Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band

Part 4

Chapter 43,578 wordsPublic domain

ich fühle mich ganz glücklich, wieder ein bißchen im Treiben des Krieges zu sein; ich bin körperlich so erholt und frisch, daß ich die damit verbundenen Strapazen nicht tragisch nehmen kann, zudem man heute Mannschaft und Pferde bei uns ganz anders schont, als dazumal in den Vogesen, wo in der ersten Kriegsbegeisterung und Kriegsunerfahrenheit viel Unsinn gemacht wurde. Der ganze, sehr kleine deutsche Winkel, in dem die Franzosen noch sitzen, soll endlich gesäubert werden. Direkter Anlaß zum Vorgehen waren die Vorstöße der Franzosen selbst, die man, wären sie ruhig in den paar Dörfern geblieben, wahrscheinlich unbehelligt bis zum Friedensschlusse dort gelassen hätte. Die Kämpfe der Infanteristen, deren Zeuge ich gestern war, sind freilich grausiger, als ich sie je vorher gesehen. Ich war gestern Abend ganz erschüttert; der Mut, mit dem sie vorgehen und die Gleichgültigkeit, ja Freudigkeit für Tod und Wunden hat etwas Mystisches; diese Stimmung ist natürlich auch das Versöhnende, die Erklärung des dem gewöhnlichen Verstande Unerklärlichen. Unsre Artillerie schießt jetzt glänzend, bedeutend besser als am Anfang. Gestern Nacht sollten wir in Wattweiler, von wo aus wir schossen, bleiben. Ich hatte schon zwei Nächte fast ohne Schlaf vollbracht und mir ein schönes Heulager zurechtgemacht und schlief bald wie ein Stein, als schon um 11 Uhr Alarm kam; sofort abrücken, da schwere Artillerie den Ort zu beschießen anfing. Es ging alles in tadelloser Ordnung nach Berrweiler zurück, wo wir noch einen kleinen Rest der Nacht schlafen konnten. Heute früh kam unsre 3. Batterie auch an und fuhr mit der 1. auf. Ich habe als Meldereiter für den Munitionsersatz wenig zu thun und sitze hier in Bertschweiler bei der Staffel. Es war ein schwerer Frost heute Nacht und heute ein herrlicher Tag; dieses trockene Wetter ist eine riesige Wohlthat. Ihr braucht Euch ja keine Gedanken über etwaige Gefährlichkeit meines Dienstes machen. Ich stehe sozusagen unter dem Schutz meiner Munition, die man natürlich um alles in der Welt vor direkter Beschießung behütet. Meine Schreibereien ruhen natürlich in solchen Tagen. Das Interesse ist notwendig nach außen gerichtet; man wird Artillerist mit seinen ganzen Sinnen. Viele Freude machen mir auch die verschiedenen neuen Dörfchen und Städtchen, die man kennen lernt, der »Impressionismus«. Wir glauben nicht, daß wir sehr lange in Aktion sein werden; die Franzosen weichen an den meisten Punkten. Immer muß ich jetzt an Euch denken, daß Ihr traurig im lieben Häuschen sitzt, ohne frohe Herzen und traure mit Euch. Wenn Ihr aber an mich denkt, so denkt froh, wie ich es auch thue und auf das Wiedersehen harre.

Neujahr 1915.

Prosit Neujahr! Es ist ein fabelhafter schöner Tag, rührend schön, als ich im ersten Morgenlicht wieder in meine Stellung ritt. Die Berge sind alle weiß, aber herunten im Thal spüren wir noch keinen Winter. Wir tranken gestern so beträchtliche Mengen Punsch, daß wir ganz schwer und taumelig einschliefen. Das famose Bett und richtige Mittagessen, das ich jetzt habe, bringt mich oft ganz vom bitteren Ernst des Krieges ab; ich bin viel weniger nervös und aufgeregt und leb jetzt mehr in Heimatgedanken, trotz der dröhnenden Kanonen. So traurig es ist, daß im Osten die Entscheidung sich so in die Länge zieht und vielleicht ganz neuer Operationen bedarf, so bleibt doch immer die eine Beruhigung: Ins Land kommt der Feind nicht, weder im Osten noch im Westen. Jeder Versuch der Franzosen, im offenen Gelände vorzudringen, wird von unsrer Artillerie spielend (oder wie der amtliche Bericht sagt: »leicht und unter schweren Verlusten für den Feind«) zurückgewiesen. So war es vor Verdun, in den Vogesen und hier und wohl auf der ganzen Linie und im Osten. Die 42 stehen _alle_ an der Küste, dort oben wird die Entscheidung fallen, -- wie, kann ich mir freilich nicht vorstellen; die ganzen Operationen im Norden entziehen sich leider so ganz meiner Vorstellung. Die Äußerung von T. über den Handelskrieg mit Unterseebooten ist toll in ihrer Unverblümtheit; ich bin neugierig oder besser gierig auf das, was im Norden sich noch ereignen wird.

Gottlob liegt das süße kleine Ried in einem vor dem Weltkrieg so geschützten stillen Winkel. Halte und verwalte es nur treu, bis ich einmal wieder mit dem Kochler Zügelchen da hinaus und _heim_komme! Um unsre Zukunft ist mir nicht bang. Ich finde Menschen. -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- Fr.

2. Jan. 15.

L., im Gegensatz zu gestern ist heute ein abscheulicher Regentag; es ist alles so verschleiert, daß an Schießen nicht zu denken ist. Dafür war gestern Mittag und Nachmittag eine derart furchtbare Kanonade, wie ich sie bis jetzt noch nicht gehört hatte; alles zitterte und gellte. Eine Reihe Dörfer brennen. Es ist ein zu merkwürdiger Krieg: von einem systematischen Durchbruchsversuch der Franzosen ist keine Rede. Meist lassen wir die Franzosen anfangen; kaum ist der erste Granatengruß herübergekommen, quittieren wir mit einem gleichen. So folgen sich die »Gänge des Duells!«, bis dem einen oder andern plötzlich die Geduld reißt und er »Ruhe haben will« und er, nach Erkundigung der feindlichen Stellung durch die vorangegangenen Einzelschüsse, mit wahnsinnigen Salven losgeht; es kommt eigentlich darauf an, wer zuerst zu diesen Salven wirksam übergehen kann. Liegen die Schüsse gut, verstummt der Feind, um seine Stellung nicht noch mehr zu verraten. Gestern sollen wir zwei französische Gebirgsgeschütze vernichtet haben. Als »Strafe« schossen die Franzosen Sennheim in Brand. Wir revanchieren uns, indem wir Thann in Brand schießen. An Vorgehen hier in die Berge ist ja nicht zu denken; und die Franzosen trauen sich auch nicht in die Ebene; hier kann nie eine große Schlacht oder Entscheidung fallen. Ich sitz in warmer Stube und schreib an meinem Artikel! -- Alles Liebe und Gute -- -- -- -- --

Bertschweiler, 3. Jan. 15.

L.,

-- -- -- -- -- -- Die Zeit geht jetzt so schnell dahin, erschreckend schnell, und während sie eilt, »steht« der Krieg; man fühlt nur das furchtbare Zittern rings an der Front. Diese Wochen sind eigentlich der furchtbarste Moment des Krieges. -- Wie geht es wohl Euch? Ich denk so viel jetzt nach Hause, vor allem träume ich immer von daheim, selbst von meiner Kinderzeit, von Dir und Wolfskehl, mit dem ich mich im Traum oft lang unterhalte. Ich sehe mich schon wieder unter Euch, -- es kann nicht mehr so lange dauern, als die Zeitungen immer prophezeien. Aber das _Wie_ des Ausgangs und Ende ist mir dunkler als je. Bleibt gesund -- -- --

7. Jan. 15, abends.

L.,

endlich kann ich Dir den großen Artikel II schicken; ich bin in seiner Beurteilung ebenso unsicher als seinerzeit beim ersten. Er birgt jedenfalls sehr viel, meinem Gefühl nach an manchen Stellen zu viel und doch wußte ich's nicht zu ändern. Ich kann im Felde nicht anders schreiben, weitläufiger und begründeter. Er ist in unruhiger Zeit geschrieben und für sie gedacht. Der gute Wille wird aus ihm schon lernen können; mich hat er jedenfalls im Denken unendlich weitergebracht und gefördert und Dir wird er glaube ich, auch vieles sagen. Ohne den Krieg wären alle diese Gedanken nicht »denk«bar, z. T. noch gar nicht vorhanden. Schreib mir offen, wie Du ihn findest, ebenso Wolfskehl und Klee.

-- -- -- -- -- Heute brauste den ganzen Tag ein furchtbarer Sturm in der Luft, aber es ist immer wie im März.

11. II. 15.

L.,

hier kommen die leergegessenen Büchsen wieder zurück und was ich sonst nicht mehr brauche. Maman hat mir wieder viele Theesäckchen geschickt, so daß ich das Theepäckchen nicht brauche und Du kannst es jetzt besser gebrauchen.

Das Wetter ist wieder frühlinghaft, der Winter hat hier wenig Kraft. Bald werden die Frühlingsblümchen kommen, die ersten Leberblümchen, vielleicht auch schon bald in Ried!! Wie hab ich mich voriges Jahr auf diese Tage gefreut und nun muß ich es wieder ein Jahr aufschieben, diese kleinen Frühlingsfreuden in Ried. Ich muß jetzt immer an vergangenes Jahr denken; Ausdauer ist jetzt alles, wir kennen jetzt bald keine Tugenden mehr als diese. Laß sie uns üben, sonst können wir nicht Sieger bleiben, weder draußen noch im Geiste. Die Lage in Europa wird immer kritischer, verhängnis- und schicksalsvoller, für _alle_ Teile; der ganze europäische Leib ist heute ergriffen. Es ist alles kindisch, was man an kleinen persönlichen Wünschen an dieses Riesenschicksal hängt. Die Gedanken quälen mich oft, daß am Ende der _ganze_ Leib unter der Krankheit einst erschöpft zusammenbrechen wird. Das geistige Reich wird bleiben, vielleicht (sogar gewiß!) um so stärker. Um diese Zukunft ist mir nie bang, -- aber was wir am _äußeren_ Reich erleben werden, das können wir heute wohl noch kaum ausdenken. Welche Zeit!! und dazu die kleinen unschuldigen, ahnungslosen blauen Leberblümchen!

Sticke nur fleißig und recht schön und frei, Du Liebe; sticke alle Sehnsucht hinein, aber auch allen _Mut_.

Ich schlaf jetzt warm und schön in meinem Schlafsack auf Heu und meine oft, ich bin auf der Alm!

-- -- -- -- -- Einliegend ein Band Mombert. Die Schöpfung behalte ich noch, die mich in vielem jetzt auch ungeheuer fesselt. -- -- --

20. Februar 15.

L., nun sind die 100 Aphorismen geschrieben; es ging zum Schluß schneller, als ich dachte; ich hatte einige ganz ruhige Nachmittage. Ich habe sie flüchtig noch einmal überlesen und erschrak manchmal über die Schwierigkeiten, die sie für den Leser bergen. Gedruckt werden sie ja natürlich zugänglicher sein; ich arbeitete in meinem Quartier (sie sind zu Vierfünftel in F. geschrieben in einem kleinen Zimmerchen, dessen Photographie von außen, Fenster _rechts_ der Türe, ich beilege, in dem es keinen Platz zu einem Tisch gab und also zum Schreiben nur das Knie!), das Heft stammt noch aus H.! Laß Dir ja Zeit mit der Reinschrift, daß sie Dich nicht anstrengt; das Ganze ist so gedrängt und die einzelnen Gedanken meist so gedrungen, daß man schon jedes Wort klar lesen muß, um hinter seinen ganzen Sinn zu kommen. Ob noch sehr viel korrekturbedürftig ist, kann ich jetzt absolut nicht beurteilen; ich müßte es in einer klaren Abschrift überlesen können. Das Schönste wäre natürlich Schreibmaschine; aber das ist wahrscheinlich teuer und Helene ist viel zu beschäftigt, als daß ich sie bitten könnte. Wenn _Du_ es abschreibst, nimm immer Doppelbögen, die Du nur auf der Innenseite einseitig (rechts) beschreibst, damit man links eventuell Korrekturen setzen könnte, -- oder immer eine Zwischenzeile leer lassen; ich glaube, das erste wäre besser. Vielleicht ist ja auch gar nicht viel zu ändern -- _tant mieux_! In einer Herausgabe großer klarer Druck; ob es gut ist, sie mit I und II zusammen oder allein zu bringen, ist mir jetzt nicht mehr klar. Ich glaube ja, daß der Zusammenhang mit I und II das Verständnis sehr erleichtern könnte. Du wirst es erst beurteilen können, wenn Du es selbst abgeschrieben hast. Wieviel Menschen werden reif sein, das Buch _ernst_, also als geistiges Tatsachenmaterial zu nehmen und nicht als »Literatur«. -- -- -- -- --

Was wirst Du selbst zu den 100 sagen? Darauf bin ich sehr neugierig, neugieriger, als auf den Zorn der Vielen auf Nr. 95-97 oder das eisige Schweigen der Menge. Vielleicht wirst Du auch wieder das Verlangen nach einem großen, weitausholenden Buche über all diese Probleme haben, -- aber bedenke, daß ich nicht Schriftsteller oder Gelehrter, sondern Maler bin; ich würde es wahrscheinlich nie können, und muß es Berufeneren überlassen. Man weiß ja zur Genüge, wer ich bin; der Leser wird sich von vornherein auf diese Voraussetzung einstellen, oder _muß_ es eben. Ich schreibe ja im Grunde nur, weil die Berufenen versagen und um sie zu reizen und zu wecken und letzten, und besten Endes schreibe ich überhaupt nur für mich, und was ich schreibe, bedarf notwendig der Ergänzung durch meine ungemalten! -- Werke. Nun hast Du wieder »Stoff« zum Leben.

Schreib bald alles, was Du denkst; ich korrespondiere gern über das Einzelne, wenn Du es anregst. Aber erwähne den Aphorismus stets in seiner vollen Form; ich hab hier keine Abschrift.

21. Februar 1915.

L.,

morgen gehen die Aphorismen an Dich ab, eingeschrieben. Ich war ungeduldig sie abzuschicken und hab sie nicht mehr ganz überlesen und nachkorrigiert, -- ich möchte das lieber nach einer gewissen Pause machen, wenn ich etwas Distanz von der Arbeit habe. -- Von Lasker bekam ich einen hübschen Brief; sie beklagt sich, daß ihr die Menschen immer »Kartoffeln auf die Zacken ihrer Krone setzen«. Sie war sehr krank. -- -- -- -- --

14. III. 15.

L....,

heute wurde ich furchtbar sehnsüchtig; es regnete und tropfte von allen Zweigen mit einem Klang, den es nur im Frühling gibt. Ich mußte denken, wie es jetzt daheim in unsrer Waldecke duften muß! In den Gärten treiben schon die Knospen an den Obstbäumen, die Rhododendren entfalten schon Blättchen, wie wäre es jetzt schön, in Ried zu sein! Pfleg nur alles recht schön im Gärtchen und genieße es, auch wenn Du allein bist. Was macht der Specht? Ist wieder das Rotschwänzchenpaar da? Ist der Fasan wiedergekommen? Der köstliche Storch hier macht mir doppelt Lust, einen Kranich zu halten. Grüß die kleinen Rehe; die werden wieder knabbern, wenn der Schnee weg ist! -- Wenn Du mir etwas von Gundolf schicken willst, freut es mich sehr. Ich bin jetzt schon zum Lesen aufgelegt. Nur nichts über Plato! Daß die Leute immer hinter der Front der Gegenwart nach dem Heil und Guten suchen! Immer auf Krücken gehen, auf fremden Zeiten; es sind keine _schöpferischen_ Menschen. Mein Hauptgedanke ist jetzt: Entwurf zu einer neuen Welt; immer schaffen, _vor sich_ arbeiten.

-- -- Fz. M.

17. III. 15.

L..., Koehler schrieb mir heute auf einer Sturm-Postkarte meiner »Tierschicksale«. Bei ihrem Anblick war ich ganz betroffen und erregt. Es ist wie eine Vorahnung dieses Krieges, schauerlich und ergreifend; ich kann mir kaum vorstellen, daß ich das gemalt habe! In der verschwommenen Photographie wirkt es jedenfalls unfaßbar wahr, daß mir ganz unheimlich wurde. Es ist von einer künstlerischen Logik, solche Bilder _vor_ dem Kriege zu malen, nicht als dumme Reminiszenz nach dem Kriege. Da muß man konstruktive zukünftige Bilder malen, keine Erinnerungen, wie es meist Mode ist. Ich habe auch nur solche im Kopf. Ich wunderte mich zuweilen darüber, jetzt weiß ich, warum es so sein muß. Aber diese alten Bilder des Herbstsalons etc. werden noch einmal ihre Auferstehung feiern.

Heute sah ich die feine Sichel des neuen Mondes und dachte lebhaft an Dich und Ried und die Rehe -- über Euch allen stand sie auch, so fein und leicht wie ein Diadem. Und diese Frühlingsluft, in der alles so sonderbar klingt. An dieses Frühjahr werden noch Generationen denken; die ältesten Leute werden noch später von ihm erzählen; die Stimmung steigt immer mehr ins Unbegreifliche. Wie bist Du glücklich Deinen Flügel zu haben und spielen zu können. Bei mir stapelt sich alles bis zur schmerzhaften Müdigkeit im Kopf; aber ich fang jetzt leise an im Skizzenbuch zu zeichnen. Das erleichtert und erholt mich.

-- -- Dein Frz.

27. III. 15.

Liebe, Deine Briefe freuen mich jetzt so, sie sind endlich alle auf einen andern Ton gestimmt, auf den ich so lange gewartet. Was hilft alles deprimiert sein. In mir tritt allmählich an die Stelle der sich periodisch ablösenden pessimistischen und optimistischen Stimmungen die -- _Neugierde_. Ich werde allgemach _Zuschauer_ dieses tollen europäischen Dramas; die Unberührtheit ***'s!! usw. mache ich freilich nicht mit. Um so mehr lebe ich in meinen eigenen Plänen und Gedanken so wie Du auch. Ja, das bl. R.-buch! Damit hast Du völlig recht; buchtechnisch und als »Klang« _äußerlich_ ganz verfehlt und innerlich verworren, weil voll Rücksichten und Verbeugungen vor Dingen, die im Grunde nicht das Geringste mit unserer persönlichen Aufgabe zu thun haben. -- -- -- -- -- Ich werde auch nie an etwas Ähnlichem (wie den Plänen von ***) wieder mitarbeiten, sondern möglichst allein Dinge »bilden«. So denk ich mir auch die Aphorismen; den prophetischen Ton möglichst vermeiden (höchstens daß man bei jedem Wort fühlt: der Pfeil ist nach vorn abgeschossen, nicht nach der Seite und daß nichts darin im toten Zirkel läuft). Das Ganze als Selbstgespräch wie jedes gute Bild, die Art Bach's, dessen Musik im Grunde den _Hörer_ nicht braucht, -- im Gegensatz zu Wagner und Schönberg, deren Musik nur im _Zuhörer_ lebt und auf dessen Seele lauert; ein ähnlicher Gegensatz wie Mantegna und Dürer; Dürers _meiste_ Sachen (nicht alle, z. B. die Holzschnitte nicht) sind ohne den gebildeten Zuschauer tote Dinge. Mantegna's Bilder leben auch, wenn kein Mensch sie ansieht; man erschrickt, wenn man ihnen zufällig begegnet. (National-Galerie!) ähnlich wie man über das geheime, selbstschöpferische, unabhängige Leben erschrickt, vor dem neu angekauften Bild eines alten Italieners (Seitenkabinett der Pinakothek, ich glaube Nähe des Tiziansaales) Mann, Frau, Kind und Falke; ich glaube, ich zeigte Dir einmal die Photographie dieses wunderbaren Bildes.

Daß Kam.... wirklich Komponist ist, wußte ich gar nicht. Dann verstehe ich natürlich, daß er nicht in dem Sinne zum Musizieren zu bringen ist. Aber das ist ja auch das, was ich immer bei Dir und bei *** vermisse. Du verstehst, wie ich das meine; Musikmachen ist für mich Unerfahrenen etwas so Wunderbares, daß ich immer zu leicht aus dem Spielenkönnen die Folgerung eines schöpferischen Gestaltenkönnens ziehe; daher aber auch meine alte Abneigung gegen alles pedantische oder virtuose Spiel, das beides unwesentlich ist. Ich sehne mich nach nichts mehr, als einmal einen Komponisten spielen zu hören. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- Dein Frz.

28. III. 15. Palmsonntag!

Heut über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz unerwartet. Ich war noch gestern und vorgestern mit meinen Wagen in der Stellung vorn; gestern Nachmittag und Nacht kamen wir in strömenden Regen und heute morgen ½ m Schnee! Die armen Störche frieren und sehen sehr bekümmert drein. Es wird ja wohl nicht lange dauern. Die kriegerischen Operationen hier zeigen dasselbe Bild wie überall in den Vogesen: ein auf und ab, wie wir es seit 7 Monaten gewöhnt sind. Ihr lest es ja aus den amtlichen Berichten. An ein Hinausdrücken des Feindes ist zunächst wohl für lange nicht zu denken. Ich muß dabei oft an die Aufgaben der Österreicher in den Karpathen und Serbien denken; vielleicht thun wir ihnen doch auch etwas Unrecht mit unsrer geringschätzenden Ungeduld. Was Kämpfe in starkgebirgigem Gelände bedeuten, das wissen nur die, die es erlebt haben.

Eine Beobachtung verfolgt mich stark in meinem ganzen Kriegsleben: die ewige Wiederkehr des Gleichen, nämlich der gleichen Menschentypen! Es ist mir oft, als gäbe es nur eine bestimmte begrenzte Anzahl von menschlichen Existenzeinheiten, resp. Verschiedenheiten. *** dient bei mir in meinem Zug (ein sehr ordentlicher Mensch), *** ist hier Kellnerin, Kubin, Kandinsky, Klee, -- alle sind so und so oft im Krieg vertreten. Desgleichen wiederholen sich in unglaublichem Maße »Situationen«, wenn man ein etwas somnambules Gefühl dafür hat und sie »sieht«. Die Tiere gehören selbstverständlich auch in diesen ewigen Typenkreislauf. Die uralte Lehre von der Reinkarnation und Nietzsches ewige Wiederkehr des Gleichen hat für mich einen ganz neuen Sinn bekommen, den ich früher nie erfaßt hatte. Es ist durchaus kein müßiger Gedanke; denn er greift tief in das Geheimnis der künstlerischen Gestaltung hinein; vielleicht ist er überhaupt seine Erklärung. Wirkliche Kunstformen sind wahrscheinlich nichts, als dieses somnambule Sehen des Typischen, das Sehen zwingender (und daher _richtiger_) Spannungsverhältnisse. Das Richtige war immer schon richtig, immer schon einmal da. Ich weiß nicht, ob es verständlich ist, wie ich mich ausdrücke. Es ist so stark halb- d. h. unterbewußtes _Erlebnis_, keine Klügelei und man müßte erst die ganz richtigen Worte dafür finden; vielleicht gibt es sie auch nicht; denn es ist gar nicht notwendig möglich, alles mit unserer unvollkommenen menschlichen Sprache auszudrücken. Der Gedanke ist deswegen doch da. Der Sternenhimmel, den ich in diesem Winter außerordentlich viel beobachtet habe, ist für mich gewissermaßen ein Leitfaden, die Logarithmentafel dieses Gedankens: Die Spannungsverhältnisse der einzelnen Sterne und Sternbilder zueinander sind wie die Typenformeln, für den Sehenden wie ein aufgeschlagenes Buch des Lebens, der »möglichen Situationen«. Ich verstehe jetzt auch die vielverspotteten Astrologen. Ihre Gedanken sind nicht etwa Aberglaube oder Irrtümer sondern nur frühere mittelalterliche Formung von Gedanken, die uns auch heute wieder begegnen; wir formen sie künstlerisch, die Alten zogen soziale Schlüsse aus ihnen, aber der Grundgedanke und Ursprung dieses mythischen Sehens ist gewiß derselbe.

In acht Tagen ist Ostern, -- verleb es friedlich und glücklich. Hoffentlich ist das Frühlingswetter bis dahin wieder da. Ich werde in diesen Tagen mit meinen Gedanken lebhaft und sehnsüchtig in Ried, bei Dir und allem was zu _unserm Leben gehört_ sein. --

Mit liebem Osterkuß

Dein Fz.

29. III. 15.

L..., heut kam endlich Dein großer und kluger Brief über die Aphorismen. Ich kann unmöglich schnell und ausführlich antworten und schreibe diese kurze Karte nur um Dir zu sagen, daß ich mit keinem Gedanken traurig über Deinen Widerspruch bin, sondern nur _dankbar_. Über Kunst kann man nicht »reden«, höchstens über die _Mittel_. Es wird gewiß mein Fehler in den Aphorismen sein, daß sie durch sehr viel mißverständliche Worte und Unklarheiten den Anschein erwecken, als wollte ich die Kunst definieren, während ich nie mehr als eben die Mittel definieren kann (wie es Delacroix und van Gogh z. B. getan haben). Wenn ich sie je überarbeite und herausgebe, müßte ich dies in voller Klarheit herausstellen. Aber daß die »Form« von selber kommt, wenn man nur wirklich etwas zu sagen hat, das scheint mir nicht wahr. Beständige Meditation über die Form, beständigen Willen zur Form, den man immer wieder korrigiert, verwirft, neu ansetzt, mit allen Hebeln der Welt und Erfahrung, -- ohne das geht's nicht. Blos leben, das Leben fühlen bis zum Kern und auf die Form warten wie die Blumen auf den Frühling, das war und ist nie produktive Kunst. Das _Werk_ freilich muß den dornenvollen Weg ganz vergessen machen. Der Beschauer soll und kann nur das reine Werk sehen, unsre Nöte gehen ihn nichts an, auch unsre »Mittel« nicht. Ich schrieb Dir schon einmal, daß ich die Aphorismen eigentlich _nur für mich_ geschrieben habe, und Du errätst richtig, daß ich sie eigentlich geschrieben habe, um mich von meiner »Romantik«, die mir schon so viel Qual verursacht hat, da ich sie als unrein empfinde, zu befreien. Ich bin _sehr_ neugierig auf Tolstoi. Soweit ich ihn kenne, ist gerade Tolstoi derjenige, der immer _Zweck_ in der Kunst sieht! (z. B. Einigung der Menschen, was ich als Phrase empfinde); aber ich will ihn lesen, ehe ich urteile und will Dir noch viel über alles schreiben: -- Schreib mir einmal: ist *** _produktiv_? _schafft_ er wirklich oder _lebt er nur rein_? Ist er ein mehr passiver oder aktiver Geist?

-- Dein Frz.

30. III. 15.