Berge Meere und Giganten

Part 29

Chapter 293,752 wordsPublic domain

An einer bezifferten Tür hielt Ten Keir. Sie fuhren auf einem Fahrstuhl abwärts. „Es braucht niemand zu wissen“ erklärte der sehr ruhig gewordene Ten Keir in dem völlig leeren Raum, an dessen Wand eine Zahl ungeöffneter flacher und hoher Kisten standen, „braucht niemand zu hören, was wir besprechen. Vielleicht äußern die englischen und amerikanischen Freunde, was sie zu sagen haben.“ Man kauerte sich hin in dem Raum, dessen Schwärze von einem Lichtbüschel durchzogen war, das wie aus einem Loch aus der Wand von einem Lichtfleck kegelförmig ausgestrahlt wurde. Als nicht gleich einer sprach, fuhr Ten Keir, neben dem Lichtfleck im Dunkeln stehend, fort: „Ich wiederhole, was ich gesagt habe: freiwillig danken wir nicht ab. Man wird uns zwingen müssen. Wie man das tun wird, will ich erwarten.“ Delvil: „Es wird dich und uns alle niemand zwingen.“ „Dann bleiben wir.“ Seufzte Delvil, ließ die Schultern sinken: „Es geht nicht. Wir kommen nicht weiter.“ „Wir kommen weiter. Seht auf uns und ihr kommt weiter.“ Bittend sah sich noch Delvil nach beiden Seiten um: „Will nicht ein anderer sprechen. Und will nicht, – verzeih mir, Ten Keir, – ein anderer Ten Keir ablösen.“ „Für mich braucht niemand zu sprechen. Meine Auffassung ist die der anderen.“ „Aber wir kommen nicht weiter.“ Schrie Ten Keir, fuchtelte: „Delvil, Euch ist nicht zu helfen. Wo stehst du eigentlich. Bist du auch ein halber Paradiesbruder? Wo ist dein Herz?“ „Mäßige dich, Ten Keir“ bat auch Frau Atorai. „Warum mäßigen? Ihr meint es ja auch. Delvil ist ein hoffnungsloser Fall. Er zerrt und zieht. Er weiß nicht, was er will. Er ist hilflos. Es ist ein Verbrechen, Delvil, in dieser Zeit hilflos zu sein. Wenn du hilflos bist, tu wie White Baker.“ Heiser Delvil: „Rate mir nicht. Laß mich aus dem Spiel.“ „Ich kann niemanden aus dem Spiel lassen, der hier ist.“ Heiser Delvil: „Ich will, daß du mich aus dem Spiel läßt.“ „Ah du grollst. Das ist ja recht. So kommst du zur Besinnung. Ich denke, so wird es den andern Paradiesbrüdern auch gehen. Dann werden sie sich wehren und dann wird sich zeigen, wer der Stärkere ist.“ „Wer der Stärkere ist. Wer der Stärkere ist. Es ist nichts damit geschafft, daß einer der Stärkere ist.“ „Weggerafft ist der andere. Und damit ist es geschafft!“ „Nein es ist nichts geschafft.“ Ten Keir trat an Delvil heran: „Was suchst du eigentlich hier. Bist du ein Spion?“ „Sei still, Ten Keir. Ich bin bewaffnet wie du. Du tust mir nichts.“ „Du bist in meinem Haus.“ Pember trennte sie mit seinem schwarzen kurzen Körper. Als wäre nichts geschehen, näselte er phlegmatisch: „Wir sind einig darüber, worin die Not besteht. Wollen wir nun unsere Stellung dazu verhandeln.“ Delvil hob die Hand: „Ich bin schon ruhig, Pember. Wir sind uns nicht darüber einig, worin die Not besteht. Wir sind uns nicht darüber einig.“ Erstaunt wich der schwere Mann zurück, blickte hin und her zwischen Delvil und dem andern. Triumphierend Ten Keir: „Laß ihn also ausreden.“ Pember: „Ja. Willst du die Schlangen und die Schweiger und wie sie heißen?“ Frau Atorai schlank und ruhig überlegen an der Wand gegenüber Delvil, öffnete die lächelnden Augen: „Er will ja die Schlangen.“ Mit plötzlich erschlaffendem Gesicht, klagend Delvil: „Das weißt du nicht. Das wißt ihr doch nicht.“ Er sank auf die Knie, hielt den gesenkten Kopf in den Händen; man hörte ihn schluchzen.

Grimmig kehrte Ten Keir zu dem Lichtfleck zurück, knurrend: „Da ist es. Er ist hin.“ Lächelnd und gleichgültig durch die Stille Frau Atorai: „Laßt ihn sich ausweinen.“

Ein Mann bewegte sich neben Ten Keir seitlich von der Lichtquelle, stellte die Iris des Strahls enger. De Barros, ein erst aufgenommener Wärmeforscher, leicht eingedrückte Nase, aufgeworfene Lippen, dunkle Hautfarbe. Er redete hart, ohne einen anzublicken: „Ich sehe, was Delvil will. Die Dinge, die er bezweifelt, bezweifle ich nicht. Die Führung durch die Stadtschaft sollte ihm zeigen, was wir verteidigen. Das ist mißglückt. Wir geben uns aber nicht auf. Und dann: Es sind Hunnen vor zwei Jahrtausenden gekommen, die alles wegrafften. Dann war Jammer und alles begann von vorn. Wir lieben das nicht. Warum nicht? Wir wollen nicht.“ „Eine einfache Rede, De Barros“, lächelte unverändert Frau Atorai. Pember bemühte sich um den hingesunkenen Delvil: „Es scheint, wir müssen unsere Unterhaltung abbrechen.“

Am frühen Morgen suchte Delvil Ten Keir auf, in dessen Haus schon De Barros saß. Beide Herren finster. Delvil gab Ten Keir die Hand: „Ich bin in deinem Wohnhaus und bin waffenlos.“ „Setz dich.“ Ten Keir wanderte, stellte sich vor Delvil, hob die gefalteten gepreßten Hände vor die Stirn: „Also – kapitulieren sollen wir? Kapitulieren. Weißt du, ich bin nicht weit entfernt davon, mit dir die Rolle zu tauschen.“ Und knirschte stampfte am Fenster, lachte gallig: „Gut, daß du gekommen bist. Hast du dich nach den Amerikanern erkundigt? Sie schwiegen gestern so ausdrucksvoll. Sie sind abgereist.“ Delvil zuckte: „Ach.“ „Was gibt’s zu ächzen? Kannst jauchzen. Du wolltest den neuen Völkerkreis machen. Lauf ihnen nach. Ich habe sie gleich erkannt. Sie sind reif.“ „Wozu.“ „Zum Abdanken. Zum Kapitulieren. Eure White Baker sitzt ihnen in den Knochen. Das sind keine Herren. Nicht einmal Diener. Das sind Hunde. De Barros, ich schäme mich.“ Der stand, schloß vor Erregung die Augen: „Und ich. Sie haben es nicht verdient an unserm Tisch zu sitzen. Es scheint, daß nur wenig es verdienen. Dann müssen die wenigen Mut haben, die Tafel zu säubern. Ja. Und den Platz zu behaupten.“ Ten Keir höhnte: „Eine große Zeit, ein kleines Geschlecht. Nein, wir sind kein kleines Geschlecht. De Barros, wir sind nicht klein. Jevaroz ist nicht klein, Frau Atorai ist nicht klein. Für Gras werf ich kein Jahrtausend Gedanken hin. Wir können die Zähne zusammenbeißen und kämpfen. Ich kann auch sterben.“ „Es wird eine Schlacht geben.“ „De Barros, wir sind noch fest. Man wird versuchen uns zu unterhöhlen. Wir werden es nicht so weit kommen lassen.“ Delvil saß mit aufgestütztem Kopf: „Was wollt Ihr tun?“ „Der Uralische Krieg im Land, Herr Delvil! Delvil“ er schüttelte ihn „die Augen auf. Es bleibt nichts weiter übrig.“

Öfter trieb es Delvil und Pember durch die Versuchsanstalten der Belgier. Sie sahen die Schar starker Männer und Frauen, gingen neben De Barros. In manchen Augenblicken kam es Delvil vor, als wenn er träume von einer Gefahr. Wie weit war White Baker, wie unbegreiflich, widerlich diese Schlangen, Krieger, Barbaren, Marduks, Zimbos. Ob es nicht wirklich richtig war sie niederzurennen. Aber auch hier schon das Wimmeln auf den überdachten Straßen. Die vielen Tempel und Zauberer. Von draußen schlugen Flüchtige Verirrte hinein.

Die belgischen Senate gaben die Parole aus, heimlich zuverlässige Stadtschaften zu gewinnen, sie sich anzuschließen, wo man sie finde, schwächliche Senate durch Handstreiche zu stürzen, auf dem Festland, später in Amerika; auch die afrikanischen Küsten zu besetzen. Ihre aufs stärkste bewaffneten Vertrauensleute wiegelten französische spanische italienische süddeutsche westdeutsche Stadtschaften auf. Man hörte von Revolten in einigen dieser Städte, von Umsturz der Herrschaft, dem Aufkommen neuer Senatsgeschlechter, die von den Belgiern geschützt waren. In Brüssel Antwerpen Mons setzte die Erweiterung der Mekifabriken, die Vervollkommnung der Waffen, Aufstapelung großer Waffenmengen ein. Es gab Augenblicke, wo Delvil und Pember, die immer wieder nach Brüssel zurückkehrten, unter den frischen Impulsen aufatmeten. Die Belgier sprachen dann offen mit den Londonern. Ten Keir hatte nichts weniger vor als die Besetzung Londons. Er verlangte mit Einverständnis der belgischen Senate von Delvil eine bestimmte Erklärung über die Maßnahmen, die gegen die drohende Vernichtung der britischen Stadtschaften und zur Säuberung der englischen Inseln getroffen würden.

London hatte diesen Schritt längst erwartet. Man konnte nicht verhindern, daß geübte Scharen aus Belgien und Holland überführt wurden, die am Bau neuer Fabriken und Waffenherstellung arbeiteten. Zeit verlief. Delvil war nur fest in dem Entschluß geworden, nicht zu fallen wie White Baker, die in London erschienen war und ihn ermahnt hatte, sein Amt niederzulegen, das Rad des Geschicks nicht aufzuhalten. Sie sahen sich an. Noch immer trug die sehr mager gewordene Frau weiße Stoffe und wollene schwere Schultertücher, wie jene Ratschenila; der knöcherne Krähenschnabel hing an ihrem Hals; sanft, ungewohnt zart sprach sie zu Delvil, dessen Hand sie lange hielt. Er fühlte sich durch Stunden verwirrt und unruhig nach den leise eindringlichen Reden, dem Schweigen der früher so stolzen starken White Baker, die zum Krieg gegen Marduk gerufen hatte. Unter Trauer wurde ihm klar: sie begriff nichts von den Dingen, die auf dem Spiele standen, erinnerte sich nicht mehr. Sie hätte die starken strengen belgischen Menschen und ihre Werke sehen müssen.

Schon verbreitete sich zu den Massen des englischen Landes im Westen und Norden, was vorging. Sie berührten sich mit den eingeführten Völkern. Die Angst der Siedler. Nur die kriegerischen Gruppen hörten mit Lust, was der Senat bereitete; London wurde reif, wühlte sich sein Grab. Sie sangen Lieder vom Schicksal Hamburgs Hannovers, von dem feinen mißglückten Plan mit Zimbo, der märkischer Konsul geworden war. Brandstifter schlichen zwischen die Häuserreihen. Die fremden Belgier hatten so listige rohe Menschen noch nicht gesehen. Man war in einem lautlosen von Woche zu Woche sich steigernden Krieg.

* * * * *

Damals trugen die friedlichen Schlangen eine Fabel mit sich herum. Es gab ein fernes Land, das unter warmem Himmel mit fruchtbaren Bäumen in tiefster Ruhe lag. Die Menschen glänzten und verblichen wie Sonnenstrahlen. In diesem Land lebte ein großes sanftes Tier. Dicht und schwarz war es von einem Pelz umhüllt. Es lagerte träge, ein Bär, in seiner Höhle. Da drangen Ungetüme mit Wut, Wagen Waffen Geräte hinter sich, in das Land. Mit Keulen und Beilen schlugen die Ungetüme auf das träge sanfte Tier. Sein Fell war so dick, daß er nicht einmal knurrte. Man stieß es und zwickte es mit feurigen Zangen: es zitterte, hob sich auf. Als man die Höhle um den Bären zum Einsturz brachte, machte er sich auf die Wanderung. Schleppte sich davon. An ein brausendes großes Wasser kam er. Da konnten die wütenden Verfolger nicht nach. Das Tier war fast blind, die scharfe Seeluft hatte es geschnuppert, warf sich aufs Wasser, schwamm. Schwamm, bis es Klippen berührte und gegen eine Insel stieß.

Und wie es in der Schlucht lag, fingen über ihm die Felsen zu wanken an. Blöcke polterten in die Schlucht. Der Bär kroch hoch, kroch herum, duckte sich, wußte nicht was war. Die fremden Ungetüme hatten die Ameisen bestochen den Sand von dem Berg zu schleppen, die Felsen zu untergraben. Ein junges Wiesel schlüpfte zwischen den Trümmern auf, lief dem Bär voraus. Der Bär hielt den zappelnden Schwanz des Tierchens zwischen den Lippen, das Wiesel kroch ans Meer, setzte sich steuernd auf den Rücken des Bären. Der schwamm, schwamm. Bäume sah das Wiesel, eine neue Insel tauchte auf. Sie gruben sich zwischen Schilf in die nasse Ufererde ein. Am Abend dampfte es um sie, die Erde fing an warm zu werden, von Stunde zu Stunde blies heißere Luft herunter. Das Wiesel zuckte, warf sich quiekend um das große schwarze Tier. Das schnappte lechzte stöhnte beengt. Die Ungetüme waren zum Himmel aufgestiegen, hatten sich mit Leitern und Haken der gewaltigen Sonne bemächtigt, sie gezwungen, die Insel zu erhitzen. Die schmolz schon dahin. In einem feurigen Brei lag der Bär. Mit trockenem Rachen, nach Luft beißend, schob er sich hoch. Sein Fell flammte. Er brach die Grube auf. Sprang und rannte. Wo war das Wasser, das Wasser. Das Wiesel lief nicht mit, der Bär hatte es nicht retten können, hatte es selbst von seinem Rücken in die Glut aufgeschleudert. Brüllend trieb er vorwärts, drehte sich, stand auf den Hinterbeinen vor Schmerz. Die Glut hetzte ihn. Der kalte Wind fuhr an. Da war der Wind. In das Meer stürzte das große Tier von einem Felsen. Winselte im Fall, wollte nicht mehr schwimmen, wollte hinuntertauchen auf den Meeresgrund, ertrinken.

Ein grüner Wassergeist sprudelte auf, wie er das Meer berührte. Bespritzte sein Fell. Die Schmerzen des Bären ließen nach. „Ich will dir zeigen“ sang der Wassergeist, „wohin du schwimmen sollst. Du kannst allein hinfinden. Du mußt weiter schwimmen, nach Norden, wo es eiskalt ist, wo kein Sand ist, wo auch nichts wächst. Wo die Sonne nicht scheint und immer Nacht ist, dahin mußt du schwimmen.“ Der Bär grunzte müde und lahm. Er lag auf dem Wasser, ließ sich treiben. Sein schwarzer dicker Pelz wuchs wieder, wie ihn die Wellen trugen Woche auf Woche. Es war finster vor seinen halbblinden Augen. Jetzt spürte er manchmal eine leichte Helligkeit. Er schwamm ihr nach. Vom weißen unermeßlichen Eis ging die Helligkeit aus. Er stieg aus dem Meer, schüttelte sich. Trottete, den Kopf abwärts, über die Eisplatte, vor eine Grotte, die eben zufror. Da kroch er hinein, legte sich. Er lag völlig ruhig. Keinen Schritt kam er über das Eis. Nur wenn er Hunger hat, bricht er ein Loch in die Grotte, fängt sich Fische auf dem Meer.

* * * * *

Die Siedler trugen das Märchen herum. Es mochte mit dem bewunderten Zug der Stadtflüchtigen Amerikas nach Labrador, an die kalte Hudsonbai zusammenhängen. Sie wollten fort von den Stadtschaften. Krieger griffen London an, andere Siedler suchten sie zu hindern. Die Furcht vor einer zerstörenden Entladung der Stadtschaft wuchs. Währenddessen trieb sich Delvil, bitter, ratlos, auf den Chittern-Hills herum. Die Sehnsucht, der angstgetriebene Wunsch nach einer Ferne, Fremde war allgemein. Diese Menschen ernst, sanft, viele krank und entstellt, stumme Arbeiter, fröhliche Beter. Von Marduk sprachen sie zueinander, aber nicht von dem gefährlichen Konsul; nur von seinem Ringen mit der armen hilflosen Balladeuse, von seiner Freundschaft mit dem weißen Jonathan, und der Liebe zu der süßen rettenden Elina.

Eines Mittags, wie Delvil aus dem verschneiten Bedford aufbrach, um in die Stadt zurückzukehren, lief eine weiße Katze im Sonnenschein vor seinen Füßen. Lief den Feldweg hin und her, im Blitzen des Lichts, saß leckte sich das Fell. Sie mußte sich verlaufen haben. Oft verschwand sie, dann kehrte sie zu ihm mit langen Sätzen zurück. Sie schnurrte putzte sich am Boden zu seinen Füßen. Es zuckte in ihm auf. Seine Augen weiteten sich. Ein Frost lief über ihn. Man mußte die Menschen wegführen, wo sie Ruhe hatten. Man mußte sie weit weg in Sicherheit bringen. Mit einmal dachte es so in ihm. Die weiße Katze saß auf seinem Stiefel. Er stand still, bückte sich zögernd herunter, strich über ihr Fell. Sie krümmte den Buckel hoch, blieb ruhig. Vorsichtig richtete er sich auf. Sie huschte davon. Er schleifte ihr nach. Man mußte die Menschen in eine ferne Sicherheit bringen.

In London sprach er es aus. Man verstand ihn schwer; was sollte man mit lächerlich humanitären Gedanken, während man bedroht war. Nur Pember, der schwere, achtete auf. In Brüssel hörten sie ruhiger zu. Man konnte die Städte von den Neuerern befreien. Man konnte den Städten ein Abflußbassin verschaffen. Ein sehr entlegenes Abflußbassin, ein Land für Deportationen. Delvil hatte volle Sicherheit; seine Krise hatte er in Bedford überwunden. Er zeigte den Belgiern: die Stadtschaften verlangten nach Bewegung Aufschwung. Von der Beseitigung der Unruhe, der Bedrohung zu schweigen. Sie könnten jetzt ihre Kraft zeigen. Anders als im Uralischen Krieg. Das Land, das fern von den westlichen Städten liegt und den Siedlern alle Ruhe gibt, sollten die Stadtschaften selbst schaffen. Es mußte ein Becken für neue kraftvolle Menschenrassen werden. Wohin also, zweifelten die Brüsseler. Delvil: Man könne sie nicht führen, wohin sie nicht wollten. Man müsse ihren Sinn ergründen. Es gäbe eine Fabel unter ihnen. „Der schwimmende Bär“ schmunzelten die Senatoren. Sie wollten, sie drängten nach Norden; dort müsse man ihnen ein großes Land schaffen. Die Belgier blieben im Staunen. Es war ein Experiment, das der Londoner zeigte. Delvil war in Nöten. Sein Plan war kurios, aber nicht schlecht.

Und der schlanke Mann brachte mehr Menschen in sein Netz. Er sprach erst von Rußland, das man den Siedlern geben sollte. Dann wurde er phantastischer, und nun wurde er allen, die ihm von den wegekundigen Fachleuten, den Kopf stützend, zuhörten, erregend. Er wies auf ein Land, das man an einer hochnördlichen Stelle des Stillen Ozeans westlich vom amerikanischen Kontinent aus dem Meer graben müßte. Es müsse ein neuer Erdteil geschaffen werden. Die Stadtreiche werfen dahin ihren Menschenüberfluß und ihr krankes Material ab. Die Belgier waren fasziniert: Einen Erdteil, ein ganzes Land aus dem Ozean graben; das war ein Plan. Er wirkte so stark, daß die Brüsseler, als sie die Sache verzaubert unter sich erörterten, Kontinentale aus anderen Stadtreichen herbeiriefen. Wollten die der Wirkung dieses kolossalen Einfalls aussetzen. Und auch hier Staunen Erregung Blendung.

Zu den Siedlern auf dem Kontinent, den britischen Inseln lief das unglaubliche Gerücht, von Brüssel her verbreitet. Wie die Siedler erschraken. Das war der Angriff; es war die Art, wie die Senate sich den Frieden dachten. Aber dann sah man: Sie wollten die Siedler schonen. Man würde bewahrt werden vor ihren Waffen. Man konnte ausgerottet werden; die Stadtreiche dachten an Siedlung. Die grausamen Senate suchten die Gedanken der Neuerer selbst zu denken. Es war ein Nachgeben, Erweichen der Senate.

Noch ehe Bestimmtes bekannt wurde, schliefen die Überfälle auf die Londoner Außenstädte ein. Und über die Stadtreiche legte sich ein Bann. Man wurde träge mit der Waffenherstellung, der Ausdehnung, dem Aufbau alter Fabriken. Wartete auf etwas Neues Geheimnisvolles. Man spannte sich. Ein eigentümliches Hin und Her zwischen den friedlichen Zentren den Stadtschaften und den weiteren Siedlungen, begann. Man trat fragend zueinander. Erregt horchten die nomadenhaft Wandernden. Die träumende Erzählung der Schlangen von dem Tier in der fernen Eishöhle wehte über die britischen Inseln nach dem Kontinent. Die Senate sannen. Sie fühlten, eine glückliche, ja wunderbare Lösung gefunden zu haben. Man stand an einem Wendepunkt. Das Siechtum der nachuralischen Zeit würde beendet werden.

Man war noch im ungewissen über Einzelheiten des neuen Plans. Als eines Tages bei einer Beratung zu London das Wort Grönland fiel und augenblicklich die Seelen bezwang. Der Schleier war gefallen. Das Zauberland. Wer das Wort ausgesprochen hatte, war bald vergessen. Delvil hatte es im Moment ergriffen, als erster die Fahne geschwungen. Er war vom Augenblick an, wo bei Bedford das weiße verirrte Kätzchen vor ihm sprang und ihn erlöst hatte, der entschlossenste von allen. Er sprach zu den aktionsgierigen Gruppen seines Senats: man wisse nun, dies werde das Ziel sein. Man werde es erforschen. Man werde einen langen Anlauf dahin nehmen müssen. Das Ziel sei da, für die Senate und die Feinde der Städte. Der Federball sei auf den Boden geworfen, er werde springen. Der Völkerkreis würde auf neuer Grundlage entstehen. Der Glanz einer heldenhaften Arbeit werde sie vereinen. Die Städte würden den Erdteil Grönland schaffen. Man werde sehen, was der neuerstarkte Menschengeist leisten könne. Seine ursprüngliche Glorie würde der in den Stadtschaften eingekrustete Menschengeist beweisen. Nie hätte er es dringender nötig gehabt, sie zu beweisen. Aber von dem, was jetzt geschehen würde, würden Jahrtausende sprechen. In Hader hätten alle Menschen seit dem Uralischen Krieg gelegen. Ihre Kräfte seien inzwischen, das wisse er, nicht verkümmert, nur geschwiegen hätten sie. Sie würden auf eine nie geahnte Art den Mund öffnen.

Und über die Siedler ergoß sich Frieden. Wenig mißtönende warnende höhnende Stimmen; sie wurden unterdrückt. Das Lachen der Krieger: man hätte Land genug. White Baker erschien in London bei Delvil; sie war erregt. Faßte den Mann bei den Schultern: „Was wollt Ihr tun? Das Meer ablassen, die Gletscher zertrümmern? Ich trau’ es Euch zu. Es ist entsetzlich. Wer drängt Euch dazu? Doch nicht wir! Wir sind es nicht, Delvil, sag nein.“ „Es geschieht für Euch.“

Sie rang die Arme: „Sag nein. Beim Himmel, bei der Erde, Delvil, sag nein. Es ist entsetzlich. Laß die Erde ruhen. Sieh doch an, was habt Ihr schon –, ich mit –, an den Menschen getan. Wie sehen sie aus, wie gehen sie zugrunde. Wie geht Ihr zugrunde. Was habt Ihr im Krieg in Rußland getan.“ „Es ist nicht dasselbe.“ „Dasselbe, Delvil. Es ist abscheulich, grausig, was Ihr vorhabt. Tut es nicht, rede es ihnen aus. Nicht für uns.“ Delvil finster: „Es gibt nichts anderes. White Baker, du weißt nichts. Es gibt nur: zurück zu Euch oder der neue Plan.“ „So schlag doch zu. Töte doch alle. Glaubst du, du rettest – Euch damit?“ „Uns?“ „Ja, es ist nur für Euch, was Ihr plant! Uns nennt Ihr nur. Wir wollen Euch gar nicht. Wir brauchen Euch nicht. Und es nützt Euch doch nichts.“ Delvil zog sich murmelnd mit hängendem Kopf von ihr zurück: „Ich dachte, du würdest anders zu mir sprechen.“ „Du sollst uns töten. Greif Zimbo und Alaska an. Ihr könnt es doch.“ „Still, White Baker.“ „Ihr seid erbärmlich. Ihr wollt Euch unter zehntausend Pyramiden begraben. Wären die Städte schon weg.“

Leise Delvil: „Geh. Geh.“

Unter der starken Herrschaft des schwarzen Zimbo stand das märkisch-norddeutsche Land. Nie war hier Bangigkeit gewesen. Von rohen Menschen war das große Gebiet erfüllt, längst kannte man keine Mekispeisen mehr. Mit Verwunderung und Verachtung vernahmen sie hier von den Träumen der britischen Siedler, der Sehnsucht nach dem fernen Paradies, hörten die sonderbare Fabel. Die fremden herrschsüchtigen Senate sahen sie sich straffen. Sie spitzten die Ohren, warnten die Horden auf den britischen Inseln, rieten ihnen zum Krieg. Unbemerkt von London trat Zimbo, in dem die Wut kochte, bei Bedford im Frühjahr selbst vor White Baker und Diuwa, die Führerin der Schlangen. Fragte vorher nach Männern; man wies ihn an diese Frauen. Grollend mußte er mit ihnen verhandeln. White Baker weinte bei der Besprechung, aber sie waren zu nichts bereit. Sie zeigten auf die furchtbare Stärke der Belgier, auf die bewiesene grausame Entschlossenheit und ihre eigene Hilflosigkeit. Ob man es auf einen ganz aussichtslosen Waffenkampf ankommen lassen sollte. Zimbo brüllte: „Ja ja“; die Senate würden unterliegen; sie seien schon erlegen in Amerika, da liefen sie den Stadtflüchtigen nach. Man müsse sie unterwühlen, zuletzt erliegen sie hier auch. Und immer dieselbe bettelnde Entgegnung: „Wir sind nicht stark genug, wir sind keine Krieger. Nur Schwache Kranke sind bei uns. Es braucht Jahrzehnte, bis wir uns bewegen können.“

Mit Abscheu sah Zimbo, wie er sich von den trüben Frauen trennte, daß sie recht hatten. Er überlegte, ob er einige seiner tapferen Freunde hier einsetzen sollte. Aber wie er das sanftmütige hingegebene Gebaren in den Gruppen beobachtete, zog er sich angewidert zurück. Diese Menschen mußten durch eine harte Schule gehen. Die Herrschaft eines Marke und Marduk war ihnen erst nötig. Er flog nach Hamburg. So stark war damals das märkisch-norddeutsche Land, so verändert die Bevölkerung, daß nur noch Zimbo und seine Gehilfen westliche Waffen um sich hatten. Das Volk war rüstig kriegerisch gefürchtet. Was sie nicht in Schmiede und Zimmerwerkstätten mit der Hand und dem Feuer hervorbrachten, verachteten sie. Zimbo ließ alle aufklären über die drohenden Gefahren. Keinen Schrecken sah er. Die jetzt nicht mehr brüllenden metallenen Stiersäulen wurden mit frischem Laub bekränzt. Vor der Steinnische, in der angekleidet der Leib des großen weißgesichtigen Konsul Marduk mit einem Holzszepter saß, wurden bunte Wimpel aufgezogen. Zimbo selbst legte unauffällig zwischen den einsinkenden Stadtresten von Hamburg und Hannover Waffenlager an.