Bagdad, Babylon, Ninive

Part 3

Chapter 33,475 wordsPublic domain

„Etwa drei Stunden nach Osten. Weiter kennen wir die Gegend nicht. Aber bis Nesibin wird es wohl nicht anders sein.“

„Gibt es weiter nördlich oder südlich keinen Weg?“

„Nein, die Senkung erstreckt sich sehr weit nach Norden und Süden.“

„Hat es in der letzten Zeit viel geregnet?“

„Nein, noch gestern war der Weg bis Nesibin ganz trocken. Heute aber ist er durch Regen unmöglich geworden.“

„Wie lange dauert es gewöhnlich, bis der Boden trocken wird?“

„Einen oder zwei Tage, wenn die Sonne scheint.“

„Glaubt ihr, daß es noch mehr Regen geben wird?“

„Das weiß Gott allein. Auf alle Fälle müßt ihr hier warten; denn eure schweren Wagen würden im Schlamm versinken.“

Einen Versuch wollten wir dennoch wenigstens mit dem kräftigen Benzauto machen. Die Straße führte unmittelbar nördlich an den kleinen elenden Lehmhütten von Bir-dava vorüber, dann senkte sich das Land zu einer flachen Mulde, an deren tiefster Stelle ein gemauerter Brunnen stand; er war jetzt von einer Wasserlache umgeben. Hinab kamen wir ganz gut. Als es aber wieder aufwärts ging, blieben wir rettungslos in dem zähen Lehm stecken. Unsere Chauffeure und einige Männer aus dem Dorf mußten aus Leibeskräften arbeiten, um uns wieder nach Bir-dava hinaufzubringen. Für heute blieb uns nichts anderes übrig, als hier auf ein besseres Morgen zu warten.

Die drei Wagen wurden nebeneinandergestellt, daneben das schwarze Zelt des Majors, das kaum unsre Betten faßte. Darüber brach die Nacht herein. Die Mannschaft hatte ihr Lager im Lastauto hergerichtet, und ihr Teekocher brannte lustig zwischen den Benzinfässern. Aber heute sangen die Chauffeure nicht, die Anstrengungen des Tages hatten sie übermüdet. Einer von ihnen, namens Lundgren, war schwedischer Abkunft, aus Umeå, aber in Deutschland geboren; die andern hießen Hofmeister, Buschkötter, Ludwig und Bodak -- lauter tüchtige, prächtige Männer, die für solch eine Reise wie geschaffen waren.

Der Himmel sah bedenklich aus, nur ein einziger Stern blitzte zwischen den zerfetzten Wolken. Ich lag noch eine Weile wach und lauschte der wunderbaren Stille der Wüste, die nur hier und da von Hundegebell in der Ferne oder von den Lauten eines Nachtvogels unterbrochen wurde. Ich hörte meine Uhr unter dem Kopfkissen ticken und die langen, tiefen Atemzüge meiner beiden Reisekameraden. Dann schlief auch ich ein.

Gegen 11 Uhr aber erwachte ich durch einen furchtbaren Sturzregen. Schwere Tropfen platschten draußen in neu entstandene Wasserlachen und trommelten auf die Zeltbahnen. Und das Trommeln dauerte die ganze Nacht mit unverminderter Heftigkeit! So oft ich erwachte, hörte ich dieses trostlose Rauschen, das uns mindestens auch für den nächsten Tag den Weg nach Osten versperren mußte.

Am Morgen spannten wir bei immerfort strömendem Regen die Zelttür zu einem Dach auf, das von zwei Stangen getragen wurde, und frühstückten auf dieser luftigen Veranda Eier und Schinken, die wir auf einem Primuskocher gebacken hatten. Nach Norden zu lag die freie Steppe vor uns, aber von den nahen Bergen war keine Spur mehr zu sehen. Schwere Wolken schwebten über der Erde, und wer das Zelt verließ, sank fußtief in den roten Schlamm ein.

Gegen Mittag hörte der Regen eine Weile auf. Da kamen auch schon die Dorfleute neugierig heran, und ein altes runzliges Weib bat um Medizin für ihren Sohn, den seit einigen Tagen starker Kopfschmerz und Fieber plagten. Dr. Reith gab ihr etwas für den Kranken. Vor kurzem war in Bir-dava der Flecktyphus ausgebrochen und hatte von den fünfunddreißig Einwohnern sieben weggerafft. Für Geld und gute Worte brachte man uns etwas armseliges Reisig zu einem Feuer, dessen Glut wir in einem eisernen Kessel ins Zelt trugen, um in der feuchten Kälte nur ein gewisses Gefühl von Wärme und Trockenheit zu gewinnen. Kleine zerlumpte Kinder sammelten Konservenbüchsen und leere Flaschen, und die Dorfhunde wurden immer frecher auf der Suche nach Abfällen. Sogar eine Maus quartierte sich unter unsern Kisten und Säcken ein und entwischte uns immer wieder, so oft wir auch Jagd auf sie machten.

Schließlich begann es wieder zu regnen. Man hörte und sah, wie ein Regenschauer nach dem andern wolkenbruchartig über die Steppe daherkam. Sogar in unserm Zelt waren wir nicht mehr sicher. Die Chauffeure mußten ringsherum einen Kanal graben und einen Erdwall aufwerfen, um uns vor Überschwemmung zu schützen. Vor dem Eingang bauten sie eine Brücke aus Planken des Lastautomobils. Das ganze Feld war ein einziger Sumpf, denn es dauerte lange, bis das Regenwasser den Lehm durchdrang, dessen Oberfläche glatt war wie Seife. Ein tragikomisches Schauspiel bot eine vorüberziehende kleine Karawane von Mauleseln: die auf den schwer beladenen Saumsätteln sitzenden Araber hatten ihre schwarz- und braungeränderten Mäntel über den Kopf gezogen, und der Regen floß nur so von ihnen und ihren Tieren herunter. Die endlich hereinbrechende Dämmerung wirkte fast wie eine Erlösung. Wir bereiteten mit möglichster Langsamkeit unser Abendessen und überließen uns einer neuen Nacht.

Gegen Mitternacht weckte mich wiederum ein fast tropischer Regenguß aus dem Schlaf. Feine Wassertropfen sprühten durch das Zelttuch auf uns herab, und einige Stunden später regnete es so kräftig herein, daß ~Dr.~ Reith in das Unwetter hinaus mußte, um den Schutzlappen des Zeltfensters an der Windseite wieder festzubinden, der aufgegangen war.

Am Tage wurde es nicht besser. Die Zelttür mußte geschlossen bleiben, denn der Wind stand gerade gegen sie; wir frühstückten auf meinem Bett und saßen da wie Schiffbrüchige auf kleiner Klippe in einem Meer von Schlamm; der Zeltgraben stand ebenfalls bis an die Ränder voll Wasser. Die schmutzigen Hunde wurden immer kecker, da wir sie nicht verfolgen konnten. Dazu kam die erschreckende Nachricht, daß der Kranke von gestern über Nacht gestorben sei -- wir hatten also den Flecktyphus als nächsten Nachbarn!

Später am Tage sahen wir denn auch, wie sich ein kleiner Leichenzug nach dem Friedhof bewegte, der in einiger Entfernung südöstlich von unserm Zeltplatz lag. Auf einer Bahre trug man den Toten langsam dahin. Am Grabe sprachen die Begleiter Totengebete; bald reckten sie die Hände in der Richtung nach Mekka empor, bald sanken sie in dem fürchterlichen Schlamm neben der Leiche nieder. Endlich wurde der Tote in die Erde gesenkt, abermals Gebete gesprochen und das Grab zugeschaufelt. Ich glaube, die Zeremonie dauerte ein paar Stunden. Dabei regnete es unaufhörlich, und die groben Mäntel der Fellachen glänzten von Wasser. Nach vollbrachter Arbeit ging das Trauergefolge ebenso langsam nach Haus, wie es gekommen war.

Während der Flecktyphus-Epidemie in Aleppo haben deutsche Ärzte die Beobachtung gemacht, daß Europäer für Ansteckung weit empfänglicher sind als Eingeborene. Auch hat sich während des Krieges gezeigt, daß die Krankheit bei russischen Soldaten und Kosaken einen milden Verlauf nimmt, weil sie an Ungeziefer gewöhnt sind. Je älter der Patient ist, um so schwerer kommt er durch.

Einem türkischen Soldaten, der gen Westen ritt, gab der Major einen Brief mit, worin er die zurückgelassenen Chauffeure über unsre Lage unterrichtete. Sonst zeigte sich kein Reisender, der kühn genug gewesen wäre, den Kampf mit den Elementen aufzunehmen.

Bei Dunkelwerden hörte der Regen auf. Da brachte „Lohengrin“ -- wie Lundgren von den Kameraden genannt wurde -- das Teewasser ins Zelt und meldete, im Norden sei eine Reihe Feuer sichtbar. Was mochte das sein? Biwakfeuer? Doch nicht etwa russische? Aber das war unmöglich, dann hätten wir etwas von einem Rückzug der Türken merken müssen. Diese waren aber im Vormarsch. Nach der Karte lag in jener Richtung, nur 10 Kilometer entfernt, Mardin, das sich seit gestern hartnäckig hinter dem Regenschleier verborgen hatte; die Feuer waren nichts anderes als die Lampen in den Häusern dieser Stadt. Wir konnten uns also ohne Sorge in unserm Gefängnis zur Ruhe begeben und den Regenschauern lauschen, die am Abend mit vermehrter Heftigkeit einsetzten.

Am nächsten Tag dasselbe Bild! Man steht auf, wäscht sich, kleidet sich an, öffnet einen Spalt der Zelttür, frühstückt und hat den ewig langen Tag vor sich. Ich habe Bezolds „Ninive und Babylon“ und „Moltkes Briefe aus der Türkei 1835-39“ bei mir, aber die Ruhe zum Lesen fehlt. Man wartet in sehnsüchtiger Qual, daß irgendetwas geschehe, uns aus dieser hoffnungslosen Lage zu befreien. Volkstypen zu zeichnen ist auch unmöglich; Leute mit Flecktyphus bringenden Läusen ins Zelt hereinlassen -- das fehlte noch! Im Dorfe geht das Leben seinen alltäglichen Gang. Frauen treiben von den Feldern Schafe und Ziegen herein oder holen in Lehmkrügen Wasser am Brunnen. Der Himmel ist blauschwarz. Zuweilen grollt unglückverheißend und dumpf der Donner in den Bergen. Und das ist Mesopotamien im April, wo ich Frühlingswärme erwartet hatte, Trockenheit und Skorpione! Aber wir waren ja freilich in einer Höhe von 550 Meter und am Fuß eines Gebirges, wo der Winter noch nicht gewichen war. Nachmittags um 5 Uhr zeigte das Thermometer nur 10 Grad, eine Temperatur, die wir nach den warmen Sonnentagen in Aleppo als Kälte empfanden.

Drei Soldaten kamen von Ras-el-Ain zu Fuß; sie hatten unsre verunglückten Automobile und das Zelt der Chauffeure gesehen. Ein paar andere zogen in entgegengesetzter Richtung. Sie waren schon 20 bis 30 Kilometer östlich von Nesibin in das Moorbad geraten, das bis hierher reichte, und sie gaben uns die tröstliche Versicherung, daß mindestens zwei Tage warmer Sonnenschein nötig seien, um das Land wieder zu trocknen.

Am Nachmittag trat einen Augenblick die Sonne hervor, und mit ihr in Nordnordwest die alte Festung von Mardin auf dem Gipfel des Bergkammes; unmittelbar darunter die Häuser wie Schwalbennester an den Böschungen, dazwischen die armenischen und syrischen Kirchen und weißen Minarette. Aber bald verschwand wieder alles unter schwarzen Wolkenmassen und neuen Regenschauern.

Eine verzweifelte Lage! Wären wir nur einen Tag früher aufgebrochen, so wären wir bereits in Mosul! Die ganze Strecke ist nur 320 Kilometer lang, für ein Auto zwei Tage Fahrt. Nun saßen wir in diesem elenden Gefängnis und konnten weder vor- noch rückwärts. Proviant hatten wir ja noch für acht Tage, nur Brot und Wasser gingen zu Ende. Aber an letzterem war ja kein Mangel -- wir brauchten nur ein Stück Segeltuch aufzuspannen, um die Kannen gefüllt zu erhalten.

Am Morgen des 3. April weckte uns die Meldung, die Sonne scheine. Wirklich! Der halbe Himmel blau und hell, und über die andere Hälfte segelten freundliche weiße Frühlingswolken. Wir kleideten uns in aller Eile an und rasierten uns sogar aus lauter Feststimmung. Für vier Soldaten, die von Ras-el-Ain dahergewandert kamen, kauften wir bei der Dorfbevölkerung einige Brote, denn sie hatten nichts mehr zu essen, da sie während der Regentage hatten liegen bleiben müssen.

Dann beobachteten wir mit zunehmender Spannung, wie die Regenlachen zusammenschrumpften und die Ackerschollen rings um unsern Lagerplatz immer deutlicher hervortraten. Kurz nach Mittag war alles Wasser auf der Erdoberfläche verschwunden. Nur um Zelt und Autos herum war der von uns und den Chauffeuren zerstapfte Lehmschlamm noch fußtief. Die Mistkäfer aber schienen dem guten Wetter noch kein Vertrauen zu schenken, so eilig rollten sie ihre Erdklümpchen daher.

Nun zeigte sich auch wieder Leben auf der Straße. Eine Karawane von fünfzig mit Munition beladenen Kamelen zog nach Nesibin, und ein türkischer Offizier kam mit seinem Diener von Westen geritten. Wir luden ihn in unser Zelt ein und bewirteten ihn mit Kakao und Keks. Der Türke war Leutnant Ahmed Dschemal, von kurdischer Abkunft, als Kompagnieführer auf dem Marsch nach dem Irak; morgen sollte er in Nesibin sein. Der Major bat ihn, eine Depesche nach Schamallan-han mitzunehmen, die Ersatzteile für die verunglückten Automobile bestellte, und vom Kaimakam von Nesibin acht Jailewagen zu verlangen, die schleunigst hierhin kommen sollten, um unser schweres Gepäck zu holen. Jeder dieser Wagen konnte bei schlechtem Weg 200 Kilogramm fassen und so das Auto mit seiner Last von 3000 Kilogramm um die Hälfte erleichtern. Als der Leutnant hörte, daß unser Brot zu Ende sei, schenkte er uns aus seinem reichen Vorrat einige herrliche türkische Kommißbrote. Bald kam auch seine Kompagnie dahermarschiert, gegen 100 Mann, leicht bepackt und in vortrefflicher Verfassung. Ihnen folgten eine Stunde später Packpferde mit Waffen, Munition usw., und zuletzt zwei Gepäckwagen. Die Leute waren die vier Tage im Platzregen marschiert und bis auf die Haut durchnäßt; aber bis Bagdad wurden sie wohl wieder trocken!

Ahmed Dschemal war mit seiner Truppe kaum abmarschiert, als sich über den Bergen neue Wolkenmassen sammelten. Wir hatten zu früh gejubelt. Die blauen Flecke am Himmel verschwanden, und es wurde dunkler und dunkler, und plötzlich stürzte ein neuer Platzregen, zur Abwechslung mit Hagel vermischt, auf uns herab. In wenigen Minuten waren Ackerfurchen und Zeltgraben wieder mit Wasser gefüllt und das ganze Land ein unermeßlicher Sumpf. Es wurde 3 Uhr, 5 Uhr, 6 Uhr -- der Regen rauschte mit Erbitterung herunter. Als er um 7 endlich aufhörte, hatte sich eine neue Nacht auf die Erde gesenkt und unsre Hoffnungen auf baldige Befreiung begraben.

Obgleich es am andern Morgen nicht mehr regnete, war die Straße hoffnungslos. Ein vorüberreitender türkischer Soldat versicherte, ein fester Kiesweg am Fuß des Gebirges entlang verbinde Mardin mit Nesibin; auf diesem Wege hätten die Türken noch vor fünf Tagen Geschütze nach Osten transportiert; diese Richtung sollten wir einschlagen. Ehe der südliche Weg trocken werde, könnten wir noch einen Monat oder länger hier liegen bleiben! Sofort schickten wir die Chauffeure aus, um den nördlichen Weg zu untersuchen. Sie fanden ihn -- noch schlechter als den unsrigen!

Da der Schlamm um uns her lebensgefährlich wurde, verlegten wir unser Zelt etwa 20 Meter nordwärts von der Straße, zogen neue Kanäle und Wälle, bauten zwischen Zelt und Wagen eine Brücke und luden die Benzinfässer aus, um sie beim ersten Sonnenschein über die gefährliche Senkung zu rollen, am liebsten gleich 6 Kilometer weit, damit das Auto schneller vorwärts komme.

Vergebliches Bemühen! Um 5 Uhr goß es wieder in Strömen. Man sah, wie sich die Regenzentren am Gebirgsrand im Osten und weiter südlich bildeten, nach Westen zogen, über unserem Lager haltmachten und ihre Wolkenmassen über uns ausbreiteten. Es war, als beeile sich jedes einzelne Wassermolekül, das aus dem Mittelmeer und dem Persischen Meerbusen aufstieg, ausgerechnet nach der Gegend zwischen Ras-el-Ain und Nesibin zu kommen und dort niederzugehen, wo wir in dem roten Lehm, dem vorzüglichsten Terrakottamaterial, so elend gestrandet waren!

Nachdem wir noch einen Tag im Sumpf gelegen hatten, war die Geduld des Majors erschöpft. Am Morgen des 6. Aprils fragte er mich plötzlich, ob ich Lust hätte, mit ihm allein nach Ras-el-Ain zurückzukehren.

„Ja, mit Wonne, wenn wir nur von Bir-dava fortkommen!“

„Dann fahren wir jetzt gleich mit dem Benz und nehmen nur das Unentbehrlichste mit. Was zurückbleibt, lasse ich nach Mosul und Bagdad schaffen, sobald die Straßen besser sind.“

„Aber glauben Sie, daß das Auto in dem Schlamm und Regen vorwärtskommt?“

„Wir mobilisieren jedes Dorf bis zur Eisenbahn!“

Und so geschah es. Wir ließen die Chauffeure bis auf Hofmeister bei ~Dr.~ Reith zurück, der wohl oder übel sich in das Schicksal ergeben mußte, auf unsrer Schlamminsel bei dem zurückgelassenen Gepäck auszuharren. Vor unsern Benz spannten wir zunächst die männliche Bevölkerung von Bir-dava, soweit sie sich anwerben ließ, und mit vereinten Kräften zogen und stießen wir unsern Wagen bis zum nächsten Dorf, wo eine neue Abteilung Fellachen requiriert wurde. So ging es zum Verzweifeln langsam, aber sicher, von Ort zu Ort; denn Zugtiere waren nirgends aufzutreiben. Wo die Bevölkerung phantastischen Kriegslohn forderte, halfen uns türkische Soldaten aus der Verlegenheit.

Bis zu den beiden verunglückten Lastautos blieb der Regen unser treuer Begleiter. Am 8. April endlich klärte sich das Wetter auf, die Wege wurden wieder fahrbar, und wir durften unsern Wagen endlich wieder seiner eigenen Motorkraft überlassen. Schwierigkeiten machten nur noch die beiden Arme des Dschirdschib, die durch den tagelangen Platzregen zu reißenden Strömen angeschwollen waren. Über den ersten brachte uns eine Fähre, die zum Truppentransport zur Stelle war; und durch den zweiten zog uns eine Koppel Ochsen von einer türkischen Trainkolonne. Motor, Ochsen und Chauffeur hatten dabei aber ein so gründliches Bad genommen, daß wenigstens die ersteren streikten. Wir mußten daher noch einmal militärischen Vorspann nehmen, diesmal von Pferden, und so fuhren wir sechsspännig in pechfinstrer Nacht endlich wieder am Bahnhof von Ras-el-Ain vor.

Viertes Kapitel.

Mein neuer Feldzugsplan.

Ein Feldzugsplan im wörtlichen Sinne war es nun eigentlich nicht, denn daran war mir auf den grundlosen Feldwegen nach Bir-dava und zurück die Lust vergangen. Aus den zwei Tagen, in denen ich Mosul hatte erreichen sollen, waren zwei Wochen Ungemach geworden. Wenn doch einmal alles zu Wasser werden sollte -- warum sich dann nicht lieber diesem Element ganz anvertrauen und noch einmal solch eine fröhliche Stromfahrt versuchen, wie ich sie schon zweimal vor Jahr und Tag im Innern Asiens auf den Fluten des Tarim und des Brahmaputra unternommen hatte?

Der Euphrat war mir noch so gut wie fremd. Im Mai 1886 hatte ich ihn zum erstenmal gesehen. Damals war ich auf dem englischen Dampfer „Assyria“ vom Persischen Meerbusen in den Schatt-el-Arab hineingefahren und einige Tage später nach Korna gekommen, wo am Zusammenfluß des Euphrat und Tigris das Paradies gelegen haben soll. Dann war ich im November 1905 bei einem kurzen Aufenthalt in Erserum bis in die Nähe der Quelle des Frat-su oder Euphrat geritten. Jetzt hatte mich mein Schicksal zum drittenmale an diesen gewaltigen Strom geführt, der in der Geschichte der Menschheit älter ist als Nil und Brahmaputra. Ließ ich diese Gelegenheit, ihn gründlich kennen zu lernen, ungenutzt vorübergehen -- wer weiß, ob sie jemals wiederkehrte!

Am 9. April saß ich wieder in der Bahn, die mich von Aleppo nach Ras-el-Ain gebracht hatte, und ich fühlte mich wie befreit aus langer Gefangenschaft, als ich endlich wieder die mächtig wogende Wasserstraße vor mir sah, die mich jetzt -- dazu war ich fest entschlossen -- meinem Ziel, der Stadt der Kalifen, entgegenführen sollte. In Dscherablus verabschiedete ich mich von Major Reith und war bald wieder in der deutschen Marinestation am Euphrat. Kapitänleutnant von Mücke war vor einigen Tagen nach Konstantinopel gefahren, statt seiner empfingen mich nun sein Vertreter, Schiffsbaumeister Schneider, und acht deutsche Flieger und Artillerie-Offiziere, die sich in den nächsten Tagen zur 6. Armee nach Bagdad begeben sollten.

Sofort machte ich mich an die Vorbereitung meiner Euphratfahrt. Etappeninspektor Oberst Nuri Bei überließ mir einen einheimischen Doppelschahtur, und bald fanden sich zwei Schahturtschis, Ruderer, bei mir ein, um die Löhnung für die Reise zu vereinbaren. Dem Ustad oder Kapitän bewilligte ich zwei türkische Pfund, die anderen Schiffer erhielten je ein Pfund und zwar für die Strecke bis Der-es-Sor, wo die türkische Besatzung von Arabern abgelöst werden sollte. Als Sicherheitswache sollte mich ein Gendarm begleiten; gegen einen Überfall durch Beduinen hätte der aber wohl schwerlich viel ausgerichtet.

Auf der Werft war alles in lebhafter Tätigkeit. Kräftige deutsche Matrosenfäuste schwangen die Äxte, Türken und Araber sägten und hämmerten. Ein Boot nach dem andern wurde fertiggestellt, auf einen Wagen geladen, zum Ufer hinabgerollt und dem Strom übergeben. Jedes erhielt einen Namen nach irgendeinem berühmten Ereignis des Weltkriegs. Auf einer Flottille solcher Boote oder Fähren verstaute gerade eine Fliegerabteilung ihre Tauben und Doppeldecker; bald sah ich sie den Strom hinab schwimmen und bei der ersten Biegung verschwinden. Man hatte mich freundlichst eingeladen mitzufahren; aber mir lag jetzt vor allem daran, meine völlige Unabhängigkeit zu bewahren.

Auf andere Fähren schob eine bayerische Batterie unter Major von Schrenk, deren Train wir am Dschirdschib begegnet waren, ihre 15-~cm~-Haubitzen und Munitionswagen. Jedes dieser plumpen, aber praktischen Fahrzeuge trug 25 Tonnen, wurde aber nur bis zu 18 beladen und faßte vier volle Munitionswagen und eine bedeutende Menge loser Munition. Mehrere Tage noch sollte die Verladung dauern, und der Batterieführer wollte warten, bis auch sein letzter Schahtur reisefertig war.

Für meine Fahrt den Euphrat abwärts hatte ich einen starken türkischen Doppelschahtur, dessen beide Hälften mit Stricken fest zusammengekoppelt wurden. Seine Länge betrug 6,58 Meter, seine Breite 5. Hinten wurde ein Steuer angebracht, vorn an jeder Seite ein Ruder. Reserveruder durften natürlich auch nicht fehlen. Gewöhnlich rechnet man auf die Fahrt bis Feludscha zwei Wochen. Ich brauchte aber längere Zeit, da ich die Reise dazu benutzen wollte, eine Karte des Stromes aufzunehmen; die Nächte über mußte ich also vor Anker gehen. Deshalb wollte ich an Bord einigermaßen bequem wohnen, und der Zimmermann Murat mußte mir nach einem Papiermodell das Fahrzeug entsprechend einrichten. Die linke Fähre erhielt ein Holzdeck, das vorn und hinten für Kapitän und Ruderer Raum ließ. Auf Deck wurde eine 3 Meter lange und 2 Meter breite Hütte aufgeschlagen, deren schmale Vorderwand in Angeln ging und sich nach oben aufklappen ließ. Tagsüber diente diese als Sonnendach für meinen Arbeitstisch; nachts wurde sie herabgelassen. Das übrige Mobiliar bestand aus Feldbett und zwei Kisten. Proviant, den ich in Dscherablus gekauft hatte, wurde unter Deck verstaut. Ein Fenster in der Steuerbordseite ermöglichte mir im Stehen den freien Ausblick auf den Strom, ein zweites kleineres Fenster wurde gegenüber so angebracht, daß ich auch im Liegen hinaussehen konnte. Beide wurden mit Gardinen versehen. Ein niedriges Regal unter dem Fenster des Steuerbords enthielt Waschgeschirr, Seife und alles das, was zur Pflege des äußeren Menschen unentbehrlich ist. Ein Querbrett an der schmalen Wand trug Fernrohr, Thermometer, elektrische Lampe, Metermaß, Stearinkerzen, Zigaretten, Zündhölzer und meine kleine Bibliothek. Letztere bestand nur aus drei Büchern, die aber zur Not für ein ganzes Menschenleben ausreichten: der „Assyrischen und Babylonischen Geschichte“ von Bezold, einer „Praktischen Grammatik der osmanisch-türkischen Sprache“ von Wahrmund und dem Buch der Bücher, der Bibel, die ich noch nie mit solchem Interesse gelesen habe als auf dieser Fahrt in das Land der babylonischen Gefangenschaft. Meine greisen Eltern hatten sie mir bei meinem letzten Abschied von Stockholm mit auf die Reise gegeben.