Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes

Part 5

Chapter 53,839 wordsPublic domain

Als Präceptor tat ich von je meine Pflicht; ein geschätzter ~Gradus~ neuerlich gibt einiges Zeugnis davon. Was ich auf materiellem Gebiet in müßigen Stunden Manchem Gewerbe, dem Staat denke zu leisten dereinst, Ob ich meiner Familie nicht ansehnlichen Vorteil Sichere noch mit der Zeit, dessen geschweig' ich vorerst: Aber _den_ will ich sehn, der einem geschundenen Schulmann Ein Vergnügen wie das, Essig zu machen, verbeut! Der von Allotrien spricht, von Lächerlichkeiten -- er sei nun Oberinspektor, er sei Rektor und Pädagogarch! Greife nur einer mich an, ich will ihm dienen! Gewappnet Findet ihr mich! Dreifach liegt mir das Erz um die Brust! -- Rike, du lachst! -- du verbirgst es umsonst; ich fühle die Stöße -- Nun, was wandelt dich an? Närrst du mich, törichtes Weib? -- »Lieber, närrischer, goldener Mann! wer bliebe hier ernsthaft? Nein, dies Feuer hätt' ich nimmer im Essig gesucht.« -- G'nug mit den Possen! Ich sage dir, mir ist die Sache nicht spaßhaft. -- »Ruhig! Unseren Streit, Alter, vergleichen wir schon. Gar nicht fällt es mir ein, dir die einzige Freude zu rauben; Zuviel hänget daran, und ich verstehe dich ganz. Siehst du von deinem Katheder im Schulhaus so durch das Fenster Über das Höfchen den Schatz deiner Gefäße dir an, Alle vom Mittagsstrahl der herrlichen Sonne beschienen Die, dir den gärenden Wein heimlich zu zeitigen, glüht: Nun, es erquicket dir Herz und Aug' in sparsamen Pausen, Wie das bunteste Brett meiner Levkojn es nicht tat, Und ein Pfeifchen Tabak in diesem gemütlichen Anblick Nimmt dir des Amtes Verdruß reiner als alles hinweg; Ja, seitdem du schon selbst mit eigenem Essig die rote Tinte dir kochst, die sonst manchen Dreibätzner verschlang, Ist dir, mein' ich, der Wust der Exerzitienhefte Minder verhaßt; dich labt still der bekannte Geruch. Dies, wie mißgönnt' ich es dir? Nur gehst du ein bißchen ins Weite. Alles -- so heißt dein Spruch -- habe sein Maß und sein Ziel!« -- Laß mich! Wenn mein Produkt dich einst zur vermöglichen Frau macht -- »Bester, das sagtest du just auch bei der Seidenkultur.« -- Kann ich dafür, daß das Futter mißriet, daß die Tiere krepierten? -- »Seine Gefahr hat auch sicher das neue Geschäft.« -- Namen und Ehre des Mannes, die bringst du wohl gar nicht in Anschlag? -- »Ehre genug blieb uns, ehe wir Essig gebraut« -- Korrespondierendes Mitglied heiß' ich dreier Vereine. -- »Nähme nur _einer_ im Jahr etliche Krüge dir ab!« -- Dir fehlt jeder Begriff von rationellem Bestreben. -- »Seit du ihn hast, fehlt dir abends ein guter Salat.« -- Undank! Mein Fabrikat durch sämtliche Sorten ist trefflich. -- »Numero 7 und 9 kenn' ich und -- lobe sie nicht.« -- Heut', wie ich merke, gefällst du dir sehr, mir in Versen zu trumpfen. -- »Waren es Verse denn nicht, was du gesprochen bisher?« -- Eine Schwäche des Mannes vom Fach, darfst du sie mißbrauchen? -- »Unwillkürlich, wie du, red' ich elegisches Maß.« -- Mühsam übt' ich dir's ein, harmlose Gespräche zu würzen. -- »Freilich, im bitteren Ernst nimmt es sich wunderlich aus.« -- Also verbitt' ich es jetzt; sprich, wie dir der Schnabel gewachsen! -- »Gut! laß sehen, wie sich Prose mit Distichen mischt!« Unsinn! Brechen wir ab! Mit Weibern sich streiten ist fruchtlos. -- »Fruchtlos nenn' ich im Schlot Essig bereiten, mein Schatz.« Daß noch zum Schlusse mir dein Pentameter tritt auf die Ferse! -- »Dein Hexameter zieht unwiderstehlich ihn nach.« -- Ei, dir scheint er bequem, nur das Wort noch, das letzte, zu haben: Hab's! Ich schwöre, von mir hast du das letzte gehört. -- »Meinetwegen, so mag ein Hexameter einmal allein stehn!«

(Pause. Der Mann wird unruhig; es peinigt ihn offenbar, das Distichon nicht geschlossen zu hören oder es nicht selber schließen zu dürfen. Nach einiger Zeit kommt ihm die Frau mit Lachen zu Hilfe und sagt:)

»Alter, ich tat dir zu viel; wirklich, dein Essig passiert. Wenn er dir künftig noch besser gerät, wohlan! so ist einzig Dein das Verdienst; denn du hast wahrlich kein zänkisches Weib.« --

(Er gleichfalls herzlich lachend und sie küssend:)

Rike, morgenden Tags räum' ich dir die vorderen Fenster Sämtlich, und im Kamin prangen die Schinken allein!

Selbstgeständnis.

Ich bin meiner Mutter einzig Kind, Und weil die andern ausblieben sind, -- Was weiß ich, wieviel, die sechs oder sieben -- Ist eben alles an mir hängen blieben: Ich hab' müssen die Liebe, die Treue, die Güte Für ein ganz halb Dutzend allein aufessen; Ich will's mein Lebtag nicht vergessen. Es hätte mir aber noch wohl mögen frommen, Hätt' ich nur auch Schläg' für sechse bekommen!

Restauration

nach Durchlesung eines Manuskripts mit Gedichten.

Das süße Zeug ohne Saft und Kraft! Es hat mir all mein Gedärm erschlafft. Es roch, ich will des Henkers sein! Wie lauter welke Rosen und Kamilleblümlein. Mir ward ganz übel, mauserig, dumm, Ich sah mich schnell nach was Tüchtigem um, Lief in den Garten hinterm Haus, Zog einen herzhaften Rettich aus, Fraß ihn auch auf bis auf den Schwanz -- Da war ich wieder frisch und genesen ganz.

Nachts.

Horch! auf der Erde feuchtem Grund gelegen, Arbeitet schwer die Nacht der Dämmerung entgegen, Indessen dort, in blauer Luft gezogen, Die Fäden leicht, unhörbar fließen Und hin und wieder mit gestähltem Bogen Die lust'gen Sterne goldne Pfeile schießen.

Im Erdenschoß, im Hain und auf der Flur, Wie wühlt es jetzo rings in der Natur Von nimmersatter Kräfte Gärung! Und welche Ruhe doch und welch ein Wohlbedacht! Mir aber in geheimer Brust erwacht Ein peinlich Widerspiel von Fülle und Entbehrung Vor diesem Bild, so schweigend und so groß. Mein Herz, wie gerne machtest du dich los! Du schwankendes, dem jeder Halt gebricht, Willst, kaum entflohn, zurück zu deinesgleichen. Trägst du der Schönheit Götterstille nicht, _So_ beuge dich! denn hier ist kein Entweichen.

Historie von der schönen Lau.

Der Blautopf[2] ist der große, runde Kessel eines wundersamen Quells bei einer jähen Felsenwand gleich hinter dem Kloster. Gen Morgen sendet er ein Flüßchen aus, die Blau, welche der Donau zufällt. Dieser Teich ist einwärts wie ein tiefer Trichter, sein Wasser ist von Farbe ganz blau, sehr herrlich, mit Worten nicht wohl zu beschreiben; wenn man es aber schöpft, sieht es ganz hell in dem Gefäß.

Zu unterst auf dem Grund saß ehemals eine Wasserfrau mit langen, fließenden Haaren. Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen natürlichen Weibs, dies eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blühweiß und zarter als ein Blatt von Mohn. Im Städtlein ist noch heutzutag ein alter Bau, vormals ein Frauenkloster, hernach zu einer großen Wirtschaft eingerichtet, und hieß darum der Nonnenhof. Dort hing vor sechzig Jahren noch ein Bildnis von dem Wasserweib, trotz Rauch und Alter noch wohl kenntlich in den Farben. Da hatte sie die Hände kreuzweis auf die Brust gelegt, ihr Angesicht sah weißlich, das Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche sehr groß waren, blau. Beim Volk hieß sie die arge _Lau_[3] im Topf, auch wohl die schöne Lau. Gegen die Menschen erzeigte sie sich bald böse, bald gut. Zuzeiten, wenn sie im Unmut den Gumpen[4] übergehen ließ, kam Stadt und Kloster in Gefahr; dann brachten ihr die Bürger in einem feierlichen Aufzug oft Geschenke, sie zu begütigen, als Gold- und Silbergeschirr, Becher, Schalen, kleine Messer und andere Dinge, dawider zwar, als einen heidnischen Gebrauch und Götzendienst, die Mönche redlich eiferten, bis derselbe auch endlich ganz abgestellt worden. So feind darum die Wasserfrau dem Kloster war, geschah es doch nicht selten, wenn Pater Emeran die Orgel drüben schlug und kein Mensch in der Nähe war, daß sie am lichten Tag mit halbem Leib heraufkam und zuhorchte; dabei trug sie zuweilen einen Kranz von breiten Blättern auf dem Kopf und auch dergleichen um den Hals.

Ein frecher Hirtenjung' belauschte sie einmal in dem Gebüsch und rief: »Hei, Laubfrosch? git's guat Wetter?« Geschwinder als ein Blitz und giftiger als eine Otter fuhr sie heraus, ergriff den Knaben beim Schopf und riß ihn mit hinunter in eine ihrer nassen Kammern, wo sie den ohnmächtig Gewordenen jämmerlich verschmachten und verfaulen lassen wollte. Bald aber kam er wieder zu sich, fand eine Tür und kam über Stufen und Gänge durch viele Gemächer in einen schönen Saal. Hier war es lieblich, glusam[5] mitten im Winter. In einer Ecke brannte, indem die Lau und ihre Dienerschaft schon schlief, auf einem hohen Leuchter mit goldenen Vogelfüßen als Nachtlicht eine Ampel. Es stand viel köstlicher Hausrat herum an den Wänden, und diese waren samt dem Estrich ganz mit Teppichen staffiert: Bildweberei in allen Farben. Der Knabe hurtig nahm das Licht herunter von dem Stock, sah sich in Eile um, was er noch sonst erwischen möchte, und griff aus einem Schrank etwas heraus, das stak in einem Beutel und war mächtig schwer, deswegen er vermeinte, es sei Gold; lief dann und kam vor ein erzenes Pförtlein, das mochte in der Dicke gut zwo Fäuste sein, schob die Riegel zurück und stieg eine steinerne Treppe hinauf in unterschiedlichen Absätzen, bald links, bald wieder rechts, gewiß vierhundert Stufen, bis sie zuletzt ausgingen und er auf ungeräumte Klüfte stieß; da mußte er das Licht dahinten lassen und kletterte so mit Gefahr seines Lebens noch eine Stunde lang im Finstern hin und her, dann aber brachte er den Kopf auf einmal aus der Erde. Es war tief Nacht und dicker Wald um ihn. Als er nach vielem Irregehen endlich mit der ersten Morgenhelle auf gänge[6] Pfade kam und von dem Felsen aus das Städtlein unten erblickte, verlangte ihn am Tag zu sehen, was in dem Beutel wäre: da war es weiter nichts als ein Stück Blei, ein schwerer Kegel, spannenlang, mit einem Öhr an seinem obern Ende, weiß vor Alter. Im Zorn warf er den Plunder weg ins Tal hinab und sagte nachher weiter niemand von dem Raub, weil er sich dessen schämte. Doch kam von ihm die erste Kunde von der Wohnung der Wasserfrau unter die Leute.

Nun ist zu wissen, daß die schöne Lau nicht hier am Orte zu Hause war: vielmehr war sie, als eine Fürstentochter, und zwar von Mutter Seiten her halbmenschlichen Geblüts, mit einem alten Donaunix am Schwarzen Meer vermählt. Ihr Mann verbannte sie darum, daß sie nur tote Kinder hatte. Das aber kam, weil sie stets traurig war ohn' einige besondere Ursach. Die Schwiegermutter hatte ihr geweissagt, sie möge eher nicht eines lebenden Kindes genesen, als bis sie fünfmal von Herzen gelacht haben würde. Beim fünftenmal müßte etwas sein, das dürfe sie nicht wissen noch auch der alte Nix. Es wollte aber damit niemals glücken, so viel auch ihre Leute deshalb Fleiß anwendeten; endlich da mochte sie der alte König ferner nicht an seinem Hofe leiden und sandte sie an diesen Ort, unweit der obern Donau, wo seine Schwester wohnte. Die Schwiegermutter hatte ihr zum Dienst und Zeitvertreib etliche Kammerzofen und Mägde mitgegeben, so muntere und kluge Mädchen, als je auf Entenfüßen gingen (denn was von dem gemeinen Stamm der Wasserweiber ist, hat rechte Entenfüße); die zogen sie, pur für die Langeweile, sechsmal des Tages anders an (denn außerhalb dem Wasser ging sie in köstlichen Gewändern, doch barfuß), erzählten ihr alte Geschichten und Mären, machten Musik, tanzten und scherzten vor ihr. An jenem Saal, darin der Hirtenbub gewesen, war der Fürstin ihr Gaden oder Schlafgemach, von welchem eine Treppe in den Blautopf ging. Da lag sie manchen lieben Tag und manche Sommernacht der Kühlung wegen. Auch hatte sie allerlei lustige Tiere, wie Vögel, Küllhasen[7] und Affen, vornehmlich aber einen possigen Zwerg, durch welchen vormals einem Ohm der Fürstin war von eben solcher Traurigkeit geholfen worden. Sie spielte alle Abend Damenziehen, Schachzagel[8] oder Schaf und Wolf mit ihm; so oft er einen ungeschickten Zug getan, schnitt er die raresten Gesichter, keines dem andern gleich, nein, immer eines ärger als das andere, daß auch der weise Salomo das Lachen nicht gehalten hätte, geschweige denn die Kammerjungfern oder du selber, liebe Leserin, wärst du dabei gewesen; nur bei der schönen Lau schlug eben gar nichts an, kaum daß sie ein paarmal den Mund verzog.

Es kamen alle Jahr um Winters Anfang Boten von daheim, die klopften an der Halle mit dem Hammer, da frugen dann die Jungfern:

Wer pochet, daß einem das Herz erschrickt?

Und jene sprachen:

Der König schickt. Gebt uns wahrhaftigen Bescheid, Was Guts ihr habt geschafft die Zeit!

Und sie sagten:

Wir haben die ferndigen[9] Lieder gesungen Und haben die ferndigen Tänze gesprungen, Gewonnen war es um ein Haar. -- Kommt, liebe Herren, übers Jahr!

So zogen sie wieder nach Haus. Die Frau war aber vor der Botschaft und danach stets noch einmal so traurig.

Im Nonnenhof war eine dicke Wirtin, Frau Betha Seysolffin, ein frohes Biederweib, christlich, leutselig, gütig; zumal an armen reisenden Gesellen bewies sie sich als eine rechte Fremdenmutter. Die Wirtschaft führte zumeist ihr ältester Sohn, Stephan, welcher verehlicht war; ein anderer, Xaver, war Klosterkoch, zwo Töchter noch bei ihr. Sie hatte einen kleinen Küchengarten vor der Stadt, dem Topf zunächst. Als sie im Frühjahr einst am ersten warmen Tag dort war und ihre Beete richtete, den Kappis[10], den Salat zu säen, Bohnen und Zwiebel zu stecken, besah sie sich von ungefähr auch einmal recht mit Wohlgefallen wieder das schöne blaue Wasser überm Zaun und mit Verdruß daneben einen alten garstigen Schutthügel, der schändete den ganzen Platz; nahm also, wie sie fertig war mit ihrer Arbeit und das Gartentürlein hinter sich zugemacht hatte, die Hacke noch einmal, riß flink das gröbste Unkraut aus, erlas etliche Kürbiskern' aus ihrem Samenkorb und steckte hin und wieder einen in den Haufen. (Der Abt im Kloster, der die Wirtin, als eine saubere Frau, gern sah -- man hätte sie nicht über vierzig Jahr geschätzt, er selber aber war, gleich ihr, ein starkbeleibter Herr -- stand just am Fenster oben und grüßte herüber, indem er mit dem Finger drohte, als halte sie zu seiner Widersacherin.) Die Wüstung grünte nun den ganzen Sommer, daß es eine Freude war, und hingen dann im Herbst die großen gelben Kürbis an dem Abhang nieder bis zu dem Teich.

Jetzt ging einsmals der Wirtin Tochter, Jutta, in den Keller, woselbst sich noch von alten Zeiten her ein offener Brunnen mit einem steinernen Kasten befand. Beim Schein des Lichts erblickte sie darinnen mit Entsetzen die schöne Lau, schwebend bis an die Brust im Wasser, sprang voller Angst davon und sagt's der Mutter an; die fürchtete sich nicht und stieg allein hinunter, litt auch nicht, daß ihr der Sohn zum Schutz nachfolge, weil das Weib nackt war.

Der wunderliche Gast sprach diesen Gruß:

Die Wasserfrau ist kommen Gekrochen und geschwommen Durch Gänge steinig, wüst und kraus Zur Wirtin in das Nonnenhaus. Sie hat sich meinethalb gebückt, Mein' Topf geschmückt Mit Früchten und mit Ranken, Das muß ich billig danken.

Sie hatte einen Kreisel aus wasserhellem Stein in ihrer Hand, den gab sie der Wirtin und sagte: »Nehmt dieses Spielzeug, liebe Frau, zu meinem Angedenken! Ihr werdet guten Nutzen davon haben. Denn jüngsthin habe ich gehört, wie Ihr in Eurem Garten der Nachbarin klagtet, Euch sei schon auf die Kirchweih angst, wo immer die Bürger und Bauern zu Unfrieden kämen und Mord und Totschlag zu befahren sei. Derhalben, liebe Frau, wenn wieder die trunkenen Gäste bei Tanz und Zeche Streit beginnen, nehmt den Topf zur Hand und dreht ihn vor der Tür des Saals im Öhrn[11], da wird man hören durch das ganze Haus ein mächtiges und herrliches Getöne, daß alle gleich die Fäuste werden sinken lassen und guter Dinge sein, denn jählings ist ein jeder nüchtern und gescheit geworden. Ist es an dem, so werfet Eure Schürze auf den Topf! da wickelt er sich alsbald ein und lieget stille.«

So redete das Wasserweib. Frau Betha nahm vergnügt das Kleinod samt der goldenen Schnur und dem Halter von Ebenholz, rief ihre Tochter Jutta her (sie stand nur hinter dem Krautfaß an der Staffel), wies ihr die Gabe, dankte und lud die Frau, so oft die Zeit ihr lang wär', freundlich ein zu fernerem Besuch; darauf das Weib hinabfuhr und verschwand.

Es dauerte nicht lang', so wurde offenbar, welch einen Schatz die Wirtschaft an dem Topf gewann. Denn nicht allein, daß er durch seine Kraft und hohe Tugend die übeln Händel allezeit in einer Kürze dämpfte, er brachte auch dem Gasthaus bald erstaunliche Einkehr zuwege. Wer in die Gegend kam, gemein oder vornehm, ging ihm zulieb; insonderheit kam bald der Graf von Helfenstein, von Wirtemberg und etliche große Prälaten; ja ein berühmter Herzog aus Lombardenland, so bei dem Herzoge von Bayern gastweis war und dieses Wegs nach Frankreich reiste, bot vieles Geld für dieses Stück, wenn es die Wirtin lassen wollte. Gewiß auch war in keinem andern Land seinesgleichen zu sehen und zu hören. Erst, wenn er anhub sich zu drehen, ging es doucement her, dann klang es stärker und stärker, so hoch wie tief, und immer herrlicher, als wie der Schall von vielen Pfeifen, der quoll und stieg durch alle Stockwerke bis unter das Dach und bis in den Keller, dergestalt daß alle Wände, Dielen, Säulen und Geländer schienen davon erfüllt zu sein, zu tönen und zu schwellen. Wenn nun das Tuch auf ihn geworfen wurde und er ohnmächtig lag, so hörte gleichwohl die Musik sobald nicht auf, es zog vielmehr der ausgeladene Schwall mit starkem Klingen, Dröhnen, Summen noch wohl bei einer Viertelstunde hin und her.

Bei uns im Schwabenland heißt so ein Topf aus Holz gemeinhin eine Habergeis[12]; Frau Betha ihrer ward nach seinem vornehmsten Geschäfte insgemein genannt der Bauren-Schwaiger[13]. Er war gemacht aus einem großen Amethyst, des Name besagen will: Wider den Trunk, weil er den schweren Dunst des Weins geschwinde aus dem Kopf vertreibt, ja schon von Anbeginn dawider tut, daß einen guten Zecher das Selige berühre; darum ihn auch weltlich und geistliche Herren sonst häufig pflegten am Finger zu tragen.

Die Wasserfrau kam jeden Mond einmal, auch je und je unverhofft zwischen der Zeit, weshalb die Wirtin eine Schelle richten ließ oben im Haus mit einem Draht, der lief herunter an der Wand beim Brunnen, damit sie sich gleichbald anzeigen konnte. Also ward sie je mehr und mehr zutunlich zu den wackeren Frauen, der Mutter samt den Töchtern und der Söhnerin[14].

Einsmals an einem Nachmittag im Sommer, da eben keine Gäste kamen, der Sohn mit den Knechten und Mägden hinaus in das Heu gefahren war, Frau Betha mit der Ältesten im Keller Wein abließ, die Lau im Brunnen aber Kurzweil halben dem Geschäft zusah und nun die Frauen noch ein wenig mit ihr plauderten, da fing die Wirtin an: »Mögt Ihr Euch denn einmal in meinem Haus und Hof umsehn? Die Jutta könnte Euch etwas von Kleidern geben; ihr seid von _einer_ Größe.«

»Ja,« sagte sie, »ich wollte lange gern die Wohnungen der Menschen sehn, was alles sie darin gewerben, spinnen, weben, ingleichen auch wie Eure Töchter Hochzeit machen und ihre kleinen Kinder in der Wiege schwenken.«

Da lief die Tochter fröhlich mit Eile hinauf, ein rein Leintuch zu holen, bracht' es und half ihr aus dem Kasten steigen; das tat sie sonder Müh und lachenden Mundes. Flugs schlug ihr die Dirne das Tuch um den Leib und führte sie bei ihrer Hand eine schmale Stiege hinauf in der hintersten Ecke des Kellers, da man durch eine Falltüre oben gleich in der Töchter Kammer gelangt. Allda ließ sie sich trocken machen und saß auf einem Stuhl, indem ihr Jutta die Füße abrieb. Wie diese ihr nun an die Sohle kam, fuhr sie zurück und kicherte. »War's nicht gelacht?« frug sie selber sogleich. -- »Was anders?« rief das Mädchen und jauchzte: »Gebenedeiet sei uns der Tag! ein erstes Mal wär' es geglückt!« -- Die Wirtin hörte in der Küche das Gelächter und die Freude, kam herein, begierig, wie es zugegangen, doch als sie die Ursach vernommen -- du armer Tropf, so dachte sie, das wird ja schwerlich gelten! -- ließ sich indes nichts merken, und Jutta nahm etliche Stücke heraus aus dem Schrank, das Beste was sie hatte, die Hausfreundin zu kleiden. »Seht!« sagte die Mutter, »sie will wohl aus Euch eine Susann Preisnestel[15] machen.« -- »Nein,« rief Lau in ihrer Fröhlichkeit, »laß mich die Aschengruttel[16] sein in deinem Märchen!« nahm einen schlechten runden Faltenrock und eine Jacke; nicht Schuh noch Strümpfe litt sie an den Füßen, auch hingen ihre Haare ungezöpft bis auf die Knöchel nieder. So strich sie durch das Haus von unten bis zu oberst, durch Küche, Stuben und Gemächer. Sie verwunderte sich des gemeinsten Gerätes und seines Gebrauchs, besah den rein gefegten Schenktisch und darüber in langen Reihen die zinnenen Kannen und Gläser, alle gleich gestürzt, mit hängendem Deckel, dazu den kupfernen Schwenkkessel samt der Bürste und mitten in der Stube an der Decke der Weber Zunftgeschmuck, mit Seidenband und Silberdraht geziert, in dem Kästlein von Glas. Von ungefähr erblickte sie ihr eigen Bild im Spiegel, davor blieb sie betroffen und erstockt eine ganze Weile stehn, und als darauf die Söhnerin sie mit in ihre Stube nahm und ihr ein neues Spiegelein, drei Groschen wert, verehrte, da meinte sie Wunders zu haben; denn unter allen ihren Schätzen fand sich dergleichen nicht.

Bevor sie aber Abschied nahm, geschah's, daß sie hinter den Vorhang des Alkoven schaute, woselbst der jungen Frau und ihres Mannes Bett sowie der Kinder Schlafstätte war. Saß da ein Enkelein mit rotgeschlafenen Backen, hemdig und einen Apfel in der Hand, auf einem runden Stühlchen von guter Ulmer Hafnerarbeit, grünverglaset. Das wollte dem Gast außer Maßen gefallen; sie nannte es einen viel zierlichen Sitz, rümpft' aber die Nase mit eins, und da die drei Frauen sich wandten zu lachen, vermerkte sie etwas und fing auch hell zu lachen an, und hielt sich die ehrliche Wirtin den Bauch, indem sie sprach: »Diesmal fürwahr hat es gegolten, und Gott schenk Euch einen so frischen Buben, als mein Hans da ist!«

Die Nacht darauf, daß sich dies zugetragen, legte sich die schöne Lau getrost und wohlgemut, wie schon in Jahren nicht, im Grund des Blautopfs nieder, schlief gleich ein, und bald erschien ihr ein närrischer Traum.

Ihr deuchte da, es war die Stunde nach Mittag, wo in der heißen Jahreszeit die Leute auf der Wiese sind und mähen, die Mönche aber sich in ihren kühlen Zellen eine Ruhe machen, daher es noch einmal so still im ganzen Kloster und rings um seine Mauern war. Es stund jedoch nicht lange an, so kam der Abt herausspaziert und sah, ob nicht etwa die Wirtin in ihrem Garten sei. Dieselbe aber saß als eine dicke Wasserfrau mit langen Haaren in dem Topf, allwo der Abt sie bald entdeckte, sie begrüßte und ihr einen Kuß gab, so mächtig, daß es vom Klostertürmlein widerschallte, und schallte es der Turm ans Refektorium, das sagt' es der Kirche, und die sagt's dem Pferdstall, und der sagt's dem Waschhaus, und im Waschhaus da riefen's die Zuber und Kübel sich zu. Der Abt erschrak bei solchem Lärm; ihm war, wie er sich nach der Wirtin bückte, sein Käpplein in Blautopf gefallen; sie gab es ihm geschwind, und er watschelte hurtig davon.

Da aber kam aus dem Kloster heraus unser Herrgott, zu sehn, was es gebe. Er hatte einen langen weißen Bart und einen roten Rock. Und frug den Abt, der ihm just in die Hände lief:

Herr Abt, wie ward Euer Käpplein so naß?

Und er antwortete:

Es ist mir ein Wildschwein am Wald verkommen[17], Vor dem hab' ich Reißaus genommen; Ich rannte sehr und schwitzet' baß[18], Davon ward wohl mein Käpplein naß.