Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)
Part 23
Die meisten österreichischen Deputirten sind abgereiset; die übrigen erklären: ihre Regierung habe kein Recht, sie (die vom Volke gewählt worden) willkürlich abzurufen. Wir halten es vor der Hand für unpassend, zu untersuchen: ob ihr ferneres Mitstimmen rechtlich und nützlich sei. Auch einige Baiern reden vom Fortgehen, während die Mehrzahl sehr über die Vertagung der Kammern in München zürnt. Nach ihrer unvermeidlichen Rückkehr werden sie hoffentlich deutscher gesinnt sein, als wenn man sie gar nicht nach Hause geschickt hätte. Das Gleiche gilt für Hannover.
Montag (den 23.), spätestens Dienstag, kommt der, bis jetzt noch nicht vorgelegte Bericht des Ausschusses zur Berathung. Er wird durch Berücksichtigung der, oben erwähnten, preußischen und österreichischen Noten, eigenthümlich modificirt werden.
Es wäre (um unnütze Anträge zu beseitigen und zu besiegen) sehr wünschenswerth, wenn bis zum 23. telegraphisch noch ein beruhigendes Wort aus Berlin ertönte. Nimmt Preußen vorläufig die Verfassung an, weiset es deren Verbesserung (gleich wie 28 Staaten) einer zweiten Reichsversammlung zu, so hat alle Fehde und Parteiung hier ein Ende. Die gemäßigte Linke hat sich von der geringeren Zahl wilder Revolutionaire getrennt, und steht mit und für uns auf dem Boden der Verfassung; sie wird uns verlassen, sobald man sich länger weigert, diesen Boden (unter Vorbehalt künftiger Verbesserungen) zu betreten.
Ich habe zufällig erfahren, daß die Führer aller deutschen demokratischen Vereine berufen werden, sich (nach Ablauf einer gewissen Frist) in Frankfurt oder der Umgegend zu versammeln. Völlig harmlos, wenn Preußen rasch und mächtig die Leitung übernimmt; gefährlich für Preußen und noch mehr für Süddeutschland, wenn man den entscheidenden Augenblick versäumt.
Dem gewöhnlichen Maßstabe sind die welthistorischen Bewegungen entwachsen; Gründe, welche für gewöhnliche Zustände unwiderleglich sind, verlieren alles Gewicht unter ganz außerordentlichen Verhältnissen; es fehlt ihnen der feste Punkt, von wo aus Archimedes die Welt bewegen wollte und konnte.
Hundertdreiundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 23. April 1849.
Im Weidenbusche ward der Vorschlag gemacht: man solle, gegen die bereits angekündigte Tagesordnung, die Berathungen über den Ausschußbericht noch um einige Tage aussetzen, und hiedurch Zeit gewinnen. So nützlich der letzte Zweck auch erschien, ward der Antrag dennoch abgelehnt:
1) weil er der Geschäftsordnung zuwiderlaufe, und in der Paulskirche gewiß durchfalle;
2) weil wir statt vierzehn Tage bereits drei Wochen gewartet hätten;
3) weil das Volk im Nichtsthun neue Unentschlossenheit und Schwäche sehen würde.
Ein zweiter Vorschlag ging dahin: man solle die Regierungen auffordern, sogleich, behufs der Entscheidung der wichtigen deutschen Angelegenheiten, ihre Kammern zusammenzuberufen; oder man solle doch wenigstens die Mißbilligung ihrer unzeitigen Vertagung aussprechen. Auch dieser Antrag ward (ungeachtet mancher dafür sprechenden Gründe) abgelehnt: denn er könne als ein Übergriff in die Landesrechte betrachtet werden, und es sei außerdem ungewiß, ob sich alle Kammern (z. B. die baiersche) in unserem Sinne erklären dürften. Besser man überlasse es den, ohnehin schon sehr eifrigen Einwohnern der einzelnen Staaten, diese Angelegenheit zu betreiben. Auch müsse man den Schein vermeiden, als bedürften Reichsbeschlüsse einer ständischen Prüfung und Bestätigung.
In unserer Versammlung (welche die Partei der +Gemäßigten+ bildet oder vertreten soll) ward dennoch ausgesprochen: noch seien jene Maßregeln nicht an der Zeit, man werde und müsse aber viel stärkere ergreifen, wenn Unentschlossenheit, Eigennutz und Dummheit irgendwo zu dem Versuche bringe, Deutschland noch einmal um seine Einheit, Freiheit und Macht zu betrügen. Eine neue gewaltige Revolution müsse diesem Unwesen ein für allemal ein Ende machen!
Von hier ist der Übergang zu der bittersten Kritik nur zu wahr und zu leicht. Ist es nicht (so sprechen Abgeneigte) ein Spott und Hohn für die Reichsversammlung und ganz Deutschland, daß der König von Würtemberg sagt: er werde sich erklären, sobald Preußen es gethan, und daß die preußische Regierung versichert: sie werde es thun, wenn Andere vorangegangen wären. Wie kann Preußen, statt die Siegesfahne voranzutragen, hinter der Fronte auf einem diplomatischen Packwagen abwarten, ob neidische Fürsten geneigt sind, ihn in einen Triumphwagen zu verwandeln!
So stehen wir am Abgrunde; weil man am Tage der entscheidenden Schlacht juridisch-ethisch-philosophisch-christliche Abhandlungen oder Noten für sentimentale Vereinbarung und für den ewigen Frieden schreibt, Staatsrecht und Privatrecht verwechselt, und (wie Montesquieu sagt) welthistorische Ereignisse, wie den Prozeß um eine Dachtraufe betrachtet und behandelt.
Hundertvierundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 28. April 1849.
Wenn ich nicht voraussetzen dürfte, daß die stenographischen Berichte über die letzten merkwürdigen Sitzungen der Reichsversammlung in Ihren Händen wären, so würde ich sie beilegen. Der lang zurückgehaltene Zorn hat sich (bei fortdauernder Unbestimmtheit der berliner Erklärungen) auf eine Weise Luft gemacht, die um so bedauerlicher ist, da es für die Klagen und Vorwürfe keineswegs an allen Gründen fehlt.
Nur mit Mühe haben wir, der vereinigten äußersten Rechten und Linken gegenüber, gemäßigte Beschlüsse durchgesetzt. Jene wollte gar nichts thun; diese vertheidigte die heftigsten Maßregeln und beschuldigte uns der Dummheit und Feigheit. Die Demokraten haben gar kein Hehl, daß sie (insbesondere den zögernden und verneinenden Regierungen gegenüber) +ohne Scheu alle und jede Mittel anwenden werden, ihre Plane durchzusetzen+. Jedenfalls ist ihre Macht und die Zahl ihrer Anhänger seit dem 3. April ungeheuer gestiegen; und wenn der König von Preußen sich nicht eiligst handelnd an die Spitze stellt, +so werden regellose Bewegungen der gefährlichsten Art nicht ausbleiben, und zuerst die kleineren Staaten über den Haufen werfen+.
Wir haben die Macht (sagt man), Alles mit dem Schwerte zu bändigen und zu strafen. Ist denn das aber ein staatsrechtliches Mittel, und hat man es in Würtemberg anwenden können, hat es in Österreich zum Ziele geführt?
Die Ablehnung des Königs von Preußen hat uns (sagen die Demokraten) von der Pflicht entbunden, länger mit Euch zu gehen und in Euerem künstlich auferbauten, rasch zusammengestürzten Hause unsere Wohnung aufzuschlagen. -- Was kann man antworten, als: habt Geduld! --
Wir haben sie aber selbst nicht im Herzen, sondern nur auf den Lippen. Alles was in Berlin gegen Verfassung und Kaiserthum vom Standpunkte herkömmlicher Diplomatie und gemeinen Menschenverstandes eingewandt wird, ist vollkommen +unwiderleglich+; so unwiderleglich, als daß die Sonne um die Erde läuft und der Mond nicht größer ist wie eine Suppenschüssel. -- Preußen will lieber am Bundesschlepptau zahm und tadellos im Kreise mit anderen kleinen Planeten umherlaufen, als sich als Sonne in den Mittelpunkt stellen, und Ordnung für die Schwächeren durch eine heilsame Abhängigkeit begründen. Wer die Dinge immer durch das Mikroskop besieht, verliert den Blick für teleskopische Fernen. Wer zum ersten Male einen Floh 100,000 mal vergrößert betrachtet, der mag entschuldigt sein, wenn er sich vor der furchtbaren Kreatur fürchtet; Sachverständige machen nicht so viel Umstände. Die österreichische Note ist für diesen Augenblick nichts mehr als ein vergrößerter politischer Floh.
Gestern Abend war eine fünfstündige Berathung bei Hrn. v. Gagern über die dringende und gefährliche Lage der Angelegenheiten unseres Vaterlandes. Etwa 20 der ausgezeichnetsten Abgeordneten waren dazu eingeladen. Ich will versuchen, in kurzen Sätzen und Gegensätzen den wesentlichsten Inhalt mitzutheilen.
+Satz.+ Der Erzherzog Johann, welcher sich immer mehr zu Österreich hinneigt, wird die Hand nicht zur Ausführung der Verfassung bieten, und das Ministerium sich gezwungen sehen, vielleicht schon morgen zurückzutreten.
+Gegensatz.+ Der Erzherzog ist außer Stande, ein anderes Ministerium zu bilden, welches die Mehrheit in der Reichsversammlung erhält. Er wird alsdann das alte wiedernehmen oder abdanken müssen.
+Satz.+ Er wird auf den Grund der österreichischen Erklärung sich um die Versammlung nicht kümmern und auch nicht abdanken.
+Gegensatz.+ Für diesen Fall fände er nirgends den geringsten Gehorsam.
+Satz.+ Im Fall seines Rücktrittes muß eine Regentschaft oder ein vollziehender Ausschuß gebildet werden.
+Gegensatz.+ Beides läuft gegen den Buchstaben der Verfassung und führt in revolutionaire Bahnen.
+Satz.+ Nun, so muß man einen anderen Reichsverweser wählen, etwa den, jetzt nachgiebigen, König von Würtemberg.
+Gegensatz.+ Dieser würde weder den Absolutisten, noch den Demokraten recht sein: nur der König von Preußen kann (wenn er vorläufig die Verfassung annimmt und neue Wahlen ausschreibt) die Sachen zu einem glücklichen Ziele führen.
+Satz.+ Es ist zu bezweifeln, ob der König darauf eingeht.
Nach einem glänzenden Lobe des Prinzen und der Prinzessin von Preußen (das ich aber weder aussprach, noch veranlaßt hatte) geschah der Vorschlag:
+Satz.+ Der Prinz von Preußen muß zum Reichsverweser ernannt werden.
+Gegensatz.+ Das Lob ist vollkommen verdient; der Prinz hat aber eine solche Pietät gegen seinen königlichen Bruder, und mit Recht die größte Abneigung selbst gegen den Schein einer Spaltung innerhalb der königlichen Familie, daß die volle Zustimmung des Königs die erste Vorbedingung sein würde.
Wenn diese einträte und der Prinz sich nächstdem zur Annahme bereit erklärte, so wäre uns Allen freilich am besten geholfen.
Nach vielen anderen Reden und Erörterungen kam man zu folgenden Beschlüssen: die Reichsversammlung wird sich weder selbst auflösen, noch auf längere Zeit vertagen (beides war vorgeschlagen worden); sie wird weder unthätig die Hände in den Schoß legen, noch sich zu revolutionairen Maßregeln fortreißen lassen; sie wird ein österreichisch-ultramontanes Ministerium bekämpfen, und ihre Maßregeln ergreifen, so wie es die sich drängenden Ereignisse jedes Tages erfordern. -- Gebe Gott daß uns die +Macht+ bleibt, auf der Bahn der Mäßigung zu beharren!
Alle Reichsminister haben ihr Amt niedergelegt; wir gehen also auch hier neuen Stürmen entgegen!
Hundertfünfundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 29. April 1849.
Es giebt der Verzweifelnden jetzt nur zu Viele. Sie theilen sich jedoch in zwei Klassen. Die eine giebt händeringend Alles auf, die andere sieht Hülfe lediglich in gewaltsamen oder unausführbaren Maßregeln.
Diese sagen: welcher rechtliche Deutsche kann länger dulden, daß Preußen unentschlossen und muthlos Versteck spielt? Kann seine Regierung die neue Zeit und ihre großen unvermeidlichen Zwecke nicht begreifen, gestalten, beherrschen; so müssen wir ohne Preußen, ja am besten ohne alle diese hemmenden Fürsten und Dynastien, die Wiedergeburt Deutschlands begründen und ihm die gebührende Stelle in Europa verschaffen.
Wenn Bitten, Ermahnen, verständiges und gesetzliches Andringen ganz vergeblich bleiben, so müssen wir uns zu der moralischen Kraft und durch diese auch die physische verschaffen und Kämpfe wagen, die (wie die Weltgeschichte zeigt) zuletzt immer siegreich waren u. s. w.
-- -- Für eine schwankende Politik, für halbe Maßregeln kann sich Niemand begeistern und opfern. Wenneher ist in der Weltgeschichte so viel dargeboten und so viel verscherzt worden?
Philister sind auf ihrem Boden immer unwiderleglich. Ihnen zu Folge hätten die Griechen Troja nicht angreifen, ihre Stammgenossen in Asien nicht unterstützen, Alexander die Perser nicht bekriegen und die Römer sich auf ihre Stadtfeldmark beschränken sollen. Luther mußte dem Papste gehorchen, Hampden die Steuer zahlen, Wilhelm III. ruhig in Holland bleiben, Friedrich II. keinen Krieg gegen solche Übermacht wagen, Friedrich Wilhelm III. Napoleon gehorchen; -- und Friedrich Wilhelm IV. also auch die Oberleitung Deutschlands ablehnen!
So machen Schulmeister und alte Weiber männlichen Geschlechtes ihre eigene Weltgeschichte. Verliert die hiesige Reichsversammlung alles Gewicht und alle Bedeutung, bevor eine zweite einrückt, so bleibt nur Aufruhr von unten und das Schwert von oben!
Hundertsechsundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 6. Mai 1849.
Da es unmöglich ist, meine Sorgen ganz allein für mich zu tragen, so bin ich für Eure freundliche wohlwollende Theilnahme sehr dankbar; wogegen ich widersprechen muß, wenn Ihr Euch +unnöthige+ Sorgen macht.
Wären Bequemlichkeit, persönliche Wünsche, Befreiung von Vorwürfen, Vermeidung von Undankbarkeit und Gefahren, leibliche und geistige Ermüdung u. s. w., -- wären diese Gründe die höchsten und allein entscheidenden, so würde ich längst in die Heimat zurückgekehrt sein, und in ehemaligen, oder Altenmannsbeschäftigungen, Beruhigung und Genuß gesucht und gefunden haben. Alle jene Gründe treiben aber (von höherem Standpunkte betrachtet) zum Bleiben, Ausharren, Dulden und Handeln! Ich habe meine Stellung hier nicht aus Eitelkeit gesucht oder angenommen, und weder das Angenehme noch Unangenehme klar voraussehen und danach beschließen können. Vielleicht, ja +wahrscheinlich+, kommt sehr +bald+ eine Zeit, wo ich (nebst Anderen) werde fortgehen wollen oder fortgehen müssen; -- aber noch ist sie nicht da, und kein Soldat fordert seinen Abschied an den Tagen der Schlacht. Daher trete ich nicht Eueren ängstlichen Berechnungen und Weissagungen, sondern M-- bei, welcher in dem anliegenden Briefe schreibt: „Bleib ja so lange in Frankfurt, als die Versammlung selbst.“
Wäre unsere Aufgabe eine einfache, „Kampf gegen Anarchie +oder+ Despotismus“, so würde unsere Macht verdoppelt und der Sieg gewiß sein: in Wahrheit muß aber dieser +doppelte+ Kampf +zugleich+ gekämpft werden, und die Besiegung nur des +einen+ dieser Feinde ist kein Sieg, sondern führt durch übermäßigen Mißbrauch desselben ins Verderben.
Ihr sagt: wir Gemäßigten seien schon in den Strudel der Linken fortgerissen. -- Wer hat diese denn gestärkt, als Diejenigen, welche lauter oder in der Stille die Hülfe, Entwickelung und Ordnung lediglich in unbedingter Herrschaft finden? +Wer jetzt die reactionairen Gelüste nicht sieht, ist so blind wie Der, welcher die anarchischen Wünsche und Bestrebungen läugnet.+ Es ist kinderleicht, über das Eine oder das Andere ein schreckliches Geschrei zu erheben; schwer, sie mit gleicher Unbefangenheit betrachten, würdigen und bekämpfen.
Als Frankfurt (eher als das militairische Preußen) die Anarchisten im vorigen Jahre zu Paaren trieb, um Preußens willen den Waffenstillstand von Malmoe annahm, die Steuerverweigerung verdammte u. dgl., -- da waren wir gar liebe, vortreffliche Leute. Weil uns aber jetzt die drei, noch an ihrer französischen Souverainetät festhaltenden Könige nicht wie göttliche Propheten erscheinen, die wir besingen müßten; weil wir die Auflösung und Vertagung aller Kammern in ganz Deutschland nicht für einen glücklichen Zufall oder eine weise Maßregel halten; weil wir die scharfe Arznei des Belagerungszustandes nicht in das tägliche Brot verwandeln wollen; weil wir nicht Denen zustimmen, die noch über die äußerste Rechte hinausgehen: -- darum heißen wir jetzt (nachdem das Blatt sich gewendet) -- Dummköpfe und Rebellen! Thun wir denn nicht gleichzeitig alles Menschenmögliche gegen die übertriebenen Vorschläge der Linken? Haben wir diese nicht vorgestern (zu ihrem höchsten Verdrusse) ohne alle Ausnahme verworfen? -- Aber während wir hier bis zum Tode und bis zur Verzweiflung widerstehen und uns opfern, verläugnen uns Die, welche uns trösten und stützen sollten.
Leute, welche die Größe der Aufgabe und des Zieles (die mächtige Einigung eines wiedergebornen Deutschlands) gar nicht begreifen, fallen über den trockenen Knochen einer abgelebten Schulfrage, vom absoluten Veto, her, und halten ihn sich so nahe vor das Auge, daß sie von Allem was um sie vorgeht, gar nichts erblicken.
Dann das Wahlgesetz! War es denn unter den gegebenen Verhältnissen möglich, ein anderes zu machen? Auch hier ist mehr als die Hälfte der Einwendungen unpraktisches Geschwätz. Hätte der König von Preußen nach löblicher Besiegung der berliner Pöbelherrschaft +sogleich+ wählen lassen, er hätte eine vortreffliche Kammer bekommen. Aber der rechte Augenblick ward versäumt, und die günstige Stimmung durch gar viele, ich fürchte verkehrte, Maßregeln umgewandelt. Hätte der König von Preußen sich am 2. April +thätig+ an die Spitze Deutschlands gestellt, die Wahlen wären höchst günstig ausgefallen, und er hatte jede ihm beliebige Änderung ohne Mühe in der zweiten Reichsversammlung durchgesetzt. Aber jetzt!!
+Das Benehmen Preußens hat in Deutschland mehr Republikaner erzeugt, als die Wühlereien aller Demagogen zusammengenommen.+ Wer darf behaupten, daß +wir+ den Bürgerkrieg hervorrufen, während unsere Bevollmächtigten bis jetzt aufs Äußerste in Berlin, München und Dresden für Maßregeln unermüdlich wirken, welche ihn abhalten sollen und können.
Die, für andere Zeiten und Verhältnisse höchst löbliche Gewissenhaftigkeit, hat Unterhandlungen, Vereinbarungen gewollt, in dem letzten Augenblicke, wo Deutschland nur durch ein ganz entschiedenes +Handeln+ Preußens zu retten war. Vergeblich hat man dies aufs Dringendste vorgestellt! Freuen sich doch Viele auf eine neue Belebung Deutschlands durch Pulver und Blei! -- damit Das eintrete, was sie Ordnung nennen.
In Rheinbaiern ist die schwache Regierung außer Stande, den Strom der übermäßigen Aufregung zu hemmen. Baden, Würtemberg und Sachsen leiden an derselben Aufregung.
Also, sagen die Ultrastaatsweisen: drein schlagen und drein schießen. Allerdings ein Mittel gegen die Krankheit Derer, die dort erschlagen werden; aber es werden immer noch Lebendige übrig bleiben, die gegen derlei Ärzte ein ~Da capo~ versuchen.
Merkwürdig, daß selbst Märzvereine und ein Theil der besonnenen Linken sich gegen alle Gewaltmaßregeln erklären. Möchten ihre äußersten Gegner dasselbe thun und so Deutschland vor dem entsetzlichsten Unglück bewahren.
Ich bin nur ein ohnmächtiger Einzelner; daß ich aber hier und in Paris nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt -- und geduldet -- habe, dies Zeugniß kann ich mir nach ernster Prüfung selbst geben. Daher werden mich Urtheile von Leuten nicht aus der Fassung bringen, welche (ohne genügende Kenntniß) aus der Ferne (oder wie man in Berlin sagt, aus Nummer Sicher) das große Wort führen, und Rechte, Centra und Linke in einen Topf der Verdammniß werfen.
Ich erhalte soeben Eueren zweiten Angstbrief vom 4. Mai. Vor 3-4 Monaten hätte ich fortgehen können: jetzt +darf+ und +will+ ich nicht; so lange Widerstand gegen die Linke noch möglich, und eine irgend zusammenhaltende Centralgewalt noch vorhanden ist. Käme die Linke +fortdauernd+ zur Majorität, so müßten alle Wohlgesinnte ihren Auftrag niederlegen; jetzt dürfen wir nicht verzweifeln, weil wir einige Posten verloren, andere gewonnen haben. Eine neue Berathung über die Verfassung in der +jetzigen+ Versammlung (+begreift das doch endlich+) würde mehr +verderben+, als +verbessern+; die 34 Fürsten, Könige und Kaiser werden sich (wie wir ja sehen) +niemals+ vereinbaren; ohne eine neue Reichsversammlung ist der Krieg zwischen Absolutisten und Republikanern +unvermeidlich+; +Preußen giebt, um ein Paar theoretische Schulbegriffe durchzusetzen, seinen weltgeschichtlichen Beruf auf, oder doch den weltgeschichtlich entscheidenden Augenblick preis+. Was Frankfurt auch verschuldet und gesündigt haben möge, was kann es Milderes, Bescheideneres thun, als sein Mandat in die Hände seiner Wähler und des Volkes niederlegen; jedoch nicht ohne eine Bürgschaft; daß der Todesschlaf fauler, feiger Ruhe, nicht statt gemäßigter Entwickelung eingeschmuggelt, oder aufgezwungen werde. Gehen wir ohne Bürgschaft, so wirkt die Linke für Republik, aus welcher Anarchie entspringt; und gegenüber wächst der Despotismus Rußlands, Österreichs und vielleicht auch Preußens. Beide Parteien sind maßlos für ihre Zwecke; ich rechne es mir zur Ehre, daß ich beide mißbillige und nach meinen geringen Kräften dawider wirke. Wie man auch über mich urtheile, ich habe gethan, was ich vor Gott und Menschen verantworten kann, und habe weder Lust, mich Hrn. Schlöffel, noch Hrn. v. -- unterzuordnen. Noch stehe ich so fest auf meinen Füßen, als jene Verdammenden. -- Doch ists möglich, daß ich (nach Maßgabe +weiterer+ Ereignisse) aus zureichenderen Gründen, freiwillig oder gezwungen, bald nach Berlin komme. Beruhigt Euch also.
Hundertsiebenundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 8. Mai 1849.
Unser bitteres Märtyrerthum dauert ununterbrochen fort; daher wünschen und hoffen wir auf eine baldige Erlösung. Doch können viele Wohlgesinnte im Davongehen noch nicht die rechte Lösung erblicken, oder es muß dafür ein +auffallender, thatsächlicher Grund+ eintreten. Wenn Ihr Euch die Mühe nehmt, so werdet Ihr aus den stenographirten Berichten sehen, welche Menge leidenschaftlicher Anträge wir in jeder Sitzung durch unsere Mehrzahl verwerfen. Aber diese Mehrzahl nimmt täglich (besonders durch Austritte) ab, und ich fürchte: der Augenblick naht, wo wir ganz in der Minderzahl bleiben, und dann nicht einzeln, sondern in Masse davongehen müssen.
Die Wendung, welche die Sachen in Sachsen genommen haben, bringt der guten Sache großen Schaden; denn während die anarchische Partei kurzweg und auch durch +ungesetzliche+ Mittel alle Fürsten wegjagen und alle Regierungen auflösen möchte, freuen sich die Absolutisten des Vorwandes, durch Gewalt auch die löbliche Entwickelung zu hemmen und die alte, formlos willkürliche, Regierungsweise herzustellen.
Als Gagern gestern in der Sitzung von den entsetzlichen Gefahren und Leiden eines Bürgerkrieges sprach, lachten ihm Etliche höhnisch ins Gesicht. Da entfuhr ihm das Wort: „nur Buben lachen über solche Dinge.“ Hierauf furchtbarer Lärm, Ordnungsruf durch den Präsidenten, Entschuldigung, steigende Einmischung von den Galerien, Rechtfertigung dieser Einmischung durch einen Abgeordneten von der Linken, Schimpfen von oben herab, beim Weggehen vor der Kirche Verhöhnung Gagern’s und Gleichgesinnter, Lebehochs für die lautesten Schreier von der Linken u. s. w.
Ihr seht aus dieser Mittheilung im Lapidarstyl, wie nahe wir dem Gesteinigtwerden sind, und daß die tägliche Wiederkehr solcher Leiden nicht Vorwürfe für die ausharrend Kämpfenden herbeiziehen sollte. Aber ungeachtet des Zornes, welcher deshalb wider die revolutionaire Partei hervorbrechen muß, kann der Unbefangene nicht läugnen, daß Könige, Fürsten, Minister ihr in die Hände arbeiten und die Hälfte der Schuld tragen. -- Wo ist Einer ganz schuldlos? Leider ist unser vortrefflicher Präsident Simson so krank, daß er nur in kurzen Absätzen die Versammlung leiten kann. Dieser Übelstand hat schlimmere Folgen als man denkt, und mit Anderen habe auch ich gestern Abend im Weidenbusche darauf aufmerksam gemacht. Insbesondere ward beschlossen, die Galerien durch die gesetzlich bereits feststehenden Mittel in strengerer Ordnung zu halten. Vielleicht entscheidet schon diese Woche über weiteres Handeln, Bleiben, Gehen u. s. w. Ich werde mich nicht übereilt zu dem Einen oder dem Anderen entschließen; sobald aber die kalten Maitage vorüber sind, werde ich (wenn Pflichten nicht bestimmt entgegenstehen) kaum der Neigung und der Gesundheitsforderung widerstehen, einen +kurzen+ Urlaub zu nehmen und wegzureisen, -- wohin es auch sei.
In der ersten Hälfte der heutigen Sitzung erhoben einige fanatische Mitglieder der Linken wieder solch einen Lärm, daß die Sitzung auf zwei Stunden geschlossen werden mußte. Wir gingen zum Weidenbusche, wo Mitglieder der gemäßigten Linken erschienen und versprachen, fernerhin alles Mögliche zu thun, um Anstand und Ruhe in der Kirche und auf den Galerien zu erhalten.
Heute Abend Berathung im Casino und Weidenbusche über Anträge der Linken, die Angelegenheiten in der Pfalz und Sachsen betreffend. Die morgende Sitzung wird über unsere nächste Zukunft entscheiden.