Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band
Part 14
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Spillner habe ich nur noch einmal besucht. Er wird wohl diesen Donnerstag abgereiset seyn. -- An Piesker schreibe ich, was Du verlangst, (morgen nämlich,) und bitte ihn, mir auf alle Fälle zu antworten, damit, wenn er auch in der kurzen Zeit, die Du noch in Bülzig bleibst, Dich nicht sollte sehen können, ich Dir doch den Grund seines Ausbleibens künftig schreiben kann. -- Den Brief an Deine Schwester habe ich abgegeben, und dabey Deine liebe Stube wiedergesehen. Wäre ich Alexander, so würde ichs mit der eben so machen, wie jener mit Pindars Hause. Sie müßte eine ewige Reliquie bleiben, wenn auch ganz Berlin untergienge. Ich werde die Stube nie ohne Rührung, nie ohne von wehmüthigen Erinnerungen gepreßt zu seyn, ansehn. Es ist eine herrliche Stube!
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Könnte ich doch bey Dir seyn, und auch mit Deinem allerliebsten Lamme spielen. Die Mutter von Matthison würde mir, wie Dir, eine sehr interessante Bekanntschaft gewesen seyn. -- Was Schmohl betrifft, so grüß ihn herzlich. Ich sollte denken, daß Dein Feuer nothwendig durch längern Umgang in sein kühleres Blut übergehen, und ihn immer mehr vom Felde der trockenen Betrachtung abziehen müßte, um ein Jünger Deiner Götinn, der Phantasie, zu werden.
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Es ist bald 12 Uhr Nachts. Ich lege mich jetzt schlafen. Ich merke daß es eine wahre Wonne ist, an Dich zu schreiben. Selig, selig ist der Tag, den ich mit dem Gedanken an Dich beschließe. Er wird mich auch im Schlafe nicht verlassen. Träume Du auch von mir. Denkst Du jetzt an mich? Oder träumst Du von mir? -- Eine allerliebste schmelzend-sanfte Elegie von Voß fängt an:
„Denkt mein Mädchen an mich?“
Es ist eine höchst natürliche schöne Empfindung darin. -- Jetzt hat es grade 12 geschlagen. Gute Nacht. Tieck, fliege her, und ich drücke den feurigsten Kuß auf Deine Lippen. Gute Nacht, der Himmel sey mit Dir! Gute Nacht!
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Den 6ten May, Sonntag, Morgens.
Sieh! ists nicht schön, daß ich mit dem Gedanken an Dich zu Bett gegangen, und mit dem Gedanken an Dich wieder aufgestanden bin? -- Du siehst, daß ich prompt im Antworten gewesen bin. Meinen ersten Brief, den Rambach eingeschlossen hat, wirst Du wohl empfangen haben. Ich schrieb ihn grade an demselben Tage, da Du Deinen schriebst, den 1sten May. Du wirst mir nun wohl nicht eher, als aus Halle antworten; aber wenn Du kannst, erfülle meine Wünsche bald. Ich werde mein Versprechen in Ansehung des Schreibens gewissenhaft halten. -- Noch eins! Sey so gut und mache künftig keinen Brief an mich mehr frey. Wozu sollst Du meinetwegen unnütze Ausgaben haben? Hörst Du? Du mußt es aber auch gewiß thun. Es bleibt dabey. --
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Ja lieber, bester Tieck, wir müssen uns auf Michaelis wiedersehen, ich harre sehnlich auf diese Zeit. O auch mir ist das Andenken an unsre Spaziergänge das heiligste, das ich kenne. Du kannst wohl leicht denken, wie ich mich itzt im Thiergarten befinde, wann ich ihn besuche; jeder Gang, jeder Baum ruft mir Dich zurück; bey jedem Schritte denk ich an Dich und will Deinen Arm in den meinigen nehmen, und fühle, daß mir immer etwas fehlt. Aber dennoch, -- oder, was sag ich -- vielmehr eben deswegen, werd ich den Thiergarten noch beständiger und häufiger als jeden andern Ort mit Vergnügen besuchen. Die Bäume darin prangen itzt mit dem herrlichsten, frischesten Grün; einem Grün, das man im Sommer in der verdörrten und versengten und bestäubten Farbe des Laubes gar nicht mehr wiedererkennt. -- Mitschicken kann ich Dir noch nichts. Ich habe seit Ostern noch so viel fatale und häßliche Abhaltungen gehabt, daß ich kaum meine gemeinen Alltagsverrichtungen habe thun können.
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Ein recht ärgerlicher Streich! und _ich_ bin Schuld daran. Ich erfahre eben, daß, da die Post heute früh um 9 Uhr abgeht, die Briefe schon gestern Abend um 7 hätten hin gebracht werden müssen. Meine dumme Unwissenheit hat also über meine Gutwilligkeit, Dir gleich zu antworten, den Meister gespielt. Verzeihe mir’s. Der Brief könnte nun erst den Mittwoch abgehn (nach Bülzig), und weil er Dich alsdann _vielleicht_ nicht mehr in Bülzig treffen sollte, so schick’ ich ihn lieber nach Halle.
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Den 11ten May, Freitag, Mittags.
Ich vollende jetzt meinen Brief und ärgre mich nochmals, daß meine Bereitwilligkeit mir und Dir nichts geholfen hat. Mein Brief wird Dich nun wohl in Deiner neuen Residenz in Halle begrüssen. An Piesker habe ich gleich geschrieben, und so dringend als möglich: aber die kalte, unbeugsame Seele hat mir nicht einmal geantwortet auf meine rührenden Klagen und Vorwürfe. Gestern Abend bekomm’ ich ganz unerwartet einen Brief von Wißmann.
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Abends.
O Freude, o Freude! heut Mittag hab’ ich schon einen zweyten Brief von Dir bekommen; Du kannst gar nicht glauben, wie ich triumphirt habe. Aber ein Ding ist sonderbar. Du hast meinen ersten kleinen Brief -- (3 Oktavseiten lang, -- es war nichts Merkwürdiges darin) -- den ich den Dienstag vor 8 Tagen, als den 1sten May an Rambach zum Einschluß gab, nicht bekommen. Und was noch sonderbarer ist: ich bringe heut nach Tische gleich den Brief an Deine Schwester, und sie sagt mir, sie hätte 2mal an Dich geschrieben, und in Deinen Briefen sagtest Du, daß Du auch nichts von ihr bekommen hättest. Liegt die Ursache von diesen Konfusionen in Einer Ursache? Ist der Herr Fuhrmann in Wittenberg etwa Schuld? -- Fast verdenk’ ich es Dir, daß Du nicht unruhig darüber geworden bist, oder nicht deswegen auf mich ein wenig mehr gescholten hast, daß ich, nach Deiner Meynung, noch nicht, wenigstens mit der Feder in der Hand, an Dich gedacht habe. Du weißt indeß nun den ganzen Zusammenhang und den Verlauf der Sachen: und ich werde also wohl in Deinen Augen exculpirt seyn.
Ist es denn wirklich Dein Ernst, lieber Tieck, daß Du mich nicht vergessen kannst? O! er muß es wohl seyn! Es hat mich recht gerührt, daß Du schreibst: „es war recht _unvorsichtig_ von uns, daß wir uns die letzte Zeit in Berlin so oft sahen.“ Es hat mich recht gerührt. O Tieck, Tieck, ich habe es geglaubt, daß Du mir gut wärst; aber kaum, kaum hab’ ich es je glauben können, daß Du _so_ zärtlich gegen mich denkst. Und daß Du mir nichts als wahre Empfindung Deines Herzens äußerst, weiß ich. Womit soll ich’s Dir vergelten? Du demüthigst mich. -- Ich breche ab.
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Wie bist Du denn zu den ausgebreiteten Bekanntschaften in Koswig gekommen? Und, ums Himmels willen, wie ist es möglich, daß Du in einer Gesellschaft so lange hast Karten spielen können? Das ist ja ganz schrecklich. Ich glaub’ ich hätte vor Aerger geweint, wenn ich Dich in eine solche Situation geklemmt gesehen hätte, -- _Dich_ am Spieltisch, dem Thron von Affen und Laffen, -- Dich! Es ist wahrlich viel? Ich bedaure Dich. -- Auch die andre Gesellschaft, die Du in Koswig gehabt hast, muß gar herrlich für Dich gepaßt haben. Aber daß Du Karten spielen mußtest, und in die Nacht hinein, das ist mir noch immer das schauerlichste. Ich kanns gar nicht vergessen. Das Fatum muß nothwendig einen Fehlgriff in der Urne gethan haben, da es das Looß dieses Tages für Dich zog: das fatale Fatum!
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Du stiehlst meiner eigenen Werkstätte von Gedanken etwas, wenn Du mir die Bemerkung machst, daß um das Große in den schönen Künsten zu fassen, ein selbst groß und erhaben denkender Geist der Kritiker seyn müsse. Das hab’ ich schon immer gedacht, und, wenn ich nicht irre, Dir auch schon gesagt. Aber das was Du hinzusetzest, kann ich nicht ganz billigen. Ich weiß nicht recht, warum das Erhabene Dich _eher_ zu _Thränen_ rühren sollte, als das Empfindsame. ~Ad vocem~ Empfindsam, will ich Dir doch einen Zweifel und eine Bemerkung mittheilen. Ich bin nicht recht mit mir einig, was man eigentlich _Empfindeley_ nennen solle. Mir scheints am Ende blos _affektirte_ Empfindung zu seyn; ich will Dir sagen, warum. Empfindungslose Empfindsamkeitspötter nennen oft etwas Empfindeley, was an sich schöne, feine Empfindsamkeit ist, und nur dann falsche Empfindung oder Empfindeley wird, wenn jemand es affektirt, zu haben. Ich sehe z. B. nicht ein, warum der Vorsatz, nicht aufs Feld gehen zu wollen, weil man da mit jedem Tritt eine Menge kleiner im Sonnenschein spielender Geschöpfe vernichtet, -- in gewissen Situationen, auf eine kurze Zeitlang, nicht wahre, ächte Empfindung seyn sollte. Sagt aber jemand, der an der Modesucht krankt, solche Dinge, und sehe ichs ihm an den unnatürlich verdrehten Augen an, daß er gern beliebte Paradoxa hervorbringen will, kurz, erkenn’ ich an ihm die Symptome der Affektation, so würde ich sagen: er empfindelt. Denn an sich sehe ich nicht ein, warum es nicht möglich seyn sollte, _bey allen Dingen unter der Sonne, unter gewissen Umständen, etwas zu empfinden_. Und wenn jemand in eine Stimmung versetzt wird, daß er Empfindungen in seinem Busen fühlt, in welchen er noch keinen Vorgänger gehabt, so muß diese seine Empfindung doch für ihn wahr und richtig seyn. Oder willst Du noch falsche Empfindung und Empfindeley unterscheiden? Ich habe mich verirrt und erwarte Deine Fackel in diesem kleinen dunkeln Labyrinth. -- Sey so gut und belehre mich doch über dergleichen Anfragen, Dubia u. s. w., wenn Du Lust hast. --
-- -- Um noch einmal zu Deiner Materie vom Erhabenen zurükzukehren, so scheinst Du mir da etwas verwechselt zu haben. Daß das Erhabene Dich in eine Art von Wuth d. i. in den höchsten Paroxismus der Begeisterung und Entzückung versetzt, will ich glauben. Aber Thränen kann wohl nur das Rührende entlocken, -- und, -- (wie wir es mündlich ausgemacht haben) -- das Schauerliche, Schreckliche.
Daß Schmohl durchaus kein freiwilliger Diener der Musen werden, nicht auf dem Altar der Grazien opfern will, wundert mich doch. Sein fremdes, frostiges Betragen gegen Deinen vertrauten Freund Shakespear muß Dich wohl natürlich beleidigt haben. Sollte Dein Geschmack denn gar nicht an seiner Denkungsart abfärben, wie an der meinigen?
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Bernhardi hab’ ich in dieser Woche einmal, Rambach zweymal nicht zu Hause getroffen. Daher hab’ ich mir von diesem auch noch nicht Deine Anna Boleyn geben lassen können, so gern ichs gethan hätte. Es geschieht aber noch: ich werde sie noch aufmerksam lesen, und soviel ich kann, Dir darüber sagen, wenn auch nur in Kleinigkeiten. -- Unter allen den Abhaltungen, die mich an tausend Dingen verhindert haben, nur nicht an Dich zu denken und zu schreiben, habe ich denn doch auch eine höchst angenehme gehabt. Du weißt, oder weißt nicht, daß ich in Sachsen, bey Jena, einen _Freund_ habe: er ist es wirklich, denn ich schätze ihn sehr, und habe mich überzeugt, daß er zur Freundschaft geschaffen ist. Vor ein paar Jahren lernte ich ihn hier kennen, und seitdem habe ich meinen unterbrochenen Umgang mit ihm durch Briefe fortzusetzen gesucht. Sein Nahme? Er heißt Schuderoff und ist Prediger in Drakendorf und Zöllwitz, 1 Meile von Jena, ein liebenswürdiger junger Mann, dessen jugendlichschöne, feine Gesichtsbildung eine geläuterte Denkungsart und ein edles Herz ankündigt. Er ist zum Besuch hier und kommt bey seiner Rückreise _vielleicht_ durch Halle. Er ist Kantischer Philosoph, und hat neulich Briefe über die moralische Erziehung herausgegeben, die ich itzt lese und die recht schön sind. Zweymal bin ich mit ihm im Thiergarten gewesen. Das frische Grün ist da ganz zauberisch schön. Die gewölbten Birkenalleen sind das lieblichste Bild des Frühlings. Und weißt Du wohl was ich gestern in der gekreuzten Birkenallee für eine Freude hatte? Du wirsts errathen. Verschwunden war die verdammte Statue ohne Kopf. Ich möchte wissen, welcher gute Genius sie fortgeschleppt, oder in die Tiefen der Erde hinuntergeschleudert hat. Der Gang ist nun noch einmal so schön.
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Vom Theater willst Du etwas wissen. Hier ist etwas fragmentarisches, so viel ich Dir geben kann. -- Vor einiger Zeit ist ein neues Stück von Jünger: die Geschwister vom Lande, gegeben, das nicht vorzüglich seyn soll. Die Hagestolzen und Axur werden oft wiederholt. Ein gewisser Lißner scheint hier zu bleiben; und ein andrer Schauspieler, Garly, soll auch hier engagirt seyn. Dieser soll eine sehr schöne Bildung haben und viel Anlage besitzen. Diesen Mittwoch ist Emilia Galotti aufgeführt: ein durchreisender Däne, Herr Preisler, hat den Prinzen, und Garly den Marinelli gespielt. Ob es wahr ist, daß Czechtizky und Mattausch noch wegkommen werden, weiß ich nicht. -- (~N. B.~ Seit dem Don Juan, der, als Du in Fredersdorf warst, gegeben ward, bin ich nicht im Schauspiel gewesen.)
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Dank für das kleine Gedicht von Deinem Freunde Toll. Es ist süß und lieblich, und wird mir sehr werth bleiben. Ich werds, wie Deine Briefe, als ein Kleinod aufbewahren. -- Verzeihe nur meiner Armuth, daß ich Dir jetzt unmöglich etwas mitschicken, und meinem Mangel an Zeit, daß ich Dir nicht etwas abschreiben kann. Wolltest Du so gefällig denken, die Länge meines Briefes als einen Ersatz dafür anzunehmen? -- Unsre Korrespondenz soll sich nun nicht wieder verwirren. Du bist wohl so gut, und schreibst mir zuerst wieder, wenn ich nicht zu viel verlange. Doch schreib so wenig oder so viel Du Zeit hast; je mehr natürlich, je besser, aber nur bald. Doch beinahe möcht’ ich glauben, mit diesem dringenden: Bald, Deine Delikatesse zu verletzen, weil mir Deine 2 schnell aufeinander folgenden Briefe eine sehr hohe Idee von Deiner reizbaren Briefschreibethätigkeit eingeflößt haben. Ich werde Dir dann gewiß bald antworten. Oder hoff’ ich zu vorschnell, und bin ich unbillig wenn ich von Halle aus, wo Du in mehr Verbindungen und Geschäfte kommst, so oft etwas von Dir zu lesen erwarte? -- Aber was schwatz’ ich denn? Du bist mein Freund, und wirst schon wissen, was mir gut und lieb ist. So will ich denn mit festem Muth auf Dich hoffen, und mein Vertrauen allein in Deine Freundschaft setzen.
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Den 12ten May Sonnabend Mittags.
Von Denis eigenen Oden, Elegien und Liedern muß ich Dir noch sagen, daß mir manches sehr darin gefallen hat. Am schönsten dünken mich die Gedichte zu seyn, die er Klagen nennt: z. B. über Gellerts Tod, über den Mißbrauch der Dichtkunst u. s. w. Der letztere Gegenstand ist vortrefflich behandelt. Da wirds recht mit lauten dreisten Worten unserer entarteten Dichterrepublik gesagt, daß nur Empfindung, Empfindung der Genius seyn solle, der das Lied beleben könnte, daß Witz ein verzogenes Kind sey, das nur jenseit des Rheins zu Hause gehöre; und mehr dergleichen, was, wie Du weißt, schon lange meine Herzensmeynung gewesen. „Soll Witz, soll Witz im Liede seyn?“ fragt Denis und ich frags mit ihm.
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Ich habe nicht länger Zeit, und muß Dir also ein herzliches Lebewohl sagen. Sag mir doch manchmal Deine Meynungen über meine Meynungen, die ich Dir so in meinen Briefen äußre. Schreib mir nur ja bald, recht bald; ich antworte dann gewiß auch bald. Sorge für Deine Gesundheit und grüße Halle. O die liebe Reichard’sche Familie! Wenn ich doch Miekchen auch sehn könnte! Grüße sie herzlich von mir; auch Schmohl; auch die kleinen Mädchen bey Reichards, die ich noch alle bey Namen weiß. Vielleicht versucht meine Muse bald wieder eine Kleinigkeit, ich schicke sie Dir dann. Schreib mir bald und bleib’ mein Freund. --
_W. H. Wackenroder_.
III.
Montag, den 4ten Juni. Abends.
Eben leg’ ich Deinen Brief wieder aus der Hand, den ich wieder gelesen habe. An meinen _verlaßnen_ Freund Tieck soll ich denken? O ich denke oft, und mit ganzer Seele an ihn, -- aber daß er verlassen sey, -- daß eine düstere Traurigkeit sich wieder wie ein Staar über das heitere Auge seines Geistes gezogen hat, -- daß er in Halle noch nicht vergnügt gewesen ist, -- das, das hatte ich nicht erwartet. Schreibst Du doch fast grade so, wie Wißmann, dem ich heute früh geantwortet und Trost einzusprechen gesucht habe. Von ihm ahndete ichs; -- aber von Dir, wahrlich, von Dir hatte ichs nicht erwartet. Ich glaubte, Du würdet dort Dich zerstreuen, und -- wenigstens in den Augen Deiner Freunde, und auch in Deinen eigenen, wenn Du nicht zu tief in Dich hineinblicktest, -- einer frohen Heiterkeit genießen. O wehe! daß ich mich getäuscht habe. Du bist in Halle noch gar nicht vergnügt gewesen! Ich bitte Dich, lieber Tieck! Du bist ja lange hinweg über die Periode in dem Lebenslaufe empfindender Menschen, da sie sich alles zu Herzen _ziehen_, und ihre üble Laune nur pflegen, und es für Sünde halten sich aus ihren Klauen loszureißen! Du weißt ja über Dich zu siegen, Du hast es mich ja gelehrt, so daß ich auch mir wenigstens Mühe gebe, es eben so weit zu bringen. Aus Bülzig schriebst Du mir so heiter, daß ich mich recht freute. Was soll ich nun sagen? Ich möchte mich schämen, daß ich hier noch zufriedner leben soll, als Du in Halle. Tieck, ich bitte Dich, wache auf Dich! -- Und, was mich in ein bittersüßes Erstaunen setzt, ist, daß Du mich so vermissest. O Tieck, so liebst Du mich denn mehr, als ich je kühn genug war, und seyn konnte, zu erwarten? Es ist als hättest Du mir meine Empfindungen gegen Dich aus meinem Herzen geraubt und ströhmtest sie nun auf mich zurück. Du giebst mir wieder, alles was ich Dir geben kann? Ich beschwöre Dich, hör’ auf! Es ist die göttliche Seligkeit, die ein menschliches Herz zu fassen vermag, aus dem Munde eines Freundes sein Lob zu hören! aber dieser Nektar möchte Gift für mich werden. Hör auf mit diesem Wiedergeben und Wechseln der Freundschaftsergebenheit, denn du berauschest mich, und wir machen uns in unsrer jetzigen Lage (da kein Sprachrohr einmal dem einen Worte des andern überbringen kann), nur noch unglücklicher. Ich erschrecke aufs heftigste, wenn Du mir in die Augen sagst: ich sey Dir zum _leben_ nothwendig! Noch einmal! Was stiehlst Du mir meine Gefühle, -- warum verwechselst Du die Rollen in dem schönen Duodram, das wir zusammen spielen, und nimmst die meine? Tieck, ich müßte mich ja in den Staub legen und trauern, wenn ich wüßte, daß _meine_ Entfernung Dir so viel trübe Stunden brächte. Ich habe das nie so geglaubt! Du hast mir das nie so deutlich zu empfinden gegeben. O ich möchte verzweifeln, -- ich weiß nicht was ich thun soll, um Dich glücklich zu machen. Du nennst meine Sprache Schwärmerey. O wenn ich Dich je weniger lieben könnte, -- ich wäre der bedaurenswürdigste Mensch unter der Sonne. Und wenn ich je Deiner Freundschaft weniger werth seyn sollte, o so erinnere Dich, daß Du mich geliebt hast, und sey so mitleidig, mich wieder zu Dir hinaufzuziehn; verachte mich nicht! -- Aber genug! Tieck laß die wilden Ströhme unsrer Empfindungen sanfter fließen. Wir jagen alles heiße Blut in unsre Adern und bringen uns durch diese schädliche Erhitzung in einen kranken Zustand.
Wie sehr muß ich es bedauren, daß Schmohl mit Dir nicht _mehr_ harmonirt. Ich hatte auch _das_ nicht erwartet. Er scheint sich eher von Dir zu entfernen als sich Dir zu nähern. Was Du mir von Bothen sagst, Du kannst leicht denken, wie auffallend und unvermuthet auch _das_ mir gewesen ist. Aber ich glaube es, weil Du es sagst. Wie Menschen sich ändern können! Wenn du zwischen diesen beyden Dir heterogenen Köpfen hin und wieder schwankst, so kannst Du freilich nicht in Ruhe seyn. Aber -- ach! Gott! eben wollt’ ich einen Trost für Dich aussinnen, und -- Du wirst Dir meine Gedankenstriche erklären können. Ja! es ist schwer für mich, Dich zu trösten. Doch wohl Dir, wenn Du keines Trostes bald mehr bedarfst; wenn der rasche Flügel der Zeit die Gewölke vor Deinen Blicken zertheilt hat, wenn der allmählige Aufenthalt Dir behaglicher wird, und Du Umgang, und in Dir selbst Zufriedenheit findest. Nimm deine Kraft zusammen und erhalte Deinen Körper und Geist aufrecht und fest. -- Ach! ich schreibe konfuses Zeug! Wollte Gott, Du wärst glücklich. O Du wirst, Du mußt es werden.
IV.
Dienstag, den 15ten Juni, Abends.
Mit nassen Augen fang’ ich an, Dir zu schreiben. O Tieck, Du hast mir schon manche Thränen ausgepreßt; tausend süße, für die ich alle Schätze der Welt nicht verlangte; aber auch bittere, herbe Thränen, die in meinen Augen gebrannt, und mich zu einer melancholischen Sympathie erhitzt haben. Du hast mich lange nicht so erschüttert als durch Deinen letzten Brief. Wenn Du weißt, wie heftig ein solcher Donnerschlag, ein solches Ungewitter, das dem Wohl eines Freundes droht, in dem Herzen seiner anderen Hälfte wiederhallen muß; wenn Du Dir vorstellen kannst, wie schrecklich wahr und lebhaft alle Züge und Bilder vor mir stehen, die Dein flüchtigkühner Pinsel auf das Papier wirft; o so wirst Du empfinden wie das, was Du mir zu erzählen wagst, den kältesten Schauer über mein Gebein gegossen, und alle meine Nerven gewaltsam durchbebt hat. Gütiger Himmel! auf welchem entsetzlichen Rande hast Du gestanden! O Tieck, -- Gott möge verhüten, daß unsre Freundschaft, die ein Beyspiel der möglichen Menschenglückseligkeit seyn sollte, keinen Stoff zu einem Trauerspiel gebe.
Um alles in der Welt willen, welcher Dämon macht sich denn ein Vergnügen, Dich unglücklich zu machen? Ich weiß nicht wie meine Zunge zu Dir sprechen soll; sie erstarrt.
Aber ich muß, ich muß Dir laut zurufen auf Deinen gefährlichen Irrwegen; Du möchtest, -- Gott! wie hat es denn dazu kommen müssen. Halt Dir Dein Ohr nicht zu, wenn ich jetzt mit starker Stimme zu Dir spreche, ich muß. -- Sprich? bin _ich_ Dir denn so nöthig, um Dich von Verirrungen und schwelgerischen, verderblichen Ausschweifungen in den Genüssen des Geistes zurückzureißen? Ist Schmohl denn so ein kaltes, stummes, theilnehmungsloses Marmorbild? Ich bitte Dich, um alles was Dir heilig ist: wende ein Körnchen Deiner Vernunft an, und betrachte was Du gethan hast. Welch ein entsetzliches Unternehmen, 2 Bände in einem Nachmittage und einer Nacht hintereinander in einem Athem zu lesen! Nicht genug! Ein Buch, was alle Phantasie aufs äußerste umherjagt, über die Gränzen der Besinnung herumjagt! Wie ist es denn möglich, daß Du Dich selber nicht mehr kennst? Oder opferst Du einer lüsternen Begier, einem Kitzel, etwas außerordentliches Dir selbst vorzuthun, Deine Zufriedenheit auf, deren Zerstörung Du voraussiehst? Tieck, ich schäme, ich verdamme mich, daß ich solche Ausdrücke brauchen muß, aber ich kann nicht anders. Das Todte, Unbelebte des Buchstabens mag der Nachdruck der Worte ersetzen. Ist Schmohl denn so blutwenig um Dich besorgt? Wie ist es zu begreifen, daß er Dir immer hat zuhören, und, als wärst Du eine Sprechmaschine, dabey einschlafen, ruhig einschlummern können?