Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band
Part 14
Auch als dramatischer Schriftsteller hat Eduard D. bewährt, daß konsequenter Fleiß, geleitet von geistiger Einsicht, gestützt auf praktische Umsicht unverkümmerte Erfolge feiern kann; zuverlässiger als haltlose, wenngleich geniale Uebereilung. Die schönsten Sieg doch errang ihm dieses sein edles, unermüdliches Streben, Wollen, Durchführen im Gebiete historisch-dramaturgischer Autorschaft. Seine Geschichte der deutschen Schauspielkunst, 4 B. (1848-62) sichert ihm einen dauernden Platz neben den tüchtigsten Männern. Wahrlich, nicht ohne Grund ernannte ihn eine der berühmtesten Hochschulen bei’m Jubelfeste zum Ehrendoktor.
Neun Briefe an Tieck mögen durch ihren Inhalt bestätigen, was aufrichtige Hochachtung ihnen vorangeschickt.
I.
_Berlin_, den 31. Mai 1835.
Schon längst, verehrter Mann, habe ich dem Drange, auch in der Ferne in lebendiger Beziehung zu Ihnen zu bleiben, durch mittelbare Mittheilungen an meinen Bruder zu genügen gesucht, ohne daß sie mir eigentlich Befriedigung gebracht hätten; dennoch glaubte ich bisher durch directe Zuschrift Sie nicht belästigen zu dürfen. Heut nun giebt eine Art von geschäftlichem Anlaß mir einen Vorwand an Sie zu schreiben und ich ergreife ihn mit Begierde.
Es ist ein Auftrag des Vereins dramatischer Künstler, -- von dessen Bestehen ich Ihnen durch meinen Bruder Mittheilung gemacht -- welcher mich zu Ihnen führt. Vom Anfange seines Bestehens an, haben wir nämlich Redeübungen vorgenommen, haben gesucht die störenden Ungleichheiten und Unregelmäßigkeiten in der Aussprache abzustellen, was uns auch in vielen Stücken leicht gelungen ist, da nämlich, wo wir uns schnell über die Regel vereinigten und die Unrichtigkeit der Aussprache nur von übler Angewöhnung oder ererbtem Idiom herrührte. Nicht zu erledigen ist uns dagegen bis jetzt die Feststellung der Aussprache des Consonanten g geblieben.
In mehr als 20 Sitzungen ist diese Angelegenheit zur Sprache gekommen, wir haben die ernstlichsten Studien und Beobachtungen darüber angestellt, haben Belehrung gesucht wo sie irgend zu finden war und dennoch ist es uns immer noch nicht gelungen, eine Allen genügende Regel festzustellen: wo in der Mitte und am Ende der Wörter das ~g~ weich und wo es hart auszusprechen sei. -- Raupach’s Ansicht, welche ich einholte, gab auf eine Zeit den Ausschlag, er rieth uns, das ~g~ überall hart auszusprechen, außer nach dem Laute ~i~. Hiernach verfuhren wir eine Zeit lang bei unsren Leseübungen, bald aber erhob sich Widerspruch von vielen Seiten dagegen, man fand, daß durch die strenge Befolgung dieser Regel einige zu große Härten in der Sprache erzeugt würden z. B. in: gerügt, gelegt, Magdeburg, -- kurz überall, wo das ~g~ vor einem Consonanten stehe. Mehrere gingen noch weiter und behaupteten: das ~g~ müsse nicht nur nach dem ~i~, sondern auch noch nach dem ~e~ weich ausgesprochen werden, führten dafür Beweise aus der organischen Bildung des Lautes ~g~ und aus seiner Verwandtschaft mit dem ~ch~ an, welches ebenfalls nach ~a o u~ härter, nach ~e i~ aber weicher gesprochen werde, wie in: Bach, Loch, Buch - Rechen, mich. Andre wollten nun dagegen das ~g~ überall hart, auch nach dem ~i~ ausgesprochen haben und behaupteten nur unsre Ungewohnheit erzeuge dabei Härten für unsre Zungen, wie für unsre Ohren. Die Mehrzahl der Mitglieder des Vereins vereinigte sich über eine fünffache Art das g auszusprechen: 1) die ganz harte zu Anfang jedes Wortes: _Gott_, _Gift_ u. s. w., 2) eine minder harte, mit sanfterem Drucke des hinteren Zungentheiles gegen den Gaumen, in: _Auge_, legen, Weg, Betrag, Sarg, Burg, 3) eine weiche gleich dem ~j~, vor einem Consonanten in vergnügt, gelegt, Magd, 4) eine gleich dem ~ch~ in: König, Essig, 5) eine nasale, kaum hörbare, nach dem ~n~, in: Ring, bang, fingen, Range. -- Ueber die Anwendung aber der 2. und 3. Art der Aussprache herrscht nun immer noch die größte Verschiedenheit der Ansichten und ich, als Secretair des Vereines, bin daher aufgefordert worden, Sie verehrter Mann zu bitten, uns Ihre Meinung über diesen Gegenstand zu sagen. Der Antheil, den Sie der dramatischen Kunst und jeder redlichen Bestrebung für sie schenken, läßt uns hoffen, daß Sie uns Ihre Hülfe in unsren Nöthen nicht versagen werden. Da wir es nicht wagen, unsre Wünsche bis zu einer directen schriftlichen Antwort auszudehnen, so geht meine Bitte dahin, daß Sie vielleicht die Güte hätten, meinem Bruder, welcher wol von Wien zurückgekehrt sein wird, die Regel, das Gesetz, welches Sie selbst Sich über die Aussprache des ~g~ gebildet haben, in die Feder zu sagen. Leider habe ich mein Gedächtniß vergebens durchstört, um die Erinnerung von der Art und Weise aufzufinden, wie Sie das ~g~ bei Ihren Vorlesungen aussprechen; meine Aufmerksamkeit war auf diesen Gegenstand nicht so scharf gerichtet. Um den Antheil, den Sie unsrem Vereine hoffentlich schenken, zu unterhalten, berichte ich, daß derselbe den besten Fortgang hat, daß er bereits die Früchte hervorbringt, welche man bei seiner Jugend irgend erwarten darf. Es bildet sich eine edlere, freundliche Gesinnung unter den Künstlern, eine Art von künstlerischer Verbrüderung, ein Bewußtsein von gegenseitiger Abhängigkeit und Zusammengehörigkeit. Es ist eine lebhafte Anregung für alle Gegenstände der Kunst, ein Streben nach gemeinsamer Forthülfe, nach einer Einheit des Handelns entstanden, welche das Beste verspricht. Noch hat die freimüthige gegenseitige Beurtheilung der Darstellungen keinen Anlaß zu Empfindlichkeiten oder persönlichen üblem Vernehmen gegeben, im Gegentheile haben wir an uns Allen schon die großen Vortheile solcher offnen Besprechungen deutlich erfahren und somit hoffe ich, von diesem Vereine in der Zukunft für uns die schönste Wirkung zu erleben; ja, wenn unser Beispiel an allen größeren Bühnen Nachahmung findet, so könnte sich die dramatische Kunst dadurch überhaupt aus ihrem Kern heraus wiederbeleben. Mögen diese Hoffnungen Ihnen, verehrter Mann, auch allzu sanguinisch erscheinen, so werden Sie sie doch nicht schelten, da sie aus einer warmen, eifrigen Liebe für unsre Kunst hervorgehn.
Ich kann nicht schließen ohne die Gelegenheit wahrzunehmen, auch Ihren wohlwollenden Antheil für meine Person und mein künstlerisches Fortschreiten, durch einige Notizen anzufrischen. Seit einem Jahre etwa habe ich, wozu Sie mich längst aufgefordert, wichtige Rollen im Schauspiele übernommen und mein Studium besonders darauf gewendet. Die Darstellung des standhaften Prinzen, des Ludwig XIII. und des jungen Königs in: Die Schule des Lebens von Raupach, haben durch ihr Gelingen mir Vertrauen für die höchsten Aufgaben erworben und so will ich nun mit Freudigkeit auf dieser Bahn weiterstreben, auf welcher die Erinnerungen an jene Stunden, die ich in Ihrer Nähe gelebt, mir zur wichtigsten Förderung gedeihen. Raupach, dessen Zutrauen und lehrreicher Anregung ich sehr viel verdanke, könnte bei seiner Anwesenheit in Dresden, Ihnen von mir Ausführlicheres sagen, wenn es Ihr Interesse irgend erregen dürfte. Möchte es mein gutes Glück noch einmal fügen, daß ich vor Ihnen die Resultate meines Strebens darlegen könnte. Vielleicht schenken Sie doch noch Berlin den längst verheißenen Besuch, es würde mir zur süßesten Genugthuung gereichen, wenn Sie in meinen Darstellungen erkennten, daß meine innige Verehrung für Ihre Worte und Werke an meiner künstlerischen Richtung wesentlichen Antheil gehabt. Indem ich nun herzlich wünsche, daß meine Dreistigkeit: Sie mit einem so langen Briefe belästigt zu haben, Sie nicht von mir abwenden möge, bitte ich recht sehr, mich der Gräfin von Finkenstein und Ihrem ganzen liebenswürdigen Hause angelegentlich zu empfehlen und die Versicherung der innigsten Verehrung und Ergebenheit anzunehmen, welche ich für alle Zeiten für _Sie_ hege.
_Eduard Devrient_.
II.
_Berlin_, d. 4. Novbr. 1835.
_Sehr geehrter Herr Hofrath!_
Seitdem wir im vergangenen Winter zu unsrer und unsrer Freunde größten Freude, in meinem Hause Ihr Rothkäppchen aufgeführt hatten, beschäftigte mich der Plan, eines Ihrer größeren Stücke für die Bühne zu gewinnen. Der Blaubart erschien mir zunächst dafür geeignet und ich habe mich nun fast ein Jahr lang damit umhergetragen: die Auskunftsmittel zu finden, welche nöthig wären, um, der Form nach, dies vortreffliche Gedicht der jetzigen Bühne anzueignen. Immermann hat mir indeß freilich den Vortritt in dieser Herzensangelegenheit genommen, aber seine Aufführung, über welche ich genaue Erkundigung eingezogen, hat mich noch mehr in meiner Ansicht von der Weise bestärkt, in welcher man zunächst das Stück dem heutigen Theater und Publikum anzubieten hätte. Nun habe ich meinen Versuch mit einer Einrichtung des Gedichtes gemacht, habe es Ihrem Freunde, dem Prof. v. Raumer vorgelegt, welcher mir das Zeugniß gegeben, daß durch meine Hand an dem Werke nichts verstümmelt worden, daß mein Zusammendrängen und Sammeln der Handlung nur an der Form verändert habe. So trete ich denn, beschirmt von diesem Zeugniße, vor Sie hin, verehrter Mann, und bitte um die Erlaubniß: Ihr Gedicht, mit meiner scenischen Einrichtung auf die Bühne bringen zu dürfen.
Nach langem Ueberlegen habe ich mich entschieden, Ihnen das Spezielle meiner Einrichtung nicht mitzutheilen, wenn Sie es anders nicht begehren. Billigen können Sie es schwerlich, denn Sie haben ja die Gestalt Ihres Gedichts anders gedacht, die Form, welche _mir_ nothwendig erschien, kann _Ihnen_ nie natürlich werden; warum sollte ich Sie also mit der Beurtheilung belästigen? Lassen Sie mich den Versuch auf meine Gefahr wagen, selbst sein Mißlingen kann ja dem Gedichte nicht schaden, das in 4 bis 5 Ausgaben längst ein Eigenthum Deutschlands geworden ist. Besser also, Sie haben gar keinen Antheil an seiner Erscheinung auf der Bühne, als daß ein Antheil des Mißlingens auf Sie geworfen werden dürfte. Diese Schuld trage ich dann allein. Wenn aber mein Unternehmen gelingt -- und ich rechne zuversichtlich darauf -- so ist der Erfolg natürlich der Ihrige und ich habe mir eine lebenslange stille Genugthuung bereitet.
Dies ist meine Ansicht von der Angelegenheit, ich wünsche nichts sehnlicher, als daß Sie darauf eingehen möchten. Daß ich mit ehrerbietiger Scheu und begeisterter Liebe an das Werk gegangen bin, daß ich jede Scene, jedes Wort auf das Bedenklichste abgewogen, ehe ich mich zu einer Verkürzung oder Umstaltung entschlossen und nur das an dem Gedichte geändert habe, was nothwendig sein Heimischwerden auf der heutigen Bühne gehindert hätte -- davon sind Sie gewiß überzeugt, und wie ich dieses Zutrauens nicht unwerth zu sein glaube, hoffe ich auch, Sie werden Sich entschließen können, mir die erbetene Erlaubniß zu ertheilen.
In den nächsten Tagen habe ich dem Grafen Redern das Stück, wie es nun ist, vorzulesen, er ist sehr erwärmt für diese Unternehmung. Ich möchte nun schnell die nöthige Musik componiren und die anderweitigen Vorbereitungen treffen lassen, damit die Aufführung wo möglich schon im Anfange des neuen Jahres Statt finden könne. Fast alle Rollen werden bei uns gut zu besetzen sein, wo es am inneren Verständniß des Werkes fehlen sollte, wird sich nachhelfen lassen. Den Simon denke ich zu spielen, und trage ein sehnsüchtiges Verlangen nach der Lösung der Schwierigkeiten, welche diese Rolle bietet. Kurz mein Herz ist so ganz erfüllt von diesem Vorhaben, daß ich zuversichtlich hoffe, Gott werde ihm das Gedeihen und Sie Ihre Zustimmung nicht versagen.
Ganz der Ihrige _Eduard Devrient_.
III.
_Berlin_ 6/4. 38.
_Hochgeehrter Herr Hofrath!_
Die innigste Freude hat mir Ihr Schreiben erregt, das mir einen so wohlwollenden Antheil für mein Stück, eine so tröstliche und ermuthigende Billigung meiner Intentionen bekundete. Ich weiß sehr wohl, daß Sie das bürgerliche Drama nicht verwerfen, aber ich fürchtete: die Tendenz meines Stückes möchte Ihnen nicht bestimmt genug ausgedrückt erscheinen, freilich hätte ich Ihrem ebenso scharfen, feinen als wohlwollendem Blicke mehr vertrauen sollen, aber ich war durch manches Mißverstehen von einigen Seiten her zaghaft gemacht worden. Man erkannte nicht, oder wollte nicht erkennen, daß ich die Kleinlichkeit und ~misère~ unsrer Zustände nicht um ihrer selbst willen habe schildern wollen, sondern um sie vor unsren Augen in ihrer Nichtigkeit zerbröckeln zu lassen und uns an einer idealen Anschauung, an einer Tüchtigkeit der Gesinnung aufzurichten. Ich habe eben zeigen wollen, daß wer Gesetze von unsrer socialen Elendigkeit annimmt, ebenso verloren ist, als wer alle Bande und Schranken phantastisch überfliegt, daß aber das Verfolgen eines höheren, geistigen Zieles, das Maaßhalten in den Forderungen an das Leben, zuletzt auch in allen Beziehungen das Leben bezwingen muß. Darum konnte ich auch alles mögliche Geld verloren gehn lassen und die Hauptfiguren zuletzt glücklich machen, ohne dies in den meisten bürgerlichen Stücken nöthige Hülfsmittel. Dies ist wol eine Art von Rechnenprobe über die geistige Bedeutung des Stückes, aber nur die Wohlwollenden nehmen sie an.
Ihr Beifall hat nun all den Genuß gekrönt, den mir die Aufführung dieses Stückes bereitet, das Publikum hat durch sechs gefüllte Häuser und den lebhaftesten Beifall seine Theilnahme ausgesprochen, die Schauspieler sind mit Lust bei der Darstellung, viele gute und tüchtige Menschen habe ich gerührt und erfreut, Sie billigen, was ich gethan -- welch menschliches Unternehmen könnte einen schöneren Erfolg haben? Gespannt bin ich auf die Wirkung, welche das Stück von andren Bühnen herab machen wird; einige der gezeichneten Zustände sind ganz lokal. Ein rasches, lebhaftes Zusammenspiel ist hier Hauptbedingung, das Stück empfängt auf der Bühne ein ganz neues Leben und ich möchte Sie, verehrter Herr, bitten, die beabsichtigten Abkürzungen noch bis zu den Theaterproben aufzuschieben und erst darüber zu entscheiden, wenn das Spiel schon im Zuge ist.
Welche Rolle mein Bruder am förderlichsten für das Stück übernehmen möchte, darüber kann ich in der That nicht entscheiden, da ich das jetzige Personal Ihrer Bühne nicht kenne. -- So eben habe ich einen Brief meines Bruders erhalten, aus dem ich ersehe, daß Herr Baison bei Ihrer Bühne angestellt ist, ich habe denselben hier als „Landwirth“ gesehen und mein Wunsch ist daher unbedenklich, daß er den Christoph, mein Bruder den Born spielen möge; ich werde meinem Bruder darüber schreiben, der mir größere Lust zum Christoph zu haben scheint. Obschon die Rolle des Born nicht groß ist, so repräsentirt sie doch, (trotz ihres Antheiles an den Verirrungen in pedantischem Besserungseifer) den Typus des Edlen und Tüchtigen, für die Darstellung ist es daher von großer Wichtigkeit, daß ein Schauspieler sie übernehme, der in edlen und idealen Gestalten anerkannt ist vom Publikum. Daß mein Bruder das mir so neidenswerth erscheinende Verhältniß zu Ihnen nicht benutzt, thut mir recht herzlich leid, ich möchte nur glauben, daß er mehr Ihre Sprache, als Ihre Intentionen mißversteht, da ich in ihm immer eine so edle, künstlerische Natur gesehen, daß ich mir im allgemeinen kein Abweichen von Ihrer Richtung bei ihm denken kann. Der Beifall der Menge ist freilich ein gefährlich Ding, und ich fühle zu genau, wie der Schauspieler alltäglich sich die eigentliche Würde und Höhe seines Berufes vor’s Auge halten muß, um sich nicht der weichen Beifallswoge zu überlassen, die, wie Sie nur zu richtig sagen, durch so kleine Künste zu erreichen ist. So unähnlich der Künstler dem Prediger sein soll, darin muß er ihm gleich stehen, daß er den Leuten zeige, was sie erfahren _sollen_, nicht was sie erfahren _wollen_. Ueberhaupt giebt es vielleicht keinen Stand, von dem so sehr eine Fülle der Tugenden gefordert wird, als der unsrige. Selbstverläugnend sollen wir sein, beim größten Anreiz zu Eitelkeit und Selbstsucht, uns aufgeben an das Total einer Darstellung, wo es so leicht ist sich abgesonderten Vortheil und Beifall zu verdienen, das Höchste und Vergeistigte immerfort anbieten, wo es wenig geschätzt, dagegen das Geringe und Gemeine begierig verlangt wird und reichlich gelohnt. -- In der That, das Abweichen von den Berufstugenden rächt sich in jedem Stande auch äußerlich, beim Schauspieler wird es belohnt und gefeiert, dennoch soll er getreu bleiben -- wahrlich um der Größe der Aufgabe willen ist es fast zu verzeihen, daß wir sie so miserabel lösen. Und das ist es doch überhaupt, woran die ganze Bühne krankt und ehe der Staat ihr nicht eine strenge Forderung stellt, ehe die Gesellschaft nicht anfängt Ernst und Bedeutsamkeit vom Theater zu verlangen, wird der bessere oder schlechtere Zustand, wie die Wellen des Meeres, immer von den zufälligen Winden abhängen... Die herrschende ~aria cattiva~ hat auch den Schauspielerverein, den ich mit einigen erfrischenden Hoffnungen gestiftet, bis auf 3 Mitglieder heruntergebracht, und keine Wirksamkeit für das Ganze ist mehr von ihm zu hoffen. Ich dachte, dieser Verein sollte eine _Gesinnung_ unter uns erwecken, vergaß aber, daß sie für das Bestehen des Vereines schon vorhanden sein müßte. Jetzt sehe ich ein, diese Gesinnung muß, mit der Bildung zugleich, in Schauspielerschulen gepflanzt werden, die es aber nicht giebt. Im allgemeinen haben die Schauspieler keinen Respect vor ihrem Berufe und daher mißbrauchen sie ihn. Es scheint, der Mensch achtet nur, was ihm sauer wird; wenn die jungen Schauspieler arbeiten müßten, bevor sie zur Production zugelassen würden, wie alle andren Künstler, so würden sie mit mehr Ernst und Achtung daran gehn, sie würden beim Studiren gelernt haben, wie himmelweit wir immer von dem Ideale unsres Berufes entfernt bleiben.
Entschuldigen Sie meine Redseligkeit, es giebt ja nicht viele Orte, wo ich meinem Kummer Luft machen kann. Mit meiner persönlichen Stellung hier, nach der Sie so freundlich fragen, könnte ich sehr wohl zufrieden sein, ich fühle mich oft beschämt vor den Beweisen der Achtung, die mir von Tüchtigen entgegenkommt, auch läßt sich hin und wieder etwas Gutes und Rechtes bei uns hindurch bugsiren, -- mit dem Blaubart ist mir’s freilich immer noch nicht geglückt, -- die Anstellung Seydelmanns kann unser Personal sehr förderlich vervollständigen, aber der Durst nach der tief ins Leben greifenden Wirksamkeit, welche die Bühne haben könnte und sollte, der Durst brennt immer ungestillt in der Seele. Es soll auch wol so sein und bleiben. Wie unendlich werth würde es mir sein, mich einmal wieder mündlich gegen Sie verehrter Mann aussprechen, vielleicht Ihnen etwas von dem zeigen zu können, was ich seit 4 Jahren gelernt; vor dem nächsten Jahre habe ich aber dazu keine Aussicht. In diesem Sommer muß ich hier bleiben, mein neues Haus ausbauen und damit die Ruhe und Arbeitsgemächlichkeit für mein häusliches Leben ein für allemal feststellen. Erhalten Sie mir Ihr unschätzbares Wohlwollen, ich bleibe mit unveränderlicher Verehrung und Anhänglichkeit
der Ihrige _Eduard Devrient_.
Darf ich um Beförderung der Einlage ergebenst bitten?
IV.
_Berlin_ 29. Oktbr. 1838.
_Mein hochverehrter Freund!_