Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band

Part 2

Chapter 23,594 wordsPublic domain

Morgen geht's wieder los! Ich freu mich recht, wieder viel zu sehen und zu erleben. Ich hätte wohl einen Tag nach Kolmar fahren können, wollte aber nicht weil ich mir es für meine Vogesenreise mit Dir aufsparen will, -- ist es nicht lieb von mir? So hab ich doch etwas, was ich nicht kenne, den Clou der Reise, noch vor mir. Aber in Straßburg, wo ich Station mache, um über die Richtung meiner Truppe etwas zu erfahren (sie soll bei Metz stehen, hörte ich heute) will ich in die Galerie gehen und Memling und Kölner sehen! Ich hab das Elsaß, von dem ich jetzt scheide, sehr lieb gewonnen; der französische Einschlag macht es so traulich und graziös, auch melancholisch. Der Dialekt ist sehr komisch, aber nicht unsympathisch. Furchtbar ist mir der Dialekt der Württemberger und Schwaben, -- ich kann ihn so wenig ohne Nervosität hören wie das Sächsische, während ich erst jetzt ein Ohr für die Originalität des Kölnischen bekommen habe, das ich sehr gern höre. Der Krieg ist nämlich die reine Schule für Dialekt hören. Das Bayrische wirkt auch anders als daheim, auf mich viel besser, es hat etwas würdiges, bedächtiges und ungeheuer _sicheres_; wenn man einen Bayer zwischen all diesen Mundarten hört, imponiert er; es liegt etwas in sich Ruhendes darin. Etwas dumm wirken Hannöveraner auf mich, während famos Ostpreußen; ich hatte längere Zeit einen Ostpreußen als Putzer. -- -- -- -- -- -- --

Ich warte hier _jedenfalls_ Dein Paket ab. Im Notfall reise ich erst Freitag mittag; es wird aber wohl schon vorher kommen. -- Heut saß ich genau so friedlich, nur leider ohne Dich auf einer Bank im Stadtgärtchen, wie damals mit Dir auf der Bank unter unserm Apfelbaum, ehe ich fortzog, in ähnlicher Abschiedsstimmung wie damals. Die Tage hier waren wirklich so nett, daß es für mich ein wirklicher Abschied von hier wird. Und wie kam ich hier an! Als ich aus der Bahn stieg und 100 Schritt gegangen war, setzte ich mich erschöpft auf eine Bank; ich muß doch recht elend ausgeschaut haben; zweimal kamen Leute und frugen, ob sie mir etwas bringen könnten, Limonade oder dergl! Limonade und mein Magen! Um die Leute nicht weiter zu beunruhigen, schlich ich damals weiter in die Jägerkaserne. Abends war es mir ja dann besser und ich bummelte durch das Städtchen. Aber den Gang vom Bahnhof in die Kaserne werde ich nie vergessen. Ähnlich schlecht war es mir, als ich mich andern Tages ins Garnisonslazarett schleppte. Nachher amüsiert man sich über solche Erinnerungen, die mir eigentlich erst heute wieder kommen, wo ich weggehe.

17. X. (Sonntag).

L...., bin heute bis _Gorze_ gekommen, wo ich mir bei Kameraden ein Strohlager gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse Nebel. _Gorze_ ein netter, großer Markt, kurz an der Grenze. Ich suche heute eine Fahrgelegenheit (Sanitätsauto, od. dergl.), Richtung _Chamblay_. Professor O. habe ich einen Kartengruß und Glückwunsch geschrieben. -- Ich muß immer an August denken! Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß ihn sein Glücksstern verläßt.

_Buxières_ 19. X. Montag.

Heute früh fuhr ich mit Offizieren in einem Auto nach _St. Bénoit-Vigneulles_, von da aus mit Fouragewägen südlich bis _Buxières_, wo unser Div. Stab ist. Nun kann meine Truppe auch nicht mehr weit sein. Unsre ganze Stellung liegt zwischen Toul und Verdun, vor St. Mihiel, wo der Durchbruch und darauffolgende Einschließung von Verdun erfolgen soll.

In Eile!

_Gorze_, 17. 10. Sonntag.

Ich bleibe heute hier, werde morgen per Auto nach _St. Bénoit_, wo das Generalkommando ist, gebracht. Dort soll ich dann weiter Gelegenheit bekommen, meine Truppe wiederzufinden. Sie scheint nicht mehr ganz in dieser Gegend zu sein. Denn niemand weiß recht, wo sie steckt. Ich bin froh um diesen Tag hier. Es ist ein so entzückendes friedliches Dorf zwischen zwei hohen Hügeln, die ganz überzogen sind mit Gemüse- und Obstgärten, jeder Garten durch eine kleine alte Mauer vom anderen getrennt; man kann stundenlang dazwischen umherwandern. Alles ganz herbstlich, die Wälder rot. Ich muß an unser Rieder Gärtchen denken, pflanz ja in diesem Herbst und Winter ein paar Bäume und ordentlich Büsche am Zaun, Johannisbeeren etc. und Haselnuß.

Meine Gedanken bedrängen mich jetzt oft, bis zum Kopfweh. Ich denke, es ist ganz gut, wenn ich wieder mal auf ein Pferd komme. Ich freu mich jedenfalls darauf. -- Oberhalb der Gärten fand ich ein kleines Kapellchen und einige Grabstätten darum. Da liegen Soldaten aus der Schlacht bei _Gorze_ 16. August 1870, es wirkte ganz wehmütig. -- Hier in _Gorze_ liegen _frische_ Infanterietruppen, seit acht Tagen ganz unthätig, -- ein Zeichen, daß man sie vorn noch gar nicht braucht! Sie sehnen sich hinaus und dürfen nicht! Beruhigend ist diese Tatsache unbedingt, die deutsche Sache steht gut!

_Hagéville_, 20. X. 14.

Liebe M., heute früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe angelangt! Sie liegt seit 14 Tagen völlig unthätig hier; man hat für unsre Feld-Art. jetzt, wie es scheint, keine Verwendung; cr. 150 Batterien sind außer Gefecht! Mir scheint, unsre nächste Bestimmung wird sein, irgendwo (ev. Belgien) Besatzungstruppe zu werden. Unser Pferdematerial ist in trostlosem Zustand, viele von der Mannschaft auch krank; diese tollen anstrengenden ersten Wochen in den Vogesen rächen sich jetzt. Jedenfalls kannst Du beruhigt sein: wir sind jetzt weder irgend welchen Gefahren, noch besonderen Strapazen ausgesetzt. Ich bin froh darüber, -- so stark und gefestigt fühle ich mich doch noch nicht; man scheint es mir auch anzusehen. Der Leutnant sagt, ich soll mich nur in jeder Weise schonen; er freute sich, daß ich wiedergekommen bin; er ist übrigens auch krank, an derselben Sache. Ich werde mich jedenfalls mit Essen und Trinken äußerst zusammennehmen und mich genau beobachten. Das Dorf ist blutarm, alles in erschreckendem Schmutz. Ich habe mein Gepäck etwas revidiert: ich bin mit Socken, Hemden etc. sehr gut versorgt; nur Knie- und Ellenbogenwärmer fehlen. Ich fand nur einen. Um solche wäre ich jedenfalls sehr dankbar. Desgl. Schokolade, _gute leichte_ Zigarren (die Du schicktest, waren fein, nur zerbrechlich im Format) und wenn möglich etwas von _Deinen_ Likören. -- Man redet jetzt viel vom nahen Ende des französischen Krieges, Bündnis mit Frankreich und dergl. Ich glaube, es ist etwas daran. Verdun schießt seit drei Tagen nicht mehr, alles steht in einem ungewissen Warten, das doch seinen Grund haben muß. Wenn es so ist, dann ist doch denkbar, daß unsre Landwehrdivision einmal nach Hause geschickt wird! Es ist wenigstens schön, solche Hoffnungen zu nähren!

_Hagéville_, 23. X. 14.

Ach Liebste,

Augusts Tod ist mir so furchtbar, wie ich es innerlich verwinden und mich äußerlich dazu stellen soll, -- letzteres ganz wörtlich: die nackte Thatsache will einfach nicht in meinen Kopf. Ich zitterte die letzten Tage wirklich in Angst um ihn, ich schrieb auch Lisbeth kurz. Ich fühlte in diesen Tagen, daß meine Nerven angegriffen sind, -- und heute, wo ich von Dir die bestimmte Nachricht habe, ist mein Bewußtsein ganz dumpf und stumpf. Ich will wenigstens in ein paar Worten Lisbeth schreiben; zu einem Nachruf bin ich, glaub ich, in diesen Tagen nicht imstande; in einiger Zeit mache ich es sicher. Ich fühle tief, wie ich an August hing; meine künstlerischen Bedenken sind ja dabei ganz belanglos; Tagesstimmungen; der Mensch war doch tausendmal mehr und war zu _allem_ reif, zu _jedem_ Gedanken, mit denen ich nun allein ringen werde! Wahrscheinlich _ganz_ allein. Gewiß hast Du mit *** recht. Die Not des Alleinseins machte mich so optimistisch und die wirkliche _Erstlingsthat_, die sein Gedanken- und Bilderwerk nun einmal ist. Sicher ist mir auch, daß wir ihn menschlich und »auf gut deutsch« mißverstehen. Er ist uns im höchsten Grade fremdrassig, nur westeuropäisch maskiert. Mit einem gleichbedeutenden Chinesengeist würden wir uns auch nie verstehen. Vielleicht war es nur einem so »fernen« Geiste möglich, die kranke europäische Kunst so zu _durchschauen_. Du schreibst ja auch ganz richtig über *** und ihn -- Slaven; aber bei *** darf man seine That nie vergessen.

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Grüße und streichle die Rehkinder

-- -- -- -- -- Frz.

Sonntag 25. X. 14.

Liebste, 8 Wochen! Das wunderschöne milde Herbstwetter dauert immer fort; wir leben unser friedliches Dorfleben; bis auf die fast täglichen Fliegerkämpfe über uns merken wir jetzt nicht viel vom Krieg. Das Beschießen der Flieger mit unseren Steilfeuergeschützen ist sehr interessant und aufregend; einen regelrechten Kampf von Flugzeug gegen Flugzeug hab ich noch nicht erlebt. Die Deutschen drücken den feindlichen Flieger noch von seiner Bahn ab und suchen ihn in die Batteriebereiche zu drängen.

Einiges von Eurer Post, auch ein paar Briefe scheinen wohl bestimmt verloren zu sein, und zwar beim Brand von _Saales_, bei dem 8 große Postsäcke nicht mehr gerettet werden konnten. Ich schrieb Euch damals, daß französische schwere Geschütze _Saales_ plötzlich in Brand geschossen haben. Das Gleiche passierte am 21. X. hier in _Buxières_, wo der Div. Stab war und die Post. Es sollen 2-3 Säcke verbrannt sein. Das sind halt unvermeidliche Dinge im Krieg und man muß sich damit abfinden. Sonst kann ich speziell sehr zufrieden sein, im Gegensatz zu manchen Kameraden. Durch die Bezeichnung 1. und 4. F. A. R. soll manches in die aktiven Regimenter sich verlieren, darum lassen wir diese Bezeichnung jetzt ganz weg. Offizier- und Mannschaftspost wird vollkommen gleich behandelt. --

Ich fühle mich gleichmäßig wohl, gleichmäßig traurig. Ich verwinde Augusts Tod nicht. Wie viel ist uns allen verloren; es ist wie ein Mord; ich komme gar nicht zu dem mir sonst ganz geläufigen Soldatenbegriff des Todes vor dem Feind und für die Gesamtheit. Ich leide schrecklich darunter.

_H...._, 30. 10. 14.

L. M., Seit 3 Tagen stockt die Post für meinen Teil wenigstens ganz; ich bin immer unruhig über Augusts Schicksal was zu hören; wenn es Nachrichten über ihn gibt, wiederhole sie bitte des öfteren in Deinen Briefen und Karten, wenn etwas verloren geht, erfahre ich es dann beim nächsten Schreiben. Ich sandte Dir einen kleinen Nekrolog, in der guten Hoffnung, daß er umsonst geschrieben sein möge. Hier gibts nichts Neues; wir essen und leben gut. Was mir abgeht, ist vor allem etwas von Dir Gebackenes zum Thee und Kaffee; ev. einmal, wenn das Regimentspaketköfferchen kommt, etwas Eingemachtes in Blechbüchsen. Es geht mir famos.

_Hagéville_, 1. Nov. 14.

Liebe Maman, heut an »Allerheiligen im Felde« schicke ich Dir einen kleinen Gruß aus meinem Gärtchen, in dem ich jetzt viel sitze und nachdenke und schreibe. Es ist jetzt der richtige Nachherbst, der »Altweibersommer«, wie wir ihn in Bayern nennen, gekommen, Tage von einer melancholischen Stille und unsagbarer Milde, nur vom ewigen Kanonendonner im Westen und Süden (Toul-Verdun) durchrollt. Auch in der Nacht zittern die Fenster oft unaufhörlich. Es sind jetzt die schweren Geschütze vor Verdun und Toul, die wir am dumpfen Rollen kennen. Heute war der erste Feldgottesdienst, den wir im Felde erlebten, draußen auf der freien Wiese, bei den Geschützen, da die Kirche als Vorratshaus eingerichtet ist. Ich gehe öfters auf den kleinen Friedhof, der dem Pippinger sehr ähnlich ist. Es ist so merkwürdig und rührend, all die fremden französischen Namen zu lesen, noch aus der 1. Napoleonszeit und früher mit alten Grabsteinen. Ich dachte heut so lebhaft an Papas kleines Grab, dessen einfache Platte auch an diese Gräber erinnert, und hab ihm in Gedanken einen kleinen Strauß darauf gelegt. Unser Leben hier ist unverändert; ich reite jetzt wieder jeden Tag 1-2 Stunden mein Pferd (einen kräftigen Fuchsen, dem die Ruhe jetzt sehr wohlthut); sonst schreibe und lese ich und gehe stundenlang mit meinen Gedanken im Garten auf und ab. Dazwischen kommen Tage mit Wachdienst, Requirierungen; letzthin hatte ich Straßenbau zu beaufsichtigen usf. Aber viel Dienst ist nicht. Ich fühl mich jetzt wieder so kräftig wie früher, nur darf ich kein Bier trinken und muß überhaupt vorsichtig mit Essen und Trinken sein. Mein Darm (oder ist es der Magen, ich weiß es nicht) ist merkwürdig empfindlich geworden; aber ich kann mich hier gut halten; -- -- -- -- -- Nimm mit diesem kleinen Allerseelengruß einen lieben Kuß von D. Frz.

_Hagéville_, 11. XI. 14.

Liebe Maman, jetzt wird's allmählich wirklicher Herbst, auch bei uns, kalt und fröstelnd. Beschämt sitzen wir in unserem gemütlichen Quartier, wenn wir an unsere Kameraden in der Front denken, in den Geschützständen und Schützengräben. Das einzig Trostvolle auch für jene, ist, daß sie die Siegenden sind; denn wenn es auch langsam geht, so schließt sich der Ring um das feindliche Heer immer enger und drückender; man stürmt wenigstens hier und in den Vogesen nicht mehr so wahnsinnig vor, wie im September und August, um das gute Menschenmaterial nach Möglichkeit zu schonen. Nun tobt dieser fürchterliche Krieg auch bald über ganz Asien, Persien, China werden unrettbar hineingerissen und ich glaube nicht, daß Amerika sich bis zum Ende dem Kampf entziehen kann. Dieser Weltbrand ist wohl der grausigste Moment der ganzen Weltgeschichte. Ich denke oft, wie ich als Bub und Jüngling trauerte, keine große weltgeschichtliche Epoche zu erleben, -- nun ist sie da und fürchterlicher als es sich irgendeiner träumen konnte. Man wird klein vor der Größe dieser Ereignisse und fügt sich geduldig in den Platz, der einem vom Schicksal gewiesen wird. Ich empfinde diesen Krieg schon lange nicht mehr als deutsche Angelegenheit, sondern als Weltereignis. Gewiß hast Du recht, daß viele zum Bewußtsein von Gedanken und religiösen Gefühlen kommen werden, die sie lange für verloren und überwunden glaubten. Mir geht es ebenso. Die ungeheure seelische Erschütterung läßt uns unser ganzes Wissen und unsere Überzeugungen bis zum Grunde prüfen. Nur denke ich, daß man nicht auf alte Glaubensformeln und Gewohnheiten zurückgreifen kann, wenn man wirklich Grund fassen will in diesem Meer von Unruhe und Kriegsgewühl, sondern daß sich neue religiöse Gedanken bilden werden, ein ganz neues europäisches Reich. Das religiöse Gefühl bleibt im Menschen immer dasselbe, aber es äußert sich in immer neuen Formen. Die alten Griechen waren in ihrer Art ebenso religiös wie die Inder und Mohammedaner und Christen, und die neuen Europäer des 20. Jahrhunderts werden nicht weniger religiös empfinden, nur eben auf ihre Art. Darüber grüble ich viel, wohin, auf welches Ziel und in welche Formen sich der moderne Mensch verändern und entwickeln wird. So wie Europa gewesen ist, _kann_ es nicht lange bleiben, auf keinen Fall nach diesem ungeheuren Kriege. So schmerzlich und wehmütig mir die Trennung von meinem Heim und meiner Arbeit ist, so bin ich doch froh, heraußen zu sein. Ich würde mich zu Hause bedrückt und krank fühlen. So lebe und erlebe ich alles mit. Ich werde auch hoffentlich alles gesund überstehen. Hier in H. können wir Kräfte sammeln. Wir sind gut verpflegt, Hunger und Durst leidet hier kein Soldat. -- -- -- -- --

_Hagéville_, 16. XI. 14.

L....,

heut kam Dein Brief vom 9. Es thut mir herzlich leid, daß Ihr soviel Unruhe mit den Hunden habt; ich halte Russi wohl für ziemlich alt. Wenn ihr die Notwendigkeit seht, seinem Leben ein krankes Alterssiechtum zu ersparen, so gebt ihm ruhig das Gnadenmittel. Ich hab auch hier Pferde, die ich lieb hatte, ruhigen Herzens erschossen, wenn ich sie leiden sah. Man kann die Tiere beneiden, daß man ihrem Leben diesen Abschluß geben darf. Ich glaube nach den Sindelsdorfer Erfahrungen nicht, daß er noch einen Winter überleben wird. Seine Zähne und sein Magen sind schlecht. -- Jetzt gibt es keine heiße Hündinnen, die Zeit ist -- meines Wissens wenigstens -- unbedingt zu spät. So glaube ich auch nicht, daß Welf jetzt darunter leidet. Frühjahr und Frühherbst sind die Zeiten. Auch merkt man es dem Hunde, an schlechten Gewohnheiten, meist an; ich merkte nie etwas an Welf. Wenn Welf einmal allein ist, -- und mit den Jahren wird er wohl noch ein sehr guter Hund werden. Bewegung hat er wahrhaftig genug, vor allem jetzt im Herbst und Winter, wo er im ganzen Garten laufen kann. So lang Russi lebt, würde ich Welf nicht zum Spazierengehen mitnehmen. Die Eifersucht und Wut wird nur noch größer und auch Welf wird eher, wenn er dann einmal daheimgelassen wird, erst recht närrisch. Eher gebe ich Euch den Rat, Russi B.'s in Pflege zu geben, damit die Rauferei einmal ein Ende hat. Ihr könnt ihn dann bei B.'s, oder wo Ihr ihn sonst habt, zum Spazierengehen abholen. Dann ist wenigstens Ruhe im Hause und Garten, und Welf, den wir _brauchen_, wird nicht ganz närrisch und verdorben, wie ich es etwas fürchte; ich kenne ja die Geschichte zur Genüge und wie machtlos man ist. Welf wird ganz anders sein und sich ziehen lassen, wenn er allein ist. Wenn man mit ihm zuweilen spielen darf, hat er _genügend_ Bewegung.

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Wie ich lebe? Die Kolonne hat 3 »Züge« _à_ 3 Wagen. Ich bin als Unt. Off. dem 3. Zugführer (Sergeant) zugeteilt, ohne besondere Funktion, da ich Meldereiter der Kolonne bin. Ich wohne mit ihm, einem sehr netten Menschen, Stadtgärtner St. (der uns bestimmt nach dem Kriege besuchen will und Dir Rat in Gartenangelegenheiten geben wird) und noch zwei anderen Gefreiten in einem Zimmer. Ich allein hab ein anständiges Bett, die 3 anderen schlafen auf einem Heulager, das wir ins Zimmer eingebaut haben. Früh zwischen 5 und 6 stehe ich mit St. auf, das Kaminfeuer wird angezündet und Kaffee gebraut. Dann sitzen wir meist 1-2 Stunden Pfeifen rauchend am Kamin, Stunden, die ich sehr gern habe. Natürlich trifft ab und zu Dienst, sodaß man gleich früh anspannen und wegreiten muß. Wenn's hell wird, gehe ich _vis-à-vis_ ins Quartier vom Wachtmeister, wo ich eine, den hiesigen Umständen nach nicht einmal so schlechte Waschgelegenheit habe. Seife langt noch für lange, ich hab auch von K.... bekommen. Soweit ich nicht abkommandiert werde, kann ich meinen Aufenthalt am Tage zwischen unserm Zimmer und dem Kanzleizimmer teilen, je nachdem hier oder dort mehr Ruhe ist; abends wird zuweilen tarokt. Für meine Sachen hab ich einen ziemlich großen Wandschrank. --

Heute erhielt ich einliegenden Brief von Kandinsky, gestern ein Schokoladepaket von Münter. -- -- -- -- --

Mit dem *** bin ich jetzt wenig zusammen, da er ständig mit den Offizieren der Abteilung ißt. Ich bin im Grunde sehr froh darüber, da ich mehr allein bin und für mich arbeiten kann. Ich sehne mich noch nicht nach Verkleinerung der Zeit, der Höhepunkt ist noch nicht da; nur jetzt nichts halbes. Wir müssen die Härten der Zeit tapfer tragen, der Geist der Stunde ist es wert.

_Hagéville_ 18. XI. 14.

L....,

unser Leben geht still weiter, oft viel Dienst, Ritte nach der oder jener Etappenstelle, Fuhrdienst in die Front vor, (wo die Artillerie übrigens auch keinen besonders schweren Dienst hat, -- kein Vergleich mit den Vogesen!).

Das in den amtlichen Berichten angegebene »langsame Vorrücken«, kleine Erfolge, Zurückweisung französischer Ausfälle und Angriffe ist buchstäblich wahr; das schöne dabei ist, daß die lakonische Ruhe dieser Berichte der Ruhe und Sicherheit der deutschen Stellungen entspricht; alles wartet auf die Entscheidung im Norden. Sobald wir dort die Sieger sind, ist die französische Frontstellung nicht mehr haltbar, weil wir dann von Norden her die Etappenlinien der Franzosen eindrücken können.

Es waren jetzt wieder wundervolle Herbsttage, schwerer Frost und ganz weiße Morgen; es ist großartig, bei Sternenlicht losreiten oder fahren und dann die Sonne kommen sehen, die den weißen, glitzernden Reif löst. In den Dörfern dampfen die Misthäufen, -- Du kennst ja die Stimmung. Eine merkwürdige Steigerung derselben liegt für mich in dem französischen Dorfbild, lauter Monets, Sisley und van Goghs. Das Aussehen der französischen Dörfer ist ja auch hier äußerst typisch. Nirgends Ziegelbauten, sondern alles aus einem graugelben Sandstein, meist nur schlecht getüncht. Diese französisch-impressionistische Stimmung ist für mich wie eine Kindererinnerung; ein wehmütiges Gefühl beschleicht mich dabei; aber immer, wenn ich mich in solche Szenen vertiefe, ertappe ich mich dabei, daß ich statt dem Kalt und Warm und der Luftperspektive, Zahlen sehe, rein abstrakte Klänge und schnell ist der impressionistische, anheimelnde Traum vorbei und die Arbeit beginnt!

Hab ich Dir eigentlich erzählt, daß ich jetzt viel mit Herrn ***, den ich als Kriegsfreiwilligen in München unter mir hatte, zusammen bin? Er ist seit einigen Wochen hier, als »Schreiber« bei der Abteilung. Er ist ein sehr feiner, hochgebildeter Mensch, dessen Verkehr mir eine große Wohltat ist.

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Oft treffe ich auf meinen Etappenritten mit rheinischen Truppenteilen zusammen, was mir früher immer eine Freude war, der rheinische Dialekt, -- ist mir jetzt fast qualvoll, da ich immer an August denken muß, -- so wie ich eben auch vorher an ihn erinnert wurde, aber im gegenteiligen Sinn. Ich bin ganz wehmütig, wenn ich es jetzt höre.

Von den vielen guten Sachen, die Du mir geschickt hast, haben mich doch am meisten die -- Äpfelchen gefreut; ich habe sie mit solchem Stolz verzehrt! _Ausgezeichnet_ mundet mir auch der Kurfürstliche. Ich kann den schlechten Schnaps, den man hier bekommt, nicht trinken. Anfang des Krieges habe ich ihn unbedenklich getrunken, vielleicht zu viel; ich bin froh, daß er mir widersteht, -- um so größere Wohlthat war mir Euer Schnaps; das nette, korbgeflochtene Fläschchen hab ich noch nicht probiert. Jedenfalls seid Ihr beide sicher, daß mir Euer Rieder Leben durch die Sendung besonders nah gerückt ist; beim Kurfürstlichen muß ich sogar immer an die lieben Abende in Berlin denken. Wie ist das alles fern und weit zurück!!! Morgen werd ich in Gedanken den Geburtstag von Mama mitfeiern. Ich schrieb Mama ein Kärtchen. Lebt wohl; bleibt gesund -- -- -- -- --

_Hagéville_, 23. XI. 14.

L.... Einliegend das Manuskript. Ich bin neugierig, wie es Dir gefällt und ob Du es für verständlich hältst. Natürlich fehlt mir hier die Ruhe, Form und Ausdruck ganz auszuarbeiten, vor allem die Stille, um das ganze Gedankengefüge auszubalanzieren. Ich muß mir meine Arbeitsstunden zu sehr stehlen. Aber doch möchte ich es gedruckt wissen, eben jetzt, in dieser unzeitgemäßen Stunde, in der alle bloß an das Heute und Morgen denken. Vielleicht antwortet jemand, das wäre mir sehr recht, zur Gegenantwort. Denn ich bin im tiefsten Grunde überzeugt, daß meine Gedanken über Europa wahr sind, wenigstens _möglich_ sind, -- letzteres wäre mehr als wahr, weil es auch die ganze Zukunftsaufgabe in sich schlösse. Ich werde in meiner kommenden Arbeit immer wieder um dieses Thema kreisen und es immer wieder neu zu fassen suchen, bis ich auf den reinsten Ausdruck komme. Ihr (darunter verstehe ich Dich und Klee) könnt unbesorgt kleine Änderungen an meinem Konzept vornehmen, den einen oder anderen Sprung logischer verbinden, wenn es Euch nötig scheint. Im übrigen fürchte ich keine Angriffe, meine Waffen sind heute geschliffen; Angriffe könnten meine Gedanken nur stärken und erweitern.