Aus meinem Leben

Part 13

Chapter 133,433 wordsPublic domain

In Marseille kam ich mit einem großen Kreditbrief eines Cölner Bankhauses an, der auf eine ziemlich hohe Summe ausgestellt war, weil ich die Absicht hatte, an den Aufenthalt in Corsica eine Seereise nach Brasilien anzuschließen. Als ich mit diesem Brief in dem Geschäftshause, auf das es ausgestellt war, einige 1000 Frcs. abheben wollte, erklärte man mir, die Kasse enthielte so viel nicht. Es gab ein großes Gelächter, und ich mußte warten, bis das Geld von der Bank herbeigeschafft war. Marseille, das ich schon kannte, hat mir wegen seiner prächtigen Lage und der hübschen Hafenbauten immer von neuem sehr gefallen.

Die Seefahrt nach Ajaccio, die etwa 20 Stunden dauerte, ist mir noch in freundlicher Erinnerung. Die Franzosen waren bei der Tafel von ausgezeichneter Höflichkeit. Auf dem Schiff befanden sich auch eine Reihe von Sträflingen, die in Corsica eine längere Gefängnisstrafe abbüßen sollten. Sie unterhielten sich gegenseitig in der lauen, sternenklaren Nacht bei ganz ruhiger See mit Gesang und übermütigen Scherzen. Von dieser Fröhlichkeit wurde die ganze übrige Gesellschaft beeinflußt, und bei mir kam das angenehme Gefühl hinzu, daß die milde feuchte Luft des Mittelmeers für die erkrankten Schleimhäute meiner Atmungswege das richtige Kurmittel sei.

Früh morgens sahen wir schon die Schneeberge Corsicas winken und bei der Einfahrt in Ajaccio bot sich uns ein so prächtiger Anblick, wie ihn nicht viele Orte des Mittelmeeres gewähren.

Im Gasthof wurde man besonders freundlich empfangen, da der Besuch infolge der Choleraepidemie des vergangenen Sommers noch recht schwach war.

Corsica hat in den Monaten März und April so gute klimatische Verhältnisse, wie wenige Orte am Mittelmeer, sehr viel Sonne und mittags die kühle frische Seebrise, abends bei Sonnenuntergang nochmals eine kurze Periode der Abkühlung und dann gleichmäßige Temperatur bis tief in die Nacht hinein. Da man außerhalb der Stadt wohnte, blieb man auch von jedem Staub verschont, der an der Riviera die Menschen so stark belästigt; denn es gab in Corsica wohl Straßen, aber keine Fuhrwerke darauf. Unter diesen günstigen Bedingungen ist mein Bronchialkatarrh in 8 Wochen geheilt. Es blieb aber eine Neigung zu akuten Rückfällen, die mich noch einige Jahre nötigte, Erkältungen und auch die schädlichen Gase des Laboratoriums so weit wie möglich zu vermeiden. Erst nach 33 Jahren bin ich wieder von einem influenzaartigen Bronchialkatarrh überfallen worden, der nicht heilen wollte, und nach sechs Wochen zu einer Lungenentzündung führte. Diese doppelte Erkrankung war dann der Grund, im April und Mai 1918 zur Erholung sechs Wochen in Locarno am Lago Maggiore zuzubringen, und die unfreiwillige Muße habe ich benutzt, um den ersten Teil dieser Erinnerungen niederzuschreiben.

Corsica ist ein wildes Gebirgsland, dessen höchste Spitzen, der Monte d'Oro und Monte Rotondo, ewigen Schnee und sogar kleine Gletscher tragen. Der Hauptgebirgsstock besteht aus Granit, der hier durch den am Mittelmeer überwiegenden Kalk durchbrochen ist. Von der Wildheit der Natur ist etwas auf die Einwohner übergegangen; denn sie sind bekannt als kühne Krieger und rühmen sich gerne als die Landsleute von Napoleone Buonaparte. Seit Jahrhunderten üben sie die Blutrache, und noch zu meiner Zeit gab es ein Dorf in entlegener Gegend, das fast ausschließlich von solchen Mördern bewohnt war, die sich hierher geflüchtet hatten und der französischen Gendarmerie nicht selten bewaffneten Widerstand entgegensetzten. Die barbarischen Sitten des Landes sind in dem bekannten Buche von ~Gregorovius~ genau geschildert, und wer sie in anmutiger Schilderung kennen lernen will, der lese die vortreffliche Novelle von ~Prosper Merimée~ »Colomba«. Die Wahrung der Familienehre erschien den Corsen seit Jahrhunderten als erste Pflicht. Wir haben davon ein treffliches Beispiel miterlebt. In einem benachbarten Hotel hatte ein Rechtsanwalt aus Zürich versucht, ein corsisches Dienstmädchen zu gewinnen. Der Erfolg war negativ. Aber nach kurzer Zeit erschienen zwei Verwandte des Mädchens, Bauern aus der Umgegend, natürlich bis an die Zähne bewaffnet, und ersuchten den Rechtsanwalt um eine Unterredung. Dieser war klug genug, zu erklären, er habe dem Mädchen einen ehrlich gemeinten Heiratsantrag gemacht. Das wirkte beruhigend und die beiden Männer entfernten sich, nachdem sie noch den dringenden Rat erteilt hatten, er möge das Mädchen nicht weiter belästigen. Nach der Aussage von Sachverständigen würden diese Männer den Rechtsanwalt, falls er nicht eine der Familienehre genügende Erklärung abgegeben hätte, im Hotel niedergeschossen haben.

Geschossen wurde überhaupt in Corsica viel zu viel; denn die Jagd war frei und jeder erwachsene Mann hielt sich für verpflichtet, davon Nutzen zu ziehen. Bei weiteren Spaziergängen mußte man in der Tat einige Vorsicht gebrauchen, um nicht von leichtsinnigen Jägern angeschossen zu werden. Für die friedliche Arbeit scheinen die Corsen wenig geschaffen zu sein; denn die Landeskultur war durchweg vernachlässigt, und wo fleißige Arbeiter am Werk waren, konnte man sicher sein, daß es geworbene Italiener vom Festlande waren.

Da mein Katarrh geheilt war und mir die Nachricht zuging, daß durch den Tod von ~Kolbe~ demnächst eine Verschiebung der Professuren der Chemie stattfinden werde, so gab ich die Reise nach Südamerika auf und kehrte über die Schweiz nach Erlangen zurück. Auf der Durchreise habe ich in Genf ~Carl Graebe~ besucht, der mir das neue, mit großem Geldaufwand gebaute Universitätslaboratorium zeigte. Wir sind später noch öfter während der Ferien in der Schweiz oder im Schwarzwald zusammengetroffen, und ich werde noch mehr über diesen vortrefflichen Mann zu sagen haben.

Da mein Urlaub bis zum Herbst lief, so habe ich mich nur einige Wochen in Erlangen aufgehalten, um meinen Vetter ~Otto~ und die anderen Freunde zu begrüßen, und bin dann zum längeren Aufenthalt nach Badenweiler in den Schwarzwald gegangen. Auf der Hinreise machte ich kurze Rast in Frankfurt und besuchte die Höchster Farbwerke, den dort tätigen Freund ~Vongerichten~ und vor allem auch Herrn Dr. ~Lucius~, Mitinhaber der Firma, der mir vorher einen Besuch in Erlangen abgestattet hatte. Ich wurde nicht allein in der Fabrik, sondern auch in der Familie ~Lucius~ auf das Freundlichste aufgenommen und bin mit dem Hausherrn bis in die Berliner Zeit hinein in Verkehr geblieben.

In Badenweiler mit seiner prächtigen Umgebung habe ich das Schlaraffenleben von Corsica etwa noch 5 Wochen fortgesetzt, bis eines Tages eine Depesche von dem Würzburger Professor ~Semper~ eintraf, der mich zu einer Unterredung nach Heidelberg einlud. Es war mir bereits bekannt, daß ~J. Wislicenus~ als Nachfolger von ~Kolbe~ nach Leipzig berufen war, und daß die Würzburger Professur für Chemie neu besetzt werden mußte. Daß man an mich denken würde, hielt ich für unwahrscheinlich, da ich wegen Krankheit mich in Urlaub befand und solche Dinge gerüchtweise immer stark übertrieben werden. In der Tat hatte auch die Fakultät in Würzburg auf mich verzichtet und ~O. Wallach~ dem Ministerium zu München vorgeschlagen. Ehe aber dort die Entscheidung fiel, hatte Fräulein ~Bertha Strecker~ aus München, die Schwester von Frau ~Leube~, in Erlangen erfahren, daß ich wieder gesund sei und diese Nachricht nach Würzburg überbracht. Das veranlaßte Professor ~Semper~, Mitglied der philosophischen Fakultät, die Möglichkeit meiner Berufung wieder in Erwägung zu ziehen, und zu dem Zweck die Zusammenkunft mit mir zu veranstalten. Sie fand statt im Hotel Schlieder zu Heidelberg, und, wie ich bald merkte, lief sie hinaus auf eine Prüfung meines Gesundheitszustandes, wozu sich offenbar ~Semper~ als Zoologe besonders geeignet hielt. Als später die Sache in Würzburg ruchbar wurde, erzählten sich die Leute dort, man habe mich von einem Tierarzt untersuchen lassen. Genug, ~Semper~ machte mir den Vorschlag, einen Spaziergang zum Schloß zu unternehmen. Obschon er viel älter war als ich, schlug er absichtlich einen raschen Schritt an, so daß er ganz atemlos oben ankam, während ich, an das Bergsteigen damals gewöhnt, mich bei dem Tempo sehr behaglich fühlte. Dann kam die zweite Probe, ~Semper~ schlug vor, eine Flasche Sekt zu trinken. Auch das war mir nicht unsympathisch, da der Genuß von Wein zu meinen Gewohnheiten gehörte. Der Erfolg dieses Frühstücks war dann auch, wie man erwarten konnte, eine leichte Betrunkenheit des älteren Herrn ohne Mitleidenschaft des jüngeren Kollegen. Das Examen war bestanden. ~Semper~ reiste nach Würzburg zurück, erklärte seinen Fakultätsgenossen, »der ~Fischer~ ist ein ganz starker, leistungsfähiger Mann, der uns alle überleben wird«, worin er auch recht behalten hat. Infolgedessen ging ein neuer Vorschlag der Fakultät nach München und etwa einem Monat später erhielt ich wirklich vom Ministerium den Ruf nach Würzburg. Um ~Wallach~ hat es mir leid getan, denn er war über den ersten Vorschlag der Fakultät unterrichtet. Aber ich konnte deshalb nicht zurücktreten, und da mir der Wechsel nach Würzburg außerordentlich sympathisch war, so nahm ich das Angebot des Ministeriums gerne an.

Zuvor hatte ich einen mehrwöchigen Aufenthalt in Homburg v. d. Höhe genommen, von dem mir zwei Ereignisse in Erinnerung geblieben sind.

Zunächst wieder ein Wagenunglück. Ich besuchte die mir von Lebzeiten ihres Gemahls her wohlbekannte Frau Dr. ~von Brüning~, geb. ~Spindler~ aus Berlin auf ihrem prächtigen Landsitz bei Homburg und sie lud mich zu einer Wagenfahrt ein. Ich suchte das abzulehnen mit der Motivierung, daß das Wagenfahren für mich zu viele Gefahren bringe. Sie ließ diese Bedenken aber nicht gelten, weil Pferde und Kutscher bei ihr durch langjährige Dienste bewährt seien. Wie fuhren also in Begleitung ihres Sohnes nach der nahegelegenen Saalburg im Taunus. Als wir uns glücklich wieder auf dem Rückweg und auf der ebenen Landstraße befanden, stieß plötzlich der Kutscher einen Schrei aus und fiel bewußtlos vom Bock. Die Zügel schleiften natürlich an der Erde. Glücklicherweise trabten die alten Pferde ruhig weiter, bis der junge ~Brüning~ vom Wagen auf den Bock klettern und dort die Zügel fassen konnte. So ging die Sache ohne Schaden für uns vorüber. Der kranke Kutscher wurde nun in den Wagen gesetzt und nach Hause gefahren. Wir folgten zu Fuß und Frau ~von Brüning~ war doch etwas erschüttert durch das prompte Eintreffen meiner Unglücksprophezeiung. Sie hat daraus die Konsequenz gezogen, in Zukunft neben den Kutscher stets noch einen Diener auf dem Bock sitzen zu lassen.

Zufälligerweise hatte auch die Familie ~Meister~ in Homburg eine Sommerwohnung bezogen und auf meinen Besuch hin wurde ich zu einer Abendgesellschaft zugezogen, an der die Fürstin Bismarck und ihr Sohn Herbert teilnahmen. Es war mir natürlich sehr interessant, die nächsten Angehörigen des großen Reichskanzlers kennen zu lernen. Sie gaben sich als einfache natürliche Menschen. Besonders galt das von der Fürstin, die in fast burschikoser Weise von ihrer eigenen Person redete.

Frau ~Meister~ war die Schwester von Frau ~Lucius~ und beide waren wieder die Töchter eines Kunstmalers aus Frankfurt a. M., in dessen Haus Bismarck verkehrt hatte, als er preußischer Gesandter beim Bundesrat in Frankfurt war. Daher stammte die Freundschaft zwischen den beiden Damen und der Familie Bismarck, und das hatte mir die unerwartete Ehre eingetragen, mit der Fürstin und ihrem Sohn zusammenzutreffen.

Inzwischen war der Würzburger Ruf eingetroffen. Ich ging deshalb nach Erlangen, um den Umzug vorzubereiten und machte bald nachher einen Besuch bei ~J. Wislicenus~ in Würzburg, um mich bei ihm über die dortigen Verhältnisse, insbesondere auch über die Einrichtungen des Instituts zu unterrichten. Wir kannten uns schon von den Naturforscherversammlungen und von festlichen Veranstaltungen der Universitäten Würzburg und Erlangen.

Er war eine sympathische Persönlichkeit, von sehr würdiger äußerer Erscheinung und liebenswürdigem Wesen. In seiner kinderreichen Familie herrschte er wie ein Patriarch. Von seinen Schülern wurde er allgemein verehrt als wohlwollender Lehrer und vornehmer Charakter. Die Universität Würzburg hatte ihn zweimal zum Rektor gewählt, und als solcher hat er das 300jährige Jubiläumsfest der Hochschule in mustergültiger Weise geleitet. Sein Lebenswerk ist in einer von ~Beckmann~ verfaßten Biographie geschildert und niemand wird die Verdienste leugnen wollen, die ~Wislicenus~ durch seine Arbeiten über Milchsäure, die Acetessigester-Synthese und namentlich später durch die vielen Anregungen auf stereo-chemischem Gebiete erworben hat. Aber als Chemiker und Naturforscher repräsentierte er doch einen ganz anderen Typ wie ~Baeyer~, ~Hofmann~ oder ~Liebig~ und ~Wöhler~. Ihm kam es mehr darauf an, vorgefaßte theoretische Ansichten durch ein Experiment zu prüfen, als empirisch den Erscheinungen zu folgen und auf unerwartete Vorgänge zu fahnden. Untersuchungen, wo große experimentelle Schwierigkeiten zu überwinden waren, hätte er wahrscheinlich nicht anstellen können. Dem entsprach auch die ziemlich dürftige Einrichtung des Würzburger Instituts, das von ~Scherer~ 20 Jahre früher erbaut worden war, ohne an die Bedürfnisse unserer rasch fortschreitenden Wissenschaft zu denken. Das erste, was ich in Würzburg tat, war der Vorschlag, die ganz ungenügende Ventilation durch Anlage neuer Abzüge zu verbessern. ~Wislicenus~ hat mich dabei in liebenswürdigster Weise unterstützt und bei dem Verwaltungsdirektor der Universität, Professor ~Risch~, der aus den Einkünften der Hochschule ziemlich große Mittel zur Verfügung hatte, meine Forderung warm befürwortet. Die Verhandlungen endigten denn auch mit einer Bewilligung von etwa 6000 Mk. Dafür verlangte ~Risch~ von mir das feierliche Versprechen, daß ich niemals mehr die Mittel der Universität in Anspruch nehmen würde. Ich gab dasselbe lachend mit der Bemerkung, daß ich es bei der nächsten Gelegenheit brechen würde. Das ist schon nach einigen Jahren geschehen, und ich muß zu Ehren des Kollegen ~Risch~ zufügen, daß er für meine Wünsche immer eine offene Hand gehabt hat. Die kleinen Neueinrichtungen im Institut wurden während der Ferien ausgeführt, so daß Ende Oktober alles für die Arbeit bereit war. Für die Anlage der Abzüge hatte ich ein sehr einfaches System ausgedacht. Tonröhren, wie man sie für Aborte verwendet, wurden an die Wände gelegt, mit eisernen Schellen befestigt, über Dach geführt und dort durch einen zweckmäßigen Aufsatz gegen die schädliche Wirkung des Windes geschützt. Unten, im Arbeitsraum war ein Kniestück eingesetzt, um das Herabfallen des Schmutzes aus den Röhren zu verhindern. Um diese untere Öffnung des Rohres wurde dann der eigentliche Abzug in Holz und Glas gebaut. Eine Lockflamme in dem Rohr besorgt den nötigen Luftzug. Diese einfache Form des Abzuges läßt sich in jedem Gebäude anbringen und ist deshalb höchst empfehlenswert, wo es sich darum handelt, provisorische Laboratorien in fertigen Häusern einzurichten.

Von Erlangen waren mit übergesiedelt ~J. Tafel~ und die Familie ~Knorr~, die jetzt außer dem jungen Ehepaar noch einen Sohn zählte. Da sich für letztere keine passende Wohnung fand, so machte es mir ein Vergnügen, sie in die große Dienstwohnung des Instituts aufzunehmen, bis sie im Frühjahr ein Quartier außerhalb fand.

Die alten Assistenten des Instituts waren ~J. Wislicenus~ nach Leipzig gefolgt. Dagegen hatte er mir seinen Sohn ~Wilhelm~ zurückgelassen, dem ich gerne eine Assistentenstelle anvertraute, und der mir auch ein sehr lieber Freund geworden ist. Er konnte ebenfalls noch im Institut Quartier nehmen.

~Knorr~, der schon in Erlangen sich habilitiert hatte, wurde auf meinen Antrag ohne weiteres von der Würzburger Fakultät als Privatdozent übernommen und von mir mit der Leitung der analytischen Abteilung im Institut betraut. Für diese war der einzige große Arbeitssaal des Hauses reserviert, während die organische Abteilung sich mit einem kleinen Anbau und dem darunter befindlichen Keller begnügen mußte. Alles das war recht dürftig und auch recht unpraktisch angelegt. Der Hörsaal war ziemlich geräumig, weil man ihn von vornherein auf die große Zahl von Medizinern berechnet hatte, aber auch seine Einrichtung ließ viel zu wünschen übrig.

Mein Privatlaboratorium bestand aus einem einzigen einfachen Wohnzimmer, und als Raum für Wägungen und optische Untersuchungen mußten wir das danebenliegende Sprechzimmer benutzen. Trotzdem sind hier die experimentell recht schwierigen Zuckerarbeiten ausgeführt worden. Zunächst begann ich aber mit der Ausbildung der schon in Erlangen begonnenen Synthese von Indolderivaten aus Phenylhydrazonen. Daran nahmen auch die meisten Doktoranden teil, wodurch das Institut gleich in einen recht schlechten »Geruch« kam; denn der Hauptstänker, das Skatol, das wir in recht stattlichen Mengen darstellen konnten, wurde von den Praktikanten in die Gast- und Wohnhäuser der Stadt hineingetragen und gab zu mancherlei Klagen Anlaß. Von der Haftbarkeit seines Geruches habe ich selbst ein drastisches Beispiel erlebt. In den Osterferien 1886 unternahm ich nämlich eine zweite Reise nach Corsica und führte dabei die Lodenjoppe mit, die ich während des Winters im Laboratorium getragen hatte und die mir bei kleinen Bergtouren auf der Insel dienen sollte. Als mein Koffer an der französischen Grenze vor der Zollbehörde geöffnet wurde, verweigerte der Beamte mit einer Gebärde der Entrüstung die weitere Durchsicht und verlangte schleunige Schließung des Koffers; denn aus diesem war ein starker Skatolgeruch aufgestiegen und hatte offenbar bei dem Beamten den Eindruck hervorgerufen, daß in dem Koffer sehr stark mit Kot beschmutzte Wäsche enthalten sein müßte. Noch schlimmer ging es mir in dem Schweizer Hof in Ajaccio. Ich hatte dort ahnungslos meine Kleider im Zimmer aufgehängt. Aber nach einigen Tagen erschien die Wirtin und richtete an mich die ängstliche Frage: »Um Gotteswillen, was fangen Sie auf Ihrem Zimmer an, die Nachbarschaft beschwert sich über den schlechten Geruch, der von dort kommt?« Jetzt wußte ich sofort, wo die Schuld lag, und die fatale Joppe wurde nun 14 Tage ins Freie in die corsische Sonne gehängt. Als ich sie aber wieder einpackte und nach Deutschland zurückkehrte, war der Geruch zwar stark vermindert, aber noch keineswegs verschwunden.

In Würzburg hatte ich von vornherein das Glück, daß mir eine Reihe tüchtiger junger Doktoranden zuzogen. Ich erwähne zunächst ~A. Schlieper~, Sohn des Kattundruckers ~Adolf Schlieper~ in Elberfeld, der 30 Jahre vorher durch seine Beobachtungen in der Harnsäuregruppe ~Adolf Baeyer~ Veranlassung gab, sich mit diesen Stoffen zu beschäftigen. Der Sohn ist sein Nachfolger geworden und steht, wenn ich nicht irre, noch an der Spitze des Geschäftes ~Baum & Co.~ Eine ebenso rühmliche Laufbahn hat ~C. Steche~ gemacht, der zur selben Zeit nach Würzburg kam. Er ist jetzt der Leiter der großen Riechstofffirma ~Heine & Co.~ in Leipzig. Dann ~Ahrheidt~, später Beamter der Badischen Anilin- & Sodafabrik. ~Friedrich Ach~ aus Würzburg, ein ebenso begabter wie fleißiger Chemiker, der nebenher auch ein eifriger Corpsstudent war und mit dazu beitrug, daß seine Corpsbrüder die Vorlesungen nicht vernachlässigten. Er ist nach Beendigung der Studien in die Alkaloidfabrik von ~C. F. Böhringer & Söhne~ in Waldhof bei Mannheim eingetreten und hat dort als Leiter des wissenschaftlichen Laboratoriums großen Anteil an der technischen Ausarbeitung der Kaffeinsynthese genommen. Darüber werde ich aus der Berliner Zeit noch berichten. Leider ist er frühzeitig an Psoriasis und Nephritis zugrunde gegangen.

Ferner ~Jacob Meyer~, der später selbständig das Tannigen entdeckte, jetzt seit einer Reihe von Jahren im Berliner Institut technische Probleme verschiedenster Art bearbeitet und mir bei der Verwaltung des Instituts eine wesentliche Hilfe leistet.

Im Sommer 86 wandte ich mich wieder den schon in Erlangen entdeckten Osazonen der Zucker zu und es gelang mir, mit Unterstützung von ~W. Wislicenus~, der damals mein Privatassistent war, das Isoglucosamin zu gewinnen. Bald darauf, nachdem die Indolarbeiten abgeschlossen waren, begannen die Synthesen in der Zuckergruppe, die mich bis zum Ende der Würzburger Periode vorzugsweise beschäftigt haben. Die Zahl meiner Mitarbeiter ist hier so groß gewesen, daß ich sie nicht alle anführen kann, aber ich halte mich doch für verpflichtet, drei besonders zu nennen. Zuerst ~J. Tafel~, der an der Oxydation der mehrwertigen Alkohole und der Verwandlung von Glycerose oder Acroleindibromid in den ersten synthetischen Zucker mit 6 Kohlenstoffatomen, die Acrose, teilgenommen hat. Das waren sehr mühsame und zum Teil auch recht gesundheitsschädliche Arbeiten.

Um genügende Mengen von Acrose in Form von Osazon zu gewinnen, haben wir einige Wochen zusammen in den Farbwerken Meister Lucius & Brüning zu Höchst a. M. mit den großen Hilfsmitteln der Fabrik Acrolein und sein Dibromid dargestellt. Das große Gefäß, aus dem das Acrolein destilliert wurde, befand sich im Freien, und die öfter wiederholte Operation wurde an windigen Tagen ausgeführt, um dem furchtbaren Geruch des Acroleins zu entgehen. ~Tafel~ ist einmal durch Versehen in eine Acroleinwolke hineingeraten und bekam ein so heftiges Nasenbluten, daß mir um seine Gesundheit bangte. Als etwas später die Schwierigkeiten bei der Zuckerarbeit sich immer mehr auftürmten und eine glückliche Lösung des Problems erst in weiter Ferne möglich schien, hat ~Tafel~, der für die beabsichtigte wissenschaftliche Laufbahn auch selbständige Resultate nötig hatte, sich anderen Aufgaben zugewendet. An seine Stelle sind dann eine Reihe von anderen Herren getreten, unter denen ich besonders ~Josef Hirschberger~, jetzt in Brooklyn, und ~Heller~, jetzt in Leipzig, nennen muß. Bei der speziellen Synthese von kohlenstoffreichen Zuckern durch das Blausäure-Verfahren haben besonders der Engländer ~Passmore~, der jetzt angesehener Handelschemiker in London ist, und ~Lorenz Ach~ aus Würzburg, von dem später noch die Rede sein wird, teilgenommen.

Unabhängig von mir waren die älteren Assistenten mit eigenen Problemen beschäftigt. ~Knorr~ hatte in Erlangen schon den großen praktischen Erfolg mit dem Antipyrin gehabt und wissenschaftlich nicht allein die Pyrazole, sondern auch die eleganten Synthesen von Pyrrolderivaten aus 1,4-Diketonen entdeckt. Diese Funde sind in Würzburg in weitestem Maße ausgenutzt worden. Dazu gesellte sich die Synthese des Morpholins, von dem der Entdecker annahm, daß es den Stickstoffring des Morphins enthalte.

Einen ebenso glücklichen Griff machte ~Wilhelm Wislicenus~ mit der Ausdehnung der Acetessigestersynthese auf andere Ester, z. B. den Oxalester. Wäre ihm ~L. Claisen~ nicht mit gleichzeitigen Beobachtungen in die Quere gekommen, so hätte er damals sicherlich das ganze große Gebiet der Kondensation von Estern untereinander oder mit Ketonen und Aldehyden erobert. Eine andere sehr niedliche Beobachtung von ihm war die Bildung von Natriumazid aus Stickoxydul und Natriumamid. Um dieselbe Zeit fand ~Tafel~ die Reduktion der Hydrazone zu Aminen mit Natriumamalgam und er hätte diese Reaktion sicherlich auch auf die Oxime ausgedehnt, wenn nicht ~Goldschmidt~ alsbald nach ~Tafels~ Publikation solche Versuche rasch angestellt und veröffentlicht hätte.