Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band
Part 14
Selbst auf die Gefahr hin, Sie mit weitern Zeilen zu langweilen oder zu plagen, möchte ich die mir so liebe Unterhaltung mit Ihnen verlängern; allein eine heitere Stimmung -- und in _der_ bliebe ich doch gern Ihnen gegenüber -- kann ich auf die Dauer nicht aufbringen und mit meiner traurigen Sie selbst zu verstimmen, würde ich mir nicht getrauen noch vergeben. Zu recht tiefer Trauer und schwerem Gemüthsleid habe ich aber den schmerzlichsten Grund; denn zu Anfang Juni’s ist mir, nach einer mehrmonatlichen und peinlichen Lungenkrankheit, meine Frau gestorben. Wir hatten uns in gegenseitiger Jugendliebe versprochen, erst nach siebenjährigen Schwierigkeiten und Ausharren heirathen können und auf’s Allerglücklichste mit und für einander gelebt -- --. Ich verlor in ihr mein bestes Lebenstheil und meine treueste Lebensstütze, unsere Kinder die sorglichste und aufopferndste Mutter und _Sie_, wie jeder Schöpfer, Pfleger und Vertreter des Schönen, Guten und Rechten, eine warme und eifrige Verehrerin.
Über Ihren jetzigen Lebensgang und Ihr körperliches Befinden muß ich mich leider stets nur aus den zerstreuten Nachrichten in öffentlichen Blättern, die ich freilich mit der lebhaftesten Begierde und dem innigsten Antheil aufsuche und lese, unterrichten, und sah soeben aus einem Berliner Briefe in der Allgemeinen Zeitung vom 27. d. M., daß Ihre Genesung von Ihrer letzten Krankheit nur langsam vorrücke: möge sie um so nachhaltiger und ungestörter seyn -- dies ist mein heißes Hoffen und Wünschen -- und aus ihr Ihnen erfrischte Lust zu geistiger Schaffensthätigkeit erblühen.
Mit unwandelbar freundschaftlicher Verehrung
Ihr ergebener
K. A. Frhr. _v. Killinger_.
Kleist, Maria.
Vergeblich war das Suchen nach einem Blättchen von Heinrich Kleist’s Handschrift. Damit der theure _Name_, für dessen lebendigen und vollen Nachklang unser Tieck so viel gethan, in diesem Buche wenigstens nicht fehle, geben wir ein Briefchen seiner Anverwandten, welches der Schreiberin nicht weniger zur Ehre gereicht wie dem Empfänger.
Auch zwei andere, auf Heinrich Kleist’s Person und Werke bezüglich, hielten wir für die Mittheilung sehr geeignet.
Von dem unglücklichsten aller _großen deutschen Dichter_ kann nie zuviel geredet, sein Gedächtniß kann nicht oft genug gefeiert werden.
I.
? den 3ten März 1817.
Ganz wunderbar ist mir zu Muthe, indem ich heute die Feder ergreife, um an Tieck zu schreiben, an Tieck mit dem ich seit so vielen Jahren gelebt und geliebt. Mit einem mahle stehen mir eine ganze Reihe von Gefühlen und Genüssen im Geiste und im Herzen -- ich weiß nicht mit welchen Worten ich einen so lieben alten Bekannten begrüßen soll? Ohnmöglich kann ich Ihnen wie einem Fremden schreiben. Sie sind ja mein alter Freund Tieck, mit dem ich ganz intim bin, mit dem ich froh, traurig, fromm, heilig war. Daß eine solche Intimität stattfinden kann, so ganz von einer Seite, ohne daß der Andere sie ahnet ist wunderbar. Noch wunderbarer, daß ein Buch den Menschen lebendiger ergreift, als alle Sterbliche die ihn umringen; mehr _zu_ seinem Innern, _aus_ seinem Innern spricht, als Alle die er genau kennt, und die ihn genau kennen; daß manches Buch den Menschen, der es lieset, deutlicher ausspricht, als er sich selbst auszusprechen vermag!
Ach, wenn dem armen einsamen Sterblichen Dieses begegnet, soll er sich gleich aufmachen, Pferde bestellen, und mit Extrapost den Schriftsteller aufsuchen, um durch seinen Anblick die Fäden, die sie so unbewußt an einander binden, fester und fester zu verweben. Solche Reise zu Ihnen hätte ich schon lange unternehmen müssen! Außerdem sind Sie noch der Geistes-Verwandte meines Vetters Heinrich Kleist, den er oft selbst für seiner Nächsten Einen erklärte. Jetzt wollen Sie noch seine Werke herausgeben: wie viele Fäden zu einem Seelenbündniß! -- Werde ich Sie denn einmal sehen? sprechen? -- -- --
Über die Details der Herausgabe habe ich mit Schützen geredet; ohnmöglich kann ich diese Sachen gegen Sie berühren. Das wäre mir eine unleidliche Störung. Auch abschreiben kann ich diesen Brief nicht; auch das würde mich Ihnen entfremden. Ach, und leider fühle ich mich so fremd, daß es mir recht wohl thut, mich Ihnen ganz unzierlich und bequem darzustellen. Ich drücke Ihnen recht herzlich die Hand.
_Maria Kleist_.
II.
L., den 26. Nov. 1816.
_Ew. Wohlgeboren_
bin ich von meiner Mutter beauftragt, Alles zu senden, was ich noch aus dem poetischen Nachlaß Heinrich von Kleist’s besize. Leider besteht mein ganzer Reichthum in einer Abschrift seiner Penthesilea, die ich Ihnen hierbey mit Vergnügen überschicke, da als sie geschrieben wurde, nur einige wenige Abschriften in den Händen vertrauter Freunde davon existirten und ich, schon seit acht Jahren aus jedem litterarischen Kreis herausgerückt nicht weiß, ob sie schon einmal gedruckt worden ist. Ich will sie daher lieber Ew. Wohlgeboren _umsonst_ schicken, als mir den Vorwurf machen, die Gelegenheit versäumt zu haben, zur Verherrlichung eines der edelsten Menschen und genialsten Dichter unsrer Zeit etwas beyzutragen, der in beiden Eigenschaften so vielvältig verkannt worden, mir aber in beiden ein Hauptlehrer gewesen ist, zu der Zeit, als ich in dem interessanten Kreise aufwuchs, dessen Hauptzierde er mit war. Leider vermuthet meine Mutter auch „die Geschichte seiner Seele“ bey mir; bey unsrer Trennung behielt _sie_ aber dieselbe und macht mir durch ihre Nachfrage sehr bange um die Wiederauffindung dieses unschäzbaren Werkes, welches wahrscheinlich in dem Getümmel der letzten Zeit verloren gegangen ist, ohne welches aber Kleists ganze Schriften nur ein Fragment bleiben dürften, wenigstens für die, welche ihn gern _ganz_ kennen und würdigen, vorzüglich seinen lezten Schritt gern entschuldigen möchten. Warum sparte er doch die unglückliche Kugel nicht mindestens so lange noch auf, um sie, wie Körner aus dem Gewehr des Feindes zu empfangen und wie ein ächt deutscher Sänger unter den Tönen einer vaterländischen Siegeshymne zu fallen! -- -- Sollte sich „die Geschichte seiner Seele,“ noch finden lassen, so wäre sie wohl am sichersten bey Herrn Obrist Rühle von Lilienstern zu suchen, für den sie ursprünglich geschrieben war. Noch hatte meine Mutter mehrere Hefte von seiner eignen Hand „Fragmente“ überschrieben. Es waren wirklich nur solche; ausser der Novelle Josephe und Jeronimo und der Erzählung vom Roßkamm -- (den Namen habe ich vergessen) enthielten sie nur einzelne hingeworfene Ideen und Bemerkungen, die aber gröstentheils voll tiefen Sinns waren und die gleichfalls mehr zur Anschauung „seiner Seele“ dienen, als seine eigentlichen Dichtungen. Auch von diesen weiß ich nicht, wo sie hingekommen, noch ob sie im Druck erschienen sind, daher _nenne_ ich sie Ihnen wenigstens. Hat Ihnen meine Mutter, ein Gedicht „an die Kamille“ und das „an den König“ geschickt, das für seinen im Frühjahr 1809 in Berlin erwarteten Einzug bestimmt war? Beides waren nur Gelegenheitsgedichte, aber wie alles von ihm doch von Bedeutung; er dichtete das erste für meine Mutter, die sich einst über die Dichter beklagte, welche alle Blumen nur die Kamille nicht besängen, die doch denen so heilsam sey die, wie sie, an Krämpfen litten. Ihr und meiner kleinen Person zu Ehren, wurden sie denn nebst den Vergißmeinnicht und Veilchen im Traum des Käthchen erwähnt. Das Gedicht an den König wäre _jezt_ als erfüllte Prophezeihung doppelt interessant. Die Sünde die er an seinem herrlichen Robert Guiscard begangen hat, möge ihm Gott wie die an sich selbst begangene verzeihn! Wohl dem jüngern Dichter, dem ein alter Meistersänger ein Denkmal sezt, wie Sie ihm! Möge Ihnen Ihr eignes Bewußtsein lohnen und der inniggefühlte Dank Derer, die sich gern an dem Schönen erfreuen, sey es auch wie hier der Fall, oft nur ein schönes Streben und die Ihnen, da Sie selbst jezt so karg sind, doppelt danken, daß Sie uns mit etwas Fremden die Lücke ausfüllen, die der Verlust älterer Meister und der Mangel würdiger Schüler uns in der Litteratur unsers Vaterlandes zu machen drohen. Wann werden sich doch die guten frommen Jünger endlich überzeugen, daß eine Genoveva und ein Sternbald nur _einmal_ geschrieben werden kann und daß alle Nachahmungen davon nur Schattenbilder sein können? -- -- Haben Sie die Güte unter die, welche Ihnen ganz vorzüglich Kleists Werke danken werden, auch zu rechnen
Ew. Wohlgeboren
ergebenste
_Johanna v. H._
III.
_Chemnitz_, d. 12. April 1832.
_Hochgeehrtester Herr Hofrath!_
Das große Interesse, welches ich stets an den classischen Erzeugnissen Ihrer Muse, andern Theils aber auch an den Werken der Autoren, durch deren erneuerte Herausgabe Sie Sich ein bleibendes Verdienst erwarben, insbesondere an denen Heinrich’s von Kleist, genommen habe, so wie vornämlich die Hoffnung, daß Ihnen ein kleiner Beitrag zur Biographie des ebengenannten Dichters nicht unwillkommen sein wird, mögen mich und meine Dreistigkeit, Ew. Wohlgeboren mit einer Zuschrift zu behelligen, entschuldigen.
Im Anfuge finden Sie die Copie zweier Originalbriefe von Kleist, welche ich behufs der Einsendung an Ew. Wohlgeboren habe nehmen lassen und die ich Ihnen sonach zuständig mache.
Ich glaube annehmen zu dürfen, daß Ihnen Reliquien eines Schriftstellers, wie Kleist, und besonders eines Mannes, der in so naher literarischer Beziehung zu Ihnen stand, nicht ganz unangenehm, vielleicht sogar interessant sein dürften, zumal da die angefügten brieflichen Mittheilungen in eine Periode fallen, welche, indem der Dichter seinen Stand änderte und die Gelehrten-Laufbahn betrat, vielleicht die Folie zu Kleist’s späterem lit. Ruhme war, -- Mittheilungen, welche einen tiefen Blick in die Fühl- und Denkweise des Dichters gewähren und die Ihnen wenigstens als eine Privat-Ergänzung zu den biographischen Umrissen, welche Sie den Schriften Kleist’s vorangeschickt haben, dienen können.
Die Mittheilung dieser Briefe, (deren Originalia mir vor Kurzem, beim Durchsehen unterschiedlicher Manuscripte, wieder aufstießen und bei welcher Gelegenheit mir der Gedanke einkam, Ihnen Abschrift davon einzusenden) verdanke ich einem Preußischen Geistlichen (jetzt Consistorial-Rath), der drei Jahre lang auch mein Erzieher war. Derselbe hatte in der letzten Hälfte der 80er Jahre vorigen Jahrhunderts in Frankfurt a. O. studirt, war der Familie Kleist’s befreundet und wurde, nach beendeten Studien (er erhielt eine interimistische Anstellung alldort), von derselben zum Hauslehrer Heinrich’s und eines Vetters desselben, eines von P., bestimmt.
Der Lehrer genoß der Liebe und des Vertrauens seiner Zöglinge in hohem Grade, die ihm auch von Seiten Kleist’s, wie aus beifolgenden Briefen erhellet, für spätere Zeit verblieben.
Da Sie Kleist nahe befreundet waren und mit den früheren Verhältnissen desselben eben so wohl, wie mit den späteren, gewißlich genau bekannt sind und genauer, als ich nach den -- obgleich sehr ausführlichen -- mündlichen Mittheilungen des vorgedachten Geistlichen: so enthalte ich mich zwar des Weitern, bitte Sie jedoch bescheidentlichst, nachfolgender Notiz -- welche ich einfließen lasse, da Ihnen deren Inhalt vielleicht nicht bekannt sein dürfte -- einige Aufmerksamkeit zu schenken.
Jener Geistliche versicherte mich, daß ihm nichts interessanter gewesen wäre, als seinen Scholaren, Kleist und P. Unterricht zu ertheilen und sie zu beaufsichten, indem sie einander ganz entgegengesetzte Charactere waren: K. ein nicht zu dämpfender Feuergeist, der Exaltation selbst bei Geringfügigkeiten anheimfallend, unstät, aber nur dann, wenn es auf Bereicherung seines Schatzes von Kenntnissen ankam, mit einer bewundernswerthen Auffassung-Gabe ausgerüstet, von Liebe und warmem Eifer für das Lernen beseelt; kurz der offenste und fleißigste Kopf von der Welt, dabei aber auch anspruchslos. -- P. war ein stiller, gemüthlicher Mensch, sehr zum Tiefsinn geneigt. Er stand zwar dem genialen Vetter Heinrich an Lust und Liebe zum Lernen, an ausdauerndem Fleiße nicht im Geringsten nach; aber ihn hatte die Natur in geistiger Hinsicht stiefmütterlich behandelt; er vermochte, so sehr er sich auch Mühe gab, nur schwer zu fassen, während K. spielend lernte und zur Fortstellung der Gegenstände beim Unterrichte eifrigst trieb.
Daß der Stand des Lehrers, bei der großen Verschiedenheit der geistigen Anlagen seiner Zöglinge, deren verschiedenen Temperamenten, ein fast mißlicher war, läßt sich denken. -- Was K. in einer Lection loskriegte (um mich eines acad., aber passenden Ausdrucks zu bedienen), dazu bedurfte P. deren mehre, weshalb sich auch der Lehrer des letztern um so mehr annehmen und den Eifer des erstern zu zügeln suchen mußte. Er enthielt sich daher auch jeder Austheilung von noch so verdienten Lobsprüchen zu K.’s. Gunsten und zwar auf eine Weise, welche der Eitelkeit desselben nicht zu nahe trat und dessen Lernbegierde nicht schwächte, und ließ dem wackern Streben P.’s (wenn gleich nicht mit dem von beiden Seiten gewünschten Erfolge nur einigermaßen gekrönt) stets gerechte Anerkennung widerfahren und lobte P. in K.’s Gegenwart, statt daß es eigentlich der umgekehrte Fall hätte sein sollen. -- Doch gaben die ungewöhnlichen Fortschritte, welche K. machte, die tagtäglichen Beweise seiner ausgezeichneten Geistesfähigkeiten, der Schwermuth des sich überaus unglücklich fühlenden und mit sich schon fast zerfallenden P.’s Nahrung. -- Nach beendeter Lection und auch außerdem warf sich P. oft, bitterlich weinend, an die Brust des Lehrers und schluchzte: Ach, warum hat mich gerade, der ich es mir so angelegen sein lasse, etwas zu lernen, die Natur so stiefmütterlich behandelt? Warum wird mir Alles so schwer, während dem Vetter Heinrich das Schwierigste so leicht? -- und so klagte er fortwährend. -- Der Lehrer that alles Mögliche, den Unmuth des geliebten Zöglings zu scheuchen und ließ es an Zuspruch, Rath und Anerkennung der äußerst-möglichen Anstrengungen P.’s nicht fehlen.
Die Schwermuth hat P. indeß nie verlassen, sondern schlug noch fester Wurzel und durch sie fand er auch später einen freiwilligen Tod. Das Glück ist ihm auch späterhin, als Zögling der Milit. Acad. und als Officier, nie hold gewesen.
Irre ich nicht, so hörte ich auch, daß K. und P. in der Folge auch einmal schriftlich (persönlich sind Beide nie wieder zusammengetroffen) die Verabredung getroffen hatten, beide eines freiwilligen Todes zu sterben. Verbürgen läßt sich dieß freilich nicht.
In dem ersten der beiliegenden Briefe wendet sich K. (er that es späterhin, schriftlich und mündlich wiederholentlich und führte einen langen Briefwechsel darüber) an seinen ehemaligen Lehrer, um dessen Meinung über eine Standesänderung, unter obwaltenden Umständen, einzuholen. -- Der Geistliche, an den sich K. dabei inniger schloß, als an seine Verwandten und Freunde, that natürlich sein Möglichstes (gleich diesen), um den exaltirten Jüngling von seinem Vorhaben abzubringen.
K. hatte weiterhin, unter des Conrector’s Bauer in Potsdam Leitung, die Maturität zur Univ. erlangt und war, nach mannichfachem Mühsal, so glücklich gewesen, den so ersehnten Abschied zu erhalten. --
Das Concert in Frankfurt a|O. war zu Ende, der mehrberegte Geistliche, der es auch besucht hatte, schickte sich an, zu gehen, als er plötzlich hinterrücks einen traulichen Schlag auf die Schulter erhielt. Er erschrickt, sieht sich um und gewahrt Kleist, der in einen großen Reitermantel gehüllt ist. Dieser ist in großer Aufregung und theilt ihm (dem Geistl.) Holter di polter mit, daß er nun endlich seinen Abschied erhalten habe und in Frankf. studiren wolle.
K. war, seinen Abschied in der Tasche, wie im Fluge von Berlin geritten, hatte den ehemal. Lehrer in dessen Behausung aufgesucht, aber gehört, daß derselbe im Concert sei, und war nun ~stante pede~, wie er war, in dasselbe geeilt, um den Freund sofort von dem Gelingen des Plans in Kenntniß zu setzen. Der Referent verschwand eben so hastig, wie er gekommen. --
So weit meine Mittheilungen. Ob die Schwester und bekannte Reisegefährtin Kleist’s, Ulrike, die früherhin Directrice eines Erziehung-Instituts für adelige Fräulein in Frankf. a.|O. war, noch lebt, ist mir nicht bewußt.
* * * * *
Wenn ich mir nun schmeicheln darf, Ew. Wohlgeboren eben so wenig durch die Einsendung der Beilagen, als durch vorstehende Mittheilungen, lästig gefallen zu sein: so glaube ich mich wol zugleich nicht der Bemerkung enthalten zu dürfen, daß es mir höchst schmeichelhaft sein würde, wenn Ew. Wohlgeboren Veranlassung nähmen, mich durch einige gelegentliche Antwortzeilen zu erfreuen.
Mit ausgezeichneter Hochschätzung hat die Ehre zu beharren
Ew. Wohlgeboren
ganz ergebenster
_C. Eduard Albanus_.
Koberstein, A.
Professor am alt-ehrwürdigen Gymnasium zu Schulpforta, hochbegabter, geistreicher und gründlicher Gelehrter. Sein Hauptwerk: „Grundriß der deutschen National-Litteratur“ gilt bei allen Kennern für eines der umfassendsten und wissenschaftlich-bedeutendsten in diesem Fache. Was er als _Lehrer_ thut, verkünden seine dankbaren Schüler mit lautem Munde aller Orten. Wir haben aus mehreren Briefen von seiner Hand gerade diesen ausgewählt, weil er den ganzen Charakter des vortrefflichen Mannes so schön und vollständig zur Anschauung bringt.
Seiner Notiz, die Erwähnung des _Cabanis_ von W. Alexis in einem Zeitungs-Artikel betreffend, möchten wir unsererseits die Anmerkung beifügen, daß von einer _solchen_ Zusammenstellung jenes Buches mit dem „Phantasus“ Niemand schmerzlicher betroffen gewesen sein kann, als Wil. Alexis, Tiecks anhänglicher Schüler und Verehrer.
_Pforta_, d. 14. Novbr. 1839
_Höchstverehrter Herr Hofrath!_
Mehr als ein Vierteljahr ist seit meiner Abreise von Dresden vergangen, und noch immer haben Sie kein Wort des Dankes von mir für die überaus große Güte und Freundlichkeit vernommen, die ich wieder bei Ihnen gefunden. Schreiben Sie dieß nicht einem Mangel an gutem Willen zu. Gott weiß, wie mein Herz an Ihnen hängt, und wie kein Tag vergeht, an dem ich Ihrer nicht in innigster Verehrung und, warum soll ich es nicht sagen, in kindlicher Liebe gedenke, sei es für mich allein, sei es im Gespräch mit meiner Frau. Und da hat es mich denn oft gedrängt, mich gegen Sie auszusprechen und Ihnen für die unvergeßlichen Stunden zu danken, die Sie gütig genug waren, mir, wie früher so auch diesen Sommer wieder zu bieten. Allein wie oft müssen wir uns das versagen, wozu das Herz uns zieht! In den ersten Wochen nach meiner Rückkehr wartete ich auf das Buch, welches mir mein Freund v. Mühlenfels zur Übersendung an Sie einzuhändigen versprochen hatte und das er erst aus England mußte kommen lassen. Dann brach eine solche Fluth von Amtsgeschäften und Störungen aller Art auf mich ein, daß ich bis vor wenigen Tagen nur selten Herr einer Stunde gewesen bin. Jetzt aber, wo ich wenigstens auf eine kurze Zeit freier athmen kann, will ich auch nicht länger säumen, mich einmal wieder in Gedanken ganz zu Ihnen zu versetzen und zu thun, als säße ich Ihnen gegenüber und hätte die Erlaubniß, mich frei gegen Sie auszusprechen. Ich weiß wohl, wie unendlich gering der Gehalt dessen immer gewesen ist, womit ich Ihre goldenen Worte einzutauschen gesucht habe; aber ich müßte Sie gar nicht kennen, wenn ich nicht glauben sollte, daß es Ihnen doch auch etwas gilt, wenn Sie in ein volles Herz schauen können, das Ihnen so aufrichtig ergeben ist und das aus Ihren Worten, aus Ihren Schriften die schönste Nahrung zu ziehen sich nun schon so lange gewöhnt hat. Gegen keinen Mann, so viele ich deren auch kennen gelernt habe, ist mein Vertrauen aber je so groß gewesen, gegen keinen habe ich mich so ganz rückhaltslos über die tiefsten und heiligsten Bedürfnisse meines Innern, über das, was mich freudig und schmerzlich bewegt, aussprechen mögen, wie gegen Sie. Leider hat mir die Sprache nie in dem Maße zu Gebote gestanden, daß ich Ihnen Alles hätte sagen können, was in mir vorging, wenn ich mich in Ihrer Nähe befand; doch Sie werden es schon herausgefühlt haben, was ich empfand und sagen wollte.
Den letzten Abend in Dresden brachte ich im Theater zu. Man gab die Geschwister von Raupach, wie es mir schien viel besser, als es das unsittliche Stück verdiente. Ich glaubte Sie öfter durch die Gitter einer kleinen Loge neben dem Theater zu erkennen; nach der Vorstellung sah ich beim Heraustreten aus dem Hause eine Sänfte dem Schlosse zu tragen; ich vermuthete Sie darin, eilte nach, um Ihnen nochmals Lebewohl zu sagen, aber die Träger waren zu schnell, und ich mußte mit meinem kleinen Begleiter betrübt in den Gasthof wandern. Am nächsten Morgen kam ich bei Zeiten in Leipzig an; von da ging es langsam mit einem Lohnkutscher nach Naumburg. Aber noch ehe ich es erreichte, gleich diesseits Weißenfels, erfaßte uns ein Gewitter und Regen, wie ich beides noch nie erlebt. Rechts und links sahen wir die Blitze einschlagen, der Sturm brach die Bäume an der Straße wie kleine Gerten und das Wasser schoß, wo der Weg sich aus der Tiefe in die Höhe zog, in Strömen entgegen. Dabei konnte ich mir nicht verbergen, daß die allergrößte Gewalt des Unwetters über unser Thal eingebrochen sein müßte: die Sorge um die Meinigen war groß, und Sie können sich denken, daß der Augenblick des Wiedersehns, der erst spät Abends eintrat, um so beglückender für mich war, als Frau und Kinder den Nachmittag in Kösen zugebracht hatten, wo ganz in ihrer Nähe der Blitz ein Haus, in welchem sich die Badegäste zu versammeln pflegen und worin die Meinigen leicht hätten sein können, in Brand gesetzt hatte. Zum Glück für meine Frau hatte sie mich den Tag noch nicht erwartet, sonst würde sie in Todesangst um mich gewesen sein.