Aus meinem Leben

Chapter 15

Chapter 153,259 wordsPublic domain

Angesichts dieses Verlaufes der Kämpfe an der Ostfront hatte die deutsche Oberste Heeresleitung Mitte August im Einvernehmen mit General Jekoff zu dem Aushilfsmittel gegriffen, mit den bulgarischen Flügelarmeen einen großen Schlag gegen die Ententekräfte bei Saloniki zu führen. Der Gedanke war sowohl politisch wie militärisch durchaus zu billigen. Gelang das Unternehmen, so war zu erwarten, daß Rumänien eingeschüchtert und seine zweifellos vorhandene Hoffnung auf eine Zusammenwirkung mit Sarrail zerstört würde. Rumänien wäre daher vielleicht schon dann zur Ruhe veranlaßt worden, wenn starke bulgarische Kräfte nach einem Siege über Sarrail für beliebige andere Verwendung freigeworden wären. Die deutsche Oberste Heeresleitung geriet freilich gerade durch diesen Angriff der Bulgaren zunächst in einen gewissen militärischen Widerspruch hinein. Da sie nämlich gleichzeitig gezwungen war, Truppen in Nordbulgarien zu versammeln, um auf die täglich stärker werdenden rumänischen Kriegsleidenschaften ernüchternd zu wirken, so wurden Kräfte, die zum Angriff auf Sarrail an der mazedonischen Front hätten Verwendung finden können, aus politischen Gründen an die Donau gezogen. Das Verfahren der deutschen Obersten Heeresleitung wird erklärlich einerseits durch das Vertrauen, das man auf den Angriffswert des bulgarischen Heeres hatte, andererseits durch eine gewisse Unterschätzung der gegnerischen Stärke bei Saloniki. Ganz besonders täuschte man sich über die Bedeutung der dort auftretenden, neugebildeten serbischen Verbände in der Zahl von 6 Infanteriedivisionen.

Der bulgarische Angriff in Mazedonien gelangte zwar mit der linken Flügelarmee bis an die Struma, drang dagegen mit dem rechten Flügel in Richtung auf Vodena nicht durch. Hier blieb das Unternehmen aus Gründen hängen, deren Erörterungen uns an dieser Stelle zu weit führen würden. Die bulgarische Infanterie schlug sich auch bei dieser Gelegenheit im Angriff wieder vortrefflich, freilich mehr heldenhaft als kriegerisch gewandt. Der Ruhm blieb ihr, aber der Erfolg war ihr versagt. Dieser Ausgang des Angriffes in Mazedonien stellte die deutsche Oberste Heeresleitung vor eine neue schwierige Frage. Die rumänische Kriegslust steigerte sich dauernd. Es war zu erwarten, daß die Stockung der bulgarischen Operationen in Mazedonien auf die politischen Kreise in Bukarest kriegsermunternd wirken würde. Sollte die deutsche Oberste Heeresleitung nunmehr den Angriff der Bulgaren endgültig abbrechen lassen, um starke bulgarische Kräfte aus den jetzt wesentlich verkürzten mazedonischen Fronten nach Nordbulgarien zu führen, oder sollte sie es wagen, die an der Donau schon versammelten Streitkräfte nach Mazedonien überzuführen, um hier nochmals zu versuchen, den rumänischen gordischen Knoten mit dem Schwerte durchzuschlagen? Die Kriegserklärung Rumäniens befreite die Oberste Heeresleitung aus diesen Zweifeln.

So also hatte sich die allgemeine Entwicklung der Verhältnisse südlich der Donau gestaltet. Nicht weniger schwierig war die Lage nördlich der transsylvanischen Alpen geworden. Während nämlich Rumänien offenkundig rüstete, verzehrten die Kämpfe an der deutschen Westfront sowie diejenigen an der österreichischen Ost- und Südwestfront alles, was den Obersten Heeresleitungen irgendwie an Reserven verfügbar schien oder aus nicht angegriffenen Frontteilen noch verfügbar gemacht werden konnte. Gegen Rumänien glaubte man keine Kräfte freimachen zu können. Man vertrat den an sich richtigen Grundsatz, von Streitkräften, die auf den augenblicklichen Schlachtfeldern dringend benötigt waren, nichts aus politischen Gründen brachliegen zu lassen.

So kam es, daß die rumänische Kriegserklärung am 27. August uns dem neuen Feind gegenüber in einer nahezu völlig wehrlosen Lage traf. Ich bin auf diese Entwicklung der Verhältnisse deswegen ausführlicher eingegangen, um die Entstehung der großen Krisis verständlich zu machen, in der wir uns seit dem genannten Tage befanden. Das Bestehen einer solchen kann auch angesichts der späteren erfolgreichen Durchführung des Feldzuges nicht gut bestritten werden.

Wenn auch von seiten des Vierbundes nur unzureichende Vorbereitungen getroffen werden konnten, um der rumänischen Gefahr zu begegnen, so hatten sich doch seine verantwortlichen militärischen Führer selbstredend über die beim eintretenden Kriegsfall zu treffenden Maßnahmen frühzeitig geeinigt. Am 28. Juli 1916 hatte zu diesem Zwecke eine Besprechung der Heereschefs Deutschlands, Österreich-Ungarns und Bulgariens zu Pleß stattgefunden. Sie führte zur Aufstellung eines Kriegsplanes, in dessen entscheidender Ziffer 2 es wörtlich heißt:

„Schließt Rumänien sich der Entente an: schnellstes, kräftigstes Vorgehen, um Krieg von bulgarischem Boden sicher, von österreichisch-ungarischem, soweit irgend möglich, fernzuhalten und nach Rumänien hineinzutragen. Hierzu

a) demonstrative Operationen deutscher und österreichischer Truppen von Norden her, zwecks Fesselung starker rumänischer Kräfte;

b) Vorstoß bulgarischer Kräfte von der Dobrudschagrenze gegen die Donauübergänge von Silistria und Tutrakan zum Schutze der rechten Flanke der Hauptkräfte;

c) Bereitstellung der Hauptkräfte zum Übergang über die Donau bei Nikopoli zwecks Offensive gegen Bukarest.“

In einer kurz darauf folgenden Zusammenkunft mit Enver Pascha in Budapest wurde auch die Teilnahme der Türken an einem etwaigen rumänischen Feldzug festgelegt. Enver verpflichtete sich zur baldigen Bereitstellung von zwei osmanischen Divisionen für den Einsatz auf der Balkanhalbinsel.

Dieser Kriegsplan gegen Rumänien erfuhr, so lange mein Vorgänger noch die Zügel der Heeresleitung in der Hand hatte, keine Änderung. Wohl aber fand noch ein wiederholter Gedankenaustausch darüber zwischen den einzelnen Feldheereschefs statt. Auch Generalfeldmarschall von Mackensen, der zur Führung der südlich der Donau bereitgestellten Kräfte bestimmt war, wurde zur Sache gehört. Bei diesen Gelegenheiten zeichneten sich zwei Gedankenrichtungen deutlich ab. Generaloberst von Conrad vertrat diejenige eines rücksichtslosen sofortigen Vorgehens auf Bukarest, General Jekoff diejenige eines Feldzugsbeginns in der Dobrudscha. Die Kräfte südlich der Donau waren bei Kriegsausbruch noch viel zu schwach, um die an dieser Front beabsichtigte Doppelaufgabe, nämlich Donauübergang und Angriff gegen Silistria und Tutrakan, gleichzeitig durchführen zu können.

Am 28. August erging von meinem Vorgänger an Generalfeldmarschall von Mackensen der Befehl zum baldmöglichsten Angriff. Richtung und Ziel blieben dem Feldmarschall überlassen.

So fand ich am 29. August bei der Übernahme der Operationsleitung die militärische Lage gegenüber Rumänien. Sie war schwierig.

Wahrlich, noch niemals war einem verhältnismäßig so kleinen Staatswesen wie Rumänien, eine weltgeschichtliche Entscheidungsrolle von gleicher Größe in einem ebenso günstigen Augenblicke in die Hände gelegt. Noch niemals waren starke Großmächte wie Deutschland und Österreich in gleicher Gebundenheit der Kraftentfaltung eines Landes ausgeliefert, das kaum ein Zwanzigstel der Bevölkerung der beiden Großstaaten zählte, wie im jetzt vorliegenden Falle. Auf Grund der Kriegslage hätte man annehmen können, daß Rumänien nur zu marschieren brauchte, wohin es wolle, um den Weltkampf zugunsten derjenigen Staaten zu entscheiden, die seit Jahren vergeblich gegen uns anstürmten. Alles schien davon abzuhängen, ob Rumänien gewillt war, von seiner augenblicklichen Stärke einigermaßen Gebrauch zu machen.

Nirgends schien diese Tatsache klarer erkannt, lebhafter gefühlt und mehr gefürchtet zu werden, als in Bulgarien. Seine Regierung zögerte mit dem Kriegsentschluß. Darf ihr daraus ein Vorwurf gemacht werden? Als dann aber am 1. September der bulgarische Kriegsentschluß zu unseren Gunsten gefallen war, trat das Land mit all seinen Kräften und mit dem ganzen Haß seiner Volksseele, der im Jahre 1913 aus dem rumänischen Überfall in den Rücken des gegen Serbien und Griechenland schwer ringenden Landes entsprungen war, an unsere Seite. Der mörderische Tag von Tutrakan gab den ersten Beweis für die kriegswillige Stimmung unseres Bundesgenossen.

Der vorhandene Kriegsplan hatte angesichts unserer mangelnden Vorbereitungen zunächst naturgemäß jede Bedeutung verloren. Der Gegner verfügte fürs erste über die volle Freiheit des Handelns. Bei seiner Kriegsbereitschaft und seiner zahlenmäßigen Stärke, die durch die uns bekannte russische Hilfe noch wesentlich gesteigert wurde, war zu befürchten, daß unsere eigenen Mittel nicht ausreichen würden, der rumänischen Heeresleitung vorerst diese Freiheit wesentlich zu beschränken. Wohin der Rumäne auch seine Operationen richten wollte, ob über das transsylvanische Gebirge gegen Siebenbürgen oder aus der Dobrudscha gegen Bulgarien, überall schienen ihm große Ziele und leichte Erfolge zu winken. Ganz besonders glaubte ich rumänisch-russische Offensivbewegungen gegen Süden befürchten zu sollen. Selbst Bulgaren hatten darüber Zweifel ausgesprochen, ob ihre Soldaten gegen die Russen kämpfen würden. Das feste Vertrauen des Generals Jekoff in dieser Richtung – ich sprach an früherer Stelle schon davon – wurde in Bulgarien keineswegs allgemein geteilt. Es war nicht zu bezweifeln, daß unsere Gegner mit dieser russenfreundlichen Stimmung wenigstens eines starken Teiles der bulgarischen Armee rechnen würden. Ganz abgesehen aber auch hiervon lag es für Rumänien nahe, durch einen Angriff nach Süden der Armee Sarrails die Hand zu reichen. Wie mußte alsdann unsere Lage werden, wenn es den Gegnern auch nur gelang, unsere Verbindung mit der Türkei, ähnlich wie das vor Durchführung der Operation gegen Serbien der Fall gewesen, erneut zu unterbrechen oder gar Bulgarien von unserem Bündnis abzusprengen? Eine abermals isolierte Türkei, gleichzeitig bedroht aus Armenien und Thrazien, ein fast hoffnungslos gewordenes Österreich-Ungarn hätten einen solchen Umschwung der Lage zu unseren Ungunsten nimmermehr überwunden.

Das von meinem Vorgänger angeordnete sofortige Vorgehen Mackensens entsprach durchaus dem Gebot der Stunde. Eine Überschreitung der Donau mit den in Nordbulgarien verfügbaren Kräften konnte hierbei freilich nicht in Frage kommen. Es genügte aber schon, wenn wir dem Gegner die Vorhand in der Dobrudscha abgewannen und seine Feldzugspläne dadurch verwirrten. Um letzteres Ziel wirklich und durchgreifend zu erreichen, durften wir den Angriff des Feldmarschalls aber nicht auf die Gewinnung von Tutrakan und Silistria beschränken. Wir mußten vielmehr durch eine weitgehendere Ausnützung von Erfolgen in der Süddobrudscha bei der rumänischen Heeresführung Besorgnis für den Rücken ihrer an der siebenbürgischen Grenze eingesetzten Hauptkräfte zu erregen suchen. Und wirklich gelang uns dies. Angesichts des Vordringens des Feldmarschalls bis in bedrohliche Nähe der Linie Constanza-Czernavoda sah sich die rumänische Führung veranlaßt, Kräfte aus ihrer gegen Siebenbürgen gerichteten Operation nach der Dobrudscha zu entsenden. Sie versuchte sogar durch Einsatz weiterer frischer Kräfte, der Offensive Mackensens über Rahowo, donauabwärts Rusčuk, in den Rücken zu gehen. Auf dem Papier ein schöner Plan! Ob dieser dem rumänischen Gedankenkreis oder demjenigen eines seiner Verbündeten entsprang, ist bis heute nicht bekannt. Nach den Erfahrungen, die wir bis zu dem Tage dieses Rahowo-Intermezzos, dem 2. Oktober, mit den Rumänen gemacht hatten, hielt ich das Unternehmen für mehr als kühn und dachte mir nicht nur, sondern sprach es auch aus: „Man verhafte diese Truppen!“ Dieser Wunsch, in entsprechende Befehlsworte gekleidet, wurde auch von den Deutschen und Bulgaren bestens erfüllt. Von dem Dutzend rumänischer Bataillone, die bei Rahowo das südliche Donauufer betreten hatten, sahen während des Krieges nur einzelne Leute die Heimat wieder.

Das Verhängnis brach über Rumänien herein, weil seine Armee nicht marschierte, weil seine Führung nichts verstand, und weil es uns doch noch gelang, ausreichende Kräfte in Siebenbürgen rechtzeitig zu versammeln.

Ausreichend? Gewiß ausreichend für diesen Gegner! Tollkühn wird man uns vielleicht einmal nennen, wenn man die Stärkeverhältnisse vergleichen wird, unter denen wir gegen das rumänische Heer zum Angriff schritten, und mit denen General von Falkenhayn am 29. September den westlichen rumänischen Flügel bei Hermannstadt zerrieb.

Aus der Schlacht von Hermannstadt wirft der General dann seine Armee nach Osten herum. Er rückt unter Nichtachtung der ihm durch rumänische Überlegenheit und günstige gegnerische Lage nördlich des oberen Alt drohenden Gefahr mit der Masse seiner Truppen südlich des genannten Flusses am Fuße des Gebirges entlang gegen Kronstadt vor. Der Rumäne stutzt, verliert das Vertrauen zur eigenen Überlegenheit wie zum eigenen Können, vergißt die Ausnutzung der ihm immer noch günstigen Kriegslage und macht auf der ganzen Front Halt. Damit tut er aber auch schon den ersten Schritt rückwärts. General von Falkenhayn reißt die Vorhand nunmehr völlig an sich, zertrümmert südlich des Geisterwaldes den gegnerischen Widerstand und marschiert weiter. Der Rumäne weicht nunmehr allenthalben aus Siebenbürgen, nicht ohne am 8. Oktober bei Kronstadt noch eine blutige Niederlage erlitten zu haben. So geht er denn auf den schützenden Wall seiner Heimat zurück. Unsere demnächstige Aufgabe ist es, diesen Wall zu überschreiten. Wir halten zuerst an der Hoffnung fest, die bisherigen taktischen Erfolge strategisch dahin auswerten zu können, daß wir von Kronstadt unmittelbar auf Bukarest durchbrechen. Mögen auch das wilde Hochgebirge und die feindliche Überlegenheit unsere wenigen und schwachen Divisionen vor eine sehr schwere Aufgabe stellen, die Vorteile dieser Vormarschrichtung sind zu groß, als daß wir den Versuch unterlassen dürften. Er gelingt nicht, so tapfer auch unsere Truppen um jede Kuppe, jeden Felshang, ja jeden Felsblock kämpfen. Unsere Bewegung stockt völlig, als am 18. Oktober ein rauher Frühwinter die Berge in Schnee hüllt und die Straßen zu Eisrinnen verwandelt. Unter unsäglichen Entbehrungen und Leiden halten unsere Truppen wenigstens die gewonnenen Gebirgsteile, bereit, sich weiter durchzuringen, wenn die Zeit und Gelegenheit dazu kommen wird.

Die bisherigen Erfahrungen weisen darauf hin, andere Wege in das walachische Tiefland zu suchen als diejenigen, die von Kronstadt aus über den breitesten Teil der transsylvanischen Alpen führen. General von Falkenhayn schlägt den Durchbruch über den westlicher gelegenen Szurdukpaß vor. Die Richtung ist freilich strategisch weniger wirkungsvoll, aber unter den jetzigen Verhältnissen die taktisch und technisch einzig mögliche. So brechen wir über diesen Paß am 11. November in Rumänien ein.

Inzwischen hat sich Generalfeldmarschall von Mackensen südlich der Donau bereitgestellt, um dem nördlichen Einbruch von Süden her die Hand zu reichen. Er hatte am 21. Oktober die russisch-rumänische Armee südlich der Linie Constanza-Czernavoda gründlich geschlagen. Am 22. Oktober war Constanza in die Hand der dritten bulgarischen Armee gefallen. Der Gegner weicht von da ab unaufhaltsam nach Norden. Wir aber lassen die Bewegung einstellen, sobald nördlich der erwähnten Eisenbahn eine Verteidigungslinie erreicht wird, die mit geringen Kräften behauptet werden kann. Alles, was dort an Truppen entbehrlich ist, rückt gegen Sistow. Verlockend war ja der Gedanke, sofort die ganze Dobrudscha in die Hand zu nehmen und dann bei Braila im Rücken der rumänischen Hauptmacht in das nördliche Donaugebiet einzubrechen. Allein, wie sollten wir das notwendige Brückenmaterial in die nördliche Dobrudscha bringen? Eisenbahnen bestehen dorthin nicht, und den Wasserweg versperren die rumänischen Batterien vom Nordufer der Donau. Wir müssen dem Schicksal dankbar sein, daß diese nicht schon längst unseren einzigen verfügbaren schweren Brückentrain bei Sistow in Trümmer geschossen haben, der, seit Monaten im Bereich der feindlichen Geschützwirkung, nur durch einen für uns nicht aufklärbaren Fehler des Gegners der Zerstörung entgangen ist. So können wir wenigstens dort den Stromübergang im Auge behalten.

Im Morgengrauen des 23. November gewinnt Generalfeldmarschall von Mackensen das nördliche Donauufer. Das erstrebte Zusammenwirken zwischen ihm und General von Falkenhayn ist erreicht. Auf dem Schlachtfeld am Argesch findet es seine Krönung in der Zertrümmerung der rumänischen Hauptkräfte. Der Schlußakt vollzieht sich am 3. Dezember. Bukarest fällt widerstandslos in unsere Hand.

Am Abend dieses Tages schließe ich den gemeinsamen Vortrag über die Kriegslage mit den Worten: „Ein schöner Tag.“ Als ich später in die Winternacht hinaustrete, beginnt von den Kirchtürmen des Städtchens Pleß das Dankgeläute für den großen neuen Erfolg. Ich hatte längst aufgehört, in solchen Augenblicken an anderes zu denken als an die wunderbaren Leistungen unseres braven Heeres, und einen anderen Wunsch zu hegen, als daß diese Leistungen uns dem endlichen Abschluß des schweren Ringens und der großen Opfer nahe brächten.

Den Gewinn der rumänischen Hauptstadt hatten wir uns freilich etwas kriegerischer vorgestellt. Wir hatten Bukarest für eine mächtige Festung gehalten, hatten schwerstes Artilleriematerial zu ihrer Bezwingung herangeführt, und nun zeigte sich der berühmte Waffenplatz als offene Stadt. Kein Geschütz krönt mehr die mächtigen Wälle der Forts, und die Panzerkuppeln haben sich in Holzdeckel verwandelt. Unsere vom Feinde so viel verschrieene Friedensspionage hatte nicht einmal dazu ausgereicht, die Entfestigung von Bukarest vor dem Beginn des rumänischen Feldzuges festzustellen.

Das Schicksal Rumäniens hatte sich mit dramatischer Wucht vollzogen. Die ganze Welt mußte sehen, und Rumänien sah es wohl auch selbst, daß kein leerer Schall in dem alten Landsknechtvers lag:

Wer Unglück will im Kriege han, Der binde mit dem Deutschen an.

Mit Anführung dieses Verses will ich aber nicht die Mitwirkung Österreich-Ungarns, der Türkei und Bulgariens an diesem großen und schönen Unternehmen irgendwie verkleinern. Unsere Bundesgenossen waren alle zur Stelle und hatten treulich mitgeholfen an dem großen mannhaften Werke. Rumänien, in dessen Hand das Schicksal der Welt gelegen hatte, mußte froh sein, daß seine Heerestrümmer durch russische Hilfe vor Vernichtung bewahrt wurden. Sein Traum, daß noch einmal, wie im Jahre 1878 auf dem Schlachtfelde von Plewna, der Russe ihm in pflichtmäßiger Dankbarkeit, wenn auch mit bitterem Gefühl im Herzen, die Hand für die erwiesenen Dienste drücken müßte, hatte sich in das grausame Gegenteil verkehrt. Die Zeiten hatten sich gewandelt.

Meinem Allerhöchsten Kriegsherrn hatte ich Ende Oktober 1916 meine Anschauung dahin ausgesprochen, daß wir am Ende des Jahres den rumänischen Feldzug beendet haben würden. Am 31. Dezember konnte ich Seiner Majestät melden, daß unsere Truppen den Sereth erreicht hätten, und daß die Bulgaren am Südufer des Donaudeltas stünden. Die gesteckten Ziele waren erreicht.

Kämpfe an der mazedonischen Front

Die Schwierigkeiten unserer Kriegslage im Herbste 1916 wurden durch den Fortgang der Kämpfe an der mazedonischen Front nicht unwesentlich erhöht.

Die Armee Sarrails hätte jeden Anspruch auf Daseinsberechtigung verloren, wenn sie nicht im Augenblick der rumänischen Kriegserklärung auch ihrerseits die Offensive ergriffen hätte. Ihr Vorgehen erwarteten wir im Wardartal. Wäre sie hier bis in die Gegend von Gradsko vorgedrungen, so hätte sie das Zentrum der wichtigsten bulgarischen Verbindungen in Besitz genommen und hätte auch das Verbleiben der Bulgaren in der Gegend von Monastir unmöglich gemacht. Sarrail wählte die unmittelbare Angriffsrichtung auf Monastir, vielleicht durch besondere politische Gründe veranlaßt.

Die bulgarische rechte Flügelarmee wurde durch diese Offensive aus ihren Stellungen, die sie beim Angriff im August südlich Florina gewonnen hatte, zurückgeworfen. Sie verlor im weiteren Verlauf der Kämpfe Monastir, behauptete sich aber dann.

Wir waren hierdurch genötigt gewesen, den Bulgaren Unterstützungen aus unseren Kampffronten zuzuführen, Unterstützungen, die meist für den rumänischen Feldzug bestimmt gewesen waren. War die Größe dieser Hilfe im Verhältnis zur gesamten Stärke unseres Heeres auch nicht sehr bedeutend – es waren gegen 20 Bataillone sowie zahlreiche schwere und Feldbatterien – so traf uns diese Abgabe doch in einer außerordentlich kritischen Zeit, in der wir tatsächlich mit jedem Mann und jedem Geschütz geizen mußten.

Wie wir, so leistete auch die Türkei dem verbündeten Bulgarien in diesen schweren Kämpfen bereitwilligst Hilfe. Enver Pascha stellte über die für den rumänischen Krieg versprochene Unterstützung hinaus ein ganzes türkisches Armeekorps zur Ablösung bulgarischer Truppen an der Strumafront zur Verfügung. Diese Unterstützung wurde von bulgarischer Seite ungern gesehen, da man befürchtete, es würden sich daraus unangenehme türkische Ansprüche auf politischem Gebiet geltend machen. Enver Pascha versicherte uns jedoch ausdrücklich, daß er solches verhindern würde. Es war ja begreiflich, daß Bulgarien deutsche Unterstützung der osmanischen vorgezogen hätte, unbegreiflich aber war es, daß man in Sofia nicht einsehen wollte, wie wenig Deutschland in dieser Zeit imstande war, seine Kräfte noch weiter anzuspannen.

Der Verlust Monastirs war nach meiner Auffassung ohne militärische Bedeutung. Die freiwillige Zurücknahme des bulgarischen rechten Heeresflügels in die außerordentlich starken Stellungen bei Prilep wäre von großem militärischen Vorteil gewesen, weil alsdann die bulgarische Heeresversorgung ganz wesentlich erleichtert, diejenige unserer Gegner um vieles erschwert worden wäre. Gerade die ungeheuren Schwierigkeiten in den rückwärtigen Verbindungen hatten auf bulgarischer Seite die in den Kämpfen wiederholt eingetretenen Krisen wesentlich mitverschuldet. Die Truppen mußten tagelang hungern und litten zeitweise auch Mangel an Schießbedarf. Wir haben unter Hintansetzung eigener Interessen mit allen Mitteln versucht, den Bulgaren die Schwierigkeiten in dieser Richtung zu erleichtern. Die Größe der zurückzulegenden Wegesstrecken, die Wildheit und Unkultur des Gebirgslandes erschwerten die Lösung dieser Aufgabe ungemein.

Bei den Kämpfen um Monastir hatten die Bulgaren zum ersten Male in schweren Verteidigungsschlachten gestanden. Hatten die bisherigen Nachrichten unserer Offiziere über die Haltung des bulgarischen Heeres den glänzenden Geist des Soldaten beim Angriff gerühmt, so trat jetzt bei diesem eine gewisse Empfindlichkeit gegenüber einem länger andauernden feindlichen Artilleriefeuer in die Erscheinung. Diese Wahrnehmung mochte überraschen, man konnte sie aber bei allen Völkern, sowohl auf feindlicher als auch auf unserer Seite bestätigt finden, die mit sogenannter unverdorbener Naturkraft in den Krieg traten. Es macht den Eindruck, als ob die modernen Angriffsmittel in ihren nervenzerstörenden Wirkungen für durchhaltende Verteidigung eine Zugabe zu dieser Naturkraft verlangen, die nur durch eine höhere Willenskultur geliefert werden kann. In der Hauptmasse unseres deutschen Soldatenmaterials scheint die richtige Mischung von sittlicher und körperlicher Kraft vorhanden zu sein, die unsere Truppen in Verbindung mit unserer militärischen Willensschulung in den Stand setzt, den gewaltigen Eindrücken eines modernen Kampfes erfolgreich Widerstand zu leisten. Der Oberbefehlshaber des bulgarischen Heeres hatte das richtige Gefühl für die eben erwähnte Empfindlichkeit seiner Soldaten. Er äußerte darüber in soldatischer Offenheit seine Sorgen, wenn er auch weit davon entfernt war, eine ängstliche Natur zu sein.

Auf den asiatischen Kriegsschauplätzen