Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band

Part 20

Chapter 203,599 wordsPublic domain

Wenn Sie mir einige Zeilen an Schlegel in Bonn senden wollten, was mir aus mehreren Gründen _sehr lieb_ wäre, so würde Ihr Brief mich bis zum _2ten April_ in Potsdam treffen, unter der Adr. der Postdirectorin Faber, Burgstraße No. 32.

Graf York trägt mir viele Grüße an Sie auf. Ich bitte Sie, mich Ihrer werthen Familie so wie der Gräfin Finkenstein angelegentlichst zu empfehlen. Leben Sie wohl und behalten Sie auch in größerer Ferne wie bisher lieb

Ihren Freund

_Loebell_.

V.

_Bonn_, den 23ten October 1834.

_Theuerster Freund!_

Vorgestern bin ich hier angekommen, und habe es wieder bewährt gefunden, daß das Reisen auf dem Schnellwagen Tag und Nacht mich nicht angreift, sondern eher einen wohlthätigen Einfluß auf mein körperliches Befinden ausübt. Möge doch auch Sie dieser Brief wieder ganz hergestellt und gestärkt antreffen! Ich konnte es mir lange nicht aus dem Sinne schlagen, wie ich Sie verlassen, welche Schmerzen Sie auszustehen hatten, und nur die Überzeugung, daß der Anfall, bei aller seiner Heftigkeit, doch nur ein vorübergehender gewesen, ließ allmälig die schönen und heitern Bilder der Tage unseres Zusammenseyns in meiner Seele wieder auftauchen, und meine Gedanken darin die reichste Nahrung finden, wenn das Geschwätz um mich her nicht gar zu störend war. Wie soll ich Ihnen denn für alles das, was Sie mir während dieses Aufenthalts in Ihrem Hause mit der edelsten Gastfreundschaft leiblich und geistig in so vollem Maße gewährten, meinen Dank genugsam ausdrücken! Freilich habe ich Ihnen für etwas noch Höheres und Größeres zu danken, für Ihre Liebe und Freundschaft, die im edelsten Sinne des Worts uneigennützig zu nennen ist, weil Sie so sehr viel, viel mehr geben als empfangen. Das Beste, was ich meinerseits in die Wage zu legen habe, um sie zu verdienen, ist meine Liebe für Ihre künstlerischen Erzeugnisse so wie für die Kunst überhaupt, eine Liebe, mit der ich mir bewußt bin, es recht ernst und wahrhaft zu meinen. Und weil in diesem Ernst und dieser Wahrhaftigkeit eine so große und reiche Fülle des Genußes liegt, ist es mir so räthselhaft, daß die allermeisten Menschen, die sich überhaupt darum bekümmern, es auf eine so vorübergehende, leichtsinnige und mattherzige Weise thun, daß sie nichts fühlen, weder von den Geburtswehen des Ringens nach Verständniß, noch von der reinen Freude des Gefundenhabens und dem Genuße, der aus diesem Durchdrungenseyn des Kunstwerks vom Verständniß entspringt. Zuweilen ist es mir, als ob mich von den meisten Menschen nichts so sehr trennte als dieses; nicht ihre Mißverständnisse, denn ich fühle, wie sehr auch ich diesen unterworfen bin, sondern ihr Mangel an diesem Ernste, da ihnen die Kunst wenig mehr ist, als eine ziemlich gleichgültige Zuthat zum Leben, gut genug, ein paar müßige Stunden etwas leidlicher hinzubringen, als in ihrer gewöhnlichen langen Weile. Und diejenigen, die in unseren Tagen über die Kunstphilosophie grübeln? Soll man denn nicht schließen dürfen, daß auch sie zu den Kunstgenüßen den heiligen Ernst, der die Weihe macht, gar nicht mitbringen, weil sie so Verkehrtes herausgrübeln?

Ich war gestern bei Schlegel, um ihm das von Fr. v. Buttlar Mitgegebene selbst zu überbringen. Er hatte Ihre Vogelscheuche gelesen, und war voll von Entzücken über die herrlichen Späße und Einfälle. Weniger wollten ihm die Elfenscenen behagen, ja auch im Camoens setzt er den Scherz über den Ernst. Da er über alle diese Dinge ausführlicher war, als je, so wollte ich es versuchen, mit ihm ein Mal in eine Erörterung einzugehen, aber was er sagte -- soll ich sagen, es lag mir auf einem fremden Boden, oder es kam mir gering vor? Fast wie ein Kritiker aus der Bibliothek der schönen Wissenschaften. Und doch findet er es so herrlich, daß Sie von dem wiederauferstandenen Nicolai reden. Hier ist aber auch ein Stückchen von dem seligen Manne. Der Theil von Schlegel, welcher einst mit Horaz, Boileau und anderen Helden der Correctheit seinen Spott getrieben, ist verraucht und verflogen, der übrig gebliebene hat es immer heimlich und halb unbewußt mit ihnen gehalten, und nun kommen diese Geister in seinem Alter über ihn und rächen sich für die ihnen früher angethane Schmach, indem sie sich seiner ganz bemeistern, und er, wiederum unbewußt, ihnen huldigen muß, obschon die Form eine etwas andere ist. Aber sind nicht die Principien ganz ähnlich denen jener Schule, wenn man um ein Urtheil über ein Kunstwerk zu rechtfertigen, nichts vorzubringen weiß, als einzelne Flecken, Unrichtigkeiten, Verstöße gegen Costüme u. s. w.? Wo die Streitpuncte so sehr in der äußern Schale liegen, verlohnt es sich nicht der Mühe, über diese lange zu rechten.

Ich habe hier so viele zu erledigende Acten in Prüfungs-Angelegenheiten vorgefunden, und werde den Tag über von Studenten, die darüber beschieden seyn wollen, so überlaufen, daß ich noch nicht absehe, wann ich zur ordentlichen Arbeit kommen werde. Meine Vorlesungen werde ich erst in der künftigen Woche anfangen, und ich sehe voraus, daß ich dieß Mal vor leeren Bänken reden werde. Es ist ein bittres Gefühl, seine Anstrengungen unbelohnt zu sehen. Es heißt freilich: „Such’ er den redlichen Gewinn!“ Wie aber wenn es keinen redlichen giebt? Wenn sich die Menge nur zu den trocknen Verkündern der Brodevangelien drängt, oder zu hohlredenden Charlatans?

Leben Sie wohl, theurer Freund, und erfüllen Sie Ihr Versprechen, mir eigenhändig zu schreiben. Erst dann will ich an Ihre völlige Wiederherstellung glauben und mich daran erfreuen. Der Gräfin meine besten Grüße und vielen Dank für alles treufreundlich Erwiesene. Sie verzeihn nur auch meine häufige Polemik gegen manchen Liebling unter den Meinungen und gegen einen Liebling unter den Menschen. Nochmals leben Sie wohl! Mit herzlicher Liebe

Ihr

Freund

_Loebell_.

VI.

_Bonn_, den 29ten December 1836.

Sie haben das Wort, welches Sie mir in Darmstadt gegeben, nicht gelös’t, theuerster Freund, den schleunigen Gruß, den ich Ihnen gleich nach meiner Rückkehr gesandt, mit keiner Sylbe erwiedert. Nun werden Sie doch hoffentlich durch mein Buch (von dem Sie durch den Verleger in meinem Namen zwei Exemplare, das zweite für Fr. v. Lüttichau, erhalten haben werden) zu einem Briefe gebracht, und zwar zu einem recht ausführlichen, denn ich brauche Ihnen doch wol nicht erst zu sagen, daß mir diese Töne in die Welt wie in eine Wüste geschickt erscheinen würden, wenn ich nicht erführe, wie sie bei Ihnen anschlagen. Vergessen Sie auch nicht, mir ein Wort über die Sprache zu sagen, denn das verstehen doch ja nur Sie allein, und ich möchte so gern wissen, ob ich mich täusche, wenn ich eine Sprache zu reden glaube, d. h. eine, die nicht wie Übersetzung aus einem fremden Idiom klingt. Denken Sie auch, ob Sie nicht vielleicht Lust haben, die Bitte, die ich Ihnen in Heidelberg in Betreff dieser Schrift vorgetragen, zu erfüllen.

Zürnen möchte ich Ihnen, daß Sie mir dort nicht ein Mal mitgetheilt haben, daß Sie in diesem Herbst zwei Arbeiten in die Welt geschickt, daher mir Ihre Gespenstergeschichte nur durch einen Zufall in die Hände gekommen ist. Sind Sie zufrieden, wenn sich Ihren Lesern die Haare empor sträuben, so kann ich Ihnen das von mir sagen. Es ist so gar nichts Willkürliches, nichts Gemachtes, es ist ein Stück jenes wunderbaren, räthselhaften Grauens selbst, welches aus der Tiefe der Natur in unsere Seele hineinspielt. Und dann wieder dieser milde, versöhnende Schluß, da sind Sie so ganz und gar. Fragen möchte ich nur, warum dieser äußerste Trumpf des Materiellen, daß das Gespenst dem Unglücklichen die Brustknochen mechanisch zerdrückt? Offenbar soll es völlig aus dem Gebiete des Innerlichen herausgespielt werden. Aber ich kann den Grund nicht finden, warum es hier nicht an dieser Gränze stehn bleibt, da doch die letzte Lösung des Fluches an der Natur und Art des Stoffes keinen Zweifel übrig läßt.

Die Wunderlichkeiten haben mich ungemein ergötzt, und wenn Sie ein Mann wären, von dem man eine ordentliche Antwort erwarten könnte, so würde ich Sie fragen, ob ich etwas Fremdes und allzu Künstliches in Sie hineininterpretire, wenn ich annehme, daß das ~punctum saliens~ in der ironischen Betrachtung steckt: diese vornehmen, fein gebildeten, hoch verständigen Leute laßen sich doch von einer schlauen Betrügerin nicht anders täuschen, als die Sammlerin durch ihre erträumte Kennerschaft, und der arglose Theologe durch den Abenteurer.

Ich freute mich außerordentlich zu hören, daß es mit Ihrer Gesundheit gut geht, und hoffentlich ist sie so geblieben. Meine gewöhnlichen Leiden sind in diesem Winter bis jetzt noch milder als sonst geblieben, dagegen hat mich ein heftiger mit Fieber verbundener Katarrh 3 Wochen fast zu aller Arbeit unfähig gemacht, was mir in meinem litterarischen Arbeitsdrange doppelt schlimm bekam. Auch fehlt es nicht an andrer häuslicher Trübsal. Ein junges Mädchen, von meiner Frau erzogen, als unsre Pflegetochter zu betrachten, leidet seit 4 Monaten an einem bedenklichen Husten; meine Frau lebt nur für ihre Pflege, und es ist dadurch in meinem Hause Alles auf den Kopf gestellt. -- Wie geht es denn Ihrer Frau? Fr. v. Lüttichau hat ihrer mit keiner Sylbe erwähnt.

Herzliche Grüße an alle Ihrigen und an die verehrte Gräfin! Der Himmel geleite Sie alle glücklich in das Neue Jahr. -- Von ganzem Herzen

Ihr

treuester

_Loebell_.

VII.

_Bonn_, den 18ten October 1837.

Zürnen Sie mir nicht, mein bester, theuerster Freund, wenn ich Ihnen erst heute Nachricht von mir gebe, und Ihnen nochmals meinen Dank für alle mir erwiesene Liebe, den ich mehr zu empfinden als mit Worten auszudrücken weiß, abstatte. Theils der Wunsch, Ihnen etwas Gewisses über den Bestimmungsort unserer Kranken, über den wir erst seit einigen Tagen ganz ins Klare gekommen sind, zu sagen, theils körperliche Plagen, mit denen ich schon einige Tage nach meiner Heimkehr wieder heimgesucht wurde, sind der Grund der mir selbst sehr unangenehmen Verzögerung.

Meine Rückreise hat mir im Ganzen einen großen, Mühe und Aufenthalt mehr als lohnenden, Genuß gewährt. Welch eine Stadt ist dieses Nürnberg, welch ein Genuß, nur durch die Straßen zu gehen, und die reizende, wunderbare Mannigfaltigkeit der zierlichen Häuser zu betrachten! Der Eindruck ist unauslöschlich für das Leben, der Erweiterung kunstgeschichtlicher Anschauungen ganz zu geschweigen. In letzterer Hinsicht war mir auch Bamberg sehr merkwürdig, die Thürme seiner Kathedrale lassen einen merkwürdigen Blick in die Bildung, vielleicht in die Denk- und Anschauungsweise der salischen Zeit thun. Ist nicht diese Architectur eine in sich geschlossnere, mehr bei einem bestimmten Ziele angelangte als die gothische in ihrer vollen Entwickelung? Und entspricht diesem nicht der ganze politische und sociale Zustand unter den ersten Saliern, wo das ganze Mittelalter einem freilich beschränktern Schlußpuncte, als die berauschenden Blüthen der beiden folgenden Jahrhunderte verhießen, nahe schien, während aus den gewaltsamen Kämpfen derselben gar keiner hervorging?

Würzburg habe ich nicht gesehen, sondern bin bloß in der Nacht durchgeeilt, und in Pommersfelden hatte ich, dem immer besondere Fehlschläge aufgespart sind, ein eignes Mißgeschick. Einen ganzen Tag hatte ich für diese Fahrt auf fast halsbrechenden Wegen bestimmt, und einen besondern Wagen dazu genommen. Da war der alte zufällig anwesende Graf einige Tage vorher schwer erkrankt, und jeder Zutritt zur Bildergallerie versagt.

Als ich am 1t. d. M., am elften Tage, nachdem ich Ihr gastliches Haus verlassen, wieder zu dem meinigen gelangte, fand ich einen Gast, eine in Wesel wohnende Jugendfreundin meiner Frau, bereit Louisen nach Hières zu begleiten. Indeß hatten sich aber gegen die ganze Reise wegen der sich im südlichen Frankreich ausbreitenden Cholera Zweifel erhoben, und da der Zustand der Leidenden sich zugleich etwas gebessert hatte, und bei weitem nicht mehr die Besorgnisse einflößte wie früher, wurde nach langem Berathen und Schwanken beschlossen, sie zwar in jedem Falle das hiesige für Brustleidende perfide Clima für diesen Winter mit einem zusagendern vertauschen zu lassen, dazu aber nicht die fernen Ufer der Provence sondern einen möglichst nahen Aufenthaltsort zu bestimmen. Dazu wurde nach dem Rathe mehrerer Erfahrner Wiesbaden als der passendste Ort ausersehen. Dahin wird sie morgen abgehen, und gebe der Himmel seinen Segen!

Ich darf nicht vergessen zu erwähnen, daß ich die Kataloge des von Fürth nach Nürnberg übergesiedelten Antiquar Herdegen auch in Rücksicht auf Ihre Bedürfnisse und Neigungen durchgesehen, aber nichts entdeckt habe, was Sie interessiren könnte. -- Die 7 ersten Bände der neuesten Ausgabe der sogenannt Beckerschen Weltgeschichte gehen morgen mit Buchhändlergelegenheit an Sie ab. Es wird mir lieb seyn, von Ihnen den richtigen Empfang zu erfahren.

Der Gräfin, Dorotheen und Agnes die besten und herzlichsten Grüße. Leben Sie wohl, und möge der Himmel Ihnen Gesundheit und Stimmung nicht versagen, alle die schönen besprochenen Pläne zu meiner und so vieler Andern Freude, Genuß und Erhebung auszuführen! Vergessen Sie Ihr Versprechen nicht, mich recht bald mit ausführlichen Nachrichten zu bedenken.

Ihr treuester Freund

_Loebell_.

VIII.

_Bonn_, den 10ten September 1838.

Wie sehr habe ich Sie um Verzeihung zu bitten, mein theuerster Freund, daß ich einen Brief von Ihnen im April geschrieben erst im September beantworte. Wirklich aber erinnere ich mich keiner Zeit in meinem Leben, in der ich wie im Verlaufe dieses Sommers so bedrängt war, daß mir auch zum Briefschreiben nicht ein Stündchen Muße blieb, daß ich einem Freunde wie Sie ein Lebenszeichen zu geben, den Anfang der Ferien erwarten mußte. Prinzenprivatissima über Gegenstände, die ich wenig bearbeitet hatte, und die daher viele Vorbereitung erforderten, und quälende, Fähigkeit und Stimmung raubende Körperleiden, hatten über alle meine Zeit so disponirt, daß mir auch zu litterarischen Arbeiten nichts übrig blieb. Es ist indeß diesmal noch eine dritte Störung hinzugekommen, deren Grund Sie gewiß nicht errathen würden -- ein Hausbau. Sie sehen aus diesem für mich in mehr als einer Hinsicht kühn zu nennenden Unternehmen wenigstens, daß es mir bei aller meiner wahrlich nicht selbst verschuldeter Verstimmung doch noch nicht an allem Lebensmuth gebricht. Was mich zu dem Ihnen ohne Zweifel seltsam erscheinenden Entschluß, dessen Bedenklichkeiten und Schattenseiten ich mir nicht verhehlt habe, hauptsächlich gebracht hat, ist das aus der großen geistigen Einsamkeit, in der ich hier lebe, entspringende Gefühl der Nothwendigkeit, es mir innerhalb der Gränzen, auf die ich angewiesen bin, so bequem und ansprechend zu machen, wie möglich. Bonn behält indeß auch für den Freundlosen etwas sehr Anziehendes, seine Natur, und es ist Jedem, der hier leben soll, dringend zu rathen, sich so viel als möglich in die Mitte derselben zu versetzen. Das sehen Leute sehr verschiedner Art seit Jahren auch so gut ein, daß wenn es so fortgeht, nach einiger Zeit die Stadt selbst fast ganz dem Gewerbe überlassen seyn wird. Vor dem Coblenzer Thore sind die Bauplätze außerordentlich hoch im Preise und fast gar nicht mehr zu haben, auch ist es dort schon zu geräuschvoll geworden. Ich habe mir daher ein Plätzchen an der Poppelsdorfer Allee ganz nah am Thore mit der Aussicht auf das Siebengebirge ausgesucht, dicht neben einem Hause, welches Walter vor einem Jahre gekauft hat und bewohnt, und bin mit meinem Bau so weit vorgeschritten, daß ich vor der Mitte des nächsten Monats unter Dach zu seyn hoffe.

Dieses, Erschöpfung der Kasse und die Nothwendigkeit, die Ferien nach einem unthätigen Sommer einigermaßen für die Production zu benutzen, haben mich gezwungen, alle Pläne zu Herbstreisen für diesmal aufzugeben. Auch Sie werde ich daher nicht sehen, obschon es mich keine geringe Überwindung gekostet hat, Ihrer freundlichen Einladung nicht zu folgen.

Die fehlenden 7 Bände Weltgeschichte werden Sie nächstens erhalten, ich warte nur noch auf den letzten, der noch nicht eingegangen ist. Meinen besten Dank für den Moncada (ich weiß nicht, wie mir Mendoza in die Feder gekommen ist) sowie für die 3 göthischen Bände. Den 3ten, der dazwischen fehlte, habe ich seitdem auf einer Auction als einzelnen Band erhalten, und somit nun diese Himburgschen Bände vollständig, die man so lange nicht wird entbehren können, bis endlich ein mal Göthen das Recht wird wiederfahren seyn, welches man so manchem gegen ihn ganz unbedeutenden Autor schon gewährt hat, Arbeiten, die in mehrfacher Gestalt schon vorhanden sind, zugleich auch in der frühern wieder abzudrucken. Wie merkwürdig sind doch diese früheren Gestalten, besonders Erwin und Elmire! Vergleicht man beide, wird man so recht inne, wie die Vornehmheit, das falsche Ideal, Göthe in seiner zweiten Periode zuweilen ganz von seinem wahren und natürlichen Boden verdrängt hat. Welche einfache Kraft, welche Naturstärke ist in der freilich gar zu leicht und fast roh skizzirten Scene zwischen Elmire und der Mutter! Das durfte nicht bleiben, es mußte das Ganze zu einer iphigenisirenden Idylle werden. Aber wer bekümmert sich in unsern Tagen um die Geschichte eines Dichters und um die Stufen seiner Entwickelung, selbst wenn sie als ein Spiegel der Nationalentwicklung überaus lehrreich sind! Diejenigen, die sich für die Feinen halten, construiren ihn philosophisch, und sind dann in ihrer Dummheit überglücklich, wenn sie statt der Juno die trübe Wolke ihrer eignen dunstigen und wässrigen Abstractionen umarmen. Ach unsre Litteratur, unsre Litteratur! Ich sehe mich vergebens nach einem ähnlichen Zustande um. Da ist mir, der ich sonst dergleichen weder sehe noch lese, zufällig ein Buch in die Hände gefallen -- -- -- -- Unser Freund Raumer pflegt zu sagen: solches Zeug vergeht schnell, das Gute bleibt. Aber das ist es ja nicht, daß unverständige und schlechte Bücher geschrieben werden. Allerdings ist das überall geschehen, wo die Litteratur einige Ausbreitung gewonnen hatte. Aber daß solche Urtheile, die eben so viele Gemeinheit der Gesinnung oder gradezu Niederträchtigkeit verrathen, als Plattheit und Unwissenheit, höchstens für etwas excentrisch, aber doch zugleich für geistreich, angenehm und witzig gelten; daß alle diese Buben selbst von Leuten, denen ihr religiöser und politischer Aberwitz sonst zuwider ist, als eine Art von Salz unserer Litteratur angesehen werden -- daß die Meisten sie ansehen, wie etwa die Altgesinnten die Schlegelsche Schule vor vierzig Jahren, ein bischen quer und wild, aber doch ausbündig genial -- das ist das Heillose, woran ich ohne Zorn nicht denken kann. Ihr Balzac -- ich habe die empfohlnen Romane nun gelesen, aber -- verzeihen Sie mir, und verzeihe mir besonders Agnes -- er ist auch Einer von denen, die ein hübsches Talent von Grund aus verderben, weil ihnen das Schöne und das über Natur und Wahrheit hinausgehende leider identisch sind. -- Wann erquicke ich mich dagegen -- um all das Zeug zu vergessen -- wieder einmal an einem neuen Werke von Ihnen? Sind die beiden Novellen, die Sie mir vor einem Jahre vorlasen, jetzt abgedruckt? ich habe die diesmaligen Taschenbücher noch nicht gelesen.

Leben Sie wohl, grüßen Sie die Gräfin und Ihre Töchter herzlichst, lassen Sie bald von sich hören, und behalten Sie lieb Ihren treuesten

_Loebell_.

IX.

_Bonn_, den 15t. Mai 1840.

Verzeihung, mein theuerster Freund, daß ich es seit gestern vor acht Tagen, wo ich zurückgekehrt bin, aufgeschoben habe, Ihnen zu schreiben. Theils aber fand ich so manches schnell abzumachende Geschäft vor, und theils hatte mein Unwohlseyn während mehrerer Tage einen solchen Grad erreicht, daß ich auch zum Briefschreiben untauglich war. Nun wird es allmählich wieder besser, ich befinde mich etwa wieder auf der Dresdner Linie, nachdem mein das Mediciniren sonst so scheuender Arzt sich zum Eingreifen entschlossen hat; bis ich mich aber wieder zur Höhe des vergangenen Jahres emporschwingen werde, wird wol noch einige Zeit vergehen. Den Muth lasse ich darum nicht sinken. Daß Sie überzeugt sind, meine Dankbarkeit sey nicht kälter, weil sie etwas später bezeigt wird, weiß ich. Dankbar habe ich Ihnen gewiß wiederum für Vieles, Leibliches wie Geistiges zu seyn. Alles körperliche Leiden kann das Gefühl, durch diese Reise, durch die Aufnahme und Liebe meiner Freunde, vor allen der Ihrigen, erfrischt und gestärkt zu seyn, nicht unterdrücken und schwächen. Warum können solche Silberblicke des Daseyns nicht länger dauern, warum sich nicht über das ganze Leben erstrecken? Wären sie es aber alsdann noch, wenn sie nicht durch andere Perioden des Schattens, der gemeinen Reizlosigkeit erst zu Silberblicken würden? Vor welchem Räthsel stehen wir doch wieder mit dieser ganz gemeinen Betrachtung! Wenn wir uns den edelsten und feinsten Genuß nur vermittelst des Wechsels mit seinem Gegentheil hervorrufen können, was ist alsdann jene künftige ungestörte Seligkeit, von der wir träumen, und warum sehnen wir uns nach ihr? Haben wir denn überhaupt nur ein Organ, sie zu empfinden?

Ich habe an der Abhandlung, von der ich Ihnen ein Stück mitgetheilt, wieder zu schreiben angefangen, und finde den Stoff, den ich noch zu bewältigen habe, so überreich, daß ich nur mit großer Mühe so zusammendränge, wie ich es muß, wenn ich die Gränzen einer kleinen Abhandlung nicht überschreiten will. Es will mich verlocken, sie in dieser Form liegen zu lassen, und in einer umfassendern wieder aufzunehmen; aber es könnte mir dabei noch übler gehen, als bei dem Gregor, da umfassendere Ansprüche neue, sehr ausgebreitete Studien erfordern würden. Auch werden Sie mir zugeben, daß bei dieser Arbeit weit mehr auf die Idee ankommt, als auf die Ausführung.

Vergeben Sie, daß ich am Morgen der Abreise in der Eil vergaß, die heraufgetragenen Bücher dem Aufwärter zum Wiederherunterbringen zu geben. Sie müssen sich alle auf dem Tische bei einander gefunden haben.

Den Brief von meiner Frau, der nach meiner Abreise eintraf, werden Sie wol schon zurückzusenden die Güte gehabt haben.

Leben Sie wohl, und vergessen Sie nicht der Gräfin und Ihren Töchtern die herzlichsten Grüße zu bestellen. Lassen Sie auch ja bald ein mal was von sich hören, etwas Besonderes nämlich für

Ihren treuesten Freund

_Loebell_.

X.

_Bonn_, den 1ten März 1841.

Welch ein Unglück hat Sie in Ihrem Alter noch treffen müssen, mein geliebter Freund! Hätte die Vorsehung nicht diesen bittern Kelch an Ihnen vorübergehen lassen können[6]! Aber was können wir armen, schwachen Geschöpfe anders, als uns stumm dem unterwerfen, was uns hienieden unbegreiflich bleibt? Was soll ich Ihnen sagen? Von der Trefflichkeit der selig Dahingeschiedenen reden? Das hieße in Ihren Wunden wühlen. Oder könnte ich Tröstung an Den richten wollen, der das Vergängliche grade in seiner Vergänglichkeit so wunderbar zu verklären gewußt hat? Diese Zeilen können also nichts wollen, als Ihnen ein ausdrückliches Zeugniß geben von meiner tiefen Erschütterung, an der Sie freilich auch ohne sie nicht gezweifelt haben würden. Das Bild Ihrer theuren von Kummer erfüllten Züge kommt mir nicht aus der Seele, ich betrachte es in meinem Innern mit der größesten Theilnahme und Wehmuth. Möge der Himmel Ihnen Stärkung senden und Sie Ihren Freunden noch lange erhalten!

Mit der treuesten und innigsten Freundschaft

Ihr

_Loebell_.

Empfehlen Sie mich doch recht herzlich der Gräfin.

XI.

_Bonn_, 28ten November 1846.

_Mein theurer, geliebter Freund!_