Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band
Part 18
Ja, mein theurer Freund, noch jetzt im 71ten Jahre bewahre ich lebhaft und treu die Erinnerungen aus jener schönen Zeit -- aber sie ist vorüber! Nicht für mich allein -- für Alle! Es ist nicht das Alter, was mich so sprechen läßt, Sie selbst werden es finden. Welch ein geistreiches Treiben war damals unter der jungen Welt; welch ein Kreis junger Männer reihte sich um Sie her; welche Blüthen entfalteten sich da, und welche Früchte reiften der litterarischen Welt entgegen! Es mag seyn, daß ich nicht mehr in diese Welt komme, aber ich höre auch nichts davon. Ihre Anwesenheit bey uns möchte vielleicht zeigen, was hier noch zu finden ist, denn um Sie wird sich gewiß Alles drängen, was fähig ist, Sie zu begreifen, zu verehren! Aber wo gerathe ich hin! Wollten Sie denn das von mir wissen?
Sie sprachen von einer vergangenen schönen, sehr schmerzhaft theuer bezahlten Zeit.
Sie wünschen Briefe von Gentz an mich, um sie der heutigen krittlichen Welt zu übergeben? fodern Sie das nicht von mir! Ihnen durfte ich Sie damals vertrauen, Sie würden sie noch heute fühlen -- aber wer sonst? Auch diese Zeit ist vorüber; die Liebe hat ein anderes Gewand umgehängt; die zarten Stoffe sind verweht, und ich glaube, ein junger Mann, der jetzt solche Briefe schrieb, würde sich nicht mehr männlich erhaben vorkommen. Die Briefe würden durch den Namen Intereße vielleicht erregen, aber kein ehrenvolles für ihn; ich habe den lebenden geschont, wenn er auch das ganze Leben mir zerstört, und sollte nun des Todten Asche stören? Zudem, wer würde es beachten, daß ein Mann der die geheimen Fäden der Staatsgeheimniße ent- und verwirren konnte, das Herz eines armen Mädchens durch seine hinreißende Beredtsamkeit entzückte, bethörte und -- brach? Nein mein Freund -- wie ich mit Todesschmerzen sagte: Vergebung dem Lebenden, so sagt heute die alte Frau mit gefalteten Händen: Friede dem Todten! Er soll nicht, wenn er mir auf einem andern Sterne einmal begegnete, sagen: -- „Auch du?“ --
Seyn Sie mir nicht böse daß ich Ihnen abschlage, was Sie wünschen; gewiß ich vermag es nicht. Auch nach meinem Tode soll Niemand finden, was mir so nahe war!
Ich will aufhören, sonst muß ich befürchten, Sie geben mir nie wieder die Erlaubniß mich mit Ihnen zu unterhalten. Wie viel hätte ich Ihnen zu sagen, über unser künstlerisches Treiben! Aber nur Ihnen; hier spreche ich nie darüber. Kommen Sie nur, Sie finden mich noch in voller Aktivität; zwar bey der Invalidenkompagnie; aber noch kann ich, wenn eine meiner Colleginnen plötzlich heiser wird, eine Rolle vom Tage vorher, auch noch denselben übernehmen, und das will doch etwas sagen, wenn man 66 Jahre _auf dem Comödienzettel steht_. Wie freue ich mich Ihnen eine Reliquie zu zeigen, einen Comödienzettel worauf _Ekhof_ und ich stehen.
Legen Sie das Blatt nicht weg, ich schreibe kein Wort mehr! Nur meinen nochmaligen innigen Dank für Ihren Brief, und die Bitte auch ferner noch meiner zu gedenken; gewiß Sie würden es, wenn Sie wüßten, wie sehr, wie über Alles Sie dadurch beglücken und ehren Ihre
alte treue Verehrerin und Freundin
_Fr. Krickeberg_ geb. Koch.
Küstner, Karl Theodor von.
Ein Mann der seiner Vaterstadt Leipzig ein gutes Theater gegeben, und zu dessen ehrenhafter Aufrechterhaltung jahrelange, bedeutende Opfer gebracht, hätte ein besseres Schicksal verdient, als dann den Rest seines Lebens sich mit Intendanz- und Generalintendanz-Mühen komplicirter Hofbühnen abzumartern, und bei allem Fleiß und redlichstem Wollen auf die Länge von Niemand Dank einzuerndten. Die theuer bezahlten, schwererworbenen Erfahrungen eines selbstständigen Privatunternehmers konnten unmöglich zu durchgreifender Anwendung gelangen, wo so mannichfach sich durchkreuzende Interessen Rücksichten über Rücksichten gebieten, und wo Jeder, vom Höchsten bis zum Niedrigsten, offne oder versteckte Gegnerschaft übt. Aber das alte Sprüchwort sagt: „der Mensch ist seines Schicksal’s Schmied,“ und hat nun der großmüthige, für Poesie und wahre Kunst unermüdlich wirksame Leipziger Theaterdirektor, sich auf Münchener und Berliner Ambosen, Rang, Titel und Orden zu schmieden den Drang gefühlt, so mußte er’s auch hinnehmen, daß er sich an der, von so vielseitigen Blasebälgen angeströmten Gluth mancherlei Brandwunden holte. Sie sind verheilt; und er darf, in hohen Jahren, sich an dem Bewußtsein laben, daß kein gerechter und vom Theaterwesen unterrichteter Mensch, an seinem unausgesetzten Bestreben für’s Beste der ihm untergebenen Bühnen zweifelt.
_München_, den 10ten Juni 1841.
Da ich höre, daß Sie, hochgeehrtester Herr, in unserer Nähe sind, kann ich nicht unterlassen diese Zeilen an Sie zu richten. Als ich im vorigen Herbste von Dresden zurückkehrte, gedachte ich gegen S. Majestät den König Ihrer und unserer Gespräches über Ihre Anherokunft nach München, wobei S. Maj. äußerten, daß Dieselben Sie mit Vergnügen hier sehen würden. Führt Sie vielleicht Ihr Weg von Baden nach München?
Ich muß jedoch dabei bemerken, daß wenn Sie S. Maj. treffen wollen, dieß vor dem 10ten Juli geschehen müßte, indem der König an diesem Tage von hier abreiset.
Ich benutze diese Gelegenheit, um Ihnen meine innigste Theilnahme an dem Schlimmen -- und Guten zu bezeigen, das Sie erfahren haben. Schwer war der Verlust einer lieben vortrefflichen Tochter und geistreichen Gehülfin; -- gerecht die Huldigung dreier deutscher Könige, die sie dem Lieblingskinde der Poesie darbrachten! Ehrend für die Geber, den Empfänger, die deutsche Nation!
Möchte Ihnen Baden Tröstung und Stärkung, so wie der spätere Aufenthalt in Potsdam Zerstreuung und Freude gewähren! Dieß wünscht von ganzem Herzen
einer Ihrer innigsten Verehrer
_K. Th. v. Küstner_,
~K. Bair. Hoftheater-Intendant~.
Laube, Heinrich.
Geb. am 18ten Sept. 1806 zu Sprottau.
Als er nachstehende Blätter -- (zwei Briefe, und das Bruchstück eines dritten) -- an Tieck sendete, lag eine ganze Reihe erzählender Werke: Das junge Europa -- Liebesbriefe -- Die Schauspielerin -- Das Glück -- Reisenovellen -- Moderne Charakteristiken -- Französische Lustschlösser -- Die Bandomire -- Der Prätendent -- Gräfin Chateaubriand &c. schon hinter ihm, und er war, den Monaldeschi beginnend, eben „mit vollen Segeln an die Bühne gegangen.“ Dadurch werden diese Briefe sehr interessant. Sie schildern in frischen Farben die mancherlei Nöthe, ja Kämpfe, welche der Theaterdichter, bevor er festen Fuß auf den Brettern gefaßt, zu überstehen hat. Deshalb auch fügen wir (unter Nr. IV.) ein Schreiben bei, welches nicht an Tieck, sondern an den Dresdener Hoftheater-Intendanten gerichtet, von Ersterem aber, als hierher gehörig, aufbewahrt worden ist.
Wie mag dem dramaturgischen Direktor des k. k. Hofburgtheaters, dem würdigen Nachfolger Schreyvogels, jetzt manchmal zu Muthe sein, wenn aus allen Gauen, wo deutsch gesprochen und geschrieben wird, ihm die Erstlinge dramatischer Muse, begleitet von hoffnungsathmenden, eindringlichen Gesuchen zugehen? Ob er da, und mit welchen Empfindungen, des Heinrich Laube gedenkt, der ähnliche Begleitschreiben _seinen_ Erstlingen mit auf den Weg gab? Sie blieben allerdings nicht lange Erstlinge. Monaldeschi -- Rokoko -- Die Bernsteinhexe -- Struensee -- Gottsched und Gellert -- Die Karlsschüler -- Prinz Friedrich -- reichten eines dem andern die Hand. Und wenn gleich Laube, seitdem er selbst Lenker des Burgtheaters ist, seine Gewalt meistens gebraucht, Anderer Versuche fördernd zu stützen, so zeigte er doch durch Essex -- Montrose -- u. s. w., daß er von Arbeiten überhäuft, eigene Produktionskraft als Dichter zu bewahren versteht. Das ist viel, doch läßt es sich mit seinem Amte als vereinbar erklären. Wie es ihm jedoch möglich wurde, an letzteres solch’ beispiellosen, bis in die kleinsten Details der Scenenproben reichenden Fleiß zu setzen, und _daneben_ einen umfassenden historischen Roman: „Der dreißigjährige Krieg“ zu schreiben... das ist _sein_ Geheimniß.
I.
_Leipzig_, Sylvesterabend.
Erlauben Sie, hochgeehrter Herr, daß ich Ihnen, glückwünschend zum neuen Jahre, meine Freude ausdrücke über das nachsichtige Urtheil, welches Sie meinem Rokoko haben angedeihen lassen. Möchten Sie ihm auch zum Geleit auf die Bühne Ihre hilfreiche Hand nicht versagen, und den von Ihnen weniger günstig angesehenen Monaldeschi an solcher Hilfe Theil nehmen lassen. Vielleicht gelänge es mir häufiger, mit dramatischer Arbeit Ihren Beifall zu gewinnen, wenn wir einen großen Mißstand mit unserm Publicum besiegt hätten. Und der ist nur langsam zu besiegen: unser Lese-Publikum und unser Schau-Publikum sind himmelweit von einander verschieden, und das letztere verlangt grobe Striche, um gereizt zu werden. In den Theaterleitungen ist nicht Fleiß und Energie genug, um einen Unterschied, der theilweise in der verschiedenen Form begründet ist und immer bestehen wird, durch scharfe und exacte Darstellung zu vermitteln und durch ein konsequentes System in der Wahl auszugleichen. So müssen wir, die wir auf den Brettern Platz greifen wollen, nach zweifacher Front hin fechten: nach unserm Lesepublicum mit feinern Interessen, und nach dem Schaupublicum mit stärkeren Mitteln. Hoffentlich giebt die Übung den Takt, der uns dann vor dem Schlendrian bewahren möge. Aufgeführt zu werden ist aber allerdings die unerläßliche Hilfe. Mann sieht erst dann, wo es fehlt. Nach bloßem Vorlesen hab’ ich Monaldeschi um ein Viertheil gestrichen, und auch in Rokoko kleine Breiten ausgemerzt, obwohl es bei diesem, welches sich enger und besser um seinen Mittelpunkt bewegt, viel schwieriger wird. Ich weiß nicht, zu welchem Resultate Sie bei Ihrer fast gleichen Vorliebe für Shakespeare und die antike Tragödie gekommen sein mögen im Betreff des Wunsches nach Einheit in Zeit und Raum. Ich habe in der Praxis unabweisbar gefunden, daß die Wirkung wie die eines Schusses in geometrischer Progression steigt, auf je geringeren Raum die Handlung zusammengedrängt wird, und ich halte es für einen unmittelbaren Nachtheil, daß gerade die derartige Ausschweifung in Shakespeare _nachgeahmt_ wird. Dies eben macht meines Erachtens so viele Talente unpraktisch, das ist in diesem Falle unwirksam. Die antike Einheit auf Kosten aller Wahrscheinlichkeit hilft uns da freilich auch nicht viel, aber so viel mir im Augenblicke gegenwärtig, sind die spanischen Mantel- und Degen-Stücke eine vortreffliche Schule. Ich weiß nicht, ob Sie diese Rücksicht überhaupt eine pedantische schelten werden, mir ist sie eine ebenso künstlerisch nothwendige ge -- -- -- -- (Schluß fehlt.)
II.
_Leipzig_, 9. Novbr. 1842.
Ihr Erkranken, hochgeehrter Herr, hat uns in große Bestürzung und Besorgniß versetzt. Möchten Sie diese Zeilen zunächst als einen Ausdruck herzlicher Theilnahme und herzlicher Wünsche für Ihr Wohl ansehn, und die literarische Behelligung, welche folgt, nur als untergeordnete Veranlassung betrachten.
Hoffentlich ist Ihnen letztere doch von einigem Interesse, auch wenn Sie meine damit zusammenhängende Bitte abweisen müßten.
Ich habe nämlich vor, aus der eleganten Zeitung, die ich von Neujahr wieder übernehme, ein Journal zu machen, welches sich entschieden von der herrschenden Phraseologie abwenden, und sich der Förderung einer von politischen Sympathieen unabhängigen schönwissenschaftlichen Production widmen soll. Die Tagesmaaßstäbe, die Einmischung aller möglichen vorübergehenden Ansprüche an literarische Schöpfung richten uns die schöpferische Literatur zu Grunde.
Dagegen will ich nicht nur kritisch ankämpfen -- denn mit Theorie dringt man im jetzigen Lärmen aller ersinnlichen Theorien nicht durch -- sondern ich will durch die That die Aufmerksamkeit der Nation wieder zu sammeln suchen. Das heißt: ich will nur von zweifellosen und sich zweifellos ankündigenden Talenten Erzählungen und Beiträge aufnehmen, und solcherweise einen abgeschlossenen Mittelpunkt bilden. Die Noth ist einleuchtend, und die freilich geringe Zahl unzweifelhafter Talente unterstützt mich.
Es würde uns übel anstehn, wenn wir Ihre Hilfe nicht in Anspruch nähmen. Möchten Sie Willens und im Stande sein, mir einen Beitrag zu gewähren. Je bedrohter Ihre körperliche Existenz zu sein scheint, desto wünschenswerther wird es uns, daß Sie zum Beispiele Ihr Leben ausführlich beschrieben. Einzelne Abschnitte daraus, Berliner Jugend, Jena, Reisen, wären uns, wenn auch nur skizzirt, ein Schatz, und was Sie davon in dem Journale veröffentlichen, thäte dem gesammelten Buche keinen Eintrag, wäre aber dem Zwecke des Journals, der Ihnen sicherlich genehm ist, eine unschätzbare Lebenskraft.
Seien Sie, ich bitte sehr, von der Freundlichkeit, dies wohlwollend in’s Auge zu fassen.
Durch Ihre Theilnahme an „Rokoko“ aufgemuntert, werde ich mir erlauben, Ihnen den nächster Tage zur Versendung fertigen Roman von mir „Gräfin Chateaubriant“ zu überreichen. Vielleicht lesen Sie ihn, und vielleicht gefällt Ihnen Einiges von diesem aus dem Torso eines Stücks (Drama’s) ausgearbeiteten Romans. Die fünf Bücher darin waren die fünf Akte; ich wollte, es wäre eine Art „griechischen Kaiser’s“ daraus geworden.
Rokoko hat in Stuttgart, Cassel, (dort am Meisten) Mannheim gutes Glück gemacht, und jedesmal bei der ersten Aufführung zu ungetheiltem Beifalle überwältigt. Hinterher zeigt sich unser Publicum immer in seiner Eigenschaft wunderlichen Tugendverlangnisses, und beschwert sich, daß lauter „Hallunke“ (Mannheimsch) drinn seien. Ich habe Lust, für die Berliner Aufführung dem Chevalier (der Liebhaber) als Repräsentanten besserer Jugend noch einige Äußerungen der Uneigennützigkeit anzuheften, weil dies dem Stück unbeschadet geschehen kann, und dem Geschwätze einen Vorwand nimmt. Gestrichen hatte ich zu Ihrer Unzufriedenheit und zu meiner Qual, weil unsere Schauspieler zu langsam sprechen; in Berlin kann ich vielleicht die Striche aufheben, aber leider zögert Herr v. Küstner auf unbegreifliche Weise mit der Inscenesetzung. Ihnen von Herzen Gesundheit wünschend empfehle ich mich Ihrem Wohlwollen als Ihr ergebenster
_Laube_.
III.
_Leipzig_, 21. Oct. 1843.
Ich übersende Ihnen anbei, verehrter Herr, ein Exemplar meines neusten Stückes, genannt „die Bernsteinhexe,“ mit der Bitte, dasselbe einer Lectüre zu würdigen. Vielleicht finden Sie darin irgend ein Interesse, welches Ihnen „Rokoko“ anmuthend gemacht hat, befriedigt. Daß es ein Bühnenstück werden sollte, hat mich allerdings in Deutlichkeit, Kraft und Nachdruck für den dämonischen Lebensstoff des Stückes vielfach behindert: ich habe die wilden Rosse schärfer im Zügel halten müssen, als ich, bloß für’s Lesepublikum schreibend, gethan hätte. Daß Intendanzen wie die Dresdner vor solchem Stoffe des Todes erschrecken, wird Ihnen nicht zweifelhaft sein, nur für Berlin, wo dies Erschrecken nicht vorauszusetzen, fehlt es leider gar sehr an Schauspielern. Möchten Sie doch in diesem Betracht es nicht an Aufmunterung für neue Acquisitionen fehlen lassen: unter den jetzigen Umständen muß ich zum Beispiele die Aufführung Rokokos immer noch zurückhalten, weil es absolut an einem Schauspieler für den Marquis fehlt. Auch in dieser Bernsteinhexe würde der „Wittich“ an einen leider ganz manierirten und unerquicklich gewordenen Schauspieler, Herrn Rott, kommen müssen. Es ist dieser Mangel an Schauspielern eine wahre Verzweiflung für uns; denn was ließe sich sonst an einem so wichtigen Heerde wie Berlin kochen und braten! Aufgeführt muß aber doch werden! Das Leben ist kurz und wir müssen lernen, und lernen nur dadurch, daß wir uns aufgeführt sehn.
Ich wünsche herzlich, daß Ihr körperliches Befinden erträglich sein möge. Seit Sie mir gesagt -- ein schreckliches Wort! -- daß Sie _nie_ ohne Schmerzen, ist ja dies leider der höchste Wunsch.
Von der Stoffquelle „Marie Schweidler &c.“ sprech ich Ihnen nicht, da sie Ihnen ja sicherlich genau bekannt ist.
Mich Ihrem Wohlwollen empfehlend
Ihr
ergebener Diener
~Dr.~ _H. Laube_.
IV.
_Schloß Muskau_, d. 9. Septbr. 1841.
_Eurer Excellenz_
wohlwollendes Schreiben an mich aus Pillnitz habe ich hier erhalten, und danke ergebenst für den Antheil, welchen Sie dem Monaldeschi geschenkt haben. Es war mir von allergrößtem Interesse, daß dies Stück gerade Ihnen, Excellenz, Theilnahme abgewinne, weil mir die Aufführung desselben auf keiner Bühne so wünschenswerth scheint, als auf der Ihrigen. In Deutschland nämlich ist jetzt keine, welche so gute Mittel dafür besäße, sei’s im Personale wie im Dekorativen. Emil Devrient ist für die Titelrolle einzig. In Berlin und München hält es zum Beispiele sehr schwer mit der Besetzung, nur Stuttgart, welches die Herbstsaison nächsten Monat mit meinem Stück zu beginnen gedenkt, bringt eine der Dresdner sich annähernde gute Übersetzung der Rollen in Menschen zu Stande. Nun haben mir Excellenz zwar in Ihrem Schreiben nicht eben gar viel Hoffnung gemacht für Annahme des Stücks von Ihrer Seite, weil Ihnen einige Situationen bedenklich scheinen, Sie haben mir indessen die Aussicht nicht benommen. Erlauben Sie nun, daß ich dringend um einen geneigten Spruch bitte. Fürst Pückler, ein lebhafter Gönner des Monaldeschi, ersucht Excellenz unbekannterweise, seine eben dahin gerichtete Bitte mit der meinen vereinigt anzunehmen. Das Kecke in den Situationen ist doch anderwärts für kein Hinderniß der Aufführung erachtet worden, an einigen Orten wohl auch für eine Empfehlung des Stücks, das Auffallende in den Ausdrücken ist zu streichen, und ich gebe das Stück ganz und gar der Konvenienz preis, welche jede Bühne je nach ihren Rücksichten zu nehmen hat, gut Wirksames streicht doch keine kundige Direktion. Ew. Excellenz aber werden mir zugestehn, daß es fast unmöglich ist, unsre brach liegende dramatische Poesie zu fördern, wenn man an neue Stücke mit so speciellen Forderungen ginge, daß sie um einiger kecken Situationen willen zurückgewiesen würden. Unser Vorrath an neuen Originalstücken müßte wohl reichlicher sein für so strenge Auswahl, als er in der That ist, und die Herren, welche der produktiven Poesie gegenüber eine so wichtige Position einnehmen, wie die Intendanten der besten Bühnen des Vaterlands wären dann allerdings dem Vaterlande verantwortlich für die Aufmunterung oder frühzeitige Verurtheilung dramatischer Schriftsteller. Eurer Excellenz Brief sagt dem Monaldeschi zum Beispiele so viel Gutes nach, daß man als Literarhistoriker den logischen Grund schwer herausfände, um deswillen das Stück doch nicht gegeben würde, und ich fürchte, wenn Excellenz nicht ein Übriges thun, so wird es eben doch nicht gegeben, weil man sich gewöhnt hat, Theaterstücke wie diplomatische Handlungen anzusehn, und neuen Stücken nicht nachzusehn, was man alten Stücken unbedenklich nachsieht. Ermessen Sie Excellenz, wie niederschlagend es auf den Autor wirkt, aus Gründen eine lange Arbeit abgewiesen zu sehn, aus Gründen, die dem Autor fast immer unverständlich bleiben. Ich zum Beispiele bin, den Monaldeschi schreibend, mit vollen Segeln an die Bühne gegangen, und ich raffe ein Segel nach dem anderen ein, und ich ziehe mich zuverlässig von einem Meere zurück, das mit so viel Klippen der Rücksicht droht, Rücksichten, die man beim Schreiben für den Druck nicht zu nehmen braucht, Rücksichten, die man nicht nehmen _lernt_, weil man eben gleich von vornherein abgewiesen wird, und nicht zur Übung kommt. Und ich kann Ew. Excellenz nicht ausdrücken, wie schwer Einem das wird, eine Richtung aufgeben zu müssen, für die man sich Talent zutraut, und für die Einem nun die Phantasie Pläne auf Pläne zudrängt, desto reichlicher, je bestimmter man weiß: Du schreibst sie doch nicht.
Finden also Excellenz, daß ich nicht Verurtheilung, sondern Ermuthigung verdient, so seien Sie mir ein milder Richter: bei späteren Stücken ist ein Réfus nicht so entscheidend für eine ganze Laufbahn, wie beim ersten. Erlauben Sie mir, daß ich bei meiner Rückreise nach Leipzig in Dresden bei Eurer Excellenz anfrage, ob ich persönlich aufwarten und mündlich ausdrücken darf, mit welcher Ergebenheit und Achtung ich bin und verharre
Eurer Excellenz
bereitwilliger Diener
~Dr.~ _Heinrich Laube_.
Lebrün, Karl.
Geb. 1792 in Halberstadt, gestorben 1842 in Hamburg, wo er, nachdem sein Talent und seine Redlichkeit ihm die allgemeine Hochachtung erworben, zehn Jahre lang Mitdirektor des Stadttheaters gewesen und erst einige Jahre vor seinem Tode zurückgetreten ist. In seinem Fache unbedenklich einer der besten deutschen Schauspieler; dabei unterrichtet, fein gebildet, für alles Gute begeistert, an Gemüth wie an Verstande reich, wohlwollend und wohlthätig, das Muster eines Familien-Vaters in fast allen Beziehungen, unterlag er doch _einer_ Schwäche, und wurde dadurch sehr unglücklich. Er, der ordentlichste, bürgerlichste, solideste Mensch, den es je beim Theater gegeben, hatte sich, wie er auf dem Höhepunkt künstlerischen Rufes stand, daneben den Ruf der Trunksucht zugezogen, und es läßt sich nicht leugnen, daß mancherlei Ereignisse dieses traurige Gerücht bestätigten. War es doch schon so weit gediehen, daß er auf offener Scene taumelnd die Darstellung gestört und lauten Unwillen erregt hatte. Der Direktor des Hamburger Stadttheaters, der Kollege eines Schmidt, der Nachfolger Herzfeldt’s -- _Schroeders!!_ -- Man begehrte für öffentlichen Skandal auch öffentliche Sühne: er sollte von den Brettern Abbitte thun. -- Armer Lebrün! Wie muß dein Stolz sich innerlich empört haben gegen diese Demüthigung! -- Er unterwarf sich mit männlicher Entsagung. Aber wie er vor dem übervollen Hause erschien, da ließen sie ihn nicht zu Worte kommen; sie ersparten ihm die Buße, und unterbrachen schon bei den ersten Silben den Liebling mit lauten Zeichen des alten Wohlwollens. Die braven Hamburger, die immer das _Herz_ auf dem rechten Flecke haben, sie wußten ja, wie unschuldig Lebrün doch eigentlich an dem sei, was er verschuldet hatte! -- Es stand ganz eigen um diesen Mann. Klar, verständig, mäßig, Herr des Wortes wie des Gedankens, anmuthig beredt, belehrend, empfänglich, inneren Werthes bewußt und dennoch bescheiden, -- so zeigte er sich einem Jeden, der ihn besuchte, der ihm auf Geschäftswegen begegnete. Eine halbe Stunde nachher traf man ihn zufällig wieder.. und erkannte ihn kaum, denn er mengte mit schwerer Zunge leeres, breites Geschwätz durcheinander. Und was hatte er unterdessen begonnen? Was hatte ihn verwandelt?.... Er hatte sich verlocken lassen, weil es neblicht und kalt war, den sogenannten „Apothekerschnaps“ zu nehmen. Ein kleines Gläschen... und er war nicht mehr er selbst. Dann kehrte er noch zwei- -- dreimal ein... immer nur naschend, und für solchen Tag blieb er sich und den Freunden so gut wie verloren.
Als er, krank und schwer leidend seinem Berufe entsagend, an’s Zimmer gefesselt, als die stets bewegliche Regsamkeit gelähmt war, da hat er kein Bedürfniß mehr gefühlt, sich durch Getränke zu stimuliren. In sanfter Würde, heiter bei Schmerzen, hat er die letzten Lebensjahre nur geistiger Thätigkeit gewidmet.
Als dramatischer und als dramaturgischer Schriftsteller hat er sich mannichfache Verdienste erworben. Seine Übertragungen und Umarbeitungen zeugen von geläutertem Geschmack, von Kenntniß der Sache, von sinnigem Fleiße. Seine Original-Stücke von ungeziertem, kecken Humor. „Der freiwillige Landsturm“ kann für aristophanisch gelten, und hat ihm, wahrscheinlich eben deshalb, einige Gegnerschaft zugezogen.
Tieck wußte ihn sehr zu würdigen.
I.
Hbrg., am 1. Ostertage 35.
_Hochgeehrter Herr Hofrath_.