Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards
Part 15
Diesen letzteren Punkt führt der heilige Hieronymus noch weiterhin also aus: »Vermeide es, sie mit dem Diakonissenamte zu betrauen, damit nicht ein böses statt ein gutes Beispiel gegeben werde, wenn Jüngere zu diesem Amt gewählt werden, die der Versuchung leichter zugänglich und von Natur noch schwächer sind: sie möchten sonst, da sie noch nicht ein langes, an Erfahrungen reiches Leben hinter sich haben, denen ein übles Beispiel geben, welchen sie ein Vorbild im Guten sein sollten«. Von dem üblen Beispiel, das durch junge Witwen gegeben werden könne, redet der Apostel so offen, weil er in dieser Beziehung seine Erfahrungen gemacht hatte, und diesem Übelstand will er durch seinen Rat vorbeugen. Nachdem er gesagt hat: »Der jungen Witwen entschlage dich«, fügt er alsbald den Grund und das Mittel zur Abhilfe hinzu, indem er weiter sagt: »Denn wenn sie geil worden sind wider Christum (d. h. trotz Christus), so wollen sie freien und haben ihr Urteil, daß sie die erste Treue gebrochen haben; daneben sind sie faul und lernen umlaufen durch die Häuser; nicht allein aber sind sie faul, sondern auch schwätzig und vorwitzig und reden, das nicht sein soll. So will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem Widersacher keine Ursache geben zu schelten. Denn es sind schon etliche umgewandt dem Satan nach«.
Diese Vorsicht des Apostels in Beziehung auf die Wahl der Diakonissen teilt der heilige Gregorius in seinem Brief an Maximus, den Bischof von Syrakus, in welchem er sagt: »Junge Äbtissinnen wollen wir durchaus nicht; deine brüderliche Liebe möge daher den Bischöfen gebieten, nur Jungfrauen, die das sechzigste Lebensjahr erreicht haben und deren Leben und Sitten erprobt sind, den Schleier zu geben«. Was wir jetzt Äbtissin nennen, nannte man früher Diakonisse, da man sie mehr als Dienerinnen ansah denn als Mutter. Diakon heißt Diener und man hielt dafür, daß die Diakonissen nach ihrem dienenden Amt, nicht nach ihrer bevorzugten Stellung zu benennen seien, wie uns dies der Herr durch sein Beispiel und Wort gelehrt hat, der da spricht: »Wer unter euch der Größeste ist, der soll aller Diener sein«. Und wiederum: »Welcher ist der Größeste, der zu Tische sitzt oder der da dienet? Ich aber bin unter euch wie ein Diener«. Und an einer andern Stelle: »Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er ihm dienen lasse, sondern daß er diene.« Darum hat auch Hieronymus sich nicht gescheut, kraft göttlicher Autorität den Titel »Abt«, den damals schon viele mit Stolz führten, zu verwerfen. In seiner Auslegung der Stelle des Galaterbriefs: »Der schreiet: Abba, lieber Vater«, sagt er: »Abba bedeutet im Hebräischen 'Vater'. Da nun Abba im Hebräischen und Syrischen 'Vater' heißt und der Herr im Evangelium gebietet, man solle niemand Vater nennen, als Gott, so weiß ich nicht, mit welchem Recht wir in den Klöstern entweder andere bei diesem Namen nennen oder uns selber so nennen lassen. Gewiß ist derjenige, welcher dieses Gebot ausgesprochen hat, doch derselbe, der auch gesagt hat: du sollst nicht schwören. Wenn wir nicht schwören, so dürfen wir auch niemand Vater nennen. Wenn wir aber das Wort 'Vater' anders auslegen, so müssen wir notwendig auch über das Gebot vom Schwören anders denken«.
Eine solche Diakonisse war jene Phöbe, welche der Apostel Paulus der römischen Gemeinde so angelegentlich empfahl und für die er folgendes gute Wort einlegte: »Ich befehle euch aber unsere Schwester Phöbe, welche ist am Dienst der Gemeine zu Kenchreä, daß ihr sie aufnehmet in dem Herrn, wie sich's ziemet den Heiligen, und thut ihr Beistand in allem Geschäft, darinnen sie eurer bedarf. Denn sie hat auch vielen Beistand gethan, auch mir selbst«. Cassiodorius und Claudius, die diese Stelle erklären, sagen ebenfalls aus, daß sie in jener Gemeinde Diakonisse gewesen sei. Bei Cassiodorius heißt es: »Der Apostel deutet an, daß sie Diakonisse der Muttergemeinde gewesen sei. Dieses Amt wird in der griechischen Kirche noch heutzutage von Frauen gleichsam als ein Kriegsdienst des Herrn ausgeübt; auch das Recht zu taufen wird ihnen in dieser Kirche zuerkannt«. Claudius sagt darüber: »Diese Stelle beweist, daß nach apostolischer Verordnung auch Frauen im Dienste der Kirche verwendet wurden. Ein solches Amt bekleidete in der Gemeinde von Kenchreä Phöbe, welche der Apostel so sehr lobt und warm empfiehlt«.
In seinem Brief an Timotheus rechnet er solche Frauen unter die Diakonen selbst und giebt ihnen ganz ähnliche sittliche Verhaltungsmaßregeln. Er sagt dort an einer Stelle, bei der Besprechung der verschiedenen Abstufungen kirchlicher Ämter, indem er vom Bischof auf die Diakonen zu sprechen kommt: »Desselbigen gleichen die Diener sollen ehrbar sein, nicht zweizüngig, nicht Weinsäufer, nicht unehrliche Handtierung treiben, die das Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen haben«. Ferner: »Und dieselbigen lasse man zuvor versuchen, danach lasse man sie dienen, wenn sie unsträflich sind. Desselbigen gleichen ihre Weiber sollen ehrbar sein, nicht Lästerinnen, nüchtern, treu in allen Dingen. Die Diener laß einen jeglichen sein Eines Weibes Mann, die ihren Kindern wohl vorstehen und ihren eigenen Häusern. Welche aber wohl dienen, die erwerben ihnen selbst eine gute Stufe und eine große Freudigkeit im Glauben in Christo Jesu«.
Also, was er dort von den Diakonen sagt: »Sie seien nicht zweizüngig!« das gilt hier von den Diakonissen: »nicht Lästerinnen«; wie er dort sagt: »nicht Weinsäufer«, so hier: »nüchtern«, und was dort sonst noch näher ausgeführt wird, das faßt er hier zusammen in den Worten: »Treu in allen Dingen«. Wie er den Bischöfen und Diakonen verbietet, mehr als eine Frau zu haben, so gebietet er den Diakonissen, wie wir gesehen haben, Eines Mannes Weib zu sein. »Laß keine Witwe erwählet werden, sagt er, unter sechzig Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib, und die ein Zeugnis habe guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen aber entschlage dich.«
Wie sorgfältig der Apostel in der Schilderung und Instruktion der Diakonissen gewesen ist, kann man am besten beurteilen, wenn man die vorangehenden Vorschriften für Bischöfe und Diakonen damit vergleicht. Von dem »ein Zeugnis haben guter Werke« oder von »gastfrei sein« wird bei den Diakonen nichts erwähnt. Oder wenn er bei den Diakonissen beifügt: »so sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen« u. s. w., so findet man bei den Bischöfen und Diakonen von diesen Forderungen nichts. Zwar verlangt er von Bischöfen und Diakonen, daß sie »unsträflich« seien. Von den Diakonissen aber verlangt er nicht bloß, daß sie untadelig seien, sondern auch, daß sie »allem guten Werk nachgekommen seien«. Sehr vorsichtig ist er auch in der Bestimmung ihrer Altersgrenze, damit ihr Ansehen in allen Stücken um so größer sei: »nicht unter sechzig Jahren«; nicht bloß vor ihrer Lebensführung, sondern auch vor ihrem hohen, an Erfahrungen reichen Alter sollte man Respekt haben. So hat auch der Herr wohl den Johannes am meisten geliebt und doch den Petrus, weil er älter war, über ihn und die anderen Jünger gesetzt. Denn jedermann erträgt leichter einen Älteren als Vorgesetzten, denn einen Jüngeren, und lieber gehorchen wir einem älteren Mann, welchen nicht bloß zufällige Lebensumstände, sondern die Natur und die Zeitverhältnisse über uns gestellt haben.
So sagt auch Hieronymus im ersten Buch seiner Schrift »Gegen Jovinianus«, indem er von der Bevorzugung des Petrus spricht: »Einer wird erwählt, damit ein Oberhaupt da sei und so der Anlaß zu einer Spaltung beseitigt werde. Aber warum ist nicht Johannes dazu erwählt worden? Jesus hat dem Alter den Vorzug gegeben. Petrus war der Ältere, und es sollte nicht der Jüngling, der fast noch ein Knabe war, Männern von vorgerückterem Alter vorgezogen werden. Der gute Meister, der seinen Jüngern jeden Anlaß zum Streit benehmen mußte, wäre ja sonst gewissermaßen selbst schuld gewesen, wenn man seinen Lieblingsjünger mit Mißgunst angesehen hätte.«
Von dieser Erwägung ließ sich auch jener Abt leiten, der, wie in dem »Leben der Altväter« erzählt wird, dem jüngeren von zwei Brüdern, obwohl er früher in den Orden eingetreten war, die höhere Stelle verweigerte und sie dem älteren gab, aus dem einzigen Grunde, weil dieser vorgerückteren Alters war als jener. Er fürchtete, daß selbst der leibliche Bruder durch die Bevorzugung des Jüngeren sich verletzt fühlen möchte. Er erinnerte sich, daß auch die Apostel über die beiden Brüder aus ihrer Mitte unwillig wurden, die durch die Vermittlung ihrer Mutter von Christus eine Bevorzugung erlangen wollten, wobei obendrein noch der eine von den beiden, nämlich der obengenannte Johannes, jünger war, als die übrigen Apostel.
Aber nicht bloß bei der Einsetzung der Diakonissen verfuhr der Apostel mit der größten Sorgfalt, sondern er war überhaupt bestrebt, den Witwen, die ein gottgeweihtes Leben führen wollten, jeden Anlaß zu einer Versuchung aus dem Weg zu räumen. Denn seinen Worten: »Ehre die Witwen, welche rechte Witwen sind« -- fügt er sogleich bei: »So aber eine Witwe Kinder oder Neffen hat, solche laß zuvor lernen ihre eigenen Häuser göttlich regieren und den Eltern gleiches vergelten«. Und einige Zeilen weiter unten heißt es: »So aber jemand die Seinen, sonderlich seine Hausgenossen, nicht versorget, der hat den Glauben verleugnet und ist ärger denn ein Heide«.
Mit dieser Verordnung trägt der Apostel zugleich den Pflichten der Menschlichkeit und denen der Religion Rechnung. Er will verhüten, daß unter dem Vorwand der Frömmigkeit hilflose Kinder verlassen werden, und daß die Stimme des Blutes in einer Witwe das Mitleid für die Hilfsbedürftigen wecke, sie dadurch in ihrem frommen Vorsatz irre mache und rückwärts zu sehen nötige, ja, daß sie unter Umständen gar zum Verbrechen am Heiligtum verleitet werde und, um den Ihrigen etwas zuzuwenden, die Gemeinde betrüge. Daher erscheint durchaus notwendig sein Rat, daß solche, die noch mit häuslichen Sorgen zu thun haben, ehe sie mit ihrem Witwenstand wirklich Ernst machen und sich ganz in den Dienst Gottes stellen, vorher »ihren Eltern gleiches vergelten sollen«, d. h. daß sie ihren Kindern vorher die gleiche Fürsorge zu teil werden lassen, mit der sie einst selbst von ihren Eltern aufgezogen worden sind.
Um den Stand der Witwen zu vervollkommnen, verlangt er von ihnen, daß sie anhalten mit Gebet und Flehen Tag und Nacht. In der aufrichtigen Sorge um ihre Bedürfnisse sagt der Apostel: »So aber ein Gläubiger Witwen hat, der versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret werden, auf daß die, so rechte Witwen sind, mögen genug haben«. Dies soll so viel heißen als: wenn irgendwo eine Witwe ist, welche solche Angehörige hat, die sie von ihrer Habe unterstützen können, so sollen diese für sie sorgen, damit für den Unterhalt der übrigen die Gemeindekasse ausreiche. Daraus geht deutlich hervor, daß diejenigen, welche sich weigern, ihre Witwen zu unterstützen, auf Grund apostolischer Autorität zu ihrer Verpflichtung angehalten werden sollen.
Aber nicht allein auf ihre äußeren Bedürfnisse, sondern auch auf ihre Ehre ist der Apostel bedacht, wenn er sagt: »Ehre die Witwen, welche rechte Witwen sind«. Solche waren gewiß jene Frauen, deren eine der Apostel selbst seine Mutter, deren andere der Evangelist Johannes seine Herrin nennt, aus Ehrfurcht vor ihrem heiligen Berufe. »Grüßet Rufum, schreibt Paulus an die Römer, den Auserwählten in dem Herrn, und seine und meine Mutter« -- und Johannes beginnt seinen zweiten Brief: »Der Älteste der auserwählten Herrin und ihren Kindern«. Er fügt auch weiter unten die Aufforderung bei, sie möge ihn lieben: »Und nun bitte ich dich, Herrin, daß wir uns untereinander lieben«.
Im Vertrauen auf dieses Vorbild hat auch Hieronymus in seinem Brief an die Jungfrau Eustochium, die sich demselben Lebensberuf gewidmet hatte, wie ihr, sich nicht geschämt, sie seine Herrin zu nennen; ja, er fügt noch sogleich hinzu, warum dies sogar seine Pflicht sei: »darum nenne ich Eustochium meine Herrin, weil ich die Verlobte meines Herrn also nennen muß«. Auch sagt er weiter unten in demselben Brief, indem er das Vorrecht dieses heiligen Berufes über alle Herrlichkeit irdischen Glückes stellt: »Ich will nicht haben, daß du viel mit Damen verkehrst und in den Häusern vornehmer Frauen aus und ein gehst; ich will nicht, daß du dasjenige häufig siehst, was du gering geachtet, um im jungfräulichen Stande zu bleiben. Mag die Schar ehrgeiziger Schmeichlerinnen sich um des Kaisers Gemahl drängen -- solltest du darum deinem Manne sein Recht verkürzen? Du, Gottes Braut, wolltest dienstfertig zu eines Menschen Gattin eilen? Lerne in diesem Stück heiligen Stolz; wisse, daß du mehr bist denn jene«.
Derselbe Hieronymus schreibt an eine Jungfrau, die sich Gott geweiht hatte, über die himmlische Seligkeit und über das hohe Ansehen, das gottgeweihten Jungfrauen schon auf Erden zu teil werde, unter anderem folgendes: »Welche Seligkeit dem heiligen Stande der Jungfrauen im Himmel zu teil wird, das sehen wir nicht bloß aus den Zeugnissen der Heiligen Schrift, sondern auch aus dem Brauch der Kirche, welcher uns zeigt, daß die Jungfrauen, welche die geistliche Weihe empfangen, ein ganz besonderes Verdienst dadurch erwerben. Denn während von der großen Menge der Gläubigen alle die gleichen Gnadengaben empfangen und alle der gleichen Segnungen der Sakramente sich erfreuen, so haben jene etwas vor den übrigen voraus, denn aus der heiligen und unbefleckten Herde der Kirche werden sie zum Lohn für ihren heiligen Entschluß vom heiligen Geist auserlesen als besonders heilige und reine Opfer und werden als solche durch den höchsten Priester Gott vor seinem Altar dargebracht«. Und weiter heißt es: »Es besitzt also der jungfräuliche Stand etwas, das die andern nicht haben, da eine besondere Gnadengabe mit ihm verbunden ist und er sich auch, sozusagen, bei seiner Weihe eines besonderen Vorrechtes erfreut. Denn die Weihe der Jungfrauen darf ja -- es sei denn bei drohender Todesgefahr -- zu keiner andern Zeit vollzogen werden als an Epiphanias und an den Weißen Ostern, oder an den Feiertagen der Apostel. Auch dürfen die Jungfrauen selbst wie die Schleier, die ihr gottgeweihtes Haupt bedecken sollen, nur vom obersten Priester, d. h. vom Bischof geweiht werden«. Die Mönche dagegen, obwohl sie demselben Stande und dem bevorzugten Geschlecht angehören können, auch wenn sie rein geblieben sind wie Jungfrauen, an jedem beliebigen Tag vom Abt die Einsegnung für sich selbst und für ihr Gewand, d. h. für ihre Kutte, erhalten. Priester und niedere Kleriker können während der Quatemberfasten, Bischöfe an jedem Sonntag die Weihe erhalten. Die Weihe der Jungfrauen ist je köstlicher, je seltener und ist besonders hohen Fest- und Freudentagen vorbehalten. Ob ihrer wunderbaren Tugend freut sich die ganze Kirche mit, sowie der Psalmist prophetisch davon redet in den Worten: »Jungfrauen führet man zum Könige«, und weiter: »Man führet sie mit Freuden und Wonne und gehen in des Königs Palast«. Man glaubt auch, daß der Apostel und Evangelist Matthäus selber die Liturgie zu dieser Weihe niedergeschrieben oder im mündlichen Gebrauch gehabt habe; wenigstens lesen wir dies in seiner Leidensgeschichte, wo auch erzählt wird, der Apostel sei für die Weihe und die Heiligkeit des jungfräulichen Standes den Märtyrertod gestorben. Für Kleriker und Mönche aber haben uns die Apostel keine Weiheformel hinterlassen.
Der heilige Stand der Frauen wird schon durch den ihnen eigentümlichen Namen angedeutet; heißen sie doch Sanktimonialen, und dieses Wort kommt her von sanctimonia oder sanctitas, d. h. so viel als Heiligkeit. Denn je schwächer das weibliche Geschlecht, desto angenehmer ist es vor Gott, desto vollkommener ihre Tugend -- nach dem Zeugnis des Herrn selbst, der den mutlosen Apostel ermahnt, auszuharren im Kampf bis zum Sieg, indem er spricht: »Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig«. Er ist es auch, der durch den Mund des Apostels in demselben zweiten Brief an die Korinther über die Glieder seines Leibes, d. h. der Kirche, so redet, als wollte er den Wert der schwachen Glieder besonders hervorheben; es heißt dort: »Sondern vielmehr die Glieder des Leibes, die uns dünken die schwächsten zu sein, sind die nötigsten, und die uns dünken die unehrlichsten zu sein, denselbigen legen wir am meisten Ehre an, und die uns übel anstehen, die schmücket man am meisten. Denn die uns wohlanstehen, die bedürfens nicht. Aber Gott hat den Leib also vermenget und dem dürftigen Glied am meisten Ehre gegeben, auf daß nicht eine Spaltung im Leibe sei, sondern die Glieder füreinander gleich sorgen«.
Wer möchte behaupten, daß die Fülle der göttlichen Gnade und Nachsicht irgendwo anders so reichlich sich ergossen habe wie über das schwache Geschlecht der Frauen, welches durch seine Schuld wie durch seine Natur sich verächtlich gemacht hatte? Sieh die verschiedenen Stände dieses Geschlechts an und du wirst finden, daß der Reichtum der Gnade Christi sich erweist nicht bloß an Jungfrauen, Witwen oder Ehefrauen, sondern selbst an den verworfensten Dirnen, dem Abschaum ihres Geschlechts. Da geht es nach dem Wort des Herrn und des Apostels: »Die letzten werden die ersten und die ersten werden die letzten sein« -- »wo aber die Sünde mächtig ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger«. Wenn wir uns die Gnadengaben und Auszeichnungen vergegenwärtigen, die von Anbeginn der Welt Gott dem weiblichen Geschlecht hat zukommen lassen, so finden wir, daß schon bei der Schöpfung die höhere Würde des Weibes sich zu erkennen giebt, sofern sie im Paradiese selbst, der Mann dagegen außerhalb desselben erschaffen wurde. Daraus sollten die Frauen lernen, daß das Paradies ihre angestammte Heimat sei und daß es ihnen wohl anstehe, die Unschuld paradiesischen Lebens zu pflegen. Ambrosius sagt in seinem Buch »Vom Paradies«: »Und Gott nahm den Menschen, welchen er gemacht hatte, und setzte ihn ins Paradies«. Also der, der schon war, wird ergriffen und ins Paradies gesetzt; demnach ist der Mann außerhalb des Paradieses erschaffen worden, die Frau dagegen im Paradies. Der Mann, der am geringeren Ort entstand, erweist sich als der bessere, und die Frau, die am bevorzugten Ort geschaffen wurde, als die geringere. Auch hat der Herr zuerst das, was Eva, die Urheberin aller Sünde, gesündigt hatte, durch Maria wieder gutgemacht, dann erst die Sünde Adams durch Christus. Und wie die Schuld von einer Frau herkam, so hat auch die Gnade ihren Ursprung aus der Frau genommen, und das Ansehen der Jungfräulichkeit ist aufs neue erblüht. Zuerst ist die Form einer gottgeweihten Lebensweise durch Anna und Maria den Witwen und den Jungfrauen vorgebildet worden, dann erst haben Johannes und die Apostel den Männern das Beispiel mönchischen Lebens gegeben.
Sehen wir, nach Eva, auf die Tugend einer Debora, Judith, Esther, so werden wir finden, daß das starke Geschlecht allen Grund hat, darüber zu erröten. Debora, die Richterin des auserwählten Volkes, hat Schlachten geschlagen, als es an Männern gebrach, und nach dem Sieg über den Feind und der Befreiung ihres Volkes Triumphe gefeiert. Die wehrlose Judith hat mit ihrer Dienerin Abra ein schreckliches Heer angegriffen und den Holofernes mit seinem eigenen Schwert enthauptet; sie allein hat die ganze Feindesschar geschlagen und ihr verzweifelndes Volk errettet. Esther, obwohl im Widerspruch zum Gesetz mit einem heidnischen Fürsten vermählt, hat mittels der geheimnisvollen Einwirkung des heiligen Geistes den Rat des gottlosen Haman und das grausame Gebot des Königs zunichte gemacht und hat in einem Augenblick das Gegenteil von dem bewirkt, was bei dem König beschlossene Sache gewesen war.
Man macht so viel Aufhebens davon, daß David mit Schleuder und Stein den Goliath angegriffen und besiegt hat. Judith, die Witwe, zog gegen das feindliche Heer, ohne Schleuder und ohne Wurfgeschoß, ohne irgend ein Waffenstück. Esther befreite ihr Volk durch ihr bloßes Wort und wandte das Verdammungsurteil auf ihre Feinde zurück, so daß sie selbst in die Grube fielen, welche sie gegraben hatten. Mit Recht ist bei den Juden zum Andenken an diese Heldenthat ein jährlich wiederkehrendes Freudenfest eingesetzt worden, eine Verherrlichung, welche selbst den glänzendsten Mannesthaten nicht zu teil geworden ist. Wer denkt nicht mit Bewunderung an den Mut der Mutter jener sieben Söhne, die nach dem Berichte des Buchs der Makkabäer zusammen mit ihrer Mutter gefangen genommen wurden, und welche der grausame König Antiochus vergeblich zwingen wollte, Schweinefleisch zu essen, was im Gesetz verboten ist. Diese Mutter, ihre eigene Natur verleugnend und alles menschliche Gefühl vergessend, hatte nichts als nur Gott vor Augen; so viel Söhne sie unter frommen Ermahnungen den Todesweg vorangehen ließ, so viel Märtyrerkronen hat sie selber sich errungen, und zuletzt wurde sie vollendet durch ihren eigenen Märtyrertod.
Wenn wir das ganze Alte Testament durchblättern -- wo findet sich etwas, das dem beharrlichen Mute dieses Weibes gleichkäme? Jener unerbittliche Versucher, der dem frommen Hiob bis aufs äußerste zusetzte, sagt im Hinblick auf die menschliche Schwachheit dem Tode gegenüber: »Haut für Haut und alles wird der Mensch für sein Leben geben«. Denn uns alle erfüllt der Gedanke an die Schrecken des Todes unwillkürlich mit solcher Angst, daß wir, um das eine Glied zu schützen, oft das andere preisgeben und keine Mühsal scheuen, wenn wir nur unser Leben retten können. Diese Frau aber hat nicht bloß ihre Habe geopfert, sondern ihr und ihrer Kinder Leben mutig drangegeben, nur um sich auch nicht gegen Eine Satzung zu verfehlen. Was war es eigentlich, wozu man sie zwingen wollte? Sollte sie Gott verleugnen oder den Götzen Weihrauch streuen? O nein, nichts anderes verlangte man von ihnen als daß sie das Fleisch essen sollten, das ihnen im Gesetz verboten war. O meine Brüder, durch Ein Gelübde mit mir verbunden, die ihr ohne Scheu tagtäglich nach Fleisch seufzet, im Widerspruch gegen die Regel und gegen unser Ordensgelübde: was saget ihr zur Standhaftigkeit dieses Weibes? Oder hättet ihr euch so ganz jeden Schamgefühls entäußert, daß ihr dies anhören könntet ohne zu erröten? Denket daran, meine Brüder, wie der Herr die Ungläubigen drohend auf die Königin von Mittag hinweist: »Die Königin von Mittag wird auftreten am jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen«. Bedenket, daß ihr euch die Standhaftigkeit dieser Frau um so mehr zur Aufmunterung dienen lassen müsset, als ihre Leistung viel größer war als die eurigen, und ihr durch euer Ordensgelübde viel enger an euren heiligen Beruf gebunden seid.