Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)

Part 24

Chapter 243,401 wordsPublic domain

Mir fehlt Zeit und Kraft, heute mehr zu berichten. Kämpfe vom Morgen bis in die Nacht, über welche sich von der Ruhe des Belagerungszustandes aus bequem kritisiren läßt.

Hundertachtundvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 9. Mai 1849.

Gestern war von 9-10 Uhr Sitzung, 10-12 Weidenbusch, 12-2 Sitzung, 7-9 Casino, 9-11 Weidenbusch; wahrlich keine Sinecure, auch war ich Abends an Leib und Seele so matt wie eine Fliege im Herbste. Gegenstand der Berathungen in allen Versammlungen war vor Allem der anliegende wichtige Antrag Simon’s von Trier: die Aufstände in der Pfalz und in Sachsen zu billigen und zu unterstützen.

Ohne in die Sache selbst weitläufig einzugehen, will ich bei Dem stehen bleiben, was ich that oder sprach. Im Casino erklärte ich mich für die Nothwendigkeit, sich ganz +bestimmt wider+ jeden Versuch auszusprechen, durch +Gewalt+ die Verfassung einzuführen. Alle Zweideutigkeit und Nachgiebigkeit gegen derlei Bestrebungen müsse ein Ende nehmen, und wenn heute ein, diesen Grundsätzen nicht gemäßer, Beschluß gefaßt werde, so legte ich auf der Stelle mein Mandat nieder.

Im Weidenbusche widersprach ich bestimmt dem Antrage: den Einmarsch der Preußen in Sachsen aus blos formellen Gründen zu verdammen, bevor uns über die sachlichen Verhältnisse genügende und glaubhafte Kunde zugekommen sei; -- und ebenso der wilden Lehre: durch Aufstellung einer provisorischen Regierung habe die des Königs von Sachsen eigentlich ein Ende genommen.

Den im Casino geäußerten Wunsch: daß ich heute in der Paulskirche für ein Programm des Weidenbusches oder des Ministerii sprechen möge, mußte ich ablehnen, so lange ich dessen Inhalt nicht kenne, und man sich für dessen Unterstützung nicht geeinigt habe.

Hinsichts der obigen, von mir vertheidigten Punkte, stimmte indeß die Mehrheit für den ersten, und verwarf die anfängliche Fassung des zweiten.

Einzelne forderten mich auf, bei meiner +persönlichen Wichtigkeit+ noch lauter in den Vordergrund zu treten; da ich aber in Wahrheit persönlich +unbedeutend+ bin, muß ich mich innerhalb der Gränzen meiner Kraft und meines Rechtes halten.

Mit jedem Tage, ja mit jeder Stunde ändern sich die Verhältnisse: Der jammervolle Kampf in Dresden, die Aussicht auf noch furchtbarere Fehden, der völlige Bruch des berliner Ministeriums mit Frankfurt, die Zuweisung aller Schuld auf +uns+ (wie einst auf den Prinzen von Preußen) erschöpfen alle Geduld, alle Hoffnung. -- Nicht für immer, aber auf so lange, als die Tyrannei oben und die Empörung unten herrscht.

Wahrscheinlich ist morgen unser letzter Kampf. Dann folgt Überlegung und Beschluß, ob wir in Masse oder einzeln davongehen. Ich habe lebhaft auf Entschließung gedrungen, und erklärt, daß ich mich durch kein abgefordertes Gelübde des Bleibens binden lasse.

Hundertneunundvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 10. Mai 1849.

Schon wieder eine neue Krisis! Es ist ein Wunder, daß wir daran noch nicht gestorben sind. Gewiß wird der beiliegende Antrag gegen Urlaubsgesuche unser Leben nicht sehr verlängern.

Dem Antrage von Simon und Vogt gegenüber hatte das Ministerium ein gemäßigtes Programm entworfen, welches bezweckte, Reactionaire und Anarchisten +gleichmäßig+ in Zaum zu halten. Der Erzherzog hat seine Mitwirkung dafür abgelehnt und die Abdankung des Ministeriums Gagern angenommen. Er bezweckt ein neues zu bilden, was jedoch sehr schwer, ja unmöglich sein dürfte. Eine äußerste Rechte ist eigentlich nicht mehr vorhanden, oder doch in der Versammlung ohnmächtig; die Centra stimmen für Gagern, und ein Ministerium aus der Linken müßte dem Reichsverweser noch viel unwillkommener sein, als das soeben entlassene. Sollte er sich den widersprechenden Regierungen anschließen, so verliert er hier allen Boden, und die heftigsten Anträge dürften nicht ausbleiben.

Fallen heute Gagern’s Vorschläge in der Versammlung durch (welche nur +gesetzliche+ Mittel billigen), so müssen, meines Erachtens, die preußischen Abgeordneten binnen 24 Stunden einen entscheidenden Beschluß darüber fassen, was sie thun wollen. Unmöglich aber kann er eine Billigung +aller+ Maßregeln Preußens in sich schließen. Ihm war die Allmacht in Deutschland in die Hand gegeben, alle anarchischen Bestrebungen fielen zu Boden, wenn der König am 2. April kühn die Zügel ergriff. Man hat Schulstreitigkeiten, Zänkereien über buchstäbliches Recht u. dgl. pedantisch an die Spitze gestellt, und wird nun die mangelhafte Verfassung durch Kartätschen und Bürgerkrieg berichtigen müssen!

+Es ist unglaublich, wie die Begeisterung für Preußen sich im ganzen übrigen Deutschland binnen 4 Wochen verwandelt hat.+ In Eurer Belagerungsatmosphäre glaubt Ihr dies nicht; sowie umgekehrt hier die Linke sich einbildet oder weiß machen läßt, ganz Preußen werde sich für ihre Fratzen oder Gewaltzwecke erheben.

Daß die vernünftigen Leute der +einen+ Partei für Verräther, der +anderen+ für Feiglinge gelten, -- darüber darf man sich nicht wundern. Aber zu glauben, daß, wenn man Leib und Seele in steten Kämpfen für das als recht Erkannte opfert, nur erbärmliche Eitelkeit im Spiele, oder daß man ganz verdummt sei, wenn man sich dem oder jenem Machthaber nicht blind zu Füßen wirft, -- das geht freilich über das Maß Dessen hinaus, was man erwarten konnte und mußte!

Immer ertönt das Geschrei: die Frankfurter, die Frankfurter! als wären Lassault, Vogt, Schlöffel, Gagern, Radowitz u. s. w., alle in einer Form gebacken und über einen Leisten geschlagen!

+Am 2. April war die Möglichkeit gegeben, eine großartige Wiedergeburt glorreich zu Stande zu bringen; statt dessen führte das sogenannte Gewissen in staatsrechtliche Irrthümer+, gleichwie zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges das ebenfalls gepriesene Gewissen und der Blick nach Oben in die landverderblichen, Völker zerstörenden Fragen über Dreieinigkeit, Brotverwandlung, Gnadenwahl u. s. w. Das war das damalige theologische Narrenhaus, zu dem Freiwillige sich so vergnügt drängten, wie Görge in Tieck’s Reisenden. Jetzt geschieht, auf anderem Boden, ganz dasselbe von den Ultras der beiden Parteien.

Nachmittags.

Ich habe trotz Eurer Sorgen und Eures Andringens mich nicht übereilen, sondern bestimmte Ereignisse mit Recht abwarten wollen. Sie sind eingetreten. Die Nationalversammlung hat heute mit 188 gegen 147 Stimmen den anliegenden unverständigen und heillosen Antrag des Hrn. v. Reden angenommen, und unsere gemäßigten Vorschläge sind nicht einmal zur Abstimmung gekommen. An 100 Personen versammelten sich im Casino, um zu berathen, was nun zu thun sei. -- Sich beruhigen, abwarten, mit dem abgegangenen Ministerium berathen, eine für Alle passende Erklärung entwerfen u. s. w. u. s. w. Gründe aller Art für, gegen -- zu lang zur Entwickelung. Jeder Aufschub erschien mir unklug, unwürdig, rechtswidrig; deshalb habe ich eine einfache, bereits (vor weiteren thörichten Beschlüssen) an Hrn. Präsidenten Simson übergebene Austrittserklärung auch unterschrieben. So seid Ihr aller Sorge überhoben, und Euer Wille geschieht nunmehr zur +rechten+ Zeit.

Hundertfunfzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 11. Mai 1849.

Sie wissen bereits aus den Zeitungen, daß gestern ein Antrag des Hrn. v. Reden von der Reichsversammlung angenommen ward, welcher zu Gewaltschritten berechtigt oder doch verführt, und eine offene Fehde gegen Preußen ankündigt.

Obgleich ich noch immer glaube, daß die scheinbar kluge und gerechte Politik der preußischen Regierung, in Wahrheit Preußen um den höchsten Ruhm gebracht und verhaßt gemacht hat, daß vermeidliche Übel dadurch über ganz Deutschland herbeigezogen wurden; -- widerstrebt es doch meinem Gefühle und meinem Gewissen, die Bahn der Gewalt zu betreten, und die Teufel auszutreiben durch Belzebub, den obersten der Teufel. Daher bin ich gestern aus der Reichsversammlung ausgetreten, und mehrere Abgeordnete faßten denselben Beschluß.

Ich trete in diesen Tagen eine kleine Reise an, um mich körperlich und geistig von übergroßen Anstrengungen wo möglich zu erholen; später kehre ich nach Berlin zurück, in der Hoffnung, als ein treu Gläubiger von Ihnen empfangen, und schon dadurch für manches andere Leiden getröstet zu werden.

Nachmittags.

Die Abgeordneten (insbesondere die preußischen) berathen hin und her: ob, wenneher, mit welchen Erklärungen u. s. w. sie ausscheiden wollen. Sie können sich darüber nicht einigen, sondern warten, und warten auf entscheidende Ereignisse.

Wir Ausgeschiedenen glauben noch immer, den +rechten+ Zeitpunkt ergriffen und getroffen zu haben; während Andersgesinnte uns feige, verrätherisch, treulos u. dgl. schelten. Ich will über Die, welche andere Wege als wir einschlagen, den Stab nicht brechen, nicht mit ähnlicher Leidenschaft Vorwürfe zurückgeben; kann mir aber auch Pflicht und Gewissen nicht von Anderen zuschneiden und mich zu Gelübden verführen lassen.

Hunderteinundfunfzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 12. Mai 1849.

Ich wollte Euch heute einen langen, verständigen Brief schreiben, kann aber dazu die Gemüthsruhe nicht finden.

Der erfolglose Zug nach Berlin war für die Reichsversammlung die erste Hinweisung zum Tode; jetzt erneut sich die Krisis in verstärktem Maße; das letzte Hinscheiden wird nicht schmerzlicher, aber noch schmählicher sein.

Erst der Kampf gegen die Feinde Preußens und für ein ganzes Deutschland. Dann, als dies mit der Wiedergeburt unseres Vaterlandes unvereinbar erschien, ein erneuter Kampf für Einigung alles Übrigen unter Preußens Leitung; -- gelungen, siegreich! -- Hierauf (nicht durch unsere Schuld) geschlagen in Berlin, wie in Frankfurt. Und jetzt, nach jahrelangen, für Leib und Seele fast ertödtenden Anstrengungen kein Erfolg, kein Trost; und Hoffnung nur nach dem vorherigen Überstehen gefährlicher Krankheiten, gewaltsamer Fehden und Bürgerkriege!

Von Freunden getadelt und verkannt, von Unwissenden als Thor bezeichnet, von Leidenschaftlichen und Böswilligen als Verräther geschmäht, -- das ist das Schicksal eines frankfurter Abgeordneten! Erst die Nachwelt wird die Größe und Schwierigkeit der Aufgabe ganz erkennen, und wenigstens unserem redlichen Willen und unserer Aufopferung Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ja, trotz aller Klagen und alles Schmerzes hege ich die Überzeugung, daß man (nach Beseitigung des Mangelhaften) auf dem in Frankfurt gelegten großen Grunde wird fortbauen können und fortbauen müssen, wenn Deutschland gekräftigt und erneut fortleben, und nicht Polens Schicksal erfahren soll.

Anhang.

Reden die in Frankfurt nicht gehalten wurden.

Zuerst gedruckt im August 1848.

I. Über die Verhältnisse Deutschlands zu fremden Mächten.

Man kann über die Verhältnisse Deutschlands zum Auslande nicht gründlich sprechen und urtheilen, bevor man einige der wichtigsten inneren Zustände scharf ins Auge gefaßt hat. Dahin gehört zuvörderst die Kriegsmacht, worüber wir vor wenigen Tagen ernste Untersuchungen angestellt und wichtige Beschlüsse gefaßt haben. Jene ergeben, daß, neben manchen Mängeln und Vernachlässigungen, einzelne Staaten (vor allen Preußen) bereits mehr geleistet haben, als selbst nach dem +neuen+ Beschlusse, ihnen obliegt; und wir dürfen voraussetzen, daß die zeither Zurückbleibenden es für eine Ehrensache halten werden, rasch in die erste Reihe vorzurücken. Sind wir denn aber mit dieser neuen verstärkten Kriegsmacht wirklich bei einem rechten, letzten Ziele angelangt? -- Ich zweifle. -- Sachverständige haben uns gesagt: bei gleicher Tapferkeit und gleicher Kriegsübung, entscheidet die +Mehrzahl+. Um deswillen erhöhen wir die Zahl unserer Kriegsmannschaft, ich setze von 300 auf 500 Mann. Dies hören die Franzosen und Russen, stellen ähnliche Betrachtungen an und erhöhen nunmehr auch ihre Zahl von 500 auf 600 Mann. Rasch folgen wir dem neuen Beispiele, fürchten von Neuem doppelt die Gefahr der Überzahl, und so entsteht wechselseitiges Überbieten ohne Ende, und ohne Ziel und Sieg. -- Wahrlich, wenn die Völker Europas diesen Weg immer weiter verfolgen, so erscheinen die Besorgnisse, welche der Abgeordnete für Leipzig darlegte, viel zu gering; denn es werden alsdann +alle+ Richtungen menschlicher Thätigkeit einer einzigen völlig untergeordnet, alle Kräfte einem einseitigen Zwecke geopfert, und die gebildeten Völker lösen sich auf in Kriegsscharen wie zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, oder in Horden saporoger Kosaken. Darum wird es eine Aufgabe des gerüsteten Deutschlands sein, seine fast unverwundbaren Nachbarn in Osten und Westen aufzufordern, nicht durch übermäßig zahlreiche Heere den Kriegszustand auch im Frieden zu verewigen.

Zu friedlichen wie zu kriegerischen Zwecken muß aber Deutschland +eines+ Sinnes sein; es müssen die bitteren unbegründeten Angriffe ein Ende nehmen, welche nur zu oft (insbesondere gegen Preußen) ausgesprochen werden. Denn wenn auch die preußischen Abgeordneten, in der Überzeugung von der Heilsamkeit eines einigen Deutschlands, nie über die Gränzen der Nothwehr hinausgehen, und schon des Anstandes halber nicht in ähnlicher Weise mit Anklagen hervortreten: so findet sich doch das preußische Volk dadurch aufs Äußerste verletzt, und jene Ankläger vergessen daß sie selbst dadurch die, übermäßig gescholtenen, Sonderinteressen hervorrufen.

Das große Räthsel: wie diese Sonderinteressen mit den Reichsinteressen zu versöhnen sind, ist in der Paulskirche noch nicht gelöset worden. Sehr natürlich hat man jedoch in der neuesten Zeit die übelen Folgen der deutschen Zerstückelung und Auflösung vorzugsweise hervorgehoben, und auf Einheit des Reiches hingearbeitet. Doch ist diese Betrachtung und Bemühung keine neue. Große Kaiser, wie Friedrich I, Karl V, Ferdinand II, haben in verschiedener Weise auf Stärkung der Reichsgewalt hingearbeitet, ihr Ziel aber nicht erreicht. Auch diesmal wird das Ziel verfehlt werden, wenn man irrig die französische Centralisation den Deutschen als nachahmungswürdig vorstellt. Gewiß ist der aufs Höchste lobgepriesene, und doch noch immer unklare Begriff der Volkssouverainetät da noch nicht verwirklicht, wo eine Hauptstadt allmächtig das Land beherrscht. Neben allen Mängeln in Deutschland, welch geistiges, reiches Leben, welche Schätze der Wissenschaft und Kunst in seinen einzelnen Landestheilen und Städten! Welche Armuth in Frankreich, außerhalb Paris!

Die Reichsversammlung hat in Frankfurt erklärt: jeder einzelne deutsche Staat müsse sich ihren Beschlüssen unterwerfen. In solcher Allgemeinheit ausgesprochen, ruft er Widersprüche und Sonderinteressen hervor, statt sie mit Recht zu ermäßigen. Reichsrechte und Staatenrechte sind +gleich heilig+, +gleich unantastbar+; es kommt nur darauf an, ihre gegenseitigen Gränzen mit Weisheit und Mäßigung festzusetzen. Dies ist bis jetzo noch nicht geschehen, aber gewiß die Hauptaufgabe des neu zu bildenden deutschen Staatsrechtes. Nordamerika hat dieselbe vollständig zur allgemeinen Zufriedenheit gelöset, und dort ist für Deutschland mehr zu lernen, als in Paris.

Erst wenn die hier angedeuteten großen Zwecke erreicht sind, stehen wir vollgewichtig den übrigen Staaten gegenüber. Man fragt +ob+, man klagt +daß Rußland+ sich gerüstet habe. Wie kann sich ein Unbefangener darüber wundern! Wenn wir uns gegen Frankreich so benommen, so gesprochen, so gedroht hätten, wie gegen Rußland; jenes hätte bei seiner großen Reizbarkeit wahrscheinlich schon den Krieg erklärt. Rußland findet einen Krieg an seinen westlichen Gränzen seinen Interessen nicht angemessen; es würde ihn beginnen, wenn der Wahnsinn gewisser Fanatiker einen Bürgerkrieg in Preußen hervorriefe. Die, unverantwortlich vernachlässigte, große Gefahr von Rußland her liegt an der unteren Donau und in seinem, während des Friedens ununterbrochen verfolgten Kriegssysteme wider die Entwickelung der fleißigen Landschaften an der Ostsee.

Man hat hier gesagt: +Frankreich+ habe uns die +Freiheit geschenkt+. Ich will hier nicht erwähnen, wie theuer Deutschland ihm die +Tyrannei+ bezahlt hat, sondern nur bemerken: daß man einem Volke so wenig die Freiheit schenken kann, als einem Manne die Tapferkeit, oder einer Frau die Keuschheit. Unläugbar führt ein Krieg (und gewiß alsdann ein langer Krieg) mit Frankreich zum Untergang aller Bildung und geistigen Thätigkeit. Für Erhaltung des Friedens müssen deshalb alle ächten Deutschen und Franzosen mit allen Kräften wirken; und wenn ein edler Mann, Herr v. Circourt, der Abgesandte der französischen Republik in Berlin, erklärte: er wolle gern für diesen erhabenen Zweck sein Leben opfern, so werden wir nicht hinter ihm zurückbleiben. Gewiß gewinnt diese Ansicht auch in Frankreich kürzlich mehr Anhänger: allein Wünsche, Hoffnungen, Versprechungen, begeisterte Weissagungen, sind noch keine genügenden Bürgschaften, sie machen Besonnenheit, Vorsicht und Staatsklugheit nicht überflüssig. Wenn die ruhigeren Deutschen über den Begriff der Volkssouverainetät so in Bewegung gerathen sind, wird schwerlich der Begriff französischen +Ruhmes+ unter dem beweglichen tapferen Volke alle wirksame Kraft verloren haben; und ebensowenig geben Ansichten der augenblicklich herrschenden Personen hinreichende Bürgschaft für eine lange Zukunft. Auch kann man nicht so schnell vergessen, wie Heinrich II für seinen angeblichen Schutz deutscher Freiheit, Metz, Toul und Verdun behielt; der gemüthliche Heinrich IV bei seinem Friedensplane doch Deutschland zerstückeln wollte, und Richelieu und Mazarin den Dreißigjährigen Krieg förderten. Ludwig XIV erinnert an die Pfalz, die Reunionskammern und Straßburg; Ludwig XV redete von polnischer Freiheit, und nahm dafür Lothringen; darauf, die Revolutionskriege unter constitutioneller Monarchie, Republik, Consulat, Kaiserthum. Die einzige friedliche Regierung war die Louis Philipp’s; und sie ist vielleicht deshalb mit gestürzt worden, weil sie es war. Schutz- und Trutzbündnisse mit einem einzelnen Volke verletzen die übrigen und verwickeln gar leicht in fremde Verhältnisse. So lange Deutschland einig und thätig für materielle und geistige Zwecke (mithin für den Frieden) wirkt, wird es ihm an Verbündeten nicht fehlen. Es ist (wenn es sich nicht selbst verläßt und in sich zerfällt) fähig und berechtigt, in der Zukunft eine viel entschiedenere Rolle zu spielen, als bisher; -- ja, im höheren Sinne an die Spitze der welthistorischen Entwickelung zu treten.

II. Die Polenfrage.

Meine Herren! Vor vielen Jahren habe ich eine Schrift über das große Trauerspiel des Unterganges von Polen herausgegeben, wofür ich zur Untersuchung gezogen und empfindlich gestraft ward, weil man behauptete: ich habe ungebührlich +für+ jenes Land Partei genommen. Ich führe dies an, damit man mich nicht parteiisch gegen die Polen nenne, wenn ich heute nicht vergessen kann, nicht vergessen will, und nicht vergessen darf, daß ich ein +Deutscher+ bin.

Ich nenne den Untergang Polens ein großes Trauerspiel, weil alle Theile, in gerechter Nemesis, für ihr Unrecht gebüßt haben und noch büßen. In unseren Tagen ist jedoch von Vielen die Schuld der Polen meist zur Seite gestellt, und insbesondere das Verfahren Friedrich’s II einseitig beurtheilt worden. Während er und die Preußen sieben Jahre lang gegen halb Europa kämpften, zeigten die Polen keine edelen Sympathien; sondern ihr großes Reich war und blieb ohne Anstrengungen, ohne Muth, ohne Einigkeit, eine verknechtete Landschaft Rußlands. Diese Macht bezog daher unzählige Kriegsmittel wider Preußen und Friedrich II mußte bei der Überzahl seiner Feinde dazu schweigen. Später sah er mit seinem gewöhnlichen Scharfsinne, daß nach Beendigung des Türkenkrieges ganz Polen in die Hände der Russen fallen werde, und für sein Reich die allergrößte Gefahr entstehen müsse. Daher verband er, zur Selbsterhaltung und als Nothwehr, ehemals wesentlich deutsche Landschaften mit seinem Reiche.

Diese erste Theilung Polens war nichts Unvorhergesehenes, Unbegreifliches. In den Schriften edler Polen ward sie vorhergesehen, und ihr unausbleibliches Eintreten, über hundert Jahre früher von einem polnischen Könige buchstäblich ausgesprochen.

Polens Verfassung, seine Verwaltung, seine Unduldsamkeit gegen Dissidenten, sein ~liberum veto~, seine Conföderationen, sein Steuerwesen, seine Adelstyrannei, seine Volksknechtschaft waren von der Art, daß ein solches Reich in der geschichtlichen Entwickelung Europas nicht länger bestehen konnte. Das erkannten, das gestanden alle ächten Freunde ihres Vaterlandes. Sie wurden die Urheber der Verfassung vom 3. Mai, welche nicht aus der Ordnung zur Anarchie, sondern aus der Anarchie zur Ordnung führte, jene riesengroßen Mängel kühn bekämpfte oder beseitigte, und unter so vielen neueren unbrauchbaren Verfassungen, das größte Lob verdiente. Sie ward leider durch fremde Gewalt und durch innere Parteiung zertrümmert; und diese zweite Hälfte des Trauerspieles erscheint deshalb noch weit bedauerlicher, als die erste.

Die Zeit erlaubt nicht, in die weitere Geschichte Polens näher einzugehen; doch sei es mir verstattet, einige Irrthümer zu berühren und einige Zweifel auszusprechen.

Man sagt: das hergestellte mächtige Polen wird Deutschland schützen: eine Weissagung, für welche die Beweise nicht blos fehlen, sondern die auch mit den jetzigen Forderungen der noch ohnmächtigen Polen in schroffem Widerspruche steht. Wenn Deutschland sich nicht selbst schützt und schützen kann, ist es den Gefahren ausgesetzt, welchen Polen erlag.

Eine andere Behauptung: im Staats- und Völkerrechte gelte keine Verjährung, ist durchaus irrig, würde zahllose Ansprüche hervorrufen, allen und jeden Besitzstand für immer unsicher machen und zu ewigen Kriegen Veranlassung und Vorwand geben.

Eine dritte Ansicht, welche den Boden der weltlichen Geschichte ganz verläßt, bleibe unerwähnt, da sie alles wahren Zusammenhanges mit der vorliegenden Frage entbehrt.

Von Demokratie und Volkssouverainetät kann endlich in Polen (wo bis jetzo nur +ein+ Stand nach Bildung strebt und herrscht) gar nicht die Rede sein, und die Worte Nationalität und Organisation sind von Preußen nie in dem Sinne ausgesprochen worden, wie man sie auslegt.

Zuerst und vor Allem ist es unser Recht und unsere Pflicht, diejenigen Deutschen zu schützen, welche mit Einwilligung ihres Königs und ihrer Regierung zu Deutschland treten +wollen+, ja, nach den Ereignissen der letzten Zeit, treten +müssen+. Diese Trennung der Deutschen von den Polen ist in Wahrheit ein Glück für die letzten, und trotz aller Schwierigkeiten läßt sich auch an Ort und Stelle eine Sonderung der gemischt bevölkerten Landestheile zu Stande bringen.

Die Deutschen sind in der Masse höher gebildet und weiter vorgeschritten, als die Polen; es läuft gegen die höchste Gerechtigkeit und die Natur der Dinge, sie (halbwahrer Grundsätze und unbestimmter Sympathien halber) den Polen unterzuordnen. Auch hier stehen wir auf dem Boden der +Revolution+: d. h. es giebt eine Gewalt geschichtlicher Thatsachen, die man anerkennen +muß+.

Nach fast trunkener Theilnahme für die Polen, ist dieselbe mit beispielloser Schnelligkeit in einen Haß verwandelt worden, der bis zum Bürgerkrieg führte. Es hilft zu gar nichts, die hiebei obwaltende Schuld genau abwägen zu wollen; es steht für die Unterrichteten unläugbar fest: daß, wenn diese hohe Versammlung die Anträge ihres Ausschusses wegen Aufnahme deutsch-posener Abgeordneten verwirft, oder Posen, das Hauptbollwerk Deutschlands gegen Osten, in übereilter Großmuth preisgiebt, der Krieg von Neuem ausbricht, und die dortigen Deutschen ihr unabhängiges Dasein, trotz aller frankfurter Beschlüsse, behaupten werden.

III. Über die Aufhebung des Cölibats.

Meine Herren! Mehre Abgeordnete haben den Antrag gestellt: „Die hohe Nationalversammlung wolle die provisorische Centralgewalt veranlassen, wegen Aufhebung des Cölibatgesetzes mit der römischen Curie in Verhandlung zu treten, und zu diesem Ende vorläufig, in Ansehung der Wichtigkeit und Eigenthümlichkeit des Gegenstandes, einen besonderen Ausschuß zur Berichterstattung bestellen.“

Ich bitte um die Erlaubniß, diesen Antrag in Bezug auf seinen Inhalt, sowie in Hinsicht auf Klugheit und Gerechtigkeit, kürzlich prüfen zu dürfen.