Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band

Part 17

Chapter 173,278 wordsPublic domain

Es hat mich freilich, wie ich schon neulich berührte, recht sehr stutzig und unmuthig gemacht, daß Sie, als ich Ihnen vor mehreren Jahren das Lustspiel „_Eigene Wahl_“ sandte, diese Sendung gar nicht beantworteten und das Stück nicht zur Aufführung brachten. Wenn ich da so las und bedachte, was doch so für Stücke mitunter auf Ihre Bühne gekommen sind, -- -- doch ~passons là dessus~ und lassen Sie mich Ihnen in dieser Beziehung nur noch sagen, daß ich doch mindestens gar zu gern gewußt hätte, warum Sie jenes Lustspiel, auf das ich zwar keinen besonderen, aber doch einigen, Werth lege, so ganz ignorirt haben.

Für wie Schönes, Herrliches haben Ihnen im vorigen Jahr alle diejenigen zu danken gehabt, die den ganzen Werth und die mannichfache gediegene Trefflichkeit Ihrer Werke zu fühlen und zu erkennen vermögen! Ich glaube mich zu diesen zählen zu dürfen und habe durch die _Mondscheinnovelle_ und den _Novellenkranz_ Feierstunden des poetischen Genusses gehabt und mir wiederholt, wie man sie, wenn von lebenden Dichtern die Rede ist, nur noch durch Sie erleben kann.

Aber Sie wissen doch, daß nicht nur _Robert_, mit dem ich, ehe ihn Cholerafurcht und Verletzungen seines Selbstgefühls, des sehr reizbaren, im vorigen Jahre von _Berlin_ nach _Baden_ trieben, sehr viel zusammengelebt, ein _todter_ Dichter ist, sondern auch seine schöne, liebe Frau eine todte Dichterin. Für mich ein paar schwer zu verschmerzende Verluste!

Warum soll ich nicht hier und gegen Sie erwähnen, was Sie vielleicht schon von _Friedr. v. Raumer_ selbst wissen, daß ich nämlich in _Berlin_ mit ihm ganz auseinander gekommen bin.[15] -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Das verletzte mich ungemein, und ich mied von da ab den Verletzer. Das war Unrecht von mir, da mir Gelegenheit, mich mit ihm ausgleichend zu besprechen, wiederholt geboten war. Gern hätt’ ich mich vor meiner Abreise von _Berlin_ mit ihm erklärt und versöhnt, das wollt’ ich aber nicht, weil ich eben _Schwert und Spindel_ dem dramaturgischen ~comité~ eingereicht, dessen Mitglied, wie Sie wissen, _Raumer_, ich weiß nicht, soll ich sagen _war_ oder _ist_. Er sollte nicht glauben, ich wolle seine Zustimmung gewinnen. Das Stück wurde angenommen kurz vor meiner Abreise. Auch das andere, Ihnen mit der nächsten Fahrpost zu sendende, ist nun angenommen, aber der Bericht, der mir das anzeigt, läßt einen ~comité~ ganz unerwähnt, und ist von Baron _Arnim_, dem Schwager _Bettinens_ und sogenanntem _Pitt-Arnim_, unterzeichnet, der in Graf _Rederns_ Abwesenheit interimistischer Intendant ist und wohl perpetuirlicher werden wird. Der ~comitè~ ist oder war eine höchst verkehrte Einrichtung und es hat mich erboßt, daß _Raumer_ sich dazu hergegeben. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Ich kann seinen sich meist sehr vornehm anstellenden dramaturgischen Urtheilen selten ganz beistimmen und finde sie oft, wo er nicht mit Ihren Kälbern pflügt -- und auch da durch falsche Anwendung zuweilen -- recht verkehrt und persönlich-partheiisch.

Gern möcht’ ich Ihnen einmal über die Berliner Theaterverhältnisse, und über wie vieles Andere und Wichtigere, mein Herz und meinen Geist ausschatten, aber mündlich. Als ich nach _Berlin_ ging (nämlich bei meiner letzten Hinreise) wollt’ ich im Herbst 1830 oder Frühling 1831 einen Abstecher nach _Dresden_ machen, aber diesen festen Vorsatz ließ mein Kranksein nicht zur Ausführung gelangen. Nun, ~il vaut mieux tard que jamais~ und ~deo favente~ soll das Jahr 1833 nicht vorübergehen, ohne daß mir einer meiner liebsten Erdenwünsche in Erfüllung geht, der nämlich, eine Zeitlang Ihres persönlichen Umgangs, Ihrer Belehrung, Ihres Wohlwollens, das ich mir gegönnt hoffe, mich recht gründlich und innerlich und förderlich zu erfreuen. Nur leidliche Gesundheit, wie ich sie jetzt -- Gott sei dafür gepriesen! -- genieße. Sie fehle Ihnen, mein innigst Verehrter, nicht und befähige Sie Ihr schönes, helles, magisches Licht noch lange leuchten zu lassen. ~Ainsi soit-il!~

Mit der aufrichtigsten und herzlichsten Verehrung

Ihr

_Karl Schall_,

Eigenthümer der Breslauer Zeitung.

VI.

_Breslau_, d. 17. Sept. 1832.

Erlauben Sie mir Ihnen, höchstverehrter Freund, in dem Ueberbringer dieses unverwelklichen grünen Blättchens, Herrn Geheimen Regierungsrath und General-Landschafts-Repräsentanten _von Kracker_, einen meiner ältesten Freunde angelegentlichst zu empfehlen. Er wünscht bei seinem Aufenthalt in _Dresden_ Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen und Sie werden in ihm einen ausgezeichnet wackeren und vielseitig gebildeten und unterrichteten Mann kennen lernen.

Möcht’ ich, wenn Sie diese Zeilen erhalten, schon freundliche Nachricht durch einen Brief von Ihnen bekommen haben!

Treuergebenst

_K. Schall_.

=Schenk, Eduard von.=

Geboren zu Düsseldorf am 10. Oktober 1788, gestorben daselbst am 26. April 1841.

Ein (seit 1831) _Staatsminister_, der die deutsche Bühne, ohne gerade ein Dichter zu sein wie Kollege Göthe, mit poetischen, wirksamen, überall gern gesehenen Dramen beschenkt hat. -- Belisar -- die Krone von Cypern -- machten ihren Weg über alle größeren Theater, und gaben Künstlern und Künstlerinnen ersten Ranges erwünschte Gelegenheit, die Macht ihrer Darstellungsmittel würdig zu entfalten.

Eine Gesammtausgabe dramatischer Werke erschien von 1829-35 in drei Bänden.

Schenk’s Briefe an Tieck zeigen uns den früheren königl. bayrischen Rath und Studiendirektor, späteren Minister, als einen wahrhaft humanen, ehrenwerthen Menschen. Was in dem Schreiben vom siebenten Julius 1826 über den Einfluß eines Mannes wie Tieck auf akademisch-geistiges Leben, was darin über die Stellung des Dichters gesagt ist, der wenn er gleich keine Brodt- und Fach-Kollegia halten, doch schon durch seine Persönlichkeit segensreich wirken könnte.... das sollte man recht vielen Curatoren und hohen Senaten deutscher Universitäten zu geneigter Beherzigung empfehlen, wofern sich Mittel und Wege finden ließen, es ihnen zu insinuiren! -- Doch wer dringt durch schußfeste, von dicken Büchern ringsum aufgebaute Mauern?

I.

_München_, den 7. Julius 1826.

Unvergeßlich sind mir die Stunden, verehrungswürdigster Herr Hofrath, die ich während Ihres lezten, nur zu kurzen Aufenthaltes zu München in Ihrer Gesellschaft zubrachte. Sie gestatteten dem Manne, der vor 16 Jahren als Jüngling den gefeyerten Dichter nur schüchtern schweigend aus ehrerbietiger Entfernung bewundert hatte, Ihnen zu nahen, sich mit Ihnen über die anziehendsten Gegenstände der Literatur und Kunst wie über die heiligsten Angelegenheiten der Menschheit traulich zu besprechen, und Sie selbst schienen sich mit Wohlwollen zu ihm herab zu neigen. Diese schöne Erinnerung geht mir jezt lebhafter als je durch die Seele; sie erhöht das freudige Gefühl, welches die Veranlassung meines Schreibens an Sie in mir erregen mußte. -- Doch zur Sache!

Es ist Ihnen ohne Zweifel aus öffentlichen Blättern bekannt, daß der König, mein allergnädigster Herr, die Versezung der Universität von Landshut nach München beschloßen hat, daß diese Versezung schon im nächsten Wintersemester stattfinden wird und daß in den Kreis der würdigen Männer des Inlandes, die zu Mitgliedern der neuen Universität bereits bestimmt sind, auch einige ausgezeichnete Gelehrte des Auslandes oder vielmehr des übrigen Deutschlands eingeladen werden sollen. In die Zahl dieser Männer hat nun des Königs Majestät auch Sie, verehrtester Herr Hofrath, eingeschlossen und mir den äußerst angenehmen Auftrag ertheilt, Ihnen diese Einladung mit der Bitte zu eröffnen, mir vorläufig gefälligst die Bedingungen mittheilen zu wollen, unter welchen Sie diesen Ruf, -- im Falle Sie überhaupt Ihre gegenwärtigen Verhältniße in Dresden zu verlaßen geneigt sind, -- annehmen würden.

Die Gegenstände, über welche Sie an der hiesigen Universität Vorlesungen halten würden, sind ganz Ihrer eigenen Wahl überlaßen. Weit entfernt, Ihre akademische Wirksamkeit auf den engen, systematisch gezogenen Kreis gewöhnlicher Collegien beschränken zu wollen, lebt vielmehr der König der Ueberzeugung, daß ein Mann, wie Ludwig Tieck, durch seine Persönlichkeit, durch seine freyesten Vorträge und Gespräche, selbst durch die Würde und Anmuth seines geselligen Umganges mehr wirken und anregen könne, als Andere durch die ausführlichsten und ausholendsten Vorlesungen über Aesthetik, Literatur-Geschichte u. s. w. Wählen Sie aus dem umfaßenden Gebiete Ihrer Forschungen einzelne Theile, lesen Sie über Shakespear, Dante, Calderon oder lesen Sie einzelne Werke dieser großen Dichter nur vor und es wird sich ein liebevoller Kreis jugendlicher Zuhörer begierig um Sie sammeln und er wird durch diese ewigen Muster -- _so_ vorgetragen und _so_ erläutert, -- wahre Kunst und wahre Schönheit kennen lernen.

Ich brauche Ihnen nicht erst anzuführen, mit welcher begeisterten Liebe Sie von Ihren hiesigen Freunden werden aufgenommen werden, -- aber das muß ich beyfügen, daß außer Ihnen auch noch einige andere treffliche Männer, und unter diesen Ihr Freund Raumer in Berlin zu der hiesigen Universität eingeladen sind. Es würden sich also in München Ihre in Deutschland zerstreuten Freunde um Sie sammeln.

Wegen des Gehaltes bitte ich Sie, mir Ihre Wünsche gefälligst zu eröffnen. Auch wird es Ihnen hier an Muße nicht fehlen, uns fortwährend durch neue Hervorbringungen Ihres Genius zu erfreuen. --

Indem ich schließe, wage ich die Bitte, mich dem Herrn von Lüttichau, Ihrem verehrten Freunde, vielmal zu empfehlen und ihm vorläufig zu melden, daß ich ihm das Manuscript des Belisar, welches er zur Einsicht verlangt hat, demnächst übersenden werde.

Mit innigster Verehrung

Ew. Wohlgebohrn gehorsamster

_E. Schenk_,

Ministerial-Rath und Vorstand der Kirchen- und Studien-Sektion.

II.

_München_, den 6. Jänner 1828.

Ihren Brief vom 12. November v. J., -- mein hochverehrter Freund, -- hat mir Baron von Freyberg überbracht und wenn ich Ihnen meine Freude darüber, meinen Dank dafür nicht sogleich schriftlich ausdrückte, so bitte ich Sie, die Schuld dieser Säumniß nur meinen, während der gegenwärtigen Versammlung unserer Stände noch vermehrten Berufs-Geschäften zuzurechnen. -- Von meinen Empfindungen für Sie sind Sie gewiß überzeugt; die Gefühle der höchsten Verehrung, ich darf sagen, der innigsten Liebe für Sie sind durch das mir zu Theil gewordene Glück Ihrer persönlichen Bekanntschaft wohl erhöht, aber nicht erst hervorgerufen worden; schon vor zwanzig Jahren entstanden sie in der Brust des 18jährigen Jünglings und innig hatte ich mich darauf gefreut, Ihnen jene Gefühle in München als einem der herrlichsten Mitglieder unserer wissenschaftlichen Anstalten besthätigen zu können.

Diese Hoffnung ist nun verschwunden und was mich am meisten betrübt ist das Hinderniß selbst, welches sich Ihrer Uebersiedelung nach München entgegenstellte, -- nämlich der schwankende Zustand Ihrer Gesundheit. Möge sich diese dauernd stärken und Ihnen vielleicht später die Erfüllung unseres lebhaften Wunsches, Sie hier zu besitzen, möglich machen. In jedem Falle aber, -- Sie mögen Sachsen oder Bayern angehören, -- bitte ich Sie um die Fortdauer Ihres Wohlwollens und um die Erlaubniß, mich mit Ihnen zuweilen schriftlich unterhalten, Sie um Rath und Belehrung ersuchen zu dürfen. --

Daß ich Sie um diesen Rath in Beziehung auf Belisar nicht vor dem Hervortreten dieses Stückes auf die deutschen Bühnen gebeten, geschah aus einer vielleicht grundlosen Schüchternheit, aus vielleicht zu weit getriebener Bescheidenheit; ich legte auf das Werk, obgleich ich mir meines ernsten, aufrichtigen Wollens und Strebens bewußt war, in objektiver Hinsicht keinen bedeutenden Werth, ich wollte nur sehen, ob jenes Streben bey meinen Mitbürgern Anerkennung finde und wagte, aufgemuntert von einigen Freunden und von unserm Könige, die Darstellung des Stücks auf der hiesigen Bühne. Der glückliche Erfolg täuschte oder verblendete mich nicht, denn ich sah weit geringere Produkte mit demselben Beyfall belohnt. Noch weniger Eindruck machten auf mich die darüber laut gewordenen Stimmen der öffentlichen Blätter, denn weder Lob noch Tadel traf den rechten Punkt und hielt das rechte Maaß. Dazu kam der Drang der Berufs-Geschäfte, die meine Gedanken von diesem Gegenstand ganz ablenkten, so daß ich selbst die Briefe der verschiedenen Theaterdirektionen, die das Stück zu besitzen wünschten, nur spät beantwortete.

Um so mehr haben die wenigen Bemerkungen, die Sie, mein verehrtester Freund, mir über Belisar mitzutheilen die Güte hatten, mich erfreuen, ja mich begeistern müssen. Ein Wort der Anerkennung meines Strebens aus Ihrem Munde gilt mir mehr als alles Lob aller deutschen Tageblätter zusammengenommen und Ihr Tadel erhebt mich, weil er mich belehrt und weiter bringt. Ihre Bemerkung, daß die Handlung in den lezten Akten vernachläßigt sey, trifft den Nagel auf den Kopf; ich wußte lange Zeit nicht, was ich aus dem lezten Akt, -- in dem mir gleich Anfangs blos die lezte Scene, der Tod Belisars, klar vor der Seele stand, machen sollte und habe denselben zweymal umarbeiten müssen. Es ist unvermeidlich, daß man diese Verlegenheit dem Stücke ansehe. Die Scene der Antonina in diesem lezten Akt ist eine offenbare Nachahmung jener herrlichen Scene der Kaiserin Mutter in Ihrem Octavian, den ich während der Universitäts-Jahre beynahe auswendig gelernt hatte. Auch fürchte ich, daß man der Diktion die ängstliche Feile zu sehr ansieht; die Regellosigkeit der Trochäen unserer beyden berühmtesten Schicksals-Tragödien, Schuld und Ahnfrau, vermeidend und die geregelte Form der spanischen Redondillen und Assonanzen streng durchführend, fiel ich in den entgegengesetzten Fehler.

Ihr Wunsch, das Stück in Dresden erst dann geben zu lassen, wenn es dort gut gegeben werden könne, -- ein Wunsch, in dem ich den theilnehmenden, wohlwollenden Freund erkenne, ist ohne mein Zuthun und gegen meine, Ihrem trefflichen Pauli ausgedrückte Bitte leider unerfüllt geblieben. Man hat dort den Belisar aufgeführt, ohne einen Belisar zu haben. Doch will ich dieses unangenehme Ereigniß gerne verschmerzen, wenn Sie, mein verehrter Freund, mich nur nicht für mitschuldig an demselben halten. --

Was ich seitdem gedichtet, ist ziemlich unbedeutend. Ein vor Belisar gedichtetes, allein erst später aufgeführtes Trauerspiel „Henriette von England,“ über dessen Werth oder Unwerth ich sehr zweifelhaft bin, werde ich Ihnen nächstens mit der Bitte um Ihr aufrichtiges Urtheil zusenden. Die Uebersetzung des Dante schreitet nur langsam vorwärts.

Darf auch ich eine Frage an Sie wagen, mein geliebter Freund? Seit zwey Jahren sehnen wir uns nach der Ausgabe Ihrer Werke, vorzüglich nach der Vollendung Ihres herrlichen Sternbald, -- dann nach Ihrer Uebersetzung des Shakespear und hoffen noch immer vergebens. Ihre Cevennen haben uns nach jenen lang erwarteten Schätzen nur noch lüsterner gemacht. Ihre Meisterschaft scheint mit jedem Werke zuzunehmen, obgleich mir Genoveva und Octavian, vielleicht weil es dramatische Werke sind und sich bey mir in die schönsten Erinnerungen meiner Jugend verweben, doch immer die liebsten von Ihren Schöpfungen sind. --

Schelling hat hier ein neues Leben begonnen, reich an Wirksamkeit und Segen. Seine philosophischen Vorlesungen sind von dem glücklichsten Einfluß auf den Geist unserer Hochschule; sie versammeln einen Kreis von 3-400 Zuhörern aus allen Ständen. Uebrigens hat sein philosophisches System erst jezt seine wahre Begründung durch das Christenthum und zwar nicht im rationalistischen, sondern im althergebrachten, buchstäblichen Sinne, genommen.

Mit innigster Verehrung und Liebe

der Ihrige

_Eduard Schenk_.

III.

_Regensburg_, den 6. May 1835.

Erlauben Sie mir, hochverehrter Herr und Freund, daß ich mich durch diese Zeilen in Ihr wohlwollendes Andenken zurückrufe. Der Ueberbringer derselben ist Herr Appellations-Gerichts-Accessist Halenke aus Regensburg, der im verflossenen Jahre eine Reise durch Italien gemacht hat und nun auch den Norden Deutschlands und England kennen zu lernen wünscht. Er hat mich bey dieser Veranlassung um ein Wort der Empfehlung gebeten, das ihn bey dem größten, -- vielmehr dem einzigen großen unter den lebenden Dichtern Deutschlands einführen soll. Er ist ein sehr wackerer, gebildeter junger Mann und ich wage daher zu bitten, daß Sie ihm einige Minuten vergönnen wollen.

Seit ich zum leztenmal das Glück hatte, Sie zu sehen, verehrtester Freund, hat sich in meinen äußern Lebensverhältnissen Vieles umgestaltet; doch fühle ich mich in meiner gegenwärtigen Stellung und Umgebung weit glücklicher und zufriedener als in München, dessen reiche wissenschaftliche und Kunstschätze ich zwar hier entbehre, doch auch dort unter der fast erdrückenden Last der Berufs-Geschäfte nur wenig genießen konnte. --

Ich hoffe, daß auch Ihre Gesundheit keine neue Erschütterung mehr zu erleiden gehabt hat. Die Kraft und überschwängliche Fülle Ihres Geistes hat zwar zu keiner Zeit durch Ihre körperlichen Leiden gehemmt oder gedrückt werden können, indessen quillt gerade seit den letzten Jahren der Strom Ihrer Dichtungen so reich, so tief, lebendig und heiter, daß er auch auf ein ununterbrochenes äußeres Wohlseyn schließen läßt.

Daß unser edler König Ihrem herrlichen Genius dieselbe anerkennende Huldigung dargebracht hat, die er einst Göthe’n gezollt, hat mich auch um Seinetwillen innig gefreut; es war mir ein neuer Grund, auf meinen König stolz zu seyn.

Und nun noch das Geständniß einer Kühnheit nebst der Bitte um deren Verzeihung! Ich habe in dem, jetzt erscheinenden dritten Bande meiner Schauspiele mein neuestes dramatisches Werk: „Die Griechen in Nürnberg“ ohne Ihre vorgängige Zustimmung Ihnen, verehrtester Freund, gewidmet. Ich werde Ihnen das Buch, sobald der Druck vollendet, zu übersenden die Ehre haben, fühle aber jetzt schon, daß die Kühnheit, ein so geringes Werk einem solchen Manne, -- und noch dazu hinter Seinem Rücken, -- zu dedicieren, nur durch das Vertrauen auf Ihr mir so vielfach bewiesenes Wohlwollen und durch die Wärme innigster Freundschaft und unbegränzter Verehrung entschuldigt werden kann, mit welcher ich unwandelbar beharre

der Ihrige

_E. Schenk_.

Den 17. Juny 1835.

Der junge Mann, der Ihnen dieses Schreiben überbringen sollte, ist in Amberg erkrankt und hat, hiedurch an seiner Weiterreise verhindert, mir dasselbe zurückgesendet. Da jedoch meine Zeilen mehr ein Empfehlungsbrief für _mich_ selbst als für _ihn_ seyn sollen, so bin ich so frey, sie Ihnen unverändert durch die Post zu übersenden.

_Schenk_.

=Schlegel, August Wilhelm.=

Geboren zu Hannover 8. September 1767, gestorben zu Bonn am 12. Mai 1845.

Gedichte (1800) -- Ion, Tragödie (1803) -- Vorlesungen über dramatische Kunst und Litteratur, 3 Bde. (1809-11) -- Poetische Werke, 2 Bde. (1811-15) -- Indische Bibliothek, 2 Bde. (1820-26) -- Kritische Schriften &c. &c.

All’ diese Büchertitel, mögen sich auch an einige derselben unsere jugendlich-begeisterten Erinnerungen knüpfen, sind doch keinesweges genügend die umfassenden Verdienste des Mannes einigermaßen zu bezeichnen. Wohin wir blicken, ist er von Jugend auf Vorgänger, Führer, Lehrmeister gewesen auf dem Wege zur Erkenntniß des Großen und Schönen in der Poesie aller Völker. Er ist’s gewesen, der mit genialem Fleiße Calderons geheimnißvolle Tiefen deutschem Verständniß näher gerückt; _Er_ hat uns zuerst durch große kühne _That_ dargethan, daß Shakspeare auch _uns_ gehört; die siebzehn Dramen, die Schlegel (und wann? und _ohne_ Vorbild; ohne jegliche Beihilfe!) _verdeutschte_, sind so recht unser Eigenthum geworden.

Leider kam eine Zeit, wo man sich die Miene gab, vergessen zu wollen, was wir ihm verdanken. Es ist ihm schändliches Unrecht widerfahren. Aber es läßt sich nicht leugnen: das größte Unrecht hat er sich selbst gethan durch thöricht-kindische Eitelkeit, die er leider unbefangen zur Schau trug. Wer ihn nach diesem äußerlichen Scheine beurtheilte, hatte freilich leichtes Spiel, um ihn lächerlich zu finden, wohl gar lächerlich zu machen. Wer jedoch Pietät genug besaß, in’s Innere zu dringen und den _Kern_ des Mannes zu durchforschen, der verkannte gewiß nicht, daß er sich treu geblieben trotz mancher scheinbarer Geckereien.

Das sollen nun auch diese Briefe darthun, die ein halbes Jahrhundert umfassen, und aus deren letzten noch uns derselbe August Wilhelm entgegentritt, den wir um seiner humoristisch-derben redlichen Aufrichtigkeit willen, schon in den ersteren lieben lernten.

Gewöhnlich wollen auch Diejenigen, die ihn im Ganzen zu würdigen wissen, den Kritiker, den Sprachkünstler, den Uebersetzer allein gelten lassen, während sie den _Dichter_ kaum anerkennen.

Erstens vergessen sie, daß um _so_ zu _übersetzen_, wie Er’s den größten Dichtern gethan, der Uebersetzer selbst ein großer Dichter sein muß. Zweitens aber scheinen sie (Schlegels polemischer Poesieen, welche unerreichbare Meisterstücke bleiben, nicht zu gedenken), Dichtungen unter den seinigen vergessen zu haben, deren Tiefe und Gedankenreichthum der höchstmöglichen Formvollendung ganz entspricht. Unser _Bürger_ wußte schon, weshalb er „dem jungen Aar, dessen Flug die Wolken überwinden“ würde, prophetisch zurief:

„Dich zum Dienst des Sonnengott’s zu krönen, Hielt ich nicht den eignen Kranz zu werth, -- Doch Dir ist ein besserer bescheert!“

I.

(Ohne Datum, ohne Auf- und Unterschrift.)[16]

Freylich kann jeder über mich denken, sagen und schreiben was er will; so lange ich es nicht erfahre und keine nachtheilige Wirkungen davon auf mich zurückfallen, gehts mich nichts an. Wenn aber jemand ein ungünstiges Urtheil über mich gefällt und mitgetheilt hat, wovon ich Wirkungen erfahre, so sehe ich nicht, daß es ein Eingriff in seine Rechte wäre, ihn darüber zu fragen, da er ja immer die Freyheit hat, mir eine Antwort zu verweigern, wenn er die Frage für ungebührlich hält. Selbst die Absicht, mit welcher ein solches Urtheil mitgetheilt seyn möchte, würde den Fall nicht verändern, wie mich däucht -- wenn jemand mein Zutrauen mit freundschaftlicher Theilnahme aufnimmt, so bin ich ihm vielen Dank dafür schuldig, aber die Verbindlichkeit, die er mir dadurch auflegt, giebt ihm kein Recht zu richterlichem Ansehen über mich. -- Ich habe mich in der Vermuthung, die zu meiner Frage Veranlassung gab, geirrt, und bitte in dieser Rücksicht um Verzeihung. -- Was den Ton, die Manier, den Ausdruck betrifft, womit ich etwas sage, so bin ich eben nicht gewohnt, mich darüber zur Rechenschaft ziehn zu lassen. Es thut mir leid, wenn Sie damit unzufrieden sind, aber ich habe keine Antwort darauf. -- Wenn ein Mann von Ehre sich von mir beleidigt hält, und ich kein Unrecht von meiner Seite anerkenne, so muß ich ihn den Weg zur Ausgleichung selbst wählen lassen. --

II.

_Jena_, den 11ten Dec. (Ohne Jahreszahl.)

Es ist schön, daß unsre Briefe einander auf halbem Wege entgegen gekommen sind. Die Correspondenz ist also nun förmlich eingerichtet, bis zur persönlichen Bekanntschaft, auf die ich mich lebhaft freue.