliche Jungfrau Eustochium, indem er sie über die Bewahrung der Jungfräulichkeit belehrt, folgende dringende Mahnung: »Wenn mein Rat irgend etwas gelten soll und du meiner Erfahrung Glauben schenken willst, so ist meine erste Mahnung und Bitte, daß eine Braut Christi den Wein fliehen möge wie Gift. Denn das ist die schärfste Waffe der Dämonen gegen die Jugend. So sehr knechtet nicht der Geiz, so bläht der Stolz nicht auf, so viel Reize besitzt nicht der Ehrgeiz. Anderen Lastern entfliehen wir leicht; diesen Feind tragen wir im Innern; wohin wir uns wenden, wir tragen ihn bei uns. Wein und Jugend eine zwiefache Nahrung des Feuers der Wollust. Sollen wir noch Öl in die Flamme gießen? Sollen wir dem brennenden Leib noch neuen Zündstoff zuführen?«

Übrigens belehren uns die Schriften der Naturforscher, daß der Wein den Frauen weit weniger anhaben könne als den Männern. Macrobius Theodosius führt dafür im siebenten Buch seiner Saturnalia folgenden Grund an: »Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, Greise oft. Der Körper des Weibes hat einen sehr großen Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis dafür ist die Glätte und der Glanz ihrer Haut, und besonders sprechen dafür die regelmäßigen Reinigungen, durch welche ihr Körper von überflüssiger Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein verliert seine Stärke, wenn er mit so überreichem flüssigem Stoffe sich mischt, und steigt nicht mehr so leicht zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese Weise gelähmt wird«. Ferner heißt es dort: »Der weibliche Körper unterliegt häufigen Reinigungen und hat an seiner Oberfläche zahlreiche Öffnungen und Poren, durch welche die Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch diese Poren entweicht auch der Dunst des Weines gar schnell«.