Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band

Part 15

Chapter 153,565 wordsPublic domain

Tieck, ich wollte vieles aufopfern, wenn meine Freundschaft ein einziges von Dir verlangen könnte. Ich weiß, daß Du das Leben nicht achtest, daß Du Dich als einen der Welt schon abgestorbenen betrachtest, der in einem gleichgültigen Mittelzustande lebt, alles um sich her wie aus dem Grabe, wie durch das Gitterfenster eines düstern Gewölbes ansieht; der ohne Ueberlegung aus Laune seinem Körper und Geiste Pönitenzen auflegt, und sich selbst wie einen Nichtswürdigen behandelt, weil er nichts an sich verlieren zu können glaubt. Wann wirst Du von dieser unseligen Krankheit genesen? O daß ich alle Beredsamkeit, die in allen Welttheilen je menschliche Herzen gebeugt hat, zusammenrufen, und auf einen Punkt konzentriren und damit wie durch den Sonnenstrahl vom Brennspiegel Dein verirrtes Herz mit Wahrheitsglanze blenden könnte! Tieck ich beschwöre Dich bey allem was Dir heilig ist, bey der göttlichen Kraft die die Welt beseelt, und deren Funken in Deiner Seele glüht; ich beschwöre, frage Deine übertäubte Vernunft um Rath. Unaufhörlich stürmst Du auf die Gesundheit Deines Körpers und Deiner Seele los, -- wie kannst Du etwas anderes als Mißbehagen fühlen? In einem Anfall schrecklicher Melancholie würde der Gedanke, das Innere des heiligen Geheimnisses, des Lebens, zu zerstören, zu welchem die Natur allein den Schlüssel hat, er würde in einem heiteren Lichte Dich umschweben, und es würde Deinem Schooßkinde, der Phantasie, gar herzlich kitzeln, wenn sie die Vernunft wie eine weinende Bettlerinn, vor ihrem Thron harren sähe. Aber hier, hier ist es Zeit an Deine Liebe zu appelliren! Hier stelle ich unsre Freundschaft Dir vor die Füße; diese mußt Du zuvor umstürzen, ehe Du die abentheuerlichen, zauberhaften, erquickenden Freuden eines lebenlosen Lebens oder -- des Nichtdaseyns selbst kosten kannst. O sammle Dich Freund, in diesen Augenblicken muß ich Dich mit dem kühnsten Stolze angreifen, mit der gespanntesten Empfindung Dich in das Geleise des gemeinen Nachdenkens zurückbringen; -- -- doch es ist Unsinn was ich schreibe, Du hast kein Acht auf mich, Du hörst mich nicht. Soll ich Dich feiner angreifen? Soll ich Dir im Spiegel der Zukunft die thränenvollen Tage, das unglückselige Schicksal zeigen, das mich verfolgen würde, wenn Du, aus Ungeduld der langsamen Natur zu folgen, oder Lust ein großer Geist zu werden, Dich immer unglücklicher machtest? Und bin ich der einzige? Du weißt nicht, wie sehr z. B. Bernhardi Dich liebt; ich weiß es. Und Du, Du, Tieck, Du könntest unbesonnen genug seyn, aus muthwilligem Humor, aus bloßem armseligem Kitzel, aus Sucht, Dir ein schaales kleines Vergnügen zu machen, etwas zu thun, wodurch Du Deine Freunde auf ihre Lebenszeit unglücklich machst, Elend auf ihr heiteres Leben säest, und durch sie auf die sie umgebende Welt auch noch trübsinnige, melancholische Gefühle verbreiten willst? Du denkst: „Ich möchte doch sehen, ob ich das Buch in einem Abend ganz durchlesen könnte, -- ich möchte doch wissen, ob ich es aushielte, mehrere Nächte hintereinander oder in einer heftigen Geistesspannung zu arbeiten, -- ich hätte wohl einmal Lust, in einem Tage 14 Meilen zu gehn, -- ich möchte gern aus Spaß einmal in einer ganz finstern Nacht auf den Giebichensteiner Felsen an den gefährlichsten Stellen heraufklettern“ -- und tausend andre Sachen. Entsetzlich! Deine Laune, die durch einen elenden Genuß einer angenehmen Stunde befriedigt seyn will, Deine Laune soll der Götze seyn, an dessen Altar Du die Freundschaft, die Glückseligkeit von wahren Menschen schlachten willst, die Du zu lieben, über alles zu lieben vorgabst? Alle die hohen Gefühle, die wir Dir geweiht haben, alle die Seligkeiten, die Dein wachsender, immer wachsender Geist uns künftig versprach, stößest Du die unter nichtsbedeutendem Lächeln, und mit abgewandtem Gesicht, in den furchtbaren Ocean des Nichts? Tieck, ein Engel ruft durch mich Dir zu: Erhalte Dich, schone Dich, mache Dich glücklich _um Deiner Freunde willen_!!

Pfui, daß ich so abscheuliches Zeug habe sagen müssen. Ließ es schnell, und zerreiß’ es, -- zerreiße das Papier und die Worte, -- aber den Sinn, den ich Dir durch dieses Gewirre krasser Ausdrücke ins Herz habe prägen wollen, den präge hinein, -- mit brennenden Flammenzügen. Alles, alles bezeugt meine innige Liebe zu Dir, und diese, wenn Du mich kennst, und mich zu durchschauen würdigst, wirst Du auch durch alle heftigen Vorwürfe, die ich Dir je gemacht habe, hell und glänzend durchscheinen sehen. --

Ach ich hatte doch geglaubt, daß Du froher in Halle leben würdest; Deinen Rückfall, was sag’ ich, Dein Fortschreiten in der fürchterlichsten Schwermuth, hatte ich wahrlich nicht erwartet. Du flößest mir eine tiefe Betrübniß ein. Mir kommen wirklich wieder die Thränen in die Augen: Tieck -- Du hast es jetzt nicht ganz vergessen, daß Du vor -- langen Jahren einmal mit mir vergnügt warst? Oder erinnerst Du Dich, daß Du in Deinem Leben mehr als einmal gelacht hast? Um Gotteswillen! Ist die Trennung von mir, von Deinen Freunden die Ursach Deiner beklagenswürdigen Stimmung? Willst Du zu eben der Zeit, da ich Deine Lehren über eine weise Gleichmüthigkeit gegen die Kleinigkeiten des vulgären Lebens, auszuüben anfange, wieder mir durch ein entgegenstehendes Verhalten Anlaß zur Trauer geben? O Wehe, Wehe! daß ich in der That einen schwarzen Trauermantel um meinen Freund, um meinen besten, einzigen Freund anlegen möchte! Denn mein Freund ist -- unglücklich! O wenn mein heißes Gebet zum Himmel Erhörung herabzöge! -- Tieck, es _muß_ besser werden mit Dir, _besser_ sag’ ich, -- schiele nicht nach dem traurigen Platz um die Kirche hin, wo Hügel und Kreuze stehn, und falber Wermuth wächst, -- nein! besser in _diesem_ Leben. Sollte der Himmel Dir einen erhabenen Geist blos zu Deiner eigenen Qual gegeben haben? Und willst Du, unter dieser Voraussetzung, immer selbst Deiner vermeyntlichen Bestimmung zum Unglück, entgegenarbeiten? -- Es ist nicht möglich, Tieck! Du bist ein Engel! und Du solltest ewig unglücklich seyn?

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Sonnabend, Mittag.

Auch Deine Antwort auf meine Zweifel wegen meiner Wahl einer Akademie, hat mich etwas frappirt. _So_ hatte ich sie nicht ganz erwartet. Du überzeugst mein Herz, wie wehe es dem Deinigen thun werde, Dich aus Deiner Situation in Halle herauszureißen, und doch setzest Du mit einer Kälte, mit einer Trockenheit, die mich erschreckt hat, weil sie die Frucht einer verzweiflungsvollen Stimmung zu seyn scheint, hinzu, Du würdest am Ende doch wohl noch mit mir nach Erlangen gehen. Bedenke genau was Du thust; frage dich selber sorgfältig um Rath, ehe Du hierüber etwas, vielleicht aus Uebereilung, die Du späterhin bereuen möchtest, zu beschließen wagst. Zürne nicht, und (was noch tausendmal ärger wäre) mißverstehe mich nicht, argwöhne nichts, was ich Dir verschwiege, unter dieser Vorsicht versteckt. Es ist dies ein Punkt, über den ich mit der nacktesten Offenheit mit dir sprechen muß. Also noch einmal: bedenke zuvor, ehe Du Dich entschließest; und glaube nur um Gotteswillen nicht, daß ich aus einer gehässigen Kälte und aus Vernünfteley zu unrechter Zeit die Wirkung Deiner leidenschaftlichen Liebe zu mir stören will. Es ist zu Deinem besten, was ich sage. Du wirst in Halle bis Ostern gewiß immer mehr Behagen fühlen, wirst in angenehme Verbindungen verkettet werden und manchen schönen Umgang anspinnen. Nun prüfe Dich selber ja mit Strenge, ob Du stark genug bist, alles dies aufzuopfern, um -- einem einzigen Menschen zu gefallen, von dem Du doch nach 1 oder 1½ Jahr alsdann _wieder_ getrennt wirst, 30 Meilen weiter in die Mitte von Deutschland hinein zu ziehen. Es würde nichts kränkender für mich seyn, als wenn Du dies mißverständest, und nur auf einen Augenblick verleitet werden könntest zu glauben, meine Liebe zu Dir wäre um einen Gran verringert geworden. Mein Vater meynt, es würde Dir vielleicht nicht leid thun, mehr von Deutschland gesehen und in Erlangen einige Zeit gelebt zu haben. Nun -- vielleicht ist uns der Himmel günstig. Vielleicht, daß es möglich wäre! -- könnte meine Gegenwart die Wolken von Deiner Stirn scheuchen. Aber dann die Trennung wieder! Welch ein neuer Blitz für uns beyde! -- Nur keine Aufopferung von Deiner Seite, Tieck! Ich will keine Schuld auf mich geladen wissen! Und wenn ich künftig auch nur _etwas_ weniger Deine Liebe verdienen sollte, und Du auch nur _etwas_ von Deiner heißen Liebe nachgelassen hättest, -- -- doch, wo gerath’ ich wieder hin. O, ist es denn nicht vergönnt, daß wir zusammen glücklich seyn können? Nun -- _vielleicht_! Die Hoffnung soll mich nie verlassen! Möchte sie Dir auch beystehen!

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Vergieb mir, wenn mein Brief heftig und sonderbar ist. Ich küße Dich zärtlich, und -- verspreche, wenn es nur irgend angeht, Dir künftigen Posttag wieder zu schreiben. Gott sey mit Dir.

_W. H. Wackenroder_.

V.

_Berlin_, den 18ten Juni, Montag Abend.

Da ich versprochen habe, Dir wiederzuschreiben, so kann ich unmöglich Deine Erwartung täuschen. Ich halte solch ein Versprechen, dir gethan, für das kräftigste Mittel, mich zu etwas zu zwingen, wenn das Geschäft an Dich zu denken, das mir das süßeste ist, noch eines Zwanges bedürfte. Aber wahrlich, ich fühle es, ich hätte Dir ganz gewiß, wenigstens ein Paar Zeilen geschrieben, wenn ich auch die zeitraubendsten Abhaltungen gehabt hätte, denn ich weiß es selber gar zu gut, was es heißt, vergeblich warten und seine sicheren Hoffnungen vereitelt sehn. Aber Abhaltungen und Zerstreuungen habe ich jetzt doch bis zum abscheulichsten Ueberdruß. Es ist ein großer Trost, den ich Dir geben kann, daß du frey, nach Deiner eigenen Willkühr, in schöner Unabhängigkeit Deiner Zeit genießen kannst; indeß ich durch Geschäftsgänge, und durch überhäufte Vergnügungen, durch meinen trägen Körper, der eines eisernen Schlafes gewohnt ist, und durch die inkonvenienten Verhältnisse mit manchen meiner Bekannten beständig nicht nur an Beschäftigungen, sondern auch an selbstgewählten Erholungen und an besserem Umgange gestört werde. Rambach und Bernhardi lieb’ ich sehr. Letzteren kenn’ ich bis jetzt noch besser und bin ihm also auch noch mehr zugethan als jenem. Ich habe mich gewundert neulich, als er mir manchen geheimen Winkel in seinem Inneren aufdeckte und mich mit allerhand sehr feinen Bemerkungen unterhielt, in ihm so viel Aehnlichkeit mit Dir zu finden. Wisse, daß Du ein sehr lieber Gegenstand unsers Gesprächs bist; und werde durch mich überzeugt, daß er Dich innig schätzt, und von den Abenden, da Du mit ihm zusammen gewesen bist, mit einer lebhaften und frohen Erinnerung redet. Ich bin mit ihm seit ein Paar Wochen 2 mal im Theater gewesen, und habe beydemal dicht bey ihm vorn in der Mitte gestanden. Wenn ich so einen Menschen zu meiner Seite habe, von dem ich weiß, daß er alles so tief fühlt als ich, -- ich weiß nicht, dann ists mir immer so wohl, und ich finde mich in dem Gewühl der Menge Zuschauer so glücklich, als wäre ich allein auf meiner Stube mit einem Freunde. Stehe ich aber so verlohren und einsam in dem lachenden und witzelnden und albernen Parterre, so ist mir alles so öde und wüst. Bey keinem aber, als bey Dir, ist mir jenes Gefühl so laut und deutlich gewesen: faßte ich Dich unterm Arm, so wars mir so wohl, als wenn ich mich nach einer erschlaffenden Ermattung des Abends in mein Bett warf, oder als wenn ich mich vor Wintersturm und Regen in mein sicheres Stübchen rettete. -- Die 2 Stücke die ich sah, waren, -- höre hoch auf, denn ich spreche große Worte: -- Kabale und Liebe, und Ifflands Elise von Valberg, Schauspiel in 5 Aufzügen. Ist das letztere, das von Kennern für das Meisterwerk des Verfassers erklärt wird, gedruckt, so lies es ja. Es macht einen erhabneren, weniger rührenden Eindruck, als die Hagestolzen und hat eine weit, _weit_ lebhaftere, raschere Handlung. Nichts übersteigt das Interesse der Situationen, den originalen Stempel einiger großen Scenen, den Effekt, den kleine Züge hervorbringen, -- und nichts übertraf, als ich das Stück sah (es ward zum erstenmale gegeben), das Spiel von Fleck, der Unzelmann, Garly (kennst Du diesen talentvollen Anfänger?) u. s. w. Auch Czechtizky, auch die Baranius spielten gewiß sehr schön; auch Mattausch übertrieb seine Gebehrden wenigstens nicht. Als die unschuldige, unbefangene Elise mit der Fürstinn sprach, als das ungezierte, offene Mädchen Muth bekam, ihr Dinge zu sagen, die ein Kenner der Menschen und des Hofs an dieser Stelle kaum zu denken gewagt hätte, als sie die Fürstinn überzeugte, daß sie völlig rein, vom Fürsten noch nicht befleckt sey, und ihr dagegen ihre Pflicht als Gemahlinn ans Herz legte, und ihre Kälte, ihren anscheinenden Stolz gegen ihn ihr vorhielt; da dacht’ ich an die Scene in Maaß für Maaß, wo auch das schüchterne Mädchen in Gegenwart des Herzoges so enthusiasmirt wird. Das Stück ist höchst vollendet und ausgearbeitet; der Gang höchst natürlich. Und noch eines, was ich noch nicht gesagt habe, setze ich hinzu; die Feinheit und Delikatesse in den Aeußerungen der Personen ist unübertrefflich, unnachahmlich. Beyspiele liefern besonders die Abschiedsscene zwischen Elise und Witting, und die Versöhnungsscene zwischen dem Fürsten und der Fürstinn. -- Kabale und Liebe hat auf mich gewirkt wie es soll: stark, entsetzlich stark. Ich freute mich, das Ganze besser zu verstehen, als da ich es vor einigen Jahren las. Ich weiß mich der Zeit noch sehr gut zu erinnern, da ich diese Verse von Göthe: „Trocknet nicht, trocknet nicht, Thränen der heiligen Liebe! Auch dem halbtrocknen Auge schon, wie öde, todt ist die Welt!“ -- gar nicht verstand. Aber, als ich das Gefühl der Liebe, in seinem schönsten Aufblühen, in seiner reinsten, sich selbst nicht kennenden Unschuld, in dem Reiz, wie die edelsten und süßesten Minnedichter es schildern, -- als ich es empfand, -- da empfand ich auch, was jene Verse sagen wollten. So erweitert sich allmählig der Kreis der Empfindungen, und wo vorher das Herz kalt blieb, treibt es das Blut nun rascher und wärmer durch die Adern. So gings mir ohngefähr bey einigen Stellen in Schillers Stück. Ich habe es nun göttlich gefunden: es gehört mit zu den einzigen Triumphen, die den glorreichen Dichter zum höchsten Gipfel des Ruhms erheben. Wer hat die Empfindung stärker gemahlt, als er, in der Scene, da der Vater die Geliebte des Sohnes seinen Händen entreißen läßt? Diese hat mich am schrecklichsten erschüttert. Und das Ende! Es kann keine heftigere Spannung der Leidenschaften geben! Ich fühlte es, wäre ich in Ferdinands Lage, -- wahrlich, Tieck, ich hätte kaum anders gehandelt. Was meynst Du? Fleck, die Unzelmann, Herdt und vornehmlich auch Unzelmann als Kammerdiener, spielten herrlich. Kaselitz hat nur wenig edles und ausdrucksvolles; und die Engst schien in den großen originellen, vielumfassenden Charakter der Brittinn nicht ganz zu passen. Ihr Mund will sich immer nur zu einem leichten Lächeln verziehen; ihr Auge immer unter den schwarzen Augenbrauen mit schalkhaftem Muthwillen hervorblicken, ihre Stimme immer über anmuthige Scherze mit einem sanften Accente dahingleiten: und dieser ihr angebohrner Charakter, wie es scheint, schimmerte immer hervor, wenn sie sich auch Mühe gab, mit ihrem Arm pathetisch zu gestikuliren und mit ihrer Stimme die treffenden Töne wahrer, erhabener Empfindung zu modulieren. Die ächt Schillersche Sprache in dem Stück ist oft der kühnste Schwung der Poesie.

Ich habe Göthens Groß-Cophta gelesen, worin sehr viel artiges ist. Auch habe ich Pfeffels Gedichte durchgelesen, die zwar manche allerliebste, anpassende Fabel enthalten, aber auch einiges, was nicht für meinen Geschmack ist, als: Romanzen auf alte Leisten, vom gewöhnlichen Schlage; gemeine, alberne Erzählungen; kleine Erzählungen, die nakt da stehn ohne Interesse, und man weiß nicht wozu, in eine geringe Anzahl von Versen zusammengepreßt sind; endlich, mehrere fade oder läppische Witzeleien, die für Epigramme verkauft werden. Daß man es sich doch nicht der Mühe verdrießen läßt, sogar solch allgemeines und gemeines Courantgeld, als die Epigramme sind, zu verfälschen! -- Uebrigens scheint mir Pfeffel der einzige blinde Dichter zu seyn, der in seinen Werken keine Spur von finstrer Phantasie zeigt, sondern vielmehr durch seine heitere Laune sich und andre aufheitern will. Wie kommt das? Es ist viel!

Wenn Burgsdorff wieder solider geworden ist, so freut michs sehr. Grüß’ ihn herzlich. -- Die Geschichte Deiner selbst wird mir immer willkommen seyn, und mir zu einem heiligen Unterpfande unsrer immerwährenden Freundschaft dienen.

Bernhardi denkt, wenn er irgend kann, in den Hundstagsferien nach Halle zu reisen, und freut sich sehr zu Dir. Er hatte schon auf einen Brief von Dir gewartet. Ich habe ihm Deinen gegeben; auch die an Deine liebe Schwester hab’ ich abgegeben. Warum schreibst Du ihr nicht öfter? Versäume ja nicht, lieber Tieck, an sie und Deine Aeltern zu schreiben. Hörst Du? Deine Schwester verräth ein so gutes, sanftes Gefühl, und so viel Liebe und Zärtlichkeit für Dich! --

* * * * *

Dienstag Mittag.

Ueber das Naive hab’ ich noch nicht recht Muße gehabt, nachzusinnen. Es ist ein so schwerer als interessanter Gegenstand. Bernhardi hat jetzt Deine Anna Boleyn. Es geht ihm beynahe so wie mir: es wird ihm schwer, etwas zu tadeln oder Verbesserungen vorzuschlagen. _Ich_ habe mir alle mögliche Mühe gegeben; aber glaub’s mir, ich finde wahrlich nichts. Den 2ten Akt versteh ich immer besser, und find ihn immer schöner und schöner. Ganz vortrefflich ist’s, daß die Anna am Ende vornehmlich nur ihrem Heinrich zu Gefallen entfliehen will; nur ihm zu Liebe, damit ihre Gegenwart ihn nicht stören soll. Aeußerst feiner, trifftiger, rührender Grund!

Lebe wohl und sorge für Deine Gesundheit und Zufriedenheit. Schreib mir bald, lieber Tieck.

Dein

ewiger Freund

_W. H. Wackenroder_.

VI.

Freitag, den 20ten Juli.

_Mein zärtlich geliebter Tieck_.

Endlich hör’ ich einmal wieder etwas von Dir. Gewiß hätt’ ich schon lange, wirklich lange schon wieder an Dich geschrieben, wenn ich nicht so viel Zerstreuungen gehabt hätte. Ich habe in der That allen meinen Verstand und meine Ueberredung, d. h. all mein Phlegma aufbieten müssen, um bey Deinem Stillschweigen, das mich so lange beunruhigt hat, nicht _zu_ unruhig zu werden. Da ich Deine Harzreise ahndete, so war ich ungewiß, ob mein Brief Dich schon wieder in Halle antreffen würde; auch erwartete ich immer einen von Dir, heute aber am sichersten, und -- ich bin inniglich froh, daß ich mich nicht getäuscht habe. Aber glaube es mir auf mein Wort ich hätte, wenn Du auf noch längere Zeit geschwiegen hättest, es doch kaum über’s Herz bringen können, Dir Vorwürfe darüber zu machen: ich hätte es wahrlich nicht gethan.

Seit Deinem letzten Briefe habe ich oft mit sehr zärtlicher Rührung und reger Empfindsamkeit an Dich gedacht; und ich bin über alles glücklich, daß Du, wie ich sehe, auch an mich noch immer mit einer Innigkeit denkst, die ich erst seit Deiner Entfernung aus Deiner Schriftsprache recht erkenne.

Verzeihe es meiner Freundschaft, wenn ich in meinem vorletzten Briefe das demüthige Gefühl der Hochschätzung, den meisternden Ton heftiger Vorwürfe angenommen hatte. Aber Du hast mir schon verziehen. Ich weiß es ja auch selbst, wie übel dieser Ton mir steht, und wie häßlich dabey meine Empfindungen verzerrt werden. Doch der Fall, der diese Diskursion veranlaßte, hatte mich zu gewaltsam erschüttert, als daß, -- nun -- möge ewige Vergessenheit darüber ruhn. Daß grade jenes Dein Uebelbefinden nicht eine Frucht der Tollkühnheit war, die ich schon manchmal, wenigstens in Gedanken, an Dir gerügt habe, kann seyn; daß Du aber die großscheinende Schwachheit sonst gehabt hast, -- (Tieck, verzeih um’s Himmels willen, daß ich es wieder Schwachheit nenne; ins Gesicht könnt ich’s Dir wahrlich nicht sagen, ich weiß nicht, warum ich’s mir vergebe zu schreiben? --) nun, das gestehst Du selber ein. Und davon Dich abzubringen, (wohl Dir, wenn Du Dich selbst schon geheilt hast,) das allein war die Absicht meiner Invektive gegen Dich. Und o! wie erhaben dünk’ ich mich als ein Glied der Kette, die Dich an diese Erde fesselt. Ich glaube, ich habe meine Bestimmung in der Welt genugsam erfüllt, wenn ich nur ein starkes Glied dieser Kette bin. Möchte sie nimmer zerreissen.

Du bestrafst mich mit der größesten _Belohnung_, wenn Du zu meinem Einwand wegen Deiner Wahl von Erlangen blos sagst, ich hätte Dich mißverstanden. Wenn ich aber in einer Sache, wo Eigennutz, (doch der edelste denk’ ich,) mit der Besorgniß für die Zufriedenheit des Freundes kämpft, nicht so nachsichtig wäre, wenn ich strengere Beweise von Deiner Seite fordern könnte, daß nicht das Glück, was mir zu Theil werden soll, Dir abgehen würde, so würde ich in der That Deine Erklärung hierüber wenig befriedigend finden. Du hättest in Halle keine Verbindungen, deren Auflösung Dir wehe thun könnte? Hast Du nicht die Reichardtsche Familie, Burgsdorff, und vielleicht noch andere? Hast Du nicht schöne Gegenden, die Dich kennen und die Du liebst, ~Flumina nota~ u. s. w.? Bist Du Deinen Aeltern nicht näher? -- Doch meine selbstsüchtige Seele hält mir den Mund zu, da meine liebende Seele mich fortfahren heißt.

Scheine ich Dir nicht einem Kinde ähnlich, das nur darum sich so lange nöthigen läßt, ein Geschenk anzunehmen, um es nachher mit desto größerm Scheine des Rechts, mit desto begierigeren Händen ergreifen zu können? Ich will nicht entscheiden, in wie fern Du in dieser Vorstellung unrecht haben möchtest. Dennoch, -- überlege: sieh auf Dich selbst. _Wenn_ dann unser beiderseitiger sehnlichster Wunsch erfüllt werden kann, wenn wir an Einem Orte die blumenreichsten Jahre des Lebens zubringen dürfen: -- o welche unaussprechlich reizende Aussicht in die Zukunft. Zwey Wesen, von dem traurigen Schwall und Wuste der Welt isolirt, in einer Freiheit, die Götter beneiden könnten, in einer Sorglosigkeit, die man vergeblich an andern Orten der Erde und in andern Zeitpunkten des menschlichen Lebens sucht, -- durch nichts an die Menschen, blos an einander mit den unauflöslichsten Banden gekettet: -- so setzen wir uns dann mit Entzücken auf die Schaukel des Glückes, und lassen uns zusammen von unseren Freuden in herrlichem Schwunge bis an die Sterne schleudern: ~Coetusque vulgares udamque spernimus humum~! -- Aber ich schweife wieder aus! Ach! diese Seligkeit scheint mir zuweilen so groß, daß, -- soll ich nach der bäurischen Einfalt meiner dunkeln, ahndungsvollen Empfindungen sprechen? -- daß ich bange davor bin. Denn ich kann mich nicht überreden, wie das im Guten so haushälterische Schicksal, das so genaue Rechenbücher über die Freuden und Leiden hält, die es uns zutheilt, mich mit einem so großen Kapital beschenken könnte, ohne mir nachher dafür die drückendsten Zinsen abzufordern. Doch ich trage diese Beschwerden, wenn _Du_ mich so glücklich machst. Und ich nehme Deine Wohlthat, die Du an mir thun willst, mit dem dankbarsten Gemüthe an, wenn sie Dich nicht gar zu viel kostet. Dabey bleibt’s. O ich habe heut schon herrliche Scenen aus unserer künftigen Gemeinschaft geträumt! --