Chapter 29
Es war freilich anzunehmen, daß auch der Gegner durch die letzten Kämpfe schwer gelitten hatte. 74 feindliche Divisionen, darunter 60 französische, hatten vom 15. Juli bis 4. August geblutet. Waren hierbei zwar die englischen Kräfte in der Hauptsache seit Monaten geschont geblieben, so mußte doch der andauernde Zustrom amerikanischer Hilfe unter diesen Umständen für den Gegner äußerst wertvoll sein. Mochte diese Hilfe auch in militärischer Beziehung nicht voll auf der Höhe neuzeitlicher Anforderungen stehen, jetzt, wo unsere Verbände so schwer gelitten hatten, wirkte mehr als je die bloße zahlenmäßige Überlegenheit.
Schwerer noch als dies wog nach den ersten Eindrücken die Wirkung unseres Mißgeschickes auf Heimat und Verbündete. Wie viele in den letzten Monaten aufgelebte Hoffnungen brachen vielleicht zusammen! Wie manche Berechnung wurde zerstört!
Konnten wir jedoch wieder Herren der militärischen Lage werden, so war auch die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts mit Bestimmtheit zu erwarten.
FÜNFTER TEIL
ÜBER UNSERE KRAFT
In die Verteidigung geworfen
Der 8. August
Unsere Truppen hatten ihre neuen Stellungen an der Aisne-Vesle eingenommen. Die letzten Wogen des feindlichen Angriffes prallten heran und prallten ab; stellenweise flackerte der Kampfeifer hier und da wieder auf.
Zahlreiche unserer Divisionen, abgekämpft, der Auffrischung bedürftig, wurden hinter unsere Verteidigungslinien in Unterkunft gebracht. Auch um Avesnes herum lagen sie in Quartieren. Ich konnte mich davon überzeugen, wie rasch sich unser Soldat erholte. Durfte er ein paar Tage gründlich ausschlafen, konnte man ihn geregelt verpflegen und ruhen lassen, so schien er schnell über all das Schwere, das er durchgemacht hatte, auch seelisch hinwegzukommen. Freilich bedurfte er hierfür der wirklichen Ruhe, ungestört von feindlichen Granaten und Bombenabwürfen und, wenn möglich, auch entfernt aus dem Hörbereiche des Donners der Geschütze. Aber wie wenig und wie selten haben unsere Truppen in den langjährigen Kämpfen eine solche Ruhe gefunden! Von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz, von Schlachtfeld zu Schlachtfeld geworfen, waren sie fast ruhelos in körperlicher und seelischer Spannung geblieben. In dieser Tatsache liegt der gewaltigste Unterschied zwischen den Leistungen unserer Soldaten und denjenigen aller unserer Gegner.
Nach Avesnes war der Geschützdonner aus den Schlachten im Marnebogen wie ein ununterbrochenes Rollen schweren Gewitters bald lauter, bald undeutlicher gedrungen. Jetzt war es fast still geworden.
Am 8. August morgens wurde diese Ruhe jählings unterbrochen; von Südwesten her dröhnte auffallend starker Gefechtslärm. Die ersten Meldungen – sie kamen vom Armee-Oberkommando aus der Gegend von Peronne – lauteten ernst. Der Gegner war mit mächtigen Tankgeschwadern beiderseits der Straße Amiens-St. Quentin in unsere Linien eingedrungen. Näheres ließ sich vorläufig nicht feststellen.
Die Ungewißheit wurde jedoch in den nächsten Stunden behoben, wenn auch die Verbindungen vielfach zerrissen waren. Kein Zweifel, der Gegner war tief in unsere Stellung hineingestoßen, Batterien waren verloren. Unsere Befehle ergingen, sie wieder zu nehmen, die Lage überhaupt durch sofortigen Gegenangriff wieder herzustellen. Wir entsandten Offiziere, um die Vorgänge klarzulegen und vollen Einklang zwischen unserem Willen und den Verfügungen der Kommandostellen an der augenblicklich erschütterten Front zu schaffen. Was war geschehen?
Im dichtesten Nebel war ein starker englischer Tankangriff erfolgt. Die Panzerwagen hatten auf ihrer Fahrt fast nirgends besondere Hindernisse, nicht natürliche und leider auch nicht künstliche, getroffen. Man hatte an dieser Front wohl etwas zu viel an Fortsetzung des Angriffes gedacht, zu wenig an Verteidigung.
Allerdings war es verlustreiche Arbeit, dicht am Gegner zu schanzen und Hindernisse zu bauen. Denn wo immer die gegnerischen Beobachter irgend eine Bewegung, und sei es auch nur von einzelnen Leuten, wahrnahmen, dorthin lenkten sie das Feuer ihrer Artillerie. Es schien das beste zu sein, sich im hohen Getreide still zu verhalten, zwar ohne Schutz gegen feindliche Granaten aber ungesehen durch feindliche Ferngläser. Man schonte auf diese Weise während der Zeit des Stilleliegens augenscheinlich viel Leben, lief aber Gefahr, mit einem Schlage noch viel mehr zu verlieren. Nicht nur in den vordersten Linien war die Arbeit gering, an den rückwärtigen war sie fast noch geringer; nur einzelne Grabenstücke, verstreute Stützpunkte, waren vorhanden. Die Truppen waren an diesen sogenannten ruhigen Fronten für ausgedehnte Schanzarbeiten nur dünn gesät. Wir brauchten die Massen anderwärts zu den großen Angriffsschlachten.
An diesem 8. August mußten wir handeln, wie wir schon so oft in gleich drohenden Lagen gehandelt hatten. Gegnerische Anfangserfolge waren für uns ja keine befremdenden Erscheinungen. Wir kannten sie von 1916/17, von Verdun, Arras, Wytschaete, Cambrai her. Wir hatten sie erst jüngst wieder bei Soissons kennen und überwinden gelernt. In dem jetzt vorliegenden Falle war die Lage freilich ganz besonders ernst. Der breite Tankeinbruch des Gegners war gleichzeitig überraschend tief erfolgt. Die Panzerwagen, schneller wie bisher, überfielen Divisionsstäbe in ihrer Unterkunft, zerrissen die Fernsprechverbindungen, die von dort zu den kämpfenden Truppen führten. Die höheren Kommandobehörden werden dadurch ausgeschaltet; die vorderen Linien bleiben ohne Befehl. An diesem Tage ist es ganz besonders bedenklich, da der dichte Nebel jede Übersicht verhindert. Die bereitgestellten Tankabwehrkanonen schießen zwar in die Richtungen, aus denen Motorgeräusche und Kettengerassel hörbar sind, werden aber vielfach durch Stahlkolosse überrascht, die aus anderer Richtung plötzlich auftauchen. Wirre Gerüchte beginnen sich in unsern Kampflinien zu verbreiten. Es wird behauptet, daß englische Kavalleriemassen schon weit im Rücken der vordersten deutschen Infanterie sich befinden. Man wird vorn bedenklich, verläßt die Stellungen, aus denen heraus man soeben noch starke feindliche Angriffe in der Front abgewiesen hat, man sucht nach rückwärts den verlorenen Anschluß. Die Phantasie zaubert Wahngebilde hervor und sieht in ihnen wirkliche Gefahren.
Alles, was da geschah, was uns zum ersten großen Unheil werden sollte, ist ja menschlich begreiflich. Der alte, schlachtenerprobte Soldat bleibt in solchen Lagen ruhig; er phantasiert nicht, er denkt! Aber diese alten Soldaten sind eben in verschwindender Minderheit; ihr Einfluß ist auch nicht allerorts mehr der beherrschende. Es zeigen sich andere Einflüsse. Der Mißmut und die Enttäuschung, daß trotz aller Siege der Krieg für uns kein Ende nehmen will, hat auch so manchen unserer braven Soldaten verdorben. Im Felde Gefahren und Arbeit, Kampf und Ruhelosigkeit, aus der Heimat Klagen über wirkliche, manchmal auch eingebildete Lebensnot. Das zermürbt allmählich, besonders, wenn man sich kein Ende vorstellen kann. Der Gegner sagt und schreibt in seinen massenhaft von Fliegern abgeworfenen Flugblättern, daß er es nicht so schlimm mit uns meine, wir müßten nur vernünftig sein und vielleicht auch auf dies und jenes, was wir erobert haben, verzichten. Dann würde alles rasch wieder gut werden. Und wir könnten in Frieden weiter leben, im ewigen Frieden der Völker. Für den Frieden im Innern der Heimat würden dann neue Männer, neue Regierungen sorgen. Auch das würde ein segensreicher Frieden nach all den jetzigen Kämpfen werden. Das weitere Ringen sei also zwecklos.
Solches liest und bespricht man; der Soldat meint, daß der Gegner doch nicht all das erlügen kann, läßt sich vergiften und vergiftet andere.
Unsere Befehle zum Gegenstoß können an diesem 8. August nicht mehr ausgeführt werden. Es fehlt an Truppen, es fehlt besonders an Geschützen zur Vorbereitung eines solchen Angriffes, denn an den Einbruchsstellen sind die meisten Batterien verloren. Frische Infanterie- und neue Artillerieverbände müssen erst herangeholt werden, und zwar auf Kraftwagen und Eisenbahnen. Der Gegner erkennt die ausschlaggebende Wichtigkeit, die in dieser Lage die Eisenbahnen für uns besitzen. Weithin in unsern Rücken feuern seine schweren und schwersten Geschütze. Auf einzelne Eisenbahnpunkte, wie beispielsweise Peronne, regnet es zeitweise Bomben feindlicher Flieger, die in nie gesehenen Schwärmen über Stadt und Bahnhof kreisen. Nutzt aber der Gegner auf diese Weise die Schwierigkeiten im Rücken unserer Armee aus, so verkennt er zu unserm Glücke die ganze Größe seines ersten taktischen Erfolges. Er stößt an diesem Tage nicht bis an die Somme vor, obwohl ihm auf diesem Wege von unserer Seite kaum noch nennenswerte Kräfte hätten entgegengestellt werden können.
Dem verhängnisvollen Vormittage des 8. August folgte ein verhältnismäßig ruhiger Nachmittag und eine noch ruhigere Nacht. Während dieser rollen unsere ersten Verstärkungen heran.
Die Lage ist bereits zu ungünstig, als daß wir von dem anfänglich geforderten Gegenangriff die Wiedergewinnung der alten Kampffront erwarten können. Der Gegenstoß hätte längerer Vorbereitung und stärkerer Truppen, als am Morgen des 9. August zur Hand sein können, bedurft. Daher soll und darf nichts überstürzt werden. Die Ungeduld an der Kampffront glaubt jedoch, nicht warten zu können. Man meint, günstige Gelegenheiten zu versäumen, und stürzt sich in unbezwingliche Schwierigkeiten. So geht ein Teil der herangebrachten kostbaren, frischen Infanteriekraft in örtlich begrenzten Erfolgen verloren, ohne der Lage im großen zu nutzen.
Der Angriff am 8. August war durch den rechten englischen Flügel unternommen worden. Die südlich anschließenden französischen Truppen hatten sich nur in geringem Umfange am Kampfe beteiligt. Es war aber zu erwarten, daß die großen britischen Erfolge nunmehr auch die französischen Linien in Bewegung bringen würden. Gelang dem Franzosen ein rasches Durchdringen in der Richtung auf Nesle, so mußte unsere Lage in dem weit nach Südwesten vorspringenden Verteidigungsbogen verhängnisvoll werden. Wir befehlen daher die Räumung unserer bisherigen ersten Stellungen südwestlich Roye und weichen in die Gegend dieser Stadt zurück.
Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kämpfe im Westen bis Ende September
Über die politischen Wirkungen unserer Niederlage am 8. August gab ich mich keinen Täuschungen hin. Unsere Kämpfe vom 15. Juli bis 4. August konnten im Ausland wie in der Heimat als die Folge einer nicht geglückten, kühnen Unternehmung angesehen werden, wie solches sich in jedem Kriege ereignet. Das Mißgeschick am 8. August stellte sich dagegen vor aller Augen dar als die Folgen einer offenkundigen Schwäche. Es war etwas ganz anderes, ob wir in einem Angriff scheiterten, oder ob wir in einer Verteidigungsschlacht besiegt wurden. Die Beutezahlen, die unsere Gegner der Welt bekanntgeben konnten, sprachen eine deutliche Sprache. Heimat und Verbündete mußten ängstlich aufhorchen. Um so mehr war es unsere Aufgabe, die Ruhe zu behalten und die Verhältnisse zwar ohne Selbsttäuschung, aber auch ohne übertriebenen Pessimismus zu betrachten.
Die militärische Lage war freilich ernst geworden. Die Gefechtslage auf der angegriffenen Verteidigungsfront konnte allerdings wiederhergestellt, das verlorene Kriegsgerät wieder ergänzt, neue Kräfte konnten herangeführt werden. Damit war jedoch die Wirkung der Niederlage nicht aufgehoben. Es war zu erwarten, daß der Gegner, durch seinen großen Erfolg angeregt, solche Angriffe nunmehr auch an anderen Stellen unternehmen würde. Er hatte jetzt die Erfahrung gemacht, daß sich in unserem Verteidigungssystem dem des Jahres 1917 gegenüber mancherlei Mängel befanden. Zunächst in technischer Beziehung. Auf den seit dem Frühjahr 1918 neu gewonnenen Linien war von unseren Truppen im allgemeinen nur wenig geschanzt worden. Es wurde, wie in der Gegend östlich Amiens, so auch an anderen Stellen der Front, zu viel von Fortsetzung der Angriffe, zu wenig von der Notwendigkeit der Verteidigung gesprochen. Dazu kam, daß die Haltung eines großen Teiles unserer Truppen im Gefecht den Gegner überzeugt haben mußte, daß an unseren Verteidigungsfronten der zähe Widerstandswille von 1917 nicht mehr durchgehends vorhanden war. Der Feind hatte ferner seit dem Frühjahr von uns gelernt. Er hatte in den letzten Operationen diejenige Taktik gegen uns angewendet, mit der wir ihn wiederholt gründlich geschlagen hatten. Er war auf unsere Linien gefallen, nicht mehr nach monatelangen Angriffsvorbereitungen, auch hatte er die Entscheidung nicht mehr in dem Hineintreiben eines Keiles in unsere Verteidigung gesucht, sondern er hatte uns in breiten Anstürmen überrascht. Er wagte nunmehr diese unsere Taktik, weil er die Schwächen unserer Verteidigungsfront erkannt hatte. Wiederholte der Gegner diese Angriffe mit gleicher Wucht, so entbehrte er bei der nunmehrigen Verfassung unseres Heeres nicht völlig der Aussicht, unsere Widerstandskraft allmählich zu lähmen. Andererseits schöpfte ich aber aus dem Umstande, daß der Feind aus seinen großen Anfangserfolgen auch dieses Mal nicht die Vorteile eingeheimst hatte, die ihm hätten werden können, wieder die Hoffnung, daß wir weitere Krisen überwinden würden.
Aus diesem Gedankengang heraus glaubte ich, mich am 13. August der Reichsleitung gegenüber in einer politischen Beratung in Spa über die militärische Lage dahin aussprechen zu müssen, daß diese zwar ernst sei, daß aber nicht vergessen werden dürfe, daß wir noch immer tief in Feindesland ständen. Ich trug diese Auffassung am folgenden Tag auch meinem Kaiser vor, indem ich nach einer längeren gemeinsamen Sitzung das Schlußwort ergriff. Ich hatte auch nichts einzuwenden gegen die Auffassung des Reichskanzlers Graf Hertling, daß mit einem wirklich offiziellen Friedensschritt unsererseits gewartet werden sollte, bis eine Besserung in unserer damaligen militärischen Lage eintreten würde. Von dieser hing es dann ab, inwieweit wir auf unsere bisherigen politischen Ziele würden verzichten müssen.
Die Zeit, an einem befriedigenden Abschluß des Krieges zu zweifeln, hielt ich demnach Mitte August noch nicht für gekommen. Ich hoffte bestimmt, daß die Armee, trotz betrübender Einzelerscheinungen auf dem letzten Schlachtfelde, imstande sein würde, zunächst einmal auszuhalten. Auch hatte ich das Vertrauen auf die Heimat, daß sie Kraft genug hätte, auch diese jetzige Krisis zu überwinden. Ich erkannte dabei durchaus an, was die Heimat an Opfern und Entbehrungen bisher ertragen hatte, und was sie vielleicht noch weiter ertragen mußte. Hatte nicht Frankreich, auf dessen Boden der Krieg seit nunmehr vier Jahren tobte, weit mehr zu leiden? War dieses Land während dieser ganzen Zeit jemals unter Mißerfolgen verzagt; war es verzweifelt, als unsere Granaten seine Hauptstadt erreichten? Das, so dachte ich, würde sich in dieser schweren Krisis auch die Heimat vor Augen halten und standhaft bleiben, wenn nur wir an der Front standhaft blieben. Gelang das, so konnte nach meiner Ansicht die Wirkung auf unsere Verbündeten nicht ausbleiben. Ihre militärische Aufgabe war ja, soweit sie Österreich-Ungarn und Bulgarien betraf, eine leichte.
Bei diesen meinen Erwägungen spielte die Sorge um Erhaltung unserer Waffenehre keine ausschlaggebende Rolle. Unser Heer hatte diese Ehre in den vier Kriegsjahren so fest begründet, daß diese uns, mochte kommen was wollte, vom Gegner nicht mehr entrissen werden konnte. Ausschlaggebend für meine Entschlüsse und Vorschläge blieb einzig und allein die Rücksicht auf das Wohl des Vaterlandes. Konnten wir auch den Gegner durch Siege auf dem Schlachtfeld nicht mehr zu einem Frieden zwingen, der uns alles das gab, was unsere deutsche Zukunft endgültig sicher stellte, so konnten wir es doch wenigstens dahin bringen, daß die gegnerischen Kräfte im Kampfe erlahmten. Auch dann retteten wir voraussichtlich ein erträgliches staatliches Dasein.
General Foch hat nach Beendigung der Schlacht im Marnebogen wohl erkannt, daß die errungenen Erfolge ihm wieder verloren gehen würden, wenn unseren Truppen die Zeit zur Erholung gelassen würde. Ich hatte das Gefühl, daß die gegnerische Führung nunmehr glaubte, alles auf eine Karte setzen zu müssen.
Am 20. August schreiten die Franzosen zwischen Oise und Aisne in der Richtung auf Chauny zum Angriff. Sie werfen uns in dreitägigen Kämpfen auf diesen Punkt zurück. Am 21. August und in den ihm folgenden Tagen verbreitern die Engländer ihre Angriffsfront vom 8. August in nördlicher Richtung bis nordwestlich Bapaume. Wiederholte feindliche Einbrüche zwingen uns auch hier zum allmählichen Zurücknehmen unserer Linien. Am 26. August wirft sich der Engländer beiderseits Arras in der Richtung auf Cambrai auf unsere Stellungen. Er bricht durch, wird aber schließlich aufgehalten. Da überrennt ein neuer feindlicher Ansturm am 2. September endgültig unsere Linien an der großen Straße Arras-Cambrai und zwingt uns, die gesamte Front in die Siegfriedstellung zurückzunehmen. Zur Kräfteersparnis räumen wir gleichzeitig den weit über den Kemmel-Berg und Merville vorspringenden Bogen nördlich der Lys. Alles schwere Entschlüsse, die bis zum Ende der ersten Septemberwoche ausgeführt werden. Die erhoffte Erleichterung der Lage bringen sie nicht. Der Gegner drängt überall sofort nach, und die Spannung dauert an.
Am 12. September setzen die Kämpfe an der bisher ruhigen Front südöstlich Verdun und bei Pont-à-Mousson ein. Wir standen hier in der Stellung, in der unsere Angriffe im Herbste 1914 erstarrt waren, ein taktisches Mißgebilde, das den Gegner zu einem großen Schlag einladen konnte. Es ist nicht recht verständlich, warum uns der Franzose jahrelang in diesem großen Dreieck stehen ließ, das in seine Gesamtfront hineinsprang. Durchstieß er dieses in mächtigem Schlage an der Basis, so war eine schwere Krisis für uns unausbleiblich. Man wird uns vielleicht als einen Fehler anrechnen, daß wir diese Lage nicht schon längst, spätestens mit dem Einstellen unseres Angriffes auf Verdun, aufgaben. Allein wir übten gerade durch diese Stellung einen im hohen Grade wichtigen Druck auf die Bewegungsfreiheit des Gegners um Verdun aus und sperrten das ihm so wichtige Maastal südlich der Festung. Erst Anfang September, als es zwischen Maas und Mosel auf feindlicher Seite lebhafter wurde, beschlossen wir, diese Stellung zu räumen und auf die schon lange vorbereitete Basisstellung zurückzugehen. Bevor die Bewegung vollendet wurde, griffen uns aber die Franzosen und Amerikaner an und brachten uns eine ernste Niederlage bei.
Im übrigen gelang es, den feindlichen Angriffen gegenüber unsere Front im wesentlichen zu halten. Die Ausdehnung der gegnerischen Angriffe auf die Champagne am 26. September änderte die Lage von der Küste bis zu den Argonnen zunächst wenig. Dagegen drang der Amerikaner an diesem Tage zwischen Argonnen und Maas in unsere Linien ein. Damit machte sich die nordamerikanische Macht auf den Schlachtfeldern des Schlußkampfes in einer selbständigen Armee zum ersten Male entscheidend geltend.
Unsere Westfront war, wenn auch infolge feindlicher Einbrüche wiederholt zurückgenommen, nicht durchbrochen. Sie wankte, aber sie fiel nicht. Um diese Zeit wurde jedoch in unsere gesamte Kriegsfront eine breite Lücke gerissen. Bulgarien brach zusammen.
Der Kampf unserer Bundesgenossen
Bulgariens Zusammenbruch
Die Lage im Innern Bulgariens hatte sich auch im Jahre 1918 nicht wesentlich geändert. Sie blieb ernst. Die äußere Politik des Landes schien jedoch darunter nicht zu leiden. Ab und zu gelangten freilich Mitteilungen über Verhandlungen bulgarischer unverantwortlicher Persönlichkeiten mit der Entente auf neutralem schweizerischen Boden zu uns. Auch war in der amerikanischen Gesandtschaft in Sofia zweifellos eine Brutstätte von uns verderblichen Plänen vorhanden. Wir machten den vergeblichen Versuch, sie zu beseitigen. Die Politik forderte Samthandschuhe in der eisernen Wirklichkeit des Krieges.
Die Kampfwut zwischen den politischen Parteien des Landes dauerte an. Die Armee wurde auch weiterhin davon berührt. Der Sturz Radoslawows war endlich im Frühjahr von seinen Gegnern erreicht. Die neuen Männer versicherten uns ihres treuen Festhaltens an dem Bündnis. Das war für uns das Entscheidende.
Die Kriegsunlust im bulgarischen Volke nahm indessen stark zu. Die Lebensmittelversorgung machte immer größere Schwierigkeiten. Unter diesen litt besonders die Armee, das heißt, man ließ sie darunter leiden. Der Soldat mußte zeitweise geradezu hungern, ja mehr noch, er wurde auch so elend gekleidet, daß ihm eine Zeitlang das Nötigste fehlte. Meutereien fanden statt, wurden uns gegenüber aber meistens vertuscht. Die Armee wurde durchsetzt mit völkisch fremden Elementen. Man stellte aus den besetzten Gebieten gepreßte Mannschaften ein, um die Truppenstärken in der Höhe zu halten. Das Überlaufen nahm daher einen außerordentlichen Umfang an. War es ein Wunder, daß unter allen diesen Umständen der Geist der Truppe zerfiel? Er erreichte anscheinend im Frühjahr seinen Tiefstand. Die bulgarische Oberste Heeresleitung hatte damals auf Anregung des deutschen Heeresgruppenkommandos einen Angriff auf albanischem Boden, westlich des Ochridasees, vorbereitet. Man erhoffte von seinem Gelingen eine wirkungsvolle Sperrung der für den Gegner so wichtigen Straße Santa Quaranti-Korca, sowie eine günstige Rückwirkung auf die Stimmung von Heer und Volk. Die Durchführung des Unternehmens erwies sich schließlich als unmöglich, da nach Erklärungen bulgarischer Offiziere die Truppe den Angriff verweigern würde. Noch bedenklichere Zustände zeigten sich, als im Monat Mai die bulgarischen Truppen den Angriff der Griechen und Franzosen in der Mitte der mazedonischen Front nicht aushielten und ihre Stellung fast kampflos verließen. Die zum Gegenangriff bestimmte Division meuterte größtenteils.
Die Zustände innerhalb des Heeres schienen sich jedoch im Verlauf des Sommers wieder zu bessern. Wir halfen aus, wo wir konnten, gaben von unseren Lebensmittelvorräten und schickten Bekleidungsstücke. Auch lösten unsere damaligen Erfolge an der Westfront in der bulgarischen Armee große Begeisterung aus. Es war aber klar, daß diese gehobene Stimmung rasch wieder in sich zusammenbrechen würde, wenn auf unserer Seite Rückschläge erfolgten. Darüber konnten uns auch bessere Stimmungsberichte Ende Juli nicht im Zweifel lassen.
Die gegenseitigen Stärkeverhältnisse an der mazedonischen Front schienen sich im Laufe des Jahres 1918 nicht wesentlich verschoben zu haben. Nach dem schließlichen Ausgleich mit Rumänien war Bulgarien imstande, alle seine Kräfte auf einer Front zu versammeln. Dieser Verstärkung gegenüber kam das Wegziehen einiger deutscher Bataillone aus Mazedonien zahlenmäßig gar nicht in Betracht. Eine englische Division war nach Syrien abbefördert worden; die französischen Truppen hatten ihre jüngsten Jahrgänge nach der Heimat abgegeben; die neu mobilisierten sogenannten königlich griechischen Divisionen zeigten sich wenig kampflustig. Anscheinend aus diesem Grunde wurde letzteren die Verteidigung des Struma-Abschnittes übertragen. Nach Mitteilungen von Überläufern war der größte Teil dieser Truppen bereit, sich uns anzuschließen, wenn deutsche Truppen vor der Struma-Front eingesetzt würden. Wir schickten daher etliche Bataillone, die in den Hauptkampffronten des Westens nicht verwendbar waren, nach Mazedonien. Sie trafen an ihrem Bestimmungsort in dem Augenblick ein, als die Entscheidung des Krieges für Bulgarien fiel.
Am 15. September abends erhielten wir die erste Nachricht vom Beginn des Angriffes der Ententearmeen in Mazedonien. Dieses Datum war auffallend. Hatten doch bulgarische Soldaten schon im Frühjahr erklärt, daß sie an diesem Tage die Stellungen verlassen würden, sofern der Krieg bis dahin nicht beendet wäre.