Part 2
Gunther, der jüngere der Brüder, errötete leicht, obschon nicht von ihm die Rede war. Er war schlank und schmächtig und ähnelte der Mutter. Ein Paar sehr schöne und kluge, sammetbraune Augen belebten das etwas blasse Gesicht.
Der »grimme Hagen« schlug mehr dem Vater nach. Er war ebenso lebhaft wie dieser in Sprache und Bewegungen und zog den Mund ein wenig schief, wenn er lächelte. Er war auch der ganze Stolz seines Erzeugers, der Leiter der Fabrik und Träger der Firma, ein tüchtiger Kaufmann trotz seiner Lebemannsallüren. Gunther war aus der Rasse gefallen. Er hatte keinerlei merkantile Neigungen und galt für einen Gelehrten. Er war Literarhistoriker.
Das interessierte Hedda. Sie fragte, wo er studiere, und befand sich bald in angeregter Unterhaltung mit ihm. Gunther erzählte, daß er es bereits bis zum Dozenten an der Berliner Universität gebracht habe, und daß seine Spezialität die höfische Dichtung des Mittelalters sei. Insofern mache er auch seinem »ihm wider Willen« gegebenen Vornamen Ehre, als er sich mit besonderem Eifer auf die Erforschung des Nibelungenliedes geworfen habe. Er führte noch einige Lyriker und Didaktiker aus der Blütezeit des Minnesangs an, Namen, die Hedda ziemlich fremd an das Ohr klangen; nur von Walter von der Vogelweide, von Tannhäuser und Ulrich von Lichtenstein hatte sie schon gehört.
Aber es gefiel ihr alles, was der junge Gelehrte sagte. Er hatte so eine nette Art, sich auszudrücken, und das weiche, sympathische Organ seiner Mutter. Er sprach bescheiden und ruhig und schien sichtlich erfreut zu sein über das Interesse, das Hedda ihm und seinem Studium entgegenbrachte. Unwillkürlich hatten die beiden während ihrer Unterhaltung sich ein wenig von den übrigen zurückgezogen. Sie standen in einer Fensternische, während die andern sich um den Sofatisch gruppierten.
Der Kommerzienrat führte im Augenblick das Wort.
»Ja, denken Sie sich, mein verehrter Herr Baron,« sagte er, den ausgestreckten Zeigefinger seiner Rechten hoch in der Luft, »die Quelle soll in der Tat Mineralgehalt haben. Hören Sie mal, das könnte 'ne große Sache werden! Was meinen Sie, wenn wir aus Oberlemmingen ein Bad machten?!«
»Bleiben Sie mir vom Leibe!« rief der Baron zurück. »Ein Bad -- na, das fehlte noch! Bin froh, daß wir hier so in der Stille und Ruhe sitzen! Übrigens glaub' ich das noch nicht recht -- das mit der Quelle. Wo soll sie sein -- an der Grauen Lehne?«
Schellheim nickte eifrig.
»Ja -- an der Grauen Lehne, im Möllerschen Gehölz,« antwortete er. »Man hat sie gar nicht beachtet -- was versteht der Bauer vom Gurkensalat! Aber da hat sich ein Lehrer aus Frankfurt während der großen Ferien bei Möller im Gasthof eingemietet, und dem ist die Gaseentwicklung aufgefallen, mit der die Quelle aus dem Boden sprudelt, -- wissen Sie, ich habe mir das Dings angesehen, es moussiert förmlich -- wie eine Pommery ... Und da hat er denn einen befreundeten Chemiker darauf aufmerksam gemacht, der hat das Wasser genauer untersucht. Was soll ich Ihnen sagen, mein bester Herr Baron, -- der Mann hat Kohlensäure und Eisen konstatiert und Möller angeraten, die Quelle schleunigst fassen zu lassen.«
Der Baron schüttelte den Kopf und strich sich dann über den Leib.
»Das Marienbader hat mich nicht schlanker gemacht,« meinte er; »vielleicht ist unser heimisches Wässerchen wirkungsvoller.«
Schellheim lachte.
»Nun denken Sie mal an! Wenn wir nicht mehr in die Ferne zu schweifen brauchten, sondern gleich immer an Ort und Stelle unser alljährliches Gesundungsbad nehmen könnten! Alle Wetter, das wäre doch wirklich famos! Ich hätte große Lust, dem alten Möller das Quellenterrain abzukaufen. Allzu unverschämt wird er ja hoffentlich nicht sein.«
»Eh -- na -- warten Sie's ab, Herr Kommerzienrat! Wie ich unsre Bauern kenne, lassen sie sich nicht so leicht die Butter vom Brote nehmen. Und namentlich der alte Möller, -- der hat's faustdick hinter den Ohren ... Offen gestanden, ich wünschte, die ganze Geschichte beruhte auf einem Irrtum. Mit unserm stillen Frieden ist's aus, wenn wir erst Badegäste hierher bekommen. Ich gucke unsre paar Sommerfrischler schon immer unwirsch von der Seite an.«
»Das ist egoistisch, lieber Baron --«
»Ah was, jeder ist sich selbst der Nächste! Ich bin glücklich in meiner Einsamkeit. Hab' neulich einmal irgend einen modernen Dichter gelesen, der nennt die Einsamkeit ein 'vornehm' Land'. Und, weiß Gott, der Poet hat recht! Ich möchte mir nicht gern mein letztes Eckchen 'vornehm' Land' rauben lassen.«
Der Kommerzienrat verzog den Mund.
»Alle Achtung vor Ihrem Dichtersmann, Herr Baron -- aber die Einsamkeit widerspricht dem Zeitgeist. Wer für die Menschheit lebt, muß mitten im Menschentreiben stehn.«
»Oho -- haha -- Kommerzienrat, fragen Sie mal den Jüngsten Ihrer Nibelungen, ob er im Trubel und Gewühl schaffen und arbeiten kann! Und lebt doch am Ende auch für die Menschen seiner Zeit.«
Die Rätin nickte, und der grimme Hagen warf ein, mit schiefen Mundwinkeln gleich seinem Herrn Vater, sich an der Krawatte zupfend: »Ach nein, Herr Baron -- den Gunther muß man als Sonderling beurteilen. Der ist am glücklichsten, wenn sich kein Mensch um ihn bekümmert, und selbst seine Forschungen hält er ängstlich geheim.«
»'s ist so,« fiel Schellheim ein, während die beiden in der Fensternische sich nicht in ihrer Unterhaltung stören ließen, sondern nur zuweilen mit leichtem Lächeln zu den andern herüberschauten; »ich bin kein Banause, lieber Baron, und schätze Wissenschaft und Kunst -- ah, nun ja -- ganz gewiß! Aber ich frage dennoch: was gewinnt die Menschheit, wenn irgend ein Gelehrter nach unendlichen Mühen herausgekriegt hat, daß Heinrich von Ofterdingen möglicherweise ein paar Strophen des Nibelungenliedes gedichtet habe? -- Ich bitte Sie, die ganzen gelehrten Wissenschaften, die nicht praktischen Zwecken dienen, sind doch eigentlich nur Füllsel im Dasein, pikante Zutaten zu der Pastete, aber keine Kost, die den Hunger der Lebenden stillt! Den Hunger der Lebenden,« wiederholte er nochmals, als gefalle ihm der Ausdruck besonders, und dann fuhr er raschen Wortes fort, da er sah, daß seine Frau unruhig wurde und verschiedenfach nach dem Fenster blickte: »Ich hätte ja am liebsten gehabt, Gunther hätte gleichfalls die kaufmännische Karriere ergriffen. Er wollte nicht -- schön -- ich bin kein Rabenvater. Aber nun ausgesucht Literarhistoriker! Warum nicht Jurist? Warum nicht Mediziner? Meinethalben bloß Theoretiker -- Anthropologe, Bazillenmensch -- die haben doch feste Ziele im Auge, ich bitte Sie, und ihre Untersuchungen nützen der Gesamtheit.... Nein -- er wollte partout ein Bücherwurm werden --«
»Und fühlt sich recht wohl dabei,« warf Gunther ein. Er war aus der Nische getreten. Sein blasses Gesicht hatte sich leicht gerötet. Er lächelte, aber es zuckte doch auch ein wenig bitter um seine Mundwinkel. »Papa ist nun mal ein Fanatiker der sogenannten praktischen Berufe, Herr von Hellstern,« wandte er sich wie entschuldigend an den Baron; »ich begreife es auch. Wer, wie er, sich nur in rastloser produktiver Tätigkeit wohl fühlt, der kann einer stillen Gelehrtenarbeit schwerlich Geschmack abgewinnen. Ich höre übrigens, daß Sie mit einer Geschichte Ihres Geschlechts beschäftigt sind, Herr Baron, und sich in umfangreiches Quellenmaterial zu vertiefen haben. Wenn ich Ihnen irgendwie dienlich sein kann --«
»Merci, Herr Doktor -- sehr liebenswürdig,« entgegnete Hellstern; »das Lateinische macht mir ja manchmal Kopfzerbrechen; und wenn mir etwas besonders Verzwicktes unter die Finger kommen sollte, will ich mich gern an Sie wenden. Bleiben Sie noch einige Tage hier?«
»Leider nein,« erwiderte die Rätin seufzend, und ihr Gatte fiel ein: »Sie fahren alle beide schon morgen abend wieder zurück, die Jungen ...« Er klopfte Gunther auf die Schulter. »Ich hab's nicht böse gemeint -- #de gustibus# und so weiter. _Mir_ würde das Herumwühlen in alten Scharteken den Appetit verderben. Da lob' ich mir noch die Musik. Gnädigste Baronesse sind gewiß auch Wagnerschwärmerin?«
Das war sie wirklich, und nun erfolgte eine kurze Zwiesprache zwischen ihr und der Rätin über den vergötterten Meister und seine Musik. Da wurde Frau Schellheim warm. Sie konnte sich gar nicht beruhigen, daß Hedda ihren Liebling nur aus den Klavierpartituren kannte und noch keins seiner Bühnenwerke gesehen hatte. Ihr drittes Wort war Bayreuth und Frau Cosima. In der Villa Wahnfried kannte sie jeden Raum.
Der Baron beobachtete scharf, während er ungezwungen plauderte. Sein Urteil über die Familie Schellheim stand fest. Der Rat ein intelligenter Emporkömmling, wie man seinen Typus in allen Großstädten hundertfach findet; die Frau unterdrückt, nicht uneben; aber von sklavischer Ergebenheit; der grimme Hagen ein modernes Kaufmannsgigerl, das nach Abschluß der Geschäftszeit den Lebemann und Kulissenjäger spielt -- und Gunther der aus der Art geschlagene Idealist. Gunther gefiel dem Baron noch am besten, obschon auch er für grüblerische Gelehrtentüftelei wenig übrig hatte.
Man sprach von guter Nachbarschaft und dergleichen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr Hellstern, daß der Kommerzienrat beabsichtigte, sich gänzlich auf der »Auburg« -- so hatte er sein Schloß getauft -- festzusetzen. Hagen sollte die Fabrik allein weiterführen.
»Ich möchte mich gern einmal etwas intimer mit der Landwirtschaft befassen,« sagte Schellheim, schon zum Aufbruch gerüstet. »Es macht mir Spaß -- möchte mal versuchen, ob dem Boden nicht doch ganz gute Erträgnisse abzuringen sind.... Also wegen der Quelle, -- stehen Sie mit dem Möller auf gutem Fuß, Herr Baron, wenn ich fragen darf?«
»Auf gar keinem,« erwiderte Hellstern ziemlich kurz. »Aber, falls Sie mit ihm in Verbindung treten sollten -- #attention!# Es ist ein brutaler Schlaukopf.«
Schellheim lachte.
»Mich führt niemand so leicht hinters Licht, bester Herr Baron,« sagte er. Dann empfahl man sich. Auf der Veranda blieb der Kommerzienrat noch einen Augenblick stehen und pries die Lage des Baronshofes. Auch das alte Herrenhaus gefalle ihm sehr. Er habe für diese alten Landhäuser viel mehr übrig als für die modernen Luxusbauten. Er sei überhaupt nicht für den Luxus, wenn er sich nicht mit solider Gediegenheit vereine ...
August stand wieder am Wagenschlag. Er sah sehr schäbig aus neben den frisch livrierten Dienern Schellheims und dem lackierten Glanz der Viktoria. Aber er machte ein hochmütiges Gesicht; die Leute vom Auberg imponierten ihm durchaus nicht.
Der Wagen rollte davon. Der Kommerzienrat winkte noch wiederholt mit seinem abgezogenen Handschuh aus dem Fenster.
Hellstern sah dem unter seinem silbergeschmückten Geschirr sich sehr stattlich ausnehmenden Fuchsgespann lange nach.
»Solche Karrossiers hab' ich mir mein Lebtag nicht gegönnt,« sagte er zu Hedda. »Hübsche Gäule und gut eingefahren ... Es ist merkwürdig, wie es im Leben auf und nieder geht. Jetzt sind die Krämer die Sieger und wir vom Adel die Besiegten. Das war ehemals anders.«
»Freilich,« entgegnete Hedda mit leichtem Seufzer, »'s ist leider immer so in der Weltgeschichte. Hammer und Amboß wechseln. Aber allzu schlimm sind die Schellheims noch nicht.«
»Na, es geht,« erwiderte der Baron etwas mürrisch.
Zweites Kapitel
Am Westausgange des Dorfes wohnte der Vater Dörthes, der Stellmacher Klempt. Man mußte einen kleinen Garten durchschreiten, ehe man zu dem mit Schindeln gedeckten Häuschen des Alten kam. Das heißt, es war eigentlich kein richtiger Garten, denn es blühten nur wenige Blumen darin -- ein paar Georginen und Pechnelken, die dicht am Staketzaun standen --, alles übrige war Wiese und Kartoffelland. Dicht am Hause hatte Klempt sich eine kleine Baumschule angelegt. Das war seine besondere Freude. Er zog allerdings keine Seltenheiten, sondern nur einige Reihen echter Kastanien, Edelakazien und Pfirsiche und ein paar hochstämmige Rosen, seine Sorgenkinder, die er im Winter durch Moosumhüllung und eine Panzerung von stachligem Wacholderbuschwerk vor den Angriffen hungriger Hasen schützte.
Klempt war ein stiller und ruhiger Mensch, der sich durch mancherlei Ungemach des Lebens zu einer gewissen philosophischen Resignation durchgerungen hatte. In der Tat, er war ein Bauernphilosoph von eigentümlicher Prägung; dadurch, daß er sich von den andern zurückhielt und auch den abendlichen Zusammenkünften in der Krugwirtschaft fernblieb, daß er ein ziemlich einsames Leben führte und fast beständig auf sich selbst angewiesen war, hatte er sich in eine sonderliche Gedankenwelt eingesponnen, die er mit Emsigkeit pflegte, und in der er mit ganzem Sein aufging. Er hatte seine Frau und vier blühende Kinder hinsterben sehen. Die Dörthe war seine Letzte, aber er hatte es nicht gelitten, daß sie ihm die Wirtschaft führte. Sie sollte »die Welt kennen lernen«, wie er sich ausdrückte, und das fing damit an, daß sie auf dem Baronshofe in Dienst trat. Da Klempt indessen in seinem Haushalt der weiblichen Hand nicht völlig entbehren konnte, so nahm er seine einzige, unverheiratete Schwester Pauline zu sich. Das war ein langes, hageres Weibsbild, fast an die Sechzig, aber noch schwarzhaarig und mit glänzenden Augen in dem die Spuren einstiger großer Schönheit tragenden Gesicht. Die Pauline paßte zu ihrem Bruder; sie führte ein ähnliches Traumleben wie er, denn sie war völlig taub und pflegte sich nur durch ein eigenartiges Gebärdenspiel mit ihm zu verständigen. Sie war eine brave Person, etwas mystisch veranlagt, ewig in Punktierbüchern und Traumdeutungen kramend, männerscheu und von nervöser Empfindlichkeit, aber auch fleißig und sorgsam im Haushalt.
Das war die Rechte für den Stellmacher. Auch er liebte es nicht, viel Worte zu machen. Dafür las er gern, besonders an den Winterabenden, und zwar am liebsten Geschichtswerke oder Geographiebücher, doch nie Romane, für die er nichts übrig hatte. Baron Hellstern, der Pastor und der Kantor liehen ihm, was sie auf ihren Repositorien hatten; bei der Arbeit verdaute der alte Klempt sodann seine Lektüre. Das war ein Genuß für ihn. Saß er draußen im Hofe auf seiner Hobelbank oder schlug die Speichen eines Rades ein, daß es weithin dröhnte durch das stille Dorf, so arbeitete nicht nur seine fleißige Hand, sondern auch seine Phantasie. Da war er mit Stanley in Afrika, unter den schwarzen Heiden und Menschenfressern, oder mit irgend einem Missionar an den Ufern des Ganges, oder oben am Nordpol, oder er schüttelte den grauen Kopf über die Greuel des Dreißigjährigen Krieges und berauschte sich an dem Freiheitsdurst der Griechen. In seinem groben Bauernhirn blieben naturgemäß nur die außerordentlichen Ereignisse haften, aber die Lust am Reflektieren, auf die ihn sein einsames Leben hinwies, hatte doch allgemach seine Anschauungsweise geläutert; er verglich gern, kritisierte auch und zog naive Schlüsse aus der Vergangenheit auf die Gegenwart.
Jetzt saß er auf der hölzernen Bank rechts von der Tür seines Häuschens, hatte die Hände gefaltet im Schoß und schaute stumm auf das Spatzenheer, das sich vor ihm im heißen Sande des Hofes zankte. Man sah ihm die kaum überstandene Krankheit an. Er war recht hager geworden, und noch stärker und zottiger als vorher erschien der weiße Zimmermannsbart, der seine Wangen umrahmte. Aus dem braunen Gesicht blickten zwei hellblaue, treuherzige Augen; die von zahlreichen kleinen Falten durchzogenen Lippen waren fest aufeinandergepreßt; der linke Mundwinkel, in dem gewöhnlich die Pfeife hing, senkte sich ein wenig. Das Rauchen hatte ihm der Arzt strengstens verboten, und unter diesem Verbot litt der Alte am meisten. Er konnte ohne Pfeife nicht sein.
Den Himmel überstrahlte bereits das Abendrot. Die weißen Lämmerwölkchen am Firmament waren rosig durchleuchtet, selbst der breite Schatten des alten Birnbaumes, der mitten im Hofe stand, hatte eine violette Umsäumung. Vom Anger herüber klang ein leises, melodisches Läuten; der Schäfer des Krugwirts trieb seine kleine Herde heim.
Pauline trat in die Haustür, blieb einen Augenblick stehen und schaute nach dem Himmel, um zu sehen, ob während der Nacht ein Gewitter zu gewärtigen sei, und sagte sodann mit der etwas monoton klingenden Stimme, die allen Tauben eigen ist:
»Komm 'rein, August; es fängt an, kühle zu werden.«
Klempt nickte und erhob sich gehorsam. Aber er ging doch nicht, sondern wies hinüber nach der Gartenpforte, wo eine frische Mädchenstimme das Lied von den wandernden Schwalben sang. Die Dörthe kam. Sie hatte Urlaub erhalten, den Vater und den Bräutigam zu besuchen, trug ihr Feiertagskleid aus geblümtem Kattun und ein buntes Tüchlein um den Hals.
»Holla, Vater,« rief sie schon von weitem, »bist du noch draußen? Und hat nicht der Doktor gesagt, du sollst vor Sonnenuntergang wieder in der Stube sein?«
»'s ist ja so schöne,« antwortete Klempt lächelnd, und als er den Sonntagsstaat Dörthes sah, fügte er fragend hinzu: »Ist denn heute Kirmes, daß du dich so fein gemacht hast?«
Dörthe gab dem Vater und der Tante die Hand.
»Ich will mal zu Fritzen gehn,« entgegnete sie. »Heut ist 'was los im Kruge. Das Springelchen an der Grauen Lehne soll ein Heilquell sein, hat ein Professor aus Frankfurt an den Kantor geschrieben. Da kommen sie alle zusammen.«
»Hab's auch schon gehört,« meinte Klempt; »ein Wunderwasser, das Kranke gesund machen soll. 's käm' mir zunutze.« Er schüttelte den Kopf. »'s wird bloß wieder so ein Gerede sein,« fuhr er fort; »die Leute reden viel ...«
Pauline tupfte ihrem Bruder auf die Schulter und zeigte nach der Tür.
»Ja, ich komme,« sagte er nickend. »Hast du's so eilig, Dörthe? Wirst schon noch frühe genug im Kruge sein; bleib noch ein Huschchen!«
»Aber nicht lange,« antwortete Dörthe. Doch sie trat mit den beiden in das Stübchen, das vom Glanze des Sonnenrots völlig durchstrahlt zu sein schien.
Pauline bereitete das Abendbrot, während sich Dörthe, die Hände auf die Hüften gestemmt, vor ihren Vater stellte.
»Wie fühlst du dich denn?« fragte sie.
Er winkte mit der Hand.
»So gesund wie früher, Dörthe, verlaß dich drauf! 's ist 'ne Narretei vom Doktor, daß er mir noch immer das Rauchen verbieten tut. Das ist das einzigste, was mir noch fehlt.«
»Solange du noch hustest, darfst du's nicht,« erklärte Dörthe. »Vater, ich riech's, ich rieche gleich, wenn du geraucht hast. Du mußt doch parieren. Der Doktor kostet Geld, und wenn du nicht tust, was er befiehlt, ist das schöne Geld reinweg zum Fenster hinausgeworfen.«
Sie sagte das sehr ernst. Klempt nickte grämlich.
»Na, ja doch,« sagte er. »Es dauert alles so lange. Und dabei hab' ich mehr zu tun, als mir lieb ist!«
»So nimm dir doch noch 'nen Gesellen, Vater! Ich hab' dir's schon ein paarmal gesagt!«
»Ach was, daß er bloß 'rumlungert! Was tut denn so 'n Junge! Bis jetzt bin ich alleine fertig geworden und werd's auch noch länger werden! Kotzschock, ich bin doch erst sechzig! ... Es war wohl Besuch auf dem Baronshof?«
»Ja, die von drüben. Die Söhne auch ...« Dörthe schnitt eine Grimasse und lachte schelmisch. »Paß einmal auf, unser Fräulein heiratet den ältesten! Da soll's hinaus!«
»Da käm' wieder mal Geld ins Haus! Die drüben messen's nach Scheffeln. Aber ob der Baron will?«
»Warum denn nicht?«
»Na, er ist doch so stolz!«
»Ist er nicht,« erklärte Dörthe kopfschüttelnd. »Und dann macht das Fräulein doch, was sie will. Aber ich will nichts gesagt haben. Die Hanne meint auch, das würde was werden.«
»Was sagt denn August?«
»Den hab' ich gefragt. Da ist er mir aber grob gekommen. Der ist grob wie Bohnenstroh, Vater. Zum Baron geradeso wie zu uns, und dem scheint's noch zu gefallen.«
»Hast du ihm meine Rechnung gegeben?«
»Nee, Vater, das eilt ja nicht so. Sie ist ziemlich hoch, da wart' ich lieber bis zum Ersten und geb' sie dem Fräulein. Am Ersten kriegt der Alte seine Pension und Zinsen und so was. Da wart' ich lieber.«
»Wart ruhig,« stimmte der Stellmacher zu. »Die gehn mir nicht durch. Sind sie denn immer noch gut zu dir?«
»Ja, sehr! Das Fräulein besonders -- na, die ist ja immer gut! Den Alten kriegt man kaum zu Gesicht. Er hat's wieder so schlimm in den Füßen, sagt August. Aber nu geh' ich, Vater! Ich muß doch hören, was es im Kruge gibt.«
»Verzähl's mir morgen! Adjö, Dörthe! ... Du, Dörthe, und bedenk's dir mit Möllers Fritze ...«
Sie gab ihm einen herzhaften Kuß auf den Mund, so daß er den Satz nicht beenden konnte, und sprang aus dem Zimmer, der Tante beinahe in die Arme, die ihr im Hausflur mit einer Schüssel voll weißen Käses und der Leinölflasche entgegenkam.
»Herrjeses,« sagte Pauline, »so sieh dich doch vor! Hast du letzte Nacht was geträumt?«
Dörthe nickte.
Die Tante wurde wißbegierig.
»Von was denn?«
Dörthe tippte auf die Flasche.
»Von Leinöl?« fragte die Tante verwundert.
Dörthe nickte wieder und tippte auf die Käseschüssel.
Die Augen Paulinens wurden immer größer.
»I -- auch von Quark?«
Dörthe machte mit der Hand eine wirbelnde Bewegung in der Luft.
»Ach so,« sagte die Tante, »zusammengerührt -- Leinöl und Quark ...«
Nun wies Dörthe auf die Lampe, die auf der Futterkiste in der Ecke stand.
»Bei Licht?« fragte die Tante.
Dörthe tippte an das Bassin.
»Was?« rief Pauline. »Mit Petroleum? Leinöl und Quark und Petroleum? Wo soll ich denn das im Traumbuche finden! I -- du willst mich wohl bloß zum Narren haben?! Dörthe, hör mal, Dörthe, du machst dich immer lustig über mich, aber ich will dir was sagen: ich habe vor ein paar Tagen von einem Gewitter geträumt, und es hätte eingeschlagen. Das gibt Unfrieden im Hause. Sieh dich vor mit dem Fritze. Ich rede sonst nicht davon ...«
Das hatte die Dörthe nun so oft gehört, daß sie ärgerlich wurde.
»Laß mich in Frieden, Tante!« rief sie zurück, gar nicht daran denkend, daß Pauline sie nicht verstehen könne, und eilte hinaus, den Gartenweg hinauf, auf den Dorfplatz.
Erst hier mäßigte sie ihren Schritt. Sie war ganz rot im Gesicht, und auf ihrer Stirn, von der das braune Haar glatt gescheitelt zurückgestrichen war, lag eine schwere Falte.
Sie ärgerte sich. Zu dumm, diese ewigen Mahnungen und Warnungen! Sie war doch klug genug, auf sich selbst Obacht zu geben! Aber der Vater hatte von jeher im Streit mit den Möllers gelegen, und von der Tante erzählte man sich, daß sie einstmals der Schatz des alten Möller gewesen sei. Der aber hatte sie sitzen lassen. Daher ihr grimmiger Haß gegen alles, was im Kruge wohnte ...
Der Abend sank über das Dorf herab. Auf dem Anger spielte noch eine Schar Kinder. Sie hatten sich an den Händen gefaßt, drehten sich im Kreise und sangen dazu mit ihren dünnen Stimmen:
»Ich steh' auf einem hohen Söller, Ich steh' in einem tiefen Keller, Heisa dusematee! Fängst du mich, Lieb' ich dich, Aber nee, du kriegst mich nich -- Heisa dusematee!«
Von der Chaussee aus rollten ein paar Ackerwagen in das Dorf, und ein Viehjunge trieb seine Herde zum Stall. Vereinzelte Bauern hatten schon mit der Ernte begonnen, aber sie machten heut frühzeitig Feierabend, denn es hatte sich herumgesprochen, daß der Kantor am Abend im Kruge sein wolle, um nähere Mitteilungen über den Heilquell an der Grauen Lehne zu machen. Und da waren sie neugierig geworden.
Als Dörthe am Gehöft des Lehnschulzen vorüberschritt, hörte sie ihren Namen rufen. Albert Möller trat mit dem Schulzen aus dem Hause.
»Willst du auch in den Krug, Kleine?« fragte er.
»Versteht sich,« entgegnete sie, »so gut wie du. Bist du mal wieder in Oberlemmingen?«
»Heut früh angekommen, von wegen der Quelle. Da muß ich doch dabei sein ...« Er gab Dörthe die Rechte und faßte sie dann schäkernd unter das Kinn. Sie gab ihm einen Klaps auf die Hand und lief davon.