Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes

Part 4

Chapter 43,016 wordsPublic domain

Des Zauberers sein Mägdlein saß In ihrem Saale rund von Glas, Sie spann beim hellen Kerzenschein Und sang so glockenhell darein. Der Saal, als eine Kugel klar, In Lüften aufgehangen war An einem Turm auf Felsenhöh', Bei Nacht hoch ob der wilden See Und hing in Sturm und Wettergraus An einem langen Arm hinaus. Wenn nun ein Schiff in Nächten schwer Sah weder Rat noch Rettung mehr, Der Lotse zog die Achsel schief, Der Hauptmann alle Teufel rief, Auch der Matrose wollt' verzagen: »O weh mir armen Schwartenmagen!« -- Auf einmal scheint ein Licht von fern, Als wie ein heller Morgenstern. Die Mannschaft jauchzet überlaut: »Heida! jetzt gilt es trockne Haut!« Aus allen Kräften steuert man Jetzt nach dem teuren Licht hinan: Das wächst und wächst und leuchtet fast Wie einer Zaubersonne Glast, Darin ein Mägdlein sitzt und spinnt, Sich beuget ihr Gesang im Wind. Die Männer stehen wie verzückt, Ein jeder nach dem Wunder blickt Und horcht und staunet unverwandt, Dem Steuermann entsinkt die Hand, Hat keiner acht mehr auf das Schiff; Das kracht mit eins am Felsenriff, Die Luft zerreißt ein Jammerschrei: »Herr Gott im Himmel, steh uns bei!« Da löscht die Zauberin ihr Licht; Noch einmal aus der Tiefe bricht Verhallend Weh aus einem Mund: Da zuckt das Schiff und sinkt zu Grund.

Der alte Turmhahn.

Idylle.

Zu Cleversulzbach im Unterland Hundertunddreizehn Jahr ich stand Auf dem Kirchturm, ein guter Hahn, Als ein Zierat und Wetterfahn'. In Sturm und Wind und Regennacht Hab' ich allzeit das Dorf bewacht. Manch falber Blitz hat mich gestreift, Der Frost mein' roten Kamm bereift, Auch manchen lieben Sommertag, Da man gern Schatten haben mag, Hat mir die Sonne unverwandt Auf meinen goldigen Leib gebrannt. So ward ich schwarz für Alter ganz, Und weg ist aller Glitz und Glanz. Da haben sie mich denn zuletzt Veracht't und schmählich abgesetzt. Meinthalb! so ist der Welt ihr Lauf: Jetzt tun sie einen andern 'nauf. Stolzier, prachtier und dreh dich nur! Dir macht der Wind noch andre Cour.

Ade, o Tal, du Berg und Tal! Rebhügel, Wälder allzumal! Herzlieber Turn und Kirchendach, Kirchhof und Steglein übern Bach! Du Brunnen, dahin spat und früh Öchslein springen, Schaf' und Küh'! Hans hinterdrein kommt mit dem Stecken Und Bastes Evlein auf dem Schecken. -- Ihr Störch' und Schwalben, grobe Spatzen, Euch soll ich nimmer hören schwatzen! Lieb deucht mir jedes Drecklein itzt, Damit ihr ehrlich mich beschmitzt. Ade, Hochwürden, ihr Herr Pfarr, Schulmeister auch, du armer Narr! Aus ist, was mich gefreut so lang', Geläut' und Orgel, Sang und Klang.

Von meiner Höh' so sang ich dort Und hätt' noch lang' gesungen fort: Da kam so ein krummer Teufelshöcker -- Ich schätz', es war der Schieferdecker -- Packt mich, kriegt nach manch hartem Stoß Mich richtig von der Stange los. Mein alt preßhafter Leib schier brach, Da er mit mir fuhr ab dem Dach Und bei den Glocken schnurrt' hinein. Die glotzten sehr verwundert drein; Regt' ihnen doch weiter nicht den Mut, Dachten eben: Wir hangen gut.

Jetzt tät man mich mit altem Eisen Dem Meister Hufschmied überweisen; Der zahlt zween Batzen und meint Wunder, Wie viel es wär' für solchen Plunder. Und also ich selben Mittag Betrübt vor seiner Hütte lag. Ein Bäumlein -- es war Maienzeit -- Schneeweiße Blüten auf mich streut, Hühner gackeln um mich her, Unachtend, was das für ein Vetter wär. Da geht mein Pfarrherr nun vorbei, Grüßt den Meister und lächelt: »Ei, Wär's so weit mit uns, armer Hahn? Andres, was fangt Ihr mit ihm an? Ihr könnt ihn weder sieden noch braten, Mir aber müßt' es schlimm geraten, Einen alten Kirchendiener gut Nicht zu nehmen in Schutz und Hut. Kommt! tragt ihn mir gleich vor ins Haus, Trinket ein kühl' Glas Wein mit aus!«

Der rußig' Lümmel, schnell bedacht, Nimmt mich vom Boden auf und lacht. Es fehlt' nicht viel, so tat ich frei Gen Himmel einen Freudenschrei. Im Pfarrhaus ob dem fremden Gast War groß und klein erschrocken fast; Bald aber in jedem Angesicht Ging auf ein rechtes Freudenlicht. Frau, Magd und Knecht, Mägdlein und Buben Den großen Göckel in der Stuben Mit siebenfacher Stimmen Schall Begrüßen, begucken, betasten all'. Der Gottesmann drauf mildiglich Mit eignen Händen trägt er mich Nach seinem Zimmer, Stiegen auf, Nachpolteret der ganze Hauf'.

Hier wohnt der Frieden auf der Schwell'. In den geweißten Wänden hell Sogleich empfing mich sondre Luft, Bücher- und Gelahrtenduft, Gerani- und Resedaschmack, Auch ein Rüchlein Rauchtabak. (Dies war mir all' noch unbekannt.) Ein alter Ofen aber stand In der Ecke linker Hand. Recht als ein Turn tät er sich strecken Mit seinem Gipfel bis zur Decken, Mit Säulwerk, Blumwerk, kraus und spitz -- O anmutsvoller Ruhesitz! Zuöberst auf dem kleinen Kranz Der Schmied mich auf ein Stänglein pflanzt'.

Betrachtet' mir das Werk genau! Mir deucht's ein ganzer Münsterbau, Mit Schildereien wohl geziert, Mit Reimen christlich ausstaffiert. Davon vernahm ich manches Wort, Dieweil der Ofen ein guter Hort Für Kind und Kegel und alte Leut', Zu plaudern, wann es wind't und schneit.

Hier seht ihr seitwärts auf der Platten Eines Bischofs Krieg mit Mäus und Ratten, Mitten im Rheinstrom sein Kastell. Das Ziefer kommt geschwommen schnell, Die Knecht' nichts richten mit Waffen und Wehr: Der Schwänze werden immer mehr. Viel Tausend gleich in dicken Haufen, Frech an der Mauer auf sie laufen, Fallen dem Pfaffen in sein Gemach. Sterben muß er mit Weh und Ach, Von den Tieren aufgefressen; Denn er mit Meineid sich vermessen. -- Sodann König Belsazers seinen Schmaus, Weiber und Spielleut', Saus und Braus! Zu großem Schrecken an der Wand Rätsel schreibt eines Geistes Hand. -- Zuletzt da vorne stellt sich für Sara, lauschend an der Tür, Als der Herr mit Abraham Vor seiner Hütte zu reden kam Und ihme einen Sohn versprach. Sara sich Lachens nicht entbrach, Weil beide schon sehr hoch betaget. Der Herr vernimmt es wohl und fraget: »Wie, lachet Sara? glaubt sie nicht, Was der Herr will, leicht geschicht?« Das Weib hinwieder Flausen machet, Spricht: »Ich habe nicht gelachet.« Das war nun wohl gelogen fast; Der Herr es doch passieren laßt, Weil sie nicht leugt aus arger List, Auch eine Patriarchin ist.

Seit daß ich hier bin, dünket mir Die Winterszeit die schönste schier. Wie sanft ist aller Tage Fluß Bis zum geliebten Wochenschluß! -- Freitag zu Nacht noch um die Neune Bei seiner Lampen Trost alleine Mein Herr fangt an sein Predigtlein Studieren; anderst mag's nicht sein. Eine Weil' am Ofen brütend steht, Unruhig hin und dannen geht: Sein Text ihm schon die Adern reget; Drauf er sein Werk zu Faden schläget. Inmittelst einmal auch etwan Hat er ein Fenster aufgetan -- Ah, Sternenlüfteschwall wie rein Mit Haufen dringet zu mir ein! Den Verrenberg ich schimmern seh', Den Schäferbühel dick mit Schnee.

Zu schreiben endlich er sich setzet, Ein Blättlein nimmt, die Feder netzet, Zeichnet sein Alpha und sein O Über dem ~Exordio~. Und ich von meinem Postament Kein Aug' ab meinem Herrlein wend', Seh', wie er mit Blicken steif ins Licht Sinnt, prüfet jedes Worts Gewicht, Einmal sacht eine Prise greifet, Vom Docht den roten Butzen streifet; Auch dann und wann zieht er vor sich Ein Sprüchlein an vernehmentlich, So ich mit vorgerecktem Kopf Begierlich bringe gleich zu Kropf. Gemachsam kämen wir also Bis Anfang ~Applicatio~.

Indes der Wächter elfe schreit. Mein Herr denkt: Es ist Schlafenszeit, Ruckt seinen Stuhl und nimmt das Licht. -- »Gut' Nacht, Herr Pfarr!« -- Er hört es nicht.

Im Finstern wär' ich denn allein; Das ist mir eben keine Pein. Ich hör' in der Registratur Erst eine Weil' die Totenuhr, Lache den Marder heimlich aus, Der scharrt sich müd' am Hühnerhaus; Windweben um das Dächlein stieben; Ich höre, wie im Wald da drüben -- Man heißet es im Vogeltrost -- Der grimmig' Winter sich erbost, Ein Eichlein spalt't jähling mit Knallen, Eine Buche, daß die Täler schallen. -- Du meine Güt', da lobt man sich So frommen Ofen dankbarlich! Er wärmelt halt die Nacht so hin, Es ist ein wahrer Segen drin. -- Jetzt, denk' ich, sind wohl hie und dort Spitzbuben aus auf Raub und Mord, Denk', was eine schöne Sach' es ist, Brave Schloß und Riegel zu jeder Frist, Was ich wollt' machen herentgegen, Wenn ich eine Leiter hört' anlegen, Und sonst was so Gedanken sind: Ein warmes Schweißlein mir entrinnt. Um zwei, gottlob! und um die drei Glänzet empor ein Hahnenschrei, Um fünfe mit der Morgenglocken Mein Herz sich hebet unerschrocken, Ja voller Freuden auf es springt, Als der Wächter endlich singt: »Wohlauf, im Namen Jesu Christ! Der helle Tag erschienen ist.«

Ein Stündlein drauf, wenn mir die Sporen Bereits ein wenig steifgefroren, Rasselt die Lis' im Ofen, brummt, Bis 's Feuer angeht, saust und summt. Dann von der Küch' 'rauf, gar nicht übel, Die Supp' ich wittre, Schmalz und Zwiebel. Endlich, gewaschen und geklärt, Mein Herr sich frisch zur Arbeit kehrt.

Am Samstag muß ein Pfarrer fein Daheim in seiner Klause sein, Nicht visiteln, herumkutschieren, Seine Faß einbrennen, sonst hantieren. Meiner hat selten solch Gelust. Einmal -- ihr sagt's nicht weiter just -- Zimmert' er den ganzen Nachmittag Dem Fritz an einem Meisenschlag Dort an dem Tisch und schwatzt' und schmaucht'; Mich alten Tropf kurzweilt' es auch.

Jetzt ist der liebe Sonntag da, Es läut't zur Kirchen fern und nah. Man orgelt schon: mir wird dabei, Als säß' ich in der Sakristei. Es ist kein Mensch im ganzen Haus; Ein Mücklein hör' ich, eine Maus. Die Sonne sich ins Fenster schleicht, Zwischen die Kaktusstöck' hinstreicht Zum kleinen Pult von Nußbaumholz, Eines alten Schreinermeisters Stolz, Beschaut sich, was da liegt umher, Konkordanz und Kinderlehr', Oblatenschachtel, Amtssigill, Im Tintenfaß sich spiegeln will, Zuteuerst Sand und Grus besicht, Sich an dem Federmesser sticht Und gleitet übern Armstuhl frank Hinüber an den Bücherschrank. Da stehn in Pergament und Leder Vornan die frommen Schwabenväter: _Andreä_, _Bengel_, _Rieger_ zween Samt _Ötinger_ sind da zu sehn. Wie sie die goldnen Namen liest, Noch goldener ihr Mund sie küßt, Wie sie rührt an _Hillers_ Harfenspiel -- Horch! klingt es nicht? so fehlt nicht viel. Inmittelst läuft ein Spinnlein zart An mir hinauf nach seiner Art Und hängt sein Netz, ohn' erst zu fragen, Mir zwischen Schnabel auf und Kragen. Ich rühr' mich nicht aus meiner Ruh', Schau' ihm eine ganze Weile zu; Darüber ist es wohl geglückt, Daß ich ein wenig eingenickt. -- Nun sagt, ob es in Dorf und Stadt Ein alter Kirchhahn besser hat?

Ein Wunsch im stillen dann und wann Kommt einen freilich wohl noch an. Im Sommer stünd' ich gern da draus Bisweilen auf dem Taubenhaus, Wo dicht dabei der Garten blüht, Man auch ein Stück vom Flecken sieht. Dann in der schönen Winterzeit, Als zum Exempel eben heut' -- Ich sag' es grad' -- da haben wir Gar einen wackern Schlitten hier, Grün, gelb und schwarz; er ward verwichen Erst wieder sauber angestrichen: Vorn auf dem Bogen brüstet sich Ein fremder Vogel hoffärtig; Wenn man mich etwas putzen wollt', Nicht, daß es drum viel kosten sollt', Ich stünd' so gut dort als wie der Und machet niemand nicht Unehr'! -- Narr! denk' ich wieder, du hast dein Teil! Willt du noch jetzo werden geil? Mich wundert, ob dir nicht gefiel, Daß man, der Welt zum Spott und Ziel, Deinen warmen Ofen gar zuletzt Mitsamt dir auf die Läufe setzt', Daß auf dem G'sims da um dich säß' Mann, Weib und Kind, der ganze Käs'. Du alter Scherb, schämst du dich nicht, Auf Eitelkeit zu sein erpicht? Geh in dich, nimm dein Ende wahr! Wirst nicht noch einmal hundert Jahr.

An Wilhelm Hartlaub.

Durchs Fenster schien der helle Mond herein: Du saßest am Klavier im Dämmerschein, Versankst im Traumgewühl der Melodien, Ich folgte dir an schwarzen Gründen hin, Wo der Gesang versteckter Quellen klang Gleich Kinderstimmen, die der Wind verschlang. Doch plötzlich war dein Spiel wie umgewandt, Nur blauer Himmel schien noch ausgespannt, Ein jeder Ton ein lang' gehaltnes Schweigen. Da fing das Firmament sich an zu neigen, Und jäh daran herab der Sterne selig Heer Glitt rieselnd in ein goldig Nebelmeer, Bis Tropf' um Tropfen hell darin zerging, Die alte Nacht den öden Raum umfing.

Und als du neu ein fröhlich Leben wecktest, Die Finsternis mit jungem Lichte schrecktest, War ich schon weit hinweg mit Sinn und Ohr; Zuletzt warst du es selbst, in den ich mich verlor. Mein Herz durchzückt' mit eins ein Freudenstrahl: Dein ganzer Wert erschien mir auf einmal. So wunderbar empfand ich es, so neu, Daß noch bestehe Freundeslieb' und Treu', Daß uns so sichrer Gegenwart Genuß Zusammenhält in Lebensüberfluß!

Ich sah dein hingesenktes Angesicht Im Schatten halb, und halb im klaren Licht; Du ahntest nicht, wie mir der Busen schwoll, Wie mir das Auge brennend überquoll. Du endigtest; ich schwieg. -- Ach, warum ist doch eben Dem höchsten Glück kein Laut des Danks gegeben?

Da tritt dein Töchterchen mit Licht herein: Ein ländlich Mahl versammelt groß und klein, Vom nahen Kirchturm schallt das Nachtgeläut', Verklingend so des Tages Lieblichkeit.

Ach nur einmal noch im Leben.

Im Fenster jenes alt verblichnen Gartensaals Die Harfe, die, vom leisen Windhauch angeregt, Lang ausgezogne Töne traurig wechseln läßt In ungepflegter Spätherbst-Blumen-Einsamkeit, Ist schön zu hören einen langen Nachmittag. Nicht völlig unwert ihrer holden Nachbarschaft, Stöhnt auf dem grauen Zwingerturm die Fahne dort, Wenn stürmischer oft die Wolken ziehen überhin.

In meinem Garten aber (hieß' er nur noch mein!) Ging so ein Hinterpförtchen frei ins Feld hinaus, Abseits vom Dorf. Wie manches liebe Mal stieß ich Den Riegel auf an der geschwärzten Gattertür Und bog das überhängende Gesträuch zurück, Indem sie sich auf rost'gen Angeln schwer gedreht! -- Die Tür nun, musikalisch mannigfach begabt, Für ihre Jahre noch ein ganz annehmlicher Sopran (wenn sie nicht eben wetterlaunisch war), Verriet mir eines Tages -- plötzlich, wie es schien, Erweckt aus einer lieblichen Erinnerung -- Ein schöneres Empfinden, höhere Fähigkeit. Ich öffne sie gewohnterweise: da beginnt Sie zärtlich eine Arie, die mein Ohr sogleich Bekannt ansprach. Wie? rief ich staunend: träum' ich denn? War das nicht »Ach nur einmal noch im Leben« ganz? Aus Titus, wenn mir recht ist! -- Alsbald ließ ich sie Die Stelle wiederholen, und ich irrte nicht; Denn langsamer, bestimmter, seelenvoller nun ~Da capo~ sang die Alte: »Ach nur einmal noch!« Die fünf, sechs ersten Noten nämlich, weiter kaum, Hingegen war auch dieser Anfang tadellos. -- Und was, frug ich nach einer kurzen Stille sie, Was denn noch einmal? Sprich! woher, Elegische, Hast du das Lied? Ging etwa denn zu deiner Zeit (Die neunziger Jahre meint' ich) ein schönes Kind, Des Pfarrers Enkeltochter, sittsam aus und ein, Und hörtest du sie durch das offne Fenster oft Am grünlackierten, goldbeblümten Pantalon Hellstimmig singen? Des gestrengen Mütterchens Gedenkst du auch, der Hausfrau, die so reinlich stets Den Garten hielt, gleichwie sie selber war, wann sie Nach schwülem Tag am Abend ihren Kohl begoß, Derweil der Pfarrherr ein paar Freunden aus der Stadt, Die eben weggegangen, das Geleite gab; Er hatte sie bewirtet in der Laube dort, Ein lieber Mann, redseliger Weitschweifigkeit. Vorbei ist nun das alles und kehrt nimmer so! Wir Jüngern heutzutage treiben's ungefähr Zwar gleichermaßen, wackre Leute ebenfalls; Doch besser dünkt ja allen, was vergangen ist. Es kommt die Zeit, da werden wir auch ferne weg Gezogen sein, den Garten lassend und das Haus: Dann wünschest du nächst jenen Alten uns zurück Und schmückt vielleicht ein treues Herz vom Dorf einmal, Mein denkend und der Meinen, im Vorübergehn Dein morsches Holz mit hellem Ackerblumenkranz.

Der Tambour.

Wenn meine Mutter hexen könnt', Da müßt sie mit dem Regiment, Nach Frankreich, überall mit hin Und wär' die Marketenderin. Im Lager, wohl um Mitternacht, Wenn niemand auf ist als die Wacht Und alles schnarchet, Roß und Mann, Vor meiner Trommel säß' ich dann: Die Trommel müßt' eine Schüssel sein, Ein warmes Sauerkraut darein, Die Schlegel Messer und Gabel, Eine lange Wurst mein Sabel; Mein Tschako wär ein Humpen gut, Den füll' ich mit Burgunderblut. Und weil es mir an Lichte fehlt, Da scheint der Mond in mein Gezelt; Scheint er auch auf Franzö'sch herein, Mir fällt doch meine Liebste ein: Ach weh! jetzt hat der Spaß ein End'. -- Wenn nur meine Mutter hexen könnt'!

Häusliche Szene.

Schlafzimmer. Präceptor _Ziborius_ und _seine junge Frau_. Das Licht ist gelöscht.

Schläfst du schon, Rike? -- »Noch nicht.« -- Sag! hast du denn heut' die Kukumern Eingemacht? -- »Ja.« -- Und wieviel nahmst du mir Essig dazu? -- »Nicht zwei völlige Maß.« -- Wie? fast zwei Maß? Und von welchem Krug? von dem kleinern doch nicht, links vor dem Fenster am Hof? -- »Freilich.« -- Verwünscht! So darf ich die Probe nun noch einmal machen, Eben indem ich gehofft, schon das Ergebnis zu sehn. Konntest du mich nicht fragen? -- »Du warst in der Schule.« -- Nicht warten? -- »Lieber, zu lange bereits lagen die Gurken mir da.« -- Unlängst sagt' ich dir: Nimm von Numero 7 zum Hausbrauch! -- »Ach, wer behielte denn stets alle die Zahlen im Kopf!« -- Sieben behält sich doch wohl! nichts leichter behalten als sieben! Groß mit arabischer Schrift hält es der Zettel dir vor. -- »Aber du wechselst den Ort nach der Sonne von Fenster zu Fenster Täglich: die Küche pressiert oft, und ich suche mich blind. Bester, dein Essiggebräu, fast will es mich endlich verdrießen. Ruhig, obgleich mit Not, trug ich so manches bis jetzt. Daß du im Waschhaus dich einrichtetest, wo es an Raum fehlt, Destillierest und brennst, schien mir das Äußerste schon. Nicht gern sah ich vom Stockbrett erst durch Kolben und Krüge Meine Reseden verdrängt, Rosen und Sommerlevkojn: Aber nun stehen ums Haus her rings vor jeglichem Fenster, Halb gekleidet in Stroh, gläserne Bäuche gereiht; Mir auf dem Herd stehn viere zum Hindernis, selber im Rauchfang Hängt so ein Untier jetzt, wieder ein neuer Versuch! Lächerlich machen wir uns -- nimm mir's nicht übel!« -- Was sagst du? Lächerlich! -- »Hättest du nur heut' die Dekanin gehört! Und in jeglichem Wort ihn selber vernahm ich, den Spötter; Boshaft ist er, dazu Schwager zum Pädagogarch.« -- Nun? -- »Einer Festung verglich sie das Haus des Präceptors, ein Bollwerk Hieß mein Erker; es sei alles bespickt mit Geschütz.« -- Schnödes Gerede, der lautere Neid! Ich hoffe mein Stecken- Pferd zu behaupten, so gut als ihr Gemahl, der Dekan. Freut's ihn, Kanarienvögel und Einwerfkäfige dutzend- Weise zu haben, mich freut's, tüchtigen Essig zu ziehn. --

(Pause. Er scheint nachdenklich. Sie spricht für sich:)

»Wahrlich, er dauert mich schon: ihn ängstet ein wenig die Drohung Mit dem Studienrat, dem er schon lange nicht traut.« --

(Er fährt fort:)