Aus meinem Leben

Part 14

Chapter 143,062 wordsPublic domain

Von den Würzburgern Schülern verdient noch besonders Erwähnung ~Oscar Piloty~. Nachdem er im Münchener Verbandsexamen keinen Erfolg gehabt hatte, kam er in etwas gedrückter Stimmung nach Würzburg, fand aber rasch das Selbstvertrauen wieder, als er bei seiner Doktorarbeit über die kohlenstoffreichen Zucker aus Rhamnose sein experimentelles Geschick beweisen konnte. Er hat dann auch mit Erfolg promoviert und nachher an der recht schwierigen Verwandlung der Zuckersäure in Glucuronsäure teilgenommen. Er durfte jetzt auch ~Baeyers~ einzige Tochter ~Eugenie~, mit der er schon längst einig war, heiraten. Das junge Paar kam nach Würzburg und dem Ehemann passierte dabei das Unglück, daß er auf der Hochzeitsreise die militärische Kontrollversammlung vergaß und dafür mit einer kleinen militärischen Freiheitsstrafe belegt wurde. Zu meiner großen Freude entschloß er sich, mit mir nach Berlin überzusiedeln, um dort fast 7 Jahre als Assistent und später als selbständiger Leiter der analytischen Abteilung zu wirken. Als sich aber eine Gelegenheit bot, eine Professur an dem Münchener Laboratorium zu erhalten, zog die alte Sehnsucht nach der bayerischen Heimat sowohl ihn wie die Gemahlin unwiderstehlich dorthin, obschon er ein Vierteljahr später an dem neuen Berliner Institut die gleiche Stellung, vielleicht unter noch besseren Bedingungen, hätte haben können.

Die schönen wissenschaftlichen Leistungen ~Pilotys~, die von einem anderen Fachgenossen in einem ausführlichen Nekrolog geschildert werden sollen, haben mein ursprüngliches Urteil über seine experimentelle Begabung durchaus bestätigt, und ich habe mich darüber um so mehr gefreut, als sein Schwiegervater diese Meinung anfangs nicht teilen wollte.

Zu Anfang des unseligen Krieges hatte ~Piloty~ das wehrpflichtige Alter schon überschritten. Trotzdem meldete er sich aus patriotischer Begeisterung als Freiwilliger, und ich konnte noch durch eine Empfehlung an die bayerische Militärbehörde seine Beförderung zum Leutnant d. R. erleichtern. An der Spitze einer Maschinengewehrabteilung ist er in der Sommeschlacht gefallen, tief bedauert nicht allein von der Familie, sondern auch von Freunden und Fachgenossen, die von ihm noch manche schöne wissenschaftliche Leistung erwarteten.

Im letzten Jahr der Würzburger Periode kam auch ein junger Däne Dr. ~Fogh~ dorthin, um eine thermochemische Arbeit, hauptsächlich über die Verbindungen der Zuckergruppe, auszuführen. Er hatte sich zuvor bei ~M. Berthelot~ in Paris mit den thermochemischen Methoden bekannt gemacht und auch eine Reihe von Instrumenten von dort mitgebracht. Nur die Verbrennungsbombe fehlte ihm, aber in den Ferien konnte er nach Paris reisen und dort die kalorischen Verbrennungsversuche ausführen. Die Arbeit ist in den »Comptes rendus« erschienen. Dr. ~Fogh~ ist ebenfalls mit mir nach Berlin gegangen und dort eine Zeitlang Assistent in der anorganischen Abteilung gewesen. Aber aus Gesundheitsrücksichten mußte er bald Urlaub nehmen und ist schließlich nach Kopenhagen zurückgekehrt, von wo er mir nur noch eine Verlobungsanzeige geschickt hat. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.

In der großen Experimentalvorlesung über Chemie bildeten die Mediziner den größten Teil der Zuhörerschaft, dann kamen die Apotheker und erst in dritter Linie die Chemiker. Ich habe mich bemüht, dem gerecht zu werden und die eigentliche Vorlesung so einfach und populär zu halten, wie es ohne Gefährdung des wissenschaftlichen Charakters möglich ist. Aber hinterher gab ich häufig eine Ergänzung für die Fachchemiker, wobei nicht allein schwierigere theoretische Fragen, sondern auch manche speziellen experimentellen Methoden zur Sprache kamen. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, war diese Form des Vortrages den Studierenden recht willkommen. Leider ist sie für den Dozenten sehr anstrengend.

Der kollegiale Verkehr unterschied sich in Würzburg nicht unwesentlich von den Erlanger Sitten durch die freie, meist ganz ungeschminkte Äußerung der Meinungen und durch die Schlichtheit der Formen. Von dem Schaugepräge akademischer Würde, wie sie in Erlangen sowohl vom Senat als auch von der Fakultät geübt wurde, war in Würzburg wenig zu spüren, was mich als Rheinländer besonders sympathisch berührte.

Die philosophische Fakultät bestand wie in München aus zwei Sektionen. Unsere mathematisch-naturwissenschaftliche Abteilung zählte nur 6 Ordinarien, aber darunter waren mehrere durch hohes wissenschaftliches Ansehen ausgezeichnete Personen. Das galt besonders für den Physiker ~Friedrich Kohlrausch~ und den Botaniker ~Julius Sachs~. Zu ~Kohlrausch~ bin ich bald in ein freundschaftliches Verhältnis getreten; denn er war ein ebenso verständiger wie wohlwollender Kollege und jederzeit bereit, vernünftige Wünsche zu unterstützen. Seine ausgezeichneten Untersuchungen über das elektrische Leitvermögen von Lösungen und seine physikalischen Konstantenbestimmungen, sowie das von ihm verfaßte vortreffliche Lehrbuch der »Praktischen Physik« brauche ich hier nicht näher zu besprechen, da sie den Naturforschern genügend bekannt sind. Ich habe mit ihm an schönen Sommertagen manchen Spaziergang unternommen und auch in seiner Familie, besonders von seiten der liebenswürdigen Gattin, freundliche Aufnahme gefunden.

Ganz anders geartet war ~Sachs~, der berühmte Pflanzenphysiologe, der in Würzburg eine große Schule von Botanikern geschaffen und auch als wissenschaftlicher Schriftsteller durch ein großes Lehrbuch und die ausführliche Geschichte der Botanik Hervorragendes geleistet hat. Charakteristisch für seine kühne Kritik ist das vernichtende Urteil über das von ~Linné~ aufgestellte rein schematische System der Pflanzen. Er pflegte zu sagen, dieses System sei wie ein Pesthauch über die Botanik gegangen und habe die schon vorhandenen gesunden Keime eines natürlichen Systems auf lange Zeit zerstört. Zu meiner Zeit war ~Sachs~ schon ein kranker Mann mit überreiztem Nervensystem, der seine Launen in heftiger Weise auslassen konnte. Trotzdem ist es mir gelungen, mit ihm einen freundschaftlichen Verkehr zu pflegen, und ich habe bei öfteren Besuchen in seinem Institut manches gelernt, was mir für eigene Arbeiten auf physiologisch-chemischem Gebiet Nutzen brachte.

Fremder blieb mir der Mineraloge ~Fridolin Sandberger~, ein ebenfalls verdienter Gelehrter und ein wohlwollender Mensch, aber ein Sonderling, der noch ungern das Deutsche Reich anerkannte und auch von der modernen Chemie nichts wissen wollte. Er brachte das drastisch zum Ausdruck mit der Redensart: »Chemie ist, was knallt und stinkt.« Mindestens ebenso originell war der Zoologe ~Karl Semper~, der eine so große Rolle bei meiner Berufung gespielt hat. Seine wissenschaftliche Blütezeit lag auch schon eine Weile zurück. Als junger Mann hatte er zu wissenschaftlichen Zwecken weite Reisen gemacht und über die Philippinen und die Palaoinseln, wo er sich jahrelang aufhielt und auch seine spätere Gemahlin kennen lernte, wertvolle Bücher geschrieben. Zu meiner Zeit beschäftigte ihn am meisten der Plan eines Neubaues für das zoologische Institut. Da die Bewilligung der Gelder in München auf Schwierigkeiten stieß, so versuchte er die sonderbarsten Mittel, um die Notwendigkeit des Baues allen Leuten klar zu machen. So hatte er im alten Institut, das im vierten Stock des Universitätsgebäudes untergebracht war, große Aquarien angelegt, die eines Tages schadhaft wurden und alle darunter gelegenen Räume unter Wasser setzten. Es blieb also nichts anderes übrig, als einen Neubau am Pleicher Ring zu errichten, und die Einweihungsfeier wurde von ~Semper~ so eindrucksvoll inszeniert, daß sie sicherlich jedem Teilnehmer in der Erinnerung geblieben ist; denn zum Schluß führte er die ganze Gesellschaft, unter der sich die Spitzen der Universitäts- und Verwaltungsbehörden sowie eine Reihe von Damen befanden, in das Warmhaus, wo Pflanzen und Tiere in bunter Abwechselung versammelt waren, und das mit einer ausgiebigen Berieselungsanlage versehen war. Als die Gesellschaft sich bei Bier und Würstchen in einer behaglichen Feststimmung befand, trat plötzlich bei geschlossenen Türen die Berieselung in Tätigkeit, bis die ganze Versammlung von einem tropischen Regen total durchnäßt war.

Einige Zeit später kam der Kultusminister Dr. ~Müller~, der eben sein Amt angetreten hatte, zur Besichtigung der Universität nach Würzburg. Sein Besuch war auch den einzelnen naturwissenschaftlichen Instituten angekündigt, verzögerte sich aber aus irgendwelchem Grunde weit über die angesetzte Zeit. ~Semper~, dem das Warten zu lang wurde, hatte sich ein Frühstück von Wurst und Bier kommen lassen und war eben mit dessen Vertilgung beschäftigt, als der Minister eintrat. Dieser begrüßte den schmausenden Professor mit den jovialen Worten: »Ihnen scheint es heute gut zu schmecken«, worauf die prompte Antwort erfolgte: »Wenn Sie so lange wie ich vergeblich auf den Minister gewartet hätten, würden Sie auch Hunger bekommen haben.« Diese freimütige, keineswegs durch Ehrerbietung ausgezeichnete Antwort gab dem Minister Anlass, sich bald wieder zu empfehlen. Das sind nur ein paar Proben von den zahlreichen Schnurren, die ~Semper~ geliefert hat. Andererseits war er ein prächtiger Mann von würdigem Äußern, voll lustiger Einfälle, aller geselligen Unterhaltung zugetan und frei von jeder gelehrten Pedanterie. Man spürte bei ihm die Abkunft aus der durch hervorragende Künstler z. B. den berühmten Architekten ~Gottfried Semper~ ausgezeichneten Familie.

Ein weiteres Original war der Mathematiker ~Prym~, der aus einer reichen Fabrikantenfamilie zu Düren stammte. Er hatte zwar Mathematik studiert, war aber dann in ein Bankgeschäft zu Wien eingetreten, und von dort durch ~Kappler~ als Ordinarius der Mathematik an das Polytechnikum zu Zürich berufen worden. Obschon mit Glücksgütern sehr gesegnet, führte er in Würzburg mit seiner Familie ein ziemlich einfaches Leben. Mit dem Lehramt nahm er es sehr genau. Die Vorlesungen waren auf das gewissenhafteste vorbereitet, und es kam nicht selten vor, daß er säumige Studenten durch seinen Wagen aus der Wohnung abholen und in die Universität fahren ließ. Als Teilhaber an manchen industriellen Unternehmungen interessierte er sich für Chemie und hat mich später auch in Berlin mehrmals besucht.

Ein zweiter Ordinarius für Chemie war in Würzburg nicht vorhanden. Das Institut für angewandte Chemie wurde von dem außerordentlichen Professor ~L. Medicus~ geleitet, der nicht allein bei ~Wislicenus~, sondern schon bei dessen Vorgänger ~A. Strecker~ Assistent gewesen und deshalb der Hauptträger der chemischen Tradition in Würzburg war. Große wissenschaftliche Interessen haben ihn niemals geplagt, aber er war bei den Studenten wegen seiner Jovialität recht beliebt und in unserem chemischen Kreise wegen seines köstlichen Humors und seiner freundlichen Lebensauffassung ein gern gesehenes Mitglied. Auch ich bin mit ihm aufs beste ausgekommen. Nach meinem Weggang ist er zum Ordinarius befördert worden und vor einigen Jahren auch schon zu den Vätern gegangen. Am Feldzug 1870 hatte er als bayerischer Offizier teilgenommen und war bei Orléans verwundet in Gefangenschaft geraten. Seine Schilderungen über die schlechte Behandlung und gehässige Verhöhnung von seiten der französischen Bevölkerung stimmte genau mit dem überein, was man heute über die Behandlung deutscher Kriegsgefangener in Frankreich hört, obschon der damalige Krieg so rasch zu Ende ging und die Volksleidenschaft keineswegs so aufpeitschte, wie der jetzige. Die philologisch-historische Klasse der philosophischen Fakultät zählte außer dem klassischen Philologen und Archäologen ~Urlich~ wenig hervorragende Männer. Ganz anders war es in der medizinischen Fakultät, zu deren Mitgliedern ich vielerlei Beziehungen hatte. Von Erlangen mit uns übergesiedelt, war ~Wilhelm Leube~ der Nachfolger des nach Berlin berufenen Professors ~Gerhardt~ in der inneren Klinik des Julius-Hospitals geworden; er verstand es, die große Tradition dieser Stelle in jeder Beziehung zu wahren. Neben ihm stand der Chirurg ~Maass~, ein geschickter Operateur, anregender Lehrer und trefflicher Gesellschafter. Leider ist er in ziemlich frühem Alter gestorben. Als Senior stand an der Spitze der Fakultät der Anatom ~Albert Kölliker~, ein geborener Schweizer. Er genoß in seiner Wissenschaft durch die Fülle wertvoller Untersuchungen großes Ansehen. Seinem Einfluß war es zuzuschreiben, daß die Anatomie äußerlich das schönste Institut hatte und in dem Unterricht der Mediziner eine überragende Rolle spielte. Nebenher war er ein ungewöhnlich schöner Mann, mit feinem Gesicht, weißem Lockenhaar, klugen dunklen Augen und einer zarten, fast frauenhaften Hautfarbe. Auf die Chemie muß er früher einen kleinen Pik gehabt haben; denn es wurde von ihm der Ausspruch kolportiert, den dümmsten seiner Söhne lasse er Chemiker werden, wozu die boshaften Würzburger den Zusatz machten, er habe tatsächlich auch den richtigen ausgesucht.

Mir ist er immer nur mit Freundlichkeit begegnet. Sein Prosektor war der außerordentliche Professor ~Stöhr~, ein geborener Würzburger, ein sehr behaglicher und liebenswürdiger Mann, der auch Nachfolger von ~Kölliker~ geworden ist. Durch Originalität zeichnete sich aus der Polikliniker ~Geigel~, ein Meister in der Abfassung von feinen und leicht ironischen Gutachten, deren sich die Fakultät stets bediente, wenn sie unbequeme Zumutungen des Ministeriums in München bekämpfen wollte. Er war das Haupt einer Musikbande, die aus Würzburger Professoren oder Bürgern z. B. den beiden Brüdern ~Stöhr~ und dem Pharmakologen ~Kunkel~ bestand. Während der Herbstferien hauste diese Gesellschaft zu Ammerland am Starnberger See und gab täglich kleine Konzerte, wobei das Hornblasen die Hauptrolle spielte.

Als Geburtshelfer fungierte damals noch der einst so berühmte ~Scanzoni~, er starb aber bald und wurde durch ~Hofmeier~ ersetzt. Ganz besonders muß ich aber erwähnen den Augenarzt ~Julius Michel~, einen lustigen Pfälzer, der vor meiner Zeit auch in Erlangen gewesen war und mit dem ich mich recht befreundet habe. Obschon er es mit seiner ärztlichen Kunst und auch der Wissenschaft sehr ernst nahm, und sowohl als Arzt wie als Gelehrter einen guten Ruf genoß, so war ihm das Reißen von losen Witzen ein richtiges Lebensbedürfnis geworden. In der Gesellschaft bildete er deshalb ein belebendes Element, und wir haben in dem gastfreien Hause ~Leube~ nicht selten stundenlang seinen Späßen mit Vergnügen zugehört. Auch in ernsten Augenblicken konnte er Witze nicht unterdrücken, und seine Vorlesung war in dieser Beziehung etwas Besonderes. Ich will nur ein Beispiel anführen: Eines Tages hatte er einen Kandidaten der Medizin namens ~Jerusalem~ zu prüfen. Das Resultat war ungenügend, und nun verkündete er der Schar der Freunde des Kandidaten das Resultat mit den Worten: »Israel weine, Jerusalem ist gefallen.« Boshafte Leute haben allerdings hinterher behauptet, er hätte den Kandidaten nur durchfallen lassen, um diesen Witz machen zu können. Er war unverheiratet, führte aber einen trefflich geleiteten Haushalt und gab kleine Feste, bei denen ausgelassene Fröhlichkeit herrschte.

Ich hatte einmal mit einem Assistenten zusammen das kleine Unglück, daß uns ein stark gefärbtes chemisches Präparat beim Platzen eines Preßsackes ins Gesicht flog und die Augen nicht allein ganz verschmierte, sondern auch reizte. Wir hatten nichts Eiligeres zu tun, als die Universitätsklinik aufzusuchen. Freund ~Michel~ hat uns sofort sorgfältig gesäubert. Als aber die Harmlosigkeit der Sache festgestellt war, machte es ihm ein besonderes Vergnügen, in dem Buch der Poliklinik ein ausführliches Protokoll über diesen seltenen Fall niederzuschreiben, wobei er durch eine ganze Reihe von langen chemischen Namen seine wissenschaftliche Bedeutung zu illustrieren wußte. Ich habe später in Berlin, wohin er etwa 10 Jahre nach mir berufen wurde, seine Hilfe nochmals in Anspruch nehmen müssen, ebenfalls mit bestem Erfolg. Ich wurde damals von leichtem, aber anhaltendem Kopfschmerz geplagt, der sich bis zur Übelkeit steigern konnte, und die Ärzte, die ich frug, stellten ganz besorgte Diagnosen auf Zirkulationsstörungen und dergl. Da ich aber die Beobachtung machte, daß der Zustand am schlimmsten war, wenn ich tags zuvor stundenlang gelesen hatte, so kam ich schließlich auf die Vermutung, daß das von mir benutzte Augenglas, das ich mir einstmals selbst beim Optiker ausgesucht und dann länger als 20 Jahre unverändert getragen hatte, Schuld daran haben könne. Ich ging deshalb zum Freund ~Michel~, und nachdem er die Augen sowie das Glas untersucht hatte, faßte er sein Urteil in folgende Worte zusammen: »Die Kopfschmerzen hätten Sie längst verdient, man sagt doch, Sie seien sonst nicht so dumm.« Er verschrieb mir dann die richtige Brille, und die Kopfschmerzen, die mich viele Wochen geplagt hatten, waren wie weggeblasen. Niemals ist bei mir eine Kur von so glänzendem und raschem Erfolge begleitet gewesen.

Von den Juristen sind mir außer dem schon erwähnten Verwaltungsdirektor ~Risch~ der Pandektist ~Burkhardt~ und der Nationalökonom ~Schanz~ im Gedächtnis geblieben. Auch an einige Theologen erinnere ich mich gerne. Es waren katholische Herren, aber keineswegs vom Kaliber der sogen. Hetzkapläne, sondern zum Teil sehr gebildete, feinfühlige und joviale Herren. Mit dem Senior der Fakultät, den sie den Bischofsmacher nannten, bin ich öfters auf dem alten Glacis der Stadt, das so hübsche Spaziergänge bot, zusammengetroffen, und wir haben uns stundenlang in freiester Weise über Kirche, Staat und Gesellschaft unterhalten. Er war im Collegium Germanicum in Rom erzogen, hatte ein lesenswertes Buch über Kirche und Staat geschrieben, und ich habe von ihm vieles über die Institutionen der katholischen Kirche, besonders über die praktische Seelsorge gehört, was mich in höchstem Grade interessieren mußte. Ob dieser Verkehr mir in den katholischen Kreisen trotz meiner protestantischen Abstammung Vertrauen verschaffte, kann ich nicht sagen, aber ich erlebte doch eines Tages die Überraschung, daß etwa 25 katholische Theologen als eingeschriebene Hörer meine Vorlesung über anorganische Chemie besuchten. Auf meine Frage, wie die Herren dazu kämen, wurde mir die Antwort, der Bischof von Speyer habe es befohlen. Wahrscheinlich hatte dieser kirchliche Würdenträger den Wunsch, daß der in seiner Diözese tätige Klerus gewisse chemische Kenntnisse besitze, um besser mit den Arbeitern der zahlreichen chemischen Fabriken in der dortigen Gegend sich verständigen zu können. Auch der Religionslehrer des katholischen Gymnasiums war mein Zuhörer, und er erklärte mir eines Tages, er könne die Lehren der modernen Chemie in dem Religionsunterricht vortrefflich verwerten. Ich habe daraus den Schluß gezogen, daß Naturwissenschaft und Religion keine grundsätzlichen Gegner zu sein brauchen.

In Würzburg bestehen zwei wissenschaftliche Gesellschaften, an deren Arbeiten ich mich gerne beteiligt habe. Die ältere und allgemeinere führte den Namen physikalisch-medizinische Gesellschaft; ihre Mitglieder waren meistens Professoren und Dozenten. Die jüngere chemische Gesellschaft war erst von ~J. Wislicenus~ gegründet worden. Zu ihr gehörten selbstverständlich die Professoren und Assistenten der beiden chemischen Institute, aber die Mehrzahl der Mitglieder waren doch ältere Studenten. Auch hier wurden Originalvorträge, jedoch häufiger große Referate über fremde Arbeiten gegeben und daneben spielte die Geselligkeit eine Hauptrolle. Den Höhepunkt erreichte diese bei den alljährlichen Stiftungsfesten, zu denen viel frühere Mitglieder von auswärts und auch zahlreiche Professoren der philosophischen und medizinischen Fakultät erschienen. Gewöhnlich gab es dabei außer witzigen Tischreden und Vorträgen auch ein Festspiel. Mir sind zwei in Erinnerung geblieben. In dem einen wurde das Doktorexamen eines Chemikers auf die Bühne gebracht mit sehr komischen und drastischen Ausfällen gegen die bekannte Prüfungsweise einzelner Professoren, so daß der Dekan der Fakultät, ein Philologe, unwillig den Saal verließ, während das übrige Publikum sich köstlich unterhielt. Die zweite Aufführung war eine Operette »Der Chemikado« mit den Melodien des Mikado und einem sehr witzigen Text von Dr. ~Reitzenstein~. Die Kostüme und die Haartrachten hatte das Stadttheater geliehen. Der Mikado war mein früher erwähnter, lieber Neffe ~Alfred Mauritz~, der damals in Würzburg Chemie studierte, und von dem ich in späteren Jahren noch viel Freundschaft erfahren habe. Er trug meinen Laboratoriumsanzug und Hut, sprach den niederrheinischen Dialekt und trat als einziger Europäer in der japanischen Gesellschaft um so mehr hervor. Ich besitze eine Photographie der Schauspieler, deren Anblick mich noch jetzt zum Lachen bringt.

Die chemische Gesellschaft hat auch nach meiner Zeit ihre Tradition zu wahren gewußt und von Dr. ~Reitzenstein~ ist noch manches hübsche Festspiel verfaßt worden. Wegen Zeitmangel habe ich leider an den Stiftungsfesten von Berlin aus nicht teilnehmen können, aber beim 25-jährigen Jubiläum hielt ich mich für verpflichtet, meine Absage in gereimte Form zu kleiden, und da es eins der wenigen Gedichte ist, die ich verfaßt habe, so will ich das Telegramm hier anführen.

~Chemische Gesellschaft Würzburg.~

»Zum fröhlichen Feste Glückwünsch ich das Beste. Blüh' immer so weiter Und bleib auch stets heiter, Grüß' alle Bekannte Und chemisch Verwandte Vom alten Giftmischer Aemilius Fischer.«

Als Antwort der Gesellschaft traf prompt ein liebenswürdiger Vers von Dr. ~Reitzenstein~ ein.