Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band

Part 16

Chapter 163,410 wordsPublic domain

Ein gänzlich Unbekannter entblödet sich, Eure Wohlgeboren mit Brief und Pack zu behelligen. -- Ich würde nur die Wahrheit sagen, wenn ich mich damit entschuldigte, daß es mich längst gedrängt habe, Ihnen meine herzlichste Verehrung an den Tag zu legen.

Schwerlich würde ich aber sobald aus manchen, Eurer Wohlgeboren wegen, _gerechten_ Rücksichten und Bedenklichkeiten gekommen seyn, hätte sich der Eigennutz nicht zum Vorspann gefunden. -- Dieser Vorspann liegt, blau eingebunden, vor Ihren Augen. -- Beide Hefte waren für die Direction des Dresdener Hoftheaters bestimmt, und ich überredete mich gern, daß ich solche auch an Sie, als Mitglied jener Direction senden könnte, um so auf _einem_ Wege zwei Ziele zu erreichen, da mir ja doch an Ihrer Meinung von meinen Stücken noch mehr, als an deren Aufführung gelegen war.

Das gedruckte Heft ist eine Abkürzung jenes Schauspiels, dessen im Mitternachtblatte (No. 136 v. J. 1826) von Herrn Müllner rühmlich genug gedacht ist. In dieser Umarbeitung ist das Stück von der frankfurter Bühne zur Aufführung angenommen worden.

Das Mspt. wäre als _Lustspiel_ einer Bühne vielleicht willkommener, wenn es überhaupt zur Aufführung geeignet sollte gefunden werden. Ich biete es der Dresdener Bühne vor allen andern an. Es ist die Fortsetzung jenes gedruckten Schauspiels, auf welche dann, zum Schluß einer Art Trilogie, ein Trauerspiel: „Kaiser Ottos (3) Bußfahrt“ -- wiewol in anderm Sinn, als das Raupach’sche Stück, folgen soll.

Übrigens ist an das Lustspiel die letzte Hand noch nicht gelegt worden, und es erscheint in vorliegender Abschrift aus Rücksicht auf eine Bühnendarstellung gekürzt. Daher manche zerriß’ne Verszeile und selbst auch die Rolle des Herzogs Udo, der den Abt von Fulda vertritt, welchem in ein Theater keine Eintritts-Karte würde zu verschaffen gewesen seyn.

Sollten Sie nun, verehrtester Herr Hofrath, beide Stücke selber durchsehen können, so wäre mir ein großer Wunsch erfüllt. Sollten Sie es nicht können -- und um Alles möchte ich Ihre kostbare und fruchtbare Zeit nicht verkürzen! -- so wird es Sie doch nicht beschweren, die Stücke an die Behörde abzugeben, wo solche ihr Glück versuchen mögen.

Noch einmal bitte ich um Vergebung meiner Zudringlichkeit. Ein berühmter Name wird ja so gern für eine offene Zuflucht von denen angesehen, die sich eines höhern Beistandes bedürftig fühlen.

Mit besonderer Verehrung verharret

Ew. Wohlgeboren

ergebenster Diener

_Koenig_,

Finanzkammer-Sekretär.

Körber, Gottfried, Wilhelm.

Geboren am 5ten Febr. 1775 zu Breslau, gestorben am 16ten November 1827 zu Hirschberg in Schlesien, wohin er 1800 als Prorector des damaligen Lyceum’s berufen, daselbst 1808 Rektor dieser Anstalt ward und die ehrenvolle Freude genoß, im Jahre 1816 dieselbe zum Gymnasium und sich zu dessen Königl. Direktor erhoben zu sehen. Der besonders gute Ruf jener gelehrten Anstalt darf zuvörderst seiner segensreichen Wirksamkeit zugeschrieben werden.

Er war verheirathet mit Christine Hermes, einer Tochter des Verfassers von „Sophiens Reisen von Memel nach Sachsen,“ aus welcher Ehe gegenwärtig zwei Töchter und ein Sohn noch seinen Namen führen.

Körber war ein gründlich-gelehrter Linguist, Historiker und Philosoph. Was er sprach und schrieb trug ein geistreiches Gepräge. Gleichwohl hat er, pflichtgetreu an die Berufsgeschäfte gefesselt, für größere literarische Leistungen keine Zeit gewonnen, sondern nur in Schulprogrammen, Reden und in originellen Gelegenheitsdichtungen die Fülle und Eigenthümlichkeit seines geistigen Wesens bekundet. Im geselligen Verkehr sprudelte er von witzigen, schlagenden Einfällen, deren viele durch treffende Wahrheit geradezu populair geworden sind. Und Gneisenau, der mit ihm in vertraulichem Verhältnisse lebte, und ihn oft in Erdmannsdorf zu sehen liebte, pflegte ihn „den zweiten Lichtenberg“ zu nennen.

Ausführlicheres über ihn bietet die Schrift von _Balsam_: ~De vita G. G. Koerberi~ (1829.)

_Hirschberg_, 20ten Nov. 1812.

_Hochgeehrter Herr_.

In einer Sache, wie die folgende, werden Sie mir wohl die „Wohlgeborenheit“ &c. erlassen, mit der sich männiglich, ohnehin zum Überdruß beschleppen muß.

Die Sache ist weiter nichts als -- ein inniger Dank für Ihren Phantasus. So ein Dank von mir hat freilich Ihnen so wenig zu bedeuten als mein Urtheil, objectiv gesprochen. Aber wenn nun der Mund überfließt, wes das Herz voll ist?

Ich riß mich 1½ Tage vom Amte los, um am dritten Orte Fessern (den Sie ja kennen gelernt haben, Kgl. Gerichts-Kanzler in Grüssau) Ihren Phantasus vorzulesen. (Hätten wir ihn von Ihrem Munde hören können!) Sie haben uns Einen der schönsten Tage gegeben, dergleichen sich nur irgend einem überladenen Geschäftsmenschen (juristischen oder scholastischen, gleichviel) entwinden lassen. Wie lebhaft dachten wir an Ihre Gegenwart in Warmbrunn und Grüssau zurück! Und wie genußreich wirkte der Geist des Symposions auf Manfreds Schlosse auf unser einsames! Dürfen Lehrlinge den Meister zu guter Stunde irgend einmal fragen: Meister, wie meinst du dies oder jenes? oder: warum thust du das? so dürfen wir vielleicht uns auch Belehrung ausbitten,

ob nicht das Malen der Wasserfälle damit noch zu vertheidigen sey, daß die ewig rege Phantasie das ewig successive Leben der Natur im Tanzen, Sprudeln, Murmeln, Rauschen &c. von selbst supplire;

wie denn wohl die Erzählung des Tannhäusers mit der Geschichte zu reimen sey, die _Sie_ erzählen -- war das nur ein Phantasma und Wahnsinn, daß er den Freund gemordet und daß Emma im Kloster gestorben, welcher Glaube bleibt uns für die ~eodem tenore~ erzählte Wirklichkeit der Ereignisse im Venusberge? --

ob es nicht zu herzangreifend sey, daß Emil’s Seufzer zur Madonna und Gott, das Vertrauen, die ewige Liebe werde ihn schützen, so wenig erhört wird, daß er vielmehr wirklich in den Zauber verstrickt wird und untergeht;

ob es nicht noch herzergreifender sey, daß der unschuldige Friedrich von Wolfsburg (soll ihm seine _Freundschaft_ mit dem Tannhäuser zum Vorwurf gereichen?) um des brennenden Kusses willen auch hinunter muß -- so etwas kommt freylich in Volkssagen vor, aber spielt hier nicht das dunkle Verhängniß mit einer zu grausamen Willkühr, die über alles Tragische hinausliegt? --

wie doch wohl Emil’s Geliebte, die in allem Übrigen untadelig erscheint, zu der gräßlichen Verbindung mit der Alten im rothen Leibchen kommt, da man doch von ihr vermuthet, sie werde gut und fromm seyn -- daß sie ihrer Liebe sogar das Leben des Kindes und ihr Seelenheil zum Opfer bringen werde, erscheint nicht ganz motiviert und ist fast gar nicht angedeutet. _Sollte_ sie in diesem mystischen Dunkel bleiben? und liegt dieses Dunkel nicht viel mehr in der Composition, als in der Sache? (Daß sie _nach_ dem Morde von Reue, Bekenntniß, Rettung &c. fern bleibt, ist sehr natürlich.)

ob wohl die Deduction, wirkliche Vorfälle von der Art, wie z. E. Urbain Grandier’s Martern im Pitaval, seyen eben so grauenhaft als der Runenberg und der Liebeszauber, völlig treffe. Sollte wohl das Bewußtseyn des _Nicht_wirklichen (welches Bewußtseyn ja ganz cryptisch wird) mildern und trösten können? Das Individuelle ist es ja nicht, was uns erschüttert, sondern die in einem fingierten Paradigma dargestellte Wahrheit der wirklichen Menschennatur. Auch ist der Schauder bei Grandier’s Geschichte, der mich freylich ein wenig beschlich, als ich sie im Pitaval las, doch anderer und, daß ich so sage, traulicherer Art; er ist zusammengesetzt aus physischem Grauen und sittlichem Unwillen, zweyen Mißgefühlen, deren Gegenstände uns täglich vorstoßen. Aber in dem Crescendo-Mährchen des Phantasus greift die übersinnliche Welt gespenstisch in das Leben hinein und da halte Einer dagegen aus, wem Gott eine Phantasie gab. Nicht als wollte ich das Recht dieses Genre, zu existiren, nicht anerkennen. Auch ein schauderhaft Schönes ist schön und schauderhaft ist noch nicht häßlich. Aber die Gründe, mit welchen die holden Recensentinnen geschlagen werden, dünken mir zum Theil Vexirwaffen zu seyn (wenn gleich die Hiebe auf Kotzebue, Iffland &c. treffend sind, denen Gott von ihrem dramatischen Unwesen eine fröhliche Urstäte verleihe!) Eine wahrhaft gebildete Frau sagte mir, sie habe Ihre Grauengebilde immer noch lieber als Jean Paul’s. Das finde ich auch; Sie martern uns doch nicht, sondern bestreichen die ~lanx satura~ nur mit einer guten Dosis ~Asa foetida~, die freylich den Mund mit verzieht, aber doch nachher wohl bekommt (~si ventri bene est pedibusque~ u. s. w., denn nervenschwachen Leuten möchte ich den Runenberg und Liebeszauber nicht rathen). Die weichliche, zerfließende Qual im Jean Paul ist -- des Teufels ~implicite~ mehr als irgend etwas und man möchte immer hinterher eine Dosis ~de la Motte Fouqué~ oder noch lieber classisches Alterthum zur Cur nachtrinken, so gern ich auch sonst in den Toast auf Jean Paul in dem Manfredschen Schlosse einstimme und so unsterblich er ist. -- Daß Christian _wieder kommt_, das ist besonders entsetzlich; sowie im Liebeszauber, daß wir mitten im socialen, modernen Leben von dem Ungeheuren so überfallen werden, wobei vorzüglich das grüne, schielende Auge des Drachenfelses trefflich secundirt: äußere Angst zur inneren (sittlichen) gesellt. Emil fällt bewußtlos nieder, und ich, der ich jenes Mährchen zwischen Geschäften zu Hause still für mich ganz munter gelesen, der ich noch dazu dem Freunde, der an Christian schon mit Grauen gesättigt war, den Liebeszauber absichtlich recht schlecht voraus erzählt hatte, und das schauderhafte Interesse der _Neuheit_ wenigstens abzuschwächen, las dennoch dieses Mährchen, in banger Erwartung schon, zitternd schlecht vor, und bei der ersten und zweiten Catastrophe, besonders bei der ersten, schlich mein Blut zum Herzen zurück, ich wurde blaß, die Hände erkalteten mir und ich war im Daseyn angegriffen. Es war Abend, Leser und Hörer frey von aller Störung und ganz dem Mährchen hingegeben. -- Im Grunde aber möchte ich doch den wiederkehrenden Christian den Gipfel des Grauens nennen; wenigstens ich als Mann (ein Weib setzt vielleicht den Liebeszauber eine Stufe höher, wie es auch Ihre Manfredischen Damen thun). Ob ein Rest von Krankheit Sie in diese schauderhafte Gebilde hinein vibrirt hat? oder ob Sie nicht vielleicht auf dieses Anklopfen an den Gränzen des Menschengeistes etwas krank geworden? so habe ich fragen hören.

Doch genug des Lehrlingsgeschwätzes. Wie könnten Sie überhaupt es zu beantworten sich abmüßigen!? Ich darf es wenigstens nicht _erwarten_. Denn wenn Sie jeden unreifen Zweifel schriftlich heben wollten, wo nähmen Sie die Zeit her! Aber beweisen wollte ich Ihnen wenigstens, wie aufmerksam ich das Buch gelesen und wie sehr ich (wie Fesser) Sie verehre und wie glücklich uns Ihre Nähe machen würde. Dürfen wir Sie nicht im Sommer 1813 hoffen?

Phantasus II. soll bald erscheinen, höre ich. Möge es wahr seyn! Und wie sehne ich mich nach Ihrem „Frauendienst, 1813,“ den ich noch nicht habe erhalten können.

Mit der reinsten Hochachtung

der Ihrige.

_Körber_.

Körner, Christ. Gottfr.

Geb. zu Leipzig 1756, gest. zu Berlin am 13ten Mai 1831. -- Der würdige Mann steht uns nahe; denn seine hohen Eigenschaften sind uns vollkommen bekannt worden durch den „Briefwechsel mit Schiller,“ 4 Bde. (1847).

Mögen diese drei Blätter, an Tieck gerichtet, sich auch in den Kranz verschlingen, der ein Haupt ziert, welches uns an und für sich schon theuer seyn müßte, wäre der von der größten deutschen Dichter inniger Freundschaft und Achtung Ausgezeichnete nicht zugleich _Theodor Körners_ Vater.

Befremdend scheint es, daß in dem zweiten Schreiben (von 1814) Theodor’s mit keiner Sylbe gedacht ist.

I.

_Dresden_, am 9. Oct. 1807.

Über das Aussenbleiben des Manuscripts habe ich von Zeit zu Zeit den Bibliothekar Daßdorf beruhigt, weil ich die Ursache vermuthen konnte, warum Sie es nicht abschickten. Ihr Herr Schwager kam erst vor Kurzem und Daßdorf hat keinen Groll auf Sie. Die Abschrift des Rosengartens hat er aber entweder vergessen, oder er hat hier niemand, den er zum Abschreiben eines solchen Manuscripts gebrauchen könnte. Aber er bot sich an, Ihnen das Original zu schicken, wenn Sie in einer Zeit von etwa Vier Wochen es zurückschicken könnten. Sie möchten ihn daher nur wissen lassen, wenn Sie gerade sich mit diesem Werke beschäftigen wollten. Ich erwarte hierüber Ihre Erklärung.

Das Manuscript wollte ich gern bald an die Behörde abliefern und hatte nur Zeit, die Bilder anzusehn. Als eine piquante Situation gefiel mir besonders, wie ein Riese den Kopf eines Mädchens im Rachen hat, während er mit einem Ritter -- vermuthlich ihrem Liebhaber ficht. Wird er besiegt, so braucht er nur zuzubeißen.

Ihr Herr Schwager sagte mir, daß er nicht über Ziebingen zurückgehen würde; ich konnte ihm also das verlangte Buch nicht mitgeben. Es fragt sich, ob ich es Ihnen auf der Post zuschicken soll. Eigentlich hätte ich keine Lust dazu, damit Sie einen Antrieb mehr hätten, bald hieher zu kommen, wozu Sie uns Hoffnung machten.

Von Oehlenschlägern weiß ich unmittelbar gar nichts. Aber daß er in Paris wenigstens gewesen ist, lese ich in öffentlichen Blättern. Ob er noch dort, oder vielleicht jetzt in Italien ist, habe ich nicht erfahren können. In Italien wird er schwerlich lange bleiben. Er hatte eine Art von Abneigung dafür und schien eine Furcht zu haben, daß ihm das Clima nicht bekommen würde. Seinen Aladdin erwarte ich sehnlichst und begreife nicht, warum er nicht erscheint.

Ich habe jetzt den Calderon zu lesen angefangen. Die ~Autos Sacramentales~ waren unter meiner Erwartung. Ich fand schöne Verse, eine gewisse Pracht in der Ausführung, viel Beachtbares für Musik, aber wenig Phantasie. Nach ein Paar Proben gieng ich zu den Comedias über, die mich mehr anziehen. Vorjetzt hat mich besonders ein Stück interessirt: Das Leben ist ein Traum. Ein kraftvoller junger Mann, durch üble Behandlung verwildert, wird durch die grellsten Contraste zwischen Thron und Gefängniß dahin gebracht, daß er nicht mehr weiß, ob er wacht oder träumt. Dieß wird bey ihm ein daurender Zustand, er handelt in diesem Glauben und wird dadurch gemildert. Vielleicht hätte diese Idee in der Ausführung noch mehr benutzt werden können. Überhaupt finde ich in den Comedias oft eine gewisse Flüchtigkeit der Behandlung, aber die Kühnheit der Ideen hat einen großen Reitz. Shakespear scheint mehr mit Liebe gedichtet zu haben, und bey Calderon mehr die Kraft zu prävaliren. Er trotzt allen Forderungen von Wahrscheinlichkeit und schaltet unumschränkt in seiner Welt.

Der neue Meß-Catalog ist einer der magersten selbst für die Michaelismesse. Die Buchhändler scheinen sich fast bloß auf Anecdotenkram und politische Kannegießereyen einlaßen zu wollen.

Bey Herrn von Burgsdorf und seinen unvergeßlichen Nachbarinnen erhalten Sie unser Andenken. Die Meinigen empfehlen sich Ihnen bestens.

_Körner_.

II.

_Dresden_, am 23. Jan. 1814.

Die übersendeten Bücher und Musikalien, theuerster Freund, habe ich richtig erhalten. Der Farqhuar ist mir sehr lieb, da ich längst mit ihm genauer bekannt zu werden wünschte, ob er wohl in seiner zügellosen Manier sich eigentlich unter honetten Leuten nicht sehen lassen darf. Ich habe aber jetzt sogar Amtshalber eine wahre Sehnsucht nach dem Ächtkomischen. Man hat mir eine Aufsicht über das hiesige deutsche Theater aufgetragen, und das Geschäft ist nicht undankbar, da ich mehr Eifer bey den Schauspielern und mehr Empfänglichkeit bey dem jetzigen Publikum wahrnehme, als ich erwartete. Mein Wunsch ist nach und nach den „nassen Jammer“ von dem hiesigen Theater zu verdrängen, und das Publikum nach und nach an eigentlichen Kunstgenuß zu gewöhnen. An Tragödien fehlt es uns nicht, aber gute Lustspiele sind äußerst selten. Inmittelst müssen sogenannte Spektakelstücke, Zaubereyen und dergleichen mit aushelfen, die mir immer lieber sind, als Ifflands platte Moral. Vielleicht finde ich jemand, der einen Farqhuar’schen Stoff nach dem Bedürfniß der Zeit behandelt.

Neulich war im Vorschlage, den Sommernachtstraum einzustudiren, und das ganze Feenvolk mit Innbegriff von Oberon und Titania durch Kinder zu besetzen. Die Idee ist gewagt, und ich möchte wissen, was Sie darzu sagten. Wahr ist’s, daß wir jetzt einige sehr brauchbare Kinder bey dem Theater haben.

Andere Stücke von Shakespear habe ich auch für die Zukunft ~in petto~, und gern möchte ich mit Ihnen darüber berathschlagen. Nur kann nicht alles auf einmal geleistet werden, da jetzt noch manche Schwierigkeiten zu heben sind.

Der Gräfin Henriette bitte ich mich bestens zu empfehlen. Mit großer Freude vernehme ich ihre Wiederherstellung. Von meinen Musikalien steht ihr alles zu Diensten, was sie gebrauchen kann.

Die Meinigen lassen Ihnen viel Freundschaftliches sagen. Leider haben wir uns in Berlin seltner gesehen, als ich gewünscht hätte. Bey Burgsdorf bitte ich mein Andenken zu erneuern. Leben Sie recht wohl!

_Körner_.

III.

_Berlin_, den 28. May 1816.

Es freut mich, daß ich im Stande gewesen bin Ihren Wunsch, so viel den Waston betrifft, zu erfüllen. Dieß Werk war in der Partheyischen Bibliothek, und ich konnte es Ihnen daher verschaffen. Von den andren Schriften aber, die Sie erwähnen, habe ich keine gefunden. Massingers Werke besaß der Hauptmann von Blankenburg in Leipzig, der die Zusätze zu Sulzers Theorie geliefert hat, aber ich weiß nicht wohin sie nach seinem Tode gekommen sind.

Im Meß-Catalogus finde ich unter den künftig zu erwartenden Schriften ein altdeutsches Theater von Ihnen in sechs Bänden aufgeführt. Sind dieß eigne dramatische Arbeiten oder Bearbeitungen fremder ältern Produkte? Ich erinnere mich aus einem Gespräche mit Ihnen, daß Sie geneigt waren, Stoffe aus der deutschen Geschichte dramatisch zu behandeln. Nur hätte ich geglaubt, daß diese Dramen nach und nach einzeln erscheinen würden.

Hier haben kürzlich Wolff und seine Frau aus Weimar Romeo und Julie nach Göthens Bearbeitung gegeben. In beyden bemerkt man viel Studium und Göthens Schule, der auf das Plastische, die Ruhe und den Totaleindruck der Darstellung den vorzüglichen Werth legt. Ein Theil des hiesigen Publikums kann sich hieran noch nicht gewöhnen, und die ganz Ungebildeten verlangen jüngere Gesichter für diese beyden Rollen. Indessen hatten sie unter den Anwesenden die Mehrheit für sich und wurden herausgerufen.

Meine Frau und Schwägerin sind wohl und lassen Ihnen viel Freundschaftliches sagen. Bey uns allen ist der Wunsch recht wieder rege geworden, einmal wieder von Ihnen etwas aus dem Shakesp. zu hören.

Leben Sie recht wohl!

_Körner_.

Koester, Hans.

Geb. in Mecklenburg-Schwerin; seit seiner Verheirathung ganz in Preußen, zuerst in Breslau, dann auf seinem Landgute, später in Berlin, jetzt in Weimar lebend. Die Bühnen beider Städte haben mehrere seiner dramatischen Dichtungen zur Aufführung gebracht.

K.’s poetische Thätigkeit war immer auf große Vorwürfe gerichtet, wie schon die Titel der Stücke: Conradin -- Maria Stuart -- Lucia Amadei -- Ulrich von Hutten -- Hermann der Cherusker -- der große Kurfürst &c. bekunden. In neuerer Zeit scheint er sich der Erzählung zuwenden zu wollen, wofür er mit dem in Tieck’scher Novellenform gehaltenen Buche: „Lieben und Leiden“ einen schönen Beruf entwickelt.

Von seiner Zuschrift an T., welche durch ihre klare und sichere Weltanschauung bei einem Jüngling, wie er damals gewesen, gewiß frappiren darf, haben wir uns genöthiget gesehen, beinah die Hälfte wegzulassen, weil sich in derselben, mit allerdings recht interessanten litterarischen Notizen, Familiennachrichten verbanden, zu deren Veröffentlichung wir uns nicht berechtiget glaubten.

_Paris_, 7. September 1841.

_Hochwohlgeborner, Hochgeehrtester Herr Hofrath!_

Sie erlaubten mir bei meinem Abschiede von Baden, Ihnen fernere Nachrichten von mir geben zu dürfen; es war mir der frohste Trost, den die trübe Stunde überhaupt bieten konnte. Die Abreise des Königs nach Schlesien führt Sie gewiß bald nach Dresden zurück; -- so bin ich denn vorschneller da, als ich vielleicht sollte; wenn es mich nicht mit ganzer Seele zum Schreibtische zöge, gewiß, ich würde Sie nicht belästigen! Sie glauben nicht, mit welcher Gewalt gerade mein Aufenthalt in Paris die Erinnerung vergangener Zeit in mir zurückruft. Das Gewühl, welches mich umgiebt, greift oft so betäubend in meine Sinne ein, daß ich fast glauben muß, ich sei erst hier zur Wirklichkeit erwacht und habe sonst nur in der Stille meiner Träumereien gelebt. So gehe ich fremd dem Lande, fremd den Menschen, umher und suche voller Sehnsucht alles auf, was mich auf Augenblicke wenigstens die Leere und Unbehaglichkeit der Gegenwart vergessen läßt. -- Ich ging ungerne nach Paris und meine Ahnung hat mich nicht betrogen; mein hiesiger Aufenthalt ist kaum etwas anderes für mich, als eine lange, lange Sprachstunde. Das hiesige Leben entbehrt gewiß nicht großartiger Elemente und es liegt wohl nur in meiner jetzigen Stimmung, daß ich nicht geschickt bin, sie mit Gerechtigkeit aufzufassen und zu würdigen. Wie überall, so auch hier ein ruhloses Ringen und Jagen nach einer mehr oder minder wohlhäbigen Existenz; nur scheint es mir hier mehr hervorzutreten, als in irgend einem Lande, wo ich bisher war. Die Franzosen nennen es „Fortschreiten der Civilisation;“ mir scheint der Ausdruck verfehlt. Wenn Civilisation Geld und Genuß im Gelde und durch das Geld ist, so schreitet man allerdings in Frankreich fort; -- giebt es aber eine Civilisation ohne jene Vorzüge der Frömmigkeit, der bürgerlichen Tugenden, der Vaterlandsliebe? muß das alleinige Vorwiegen des Interesses nicht die Völker in eine Barbarei zurückführen, die wohl wilder und gefühlloser sein dürfte, als die mittelalterliche, die man so gerne im Munde führt? Wenn man untersucht, wo denn eigentlich die Keime der Revolutionen in Frankreich stecken, so kommen wir in neuerer Zeit gewiß mehr auf selbstsüchtige, als auf politische Gründe; sie finden sich im Ganzen nur in der Klasse, die mit ihrer gegenwärtigen Existenz unzufrieden ist; -- von jener Treue der Meinung aber, von wahrer Gesinnung, die in der Überzeugung wurzelt und ohne egoistische Rücksicht nur für diese strebt, kann ein für allemal nicht die Rede sein. Es ist Schade, daß der tüchtige Kern, den das Volk noch immer in sich trägt, nicht besser genährt und gepflegt wird; es fehlt den Franzosen nicht an einem gewissen Edelmuthe, an einer Aufopferung, die zu großen Dingen geschickt macht; Napoleon aber hat diesen Nationalvorzügen in der ~gloire~ eine für die Ruhe von ganz Europa gefährliche Richtung gegeben und so die Zeit der Selbsterkenntniß in eine Ferne gerückt, die allein die harten Lehren der Geschichte vermindern können, unter deren Gewichte Frankreich jetzt schon lange seufzt.