Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band

Part 12

Chapter 123,134 wordsPublic domain

Bemerkenswerth ist auch noch eine von ihm im Jahre 1846 herausgegebene Sammlung von „Denkwürdigkeiten der vornehmsten Schauspieler, die in Shakspeare’s Stücken mitgewirkt.“

Am meisten bekannt gemacht, wiewohl leider in einem unrühmlichen Sinne, hat sich aber Payne Collier durch seine im Jahre 1852 erschienenen:

„~Notes and Emendations to the text of Shakspeare’s Plays, from early manuscript corrections in a copy of the Folio, 1662, in the possession of J. Payne Collier.~“

In diesem Buche werden über fünfzehnhundert wichtige Correkturen des Shakspeare’schen Textes mitgetheilt, die der Herausgeber in einem zufällig in seinen Besitz gekommenen Exemplare der Folio-Ausgabe des Dichters von 1632 gefunden haben wollte, und zwar war als dieser „_alte Korrektor_“ ein gewißer Thomas Perkins bezeichnet, der zur Zeit Shakspeare’s bereits gelebt und seine Verbesserungen zum Theil nach eigener besserer Kenntniß des Textes und zum Theil nach Mittheilungen gemacht haben sollte, welche ihm von Schauspielern der Shakspeare-Aera gemacht worden waren.

In England wurde von P. C. selbst eine neue Ausgabe Shakspeare’s mit den Emendationen des alten Correktors veranstaltet, und in Deutschland fanden sich gleichzeitig zwei Uebersetzer „des wichtigen Ergänzungsbandes zu allen Uebersetzungen Sh’s“ in den Herren _Julius Frese_ und _F. A. Leo_.

In England und in Deutschland wurden zwar sofort sehr gewichtige Zweifel an der Echtheit und Einwendungen gegen die Richtigkeit der gedachten Korrekturen erhoben: in England durch _Knight_, _Singer_ und _Dyce_, und in Deutschland (1853) durch _Nicolaus Delius_, den Herausgeber der vortrefflichen deutschen Ausgabe von Shakspeare’s Werken in englischer Sprache. Das Publikum ließ sich jedoch sechs bis sieben Jahre lang durch die Autorität Colliers täuschen und kaufte seinen verballhornten Shakspeare, bis endlich im Jahre 1859 die Kontroverse, die sich in England und Deutschland erhoben hatte, durch eine gründliche Untersuchung der berufensten Sachverständigen entschieden wurde, an deren Spitze Sir Frederick Madden Oberaufseher der Manuscripte des britischen Museums stand und denen sich die gelehrten Archivare Englands, die Beamten des ~Master of the Rolls~, angeschlossen hatten.

Diese Untersuchung an dem sogenannten ~Perkins-Folio~ selbst, das inzwischen durch P. Collier für hohen Preis an den Herzog von Devonshire verkauft worden war, hat ergeben, daß sämmtliche Korrekturen in diesem alten Buche eine neuere Fabrication seien. Man entdeckte, daß Jemand mit Bleistift sämmtliche Korrekturen vorgezeichnet hatte, worauf sie dann mit Dinte in einer englischen Fracturschrift des siebzehnten Jahrhunderts _übermalt_ worden. Man ermittelte, daß die Bleistift-Vorzeichnungen von P. Colliers Handschrift, daß an einzelnen Stellen die Korrekturen wieder _ausgewaschen_ waren, und daß die Worte „~Thomas Perkins his booke~,“ die auf dem Deckel des Buches stehen, in einer ganz anderen, neueren Handschrift als die des 17. Jahrhunderts geschrieben seien. Das Protokoll dieser Ermittelungen ist sowohl von einem der Bibliothekare des Britischen Museums, Herrn _Hamilton_, als von einem englischen Kritiker, _C. Mansfield Ingelby_, in einem ausführlichen Werke „~A Complete View of the Shakspeare-Controversy~“ publizirt worden.

Aus dem letztgedachten Werke ist zugleich ersichtlich, daß auch die früheren Publicationen Payne-Colliers über Shakspeare zum Theil gefälscht seien. Leider ist jedoch ein Theil der sogenannten „Thatsachen aus Sh’s Leben,“ die P. C. ermittelt haben wollte, wie z. B. seine wachsende Betheiligung bei den Theater-Unternehmungen in London, bei dem Pagen-Unterricht am Hofe Jacob’s I. &c. in alle neueren Lebensbeschreibungen des Dichters übergegangen, und auch von deutschen Autoritäten sind sie noch in neuester Zeit vielfach nacherzählt worden, so daß wir selbst in den besten Biographieen des „Schwans vom Avon“ einen fast unentwirrbaren Knäuel von Wahrheit und Dichtung vor uns haben.

Payne Collier’s Namen ist jedoch seitdem vollständig verschollen. Er genießt zwar noch seine ihm vom Parlamente bewilligte Pension, jedoch nirgends mehr die Achtung seiner Landsleute.

~24 Brompton Square near London Augst 21st. 1842.~

~_Sir_~

~I make no apology for addressing the following question to you.~

~Have you any information respecting any visit paid by Shakespeare either to Italy or to any other part of the Continent?~

~It is stated in London that you possess some such information, and as I am now engaged on an edition of Shakespeare’s Works, which will be preceded by a new Life of the Poet, you will see at once how valuable any fresh tidings would be to me.~

~If I understood your language half, or one quarter, as you have proved that you understand mine, I should be better able to avail myself of the valuable matter you have from time to time printed regarding the biography and writings of our great dramatist.~

~I do not hesitate a moment in believing that should you have obtained any such information, as that to which I have referred, you will not object to communicate it to a person who has devoted his life to understand a writer, whom it requires more than a life to comprehend and appreciate. I am,~

~_Sir_, with the greatest respect and most sincere admiration your very obedient Servant J. Payne Collier.~

~My friend Mr. H. C. Robinson desires me to present to you his best compliments, and to add that he hopes to find you at Berlin, when he visits Prussia next year.~

~_Adresse._ _Ludwig Tieck Esqre._ Berlin By favour of his Excellency the Chevalier Bunsen.~

=Collin, Matthäus von.=

Geb. zu Wien am 3. März 1779, gestorben daselbst am 23. November 1824. Er begann als Professor der Aesthetik, wie der Geschichte der Philosophie, an der Universität Krakau, gelangte später an die Wiener Hochschule, ward 1815 Lehrer des Herzogs von Reichstadt, und redigirte erst die Wiener Literaturzeitung, von 1818 die Wiener Jahrbücher der Literatur.

Seine dramatischen Dichtungen: der Tod Friedrichs des Streitbaren -- Marius -- Bela’s Krieg mit dem Vater -- die feindlichen Söhne -- Essex (eine Bearbeitung des alten Trauerspieles) -- und manche andere sind längst vergessen. Sind es doch auch die seines unstreitig höher stehenden Bruders _Heinrich_, dessen Mäon -- Regulus u. a. wir noch vor fünfzig Jahren mit jugendlichem Entzücken darstellen sahen! --

Nachstehende, an Tieck gerichtete Briefe zeigen den Menschen, den Gelehrten, den Poeten, -- die Zeit -- und den Ort auf unterrichtende Weise. In ihrer pedantischen selbstbewußten Sicherheit schildern sie das alte Wien. Sie sind lehrreich für die Literaturgeschichte. -- Wer doch auch Tieck’s Erwiederungen hätte!

I.

_Wien_, den 19ten May 1817.

_Verehrter Freund!_

Ich bin so frey Ihnen durch Herrn Büsching in Breßlau beyfolgende 4 B. meiner dramatischen Dichtungen zu senden, und ersuche Sie dieselben als ein Zeichen meiner Verehrung und Dankbarkeit betrachten zu wollen, indem Sie, obgleich ich in ganz anderer Art arbeite, dennoch durch Ihre Dichtungen seit früher Zeit mein Lehrer gewesen sind. Friedrich den Streitbaren, den Sie im Manuscripte lasen, werden Sie hier sehr verändert treffen, so auch Bela, den Sie aus der ersten Auflage kennen. Ich hoffe, Sie befinden sich jetzt besser, als seit einiger Zeit her, denn ich hörte, sie seyen fortwährend unpäßlich gewesen. Ich bin jetzt nach Hof gekommen, und Erzieher des Prinzen von Parma geworden, bin verheirathet, habe drey Kinder; kurz, Sie können sich keinen vollständigeren Hausvater denken. Wie oft habe ich an jene schöne Zeit zurück gedacht, wo ich das Glück hatte, Sie, den ich bis dahin nur aus Entfernung verehrt hatte, persönlich kennen zu lernen! mein guter Bruder ist uns seitdem vorausgegangen; Ihre nähere Bekanntschaft war für ihn von den fruchtreichsten Folgen gewesen. Wie sehr er Sie ehrte, habe ich in dessen Lebensbeschreibung, die dem letzten Bande seiner Werke beygefügt ist, klar genug dargestellt. Ich werde, so wie ich eine schickliche Gelegenheit finde, Ihnen, da ich einige besondere Abdrücke der Biographie machen ließ, ein Exemplar zuschicken, da ich hoffe, es werde Sie diese Biographie wegen so mancher darinn entwickelten Eigenheiten Wiens und des hiesigen Lebens interessiren. Wenn Sie sich noch an das, was ich zwar bezweifle, erinnern sollten, was Sie mir über Fried. den Streitbaren und Bela bemerkten, so werden Sie finden, daß ich, so viel es mir möglich war, Ihre Bemerkungen benützte. Ich habe eigentlich die Absicht bey meinen, vaterländischen Stoff enthaltenden dramatischen Arbeiten ein größeres in sich zusammenhängendes Werk von 10 bis 12 Schauspielen zu bilden, welche die Zeit Leopold des Glorreichen und Friedrich des Streitbaren bis zur Herankunft Rudolfs von Habsburg umfassen sollen. Ich lasse aber für jetzt diese Schauspiele außer der Ordnung drucken, weil ich vorerst bemerkbar machen will, daß jedes ein für sich bestehendes in sich abgeschloßnes Ganzes sey. Ich ersuche Sie recht sehr, Ihrer Abneigung gegen Briefe-Schreiben ungeachtet, mir Ihre Bemerkungen ohne Umschweife mitzutheilen, und mich auf dasjenige aufmerksam zu machen, was ich nach Ihrer Meynung etwa versäumt oder verfehlt haben könnte. Sie kennen mich hinlänglich, um zu glauben, daß ich dieß Ersuchen, in ganz reiner Absicht an Sie stelle; nur bitte ich dieß eine gegenwärtig zu halten, daß der eine Theil der Geschichte, den ich bearbeite, es erfordert, der Leidenschaftlichkeit einzelner Charaktere nur geringen Raum zu gönnen, und alles mehr im Gleichgewichte des Gefühls zu halten, als z. B. Shakespeare gethan hat. Auch werden einige mit eingeflochtene ritterliche Lustspiele, wenn das Ganze vollendet seyn wird, den Charakter des Ganzen außer allen Zweifel stellen. Von dem, was bis jetzt gedruckt ist, sind die Schauspiele im 3. Bande das erste oder früheste: es wird aber auch der Herr Kaspar von Rastenberg mit dessen traurigen Küchenbegebenheiten, die Sie im Manuscripte lasen, freylich überarbeitet, in der Sammlung erscheinen.

Wenn Sie jetzt wieder nach Wien kämen, würden Sie es gar sehr, und ich glaube nicht zu seinem Vortheile verändert finden. Diese letzten Kriege haben den Volkscharacter gleichsam sich selbst entwandt, und ihm ganz fremdartige Eigenheiten aufgeprägt. So strebt auch z. B. das Leopoldstädter Theater jetzt nach Bildung, und kaum vermag das entschiedene Talent einiger Komiker die alte Weise jener Bühne noch einigermaßen dort festzuhalten. Die alte Treue, wenn sie auch hin und wieder noch dieselbe ist, hat doch ein anderes Gesicht angenommen, und schämt sich der ehemaligen Einfalt. Uebrigens ist jetzt bey uns die Zeit eingetreten, wo auch der Bürger die Kunst Geld zu machen für die edelste der Künste hält. Mit Poesie beschäftiget man sich mehr als sonst; aber ich glaube gar nicht, daß dieß wie ein gutes Zeichen zu betrachten sey, da der Oesterreicher weit mehr für ein poetisches Leben als für Kunstbetrachtungen geschaffen ist; ich glaube dadurch meinen Landesleuten und mir selbst keineswegs etwas nachtheiliges zu bezeugen, sondern will nur sagen, daß dieses Haften an den Kunstproducten, dieß Umkehren und Wenden und Bekritteln uns ganz fremd sey.

Ich habe jetzt den Fortunat mit sehr großem Vergnügen gelesen, und insbesondere die große Kunst bewundert, mit der Sie einen dramatischen Zusammenhang in diesen höchst schwierigen Stof zu bringen gewußt haben. Ich glaube aber es wäre besser gewesen, drey Theile statt zwey zu bilden, so daß der erste mit der Vermählung Fortunats aufhörte, der dritte aber mit der Reise Andalosia’s anfinge. Wenn etwa im 4t. Band das Donauweibchen kömmt, will ich mich im Voraus als einen glücklichen Menschen betrachten, wenn ich mir die Stunden vorstelle, wo ich dieß Stück lesen werde; denn ich kann an die Bruchstücke, die sie uns vorlasen, nie ohne Begeisterung denken. Man hat jetzt Hoffnung das Originalmanuscript des Frauendienstes aus der Dunkelheit hervor zu ziehen, wo wohl die jetzt bestehenden Lücken ausgefüllt sich finden würden. Herr Schottky, der von Breßlau hieher kam, ist diesem Manuscripte auf der Spur; ich wünsche ihm alles mögliche Glück. Jetzt ist man hier beym Theater sehr auf Trauerspiele in Form der Schuld erpicht, ich bitte aber meinen Butes nicht dazu rechnen, den ich schon 1806 so entworfen hatte, wie er jetzt erscheint. Friedrich Schlegel läßt gar nichts von sich hören, ich habe ihm gestern geschrieben. Ich bitte mich den Ihrigen unbekannter Weise zu empfehlen. Mit vollkommenster Hochachtung

Ihr

ergebenster _M. Collin_.

II.

_Baaden_ in _Oesterreich_ den 11ten July 1818.

_Verehrtester Freund!_

Ich habe einen Brief an Sie vor mir liegen, den ich, nachdem ich lange auf die versprochne Recension des Voßischen Shakspeare gewartet, im April d. J. ausführlich genug schrieb; ich weiß nicht, warum ich immer zauderte ihn abzuschicken. Endlich erfuhr ich, daß diese Uebersetzung noch gar nicht erschienen sey, und ich beschloß Ihnen von Neuem zu schreiben. Den Hafner so wie den 1ten B. der Jahrbücher schickte ich vorläufig durch die Gesandtschaft an Reimer in Berlin, ich hoffe, Sie werden diese Bücher erhalten haben. Meines Bruders Werke werde ich Ihnen, wenn ich wieder nach Wien komme, zusenden, ich fürchtete das Paket zu groß zu machen. Wollten Sie nicht die Güte haben, irgend ein anderes Werk zur Beurtheilung zu übernehmen, bis Sie vielleicht 2 oder 3 Bände Shakespears zur Hand haben? Vielleicht Solgers Gespräche über das Schöne? Sie haben jetzt den 1ten B. der Jahrbücher bereits durchsehen können, so daß ich kaum bemerken darf, daß die Recensionen so lang seyn können, als Sie es nur immer für nöthig halten; je mehr und weitläuffiger Sie sich über Ihre eigenen Ansichten verbreiten wollen, desto besser ist es, weil man gern ein, in so fern dieß bey Anzeigen fremder Werke möglich ist, durch sich selbst bestehendes Werk in diesen Jahrbüchen liefern möchte. Auch wäre es sehr schön, wenn Sie Bouterweck sogleich vornehmen wollten; denn erscheine nun ein neuer Band oder nicht, so ist der Gegenstand so wichtig, daß er auch ohne Veranlassung der Erscheinung eines neuen Bandes für die Jahrbücher mehr als geeignet ist.

A. W. Schlegel hat sich für jetzt entschuldigt, und liefert nichts, Friedrich Schlegel hat mir eine Schaar Bücher vorgeschlagen, aber bis jetzt noch nicht eine Zeile geliefert. Ich bitte hierinn Ihren Freunden nicht nachzuahmen, sondern einem nur das Beste der Kunst und Wissenschaft bezweckenden Institute auch durch Ihre Beyträge beförderlich zu seyn. Ich ersuche auch A. W. Schlegel das alt deutsche Theater anzuzeigen, und weiß jetzt nicht, wem ich es übergeben soll. Den Phantasus werde ich, wenn der 4. B. erscheint, im Ganzen anzeigen, ich that es nicht gegenwärtig, weil ich nicht sogleich den Böttiger durch die Anzeige des gestiefelten Katers kränken wollte, da er in Hinsicht der Entstehung der Jahrbücher sich einiges Verdienst erworben. Seine Briefe an mich sind, ich weiß nicht soll ich sagen lächerlich oder ärgerlich; denn er muntert mich immer auf, ihm Geheimniße zu vertrauen, die nicht existiren; und obwohl er aus dem ersten Bande der Jahrb. hätte sehen können, daß sie ein ganz harmloses Werk sind, schreibt er doch an andere: ob er auch trauen dürfe? Eben so fürchtet er die Censur unaussprechlich, und doch schreibt er in einem Fache, dem die strengste Censur nicht leicht beykommen kann.

Wie sehr mich das, was Sie mir über meine dramatischen Arbeiten schrieben, aufgemuntert hat, kann ich unmöglich sagen. Daß ich ganz Ihre Ansicht des historischen Schauspiels habe, glaubte ich schon während Ihrer Anwesenheit in Wien aus manchen Aeusserungen zu bemerken; mir ist dieselbe so zu sagen, natürlich, und gar nicht die Folge eines besonderen Studiums, obgleich ich jetzt bereits viele Jahre auf die solidere Begründung derselben verwendet habe. Es wäre sehr zu wünschen, daß Ihr so lang erwartetes Werk über Shakespeare endlich erschiene, denn ausser so manchen höchst schätzbaren Beyträgen zur Kenntniß der Werke selbst und zur Erklärung mancher Einzelnheiten, wird wohl damit das erstemal, seit über den Dichter geschrieben worden, eine erschöpfende Ansicht seiner Wesenheit oder poetischen Eigenthümlichkeit an das Licht treten. Ich habe einmal versucht in Fr. Schlegels Museum eine Entwickelung des Shakespearschen Schauspiels vom historischen Standpunkte aus, als den diesem Dichter wesentlichen, zu geben, und Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mir hierüber Ihre Meynung eröffnen wollten.

Was meine Schauspiele betrifft, so muß ich hier vorläufig bemerken, daß sie freylich nicht ganz jene historische Treue haben, welche ein strenger Verehrer der Geschichte fordern könnte; ich glaube aber, daß sie im _historischen Style_ geschrieben sind: nämlich nach jener Ansicht des Dichters, nach welcher nicht eine Idee durch dramatische Einkleidung poetisch realisirt werden will, sondern nach welcher das Gegebene, die Handlung als bereits realisirtes Ideal des Lebens aufgefaßt, und in dieser Ansicht als solches dargestellt wird. Hierinn unterscheidet sich, wie ich glaube, die historische Dichtung von der romantischen wie von der antiken, und es gibt auf diese Weise noch eine dritte Dichtungsform, nämlich die historische. Weil ich etwas dergleichen in der Vorrede zum 1ten B. meiner dram. Dichtungen sagte, hat ein Recensent der Leipzig. Lit. Zeit. (ich vermuthe Adolf Müllner, der Verf. der Schuld) im Juny- oder Julyhefte vor. Jahres sich sehr anmaßend über mich lustig gemacht, wie er überhaupt diese Dramen aus einem sehr willkürlichen Standpunkte beurtheilte, und mit mir wie mit einem Schuljungen sprach.

Ferner muß ich bemerken, daß diese meine Dichtungen Bruchstücke eines ausgedehnten Ganzen sind, welches die Zeit Leopolds des Glorreichen bis zur Ankunft Rudolfs von Habsburg umfassen soll. Ich werde daher klüger auch nichts mehr drucken lassen, bis ich das Ganze auf einmal geben kann. Alles wird sich in drey Haupttheile bringen lassen: Leopold der Glorreiche, Friedrich der Streitbare, Ottokar. Die erste Abtheilung hat durchaus mehr den Charakter des Lustspiels im edlern Style, und ich denke ihr sogar den Kaspar v. Rastenberg, den Sie in österr. Mundart lasen, nach vorhergegangner Umarbeitung einzuverleiben. Die Kunringer sind der Uebertritt aus der heitern Zeit Leopolds in die ernste und arbeitsvolle Friedrichs, und wie in diesen Kunringern das heitere Heldenthum untergeht, glaubte ich auch den lustigen Auswuchs jener Zeit, Herrn Kaspar sammt Gefolge in einer, allerdings das Trauerspiel parodirenden Weise, als dessen absolutester Gegensatz, seinem Ende zuführen zu sollen. Ich glaube nicht, daß Sie, theuerster Freund, nach dieser Auseinandersetzung H. Kaspar und die Seinen weiter in den Kunringern anstössig finden werden. Daß die feindlichen Söhne Sie nicht so, wie Bela, angesprochen haben, finde ich zwar leider nur ganz der Sache angemessen, glaube aber, daß die wahre Ursache darinn liegt, weil dieß Stück, wie mir scheint, den Eindruck eines Fragments macht; denn ein historisches Schauspiel in 3 Akten ist beynahe etwas lächerliches. Diesen Uebelstand habe ich von Anfang her empfunden, weiß mir aber nicht recht zu helfen. Es wäre zwar leicht, zwischen dieses Stück und der dramatischen Scene, Heinrich der Grausame, einen Akt einzuschieben, und so ein Stück von 5 Akten zu erhalten; die 3 ersten Akte dieses neuen Schauspiels hätten dann aber nur 8 Tage Entfernung vom Sch. Bela, und die letzten 2 würden einen Zeitraum von beyläufig 4 Jahren umfassen. Dem Heinrich d. Grausamen habe ich keineswegs unrecht gethan. Sie scheinen mir überhaupt die Familiengeschichte der Babenberger mit der des ungrischen Hauses damaliger Zeit zu verwechseln, denn unter den Babenbergern findet sich, die Vorgänge mit Heiner d. Grausamen abgerechnet, kein Zwiespalt. Friedrich d. St. hat sich nie etwas gegen Vater und Geschwister zu Schulden kommen lassen, und was ~Petrus de Vineis~ gegen ihn z. B. in Hinsicht der Mutter vorbringt, sind eben nur Herrn Peters Lügen. Uebrigens ist die von Ihnen gegebene Darstellung Fr. d. St. gewiß sehr treffend, und Sie werden finden daß ich ihn im Ganzen eben so auffaßte; einiges was diesem im Tode Fr. d. St. durch zu große Weichheit widersprechen mag, rührt noch von der ersten jugendlichern Bearbeitung her, und ich werde es in der Folge berichtigen. Mehr Unrecht, den Kunringern gegenüber, konnte ich nicht in seine Schaale legen, ohne das poetische Gleichgewicht zu zerstören. Heinrich Lichtenstein hatte den Fehler, etwas geitzig zu seyn doch war er ein guter Feldherr. Sein Haus ist übrigens ein der österr. Geschichte so wichtiges, daß man wohl die demselben gebührende Ehre auf Heinrichs Haupt legen konnte. Mit dem Ganzen dieser Lust- Schau- und Trauerspiele will ich eigentlich den Untergang der edlern deutschen Heldenzeit in der prosaischeren Verstandesepoche des angränzenden Jahrhunderts darstellen, doch eine Aussicht auf deren Wiedererneuerung offen lassen.