Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band

Part 16

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Es bietet sich mir auf einer zu Anfang des nächsten Monats anzutretenden Reise von Breslau nach Trier, meinem Aufenthaltsorte, die erwünschte Gelegenheit, mich wenige Tage in Dresden aufzuhalten. Hieran knüpfte sich bei mir unmittelbar der lebhafte Wunsch, wenn auch nur flüchtig, einen Mann kennen zu lernen, dem alle Gebildeten Deutschlands Dank und Verehrung schuldig sind. Da mir aber wohl bewußt ist, daß Männer von bedeutendem Ruf nur zu sehr von unberufnen Zudringlingen belästigt sind, so würde ich meinen Wunsch gewiß unterdrückt haben, wenn ich seine Erfüllung nicht irgend einer Berechtigung verdanken dürfte. Durch meine bisherigen, in der Masse verschwindenden, literarischen Bestrebungen kann ich kaum hoffen, Ihnen, auch nur dem Namen nach, bekannt zu sein. Ich erlaube mir daher, Ihnen beiliegend ein Werkchen zuzusenden, das bis jetzt meine bedeutendste Arbeit ist, und in dem Sie, sollten Sie es übrigens auch als einen mißlungenen Wurf beurtheilen müssen, wenigstens den sittlichen und künstlerischen Ernst nicht verkennen werden. Aus diesem Geist des Ernstes werden Sie auch ersehn, daß ich wenigstens nicht zu jener Zahl literarischer Vagabonden gehöre, die berühmte Männer aufsuchen, um aus ihren Gesprächen, im Nothfall aus dem Schnitt ihres Rockes, Journalartikel zu fabriziren. Meine Absicht ist einzig und allein die, einen Mann zu sehn, der ein ganzes, ruhmvolles Leben, rastlos thätig, bald anregend, bald selbst schaffend, dem gewidmet hat, dem ich selbst das Streben eines Jüngers von ganzer Seele weihe -- der Poesie.

In der Hoffnung, daß diese Zuschrift nicht belästigen und schon ein persönlicher Besuch mir gestattet sein möge, bin ich mit Hochachtung, verehrtester Herr

Ihr Ergebenster _F. v. Sallet_, Königl. Preuß. Lieutenant.

II.

_Breslau_, d. 16/2. 39.

_Verehrtester Herr Hofrath!_

Als ich die Ehre hatte, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, waren Sie so gütig, mir eine spätere briefliche Mittheilung über mein Leben und Treiben zu erlauben. Ich fühle wohl, daß ich von diesem Rechte eigentlich nur dann Gebrauch machen sollte, wenn ich von errungenen Resultaten zu berichten hätte. Dennoch erlaube ich mir, auf Ihre Güte vertrauend, mich grade im entgegengesetzten Falle an Sie zu wenden, wo ich nehmlich daran gehe, mich in ein Unternehmen einzulassen, dessen Gelingen höchst zweifelhaft ist.

Ich habe nehmlich, wie ich schon längst beabsichtigte, meine Entlassung aus einem meinen Neigungen durchaus widersprechenden Dienstverhältniß nachgesucht und erhalten und mich vorläufig in Breslau festgesetzt, um mich literarischen Studien und Bestrebungen ungetheilt zu widmen. Hier wurde mir, ganz unerwartet und ungesucht, der Vorschlag gemacht, die Redaction eines schöngeistigen Journals zu übernehmen, das, unter dem Namen: Silesia von Ostern an in Breslau erscheinen soll. Obgleich ich nun keineswegs das ephemere journalistische Treiben als ernste und ächte Lebensbestimmung ansehen kann, so glaube ich doch, mich einer Arbeit nicht entziehen zu dürfen, die wenigstens dazu dienen kann, meine Kräfte zu üben, meinen Namen einigermaaßen zu verbreiten, so daß ich später auch für selbstständigere Leistungen auf mehr Antheil beim Publicum rechnen kann, und endlich vielleicht auch für den Augenblick dem Publicum Besseres zu geben, als es in den Spalten eines Journals zu finden wünscht und gewohnt ist. Ich habe wirklich die, vielleicht etwas nach einer Donquixoterie schmeckende, kecke Idee gefaßt, zu versuchen, ob es nicht möglich wäre, eine Zeitschrift _vorherrschend_ aus _künstlerisch gediegnen_ Elementen zu bilden, und, was das Schwierigste ist, das Publicum an solche Kost zu gewöhnen. Auf ein Gelingen kann ich natürlich nur hoffen, wenn die Tüchtigsten im Vaterlande es nicht verschmähen, sich mir anzuschließen.

Diese meine Absicht und der Umstand, daß Ew. Wohlgeboren meine Ansichten über literarische Dinge bekannt sind, mögen es entschuldigen, daß ich mich auch an Sie mit der Bitte um Beiträge zu wenden wage. Es ist einem längst erprobten Meister wohl eigentlich nicht zuzumuthen, sich in das verworrene Gewühl der Tagesliteratur zu mischen. Doch darf ich meinerseits nichts unterlassen, für mein Unternehmen wo möglich die tüchtigsten Kräfte zu gewinnen und so wage ich auch bei Ew. Wohlgeboren den Versuch, da ich in meiner Bitte wenigstens nichts Unschickliches sehen kann.

Sollten Sie sich dazu entschließen können, meine Bitte zu gewähren, so würden mir Gedichte, kürzere Novellen oder Mährchen, hauptsächlich aber auch kritische Uebersichten über Erscheinungen und Richtungen der neueren und neuesten Literatur hochwillkommen sein. Etwanige Beiträge bitte ich an die _Friedländersche Buchhandlung in Breslau_ zu adressiren.

Was das Honorar anbetrifft, so kann ich Ew. Wohlgeboren freilich nicht für mehr, als zwei Louisdor für den Druckbogen zu 16 Spalten bürgen.

Sollte ich auch eine Fehlbitte gethan haben, so darf ich hoffentlich doch darauf rechnen, daß Ew. Wohlgeboren mein Vertrauen nicht übeldeuten werden.

Mit ausgezeichneter Hochachtung

Ew. Wohlgeboren Ergebenster

_Friedrich v. Sallet_,

Lieutenant außer Dienst.

=Schack, Adolph Friedrich von.=

Geb. am 2. Aug. 1815 zu Brüsewitz bei Schwerin.

Mecklenburgischer Geheimer Legationsrath; lebt gegenwärtig in München (?) und gilt sowohl für einen gründlichen Kenner spanischer Litteratur, für einen vortrefflichen, dichterisch reproducirenden Uebersetzer, als auch für einen gediegenen Philologen im Gebiete orientalischer Sprachen. Dafür zeugen schon die Werke:

Geschichte der dramatischen Litteratur und Kunst in Spanien, 3 Bde. (1845-46.) -- Spanisches Theater, 2 Bde. (1845.) -- Uebersetzung des Firdusi -- u. a. m.

Auch _seine_ Briefe sind uns ein höchst willkommener Beitrag zur Widerlegung verleumderisch erfundener Mährchen von Tieck’s Abgeschlossenheit und ungefälliger Zurückhaltung gegen jüngere Gelehrte.

I.

_Frankfurt a. M._, den 29st. Dec. 1844.

_Hochwohlgeborner Herr!_

_Hochgeehrter Herr Geheimerath!_

Indem ich mir die Freiheit nehme, Ihnen, hochgeehrter Herr, ein Exemplar meines „Spanischen Theaters“ zu übersenden, erlaube ich mir zugleich, eine ganz gehorsamste Bitte an Sie zu richten, zu welcher mich Ihre frühere, mir so vielfach bewiesene, Güte ermuthigt. Es ist mir zur Vervollständigung meiner „Geschichte der dramatischen Literatur und Kunst in Spanien“ (welche nächstens bei Duncker und Humbolt erscheinen wird und schon im Druck begriffen ist) überaus wünschenswerth, auf kurze Zeit einige Bände der Comödien des Lope de Vega zum Gebrauche zu erhalten. Die Theile, welche ich besonders wünsche, sind Band 3, 5, 9, 10, 14, 17 und 19. Wollten Sie nun, Herr Geheimerath, die große Gefälligkeit haben, mir diese Bände auf drei Wochen zu leihen, so würden Sie mich zum innigsten Danke verpflichten und sich ein bleibendes Verdienst um meine literarische Arbeit erwerben. Sollten Sie Bedenken tragen, mir diese kostbaren Bände ohne Weiteres anzuvertrauen, so ist die hiesige Königl. Preußische Bundestags-Gesandtschaft bereit, die Bürgschaft dafür zu übernehmen, so wie ich auch selbst gern jede Art von Caution stellen will; willigen Sie dagegen sofort in mein Gesuch ein, so bitte ich, die bezeichneten Bände dem Herren Professor Röstell in Berlin zu übergeben, welcher mir dieselben zusenden wird. Nach Ablauf von drei Wochen erhalten Sie dieselben unversehrt zurück.

Genehmigen Sie, Herr Geheimerath, daß ich mich unterzeichne als Ihr

ganz gehorsamster

_A. v. Schack_,

Großherzogl. Mecklenburgischer Legations-Rath.

~P. S.~ Sollten Ew. Hochwohlgeboren einzelne von den bezeichneten Bänden von Lope’s Comödien nicht besitzen, so würde ich statt derselben ganz gehorsamst um Band 8, 11, 21 oder 23 bitten.

Das „spanische Theater“ folgt mit der Fahrpost nach.

II.

_Frankfurt a. M._, den 6ten August 1845.

_Hochwohlgeborener Herr!_

_Hochverehrter Herr Geheimer Rath!_

Schon vor nunmehr fast zwei Monaten, gleich nachdem meine „Geschichte der dramatischen Literatur und Kunst in Spanien“ im Druck vollendet war, übergab ich einem hier durchreisenden Freunde ein für Ew. Wohlgeboren bestimmtes Exemplar derselben, welches er in Berlin abzugeben versprach. Ich begleitete diese Sendung mit einem Schreiben, in welchem ich Ew. Hochwohlgeboren meinen verbindlichsten Dank für die mir mit so großer Gefälligkeit geliehenen Bände von Lope sagte. So eben erfahre ich nun zu meinem größten Schrecken, daß mein Freund auf der Durchreise in Cöln von einer schweren Krankheit befallen worden ist, an welcher er bisher darnieder gelegen hat, und daß durch diesen unglücklichen Zwischenfall die Beförderung des Briefes und der Bücher an Ew. Hochwohlgeboren unterblieben ist. Mögen Sie daher, hochgeehrter Herr Geheimer Rath, die Verspätung, mit welcher mein Buch in Ihre Hände kommt, entschuldigen, und dasjenige, was ganz ohne mein Verschulden durch eine unglückliche Fügung der Umstände herbeigeführt worden ist, nicht einer Versäumniß meiner Pflicht zuschreiben. Wenn ich glaubte hoffen zu dürfen, daß die beifolgenden Bände so wie der innige Ausdruck meines Dankes noch jetzt von Ihnen mit Wohlwollen aufgenommen würden, so würde mir dies eine große Beruhigung sein.

Was das übersendete Werk anbetrifft, so wage ich freilich damit nur zaghaft aufzutreten, indem ich weiß, daß ich es dem größten Kenner dieses Faches vorlege, indessen ermuthigt mich wieder der Gedanke, daß gerade die tiefste Kenntniß zur Nachsicht stimmt, indem sie die unsäglichen mit der Aufgabe verbundenen Schwierigkeiten in Anschlag bringt, und an den Anfänger nicht gleich die höchsten Forderungen stellt.

Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Geheimer Rath, die Versicherung der ausgezeichnetsten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein

Ew. Hochwohlgeboren ganz gehorsamster

_A. v. Schack_,

Großherzoglich Mecklenburgischer Legations-Rath.

III.

_Frankfurt_ am Main, d. 17t. Nov. 1846.

_Hochgeehrter Herr Geheimer Rath!_

Eine mehrmonatliche Abwesenheit im Süden (in Catalonien und Valencia), während welcher mir wegen vielfach wechselnden Aufenthaltes keine Briefe nachgeschickt werden konnten, hat gemacht, daß mir Ihr hocherfreuliches Schreiben erst jetzt nach meiner Rückkunft zugekommen ist. Empfangen Sie nun, wenn auch verspätet, meinen innigsten Dank für die wohlwollend-nachsichtige Aufnahme, welche Sie meiner Arbeit angedeihen ließen, so wie für die vielen, mir gemachten, lehrreichen Mitteilungen. Ich verfehle nicht, Ihnen beifolgend das gewünschte Exemplar des dritten Bandes zu übersenden, indem ich die Hoffnung zu hegen wage, daß es für den Zweck, für welchen es bestimmt, nicht zu spät eintreffen werde. Sollte mich diese Hoffnung täuschen, so wird der angeführte Umstand meiner Entfernung von Frankfurt zu meiner Entschuldigung gereichen.

Genehmigen Sie, hochgeehrter Herr Geheimer Rath, die Versicherung der innigsten Verehrung und Hochachtung, mit welcher ich verharre

Ihr ganz gehorsamster

_A. F. v. Schack_.

=Schall, Karl.=

Geb. am 24. Februar 1780 zu Breslau, gestorben ebendaselbst am 18. August 1833.

Schall mag wohl nicht der einzige Poet sein, dessen eigentliche That- und Schöpfungs-Kraft durch liebenswürdige Gesellschaftsgaben und vielseitigen Verkehr im Kleinen gleichsam zersplittert worden sind. Er wußte viel, er erlernte täglich mehr, er konnte mit den Gelehrten verschiedenster Fächer wissenschaftliche Gespräche durchfechten, machte geistreiche, zierliche Gedichte, schrieb unzählige witzige pikante Billetchen, war und blieb ein Orakel für Schriftsteller, Schauspieler und Studenten, die sich um ihn schaarten, galt bei Männern aus allen Ständen für eine bedeutende Autorität, und brachte es dabei doch nur zu wenigen Lustspielen, von denen _drei_ allerdings zu ihrer Zeit, wirklich Epoche machten:

Kuß und Ohrfeige -- Trau schau wem -- die unterbrochene Whistpartie. -- Ein viertes: -- Mehr Glück als Verstand -- hat weniger gefallen. Und seine größte Arbeit -- _Theatersucht_ -- ist auf dem Berliner Hoftheater (in Breslau machte sie Glück) ausgepfiffen worden, als sie neu war (1815); wohl hauptsächlich weil sie die Narrheiten der Dilettanten-Theater verspottet, und weil die zahlreichen Mitglieder derselben Anstalten sich gegen solchen Spott auflehnten. So ging das vorzüglichste seiner Lustspiele halb und halb verloren und dieses Mißgeschick hemmte die frischbegonnene Thätigkeit. Er ließ sich einschüchtern und wurde verzagt. Durch eine im Jahre 1827 versuchte Wiederaufnahme der Theatersucht, welche im königstädter Theater glücklich von Statten ging, ließ er sich neu anregen. Doch was er fürder mühsam schuf, ist breit, schleppend, ohne rechtes theatralisches Leben. Wenn man Stücke betrachtet wie: Das Kinderspiel -- Eigne Wahl -- der Knopf am Flausrock -- Schwert und Spindel u. s. w. kann man nur bedauern, daß solche Fülle von Geist, Witz, Gemüth und Wissen zu einem wirkungslosen Hin- und Herreden verschwendet worden. Für „Schwert und Spindel“ waren zehnjährige Studien gemacht und ganze Stöße von Excerpten zusammen getragen worden, um einige -- auf der Bühne langweilige -- Scenen damit auszustaffieren! Und dies von einem berufenen Kenner dramatischer und dramaturgischer Zustände; von einem in’s Detail gehenden Theaterkritiker! -- Es ist lehrreich, und fordert zu ernsten Betrachtungen auf, daß ähnliche Selbsttäuschungen fortwähren konnten bis zum Tode. (Siehe den vorletzten, ein Jahr vor seinem Ende geschriebenen Brief.) -- Eines kleinen Gelegenheitsstückes haben wir noch zu gedenken, welches Schall für die Bühne seiner Vaterstadt schrieb, und in welchem Ludwig Devrient, damals in vollster Blüthe des Genie’s, die Hauptrolle gab. Es hieß: _das Heiligthum_, und galt dem Jahresfeste der Königin Luise von Preußen. Es war ein Meisterwerk dieser Gattung; es war zugleich ein kühnes Wagstück: umgeben von Spionen, unter französischem Drucke, treue Preußenherzen zu solcher Huldigung aufzurufen. -- Nur Wenige der Jetztlebenden werden noch eine Erinnerung an jenen festlichen Abend in ihrer Seele bewahren; aber bei diesen wird sie auch erst mit dem Leben erlöschen.

I.

_Breslau_, d. 16t. Febr. 1820.

_Verehrtester!_

Mit einer etwas verspäteten Erwiederung Ihres Schreibens vom 22ten Junius vorigen Jahres, welches mir durch Karl von Raumer zugekommen war, sandte ich Ihnen die beiden Schauspiele: ~Fair Em~ und ~Arden of Feversham~, denen ich einige selbst verfaßte Lustspiel-Makulatur beigelegt hatte. Da ich nicht wußte, daß Sie zur Zeit der Absendung, von Ziebingen bereits ab und nach Dresden gereist waren, hatte ich das Paket nach dem ersteren Ort adressirt und abgeschickt. Es kam nicht zurück und ich setzte demnach voraus, es sey Ihnen nachgesandt worden. Von dieser Voraussetzung unterrichtete ich Sie durch einige nach Dresden geschriebene Zeilen. Da Sie, böser Mann, mir nun auf meine beiden Epistelchen nicht ein einziges kleines Sylblein geantwortet und mir den Empfang des Uebersandten keineswegs bestätigt haben; so kann ich es nun nicht länger anstehen lassen, und muß Ihnen hiermit noch einmal schriftlich zu Leibe gehen und Sie bey Shakspeare’s Schatten beschwören, mich recht bald wissen zu lassen: ob die ~dramata questionis~ in Ihren Händen sind; ob Sie selbige noch länger zu behalten wünschen; ob sie Lust haben sie zu übersetzen -- nemlich die Englischen in’s Deutsche, nicht etwa meine Chosen in’s Englische; -- was Sie davon halten u. s. w.

Ich bin seit dem 1. Januar ~anni currentis~ ein Zeitungsschreiber geworden und gebe hierselbst vom Fürsten Staatskanzler berechtigt und begünstigt eine politisch-szientivisch-artistische mit einem sogenannten Intelligenzblatt versehene Zeitung unter dem Titel _Neue Breslauer Zeitung_ im Vereine mit einem sehr tüchtigen Mitarbeiter, meinem Freunde dem Doktor _Löbell_, einem Ihrer größten Verehrer, heraus. Meine hiesigen Freunde, _Steffens_, der sich sehr freundlich und lebhaft für mein Unternehmen interessirt, _Hagen_, _Büsching_, _Menzel_ u. a. nehmen thätigen Antheil an meinem Blatt, mit dessen Erfolg ich für den Anfang alle Ursache habe zufrieden zu seyn. Auch _Raumer_ hat mir schon einige Mittheilungen von Berlin aus gemacht, mit denen sich etwas sehr Spaßhaftes zugetragen hat, indem er jetzt selbst als Mitgleid der Ober-Censur-Commission über ein Paar Aufsätze zu richten hat, die er mir anonym geschickt hatte und denen von der hiesigen Censur das ~imprimatur~ verweigert wurde. Sie haben doch Nachrichten von ihm? Sein Aufenthalt in Berlin ist ihm durch Manches verleidet, besonders durch _Solgers_ Tod, der auch Ihnen höchst schmerzlich gewesen seyn muß. Solgers trefflicher Schwanengesang, die Beurtheilung der dramaturgischen Vorlesungen Schlegel’s, ist mir im höchsten Grade erfreulich und belehrend gewesen. Könnten Sie nicht einen besonderen Abdruck dieses Aufsatzes veranlassen? mir scheint ein solcher sehr wünschenswerth und ersprießlich. In den geistreichen, tiefen, und zum Theil ganz neuen Ansichten sowohl Shakspeares als auch Calderons ist Ihre Mitwirkung unverkennbar. Warum lassen Sie Einen denn so ungebührlich lange schmachten und zappeln nach Ihrem Werke über Meister William, ach und nach so vielem, vielem Anderem!!??

Vielleicht ist es Ihnen nicht uninteressant zu erfahren, daß auf meine Anregung unser Theater sich kürzlich an eine Aufführung von Romeo und Julie, nach Schlegels Uebersetzung und _sehr mäßig_ gestrichen, gewagt und zwar mit sehr glücklichem Erfolge gewagt hat. Ich habe mich in meiner Zeitung über dieses Wagstück des Breiteren vernehmen lassen. Der jetzige Dramaturg unserer Bühne, ein Regierungsrath Heinke, mit dem ich in gutem Vernehmen stehe, der sehr auf mich hört und achtet und Sinn für das Bessere und Beste hat, will im Laufe dieses Jahres noch mehrere Shakspeariana möglichst unbeschnitten auf unser hiesiges kleines o bringen[14].

Doch genug, vielleicht schon zu viel des Gekritzels! Ehe ich aber die Ehre habe zu seyn &c. wage ich doch noch eine Bitte an Sie. Sie sollen sich nemlich zur Strafe, daß Sie mir noch nicht geschrieben haben, nicht nur die Verpflichtung auflegen: mir wirklich bald zu schreiben, sondern sich als Extra-Pönitenz noch zu irgend einigen Notizen verpflichten, die Sie mit Hochdero Namensunterschrift dem Herausgeber der Neuen Breslauer Zeitung als eine höchst erfreuliche Gabe zukommen lassen. Bitte, bitte, bitte!

~Vale et fave~ ~Tuo Tuissimo~

_K. Schall_.

II.

_Breslau_, am 28t. Oktober 1826.

_Verehrtester Freund!_

Ueberbringerin dieser Zeilen ist _Madame Brunner_, die bei dem hiesigen Theater ein paar Jahre hindurch das Fach einer Bravoursängerin mit vielem und anhaltendem Beifall ausgefüllt hat. Es ist ihr Wunsch, wo möglich in Dresden zu einigen Gastrollen zu gelangen und daß Sie die Güte haben, für dieses Wunsches Erfüllung, so viel Sie vermögen, beizutragen, ist der Zweck dieser ~lettera~ -- oder vielmehr ~letterinellina~ -- ~di raccommandazione~, um welche die Künstlerin, die auch eine Virtuosin auf der Geige ist, mich ersucht hat. Doch bedarf ich’s leider! wohl eigentlich selbst Ihnen empfohlen zu sein!

Mit unveränderlicher inniger und ausnehmender Verehrung

Ihr

treuergebenster

_Karl Schall_.

III.

_Breslau_, am 17t. März 1827.

Lassen Sie, mein Höchstverehrter, sich den Ueberbringer dieser Zeilen, Herrn Heinrich Romberg, Sohn des trefflichen verstorbenen Andreas auf das angelegentlichste empfehlen. Der sehr ausgezeichnete junge Künstler, der sich durch sein sehr gründlich ausgebildetes und höchst graziöses Violinspiel hier, wie in Berlin, verdienten großen Beifall ergeigt hat, ist Allen, die ihn näher kennen lernten, auch durch sein ganzes anmuthiges und feines Wesen lieb und werth geworden, und so empfiehlt sich dieser Empfohlene freilich selbst besser, als man ihn durch ein Rekommandationsschreiben zu empfehlen vermag. Sein Sie ihm räthlich und thätlich in dem, was er in Dresden bezweckt, nach Vermögen behülflich. Die Musen werden’s Ihnen lohnen!

Für wie so Vieles aus Ihrem reichen Geistesschatz der Lesewelt Gegönnte, hab’ ich Ihnen wieder zu danken!! Das soll und muß ausführlich geschehen, noch ehe der März uns in den April schickt. Bis dahin und immer, mit dem Toast Tieck ~for ever~!

Ihr

treuergebenster und Sie

höchstverehrender

~admirer friend and servant

_Charles Sound_~.

IV.

_Breslau_, am 22. August. (Ohne Jahreszahl.)

Mit der am 19. dieses von hier abgegangenen Fahrpost hab’ ich, unter der Adresse der „Intendanz des Königlichen Hoftheaters zu Dresden,“ eine ~contradictio in adjecto, i. e.~ ein _Druckmanuskript_ abgesandt, das ich _Ihrer_ Aufmerksamkeit und Güte, mein Hochverehrter, zu empfehlen wage, obgleich ich einiges Bedenken tragen sollte dies zu thun, wenn ich nämlich bedenke, wie ganz unbeachtet von Ihnen mein vor mehreren Jahren an Sie abgesandtes Lustspiel „Eigene Wahl“ geblieben ist. Nun, es geht mir diesmal wohl glücklicher mit dem Manne, an dessen günstigem Urtheil mir so sehr, sehr viel gelegen ist und den ich so innig verehre wie wenige Lebende, welche Casualzweideutigkeit im doppelten Sinne gilt. Mit der nächsten, am 26., von hier abgehenden Fahrpost, send’ ich Ihnen ein Exemplar des fraglichen Lustspiels zum _Privatgebrauch_; (möchten Sie es eines _vorlesenden_ werth finden!) Dann schreib’ ich Ihnen mehr als heute und mancherlei von

Ihrem Ihnen höchst und tiefst ergebnen

_Karl Schall_,

Eigenthümer und Redakteur der Breslauer Zeitung.

V.

_Breslau_, am 26. August 1832.

Ich weiß nicht ob Sie, Verehrtester, zufällig wissen, daß ich eine ziemlich lange Zeit, (von Anfang _April_ 1830 bis Anfang _Juli_ dieses Jahres), in Berlin gelebt und geliebt habe, wo es mir bei sehr lieben freundschaftlichen Verbindungen sehr wohl und durch arge, ganz ungewöhnlich andauernde Leiden, mit denen ein gar böser Krankheitsdämon, ein chronisches Asthma von der schlimmsten Gattung, mich geplagt, sehr schlecht ergangen ist. Nachdem diese Leiden durch eine höchst glückliche Pillenerfindung meines dortigen, mir sehr befreundeten, Arztes, des Medicinalrath _Casper_, sich bedeutend verringert, hab’ ich die poetische Feder in starke, fleißige Bewegung gesetzt. Da ist denn mancherlei zu Papiere gebracht worden, darunter das schon neulich erwähnte Lustspiel „Schwert und Spindel,“ wovon Sie nun beiliegend ein Exemplar, ein Ihnen gewidmetes, erhalten. Ein zweites Druckmanuskript, auch ein Lustspiel, wird übermorgen sendungsfertig und soll dann in zwei Exemplaren alsbald nach _Dresden_ an die Direktion Ihrer Bühne und an Sie abgehen. Den _Oktober_ und im _Dezember_ versend’ ich dann noch zwei größere, einen Theaterabend füllende, Lustspiele und ein Roman von mir „_die Leute_“ wird auch noch im Laufe dieses Jahres der Lesewelt und der Kritik geboten.

Möchte mir für diese Produktionen die Freude _Ihres_ Beifalls zu Theil werden! Es ist keine Schmeichelredensart, sondern die reinste, ehrlichste Wahrheit, wenn ich Sie versichere, daß mir an dem Beifall keines auf Erden lebenden Menschen -- ich darf sagen nur halb so viel -- gelegen ist, als an dem Ihrigen; doch sollen Sie mir, wenn Sie mir ihn versagen, oder wie Sie ihn bedingen und beschränken müssen, das unumwunden und ehrlich sagen, d. h. schreiben. Nächsten Mittwoch geht das oben erwähnte zweite Lustspiel an Sie ab und wenn Sie es erhalten und gelesen, schreiben Sie mir wohl baldmöglichst -- ich bitte schönstens darum -- über die beiden Stücke.