Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards

Part 16

Chapter 163,599 wordsPublic domain

Die Kirche hat der Tugend dieser Frau, die in so schwerem Kampfe sich bewährt hat, ein besonderes Vorrecht eingeräumt, nämlich daß ihr Martyrium durch feierliche Schriftlektion und eigene Messe gefeiert wird, eine Auszeichnung, die keinem der Frommen des alten Bundes zu teil geworden, welche vor der Ankunft des Herrn gestorben sind: wiewohl eben in der Geschichte der Makkabäer berichtet wird, daß der ehrwürdige Greis Eleazar, einer der vornehmsten Schriftgelehrten, um derselben Ursache willen schon vorher die Krone des Martyriums erlangt habe. Allein weil die Tugend des schwächeren weiblichen Geschlechts, wie ich schon sagte, vor Gott um so angenehmer ist und größerer Auszeichnung würdig erscheint, so wurde dieses Martyrium, bei welchem keine Frau beteiligt war, einer besonderen Feier nicht gewürdigt, da man es für nichts besonderes achtete, wenn das stärkere Geschlecht sich auch im Leiden stärker zeigte. Darum verkündet auch die Schrift das Lob jener Frau mit hohen Worten, indem sie sagt: »Es war aber ein großes Wunder an der Mutter, und ist ein Beispiel, das wohl wert ist, daß man's von ihr schreibe. Denn sie sah ihre Söhne alle sieben auf Einen Tag nacheinander martern, und litt es mit großer Geduld um der Hoffnung willen, die sie zu Gott hatte. Dadurch ward sie so mutig, daß sie einen Sohn um den andern auf ihre Sprache tröstete und faßte ein männlich Herz«.

Wer könnte, wo es den Preis der Jungfrauen gilt, die Tochter Jephthas vergessen? Um den Vater nicht wortbrüchig werden zu lassen an seinem unüberlegten Gelübde, und damit die Gottheit, die sich so gnädig gezeigt hatte, nicht um das versprochene Opfer käme, redet sie selber dem siegreichen Vater zu, das Messer gegen sie zu zücken. Was glaubet ihr, daß sie als Christin für ihren Glauben gethan hätte, wenn sie von den Ungläubigen zur Gottesverleugnung und zum Abfall genötigt worden wäre? Hätte sie wohl, über Christus befragt, mit dem Haupt der Apostel gesprochen: »Ich kenne den Menschen nicht«? Zwei Monate wurden ihr noch von ihrem Vater freigegeben, und wie die Frist um ist, stellt sie sich bei ihm ein, um zu sterben. Freiwillig geht sie in den Tod; statt ihn zu fürchten, verlangt sie danach. Sie büßt mit ihrem Leben das thörichte Gelübde des Vaters und löst sein Versprechen ein, aus lauterster Liebe zur Wahrheit. Sie, die den Vater nicht wortbrüchig sehen kann, wie ferne muß sie selbst davon gewesen sein! Welch eine Liebesglut in diesem Mädchen für den irdischen wie für den himmlischen Vater! durch ihren Tod will sie jenem die Lüge ersparen und diesem halten, was ihm gelobt war. Wohl hat dieses hochherzige Mädchen die hohe Auszeichnung verdient, daß alljährlich die Töchter Israels sich versammeln und mit feierlichen Liedern das Gedächtnis an den Tod der Jungfrau feiern und in frommen Klagen der Trauer um ihr leidvolles Schicksal Ausdruck geben.

Um aber von allem andern zu schweigen: Was war für unsere Erlösung und für das Heil der ganzen Welt so notwendig als das weibliche Geschlecht, das uns den Erlöser selber gebracht hat? Diesen einzigartigen Ruhmestitel hat jenes Weib, das zuerst mit ihrem Anliegen den heiligen Hilarion zu bestürmen wagte, diesem zu seiner hohen Überraschung entgegengehalten, indem sie ihm zurief: »Was wendest du dich ab? Was weichst du zurück vor meinem Flehen? Sieh in mir nicht das Weib, sieh die Unglückliche in mir. Mein Geschlecht hat den Heiland geboren«.

Was ist dem Ruhme zu vergleichen, den dies Geschlecht in der Mutter des Herrn sich erworben hat? Unser Erlöser hätte ja wohl, wenn er gewollt hätte, von einem Manne seine Körperlichkeit annehmen können, so gut als es ihm beliebt hat, die erste Frau aus dem Körper des Mannes zu bilden. Allein er hat durch die sonderliche Gnade seiner Erniedrigung das schwächere Geschlecht geehrt. Auch hätte er sich durch einen andern edleren Teil des weiblichen Körpers gebären lassen können als derjenige ist, durch welchen die übrigen Menschen zugleich empfangen und zur Welt gebracht werden. Allein um dem schwächeren Körper eine unvergleichliche Ehre zu erweisen, hat er durch seine Geburt dem weiblichen Zeugungsorgan eine weit höhere Weihe gegeben als dies dem männlichen durch die Beschneidung geschehen war.

Aber ich will nicht weiter reden von der einzigartigen Auszeichnung, die in Sonderheit den Jungfrauen zukommt, sondern auch zu den andern Frauen mich wenden, wie ich mir vorgenommen habe. So merke denn darauf, welche große Gnade alsbald mit der Ankunft Christi für Elisabeth, die Ehefrau, und für Hanna, die Witwe, verbunden war. Dem Manne der Elisabeth, Zacharias, dem Hohenpriester des Herrn, war zur Strafe für seine Ungläubigkeit die Zunge noch gelähmt, als Elisabeth, voll heiligen Geistes, bei der Ankunft und Begrüßung der Maria das Kind in ihrem Leibe hüpfen fühlte und, indem sie zuerst die erfolgte Empfängnis der Maria prophetischen Geistes verkündete, mehr als Prophetin war. Ja, die bereits geschehene Empfängnis der Jungfrau zeigte sie an und veranlaßte dadurch die Mutter des Herrn selbst, den Herrn dafür zu lobpreisen. Die Gabe der Prophetin erscheint bei Elisabeth noch vollkommener als bei Johannes, da sie imstande war, alsbald den erst empfangenen Gottessohn zu erkennen, während er nur auf den längst Geborenen hinzuweisen brauchte. Wie wir also die Maria Magdalena gewissermaßen einen weiblichen Apostel nennen können, so tragen wir auch kein Bedenken, die Elisabeth oder jene fromme Witwe Hanna, von der wir oben ausführlich gesprochen haben, als Prophetin den Propheten an die Seite zu stellen.

Wollen wir unsere Beobachtungen über die Gabe der Prophetie bis zu den Heiden ausdehnen, dann mag vor allen die Seherin Sibylle hervortreten und uns vernehmen lassen, was ihr über Christus geoffenbart worden ist. Vergleichen wir mit ihr sämtliche Propheten, selbst den Jesaias, von dem Hieronymus versichert, er sei mehr ein Evangelist als ein Prophet zu nennen, so werden wir finden, daß auch mit dieser Gnadengabe die Frauen weit reichlicher bedacht worden sind als die Männer. Augustinus beruft sich auf sie gegen die Ketzer und sagt von ihr: »Vernehmen wir auch, was die Sibylle, ihre Prophetin, über ihn sagt: Einen andern hat der Herr den gläubigen Menschen gegeben, daß sie ihn anbeten. Ferner: Erkenne du selbst, daß dein Herr Gottes Sohn sei. An einer andern Stelle nennt sie den Sohn Gottes Symbolum, d. h. Berater. Und der Prophet sagt: Sein Name ist: Wunderbar -- Rat. Wiederum sagt derselbe Kirchenvater im 18. Kapitel seines Buches vom 'Gottesstaat' folgendes über sie aus: In jener Zeit soll nach verschiedenen Berichten die Erythräische Sibylle -- manche behaupten auch, es sei diejenige von Cumä gewesen -- geweissagt haben.« Man hat von ihr siebenundzwanzig Verse, deren Inhalt er in lateinischen Versen angiebt, wie folgt:

»Erde mit Schweiß bedeckt, verkündet die Nähe des Richters Und vom Himmel herab naht, ewig zu herrschen, ein König, In leibhaftigem Fleisch erscheint er, zu richten den Erdkreis.«

Fügt man die griechischen Anfangsbuchstaben dieser Verse aneinander, so kommt heraus: »Jesus Christus. Sohn Gottes, Heiland«.

Auch Lactantius führt einige messianische Weissagungen der Sibylle an: »Er wird nachmals in die Hände der Ungläubigen fallen. Sie werden mit ihren sündigen Händen dem Gotte Backenstreiche geben und giftigen Speichel werden sie ausspeien aus unreinem Munde. Er aber wird demütig seinen heiligen Rücken darbieten und schweigend wird er sich ins Angesicht schlagen lassen, damit keiner das Wort erkenne und niemand den Geistern der Hölle sage, woher er gekommen, und mit einer Dornenkrone wird er gekrönt werden. Für den Hunger geben sie ihm Galle, und Essig zum trinken; also werden sie ihn bewirten. O du verblendetes Volk, deinen Gott, den aller Sterblichen Geist preisen sollte, hast du nicht erkannt; mit Dornen hast du ihn gekrönt, Galle hast du ihm gemischt. Der Vorhang im Tempel wird zerreißen, mitten am Tag wird es finster sein drei Stunden lang und er wird sterben, drei Tage wird ihn der Schlummer befangen, alsdann wird er aus der Unterwelt ans Licht kommen, als Erstling der Auferstehung«.

Diese sibyllinische Weissagung hat wohl, wenn ich nicht irre, der größte unserer Dichter, Virgilius, gehört und bei sich bewegt; denn in seiner vierten Ekloge verkündigt er für die nächste Zeit der Regierung des Kaisers Augustus und für das Konsulat des Pollio die wunderbare Geburt eines Knaben, der vom Himmel auf die Erde gesandt werden solle, der auch der Welt Sünden tragen und ein neues Zeitalter wunderbar über die Welt heraufführen werde. Der Dichter selbst sagt, die Prophezeiung des Cumäischen Gedichtes, d. h. der Sibylle, welche die Cumäische genannt wird, habe ihn zu dieser Äußerung angeregt. Seine Worte klingen so, als wollte er alle Menschen auffordern, sich mit ihm zu freuen, mit ihm zu singen und zu schreiben von der Geburt dieses Kindes; alle andern Gegenstände scheinen ihm im Vergleich mit diesem unwichtig und gemein, und so sagt er:

»Laßt mich ein höheres Lied anstimmen, Sicilische Musen; Denn nicht jeden erfreut Gestrüpp und niedriges Buschwerk. -- Schon bricht an des Cumäischen Liedes äußerstes Alter, Und von neuem beginnt gewaltiger Umschwung der Zeiten. Nun kehrt die Jungfrau zurück, Saturn beginnt wieder zu herrschen, Und ein neues Geschlecht wird aus himmlischen Höhen entsendet.«

Betrachte die einzelnen Aussprüche der Sibylle: wie vollständig und wie deutlich umfassen sie die Summe des christlichen Glaubens! Weder seine Gottheit noch seine Menschheit, weder sein zweifaches Kommen noch das zweifache Gericht hat sie in Weissagung und Schrift übergangen, nämlich das erste Gericht, durch das er ungerecht verurteilt wurde in seiner Passion, und das zweite, in dem er gerecht die Welt richten wird in seiner Herrlichkeit. Ja, indem sie weder die Niederfahrt zur Hölle noch die Herrlichkeit der Auferstehung übergeht, scheint sie nicht bloß die Propheten, sondern die Evangelisten selbst zu übertreffen, die von Christi Höllenfahrt nichts berichtet haben.

Müssen wir ferner uns nicht alle höchlich wundern über das vertrauliche, lange Gespräch, in welchem Jesus die Heidin, die Samariterin, mit so viel Liebe unter vier Augen zu belehren geruht hat, also, daß darob selbst die Apostel staunten? Von der Ungläubigen, die noch dazu wegen ihrer vielen Männer anrüchig war, hat er zu trinken verlangt, da uns doch sonst nicht bekannt ist, daß er von irgend jemand Speise erbeten hätte. Die Apostel kommen dazu, bieten ihm die eingekauften Speisen an und sprechen: »Rabbi, iß« -- er aber nimmt das Dargebotene nicht an und gleichsam zu seiner Entschuldigung sagt er: »Ich habe eine Speise zu essen, da wisset ihr nicht von«. Von dem Weibe aber verlangt er selber zu trinken. Und sie will sich dieser Dienstleistung entziehen mit den Worten: »Wie bittest du von mir zu trinken, so du ein Jude bist und ich ein samaritisches Weib? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern«. Und weiter: »Hast du doch nichts, damit du schöpfest und der Brunnen ist tief«. So verlangt er also von der Heidin, die's ihm verweigert, zu trinken, der doch die Speisen, welche die Apostel ihm anbieten, nicht berührt. Ist das nicht eine gnädige Bevorzugung des schwachen Geschlechts, wenn der, der allen das Leben gebracht hat, ein Weib um Wasser bittet? Warum, frage ich, that er dies, wenn nicht mit der Absicht, deutlich zu zeigen, daß ihm die Tugend der Frauen um so angenehmer sei, je schwächer sie eingestandenermaßen von Natur sind, und daß er um so mehr nach ihrem Heil verlange und dürste, je bewundernswerter ihre Tugend sei. Daher, indem er von einer Frau zu trinken verlangt, giebt er zu verstehen, daß er diesen seinen Durst vorzüglich durch die Rettung weiblicher Seelen gestillt wissen wolle. Diesen Trank nennt er auch Speise, indem er sagt: »Ich habe eine Speise zu essen, da wisset ihr nicht von«. Und was er unter dieser Speise verstehe, setzt er im folgenden auseinander: »Meine Speise ist, daß ich thue den Willen meines Vaters« -- und deutet damit an, daß der Wille seines Vaters in Sonderheit da geschehe, wo es sich um das Seelenheil der Frauen handelt.

Es ist uns berichtet, daß Jesus auch mit Nikodemus, jenem Obersten der Juden, ein vertrautes Zwiegespräch gehalten habe, in welchem er auch diesen, der im geheimen zu ihm gekommen war, über das Heil seiner Seele belehrte; aber es wird zugleich erzählt, daß dieses Gespräch keinen ebenso guten Erfolg gehabt habe. Die Samariterin, das ist sicher, wurde damals von prophetischem Geist erfüllt, der ihr eingab, daß Christus bereits zu den Juden gekommen sei und daß er auch zu den Heiden kommen werde; und so sprach sie: »Ich weiß, daß Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn derselbe kommen wird, so wird er es uns alles verkündigen«. Und viele Leute aus jener Stadt, heißt es, seien auf das Wort des Weibes hin zu Christus hinausgelaufen und haben an ihn geglaubt und ihn zwei Tage bei sich behalten, der doch selbst an einer andern Stelle zu seinen Jüngern sagt: »Gehet nicht auf der Heiden Straße und ziehet nicht in der Samariter Städte«.

Derselbe Johannes erzählt ein andermal, einige Heiden, die nach Jerusalem gekommen seien, um das Fest mitzufeiern, haben durch Philippus und Andreas dem Herrn sagen lassen, sie möchten ihn gerne sehen. Er sagt aber nichts davon, daß sie wirklich zugelassen wurden und daß ihnen, die doch darum baten, so reiche Gelegenheit gegeben wurde, Christus zu sprechen, wie der Samariterin, die gar nicht danach verlangte. Mit ihr scheint er seine Wirksamkeit unter den Heiden angefangen zu haben, und er hat nicht bloß sie allein bekehrt, sondern hat durch sie -- so wird berichtet -- viele andere gewonnen. Die Magier, durch den Stern erleuchtet und zu Christus geführt, haben, so heißt es, viele andere durch ihre Aufmunterung und Belehrung zu ihm gezogen: aber selbst zu ihm gekommen sind nur sie. Auch daraus geht hervor, in welch hoher Gunst das heidnische Weib bei Christus stand, das nach Hause eilend und in der Stadt seine Ankunft und was er ihr gesagt hatte verkündigend, so schnell eine ganze Menge ihrer Landsleute für ihn gewonnen hat.

Wenn wir die Schriften des Alten Testaments oder die Evangelien nachschlagen, so finden wir, daß die göttliche Gnade, jene höchste Wohlthat der Auferweckung eines Toten, insbesondere Frauen erwiesen wurde, und daß nur ihnen zulieb oder an ihnen solche Wunder verrichtet worden sind. So lesen wir zunächst, daß auf die Bitte der Mütter von Elia und Elisäus ihre Söhne auferweckt und ihnen wiedergegeben wurden. Und der Herr selbst läßt die Wohlthat dieses unerhörten Wunders mit Vorliebe Frauen zu gute kommen, wenn er den Sohn einer Witwe, die Tochter des Synagogenvorstehers, und den Lazarus auf die Bitten seiner Schwestern auferweckt. Darum sagt der Apostel in seinem Brief an die Hebräer: »Die Weiber haben ihre Toten aus der Auferstehung wiedergenommen«. Denn das auferweckte Mädchen hat seinen toten Körper wieder zurückbekommen so gut wie die übrigen Frauen durch die Auferweckung und Rückgabe ihrer Toten, die sie beweinten, getröstet wurden. Es geht daraus hervor, wie sehr der Herr stets die Frauen bevorzugte, indem er sie zunächst durch ihre eigene und durch der Ihrigen Wiederbelebung erfreute und zuletzt sie bei seiner eigenen Auferstehung dadurch ganz besonders auszeichnete, daß er ihnen, wie schon erwähnt wurde, zuerst erschien. Diesen Vorzug hat dieses Geschlecht vielleicht verdient durch das natürliche Gefühl des Mitleids, das es dem Herrn inmitten eines feindseligen Volkes zollte. Denn nach dem Berichte des Lukas, während die Männer ihn zur Kreuzigung führten, folgten die Frauen nach und klagten und weinten um den Herrn. Und er wendet sich nach ihnen um und wie zum Dank für ihre Liebe verkündigt er ihnen in der drohenden Leidensgefahr selbst aus Mitleid, damit sie ihm entrinnen möchten, den bevorstehenden Untergang: »Ihr Töchter von Jerusalem, ruft er ihnen zu, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben.«

Ferner erzählt Matthäus, daß die Frau des ungerechten Richters treulich an der Befreiung des Herrn gearbeitet habe; er sagt von ihr: »Und da er auf dem Richtstuhl saß, schickte sein Weib zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe heute viel erlitten im Traum von seinetwegen«. Und wiederum war es von der ganzen Schar, die der Predigt Jesu zuhörte, eine Frau, die ihre Stimme zu dem hohen Lobe erhob, daß sie ausrief: »Selig der Leib, der dich getragen hat und die Brüste, die dich gesäuget haben«. Und alsbald mußte sie sich für ihr Bekenntnis, so richtig es war, eine Zurechtweisung vom Herrn gefallen lassen, der ihre Worte also verbesserte: »Ja, selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren«!

Unter den Aposteln genoß allein Johannes das Vorrecht der besonderen Liebe des Meisters, so daß er der Lieblingsjünger des Herrn genannt wurde. Von Martha aber und Maria schreibt Johannes selber: »Denn Jesus hatte Martha lieb und ihre Schwester Maria und Lazarus«. Derselbe Apostel, der infolge besonderer Bevorzugung, die er genoß, sich als den Lieblingsjünger des Herrn bezeichnet, schreibt den Frauen dasselbe Vorrecht zu, das er doch keinem der andern Apostel zugesteht. Und wenn er auch den Bruder derselben an der gleichen Ehre teilnehmen läßt, so nennt er doch die Frauen vor ihm, als wollte er damit andeuten, daß sie dem Herzen Jesu näher standen.

Endlich will ich auf die Frauen zurückkommen, die der christlichen Kirche bereits angehörten, und die Barmherzigkeit Gottes, die sich bis zur Verworfenheit öffentlicher Dirnen herabläßt, staunend verkünden und sie verkündigend anstaunen. Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Ägyptiaca, die nachmals durch die göttliche Gnade zu Ehren und Würden erhoben wurden, ein Vorleben der verworfensten Art geführt? Jene lebte später, wie schon erwähnt, beständig in der Gemeinschaft der Apostel; von der andern wird berichtet, sie habe als Einsiedlerin einen übermenschlich harten Bußkampf durchgekämpft, so daß der Tugend der heiligen Frauen die erste Stelle gebührt, wenn man die Mönche beiderlei Geschlechts ins Auge faßt, ja daß das Wort, welches der Herr an die Ungläubigen richtete: »Die Huren werden eher ins Reich Gottes kommen als ihr« -- seine Anwendung selbst auf gläubige Männer zu finden scheint, und daß die, welche ihrem Geschlecht und ihrem Leben nach die letzten waren, die ersten werden und die ersten -- die letzten. Endlich, wer weiß es nicht, mit welch heiligem Eifer die Frauen die Mahnung Christi und den Rat des Apostels zur Keuschheit befolgt haben, so daß sie, um Leib und Seele unverletzt zu erhalten, sich im Märtyrertod Gott zum Opfer dargebracht haben und im Schmuck der zweifachen Krone dem Lamm, das den Jungfrauen verlobt ist, zu folgen begehrten, wohin es ging. Solche Vollkommenheit finden wir selten bei Männern, häufig dagegen bei Frauen. Ja, einige von ihnen, so wird uns erzählt, hielten mit solchem Eifer an dieser höheren Würde ihres keuschen Leibes fest, daß sie nicht zögerten, selbst Hand an sich zu legen, um nicht ihre Jungfräulichkeit, die sie Gott geweiht hatten, zu verlieren, sondern als Jungfrauen zu ihrem jungfräulichen Bräutigam zu kommen.

Und er hat zu erkennen gegeben, wie angenehm vor ihm die Frömmigkeit heiliger Jungfrauen sei. Als bei einem Ausbruch des Ätna die Menge des heidnischen Volkes hilfesuchend zur heiligen Agathe eilte, wurden sie durch den Schleier der Heiligen, den diese dem furchtbaren Feuer entgegenhielt, vom Verderben des Leibes und der Seele gerettet. Wir wissen nichts davon, daß dem Gewand irgend eines Mönches solche Segenskräfte verliehen worden wären. Zwar lesen wir, daß durch Elias' Mantel der Jordan geteilt wurde, so daß er und Elisäus trockenen Fußes hindurchgingen: dort aber wird durch den Schleier einer Jungfrau die gewaltige Menge eines bisher ungläubigen Volkes an Leib und Seele gerettet und den dadurch Bekehrten der Weg zum Himmel eröffnet.

Auch das ist bezeichnend für die hohe Würde heiliger Frauen, daß sie bei ihrer Weihe die Worte aussprechen: »Durch seinen Ring hat er mich erworben, seine Braut bin ich«. Es sind dies Worte der heiligen Agnes, durch welche die Jungfrauen, die ihr Gelübde ablegen, sich mit Christus vermählen.

Will man bis auf die heidnischen Zeiten zurückgehen, um zu erfahren, welche Gestalt und welches Ansehen euer Stand damals gehabt habe, und zu eurer Ermunterung einige Beispiele aus jener Zeit anführen, so ist die Beobachtung leicht zu machen, daß es schon damals einige Einrichtungen gab, die diesem Beruf ähnlich waren, abgesehen davon, daß der richtige Glaube noch fehlte, und daß unter Heiden und Juden manches bestand, was die Kirche von ihnen herübergenommen und in verbesserter Form beibehalten hat. So ist allgemein bekannt, daß die Kirche die ganze Stufenleiter des geistlichen Standes vom Thürhüter bis zum Bischof, den Gebrauch der Tonsur, dem sich die Geistlichen unterwerfen müssen, die Quatemberfasten, das Fest der süßen Brote, ja sogar die Verzierungen an den priesterlichen Gewändern und manche heiligen Gebräuche bei Weihungen und anderen Gelegenheiten -- von der Synagoge übernommen hat. Ebenso bekannt ist, daß die Kirche mit weiser Mäßigung nicht bloß die Stufenleiter der weltlichen Würden, wie die der Könige und Fürsten, ferner manche Gesetzesbestimmungen und moralische Anschauungen und Vorschriften unter den bekehrten Völkern weiter bestehen ließ: sondern sie hat sogar einige kirchliche Würden, die Art und Weise der Ausübung der Enthaltsamkeit und Vorschriften in Beziehung auf körperliche Reinigungen von ihnen angenommen. Es ist sicher, daß jetzt Bischöfe und Erzbischöfe im Amt sind, wo damals die Flamines und Archiflamines waren, und daß die Tempel, welche damals den Dämonen gehörten, später dem Herrn geheiligt und dem Gedächtnis der Heiligen geweiht wurden.

Man weiß auch, daß bei den Heiden der jungfräuliche Stand besonderes Ansehen genoß, während die Juden durch ihr Gesetz zur Ehe angehalten wurden; ja, bei den Heiden wurde diese Tugend fleischlicher Unbeflecktheit so hoch gehalten, daß in ihren Tempeln große Gemeinschaften von Frauen sich aufhielten, die dem ehelosen Leben sich ergeben hatten. Daher Hieronymus im dritten Buch seines Kommentars zum Galaterbrief sagt: »Was werden wir zu thun haben, wenn uns zur Beschämung Juno ihre geweihten Frauen, Vesta ihre Jungfrauen, und andere Götzen ihre Enthaltsamkeit übenden Verehrer haben?« Wenn er Frauen und Jungfrauen nennt, so versteht er unter den ersteren solche, die einst mit Männern verkehrt hatten, nun aber für sich leben, unter den letzteren solche, die von jeher als Jungfrauen für sich gelebt hatten. Denn die Worte monos und monachos, welch letzteres vom ersten abgeleitet ist und soviel wie Einsiedler bedeutet, haben ein und denselben Sinn.