Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band

Part 9

Chapter 93,330 wordsPublic domain

Wenn ich Ihnen nun noch Einiges über unsern hiesigen Zustand, über den Kreis sagen soll, der Ihnen zum Theil bekannt, so haben Sie leider nicht viel Frohes zu hören. Ich glaube zwar wohl, daß mir der Blick für Manches geschwächt ist, seit ich nicht mehr mit befriedigtem Herzen an den Dingen Theil nehme, indessen, daß es anders geworden ist, als es war, empfinden auch wohl meine Freunde. Das Leben geht seinen stillen Weg, Jeder nimmt Theil an _dem_ Schönen, das es bietet; aber es fehlt oft die Kraft, die es uns schuf oder wenigstens belebend nahe brachte, und weil man verwöhnt war, fühlt man den Mangel desto drückender. Mir wenigstens tritt er immer näher, und je mehr ich wieder Kraft gewinne, mit dem äußern Leben anzuknüpfen, desto tiefer empfinde ich die Mißstellung, in die mich mein Geschick versetzt hat. Das macht mich gewiß nicht undankbar gegen den Himmel, ach nein, je ärmer mir Anderer Leben um mich erscheint, gegen das was ich genossen, desto jubelnder freue ich mich meiner heiligen Erinnerungen und desto muthiger fühle ich mich, in ihnen die Gegenwart zu ertragen; aber eiskalt überläuft es mich dazwischen, wenn ich über heute und morgen wegsehe, und immer das Unvermögen in mir finde, durch mich selbst anzueignen, was, eine Himmelsgabe, mir die Liebe bescheerte. Was im Glück uns Frauen der höchste Segen ist, das eigene Daseyn nur in einem Zweiten zu empfinden, das macht uns so tief unglücklich, wenn uns das Geschick allein in das Leben schickt, und wir Alles nur um unsrer selbst willen thun können. Warum ich Ihnen das Alles schreibe? Weil ich ein unbeschreibliches Vertrauen habe, von Ihnen auch in _dem_ verstanden zu werden, was Andere leicht für Hochmuth oder Prätension halten könnten, und weil _das_ Vertrauen so wohl thut. Ich weiß gewiß, daß mir noch Vieles Gute tagtäglich zu Theil wird; aber ich kann den Schmerz nicht hindern, mit dem ich nach dem Schönen sehe, was vielleicht nur ein so hohes Dichtergemüth, wie mir nahe war, in unendlicher Fülle uns zu reichen vermag. Weinen und klagen kann der Schmerz selten; aber er macht, daß alle Gegenwart sich nur durch die Erinnerung beleben kann. --

In voriger Woche war Ihr Freund Loebell bei Schnaases. Das gab manchen Verkehr unter den Freunden, und daß Ihr Name oft genannt ward, können Sie denken. Besonders haben wir uns noch gemeinsam mit Ihrer Vittoria beschäftigt, denn das schöne Gedicht hatte uns Alle hoch erfreut, und je mehr wir uns damit in Gedanken beschäftigten, desto tiefer empfanden wir den Reichthum und die unendliche Fülle der Poesie, von der Alles in dem Buche durchweht ist. Sie haben den Deutschen ein herrliches Geschenk gemacht, und die schnelle zweite Auflage zeigt Gott sei Dank einmal, daß auch das größere Publikum es so begriffen. -- Mir hat es außer der allgemeinen Erhebung, die Poesie uns giebt, in mancher bangen Stunde Kraft gegeben, denn oft, wenn Alles um mich her zu verschwinden schien, habe ich mir einige gar zu schöne Stellen wiederholt, in denen Sie Vittorias Schmerz und ihre Haltung schildern und daran mich selbst zu stärken gesucht. --

Vielen Dank habe ich Ihnen außerdem im Stillen gesagt. Ich habe den ganzen Winter sehr häufig Novalis Schriften, durch Sie uns zugänglich, gelesen; und mich zu keinem Anderen immer aufs Neue so innig hingezogen gefühlt. Alles habe ich freilich nicht verstanden; aber Vieles ist mir unendlich nahe getreten. Da fand ich oft in Worten wieder was mich durchzog, und mit dem schmerzerfüllten Dichter konnte ich auch von den Klängen der Wehmuth mich zu heitereren Gebieten wenden und mich darin erquicken. --

Hier beschäftigt man sich bereits mit Festgedanken für den erwarteten Besuch unseres Königs. Schadow wird in Bildern die Geschichte der deutschen Poesie darstellen. Mir ist das Ganze noch nicht recht klar, nur das habe ich als etwas Bestimmtes gehört, daß den Beschluß die Aufführung Ihres Gartens der Poesie machen soll. Uechtritz hatte an Bilder aus der deutschen Geschichte gedacht, jetzt aber den Plan für hier aufgegeben und beabsichtigt ein ausgeführtes Festspiel daraus zu machen, was etwa in Berlin gegeben werden könnte, gelegentlich. Der Plan hat uns Alle sehr angesprochen. Den 3ten Theil seines Buches über Düßeldorf scheint er vorläufig aufgegeben zu haben; wenigstens wünscht er einen Aufsatz über Schiller und dessen Nachfolger unter dem Titel, Beitrag zur Geschichte des deutschen Theaters, in Raumers historisches Taschenbuch zu geben, und läßt einen kleinen Aufsatz über Immermann, der für jenen bestimmt war, in den Blättern für literarische Unterhaltung drucken. Letzterer hat mir bis auf einige Einzelheiten sehr wohl gefallen.

Wenn Sie es noch nicht wissen, freut es Sie vielleicht, daß vom Münchhausen nächstens die 2te Auflage erscheint. Es wäre ein wahres Glück gewesen, wenn es I. erlebt hätte, denn es würde ihm Muth und Zutrauen zu sich und der Welt gegeben haben, was ihm noch bis zuletzt oft fehlte; nun ist es für mich auch immer eine große Freude.

Mein Töchterchen ist, so klein es ist, schon ein treues Abbild des Vaters und giebt mir unzählige Freuden, und neben allem Trüben was auch Ihre Verlassenheit in mir weckt, die einzige Aussicht in der Zukunft, an der ich mich halten kann. Möge der Himmel sie mir erhalten!

Was werden Sie zu meinem langen Briefe sagen? Böse dürfen Sie nicht über das viele Schwatzen seyn, denn Sie haben mir erlaubt, mit vollem Vertrauen zu Ihnen zu reden, und deßhalb schrieb ich weiter, als mir unter dem Schreiben wohl wurde. -- Nun bitte ich nur noch, mich der Frau Gräfin und Ihrer lieben Tochter zu empfehlen, wünsche Ihnen von Herzen ein Lebewohl und bitte mir die Gesinnungen zu bewahren, die mich so sehr erfreuen.

Mit innigster Verehrung

Die Ihrige

_Marianne Immermann_.

II.

_Düsseldorf_, den 2t. Sept. 1841.

Indem ich Ihnen, mein innig verehrter Freund, beifolgend ein Exemplar des Tristan übersende, lasse ich mir das Vergnügen nicht nehmen, es mit einigen Worten zu begleiten, die Sie nöthigen, sich einen Augenblick mit mir zu beschäftigen. Das Glück, mich Ihnen nahen zu dürfen, ist mir zu lieb und bedeutsam, als daß ich eine Gelegenheit dazu unbenutzt vorüber gehen lassen könnte, und es ist keine Redensart von mir, wenn ich sage, daß ich es recht eigentlich unter die unschätzbaren Hinterlassenschaften meines geliebten Mannes rechne. Die Tage, die wir in Ihrem Hause zubrachten, sind mir unvergeßlich, und so frohe Stunden, wie ich durchlebte, wenn Sie und Immermann in ewig lebendigem Gespräch überall das Feinste und Höchste der Dinge berührten, kommen wohl für mich auf dieser Erde nicht wieder. Darum such ich mein Glück in der Erinnerung, und bin bedacht, alle ihre Bilder mir frisch vor der Seele zu erhalten; und wenn ich, wie im Gespräch mit Ihnen, mich der Segnungen bewußt werde, die nicht mit den flüchtigen Minuten verschwinden, so sind das meine besten Stunden.

Den Tristan erhalten Sie in der Gestalt, die ihm nach Ihrem letzten Bescheide allein zu geben war. Als uns Loebell in Ihrem Namen mittheilte, was ich längst erwartet und natürlich gefunden hatte, war Schnaase so gut, die wenigen einleitenden und beschließenden Worte zu schreiben, und rieth dringend, das was ich im Herbst an Notizen für Sie gesammelt, ohne Weiteres drucken zu lassen, wie es nun auch geschehen. Es war mir anfänglich ängstlich, indessen tritt das Geschriebene so anspruchslos auf, daß es dem Buche nicht viel schaden kann, wenn es ihm auch nicht viel nützt, und es war mir daher immer noch weniger bedenklich als eine sorgsamere Ausführung, die dem Geiste des Dichters vielleicht nicht ganz entsprochen hätte. Das Gedicht selbst wieder zu lesen, habe ich noch nicht vermocht, besonders in diesen Tagen und Wochen, wo ich die Schreckensstunden des verwichenen Jahres wieder mit neuer Lebendigkeit vor mir sehe, und mich vor Aufregung zu hüten habe. Andere Stimmen aus dem Publikum sind mir auch noch nicht zugekommen über den Eindruck des Ganzen, weil man hier in Düsseldorf nie seine Theilnahme allzu lebhaft zeigt.

Während Sie in Baden waren, haben wir uns mit der leisen Hoffnung getragen, Sie möchten einmal den Rhein bis zu uns herab befahren, und haben sie nicht eher ganz aufgegeben, bis uns die Zeitungen meldeten, Sie seien in Berlin angekommen. Seitdem suche ich nun immer zuerst nach den Artikeln aus Berlin und nach Ihrem theuern Namen, und freue mich herzlich, wenn ich auf’s Neue höre, wie man Sie dort liebt und ehrt, und wie Ihnen das Leben in so mancher geistiger Anregung und Aufmunterung gut thun muß. Ich wollte, Sie blieben recht lange dort, vielleicht immer; es müßte sich Ihnen nur so recht allmählig machen, daß Sie den Übergang nicht viel empfänden, den Entschluß alte langjährige Gewohnheiten und Umgebungen gegen neue zu vertauschen, der freilich immer schwer ist. -- Vor einiger Zeit sah ich bei Uechtritz dessen Cousine Frau v. Buttlar aus Dresden, die ich auch die Möglichkeit nach Ihnen und den Ihrigen ausgefragt habe, die aber leider besonders aus der letzten Zeit nicht viel wußte. Sie unterhielt uns hübsch mit ihren anmuthigen kleinen Bildchen, die aber freilich alle weichen mußten, sobald wir Dorotheens wohlgelungnes Portrait sahen, das ein gar schöner Spiegel Ihres Wesens ist. -- Außer diesem Besuch haben wir den ganzen Sommer nichts von Fremden gesehen. Düsseldorf liegt schon gar zu sehr am Ende von Deutschland und kriegt wenig ab von den gewöhnlichen Rheinreisenden. Die Sommermonate sind daher für das gesellige Leben sehr unangenehm, denn da ein großer Theil der Einheimischen abwesend ist, so giebt es überall Lücken, und da keine Veranlassung von außen hinzutritt, sehen sich die Zurückgebliebenen denn eben auch nicht. -- In diesem Augenblick sind von meinen Freunden eigentlich nur Uechtritzens hier, mit denen der Verkehr bei seiner Kränklichkeit und Beider Ängstlichkeit für ihre Gesundheit auch nicht ganz leicht ist. -- Solche absolute Einsamkeit hat freilich ihre Schattenseiten, und man durchlebt manche Stunde trüber als sonst, indeß hat sie auch ihre Vortheile und ich suche durch fleißige Beschäftigung sie möglichst daraus zu ziehen. -- Für die Bände zurückgelaßner Schriften Immermann’s giebt es mancherlei zu ordnen und abzuschreiben, woran ich fleißig bin, und außerdem habe ich in allen Gebieten der Literatur noch so wenig Kenntnisse, und bin ich auch in andern Dingen so schlecht unterrichtet, daß ich viel nachzuholen habe, wenn ich meiner Tochter künftig einmal in irgend einer Sache nützlich seyn will. Mein Vater sagte immer, ein Mädchen brauche nichts zu lernen, man gab mir also wenig Unterrichtsstunden, und ich lernte eigentlich nur, wozu mich bisweilen eigner Eifer und Lust trieben. Daß das aber bei einem jungen unruhigen Mädchen nicht viel, am wenigsten etwas Geordnetes war, können Sie wohl denken. So lange Immermann lebte, habe ich diesen Mangel oft drückend empfunden, weil ihm das ewige Fragen und Antworten mitunter lästig seyn mußte, jetzt sehe ich auf die unbekannten Gebiete mit mehr Ruhe und freue mich sogar der Schätze, die mir über manches Schwere forthelfen werden durch die Bereicherungen, die sie mir geben müssen. -- Besondere Erquickung geben mir häufig gute Geschichtswerke, und in dieser letzten Zeit hat mir keine Unterhaltung die Stunden angenehmer verkürzt, als die Lectüre von Rankes Päpsten. Es war das erste Werk dieses Schriftstellers, was ich las, und ich wählte es vorzugsweise, weil es mich in die Zeit führte, die mir durch Ihre Vittoria so nah und anders belebt erscheint als manche sonst.

Durch weiteres Reden über mich und meine Angelegenheiten darf ich aber Ihre kostbare Zeit gewiß nicht in Anspruch nehmen, und so will ich nur noch im Allgemeinen zufügen, daß mir der Himmel mein süßes Kind wohl und kräftig erhält, und mir in dem Gedeihen und geistigen Entwickeln des kleinen Engels unzählige Freuden schenkt. Sie ist äußerlich auf wunderbar auffallende Weise das Bild des Vaters, und wenn ich einst sehen werde, daß er ihr seine Seele und einen Funken seines Geistes vererbt hat, so erfüllt sich mir Alles, wonach mich noch auf Erden verlangt. -- Der rechte Lebensmuth und Lebenslust will mir nicht wiederkehren, und unendlich oft zieht mich die Sehnsucht gewaltig dem geliebten Manne nach. Doch blicke ich getrost zum Himmel, der mir noch immer geholfen, und denke er wird mir auch ferner beistehen. -- --

Uechtritz hat mir freundliche Grüße für Sie aufgetragen, im nächsten Jahre denkt er wieder nach Berlin und Schlesien zu gehen, jetzt ist er sehr mit dem Plan zu einem Roman beschäftigt, den er, glaube ich, schon seit Jahren mit sich herumträgt. Schnaase ist mit seiner Frau im Harz. Daß Ihr Freund Loebell vor einigen Tagen seine Reise nach Italien angetreten, wissen Sie vielleicht auch noch nicht.

Der Frau Gräfin bitte ich mich zu empfehlen, und Fräulein Agnes freundlich zu grüßen. Wenn ich sie auch nicht persönlich kenne, habe ich doch so viel von ihr gehört, um mich ihr bekannt zu fühlen. Und nun sage ich Ihnen Lebewohl, mein theurer verehrter Freund und Dichter, möge es Ihnen recht recht wohl ergehen, und Sie immer eine freundliche Erinnerung bewahren

Ihrer

innig ergebenen

_Marianne Immermann_.

III.

_Düsseldorf_, d. 2. September 45.

Als ich mich im vergangenen Winter von Ihnen trennte, mein theurer, innig verehrter Freund, da glaubte ich nicht, daß ich so lange gegen Sie schweigen würde, als nun geschehen. Mein Herz war so voller Dankbarkeit, für alles Schöne, was mir im Umgange mit Ihnen geworden, daß ich meinte, Ihnen diese wenigstens bald aus der Ferne aussprechen zu müssen. -- Da kamen Unruhen und Unwohlseyn mancher Art, mein Gefühl blieb dasselbe; aber der ruhige Ausdruck desselben wollte sich nicht finden. Hoffentlich habe ich durch mein spätes Kommen nicht in Ihren Augen das schöne Recht, mich Ihnen vertraulich zu machen, eingebüßt, das Ihre Freundlichkeit mir bisher einräumte, und das ich so gern unter die kostbaren Vermächtnisse meines geliebten Mannes rechne. -- Die Trennung von Ihnen trug recht eigentlich im vorigen Winter dazu bei, mir den Abschied von Berlin schwer zu machen, und ich würde es für ein gar großes Glück achten, wenn mir vergönnt würde, noch einmal längere Zeit in Ihrer Nähe zu weilen. Sie sind der einzige Dichter, dem ich außer Immermann im Leben begegnete, und Ihnen gegenüber finde ich so Vieles wieder, was sonst mit ihm für mich begraben ist. Was das ist, das wissen Sie selbst am Besten, in der Klarheit des Besitzes, mir ist es ein unsäglich, ewig Schönes mich erquicklich Belebendes, das ich mit durstiger Lippe trinke -- die Poesie. Es ist ein Stück des göttlichen Schaffens, vom gütigen Genius in des Dichters Brust gelegt, womit er uns gestaltet wiedergiebt, was wir ahnend zu ihm tragen, womit er nicht allein und immer Neues zum Geschenke reicht, sondern auch in uns selbst zu wecken weiß, was irgend Bestes die Natur in uns versenkt. Mir wenigstens ist immer so dem Genie gegenüber gewesen, was mich nicht einschüchterte, weil ich seine Größe so gern anerkannte, und in seiner Nähe Schwingen an den Schultern fühlte, während das Gewöhnliche und Dumme mich leicht zu seiner Kleinheit herabzog. Die Natur hat mir Vieles versagt, womit sie Andere freundlich ausstattet, namentlich alles ausübende Talent, mich dafür aber mit einer lebhaften Empfänglichkeit beschenkt, durch die ich das Glück einer reichen und spendenden Natur, wie der Ihrigen, zu begegnen, voll und ganz zu würdigen weiß. Darum bitte, nehmen Sie mich immer gütig auf, wenn ein freundlicher Stern mich zu Ihnen führt, und lassen Sie mich Theil nehmen an Ihrem Reichthum, an dem ich mich auch in der Ferne immer aufs Neue herzlich erfreue. Sie haben mich schon vor Jahren einmal freundlich aufgefordert mich Ihnen, wie einem alten längst gekannten Freunde zu nahen, so daß ich dadurch noch immer ein Recht an Sie zu haben meine und dieses in Anspruch nehme, bis Sie es mir ausdrücklich entziehen. Drum rede ich auch heute unbefangen von meinen kleinen Erlebnissen, weil längst das Herz mich zu Ihnen trieb.

Es war um Weihnachten, als ich Berlin verließ, mit der Hoffnung dahin zurückzukehren, ehe ich im Frühling wieder an den Rhein ging. Vorher sollten aber in Magdeburg, Halle und der Umgegend Familienbesuche gemacht werden, und während derselben rührten sich die, seit meinem Wochenbett nie ganz überwundnen Nervenleiden auf eine Weise, die mich nöthigte, den lieben Plan aufzugeben. Gegen Pfingsten reiste ich nach Düsseldorf, mit großem Verlangen nach häuslicher Ruhe, fand aber gleich manchen Trouble durch die Vorbereitungen zum Rheinischen Musikfest, das wir in diesem Jahre hier feierten. Die Musik an und für sich ist nun schon angreifend, man setzt sich jedoch der Ermüdung, die sie bringt gern aus, wo sie durch ihre Vollkommenheit wahren Genuß bringt, bei diesen Pfingstfesten hat sie aber das böse Gefolge vieler gleichgültiger Menschen. Der Übersetzer der spanischen Dramen, die ich einmal auf Ihrem Tische sah, Dohrn, war unter diesen der Einzige, der durch eine frische, volle Persönlichkeit und den wunderhübschen Vortrag von Volksliedern für sich interessirte.

Wäre nun wenigstens nach dem Musikfeste Ruhe gekommen! Aber nie habe ich so viel Fremde hier gesehn, nie bin ich so viel von Kleinigkeiten in Anspruch genommen worden, als diesen Sommer. Da war es denn nicht zu verwundern, daß die Gesundheit auf keinen grünen Zweig kam, und die schon gereizten Nerven mir keine Ruhe ließen, und ich mußte mich entschließen, einem oft wiederholten ärztlichen Rathe zu folgen und ein Seebad zu gebrauchen. Die Reise nach Ostende, die als die leichteste erschien, ist mir sauer genug geworden, denn sie nöthigte mich zu Ausgaben, die meine Verhältnisse übersteigen, und es war das erste Mal, daß ich mich in der Fremde selbst beschützen mußte. Aber da ich zu oft empfunden, wie ich nur gesund das Schwere meines Lebens ertragen und mich des Guten freuen kann, so überwand ich Alles, und machte mich mit meinem Kinde auf den Weg. Die Bäder haben mich gestärkt, und jetzt denke ich gern an den Verkehr mit dem köstlichen Elemente, das ich habe kennen lernen, so wie an die mancherlei Anschauungen, die mir das interessante Land bot. Das Meer hat mich mit unendlichem Zauber umfangen, und manche stille Stunde habe ich in lautlosem Gespräch mit den schäumenden Wogen zugebracht, obgleich der erste Eindruck fast eine Enttäuschung war. An einem stillen sonnigen Tage, bei vollständiger Ebbe betrat ich zuerst den Quai, und die ruhige Wasserfläche, deren Endlosigkeit mein kurzsichtiges Auge nicht weit verfolgen konnte, imponirte mir viel weniger, als ich vermuthet hatte. Aber immer wachsend hat sich mir die eigenartige Pracht erschlossen, die mich lange Zeit wachend und träumend schaukelte, und mich bei meiner Rückkehr ganz sehnsüchtig stimmte. Je öfter ich der brausenden Fluth Anschwellen beobachtete, oder die sanften Kreise des scheidenden Wassers verfolgte, dem tobenden Sturm zusah, oder die Sonne in die klaren Fluthen sinken sah, desto andächtiger, größer ward mir zu Muthe.

Auf der Rückreise hielt ich mich 8 Tage bei Freunden in Brüssel auf, und lernte durch diese Gent, Antwerpen und das Schlachtfeld von Waterloo kennen, auf dem Immermann vor meiner Geburt in den Reihen der Kämpfenden gestanden, und wo sich ein mächtiges Blatt der Geschichte vor meinem Geiste ausrollte. -- Sonst waren natürlich die Eindrücke, die ich durch die alte Niederländische Kunst, besonders Rubens, erhielt die bedeutendsten, indessen interessirte mich auch Manches, worin sich die Verschiedenheit des Landes und der Menschen von uns, ihren Nachbarn zeigte, die sonderbare politische Stimmung u. s. w. Bei meiner Rückkehr hatte ich Muße zum Ausruhen, denn im Herbst fliegt hier Alles auseinander, und man hat so gut wie keinen geselligen Verkehr, der sich erst seit einigen Wochen wieder consolidirt hat. Für mich hauptsächlich durch die Rückkehr von Schnaases und Uechtritzens, obgleich ich durch meine jüngste an einen hiesigen Maler verheirathete Schwester, jetzt mehr als sonst in den Künstlerkreisen lebe, in denen ich mich ganz wohl fühle. Diese Künstler sind ein eigner Schlag Menschen, und eigentlich nur genießbar, wenn sie ganz unter sich, und dadurch ganz unbefangen sind. So wie sie mit Andern, besonders bedeutenden Persönlichkeiten zusammentreten, werden sie entweder schweigsam oder ästhetisch, und Beides steht ihnen schlecht, denn bei den Meisten stehen glückliche Anlagen in gar keinem Verhältniß zu ihrer Ausbildung.

Daß Schnaases in Oberitalien waren, wissen Sie wohl durch Uechtritz. Sie sind Beide befriedigt, aber nicht sehr wohl zurückgekehrt, und augenblicklich etwas unruhig durch die Aussicht zu einer Versetzung nach Berlin, die ihm sehr erwünscht seyn würde. Für uns Hiesige wäre das ein großer Verlust, freilich aber das längst Erwartete. Auf der Reise hat er viel Studien zur Fortsetzung seines Buches gemacht, klagt aber, daß die Erschöpfung ihn jetzt an kein eigentliches Arbeiten denken lasse, auch wenn er amtlich weniger in Anspruch genommen wäre, als es leider der Fall ist.